(K)Ein Abschied
Beim letzten Salon motivierte ich die Themenwahl gegen Ende mit einer privaten Information: Ich übersiedle mit Familie und Schule während des Sommers in den Schweizer Kanton Zug. Zum Abschied von der Heimat werden wir beim nächsten Salon wieder etwas anlassbezogen eine philosophische Reflexion versuchen. Vorweg und als Nachtrag darf ich noch ein wenig den Kontext […]
Beim letzten Salon motivierte ich die Themenwahl gegen Ende mit einer privaten Information: Ich übersiedle mit Familie und Schule während des Sommers in den Schweizer Kanton Zug. Zum Abschied von der Heimat werden wir beim nächsten Salon wieder etwas anlassbezogen eine philosophische Reflexion versuchen. Vorweg und als Nachtrag darf ich noch ein wenig den Kontext und die Beweggründe verdeutlichen, um falschen Schlussfolgerungen vorzubeugen.
Ein Teil des Textes ist leider nicht öffentlich zugänglich, da der Autor für Freunde schreibt und sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Intimität der alten Wiener Salons ist im scholarium Voraussetzung der Erkenntnis, die keinerlei Rücksicht auf Empfindlichkeiten nehmen kann. Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit, gerne laden wir Sie dazu ein.
Wir sind gewiss in privilegierter Lage. Wien hat seine besten Tage jedoch hinter sich. Der Höhepunkt an kultureller und unternehmerischer Schaffenskraft liegt in weiter Vergangenheit. Der Höhepunkt der Früchte jener Verbindung von reichem Erbe, glücklicher Lage und vor allem Einbindung in die Globalisierung liegt in näherer Vergangenheit. Doch auch der reine Konsum dieser international beachteten Lebensqualität materieller Früchte weist eine sinkende Tendenz auf – bisher nicht dramatisch, aber doch seelisch spürbar in der wachsenden Zukunftsskepsis.
Große Städte weisen beeindruckende Widerstandskraft auf, so auch Wien. Ich denke, einige Jahrzehnte wird man noch gut zehren können. Doch mit Kindern ändert sich die Perspektive, und die Zukunft gewinnt an Bedeutung. Für so wissbegierige und schaffensfrohe Kinder wie meine scheint Wien immer unzumutbarer. Die Gefahr ist viel zu groß, dass die negative Grundstimmung (Grant) vieler Wiener auf sie abfärbt, in unguter Verbindung mit typischer Wohlstandsverwahrlosung, Etatismus und Anspruchsmentalität. Das demografische Vakuum kinderloser, oft kinderfeindlicher Menschen wird mit Elementen gefüllt, die nicht viel mehr bringen als einen Testosteronschub, Arbeit für immer mehr staatsfinanzierte Betreuer und Verwalter und Kostendruck für die schon ausgepressten Steuerzahler.
Letzter Anstoß für unsere Abwanderung schließlich ist in einer Zeit massiv ausgeweiteter Staatsausgaben und -einnahmen ein immer aggressiverer neidbasierter Etatismus, der die Medien täglich mit neuen Steuerforderungen füllt – u.a. eine Kampagne für Vermögens- und Erbschaftssteuern. In diese Richtung ging unlängst eine dramatische Verschlechterung für Bitcoinhalter: Nunmehr sind 27,5 % abzuführen auf den Kaufkraftverlust des Euro. Zusätzlich greift die Reichsfluchtsteuer voll, die in Österreich sogar noch strenger als im ohnedies horrenden Deutschland ist. Das ist eine Katastrophe, weil solche Anlagen ja dem Ansparen des kümmerlichen Steuerresiduums dienen: Bis zu 70 % greift der Staat schon zwischen den effektiven Arbeitskosten und dem Nettoarbeitsertrag ab. Beim erbärmlichen Rest zwingt dann die Inflation zur Spekulation, für die man durch Zinsplanwirtschaft verstärkte Volatilität zu tragen hat. Diese so verursachte fast unüberwindbare Ungleichheit im Namen der Gleichheit, nämlich die Unmöglichkeit, mit ehrlicher Arbeit Vermögen aufzubauen, dämpft natürlich das Gemüt und erklärt sicher einen Teil der Zukunftsunlust und Gegenwartsfixierung.
