Scholien 1/18
Einleitung
Geschätzte Unterstützer und Leser,
Ich freue mich, Sie wieder in analoger Form adressieren zu dürfen. Wie ich zuletzt schon mitteilte, ist unsere Automatisierung zwar schon weit fortgeschritten, aber eine Server-Umstellung und Neuprogrammierung, um die Zukunftstauglichkeit zu erhöhen, warfen viel Sand ins Getriebe, das nun langsam wieder warmlaufen muss. Sie finden in diesem Heft eine etwas zu geringe Zahl an Scholien – den nun in verdaulichen Portionen vorliegenden Funken, die bei der Erkenntnissuche im scholarium nebenbei abfallen, benannt nach den Randglossen in alten Büchern, in denen Anmerkungen und Widersprüche festgehalten wurden. Aufgrund der etwas geringeren Zahl habe ich diese ergänzt, um Sie nicht zu enttäuschen. Nach den Scholien finden Sie ausnahmsweise Protokolle, die ein sehr tüchtiger Student des studium generale angefertigt hat. Diese dokumentieren ein wenig in enger Auswahl einen kleinen Teil der ökonomischen Inhalte. Das studium generale ist interdisziplinär und besteht überwiegend aus interaktiveren Elementen. Die fruchtbaren Diskussionen und Experimente lassen sich nicht so einfachen protokollieren. Das aktuelle Semester bestätigt wieder, wie inspirierend die reale Erfahrung dieses ungewöhnlichen Studiums ohne staatliches Zertifikat aber voll privater Erkenntnis für die unterschiedlichsten Menschen ist: von jungen Schulabgängern bis hin zu erfolgreichen Unternehmern, Managern und Bankiers. Ein Einstieg ist dieses Jahr noch möglich Anfang Mai (für zwei Monate) oder Anfang September (zwei bis vier Monate).
Wie Sie an den folgenden Beiträgen sehen können, versuchen wir im scholarium Theorie auf hohem Niveau mit Praxis zu verbinden. Dabei folgen wir keinen Dogmen und halten uns an keine Denkverbote. Viele fragen nach einem Curriculum und sind dabei von akademischen Lehrplänen geprägt. Die Lehrplanwirtschaft ist der Erkenntnis sehr abträglich. Zur Zertifizierung müssen dabei abstrakte Inhalte viele Jahre vor ihrem "Vorlesen" (ein weiterer didaktischer Irrweg) fixiert werden. Nach behördlicher oder universitätsbürokratischer Absegnung der Überschriften müssen diese "Inhalte" dann Jahr für Jahr nahezu ident Studenten eingeflößt werden. Im scholarium richten wir uns ausschließlich danach, was interessant und relevant ist, und das kann sich laufend ändern. Trotzdem ist viel mehr Platz für Zeitloses als im üblichen akademischen Betrieb. Je Woche werden die Inhalte von vielen Tausend Seiten Literatur verdichtet, in Frage gestellt und weiterentwickelt. Zugleich ergründen die Studenten je nach Interesse unternehmerisches und technisches Neuland. Einen ganz kleinen Vorgeschmack sollen die lückenhaften, zufälligen, wenigen Scholien bieten.
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Ich wünsche Ihnen eine angenehme und erkenntnisreiche Lektüre, bedanke mich für Ihre Unterstützung, hoffe, Sie bleiben uns treu, und freue mich auf ein Wiedersehen oder Kennenlernen im scholarium.
Herzlichst,
Rahim Taghizadegan
März 2018
Blockchain statt Bargeld?
Blockchain-basierte Kryptowährungen behaupten sich und verkomplizieren dadurch nicht nur die Geldtheorie, sondern auch die Debatte um das Bargeld. Letzteres trägt zwar "des Kaisers" Antlitz und ist damit "des Kaisers", dennoch bietet es dem Untertan einen letzten Rest von Souveränität. In seiner physischen Ausprägung "stinkt es nicht", es nimmt den Geruch der Träger und Zwecke nicht an, um eine weitere antike Analogie zu nutzen: Bargeld ist anonym und eben deshalb bindet es seine Nutzer nicht; es lässt abstrakte Marktbeziehungen mitsamt ihrer sozialen Freiheit zu, anstelle engerer Personalbeziehungen oder drückenderer Herrschaftsbeziehungen. Damit schränkt Bargeld aber auch die Mittel des Staates zugunsten des Individuums ein: Es entzieht sich totaler Überwachung, Besteuerung und Kapitalverkehrskontrollen. Dem modernen Staat sind digitale Zahlungsmittel daher grundsätzlich lieber: Kontenstände sind kontrollierbar, besteuerbar und im Notfall leicht einzuziehen. Umso paradoxer ist es da, dass ausgerechnet abseits des Staats- und Bankenapparates die innovativsten Digitalwährungen entstanden, die sich bislang – aufgrund der langsam mahlenden Mühlen der Bürokratie – weitgehend Steuern, Kapitalverkehrskontrollen und Überwachung entziehen.
Zum Glück für den Bürger sind wir noch von einem Weltstaat entfernt, da die Weltordnung eher multipolarer wird, nimmt diese Entfernung auch zu. Die Konkurrenz der Nationalstaaten bietet den Kryptowährungen noch ein Refugium im Niemandsland. Darum ist das global durchexekutierte Totalverbot noch keine Option. Staaten und Banken versuchen bislang, die neuen Konkurrenten zu verstehen und von ihnen zu lernen. Dazu werden beachtliche Mittel aufgewandt – alles mit der Intention, sich irgendwann selbst auf das Feld zu wagen. (Mehr dazu siehe in den Scholien "Blockchain - Hype oder Rettung?")
In einem Vortrag vor der Bank of England, der britischen Zentralbank, gab die IWF-Präsidentin Christine Lagarde, vor kurzem Hinweise auf Motivationen und mögliche Szenarien. Sie zeigt sich überraschend zuversichtlich, was die technische Entwicklung von Kryptowährungen betrifft. Noch seien sie zu volatil, riskant, energieintensiv, zu wenig skalierbar und zu undurchsichtig für Regulatoren. Doch es sei nur eine Frage der Zeit, bis alle diese "Probleme" technisch behoben sein werden. Lagarde vergleicht die Entwicklung der Kryptowährungen mit dem Siegeszug des PC – anfangs hätte auch kaum jemand damit gerechnet, dass in fast jedem Haushalt ein Rechner stehen würde. Die Annahme neuer Währungen könne wie die Annahme neuer Technologien exponentiell verlaufen:
Denken Sie zum Beispiel an Länder mit schwachen Institutionen und instabilen nationalen Währungen. Anstatt die Währung eines anderen Landes – wie z.B. des US-Dollars – zu übernehmen, könnten einige dieser Volkswirtschaften einen wachsenden Einsatz virtueller Währungen erleben. Nennen Sie es Dollarisierung 2.0. Die Erfahrung des IWF zeigt, dass es einen Wendepunkt gibt, über den hinaus die Koordination um eine neue Währung exponentiell ist. Auf den Seychellen beispielsweise stieg die Dollarisierung von 20 Prozent im Jahr 2006 auf 60 Prozent im Jahr 2008. Warum könnten Bürger virtuelle Währungen eher als physische Dollar, Euro oder Sterling annehmen? Weil es eines Tages einfacher und sicherer sein könnte, als Papiergeld zu erhalten, besonders in abgelegenen Regionen. Und weil virtuelle Währungen tatsächlich stabiler werden könnten. Zum Beispiel könnten sie 1:1 für Dollar oder einen stabilen Währungskorb ausgegeben werden. Die Emission könnte völlig transparent sein, durch eine glaubwürdige, vordefinierte Regel geregelt sein, einen Algorithmus, der überwacht werden kann... oder sogar eine "smart rule", die sich ändernde makroökonomische Umstände widerspiegeln könnte. [@lagarde_central_2017]
Den wesentlichen Vorteil von Kryptowährungen sieht Lagarde bei kleinen "peer-to-peer transactions" . Ihre gewählten Beispiele erlauben etwas Zynismus: Damit meint sie wohl "von Untertan zu Untertan" – da würden etwa ganz niedlich drei Euro für die Expertenübersetzung eines japanischen Gedichts, vier Dollar für gärtnerische Anleitungen und 80 Pence für die Gestaltung eines virtuellen Rundgangs in einer Straße unter kleinen Männern und kleinen Frauen hin und her überwiesen. Die steuerfreie Überweisung von über einer halben Million Euro Jahresgage für Frau Lagarde ist gewiss nicht "peer-to-peer". Tatsächlich liegt der Vorteil von Kryptowährungen genau darin, institutionelle Mittelsmänner und -frauen mit derart fürstlichen Gagen zu ersetzen, nicht in der Durchführung von Kleinstüberweisungen. Das wird von vielen Blockchain-Anhängern auch in der Skalierungsdebatte übersehen. Die vielbeschworenen Mikroüberweisungen sind gar nicht das Rückgrat der digitalen Wirtschaft, die menschliche Psychologie widerstrebt ihnen. Entscheidender sind die großen Vertrauensprobleme, nicht die kleinen, letztere kann man anschreiben, großzügig darüber hinwegsehen oder indirekt einbringen.
