scholarium · anno MMVI · Wien · Zug

Geschichte des scholarium · 2000–2026

Die Schule, die es noch nicht gab

Die Geschichte des scholarium und meines Weges dorthin

Bevor es das scholarium gab, gab es eine Frage: Wie lässt sich die Wirklichkeit verstehen, ohne sie in immer kleinere Fächer zu zerlegen? Diese Frage hat mich von der Astronomie zur Atomphysik geführt, von Wien in die USA, von alten Büchern zu frühen Internetgemeinschaften, von der Theorie des menschlichen Handelns zur eigenen unternehmerischen Praxis. Sie führte mich an Universitäten, an denen eine große Wiener Tradition fast nur noch als historische Fußnote vorkam. Und sie führte schließlich zu dem Versuch, den Ort selbst zu schaffen, den ich gesucht und nirgends gefunden hatte.

Das scholarium ist deshalb mehr als eine Institution mit einer zwanzigjährigen Geschichte. Es ist die Geschichte einer langen Suche nach Erkenntnis, die sich an der Wirklichkeit bewähren muss.

Archivblatt I
Teilnehmer der ersten Klausur sitzen im Innenhof von Schloss Drosendorf um einen Arbeitstisch
Erste Klausur auf Schloss Drosendorf, 30. April und 1. Mai 2001. · Archiv des scholarium
  1. Hayek-Kreis
  2. Drosendorf
  3. Wertewirtschaft
  4. scholarium
  5. Studium Generale
  6. Wirkliche Orte
I.

Herkunft · 1980er/1990er

Zwei Erbschaften

Meine Biografie begann mit zwei sehr verschiedenen Erbschaften, die sich später als erstaunlich gut zusammengehörig erwiesen. Mein Vater, ein iranischer Azeri, stammte aus einer Familie von Landwirten und Händlern. Meine Mutter, eine Wienerin, aus einer Familie von Gelehrten und Buchdruckern. Von der einen Seite kamen Unternehmergeist, Beweglichkeit und der Wunsch nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Von der anderen kamen Bücher, Kultur, Berge und die fast unersättliche Neugier auf Zusammenhänge.

Schon während der Schulzeit arbeitete ich am Astronomischen Institut mit, gründete eine Schülerzeitung und engagierte mich politisch. Mich interessierten die großen Fragen, doch ich wollte mich nicht mit Meinungen über sie begnügen. Darum wählte ich Technische Physik. Sie schien mir das anspruchsvollste Rüstzeug zu bieten, um von Vermutungen zu belastbarem Wissen zu gelangen.

Ich spezialisierte mich als Atomphysiker und beschäftigte mich mit Risikoforschung, komplexen Systemen und Wissenschaftstheorie. Die Physik lehrte mich etwas, das später für alle Bereiche entscheidend blieb: Ein Modell ist nicht die Wirklichkeit. Je komplexer ein System ist, desto vorsichtiger muss man mit der Vorstellung sein, es von außen steuern zu können. Diese Einsicht führt direkt zu Fragen, die weit über die Physik hinausreichen. Was geschieht, wenn die Elemente eines Systems Menschen sind, die lernen, irren, hoffen, fürchten und ihre Pläne ändern?

Das Wien meiner Studienzeit war geistig verarmt, aber keineswegs leer. Wer suchte, konnte noch auf lebendige Spuren großer Traditionen stoßen. Am Atominstitut begegnete ich der Welt Helmut Rauchs. Über Erhard Oeser und Franz Wuketits öffneten sich Wege zur Wissenschaftstheorie und Evolutionslehre, über Harald Mori zur Wiener Psychotherapie und zum Kreis Viktor Frankls. In Laxenburg war die Systemanalyse gegenwärtig. Es gab noch Menschen, in denen das alte interdisziplinäre Wien nachklang: eine Stadt, in der Physiker, Psychologen, Philosophen, Ökonomen, Künstler und Unternehmer miteinander sprechen konnten, ohne erst die Erlaubnis ihrer Fachgrenzen einzuholen.

Nur eine Tradition fand ich ausgerechnet an ihrem Ursprungsort nicht: die Österreichische Schule der Ökonomik.

II.

Entdeckung · 1990er

Eine Wiener Entdeckung in Amerika

Ich musste in die USA reisen, um die Wiener Schule als lebendige Tradition kennenzulernen. Während meiner Aufenthalte und Studien dort, besonders im Umfeld eines Forschungsstipendiums in Washington und später bei Seminaren in New York, begegnete ich Ökonomen, die Menger, Böhm-Bawerk, Mises, Hayek und Kirzner nicht als Gegenstände eines ideengeschichtlichen Museums behandelten. Sie diskutierten ihre Fragen als offene Probleme der Gegenwart.

