Sind Peer-to-peer-Kredite (P2P) unmoralisch?
Zu den paradoxen Entwicklungen der gegenwärtigen geldpolitischen Interventionen nationaler und supranationaler Zentralbanken gehört zweifelsohne der Umstand, dass trotz enormer Ausweitung der Basisgeldmenge und historisch niedriger Zinsen das geschöpfte Geld nicht in den Wirtschaftskreislauf fließt, und – zur großen Verzweiflung von Notenbankern und Ökonomen – die, in den makroökonomischen Modellen so elegant beschriebenen und errechneten, wirtschaftsbelebenden […]
Zu den paradoxen Entwicklungen der gegenwärtigen geldpolitischen Interventionen nationaler und supranationaler Zentralbanken gehört zweifelsohne der Umstand, dass trotz enormer Ausweitung der Basisgeldmenge und historisch niedriger Zinsen das geschöpfte Geld nicht in den Wirtschaftskreislauf fließt, und – zur großen Verzweiflung von Notenbankern und Ökonomen – die, in den makroökonomischen Modellen so elegant beschriebenen und errechneten, wirtschaftsbelebenden Effekte nicht einsetzen (höhere Konsumausgaben, angeregte Investitionstätigkeit etc.). Die monetäre Tektonik (vgl. Taghizadegan et.al., 2014, Österreichische Schule für Anleger: Austrian Investing zwischen Inflation und Deflation), also das Wechselspiel zwischen massiver Geldmengen-Inflation und Preis-Deflation führt dazu, dass der Kreditfluss an mittelständische Unternehmen und Konsumenten de facto austrocknet, während an den Finanzmärkten „Bullen-Stimmung“ herrscht.
Die historische Legitimierung des beliebig ausweitbaren Kreditgeldes – dem „credit mobilier“ – fußte auf der sozialistischen Idee, dass jedermann, egal welcher Herkunft, Klasse und ökonomischer Potenz, mittels Kredit am Wirtschaftsleben teilhaben sollte. Dieses Versprechen des Banken- und Finanzsystems, scheint trotz scheinbar grenzenloser Geldproduktion nicht haltbar.
Dieser Umstand motivierte innovative Unternehmer dazu, das Kredit-Kartell der Banken zu durchbrechen. Durch Gründung digitaler Bankenplattformen, sollen so genannte P2P(Peer to Peer)-Kredite direkt zwischen Sparern und Kreditnachfragern vermittelt werden; die fortschreitende Digitalisierung macht dies zu geringen Transaktionskosten möglich. Die P2P-Betreiber übernehmen dabei die Kreditprüfung (bei Krediten an Kleinunternehmen wird auch eine oberflächliche Due Diligence gemacht) und leiten das zuvor im Wesentlichen in Westeuropa eingesammelte Geld an die Kreditnehmer weiter. Die Zinsen lassen westeuropäische Beobachter Wucher vermuten und bewegen zwischen 20% und 60% je nach Bonität des Schuldners.
Was ist von diesen „Kreditinnovationen“ zu halten? Zunächst stellt der nüchterne Beobachter fest, dass es sich im Wesentlichen um klassische Bankgeschäfte handelt, die aufgrund regulatorischer Hürden aber nicht als solche bezeichnet werden dürfen. Deshalb spricht man von „P2P-Geschäften“ oder „Crowd-Finanzierung“.
Die moralische Wertung solcher Geschäfte ist indes schon schwieriger. Ruft man sich die größte Finanz- und Wirtschaftskrise der Moderne (post 2008) in Erinnerung, ist man erstaunt, wie schnell die Lehren aus diesen Ereignissen vergessen wurden. In der Tat waren faule Immobilienkredite (d.h. Konsumkredite) an die rückzahlungsunfähige Unterschicht eine der Hauptursachen für das Platzen der Spekulationsblase. Neu geschöpftes Kreditgeld an NINJAs (no Income, no Jobs, no Assets) zu vergeben, kann als unmoralisch interpretiert werden (vgl. Hülsmann, 2007, Ethik der Geldproduktion).
Die derzeit interessantesten Plattformanbieter – wie Twino, Mintos oder Finbee – sind tatsächlich jedoch nur „Geld-Vermittler“ und können deshalb nicht selbst Kreditgeld aus dem Nichts erzeugen, was die moralische Interpretation erschwert. Da die Geldmenge nicht ausgeweitet werden kann, kommt bei diesem de facto Vermittlungsgeschäft zunächst kein Dritter zu schaden, wie dies bei der „klassischen“ Kreditvergabe unumgänglich ist. Tatsächlich handelt es sich um „crowd securitization“, also um den digitalen Vertrieb verteilter Sicherheiten für unbesicherte Kredite, die durch einen Teil der Zinsspanne abgegolten werden. P2P-Anbieter geben im Vergleich zu Banken einen höheren Teil der Zinsspanne an ihre Einleger weiter, was sie auch nicht unmoralischer macht. Digitale Plattformen sind schließlich auch wesentlich günstiger als Filialnetze.