Lagarde verwischt wie viele die Unterschiede zwischen Digitalwährung und Kryptowährung, letztere Kategorie ist eine deutlich engere. Diese Verwischung liegt im Interesse der großen Institutionen, die gerne den privaten Charme der Kryptowährungen als Mäntelchen für kontrollierbare Digitalwährungen nutzen würden. So viel Aufwand auch in dieses Mäntelchen gesteckt werden wird, durch Rekrutierung von Programmierern und Dotieren von Budgets, letztlich bleibt der Kaiser nackt. Lagarde sieht aber künftiger populärer Nachfrage entgegen:
Stattdessen könnten Bürger eines Tages virtuelle Währungen bevorzugen, da sie möglicherweise die gleichen Kosten und den gleichen Komfort bieten wie Bargeld – kein Abwicklungsrisiko, keine Verspätungen beim Clearing, keine zentrale Registrierung, kein Vermittler zur Prüfung von Konten und Identitäten. Wenn die virtuellen Privatwährungen weiterhin riskant und instabil bleiben, könnten die Bürger sogar die Zentralbanken auffordern, digitale Formen der gesetzlichen Zahlungsmittel bereitzustellen. [@lagarde_central_2017]
Damit beschreibt sie ein durchaus plausibles Szenario. Freilich "fordern Bürger" Zentralbanken kaum jemals zu etwas auf, es sind Politiker und Lobbyisten, die Agenden suchen und nutzen. Lagarde formuliert den Traum der Zentralbankiers, endlich wieder politisch zu "innovativerer" Politik ermächtigt zu werden. Der österreichische Zentralbankier Ewald Nowotny darf als Paradetypus herhalten: Er könnte als guter Kontraindikator dienen, da sämtliche seiner Prognosen und Empfehlungen daneben gehen. Vor dem letzten Höhenflug von Bitcoin warnte er heftig davor, denn Bitcoin sei "völlig intransparent", denn die Währung sei kein "von Notenbanken und dem öffentlichen Sektor kontrolliertes System". Doch zum Glück gibt es noch keine Weltzentralbank, und Nowotnys überdimensioniertes Provinzamt wird gewiss keine führende Rolle spielen – die europäische Währungspolitik ist ein völlig intransparentes Geklüngel, bei dem nationale Notenbanken und "öffentliche Sektoren" allenfalls nachrangige Erfüllungsgehilfen sind. Christine Lagarde deutet allerdings ihren eigenen Traum an, doch irgendwann, nach einer scharfen Weltwirtschaftskrise, zu einer Weltzentralbank ermächtigt zu werden:
Grenzüberschreitende Maßnahmen sind von entscheidender Bedeutung, da sich der Schwerpunkt der Regulierung von nationalen Einheiten immer mehr auf grenzenlose Aktivitäten ausweitet – von der Bankfiliale vor Ort bis hin zu quantenverschlüsselten globalen Transaktionen. Aufgrund unserer globalen Mitgliedschaft von 189 Ländern ist der IWF eine ideale Plattform für diese Diskussionen. Die Technik kennt keine Grenzen […]. Wie können wir Regulierungsarbitrage und einen Wettlauf nach unten vermeiden? Es geht um das Mandat des IWF für wirtschaftliche und finanzielle Stabilität und die Sicherheit unserer globalen Zahlungen und Finanzinfrastruktur. Die Chancen und Vorteile der Zusammenarbeit sind hoch. Wir wollen keine Lücken im globalen Finanzsicherheitsnetz, so sehr es auch gestreckt und umgestaltet wird. Ich bin überzeugt, dass der IWF in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle spielen muss. Der Fonds muss aber auch offen sein für Veränderungen, vom Hinzuziehen neuer Parteien bis hin zur Prüfung einer Rolle für eine digitale Version der Sonderziehungsrechte. [@lagarde_central_2017]
Die Sonderziehungsrechte sind einer der plausibelsten Kandidaten für eine Weltwährung. Digitale Sonderziehungsrechte entsprechen aber dem völligen Gegenteil des Blockchaingedankens, es würde sich um eine absolute "Vertrauenskatastrophe" globalen Ausmaßes handeln: nämlich das Koppeln der Existenz von Milliarden Menschen an die Entscheidungen einer Institution, die prinzipiell keinerlei private Konkurrenz, keine "hard forks" (Abspaltungen), kein dezentrales Entdeckungsverfahren durch private Nutzer, Halter und Schürfer zulassen kann. Dieses Szenario, das Lagarde nun in ihrem Vortrag bestätigte, wurde schon in einem meiner Bücher beschrieben:
Das Sonderziehungsrecht […] ist eine 1969 vom IWF eingeführte künstliche Verrechnungseinheit, die nicht auf den Devisenmärkten gehandelt wird. Die Sonderziehungsrechte bestehen aus den vier wichtigsten Weltwährungen US-Dollar, Euro, Yen und britisches Pfund; der Kurs wird täglich neu festgesetzt. Sobald der Gouverneursrat des IWF entscheidet, dass es Bedarf an zusätzlicher Kapitalmarktliquidität gibt, werden den Mitgliedsländern Sonderziehungsrechte zugeteilt. Die zugeteilten Sonderziehungsrechte bedeuten ein Guthaben gegenüber dem IWF, mit dem wiederum Schulden gegenüber Gläubigerländern getilgt werden können. Alle Mitgliedsländer sind gemäß Statuten verpflichtet, Zahlungen in Form von Sonderziehungsrechten zu akzeptieren. Weitgehend unbekannt ist der Umstand, dass Sonderziehungsrechte bereits vielerorts genutzt werden. So dienen sie als Recheneinheit bei internationalen Haftungsansprüchen, in der Luftfahrt, der Schifffahrt und bei Ölunfällen auf hoher See. Auch für die Abrechnung von Zahlungen im internationalen Postverkehr oder auch für die Berechnung der Durchfahrtgebühren für den Suezkanal werden Sonderziehungsrechte genutzt. […] Eine Ausweitung der Sonderziehungsrechte und die Weiterentwicklung des IWF zur weltweiten Zentralbank käme nicht nur der Mentalität der Planer in West und Ost entgegen, sondern hätte für diese auch den Vorteil, dass die Regierungen ihre diversen Projekte weiter über eine unsichtbare Inflationssteuer finanzieren könnten. Das Wortungetüm „Sonderziehungsrecht“ klingt zudem wesentlich angenehmer als „Währungsreform“ und könnte eine solche über die Hintertür bedeuten. Politisch reizvoll wäre die Lösung vermutlich auch, nachdem im Falle einer hohen Teuerung niemand wirklich verantwortlich gemacht werden könnte, nachdem der IWF für die meisten Menschen ähnlich wenig greifbar ist wie etwa die Begriffe QE, LTRO oder OMT. [@taghizadegan_osterreichische_2014]
Doch weder Weltzentralbank, noch Bargeldabschaffung sind populäre Agenden. Da bräuchte es noch größeren Meinungsdruck, ein monetäres Pearl Harbor, oder geschickte Allianzen. Der Versuch, die Entwicklungen der Blockchain-Technik nicht frontal anzugreifen, sondern positiv aufzunehmen, kann als Vorbereitung einer neuen Allianzbildung interpretiert werden. Die zwei populärsten Strömungen, die das Legitimitätsmonopol des Währungssystems infrage stellen, sind aktuell wohl Blockchain-Enthusiasten und Vollgeld-Anhänger. Einer Bargeldabschaffung würde kaum noch populärer Gegenwind entgegenblasen, wenn diese zwei Strömungen aufgenommen würden. Und beides deutet sich aktuell an. Einerseits kann die Vollgeld-Analyse als Ermächtigung einer Zentralbank-ähnlichen Institution gedeutet werden, als Monetative, als – in den Worten Nowotnys – "vom öffentlichen Sektor kontrolliertes System". Ein von dieser Institution ausgegebenes Digitalgeld wäre in der Tat Vollgeld. Jetzt muss es nur noch gelingen, dieses Digitalgeld als cooles neues Kryptogeld darzustellen. Dann gibt es womöglich noch eine staatliche Krypto-Initiative, bei der Start-ups subventioniert werden, um die Honorare von Anwälten, Notaren und Regulierungsberatern zu bezahlen, die regulierte, legale *ICOs auflegen, um das schöne neue Digitalgeld der Untertanen gegen noch coolere Tokens einzutauschen, damit die Crowd* nachrangig die Profite von Banken sichert, die durch digitales Vollgeld nun besonders bedürftig sind.
Ein Schweizer Unternehmen ist besonders weit dabei fortgeschritten, institutionellen Akteuren Blockchain-Technik: Monetas des südafrikanischen Unternehmers Johann Gevers, der einer der wesentlichen Proponenten des sogenannten Cryptovalley ist, der Werbeschiene zur Ansiedlung von Blockchain-Unternehmen in der Schweizer Gemeinde Zug. Gevers hat schon erste Zentralbanken als Kunden gewonnen. Es ist durchaus möglich, dass die Schweiz beim Ersetzen von Bargeld durch Blockchain eine Pionierfunktion übernehmen wird. Immerhin sind in der Schweiz sowohl die Vollgeld- als auch die Blockchain-Strömung besonders stark und gut organisiert.
Gewiss, von Ersatz des Bargelds ist noch keine Rede. Der Vollgeld-Bewegung geht es um Ersatz des Giralgeldes, und Kryptogeld wird derzeit eher als Ergänzung denn als Ersatz des Bargeldes gesehen. Gerade deshalb könnte die Schweiz ein positiver Pionier sein. Die Digitalisierung des Bargeldes würde entweder die lukrative Teilreservehaltung der Banken verstärken oder die Bürger völlig dem Staat ausliefern. Blockchain erlaubt hier eine etwas bessere Option, mit erheblichen Risiken für die Bürger, aber zumindest nicht mit sofortiger totalitärer Gefahr. In der Schweiz verstehen sich die wesentlichen Institutionen noch als Dienstleister der Bürger, was freilich die Risiken nicht senkt, sondern erhöht – der Kaiser gibt sich stets wohlgekleidet. So wäre der Schweizer Weg aber auch zunächst ein vertrauensorientierter. Die Zentralbank könnte den Bürgern ein Angebot machen durch ein neues Kryptogeld, das einen neuartigen Kompromiss zwischen Anonymität, Stabilität und Kontrollierbarkeit darstellt. Die Blockchain ist an sich für solche Kompromisse ausgelegt, denn Bitcoin und die meisten anderen Altcoins sind nicht anonym, sondern pseudonym. Der Nutzer ist nicht direkt ersichtlich, kann aber mit einigem Aufwand bei jeder Berührung mit der realen Welt eruiert werden. So schützt heute schon Bitcoin die Privatsphäre besser als ein Bankkonto, aber schlechter als physisches Bargeld. Es sind technische Innovationen denkbar, die ein Kryptogeld im normalen Gebrauch peer-to-peer hinreichend anonym machen, aber Behörden eine backdoor, eine Hintertür offen lassen. Die meisten Schweizer mit ihrem großen Institutionenvertrauen würden solchen Lösungen gewiss positiv gegenüberstehen.
Gevers rationalisiert seinen unternehmerischen Erfolg so, dass auch ihm eine Hintertür offen bliebe: Er spricht (vertraulich) davon, ein Trojanisches Pferd zu schaffen. Damit meint er aber kein Hintergehen von Kunden oder Nutzern, sondern die Hoffnung, dass der Einsatz von Blockchain-Technik durch große Institutionen die Tore für einen Siegeszug dieser Technik öffnen würde. Die Hintertür besteht darin, dass die Technik und Lösungen für die öffentlichen Institutionen aus dem privaten Bereich kommen, sodass dann auch Private noch bessere Alternativen entwickeln können, die sich im Wettbewerb messen können. Wenn die Bürger noch mehr Privatsphäre wünschen, könnten sie also auf andere Lösungen zurückgreifen. Schon heute ist es möglich, durch Hin- und Herwechseln zwischen Bitcoin und Coins mit verteilten Adressen wie Monero oder Zcash die pseudonymen Spuren zu anonymisieren.