Das war eine Entdeckung und eine Zumutung. Wie konnte eine Schule, die in Wien entstanden war und von hier aus das ökonomische Denken der Welt verändert hatte, in Österreich nahezu verschwunden sein? An der Wiener Wirtschaftsuniversität gab es noch gelehrte Kenntnis ihrer Geschichte. Als eigenständige, streitbare und weiterzuentwickelnde Wissenschaftstradition war sie jedoch abgerissen. Ihre wichtigsten Vertreter waren vertrieben worden, emigriert oder verstorben. Was in Amerika überlebt hatte, war kostbar, aber bereits aus seinem Wiener Zusammenhang gelöst und oft zu einer politischen Gegenposition verengt.

Ich begann parallel zur Physik Handelswissenschaften und Soziologie zu studieren. Meine Diplomarbeit verband Atomphysik, Risikoforschung, Ökonomie und Soziologie. Formal blieb das ein einzelner Abschluss. Inhaltlich war es der Beginn eines Weges, auf dem ich mich weigerte, Erkenntnis nach den Zuständigkeiten von Fakultäten aufzuteilen.

In dieser Zeit wurde Roland Baader zu meinem Lehrer und Mentor. Er war kein Universitätsprofessor, sondern ein unabhängiger Gelehrter mit einem seltenen Gespür dafür, wo ökonomische Theorie im eigenen Leben Folgen haben muss. Bei ihm gehörten Geldordnung, Vermögensanlage, Charakter und Unabhängigkeit zusammen. Später wurde Hans-Hermann Hoppe mein Lehrer und Mentor. Von ihm lernte ich die Strenge eines systematischen, realistischen Denkens, das sich weder von akademischen Moden noch von politischer Opportunität beeindrucken lässt.

Baader und Hoppe standen für zwei Seiten, die das scholarium später verbinden sollte: intellektuelle Konsequenz und praktische Konsequenz.

Hans-Hermann Hoppe im Gespräch mit Rahim Taghizadegan und einem weiteren Teilnehmer in Wien
Abb. 02Hans-Hermann Hoppe und Rahim Taghizadegan bei einem frühen Gesprächsabend in Wien, 7. Juli 2004. · Archiv des scholarium
III.

Gründungslinie · 2000–2001

Der Anfang in Drosendorf

Am 15. Oktober 2000 traf sich eine kleine Gruppe zu einem Frühstück im Wiener Votiv-Kino. Aus diesem Gespräch entstand der Plan für einen F. A. von Hayek-Kreis. Wir wollten herausfinden, ob sich die vergessene Tradition in Österreich wieder ins Gespräch bringen ließe.

Die erste Klausur fand am 30. April und 1. Mai 2001 auf Schloss Drosendorf statt. Gemeinsam mit Julian Rauchdobler moderierte ich die Startklausur. Unser Gast war Friedhelm Frischenschlager, der frühere Bundesminister für Landesverteidigung, Mitbegründer des liberalen Atterseekreises und einer der letzten österreichischen Politiker, die Hayek noch selbst studiert hatten. Im November folgte die zweite Klausur mit Detmar Döring, Gerd Habermann und Robert Nef. Drosendorf wurde zum Gründungsort unserer Initiative.

Es waren keine Massenveranstaltungen. Gerade darin lag ihre Kraft. In einem alten Schloss am Rand Österreichs saßen Menschen zusammen, die wieder ernsthaft über Freiheit, Verantwortung, Ökonomik und die Zukunft Europas sprechen wollten. Vieles, was später das scholarium ausmachen sollte, war dort schon im Keim vorhanden: das Gespräch in einem überschaubaren Kreis, die Verbindung von Geschichte und Gegenwart, die Gastfreundschaft eines wirklichen Ortes und der Mut, eine fast abgerissene Überlieferung wiederaufzunehmen.

IV.

Digitale Werkstätten · 2001–2007

Die erste digitale Werkstatt

Das Internet schien damals der ideale Ort für diesen Wiederanfang. Es war ein offenes Feld, noch kaum von wenigen Plattformen bewirtschaftet. Kleine Initiativen konnten mit geringen Mitteln etwas Eigenes aufbauen.