Verkompliziert wird der Umstand der Kreditbesicherung noch dadurch, dass einige der Plattformen einen Rückkauf dieser „Sicherheiten“ anbieten – d.h. den Investoren eine Ausfallsgarantie geben. Das scheint paradox, da der Zinsanteil schließlich für die Kreditrisikoübernahme gezahlt wird. De facto gleicht das Unternehmen das einzelne Ausfallsrisiko durch ein Klumpenrisiko des Unternehmens aus: Die Rückkaufgarantie erhöht die Ausfallswahrscheinlichkeit des gesamten Unternehmens. Sollte die Kreditausweitung also zyklisch erfolgen, steigt in der Korrekturphase das Risiko in genau dem Maße, in dem es vorher gesenkt wurde. Sichere Zinserträge kann es nicht geben. Die Unternehmen können diese aggressive Taktik fahren, weil der Markt für Konsumkredite in Teilen Europas noch nicht voll durch klassische Banken bedient wird und sich in einer dynamischen Hausse befindet.
Das Risiko für den Investor wird dadurch etwas verringert, dass kleinere Konsumkredite relativ krisensicher sind. Zyklische Geldmengenkontraktionen treffen zuerst Unternehmen, die zugunsten höherer Profitabilität geringe Liquiditätspolster haben. Privathaushalte sind ineffizienter und haben dadurch relativ größere Polster (absolut natürlich im Schnitt viel kleinere). Konsumkredite reagieren daher relativ verzögert, sodass sie durch eine nachfolgende Hausse aufgefangen werden können – die freilich alles andere als gewiss ist.
Konkret ist in Osteuropa zu beobachten, dass eine „Verwestlichung“ des Konsumverhaltens im Gange ist. Osteuropa ist von den Wirkungen des Massenkredits, im Unterschied zu Westeuropa, bis jetzt noch weitgehend verschont geblieben (Ungarn bildet hierbei die Ausnahme), weshalb die relative Wirkung im Vergleich zu Westeuropa, das schon völlig von der Droge des billigen Geldes abhängt, noch stärker sein wird. Dass die Kreditausweitung nun nicht inflationär erfolgt, ist für diese Analyse unerheblich. Die Kanalisierung von westeuropäischen Ersparnissen über P2P-Plattformen zu beschleunigen und auszuweiten, wird zu ähnlichen Blasenphänomenen führen, wie wir sie in Westeuropa und den USA in den Jahren 2000-2008 beobachten konnten. Die Konsequenzen dieses vorgezogenen, nicht verdienten Konsums werden dann in den nächsten Jahren voll durchschlagen, wenn dann das, was „vorausgefressen wurde, nachhungert werden muss“ (Baader, 2010, Geldsozialismus). Dieses Schicksal werden dann auch die osteuropäischen Transformationsstaaten mit Rest-Europa teilen.
Bei moralischen Urteilen schwingt potentiell freilich oft etwas Paternalismus mit, so auch in diesem Fall. Schließlich handelt es sich um freiwillige Geschäfte. Kreditgeber (bzw. genauer: Kreditrisikoübernehmer) suchen zu Recht nach höheren Vermögenserträgen, um die Geldentwertung zu kompensieren. Auf Seiten der Kreditnehmer ist es nicht an und für sich unmoralisch, Konsum vorzuziehen. In einer anonymen Gesellschaft, in der wir die Motive und Situation des Nächsten nicht genau kennen, muss zur Orientierung meist die Frage reichen, ob eine Transaktion rechtens ist. So problematisch die Konsumentscheidungen von anderen Menschen sein können, ist Kreditgewährung keinesfalls Unrecht – denn es handelt sich um ein Angebot ohne Täuschungsabsicht, das abgelehnt werden kann. Diese Konsumentscheidungen zu maßregeln, hat etwas Paternalistisches. In einer Marktwirtschaft begegnen wir erwachsenen Tauschpartnern auf Augenhöhe – Caveat emptor: Der Käufer hat seine Entscheidungen selbst zu verantworten.
Das Problem ist in diesem Fall allerdings, dass der Kreditmarkt nicht als Marktwirtschaft klassifiziert werden kann. Es entscheiden nicht souveräne Sparentscheidungen über die Menge des Angebots, sondern vorrangig Geldpolitik und Bankenkartell. Das erhöht die moralische Verantwortung, denn unsere Mitmenschen können sich in Strukturen und unter „Sachzwängen“ befinden, die nicht allein Resultat ihrer vorherigen Entscheidungen sind.