In 5-10 Jahren würden die Zentralbanken dann durch private Kryptogelder ersetzt, gibt sich Gevers optimistisch. Ob er da nicht die Netzwerkeffekte des Staates unterschätzt? Er hat aber wohl recht dabei, dass ein staatlich regulierter SwissCoin zunächst ein Gewinn wäre – vor allem für Nichtschweizer. So profitieren auch heute schon Österreicher und Deutsche davon, mit dem Papier-Franken eine Alternative zu haben. Doch unter Blinden ist der Einäugige König, und wenn er sich für allzu sehend hält, dann kann er auch auf dem anderen Auge erblinden. Für die Schweizer selbst darf die Schweizer Zentralbank nicht als konkurrierender Dienstleister gelten, sondern als monopolisierter Schurke. Unter dem Druck der anderen Papiergelder lässt sich die SNB in einem Entwertungswettlauf mitschleifen. Ein zusätzlicher Coolness-Faktor könnte da unberechtigtes Vertrauen noch weiter mehren. Die Hüterin der Stabilität könnte sich zur Hüterin der Privatsphäre aufspielen und letztere genauso verschleudern. Wahrscheinlich wäre eine schrittweise Einführung eines SwissCoin. Irgendwann werden die Banknoten dann eingezogen, wenn ihre Nutzung zurückgegangen ist. Bis die Taktik bei Nowotnys Provinzamt angekommen ist, wird sie nur noch ein dünnes Mäntelchen der Coolness sein, worunter ein neuer Tross von Anwälten, Notaren, Exbankiers, Politberatern etc. neuen Einkommensquellen frönen kann – ganz im Gegensatz zum Blockchaingedanken. So etwas zeichnet sich aktuell schon in Österreich ab: Eine Rechtsanwaltskanzlei "spezialisierst" sich gerade mit der typischen PR von Gratisveranstaltungen als Blockchainkanzlei. Sie gibt vor, ICOs zu legalisieren und bereitet in trauter Zusammenarbeit mit der Finanzmarktaufsicht eine Regulierung vor. Dabei übersieht sie zu eigenem Gunsten, dass der Vorteil eines ICO gerade darin liegt, Unternehmensfinanzierung ohne die absurd hohen Transaktionskosten der Banken, Anwälte, Behörden und Notaren durchzuführen. Bei einer riskanten Start-up-Finanzierung sind nämlich all die Regulierungsabsichten ohnehin egal: aus das staatlich kategorisierte Nachrangdarlehen bringt kein Geld, wo keines mehr zu holen ist. Ein innovatives österreichisches ICO wurde gerade im Keim abgewürgt. Nachdem die Kanzlei nicht zum Zug kam, da ihre vorgeschlagene Lösung absurd und kostspielig war, meldete sich am nächsten Tag die Finanzmarktaufsicht, deren zuständige Beamten mit dem Kanzleikontakt per Du ist – welch Zufall.
Hoffentlich trägt Gevers Szenario. Dann könnten einem solche Umtriebe hoffentlich einmal egal sein, weil sie irrelevant werden. Womöglich könnte in der schönen neuen Welt des Währungswettbewerbs dann sogar privates physisches Bargeld ein Nischenangebot werden, ganz ohne staatliches Siegel.
Die prognostizierte Gefahr gefährlicher Prognosen
Dass Digitalisierung und Automatisierung für Umwälzungen am Arbeitsmarkt sorgen, ist schon Gemeinplatz. Die meisten gehen allerdings davon aus, die Leidtragenden der Veränderungen jene mit niedrigerem Bildungsniveau sein werden. Das selbstfahrende Auto würde die unzähligen Kraftfahrer arbeitslos machen, nicht aber die Ingenieure, die dieses entwickeln, die Soziologen, die dies deuten, und die Therapeuten, die trösten. Wahrscheinlich wird es genau umgekehrt sein: Die hinter dem selbstfahrenden Auto stehende künstliche Intelligenz ersetzt eher den Akademiker als den Handwerker.
Diese Perspektive bestätigt eine Analyse von Joshua Gans über die ökonomischen Implikationen künstlicher Intelligenz. Seine Analyse beruht darauf, menschliche Wirtschaftstätigkeiten in fünf Gruppen aufzuteilen: Datenerhebung, Prognose, Beurteilung, Durchführung und Ergebniserhebung. Insbesondere die zweite Gruppe ist durch die technische Entwicklung direkt betroffen:
Künstliche Intelligenz ist im Grunde genommen eine Prognosetechnologie, sodass sich die wirtschaftliche Verschiebung um einen Rückgang der Prognosekosten drehen wird […] Der erste Effekt künstlicher Intelligenz wird darin bestehen, die Kosten von Waren und Dienstleistungen zu senken, die auf Prognosen beruhen. Dies ist wichtig, weil Prognose ein Input für eine Vielzahl von Aktivitäten ist, darunter Transport, Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Energieerzeugung und Einzelhandel. [@gans_simple_2016]
Wenn Prognose so weit gefasst wird, wie es Gans tut, dann befindet sich ein großer Teil von Berufen, die akademische Ausbildung voraussetzen in diesem Bereich. Es geht um die Anwendung abstrakterer und komplexerer Regeln, um Musterkennung und Diagnose. Dabei überschätzen akademische Berufe allerdings systematisch die Trefferquote ihrer Prognosen. Zwei Probleme zeigen sich nämlich bei menschlichen Prognosen: Bias und noise, Voreingenommenheit und mangelnde Wiederholbarkeit. Voreingenommenheit entsteht in besonders akademischen Berufen, die wenig Wechselwirkung mit der Realität zeigen – nach Nicholas Taleb dort, wo Menschen kein "skin in the game" haben und es sich deshalb leisten können "Intellectual Yet Idiot" zu sein,
jene Klasse von paternalistischen halb-intellektuellen Experten mit Zertifikat einer Eliteuniversität, die dem Rest von uns sagen, 1) was wir tun, 2) essen, 3) wie wir sprechen, 4) denken ... und 5) wen wir wählen sollen. [@taleb_intellectual_2016]
Künstliche Intelligenz könnte womöglich weniger voreingenommen sein als die menschliche – in aller Regel zeigt sie aber natürlich die Voreingenommen ihrer menschlichen Programmierer, bzw. der von Menschen definierten Optimierungsaufgabe. Ist etwa die algorithmische Nachrichtenauswahl in social streams und news feeds besser oder schlechter als menschliche journalistische Leistung? Rose-Stockwell schließt:
Der News Feed-Chefredakteur ist ein Roboter-Chefredakteur, und er ist viel besser als normale menschliche Chefredakteure. Es kann vorhersagen, worauf Sie eher klicken als jeder andere, den Sie kennen. Prof. Pablo Boczkowski von der Northwestern University nannte ihn "den größten Chefredakteur der Menschheitsgeschichte". ... Nach traditionellen journalistischen Maßstäben ist der Newsfeed-Herausgeber jedoch ein sehr, sehr schlechter Redakteur. Es unterscheidet nicht zwischen Fakten und Dingen, die wie Fakten aussehen. [@rose-stockwell_this_2017: 10]
Die Antwort auf obige Frage hängt jedoch von der eigenen Voreingenommenheit ab. Wer die Voreingenommenheit der meisten etablierten Journalisten teilt, wird dem Journalisten Rose-Stockwell zustimmen, wer eine andere Voreingenommenheit an den Tag legt, wird sich dank Internet – was heute eben immer mehr algorithmische Nachrichtenauswahl bedeutet – für besser informiert halten, weil die menschlichen Torhüter der Information zum Teil ausfallen. Egal, wie man dazu steht, unstrittig ist, dass menschliche Redakteure am Arbeitsmarkt unter der künstlichen Konkurrenz leiden. Weite Teile der herkömmlichen Presse würden ohne Subventionen nicht mehr überleben.
Voreingenommenheit ist nahezu gleichbedeutend mit Expertise. Aufgrund der notwendigen Gleichschaltung in einem Bildungssystem verbreiten sich funktionelle Methoden genauso wie kollektive Irrtümer. Taleb gibt ein gravierendes Beispiel für Voreingenommenheit unter den höchstangesehenen Experten unserer Zeit, den Ärzten:
Der berühmte, verkannte österreichisch-ungarische Arzt Ignaz Semmelweis hatte beobachtet, dass es mehr Todesfälle bei gebärenden Frauen in Krankenhäusern gab als unter den Frauen, die ihr Kind auf der Straße bekamen. Er bezeichnete die Ärzte seiner Zeit als eine Bande Krimineller – womit er recht hatte; allerdings konnten die Ärzte, die reihenweise ihre Patienten umbrachten, seine Fakten nicht akzeptieren oder ihr Handeln ändern, da er »keine Theorie« für seine Beobachtungen vorlegen konnte. Semmelweis wurde depressiv – er war außerstande, das aufzuhalten, was er als Mord einschätzte, und zutiefst abgestoßen von der Haltung seiner Zunft. Er wurde später in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, wo er ironischerweise an eben dem Hospitalfieber starb, vor dem er gewarnt hatte. [@taleb_antifragilitat_2013]
Gewiss, seither haben gerade Mediziner viel gelernt und einen erheblichen Beitrag zum Sinken der Sterblichkeit geleistet. Doch bei allem Fortschritt bleibt die zweite Problematik, die bis heute ärztliche Diagnosen trübt: Die mangelnde Wiederholbarkeit oder Streuung. Jeder Schütze kennt die Bedeutung der Streuung: Ein guter Schütze unterscheidet sich von einem schlechten nicht dadurch, immer ins Ziel zu treffen, sondern eine geringere Streuung seiner Treffer zu zeigen. Bei geringer Streuung bedarf er nämlich nur noch einer Einstellung zwischen Kimme und Korn, um das Ziel zu treffen, auch wenn man es anfangs verfehlte.