Mit liberalismus.at entstand die erste österreichische Website, die die Denker der Österreichischen Schule in dieser Breite für ein allgemeines deutschsprachiges Publikum erschloss. Für viele Leser wurden Menger, Böhm-Bawerk, Mises und Hayek dort erstmals wieder auf Deutsch zugänglich. Die Seite wuchs zu einem großen Archiv aus Biografien, Texten, Nachrichten und Kommentaren. Zeitweise erreichte sie bis zu 5.000 Leser am Tag.

Doch schon der Name zeigte eine Grenze. Der Begriff Liberalismus war politisch besetzt. Er zog Menschen an, die ein Lager suchten, und stieß andere ab, bevor die eigentlichen Fragen überhaupt beginnen konnten. Aus liberalismus.at wurde liberty.li. Der Schritt von einem deutschen politischen Etikett zu einem international verständlichen Begriff war zugleich ein geistiger Schritt. Freiheit wurde zur offenen Frage, die sich nur gemeinsam mit Verantwortung, Erfahrung und konkretem Handeln untersuchen ließ.

liberty.li war soziale Vernetzung, bevor von sozialen Medien die Rede war. Die Plattform verband Profile, Gruppen, Foren, Kommentare, Weblogs und die Finanzierung gemeinsamer Projekte. Sie wurde ins Englische und Französische übersetzt; eine slowakische Fassung war in Arbeit. In ihrem Milieu gehörte sie zu den größten interaktiven deutschsprachigen Plattformen ihrer Zeit und trug sich durch Werbeeinnahmen selbst.

Im Verbund dieser Plattformen war sogar ein eigenes digitales Goldsystem eingebaut. Guthaben wurden in Gramm Gold geführt, Übertragungen zwischen Teilnehmern waren möglich, ebenso Einzahlungen, Auszahlungen und Einlösungen. Es war ein zentral geführtes, datenbankbasiertes Konten- und Transaktionsbuch, kein dezentrales System und keine Blockchain. Doch es existierte Jahre vor dem Bitcoin-Whitepaper. Wir nannten die Rechnungseinheit Gulden. Das System war technisch integriert, wurde aber nie breit lanciert. Auch das gehört zur Geschichte des scholarium: Manche Dinge erkannten wir früh, gelegentlich zu früh, um selbst schon alle Konsequenzen daraus zu ziehen.

Mit choices.li folgte der nächste Lernschritt. An die Stelle der Lagerzugehörigkeit trat die Frage nach den realen Wahlmöglichkeiten eines Menschen. Wie lässt sich ein eigenständiges Leben aufbauen? Welche Rolle spielen Wohnort, Unternehmen, Vermögen, Bildung, Gesundheit und persönliche Beziehungen? Wie kann man Risiken über mehrere Länder und Rechtsräume verteilen?

Damit entstand sehr früh ein praktisches Labor für internationale Lebensoptionen, Mehrflaggenstrategien und Geoarbitrage. Wir boten Beratung zu Auswanderung, Unternehmertum, Vermögensgestaltung und alternativen Lebensmodellen an, lange bevor daraus eine eigene Branche wurde. Christoph Heuermann gehörte als junger Schüler und späterer Mitarbeiter zu diesem Umfeld. Mit Staatenlos entwickelte er die Mehrflaggen-Thematik sehr erfolgreich weiter.

Der wichtigste Ertrag dieser Jahre war jedoch eine Korrektur. Digitale Reichweite ist noch keine Gemeinschaft. Vernetzung kann Menschen verbinden, aber ebenso in Filterblasen sammeln, ihre Entfremdung verstärken und das Gefühl politischer Ohnmacht vergrößern. Am Höhepunkt der Reichweite nahm ich die Plattform vom Netz. Der Freiheit blieb ich treu. Verabschiedet hatte ich mich von der Vorstellung, sie ließe sich als Ideologie vermarkten.

V.

Institution · 2006

2006: Aus der Initiative wird ein Institut

Im Jahr 2006 gründete ich das Institut für Wertewirtschaft. Der sperrige Name war Absicht. Er sollte sich den üblichen politischen Zuordnungen entziehen und zugleich daran erinnern, dass Wirtschaft mit Werten beginnt: mit dem, was Menschen wichtig ist, wofür sie Verantwortung übernehmen und worin sie anderen dienen können.

Das Institut war kein Thinktank, der fertige Antworten mit dem Geld eines politischen Auftraggebers verbreitete. Es wurde privat und von seinen Kunden finanziert, ohne Subventionen. Von Anfang an führte ich es unternehmerisch. Die Menschen sollten für ihre Unterstützung einen wirklichen Gegenwert erhalten: bessere Entscheidungen, tiefere Einsichten und, wo es um Vermögen ging, konkreten Schutz vor vermeidbaren Fehlern.