Wien ist im deutschsprachigen Raum sicher nicht der schlechteste Ort. Panik ist auch nicht nötig. Meine ganz nüchterne Formel lautet: Österreich ist fünf bis zehn Jahre besser als Deutschland. Die Schweiz ist wiederum fünf bis zehn Jahre besser als Österreich. Sie ist genausowenig wie Österreich eine Insel der Seligen.
Selbst Deutschland hat noch immer gute Seiten – um meine vielen deutschen Unterstützer etwas zu trösten. Ich bin immer wieder positiv überrascht von der Lebensqualität in deutschen Kleinstädten. Es braucht sehr lange, kulturelles Kapital gänzlich abzutragen. Sogar Buenos Aires bietet ja noch Lebensqualität, und als alleinstehender junger Mann hatte ich es ja auch in Johannesburg noch gut ausgehalten – um auf einen jüngeren Artikel von mir Bezug zu nehmen. Wenn Deutschland eine Aktie wäre, müsste man sie als Trader wohl angesichts der düsteren Stimmung aktuell kaufen, während die Aktie Schweiz schon ein fragwürdig überhöhtes KGV hätte.
Meine Frau und ich haben beide eine Beziehung zur Schweiz durch das Studium und viel dort verbrachte Zeit – meine Frau hat sogar lange in Genf und kurz in Bern gearbeitet. Darum kann ich getrost sagen: Die Schweiz ist eine Enttäuschung. Der Trend ist wenig besser als in Österreich, nur das Freiheitserbe ist größer. Gänzlich ent-täuscht, fällt dann auch die Entscheidung hoffentlich etwas rationaler aus.
Vor allem aber ist es eine Entscheidung aus Heimatliebe und Bequemlichkeit, also gegenteilig zum üblichen Auswanderungstrieb. Zug, zwanzig Minuten von Zürich mit dem nahen Flughafen und direktem Bahnschluss an Wien, ist noch näher an den von mir so geschätzten Alpen. Die Bequemlichkeit größerer Kulturnähe (mein älterer Sohn schätzt Jodeln und Akkordeon), geteilter Hochsprache und hoher Lebensqualität hat natürlich einen hohen Preis und wird Ersparnisse kosten, sodann einen weit größeren Erwerbsdruck auslösen – was aber wohl langfristig günstiger ist als der in Österreich überwiegende Druck, das Einkommen zu minimieren.
Ich teile diese Überlegungen mit Euch, damit ich nicht als undankbarer Nestbeschmutzer erscheine, falsche Aufbruchspanik erzeuge oder die Schweiz unverdienterweise zu gut dastehen lasse. In die Schweiz gehe ich mit einem weinenden Auge, vergossen nicht nur über das Wien, dem ich stets in Hassliebe verbunden war, sondern vor allem über das leichtfertig verspielte Potenzial durch Schweizer, die an Wohlstandsverwahrlosung womöglich noch die Wiener in den Schatten stellen und die Schweiz zum kleineren Übel verkommen ließen.
Wohlstandsverwahrlosung drückt sich aus in der Suche nach Scheinproblemen bei existenzieller Langeweile, dem Zehren von Unverdientem und Unverstandenem, hoher Anspruchshaltung bei geringem Leistungsdruck, immanentisierten Ersatzreligionen, Geltungstugend und vor allem einem Polster, der von der Realität trennt. Das letzte Gegenmittel ist oft erst der Leidensdruck, und der kommt meist zu spät.
Die ersten Erfahrungen mit Zug sind auch nicht sehr erbaulich, und ich werde bestimmt viele Gründe haben, zu jammern. Vielleicht kann ich vor Ort meine leichte Feder in die Waagschale für die Freiheit legen. Wiener, die etwas zu melden und zu entscheiden haben, holten stets nur im größten Leidensdruck meinen Rat, um ihn dann zu ignorieren. In der Schweiz wird es nicht viel anders sein, aber in Wien gilt der Wiener besonders wenig.