Ein Artikel von Daniel Kahnemann und anderen präsentiert erschreckende Studienergebnisse, die zeigen, dass das Problem der Streuung bei Expertendiagnosen und -prognosen höher ist als gedacht:
Forscher haben wiederholt bestätigt, dass Fachleute häufig ihren eigenen früheren Urteilen widersprechen, wenn ihnen die gleichen Daten bei verschiedenen Gelegenheiten vorgelegt werden. Beispielsweise wurden Softwareentwickler an zwei verschiedenen Tagen gebeten, die Fertigstellungszeit für eine bestimmte Aufgabe zu schätzen: Die von ihnen prognostizierten Stunden differierten im Durchschnitt um 71 Prozent. Als Pathologen zwei Beurteilungen von Biopsie-Ergebnissen durchführen mussten, war die Korrelation zwischen ihren Ratings nur 0,61 (von perfekten 1,0), was darauf hinweist, dass sie ziemlich oft inkonsistente Diagnosen erstellten. Die Urteile durch verschiedene Menschen gehen sogar noch stärker auseinander. Untersuchungen haben bestätigt, dass die Entscheidungen von Experten bei vielen Aufgaben sehr unterschiedlich sind: Bewertung von Aktien, Bewertung von Immobilien, Verurteilung von Straftätern, Bewertung der Arbeitsleistung, Prüfung von Abschlüssen und mehr. Die unausweichliche Schlussfolgerung ist, dass die Fachleute oft Entscheidungen treffen, die deutlich von denen ihrer Kollegen, von ihren eigenen Vorentscheidungen und von Regeln abweichen, die sie selbst zu befolgen vorgeben. […] Das vielleicht enttäuschendste Ergebnis: Erfahrung scheint das Rauschen nicht zu reduzieren. […] In den letzten 60 Jahren sind Menschen in mehreren hundert Genauigkeitswettbewerben gegen Algorithmen angetreten, die von der Vorhersage der Lebenserwartung von Krebspatienten bis hin zur Vorhersage des Erfolgs von Doktoranden reichen. Algorithmen waren in etwa der Hälfte der Studien genauer als die menschlichen Fachleute und in der anderen Hälfte ungefähr gleich genau. […] Unterm Strich heißt das: Wenn Sie einen Algorithmus zur Reduzierung des Rauschens verwenden wollen, müssen Sie nicht auf Ausgangsdaten warten. Sie können die meisten Vorteile nutzen, indem Sie mit gesundem Menschenverstand Variablen auswählen und die einfachste Regel verwenden, um sie zu kombinieren. Studien haben gezeigt, dass der Mensch zwar nützliche Inputs in Formeln liefern kann, dass Algorithmen aber in der Rolle des endgültigen Entscheidungsträgers besser abschneiden. [@kahneman_noise_2016]
Der "gesunde Menschenverstand" bleibt als Meta-Beurteiler unersetzbar, doch all jene "ungesunden" Automatismen menschlicher Regelbefolger werden den zuverlässigeren digitalen Regelbefolgern nach und nach weichen. Gans prophezeit, dass, da die Prognosekosten sinken, die Nachfrage nach Urteilsvermögen steigen wird [@gans_simple_2016, 2]. Das liegt daran, dass Urteilsvermögen eben der notwendig komplementäre Produktionsfaktor zur Prognose sei. Ähnlich war es zuvor bei der Arithmetik gewesen:
Mit Halbleitern können wir billig rechnen, sodass Aktivitäten, bei denen die Arithmetik eine wichtige Rolle spielt, wie Datenanalyse und Berechnung, deutlich günstiger wurden. Wir haben aber auch damit begonnen, die nun erschwingliche Arithmetik zu nutzen, um Probleme zu lösen, die historisch keine arithmetischen Probleme waren. Ein Beispiel ist die Fotografie. Wir haben uns von einem filmorientierten, chemiebasierten Ansatz zu einem digital orientierten, arithmetisch basierten Ansatz gewandelt. Andere neue Anwendungen für billige Arithmetik sind Kommunikation, Musik und Medikamentenforschung. [@gans_simple_2016, 1]
Wenn Prognose günstiger wird, werden also immer Probleme als Prognoseprobleme behandelt. Eine Folge könnte ständige und alles durchdringende Diagnose sein, insbesondere im engeren ärztlichen Sinne:
Zum Beispiel, wenn die Vorhersage billig ist, wird die Diagnose häufiger und bequemer sein, und so werden wir viel mehr frühzeitige, behandelbare Krankheiten erkennen. Das bedeutet, dass mehr Entscheidungen über die medizinische Behandlung getroffen werden, was eine größere Nachfrage nach der Anwendung von Ethik und emotionaler Unterstützung durch den Menschen bedeutet. [@gans_simple_2016: 2]
Das Problem, das Gans hierbei übersieht, sind die "false positives": Wer ständig sucht, findet irgendwann Dinge, die gar nicht da sind. Wenn in einem von Tausend Fällen durch eine Verkettung unglücklicher Umstände eine Fehldiagnose getroffen wird, diese Diagnose aber bei Milliarden Menschen durchgeführt wird, werden Millionen Menschen Fehlbehandlungen unterworfen, deren Risiko in Summe den Vorteil für diejenigen übertreffen kann, bei denen die Diagnose richtig war. Taleb warnt vor solcher iatrogener Krankheit, das heißt, Krankheit als Folge fehlgeleiteter Heilungsversuche. Er geht so weit, sarkastisch zu empfehlen:
Wenn Sie den Tod eines Mitmenschen beschleunigen wollen, bezahlen Sie ihm einen Leibarzt. […] In sehr vielen Fällen (bei leichteren Krankheiten) wird Ihnen alles helfen, was Sie davon abhält, zum Arzt zu gehen, und Sie stattdessen ermächtigt, nichts zu tun (und damit der Natur die Möglichkeit gibt, ihre Arbeit zu machen). […] Immer wieder stößt man in Tempeln auf Inschriften mit dem Grundtenor: Apollo hat mich gerettet, meine Ärzte versuchten, mich umzubringen. [@taleb_antifragilitat_2013]
Je mehr Daten erhoben werden, desto größer das Problem der Datenbewertung. Dass sich aus vergangenen Daten die Zukunft nicht extrapolieren lässt, liegt nicht an der mangelhaften Begabung des Menschen für Datenauswertung – auch künstliche Intelligenz kann keine Kausalität schaffen, wo sie nicht determiniert ist. Als Hilfsmittel wäre es zwar großartig, präzise Maßzahlen für die Wägbarkeiten zu erhalten. Diese Präzision täuscht aber stets über das Unwägbare hinweg. Taleb weist etwa auf folgende Wirkung von Prognosen hin:
Es gibt zahlreiche empirische Belege für den Effekt, dass jemand, dem eine zufällige numerische Prognose angeboten wird, eine erhöhte Risikobereitschaft an den Tag legt, und zwar selbst dann, wenn er weiß, dass die Hochrechnungen zufällig sind. [@taleb_antifragilitat_2013]
Zugleich wächst in einer dauerdiagnostizierten Gesellschaft der Risikoeindruck. Gerade dann, zwischen erhöhter Risikobereitschaft und erhöhter Risikowahrnehmung, wird Urteilsvermögen besonders wichtig, wohl lebenswichtig. Dieses Vermögen besteht gerade darin, nicht alle Diagnosen und Prognosen ernst zu nehmen, mit Unwägbarkeiten und Ungewissheiten fruchtbar umzugehen und sich das Leben nicht von zahlenspeienden Algorithmen aus der Hand nehmen zu lassen. Auf dem Weg dahin werden, durch die schwindende Bedeutung der Akademiker, hoffentlich genügend Ressourcen frei, dieses Urteilsvermögen aufzubauen. Dann wird die künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz nicht ersetzen, sondern auf ein neues Niveau heben. Mein Algorithmus beziffert die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios mit 54,321 Prozent – die Tugend der Hoffnung auf drei Nachkommastellen. Oder die Tugend, nicht alles so ernst zu nehmen wie es klingt?
Private Zensur im Digitalen?
Der Massenzugang zum Internet schien der große Befreiungsschlag der Information zu sein. Endlich ließen sich die Torwärter des Wissens umgehen. Roland Baader hatte früh erkannt: "Das Internet ist eine große Chance: Wenn sich die Wahrheit unsubventioniert verbreiten kann, schlägt sie die subventionierte Lüge." Nun ist ein neuer Kampf um die freie Information entbrannt. Die alten Schwellen sind nivelliert, doch neue werden errichtet. Nicht mehr der Staat engagiert sich als Zensor, sondern offenbar private Unternehmen. Auf den großen internationalen Plattformen der digitalen Information wie facebook und twitter regiert eine immer strengere Politik: Sperren und Löschungen nehmen zu. Auf der einen Seite wird dies als unangenehme Pflicht angesehen, um die Räume des Diskurses vor Trollen und Hasspredigern zu schützen, vor Intoleranten, für die keine Toleranz gelten darf. Auf der anderen Seite sehen sich vermeintliche Warner und Aufklärer verfolgt und mundtot gemacht. Handelt es sich tatsächlich um Zensur? Warum nimmt das Löschen und Sperren zu? Gegen wen richtet es sich und wer steckt dahinter?
Privaten Unternehmen Zensur vorzuwerfen, ist problematisch. Digitale Plattformen mit großem Durchdringungsgrad unterscheiden sich zwar grundsätzlich von privaten Anlässen und Foren. Doch die Teilhabe an diesen Plattformen ist freiwillig, sogar kostenlos, daher lässt sich kaum eine Verpflichtung der Betreiber ableiten, jede Information gleich bereitwillig zu verbreiten. Gewiss, die Netzwerkeffekte sind groß. Eine Überbetonung des Unterschieds von populären Plattformen zu anderen Medien würde aber jene "Öffentlichkeit" suggerieren, die manche nach einer Verstaatlichung oder staatlicher Aufsicht rufen lässt. Der Zensurvorwurf an Private nährt damit unabsichtlich die Einladung staatlicher Zensur.
Nach üblichen Maßstäben des Rechts ist es weit schlimmer, falsche Information zu verbreiten, als Information vorzuenthalten – denn einen Anspruch auf völlige Transparenz gibt es allenfalls gegenüber Gewaltakteuren, nicht gegenüber Privaten. Schon aus Gründen der Vorsicht werden private Plattformen also dazu neigen, eher zu viel als zu wenig zu löschen. Zudem agieren digitale Medien meist als Erfüllungsgehilfen des Staates – so wie jedes andere Unternehmen, dass der Gesetzeslage an seinem Standort unterworfen ist. Unternehmen übernehmen gezwungenermaßen die Rolle von Zensoren, so wie sie die Rolle von Finanzbeamten übernehmen.
Vielmehr erstaunt, dass die großen Betriebe der digitalen Information weiter gehen als es ihnen die Staaten vorschreiben. Twitter sperrt mittlerweile Benutzerkonten nicht mehr nur nach konkretem Fehlverhalten, sondern nach politischen Ansichten. Jene, die sich "rechte" Meinungen zuschulden kommen lassen, werden hochkant hinausgeworfen. Was erklärt diese Eskalation?