Ab 2006 veranstalteten wir Seminare für Anleger. Wir erkannten die Fragilität des Finanzsystems, die Verzerrungen durch billiges Geld und die Gefahr einer großen Korrektur. Den exakten Tag eines Börsensturzes konnte niemand seriös vorhersagen. Die Mechanismen der kommenden Krise ließen sich jedoch verstehen. Als die Korrektur 2007 und 2008 einsetzte, waren viele unserer Teilnehmer vorbereitet. Ihre Rückmeldungen zeigten, dass die Schulungen nicht bloß intellektuell interessant gewesen waren: Sie hatten geholfen, Ersparnisse und Vermögen zu bewahren.

Bildung war dabei nicht bloß ein späteres Nebenfeld. Zum Clubabend „Bildungsfreiheit statt Einheitsschule“ am 7. September 2007 waren Familien, Homeschooler und Freilerner eingeladen; Kinder waren selbstverständlich Teil der Veranstaltung. Die Frage, wie Lernen jenseits eines Einheitsschemas gelingen kann, führte Jahre später zu CRAFTprobe und schließlich zum Studium Generale.

Diese Erfahrung prägte das scholarium dauerhaft. Gute Theorie beweist sich nicht darin, dass sie nachträglich alles erklären kann. Sie muss Menschen vor einer Entscheidung helfen, Ungewissheit besser zu tragen.

Rahim Taghizadegan vor einer Projektion des Clubs für Wertewirtschaft bei einer Veranstaltung in Wien
Abb. 05a«Bildungsfreiheit statt Einheitsschule»: Club für Wertewirtschaft, Wien 2007. · Archiv des scholarium
Kinder zeichnen, spielen und lesen während des Clubabends zur Bildungsfreiheit in Wien
Abb. 05bFamilien und Kinder beim Clubabend «Bildungsfreiheit statt Einheitsschule», Wien, 7. September 2007. · Archiv des scholarium
VI.

Lehre · 2008–2012

Die Wiener Schule kehrt an die Hochschule zurück

Mit dem Institut begann eine wachsende Lehr- und Vortragstätigkeit. Ich lehrte an zahlreichen Universitäten und Hochschulen im In- und Ausland, unter anderem in Wien, Halle, Liechtenstein und Heiligenkreuz. An der Wirtschaftsuniversität Wien hielt ich von 2008 bis 2012 die Lehrveranstaltung „Der handelnde Mensch in der Wirtschaftstheorie“.

Damit kehrte die Österreichische Schule an einen Ort zurück, an dem ihre Vertreter einst gelehrt hatten. Rund acht Jahrzehnte nach der Blüte ihrer ursprünglichen Wiener Tradition wurde sie wieder als eigenständiger, handlungsorientierter Zugang unterrichtet, nicht bloß als Kapitel der Dogmengeschichte. Später fanden unsere Seminare „Wirtschaft wirklich verstehen“ auch im Gebäude der ehemaligen Hochschule für Welthandel statt. Gerade dort war spürbar, was auf dem Spiel stand: die Rückkehr einer Ökonomik, die den Unternehmer, das Wissen, die Zeit, den Irrtum und die Ungewissheit ernst nimmt.

Aus diesen Lehrveranstaltungen und Seminaren wuchs das Buch Wirtschaft wirklich verstehen. Sein Anspruch war schon im Titel ausgesprochen. Ökonomik sollte weder ein mathematisches Glasperlenspiel noch eine politische Rezeptsammlung sein. Sie sollte helfen zu verstehen, wie Menschen unter Knappheit handeln, wie Preise Wissen vermitteln, warum gute Absichten schlechte Folgen haben können und weshalb Unternehmertum vor allem ein Umgang mit Ungewissheit ist.

Die Lehre blieb nie auf die Österreichische Schule begrenzt. Psychologie, Recht, Geschichte, Technik, Anthropologie, Geldtheorie und Kultur gehörten dazu. Diese Verbindung ist bis heute der Kern: Die Stärke der Österreichischen Schule liegt in einem realistischen Blick auf menschliches Handeln, der die künstlichen Grenzen zwischen diesen Gebieten durchlässig macht.

VII.