Das scholarium besteht fort, wird seine Aktivität sogar deutlich ausweiten (vor allem im schon bislang und womöglich weiterhin größeren unsichtbaren Bereich). Die Bibliothek wird in Österreich bleiben, an einem privaten und besonderen Ort, aber für Interessierte zugänglich, und wird weiter digitalisiert. Die Pandemiemaßnahmen haben uns so sehr ins Digitale gedrängt, dass sich unser schöner Standort schon länger einsam angefühlt hat. Sogar unsere Wiener Studenten bemüßigen sich immer seltener, den Weg anzutreten, wenn die Teilhabe auch so bequem digital möglich ist. Da fällt die Standortauflösung leichter.
Der Alpensalon wird natürlich fortgeführt und dann womöglich gelegentlich in der Schweiz abgehalten. Der monatliche Salon wird im nächsten Semester wohl vorerst im Digitalen stattfinden und dann gelegentlich auch wieder vor Ort in Wien – das ich auch künftig regelmäßig besuchen werde. Raumvorschläge mit schönem Salonambiente und niedrigen Kosten werden gerne entgegengenommen. Einen Zuger Salon plane ich vorerst nicht.
Auswanderungsentscheidungen sind höchstpersönlich und subjektiv, pauschaler Rat ist in der Sache sinnlos. Die niedrigeren Steuern in Zug werden für die meisten durch höhere Lebenshaltungskosten wettgemacht, sind also auch schwer objektivierbar – außer natürlich in der Grundsatzfrage. Ohne Kinder wäre ich wohl schon länger und weiter ausgewandert – nicht weil in der Ferne alles besser ist, sondern weil ich als Freiheitsfreund das Wagnis zum Besseren dem mit Gewissheit Erbärmlichen vorziehe. Vielleicht und wahrscheinlich ist die Schweiz nur eine Durchgangsstation. Im besten, aber wenig wahrscheinlichen Fall reißen wir Neuschweizer und Altschweizer gemeinsam das Ruder um und fahren dann wagemutig in eine bessere Richtung.
Meinen Schweizer Unterstützern darf ich schon jetzt aus vollem Herzen danken. Der Zuspruch und die Ermutigung aus der Schweiz seit den Anfängen des scholarium und seiner Vorläufer hat diesen Entschluss für meine Familie und mich leichter gemacht. Ratschläge und Vorschläge nehme ich weiterhin gerne an; über Einladungen zum Knüpfen und Vertiefen von Beziehungen freuen wir uns gerade zu Anfang besonders. Wie es aussieht, werden wir im Bergdorf Menzingen über Zug siedeln, um nicht in der Zuger Suppe im Trüben zu fischen und irgendwelchen Kryptofinanziers auf den Leim zu gehen. Ehrlicherweise spielt aber auch eine Rolle, dass ich noch nirgends einen so engen Wohnungsmarkt erlebt habe wie im Städtchen Zug – die Zuwanderung ist massiv, der Wohnraum rar. Die starre Bauregulierung verteilt die Zersiedlung noch und erhöht eher die in der Schweiz allgegenwärtige Verschandelung, hat also wie der meiste Interventionismus eine gegenteilige Wirkung zur vorgegebenen.
Wiener Freunde wollen die Übersiedlung vielleicht unterstützen, indem sie uns noch ein paar Bücher und Inventarteile wohlfeil abnehmen. Hier findet Ihr eine unvollständige Liste. Zudem habe ich zwei Wohnungen in Wien zum Kauf anzubieten: gute, sehr ruhige, aber zentrale Lage, 80 + 40m², direkt nebeneinander, aber getrennt (verbindbar), geteilter Hofgarten. Nachmieterinteresse für die schönen Räumlichkeiten in der Schlösselgasse (160m²) vermittle ich ebenfalls gerne.
Dieser ältere Scholien-Text bleibt frei unter seinem ursprünglichen Link erreichbar.
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