Die "Viralität" von antielitären Ansichten überrascht und erschreckt viele. Das bedeutet, dass es größere, digital affine Kreise gibt, welche die bisherige Deutungselite negativ spiegeln – oder, wie man im Digitalen sagt, "trollen". Die "shitstorms" führen mittlerweile zu einem "blowback", um zwei englischsprachige Bilder zu verwenden. Meinungen, die dem kosmopolitischen Nachkriegskonsens zuwiderlaufen, führen zu scharfen, medial selbstverstärkten Verurteilungen durch die medialen Erziehungsberechtigten – durchaus mit guter, wenngleich elitärer Absicht, das Volk vor sich selbst zu beschützen, nämlich diesen alles in allem friedlichen und lukrativen Konsens nicht aufzukündigen. Die Selbstverstärkung jedoch, sobald das Vertrauen in die Eliten brüchig wird, führt zu negativer Spiegelung als Trotzreaktion. Die Verurteilungen nähren plötzlich Stolz, Popularität, Solidarisierung. In den USA sind die "shitstorms" von der anderen Seite schon nahezu ebenbürtig. Mitglieder der Deutungselite sind nun ganz erschrocken, wie leicht Internet-Mobs auch ihre Existenzen ruinieren können – etwas, das zuvor nur den Medien-Mobs vorbehalten war. So kommt es zum Überschießen auf beiden Seiten. Mittlerweile ist nicht mehr auszuschließen, dass im zugespitzten Meinungskampf zwischen vermeintlichen "Anti-Faschisten" und "Faschisten" letztere den viralen Erfolg erzielen und mehr Klicks und Likes erwirtschaften. In der konkreten Realität wäre das allenfalls einen Lacher, vielleicht ein bisschen Scham wert, in der aufgeblähten Meinungsblase aber geht es nun plötzlich um Zivilisation oder Barbarei. Alle fürchten sich vor den Interpretationen und Konnotationen der sich selbst spiegelnden und bestärkenden Meinungsfetzen.
Ein solcher Meinungskampf, bei dem die gegensätzlichen Likes nicht mehr friedlich nebeneinander bestehen, beschädigt die Absatzmöglichkeiten. Die Grundlage von Facebook, Amazon, Google etc. ist, dass ein Massenpublikum in seinen zwar grundverschiedenen, aber nicht antagonistischen Vorlieben durch ein Unternehmen hochskaliert bewirtschaftbar ist. Nun jedoch werden Amazon-Rezensionen, Facebook-"Likes" und das Anklicken von Google-Anzeigen zu Waffen im Meinungskampf, anstatt neutrale Information über die jeweiligen Konsumpräferenzen zu sein. Das ist schlecht für das Geschäft. Wirtschaftliche Anreize führen daher zu jenen Interventionen, welche die parallel bewirtschaftbaren Filterblasen vor ihrem Platzen bewahren sollen.
Die kommerzielle Notwendigkeit dieser "Diskursbereinigung" führt allerdings dazu, dass die elitären Reaktionen legitimiert werden, was Übertreibungen nährt. Damit untergraben sie letztlich die kommerzielle Absicht: Je weiter die digitalen Plattformen Teile der Bevölkerung abdrängen, desto eher zerstören sie ihre materielle Basis: die Netzwerkeffekte. Eine politisch gesäuberte Plattform einer elitären Oberschicht hat weit geringeren Werbewert als eine Plattform, die auch all den dummen, hetzenden, ungebildeten Untertanen Raum bietet. Die Eskalation zwischen Eliten, die das Vertrauen verspielt haben, und "Trollen", die noch kein Vertrauen verdient haben, lässt sich nicht durch Filtern und Löschen befrieden.
Risiko im Container
Wenn in einem Niedrigzinsumfeld hohe Rendite erzielt werden können, so sind diese ebenso verlockend wie verdächtig. Dank der Ungewissheit im menschlichen Handeln sind einzig Unternehmerrenditen potentiell unbeschränkt (wenn wir politische Beutezüge beiseite lassen), doch bieten diese kein sicheres Einkommen, dafür die hohe Wahrscheinlichkeit eines Totalverlusts. Die Sehnsucht nach hohen, aber prozentuell festen Renditen adressieren zahlreiche alternative Anlageprodukte, einige davon, wie etwa P2P-Kredite und Crowdinvesting, wurden hier schon kritisch beleuchtet.
Eine relativ neue Alternative sind Beteiligungen an Containern voll mit Importware. Containerinvestments gibt es schon länger am Markt, mit sehr durchwachsener Bilanz für Anleger. Das Containergeschäft ist extrem zyklisch. Neu ist die Finanzierung eines durch den Anleger wählbaren Inhalts, wobei sich theoretisch mehrere Kleinanläger den Container und die Transportkosten für ein bestimmtes Warenvolumen teilen. Die Auswahl der Waren durch die Anleger senkt wie bei Mikrokrediten die Auswahl der Kreditnehmer das subjektive Risikoempfinden.
Das Unternehmen "Container-Angel" bietet etwa Investitionen in asiatische Möbel an. Die tiefen Preise asiatischer Produzenten, Folge niedriger Kosten und verzerrter Wechselkurse, versprechen hohe Renditen. Zwar sind die hiesigen Märkte schon länger mit asiatischer Billigware überschwemmt, dennoch das Maximum ist gewiss noch lange nicht erreicht. Insbesondere bei Möbeln überwiegen noch europäische Bausätze und Handwerkserzeugnisse. Das liegt daran, dass der Transport von Möbeln aufgrund der Größe schwierig ist. Asiatische Möbel liegen noch kaum in Bausätzen vor, meist sind sie Vollholzerzeugnisse. Zudem verknappt der Holzmangel in Ostasien das Angebot.
Erst langsam kommt der deutsche Käufer im Internet an und ist noch ganz beeindruckt von den sich bietenden Schnäppchen. Das erklärt wohl auch den Hype um das sogenannte Drop Shipping. Es erweist sich als lukrativ, bei asiatischen Waren reine Internet-Arbitrage durchzuführen: Diese Waren werden auf europäischen Seiten feilgeboten und erst, nachdem ein Käufer angebissen hat, auf Seiten wie AliExpress bestellt – wobei die Adresse des Käufers schlicht als Empfänger eingegeben wird. Der Käufer hätte selbst auch zu einem Bruchteil des Preises bei AliExpress bestellen können, doch Marketing erhöht den Wert – das "Schnäppchen" im Facebook-Stream ist näher beim Konsumaffekt und daher um ein Vielfaches wertvoller als die selbstgesuchte Ware. Der Nachteil sind lange Wartezeiten, denn die Ware macht sich nun nach der Bestellung auf dem Seeweg von China bis zum heimischen Postkasten auf, was Monate dauert. Das steht aber allenfalls im Kleingedruckten. Oft vergessen dann die Käufer gar auf die Bestellung, was die für den Vermarkter erfreuliche Nebenfolge hat, dass weniger Reklamationen eingehen.
Hohe Renditen sind also durchaus plausibel, die Frage ist nur, wie lange sie bestehen. Reine Arbitrage kann auch leicht wegarbitriert werden. Dass die Spannen geringer werden zeigen steigende Facebook-Preise für Stichwörter, die besonders lukrative Preisspannen im Drop Shipping versprechen. Der Wettlauf um die Leads zu konsumwütigen Smartphone Junkies nährt vor allem die großen Plattformen, bei hochskalierendem (viralen) Konsum sind aber auch für Händler schnelle Reichtümer möglich.
Gewiss ist eigener Transport von Vorteil für die Rentabilität, doch Lagererhaltung erhöht das Risiko. Drop Shipping hat den Vorteil extrem geringer Risiken, darum ist es erstaunlich, dass solche Arbitragemöglichkeiten noch bestehen. Vermutlich geht es den meisten Europäern noch zu gut, um unternehmerisch Preisdifferentiale zu erkennen und abzutragen. Durch Import asiatischer Waren, bei gutem Marketing und damit schnellem Warenumsatz, bei Senkung der Transportkosten durch Skalierung, und guter Warenauswahl ist also durchaus Platz für Renditen weit über den aktuellen Nullzinsen.
Das Angebot von Container-Angel ist eigentlich eine Anleihe, die Emittenten nennen sie "Realwertanleihe". Das Gesamtinvestitionsvolumen sind bescheidene 250.000 EUR, die Mindestanlagesumme 5.000 EUR, die Laufzeit ein bis zwei Jahre. Versprochen wird eine Verzinsung von zehn Prozent. Als "Sicherheiten" führt der Anbieter an:
Ihre Investition ist entweder auf Ihrem Konto oder in Waren investiert. Sie haben die volle Kontrolle über den Saldo auf Ihrem Konto. Entweder Sie zahlen sich selbst aus oder Sie reinvestieren wieder in einen Container. Wenn Sie in einen Container investiert haben, ist Ihre Ware immer, entweder in der Logistik oder sie befindet sich in einem unserer Lager. Ihre Ware ist immer gegen alle Möglichkeiten, wie Diebstählen/ Beschädigungen/ Feuer etc. versichert. Somit ist Ihrer Ware zu jederzeit abgesichert. Sollten z.B. auf Grund einer Rezession die Aktienmärkte abstürzen, ist der ContainerAngel immer noch im Besitz seiner Ware, die versichert ist und weiterhin zum Verkauf angeboten wird.
Die Kernfrage bei solchen Anlagen ist aber stets: Warum zahlt ein Unternehmen so hohe Zinsen in einem Nullzinsumfeld? Wenn die Waren wirklich so attraktiv sind, müsste doch der vorhandene Cashflow irgendeine Bank überzeugen, Liquidität zuzuschießen. Banken erfordern allerdings echte Sicherheiten und Lagerbestände der eigenen Handelsware, auch wenn diese selbstverständlich versichert sind, fallen nicht darunter. Der Grund dafür,unter Umgehung der Banken das Glück bei der Crowd zu versuchen, liegt trotzt höherer Verzinsung bei höherer Rentabilität. Doch hat auch der Anleger etwas davon?
Die Eigenkapitalerfordernisse für Bankkredite schränken die Möglichkeiten ein, Profite zu hebeln. Bei einer Crowdfinanzierung ist es möglich, das gesamte aufgestellte Geld direkt profitabel einzusetzen, ohne selbst Risiko zu tragen. Die hohen Renditen aus der Arbitrage sind hochriskant: jederzeit können Konkurrenten die Preise drücken. Skalierter Transport und Lagerung erhöhen die Spannen, aber zugleich massiv das Risiko.