Neugründung · 2015

Vom Institut zum lernenden Unternehmen

2015 ging das Institut für Wertewirtschaft im scholarium auf. Der neue Name war eine Selbstkorrektur und ein Programm. Die universitas magistrorum et scholarium war ursprünglich eine Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden. Moderne Universitäten hatten sich immer stärker auf die Magister, Titel, Zertifikate und Zuständigkeiten konzentriert. Das scholarium sollte den zweiten Teil wieder ernst nehmen: die Lernenden.

Ich wollte keine weitere Institution gründen, die anderen erklärt, wie sie zu leben oder zu wirtschaften hätten. Das scholarium sollte selbst ein lernendes Unternehmen sein. Theorie ohne Praxis bleibt leer. Praxis ohne Theorie wird blind für die Verzerrungen der Gegenwart. Erst in ihrer Verbindung entsteht jene Urteilskraft, die weder aus einem Lehrbuch noch aus bloßer Erfahrung allein gewonnen werden kann.

Das kaufmännische &, das dem scholarium lange vorangestellt war, brachte diese Idee ins Zeichen. Es ist eine alte Ligatur aus dem lateinischen et, dem Wort für „und“. Es verband die Welt der Gelehrten mit der Welt der Kaufleute, Muße mit Arbeit, Bücher mit Problemen, Wien mit der Welt. Der Satz meines Lehrers Roland Baader blieb dafür eine gute Kurzform: „Wirtschaft verbindet, Politik trennt.“

VIII.

Bildungspraxis · 2015–2020

CRAFTprobe: lernen, bevor man sich festlegt

Aus dieser Idee entstand CRAFTprobe, ein Bildungsprogramm für junge Menschen. Viele Jugendliche sollten sich für einen Ausbildungsweg entscheiden, ohne je erfahren zu haben, wie sich die verschiedenen Arten wirklicher Arbeit anfühlen. Sie kannten Schulfächer und Berufsbilder, aber kaum Werkstätten, Unternehmen, Projekte und Menschen, die etwas mit großer Meisterschaft taten.

CRAFTprobe setzte genau dort an. Junge Menschen konnten praktisch in unterschiedliche Berufsfelder hineinschnuppern, eigene Projekte übernehmen und unternehmerische Grundfertigkeiten erwerben. Digitale und analoge Werkzeuge, Kultur, Natur, Technik, Kunst, Markt und persönliche Entwicklung gehörten zusammen. Unternehmer, Handwerker, Künstler und Fachleute wurden zu unmittelbaren Vorbildern. Die gute Theorie blieb dabei unverzichtbar. Sie half, aus Erfahrungen mehr zu gewinnen als eine Sammlung von Anekdoten.

Das Programm war als Kraftprobe im besten Sinn gedacht: als geschützter, aber realer Übergang in ein eigenständiges Leben. Im zweiten Intensivprogramm im August 2016 nahmen fünfzehn junge Menschen teil. Die Pandemie unterbrach diese physische Form. Ihre Grundidee ging jedoch nicht verloren. Sie lebt im scholarium weiter: Lernen beginnt dort, wo Menschen etwas versuchen, für die Folgen einstehen und gemeinsam über das Erlebte nachdenken.

Ein CRAFTprobe-Teilnehmer verbindet Drähte auf einem Elektronik-Prototyp neben seinem Laptop
Abb. 08aCRAFTprobe in der Praxis: Elektronik-Prototyping zwischen den Büchern. · Archiv des scholarium
Ein junger CRAFTprobe-Teilnehmer rührt einen großen Suppentopf, während ein zweiter die Zutaten vorbereitet
Abb. 08bCRAFTprobe in der Praxis: gemeinsam planen, vorbereiten und kochen. · Archiv des scholarium
IX.

Jubiläum · 2016

Zehn Jahre und ein sehr altes Buch

Am 3. Dezember 2016 feierten wir das zehnjährige Bestehen in der Österreichischen Nationalbibliothek. Im Prunksaal, Augustinerlesesaal und Oratorium kamen Weggefährten aus vielen Ländern zusammen, darunter Hans-Hermann Hoppe, Jörg Guido Hülsmann, Robert Nef und Daniel Model. Aus dem kleinen Anfang war eine privat finanzierte Hochschule mit Studenten und Gästen aus aller Welt geworden.

Das Jubiläum blickte zugleich weit zurück. Ein Projekt widmete sich Johannes Niders De Contractibus Mercatorum, einer im 15. Jahrhundert entstandenen Abhandlung über die Verträge der Kaufleute. Darin finden sich erstaunlich frühe Überlegungen zu Bedürfnissen und Preisen, Geldwert, Zeit, Unternehmergewinn, Eigentum und Vertrag. Der Text sollte erstmals in Niders Muttersprache zugänglich werden.