Der P2P-Bereich versucht dieses moralische Dilemma zu erleichtern, in dem mehr Transparenz über den Mitteleinsatz geboten werden soll. Zu den einzelnen Kreditnehmern werden anonymisierte Profile geboten, nach denen Kreditgeber (-besicherer) auswählen können. Das erweckt auch den Eindruck, durch eigene Auswahlkompetenz das Risiko mindern zu können.
Beide Absichten sind illusorisch. Geld hat kein Mascherl. Einige Mikrokreditunternehmen haben diese Illusion ins Extrem gesteigert und verbrämen ihre Kreditvergabe durch personalisierte Geschichten. Tatsächlich lässt sich das Risiko durch die willkürliche Auswahl plausiblerer Geschichten oder Profile, die vom Kreditvermittler geschrieben wurden, nicht senken – das Risiko steigt eher durch ein falsches Identifikations- und Sicherheitsgefühl. Da ohnehin die Kreditrisiken im Vermittlungsunternehmen selbst als Insolvenzrisiko kumulieren, ist das Augenauswischerei. Daher dominiert bei oben erwähnten Plattformen auch die automatische Kreditverteilung, die Abschaltung dieses „Sparplans“ bringt keinen Zusatznutzen.
Aufgrund des Wissensproblems, dass wir also keine neutralen und vollständigen Informationen über den Lebenskontext der Kreditnehmer erwarten können, da dies unökonomisch und praktisch unmöglich wäre, ist die moralische Beurteilung nur eingeschränkt möglich. Man kann sich auf den Verdacht hin, dass die meisten Menschen durch zusätzlich Angebote auf dem verzerrten Kreditmarkt zu falschen Entscheidungen verführt werden, aller P2P-Geschäfte enthalten, müsste dann aber konsequenterweise auch alle Bankkonten auflösen. Unter den verzerrten Bedingungen von heute ist es nicht einmal gewiss, dass eine Ausweitung von „Produktivkrediten“ wirklich besser ist als eine von Konsumkrediten, denn je verzerrter die Verhältnisse, desto weniger entspricht die Produktion den Präferenzen der Menschen.
Außerdem könnte es sich bei einem überraschend großen Teil der P2P-Kredite um Produktivkredite handeln. Der Grund liegt darin, dass klassische Bankkredite für Unternehmen nur durch „weiße Vermögenswerte“ erlangt werden können, also solche, die für die Steuerbehörden transparent in Bilanzen abgebildet werden. Ein erheblicher Teil des Produktivvermögens befindet sich aber im „schwarzen“ Bereich. Kleinunternehmer – nicht nur solche, die mit illegalen Gütern handeln – könnten daher zur teureren Finanzierung über P2P-Kredite gezwungen sein. Die erschreckend hohen Zinsen werden schließlich durch kürzere Laufzeiten relativiert. So ist es völlig rational und keineswegs unmoralisch, wenn ein Kleinhändler in Polen eine Finanzierungslücke von 500€ für die Nachbestellung eines überraschend gut gehenden Produktes schließt, indem er ein Jahr lang jedes Monat 50€ zurückzahlt – solange der Zins unter der erzielbaren Gewinnspanne liegt, was in diesem Fall trotz der hohen Verzinsung sehr plausibel ist.
Es spricht daher wenig dagegen, einen Teil von Bankguthaben zu P2P-Anbietern zu verschieben, in dem Ausmaß, in dem die höhere Renditeerwartung der persönlichen Risikopräferenz angemessen scheint. Wenn das eigene Gewissen angesichts der unvermeidbaren Konsumausweitung allzu große Einsprüche geltend macht, bleibt nur der Weg, die Bankguthaben in Bargeld oder Sachwerte zu tauschen. Realistische Ethik fordert aber kein Märtyrertum für Prinzipien, sondern den maßvollen Ausgleich zwischen höheren Gütern – etwa der wirtschaftlichen Existenz der eigenen Familie – und dem manchmal unvermeidlichen moralischen Makel der eingesetzten Mittel. Die Ökonomik lehrt hier, in Alternativen und Trade-Offs zu denken, nicht in binären Mustern. Eine Renditeerhöhung durch P2P-Anbieter als Alternative zu klassischen Banken erhöht den moralischen Makel kaum oder gar nicht, behebt diesen aber auch nicht. Darum soll man sich auch vor der moralischen Überhöhung des P2P-Bereichs hüten, wie er etwa unter dem Schlagwort der „Mikrokredite“ im Interesse der Vermittlungsunternehmen betrieben wird.
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