Ist das hohe Risiko hinreichend durch zehn Prozent Verzinsung abgegolten? Die Handelsspannen für die Vermarktung asiatischer Waren liegen bei mehreren hundert Prozent. Das Risiko des Totalausfalls aufgrund der Nachrangigkeit solcher Anleihen ist, wie schon in der Scholie über Crowd-Anlage analysiert, einen solchen Zinssatz wohl nicht wert.
Der Gründer von Container Angel, Frederik Lipper, schlitterte mit seinem vorherigen Möbelvertriebsunternehmen bereits einmal in die Insolvenz. Das spricht zwar nicht gegen seine unternehmerische Begabung, führt doch die Möglichkeit des Totalausfalls deutlich vor Augen. Schon bei den etwas weniger riskanten klassischen Container-Beteiligungen, die bereits vor 30-40 Jahren aufkamen, haben viele alles verloren.
Mit dem selbst zusammenstellbaren virtuellen Warenbestand für den "eigenen" finanzierten Container nutzt Container Angel einen psachologischen Trick vieler Mikrokreditanbieter. Dort zeigt die Erfahrung, dass die Transaktionskosten für eine solche Individualisierung zu hoch sind – eigentlich handelt es sich nur um Schein-Individualisierung. Wer sich selbst bei der Warenauswahl versuchen will, der kann sich risikofrei beim Drop Shipping versuchen. Ohne Marktverzerrung hätten sich die Renditen dabei allerdings schon längst null angenähert, und werden irgendwann wohl auch verschwinden.
Das Geschäftsmodell von Container Angel ist Vermarktung, bislang fällt aber nur die Vermarktung gegenüber den Anlegern ins Auge. Das ist ein ungünstiger Indikator. Gewiss wollen sie sich nicht in die Karten blicken lassen (und schreiben das auch auf ihrer Seite), weil jeder Profit sofort durch Nachahmer wegarbitriert werden könnte. Dch das macht die Anlage noch riskanter: Der Anleger kann nicht erkennen, ob das Unternehmen überhaupt leisten kann, was es behauptet, nämlich europäischen Kunden asiatische Billigmöbel etwas teurer anzudrehen.
Das Finanzierungsmodell von Container Angel könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Renditen im verbliebenen typisch westlichen Geschäftsmodell volatiler werden und eines Tages schwinden könnten: nämlich fernöstliche Waren durch Vermarktung oder Fertigstellung aufzuwerten. Die Werte in diesem Geschäftsmodell sind jedenfalls nicht "realer" als in anderen Branchen. Gewiss stiftet Vermarktung Wert. Gegen das Teilen von Containern ist auch wirklich nichts einzuwenden. Doch die wisdom of crowds scheint auch hier nicht gefunden. Das Risiko wird auf die Crowd ausgelagert – bis es greift, sind einige hochrentable Jahre aber durchaus noch möglich. De facto erteilt der Anleger einen Kredit, der mit den Waren "besichert" ist, für die er aufgewandt wird – trägt also das volle Geschäftsrisiko. Da kann der Anleger gleich selbst Unternehmer werden. Der Versand eines Containers aus Fernost kostet zuzüglich Lagerung der Ware (etwa mittels Fulfilment bei Amazon) deutlich weniger als die hier geforderte Mindestanlage.
Soziale Süchte
Jene Generation, die gerade auf den Arbeitsmarkt kommt, ist gewiss entgegen des Kollektivbegriffs der Millenials ziemlich heterogen. Doch häuft sich der Eindruck, dass einer kleinen Zahl von besonders Engagierten ein größerer Teil mit erheblichen Produktivitäts- und Konzentrationsmängeln gegenübersteht. Der Verdacht liegt nahe, dass diese Mängel dem Lebensstil der digital natives geschuldet sind. Lauter werden die Stimmen, die hier eine Aufmerksamkeitsökonomie am Werke sehen, bei der unternehmerischer Wettbewerb die Attraktivität digitaler Angebote über ein Maß hinaus verstärkt, dem der Wille noch standhalten kann. Diese Perspektive ist verheerend, weil sie Verantwortung weiter abgibt, und damit die Verantwortungslosigkeitsspirale nährt, die das eigentliche Problem einer allfälligen Aufmerksamkeitsspirale wäre. Doch sehen wir uns zunächst an, was für diese Perspektive spricht.
Nach dem aktuellen Wissensstand über Suchtverhalten sind digitale Aufmerksamkeitsspiralen in der Tat den Suchtphänomenen zuzuschreiben. Sucht entsteht über die wiederholbare Verstärkung positiver physischer und psychischer Empfindungen. Es sind nicht die chemischen Inhaltsstoffe eines Suchtmittels, die direkt abhängig machen, sondern in der Regel körpereigene Ausschüttungen von z.B. Dopaminen, die Gewohnheiten positiv verstärken. Sucht ist also ein eingeübter Prozess, nicht das unentrinnbare Schicksal willenloser Zombies, sondern eine "gewollte Wiederholung, die zu tiefem Lernen führt" [@lewis_biology_2015: 189]. Nicht zuletzt deshalb ist der „Krieg gegen Drogen“ falsch. Illegale Drogen sind nur eine kleine Untergruppe von Gütern, deren Konsum gewohnheitsbildend ist, sofern man bewusst die Verankerung zwischen positiver Empfindung und Handlungsweise zulässt.
Im digitalen Bereich wirken insbesondere zwei in den menschlichen Instinkten biologisch eingeschriebene Positivsignale, die einst für das Überleben besonders wichtig waren: auf der einen Seite das Bedürfnis nach Neuigkeiten, auf der anderen Seite das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung. Schon bei Kleinstkindern ist die gemütserhellende Wirkung von Signalen dieser Art offensichtlich. Neues zieht die Aufmerksamkeit magisch auf sich, genauso wie anerkennende Interaktion. Bislang lag es bloß nicht in unserer Hand, durch einen einfachen Konsumakt bereits die genussfertige Neuigkeit oder Anerkennung zu produzieren. Das Erkennen des Neuen erforderte Neugier, also konzentrierte Aufmerksamkeit, und die Anerkennung war die Frucht mühsam aufgebauten sozialen Kapitals. Diese Produktionsstruktur der Aufmerksamkeit ist nun arbeitsteiliger um den Preis geringerer Authentizität, wir können Neuigkeit und Anerkennung konsumieren, ohne selbst viel dafür zu tun.
Bei immer mehr Menschen zeigen sich eindeutige Suchterscheinungen: Durch Mausklick lassen sich Streams aktualisieren, die weitere Neuigkeiten und Anerkennung bringen. Die frische dopaminergische Ausbeute wird meist noch in der Signalfarbe rot angezeigt: Neue Messages, neue Likes, neue Notifications. Oder die Streams sind bereits selbstaktualisierend, wie etwa bei YouTube, wo eine Spirale an immer neuen, automatisch aufeinanderfolgenden Videos aktiviert werden kann. Dies spielt in die Hand der menschlichen Tendenz zum delay discounting, sprich "sofortige Belohnungen höher als langfristige Vorteile zu bewerten" [@lewis_biology_2015: 100].
Die körpereigene Belohnung der Aufnahme von Neuigkeiten und Anerkennung war für unser Überleben wichtig, weil der Mensch als schwaches, nacktes Tier besondere Wachsamkeit und Kooperationsfähigkeit benötigt, um die biologischen Mängel auszugleichen. Einerseits bindet unser an diesen Aufgaben angeschwollenes Hirn Überlebensenergie, andererseits erlauben diese neuen Fähigkeiten auch Schwäche oder energetische Unterdotierung des rein Körperlichen. Das ist gut so, das geistige Potential des Menschen übertrifft nicht nur sein eigenes körperliches Potential in unvergleichlicher Höhe, sondern auch das körperliche Potential aller anderen Tiere. Menschen schlagen alle tierischen Rekorde durch Geisteskraft.
Der Geist zeigt aber auch ein großes Problem, das die Menschheit bis heute kaum bewältigt, oder auch nur verstanden hat: Freiheit. Als politische Phrase klingt sie großartig und erstrebenswert, wird dabei aber als Konsumgut interpretiert. Tatsächlich ist Freiheit eine unglaubliche Herausforderung, welche die schwere Bürde der Verantwortung notwendig mit sich bringt. Digitale Formen der Kommunikation und Kooperation sind als Werkzeuge geniale Ergebnisse der Geisteskraft und absichtsvollen Tätigkeit von Millionen von Menschen, die diese neue Infrastruktur schufen und am Leben halten. Wie jedes Werkzeug hebeln sie menschliches Potential – nach oben, wie nach unten. Das Spektrum wird größer: Die Massenkommunikation hat eine ähnliche Gegenseite wie die Massenvernichtung durch die geniale menschliche Kontrolle der materiellen Welt bis hinunter auf die atomare Ebene.
Die mit Werkzeugen verbundene Verantwortung kann man nun einseitig auf die Anbieter übertragen. Es scheint zunächst plausibel, Schöpfer für ihre Schöpfung zu verantworten. Ehemaliger Google-Designer Tristan Harris bekennt, dass viel genutzte Webseiten und Apps durchaus genau wissen, welche Signale sie an die menschliche Psyche senden. So appelliert bespielsweise das Konzept des Netzwerkens, genutzt von LinkedIn und dergleichen, an das Verlangen nach sozialer Anerkennung im Menschen, und garantiert so maximale Aufmerksamkeit [@bosker_binge_2016]. Dies geschehe mit erschreckend einfachen Mitteln, die sich hauptsächlich im Unterbewusstsein des Websurfers abspielen. Wo die Technologie uns als Werkzeug dienen sollte, wäre der Knecht zum Herren geworden, und es sei an der Zeit, diese Kontrolle nun zurückzuerlangen. Harris fordert somit eine Neuausrichtung der digitalen Welt, damit der Nutzer wieder zum "freien Agenten" werde, der das Digitale bewusst und maßvoll nutzt.
Dazu ruft er die Designer digitaler Anwendungen zu Verantwortungsübernahme auf und fordert von ihnen, einen sogenannten "Hippokratischen Eid" von nun an abzulegen [@bosker_binge_2016: 2]. Dies beschreibe eine neue Verpflichtung zu einer Art der Webgestaltung, die nicht "menschliche Grundbedürfnisse bloßlegt" und somit nicht aggressiv darauf ausgelegt sind, zu Abhängigkeit zu führen [ibid.]. Die Befolgung dieses einschränkenden Eides könnte durch Qualitätssiegel angezeigt werden. Die Einschränkung läge darin, Aufmerksamkeitsauslöser zu vermeiden, oder sie dem Betrachter immerhin offenkundiger ins Bewusstsein zu rufen. Schleichend Zeit zu rauben hätte etwa durch Erinnerungsmeldungen ein Ende, die dem App-Nutzer aufzeigen könnte, wie lange er sich mit der jeweiligen App bereits beschäftigt.