Auch das ist eine typische scholarium-Geschichte: Ein Zukunftsproblem führte zu einem fast vergessenen Manuskript, und das alte Manuskript erwies sich als erstaunlich gegenwärtig.

Rahim Taghizadegan spricht neben einem ausgestellten historischen Buch im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek
Abb. 09aZehn Jahre Wertewirtschaft und scholarium, Österreichische Nationalbibliothek, 3. Dezember 2016. · Archiv des scholarium
Ein dicht besetzter Saal lacht während des zehnjährigen scholarium-Jubiläums in der Österreichischen Nationalbibliothek
Abb. 09bWeggefährten aus vielen Ländern beim zehnjährigen Jubiläum, 3. Dezember 2016. · Archiv des scholarium
X.

Publikationen · 2007–heute

Bücher, Übersetzungen und Scholien

Was in Seminaren und Gesprächen entstand, wurde über die Jahre zu einem großen schriftlichen Werk. Mehr als fünfzehn Bücher erschienen als eigene Werke oder in Koautorschaft, darunter Vom Systemtrottel zum Wutbürger, Österreichische Schule für Anleger, Alles, was Sie über die Österreichische Schule wissen müssen, Wirtschaft wirklich verstehen, Die Nullzinsfalle, Geld her oder es kracht und Europa auf der Intensivstation.

Dazu kamen Übersetzungen, Einführungen und Herausgaben. Besonders wichtig war meine deutsche Gesamtausgabe von Mises' Human Action, die 2019 in vier Bänden als Menschliches Handeln erschien. Weitere Arbeiten machten Texte zugänglich, die im deutschsprachigen Raum kaum noch greifbar waren. Übersetzen hieß hier nie nur, Wörter von einer Sprache in eine andere zu bringen. Es bedeutete, einen abgerissenen Gedankenfaden wieder aufzunehmen.

Seit 2009 erschienen die Scholien. Es waren gedruckte Randbemerkungen zu einem großen, unsichtbaren Text: Beobachtungen, Fragen, Essays, Buchempfehlungen, Begegnungen und Einsichten, die sich keinem Tagesmedium unterwarfen. Über viele Jahre kamen sie als Hefte und Büchlein mit der Post. Gerade in einer Zeit wachsender digitaler Ablenkung waren sie ein bewusst langsames Medium. Später wurden sie digital fortgeführt, ohne den Anspruch auf Verdichtung aufzugeben.

Früh beschäftigte ich mich auch mit Bitcoin. Seit 2009 beobachtete ich das Experiment; ab 2011 brachte ich es in die universitäre Lehre ein, zu einer Zeit, als es selbst unter Ökonomen fast unbekannt war. Soweit ich es bis heute nachvollziehen kann, war ich damit der erste Ökonom, der Bitcoin in ein universitäres Curriculum aufnahm. 2012 veröffentlichte ich einen frühen deutschsprachigen ökonomischen Essay darüber, 2018 erhielt Bitcoin ein eigenes Kapitel in der erweiterten Ausgabe von Wirtschaft wirklich verstehen. Seine Bedeutung lag für mich nie in einem kurzfristigen Kursziel. Bitcoin war ein Realexperiment zu Geld, Eigentum, Vertrauen, Technik und institutioneller Evolution. Wieder verband sich ein abstraktes Thema mit einer praktischen Entscheidung.

Sechs Ausgaben der gedruckten Scholien-Reihe in einem blauen Schuber
Abb. 10Die gedruckte Scholien-Reihe im Schuber, 2010. · Archiv des scholarium
XI.

Bibliothek · seit 2012

Die Bibliothek als Gedächtnis und Werkstatt

In Wien wuchs unterdessen die größte private Bibliothek zur Österreichischen Schule und zum Liberalismus. Teile der Bestände von Roland Baader, Hans-Hermann Hoppe und Rainer Ernst Schütz fanden im scholarium eine neue Heimat. Hinzu kamen seltene Ausgaben und weitere Nachlässe.

Diese Bibliothek war kein repräsentatives Möbel. Sie war Arbeitsgerät und Gedächtnis. Zwischen ihren Regalen fanden Salons, Seminare und lange Gespräche statt. Bücher, die andernorts im Magazin verschwanden, lagen auf dem Tisch und wurden wieder Teil eines lebendigen Diskurses. Zugleich erinnerte der Ort daran, dass Erkenntnis eine materielle Seite hat: Jemand muss Bücher sammeln, bewahren, ordnen, lesen und für kommende Leser zugänglich halten.

Teilnehmer sitzen in engem Kreis zwischen den Regalen der Wiener Bibliothek, während Rahim Taghizadegan spricht
Abb. 11Ein Philosophikum zwischen den Regalen der Wiener Bibliothek. · Archiv des scholarium
XII.

Studium Generale · seit 2020

Ein Studium beginnt – und wird über Nacht digital

Aus den physischen Salons und Seminaren in dieser Bibliothek entstand das Studium Generale. Die erste Einheit fand am 6. März 2020 statt. Das Programm war als interdisziplinäres Studium für Erwachsene gedacht, anspruchsvoll und diskursiv, ohne Prüfungsritual und Zertifikatszwang.

Kaum hatte es begonnen, machte die Pandemie die physische Fortsetzung unmöglich. Bereits am 27. März wagten wir das Experiment eines Fernstudiums. Was andernorts als jahrelanges Digitalisierungsprojekt geplant worden wäre, entstand bei uns in wenigen Wochen aus der Notwendigkeit. Die Gespräche gingen weiter, wurden aufgezeichnet und bildeten nach und nach ein umfangreiches Archiv.

Seit 2024 findet das Studium fast ausschließlich digital statt. Aus dem Fernformat wächst heute eine Bildungsbibliothek, in der Video, Audio, Text und strukturierte Wissensmodelle zusammengeführt werden. Der digitale Raum ersetzt das persönliche Gespräch nicht. Er bewahrt, verdichtet und öffnet es für Menschen, die über Länder und Zeitzonen verteilt sind.

Seit 2022 bringt der AlpenSalon diesen Zusammenhang regelmäßig wieder in eine gemeinsame physische Erfahrung. Mehrtägige Seminare in Obergurgl, Salzburg, Neustift und am Ägerisee verbanden Vorträge und Gespräche mit Wanderungen, Bergpraxis und dem Leben an einem gemeinsamen Ort. So blieb auch das digital gewachsene Studium an wirkliche Landschaften und Begegnungen rückgebunden.

Damit schloss sich ein Kreis. Das Internet, das schon liberalismus.at, liberty.li und choices.li möglich gemacht hatte, wurde wieder zum Werkzeug. Im Mittelpunkt stand nun ein über Jahre gewachsener Zusammenhang. Reichweite war ihm nachgeordnet.

Teilnehmer des AlpenSalons stehen mit Kletterhelmen in der hochalpinen Landschaft von Obergurgl
Abb. 12aTheorie und Bergpraxis: AlpenSalon in Obergurgl, 2022. · Archiv des scholarium
Eine große AlpenSalon-Gruppe wandert über eine Bergwiese mit weitem Alpenpanorama
Abb. 12bGemeinsam über den Zugerberg: AlpenSalon am Ägerisee, 2025. · Archiv des scholarium
XIII.

Orte · Wien, Zug, Istrien, Madeira

Von Wien nach Zug und an wirkliche Orte

Das scholarium blieb nie nur ein Bildungsangebot. Es begleitete Unternehmensgründungen, Vermögensentscheidungen und Investitionen. Aus der operativen Bildungsarbeit der scholarium GmbH in Wien entstand 2024 mit der scholarium AG in Zug eine Gruppen- und Kapitalebene. Auch hier ging es um dasselbe Prinzip: Wer über Unternehmertum, Geld und Ungewissheit spricht, muss bereit sein, eigenes Kapital und eigene Verantwortung einzusetzen.

Heute wird die Verbindung von Bildung, Gemeinschaft, Vermögen und unternehmerischer Praxis auch räumlich sichtbar. In Istrien fanden bereits erste Veranstaltungen und eine Familienwoche an einem eigenen Ort statt, während der formelle Ausbau noch abgeschlossen wird. Auf Madeira ist das Grundstück erworben und die nächste große Entwicklung nimmt Form an. Weitere außergewöhnliche Standortlinien auf drei Kontinenten werden erst öffentlich vorgestellt, wenn aus Möglichkeiten belastbare Orte geworden sind. Einige davon werden überraschen.

Diese Orte sind keine Filialen eines Seminarbetriebs. Sie sollen zeigen, wie Bildung wieder in eine konkrete Lebenswelt eingebettet werden kann: mit Natur, Gastfreundschaft, Produktion, Investition, Kultur und generationsübergreifendem Lernen. Nach Jahrzehnten wachsender Abstraktion führt der nächste Schritt des scholarium zurück in die Wirklichkeit.