Eine Konsequenz dieser allzu einseitigen Verantwortungsübertragung ist schließlich der Ruf nach Interventionen. In Analogie zur Tabakindustrie müsste dann bei jedem Klicken eines Like-Button auf Facebook ein Warnfenster aufgehen mit einer abschreckenden Botschaft. Denkbar wäre das Bild eines verwahrlosten Digitalsüchtlers oder Aufnahmen der Hirnumformungen.
Das menschliche Hirn ist plastisch und verändert sich durch Verhaltensweisen. Bei Süchten kommt es durch selbstverstärkende Gewohnheiten zur Verkleinerung der Areale, die für Motivation und Entscheidung verantwortlich sind. Da das meiste menschliche Potential im Geistigen liegt, sind digitale Medien „gefährlicher“ als Zigaretten und Alkohol. Gewiss nur im irreführenden Sinne des paternalistischen Interventionismus. Werkzeuge sind nicht gefährlich, sondern menschlicher Missbrauch. Nicht einmal Waffen töten, sondern Menschen. Zigaretten sind ungefährlich, denn sie rauchen sich nicht von selbst. Ein konsequenter Paternalismus müsste totalitär werden, er müsste alle Konsumentscheidungen überwachen und Zwangsaskese verordnen. Zucker wirkt beispielsweise genauso wie Suchtmittel und schädigt zudem den Organismus. Die allergrößte Gefahr für Menschen geht aber von anderen Menschen aus, insbesondere jenen, die als Herrenmenschen Umerziehungsprogramm planen.
Obamas herablassender Spruch gegenüber Unternehmern „You didn‘t build that“ – Du hast es nicht geschaffen – hat einen wahren Kern. Im Gegensatz zur neidpolitischen Intention ist zwar in der Tat unternehmerische Schöpfungskraft kausales und primäres Element der Wohlstandsschaffung, doch jede menschliche Schöpfung ist co-creation, Mitschöpfung, nicht Alleinschöpfung. Unternehmertum im Rahmen einer Marktwirtschaft ist in enge Bahnen diszipliniert: nämlich jene, die Konsumenten vorgeben. Neue Produkte sind komplexe Kooperationsergebnisse, bei denen der Wettbewerb Schnelligkeit, Effizienz und Empathie belohnt, aber nicht die Ergebnisse allein vorbestimmt. Ludwig von Mises fasste diese Perspektive wie folgt zusammen.
Die Menschen trinken nicht Alkohol, weil es Bierbrauereien, Schnapsbrennereien und Weinbau gibt; man braut Bier, brennt Schnaps und baut Wein, weil die Menschen geistige Getränke verlangen. Das „Alkoholkapital“ hat weder die Trinksitten noch die Trinklieder geschaffen. Die Kapitalisten, die Aktien von Brauereien und Brennereien besitzen, hätten lieber Aktien von Verlagsbuchhandlungen erworben, die Erbauungsbücher vertreiben, wenn die Nachfrage nach geistlichen Büchern stärker wäre als die nach geistigen Getränken. Nicht das „Rüstungskapital“ hat den Krieg erzeugt, sondern die Kriege das „Rüstungskapital“. Nicht Krupp und Schneider haben die Völker verhetzt, sondern die imperialistischen Schriftsteller und Politiker. Wer es für schädlich hält, Alkohol und Nikotin zu genießen, der lasse es bleiben. Wenn er will, mag er auch trachten, seine Mitmenschen zu seiner Anschauung und Enthaltsamkeit zu bringen. Seine Mitmenschen gegen ihren Willen zur Meidung von Alkohol und Nikotin zu zwingen, vermag er in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, deren tiefster Grundzug Selbstbestimmung und Selbstverantwortung eines jeden Einzelnen ist, freilich nicht. Wer es bedauert, daß er andere nicht nach seinen Wünschen lenken kann, der bedenke, daß andererseits auch er selbst davor gesichert wird, den Befehlen anderer Folge zu leisten. [@mises_gemeinwirtschaft_1922: 437f]
Diese Perspektive darf man auch nicht überdehnen, um den Unternehmer gänzlich aus der Verantwortung zu entlassen. Doch sie relativiert die Gegenübertreibung, den Unternehmer zum Diktator über willenlose Marionetten zu erklären. Tatsächlich bedeutet Marktwirtschaft ständige Koordination und Kooperation, nicht Diktat. Allerdings besteht die Marktwirtschaft im eigentlichen Sinne nicht mehr, wir leben heute in massiv monetär verzerrten Mischwirtschaften. Trotzdem bleibt die Essenz der Kooperation unter Fremden, dass sie sich über die Ziele nicht einig sein müssen und sich nur bei den Mitteln treffen.
Digitale Medien sind Mittel und nicht Selbstzweck oder Zweckdiktat, wenngleich sie durch die heutigen Verzerrungen überdehnt und bedenklich verbogen sind. Der marginale Unternehmer, der sein digitales Angebot dopaminergisch intensiver gestaltet, wirkt als Agent einer von (monetär verschobenen) Kunden gewollten Neuanpassung der Produktionsstruktur.
Unter diesem marginalen Konkurrenzdruck leiden etablierte Medien und Verlage. Doch auch diese sind kein Selbstzweck. Es ist überhaupt nicht gewiss, ob das Informationsprodukt, das durch Prestige und mangelnde Dynamik längere Aufmerksamkeitsspannen hält, die Menschen besser macht. Die Verantwortungslosigkeit, die Kurzfristigkeit, der Kapitalkonsum – was sich alles symptomatisch natürlich auch in den digitalen Medien zeigt – wurde in analogen Zeitungen und Büchern herbeigeschrieben und legitimiert. Das Digitale zeigt nur größere Selbstverstärkung, was den Vorteil hat, dass Entwicklungen schneller sichtbar sind und sich auch eher zu Tode laufen können.
Die digitalen Angebote sind neue Herausforderungen für unsere Freiheit. Sie können Werkzeuge der Selbstzerstörung und Fremdversklavung sein. Eine Hochkultur kultiviert Werkzeuge. Sie kann sogar mit Nikotin, Alkohol, bewusstseinsverändernden Substanzen einen produktiven, potential-steigernden Umgang entwickeln. Gesundheit ist nicht der höchste Lebenszweck, denn der Körper ist eben das Uninteressanteste am Menschen. Dass die digitalen Medien in einer Zeit des kulturellen Kapitalkonsums aufkommen, mag sie besonders auszeichnen. Das ist aber Zufall. Gewiss haben sie als neuer Hype in einer enthemmten Gesellschaft, der kulturelle Stützen fehlen, dramatische Auswirkungen, die vermutlich noch unterschätzt sind. Wahre Freiheit wächst aber an der Herausforderung. Die marginalen Mitläuferunternehmer, die kokreativ die letzten Aufmerksamkeitsreserven einer Bewirtschaftung zuführen, werden zum einen Teil scheitern, wie es dank der Marktdynamik immer bei einem Hype der Fall ist. Zum anderen Teil sind sie wertvolle Agenten des Umbruchs, kreative Zerstörer im Schumpeterschen Sinne, welche vielleicht das falsche Ethos des Massenmedialen auf den Boden bringen. Sodass dann irgendwann die Coolness und Relevanz der Neuigkeit redimensioniert wird, wie es bei der Zigarette auch ohne Interventionen irgendwann gekommen wäre: Nicht durch Verbote, die diese noch attraktiver machen, sondern weil von der Zigarette, wenn sie von all der Coolness des Verbotenen, der Auflehnung gegen die furchtbar langweiligen braven Asketen, die alle anderen umerziehen wollen, nicht viel mehr bleibt, als gelegentliches Genussmittel einer kleinen Zahl zu sein, vielleicht sogar höchstkultiviert wie in der Zigarrenkultur, wo die Verknappung den Genuss noch steigert.
Die Wirkung der digitalen Medien wird aus utilitaristischer Perspektive viel gewichtiger sein als die herkömmlicher Suchtmittel, und doch bleibt ein totalitär-utilitaristisches Panoptikon der Umerziehung und Überwachung immer noch die größere Gefahr. Warum sind digitale Medien die verheerendste Droge, die der Mensch bislang entwickelt hat, welche Folgen drohen und warum bleibt trotzdem Hoffnung für die Freiheit des Menschen?
Jede Droge hat eine positive Seite: Sie stellt eine menschliche Innovation dar, die körperliche Beschränkungen des Menschen zu kompensieren versucht. Alkohol wirkt enthemmend und begünstigt dadurch die soziale Interaktion und Aufrichtigkeit (Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit), Nikotin und Koffein erhöhen die Konzentration, halluzinogene Drogen führen zu Grenzerfahrungen, andere Drogen begünstigen andere Formen der Ekstase. Menschen, die Opfer von seelischen Störungen im Kindesalter wurden,
suchen oft nach süchtig machenden Belohnung [...], die für eine Weile Erleichterung und Komfort bieten können. [@lewis_biology_2015: 189]
Die meisten Substanzen, die wir als illegale „Drogen“ assoziieren, sind „gefährlich“ in dem Sinne, dass ihre Nutzung den wenigsten gelingt. Das Risiko für den Durchschnittsmenschen ist zu groß im Vergleich zum Erfahrungsgewinn. Darum besteht völlig zu Recht sozialer Druck gegen alle Substanzen, die nicht in längerer Tradition kultiviert sind. Es ist Unfug, die eigenen Kinder alles ausprobieren zu lassen, um sie gewissermaßen für immer zu entwöhnen. Verbote können aber mangelnde Normen und mangelnde Erziehung kaum kompensieren, in der Regel vergrößern sie die Verantwortungslosigkeit noch, deren Symptom sie selbst sind. In einer politisierten Zeit krankt auch eine nachträgliche Legalisierungspolitik daran, dass die symbolträchtige Aufhebung eines Verbots als gleichbedeutend mit sozialer Legitimierung angesehen werden kann, insbesondere da die wenigsten heute noch zwischen Politik und Gesellschaft unterscheiden können.