Rahim Taghizadegan spricht bei einem Alpen-Adria-Salon in einem transparenten Zelt am Standort in Istrien
Abb. 13Alpen-Adria-Salon am entstehenden Standort in Istrien, 2026. · Archiv des scholarium
XIV.

Rückblick · zwanzig Jahre

Der rote Faden

Im Rückblick sieht manches wie eine Reihe verfrühter Versuche aus. Wir bauten soziale Vernetzung, bevor soziale Medien ihren Namen hatten. Wir integrierten ein digitales Gold-Kontenbuch vor dem Bitcoin-Whitepaper. Wir berieten zu Mehrflaggenstrategien und Geoarbitrage, bevor diese Begriffe ein großes Publikum erreichten. Wir bereiteten Anleger vor der großen Finanzkrise auf monetäre Verwerfungen vor und brachten Bitcoin in die universitäre Lehre, als es dort noch kaum als ernstes Thema galt. Ein Studium, das gerade physisch begonnen hatte, wurde innerhalb weniger Wochen digital und schuf damit den Grundstock einer wachsenden Wissensbibliothek.

Das scholarium war seiner Zeit voraus, weil es nie versucht hat, die Zukunft aus der Ferne vorherzusagen. Es hat kleine, reale Versuche unternommen und aus ihnen gelernt. Einige gelangen. Andere kamen zu früh, wurden beendet oder in veränderter Form neu begonnen. Entscheidend war immer die Bereitschaft zur Korrektur.

Der rote Faden ist deshalb keine Ideologie und kein Geschäftsmodell. Es ist die Verbindung von Erkenntnis und Verantwortung. Eine Theorie ist erst dann ernst genommen, wenn sie Entscheidungen verändert. Eine unternehmerische Praxis wird erst dann nachhaltig, wenn sie über ihre unmittelbaren Anreize hinausblickt. Vermögen ist gespeicherte Handlungsfähigkeit. Bildung zeigt sich in wachsender Urteilskraft.

XV.

Gegenwart · 2026

Ein Platz, der bleibt

Nach zwanzig Jahren gibt sich das scholarium wieder eine einfache Form. Aus vielen Zugängen, Stufen und Angeboten war eine Treppe geworden, auf der die eigentliche Idee kaum noch sichtbar war. Künftig führt wieder eine Schwelle in den engeren Kreis: der Salon.

Er ist auf 144 Salonsitze begrenzt. Ein Salonsitz ist ein unbefristetes Teilnahme- und Zugangsrecht, das nach vollständiger Bezahlung frei übertragen und weiterverkauft werden kann. Wie an einer alten Universität beginnt die Teilnahme mit einer einmaligen Inskription von 1.440 Franken; eine jährliche Erneuerung gibt es nicht. Der Sitz öffnet den geschützten Kreis, die digitale Bibliothek und die kuratierten Aufzeichnungen. Seminare, Reisen und besondere Formate können von dort aus gesondert gewählt werden.

Die ersten 144 Inhaber erhalten als Gründungsgabe eine signierte, handnummerierte Limited von Win-Win: Eine Weltgeschichte des friedlichen Tauschs, von der Faust bis Bitcoin. Das Buch erzählt, wie der Tausch der Gewalt über Jahrtausende Gebiet abringt und aus Fremden Partner macht. Damit führt es zurück zu einer der ältesten Einsichten des scholarium: Gute Ökonomik beginnt dort, wo Menschen einander nicht beherrschen müssen, um miteinander etwas aufzubauen. Die Limited ist weder Träger noch Bestandteil des Salonsitzes und wird bei einer späteren Übertragung nicht erneut ausgegeben.

Information ist heute im Überfluss vorhanden. Knapp sind Auswahl und Verdichtung, das ernste Gespräch und eine Gemeinschaft, in der Einsicht Folgen haben darf. Das scholarium ist aus der Suche nach einer solchen Gemeinschaft entstanden. Zwanzig Jahre später ist diese Suche nicht abgeschlossen. Aber sie hat einen Ort, eine Geschichte und wieder eine klare Form.

Einen Platz, der bleibt.

Blick über Wald und Steilküste Madeiras auf den Atlantik
Abb. 15Madeira: der atlantische Horizont eines weiteren Standorts. · Archiv des scholarium

Die Geschichte geht weiter

Ein Ort für Erkenntnis, die sich bewähren muss.