Fast alle Substanzen, die das Bewusstsein verändern, wirken dopaminergisch, sofern die Bewusstseinsveränderung von uns bewusst als positiv aufgenommen wird. Die Enthemmung bei Alkoholkonsum wie die Enthemmung auf dem Fernsehsessel bei Passivberieselung kann als höchst entspannend empfunden werden, sodass die Gewohnheit bei jeder Wiederholung verstärkt wird und wir körperliche Entspannung mit Alkohol- oder Fernsehkonsum gleichsetzen. Oft wiederholte geistige Verhaltensweisen werden schon aufgrund unserer Neuroplastizität körperlich, da
das Striatum [Teil der Basalganglien, die zum Großhirn gehören] aus der Erfahrung lernt und sich danach ausrichtet, was sich in der Vergangenheit gut angefühlt hat und wie schwer es war, dieses Gefühl zu erreichen. So übersetzt es vergangene Freuden in gegenwärtige Wünsche. [@lewis_biology_2015: 72]
Moderne digitale Medien bieten die Innovation, durch mit sehr geringen Transaktionskosten verbundene Handlungen die Intensität des Neuigkeitenerlebens und der sozialen Anerkennung auszulösen. Diese Handlungen unterscheiden sich von anderen dopaminergischen simplen Verhaltensweisen, etwa eine Zigarette anzuzünden oder eine Bierflasche zu öffnen, dadurch, dass sie noch stärkere und unmittelbarere Netzwerkeffekte aufweisen. Wenn alle Kumpel trinken, ist bis heute der soziale Druck, insbesondere bei jungen Männern oft immens, auch zu trinken. Im digitalen Bereich kann die Wechselwirkung globale Dimension erreichen: als ob sich Millionen Menschen zugleich bei einem Trinkgelage gegenseitig bekräftigen.
Ich gehe schon allein aufgrund dieser Entwicklung davon aus, dass beim nächsten Generationswechsel am Arbeitsmarkt die menschliche Produktivität in den bisherigen Strukturen einbrechen wird. Das wäre dramatisch, wenn diese Strukturen überwiegend marktwirtschaftliche und Wohlstand schaffende wären. Leider – hier aber Glück im Unglück – sind sie das nicht. Die mangelnden Konzentrationsspannen der digital natives, ihre Sprunghaftigkeit, ihre tiefe Verunsicherung durch den Anerkennungswettbewerb werden zu neuen Strukturen führen. Anstelle der Umerziehung muss die Selbsterziehung kommen. Die Nerven der jungen Leute sind global überspannt und damit bilden sie ein neues Sensorium, neurotisch und narzisstisch, aber eben dadurch feinfühlig und individuell.
Noch etwas ist positiv an Drogen, wenngleich dieses Positivum noch paradoxer und in der Erscheinung negativer wirkt: Ihre Wirkung lässt nach. Die Flexibilität unserer geistig-körperlichen Verfassung, die uns so anfällig für Drogen macht, hemmt ihre Wirkung, denn der Körper gewöhnt sich daran und verlangt höhere Dosen für dieselbe Wirkung. Das macht Drogen letztlich für Menschen, die aus ihren Fehlern und den Fehlern anderer lernen, weil sie eigenverantwortlich oder gut erzogen sind, unattraktiv. Den Alkoholiker erwartet Vereinsamung statt Interaktion, den Kettenraucher fahrige Unkonzentriertheit statt Geistesgegenwart, den Junkie materielle Not statt Überwindung der materiellen Existenz. Den digitalen Süchtler erwarten statt Anerkennung und Neuigkeiten irgendwann Verachtung und bitterste, leerste Routine. Denn das hat die Droge so an sich:
Die Sucht entwickelt sich zu einem ungedeckten Bedürfnis, das schließlich alle anderen überschattet und sich weiter und weiter eine eigene verhärtete Schale baut. [@lewis_biology_2015: 193]
Wenn wir Glück haben, kompensieren Digitalisierung und kreative Abkürzungen den Produktivitätseinbruch – im besten Sinne ermöglichen sie ihn. Die digital natives folgen nicht mehr konzentriert falschen Narrativen, sondern suchen dann in den kleinen Schritten, die kurze, aber intensive Konzentrationsspannen erlauben, nach neuen Antworten. Längere Phasen des Lebens gehen zwar in nervenaufreibender Digitalekstase verloren, mit schweren Abstürzen. So wie bislang so manche ihre besten Jahre versoffen oder verkifft haben und später doch brave Steuerzahler wurden. Analoge Rehabilitation – digital detox – wird manchen auf die Beine helfen, viele werden von selbst aufgrund des Drucks nach höheren Dosen irgendwann die Reissleine ziehen und ihrem Sinntrieb folgen, die meisten dürften aber abdanken für eine virtuelle Konsumwelt, die immerhin wesentlich günstiger aufrecht zu erhalten sein wird und daher weniger Kapitalkonsum erfordert. Relativ betrachtet steigt dabei der Wert der Freiheit und der Lohn für die Freiheit – sodass die Bürde der Verantwortung vielleicht wieder lohnender wird.
Die Politik von Seasteads
##1\. Einleitung
Seasteads sind Bestrebungen, sich auf dem Meer niederzulassen, um neue Siedlungen außerhalb des natürlich verfügbaren Landes zu schaffen. Die Motive können unterschiedlich sein, ebenso wie die politischen Implikationen.
Die ursprüngliche Bedeutung der Politik ist die Kunst, eine "polis" zu schaffen und zu erhalten - das ist eine gute und funktionierende Gesellschaft. Die gegenwärtige Bedeutung der Politik steht jedoch im Widerspruch zu dieser Definition. Heute betrachten wir die Politik als eine Domäne kollektiver Entscheidungsfindung. Die meisten politischen Überlegungen gehen von kollektiven Entscheidungen als Prämisse aus und lassen wenig Raum für alternative Sichtweisen. Die Idee des Seasteading entspringt jedoch einer antikollektivistischen Tradition, die die Notwendigkeit von Politik im modernen Sinne in Frage stellt. Daher muss eine politische Analyse des Seasteading, um sinnvoll zu sein, auf dem breiteren Verständnis von Politik basieren, das gleichzeitig der europäischen Tradition der Politik als Wissenschaft oder Kunst entspricht.
Wir müssen den Charakter und die Dynamik solcher Siedlungen analysieren, um ihre politischen Implikationen zu verstehen. Es lassen sich vier Motive für die Ansiedlung auf Seasteads unterscheiden: Erstens, die Nachfrage nach Gemeinschaft. Zweitens, die Nachfrage nach Souveränität. Drittens, die Nachfrage nach Sicherheit. Viertens, eine Nachfrage nach Immobilien.
##2\. Gemeinschaft versus Gesellschaft
Die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist nicht nur ein wesentliches menschliches Merkmal, sondern auch der Hauptgrund für politische Konflikte, Bemühungen und Entscheidungen. Wie Hayek (1982) bemerkte, befriedigt die moderne Gesellschaft nicht die atavistische Tendenz des Menschen, sich an einen Stamm zu binden. Aufbauend auf dieser Erkenntnis kontrastierte Jouvenel (1997) die beiden Ideen von Babylon und Ikarien, die die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte verfolgt haben.
Babylon ist der Archetyp einer anonymen, groß angelegten Handelsgesellschaft. In einer solchen Gesellschaft arbeiten Menschen unterschiedlicher Herkunft und Wertvorstellungen nach formalen Regeln zusammen. Hayek (1982) bot eine brauchbare Definition an: Es handelt sich um ein soziales Arrangement, in dem Menschen nicht nach ihrem Ziel vereint sind, sondern sich gelegentlich bei den gewählten Mitteln treffen. Diese Art der Regelung erfordert keine kollektive Entscheidungsfindung, sondern lediglich eine Rechtsgrundlage im allgemeinen Sinne eines Regelwerks, von Institutionen oder Mechanismen zur Beilegung von Streitigkeiten über diese Mittel. Ob diese Regeln durch kollektive Entscheidungsfindung bestimmt, von Gesetzgebern auferlegt, von Richtern entdeckt oder lediglich das Ergebnis einer marktwirtschaftlichen Vermittlung sind, ist weniger wichtig als der Inhalt dieser Regeln: Ihre Vereinbarkeit mit dem konfliktfreien Austausch zwischen Menschen, die nicht notwendigerweise Ziele oder Werte teilen.
Die wesentliche gesellschaftliche Grundlage solcher Arrangements ist der Markt: ein physischer, digitaler oder symbolischer Treffpunkt, an dem Menschen frei und ohne Angst vor Erpressung, Plünderung oder Gewalt Mittel austauschen können, sobald sie ihre Marktangebote (ihre verfügbaren Vermögenswerte) anbieten. Erfolgreiche Marktplätze wachsen tendenziell und ziehen eine größere Anzahl von Marktteilnehmern und Marktdienstleistern an. So bilden die Märkte selbst den Kern der Siedlungen, die tendenziell immer dichter werden und, wenn sie wachsen dürfen, städtische Niveaus erreichen.
Aber sind Märkte politische Projekte? Rufen sie nach Politik? Im engen, modernen Sinn der Politik sind Märkte sogar der Gegensatz zur Politik. Der österreichische Ökonom Böhm-Bawerk (1968) stellte politische Macht und Wirtschaftsrecht als zwei unterschiedliche Sichtweisen der Welt gegenüber. Oppenheimer (1914) schlug eine ähnliche Unterscheidung zwischen wirtschaftlichen und politischen Mitteln vor. Aufbauend auf diesen Unterscheidungen kann man den Markt als das Feld menschlichen Handelns definieren, in dem nur Angebote gemacht werden, die abgelehnt werden können, während sich "Politik" im engeren, modernen Sinn meist auf einseitige "Angebote" bezieht, die nicht abgelehnt werden können (Taghizadegan und Otto, 2015). Da sich Vorschläge, die ohne Zustimmung durchgesetzt werden, kategorisch von Angeboten unterscheiden, stellt sich die Frage nach der Legitimität.
Gegenwärtig, nachdem ältere Bemühungen um die Legitimierung von Gewalt ihre Anziehungskraft verloren haben, scheint der letzte verbleibende Legitimationsgrund das Argument für die Gemeinschaft zu sein: "Demokratische" Entscheidungsfindung über Regeln und Sanktionen wird allgemein als legitime Grundlage für die Durchsetzung ohne individuelle Zustimmung angesehen. Aufbauend auf fiktiven Gesellschaftsvertragstheorien wird eine Art "Gemeinschaftskonsens" angerufen. Diese moderne Staatstheologie, die sich auf Rousseau und Hegel stützt, appelliert an die intuitive Sehnsucht nach Gemeinschaft, ohne wirkliche Gemeinschaft anzubieten, die auf Homogenität und Nächstenliebe beruhen muss.
Diese vorgetäuschte "Gemeinschaft als Legitimation" erhöht sowohl das Konfliktpotenzial als auch die Sehnsucht nach unerfüllter "wahrer Gemeinschaft". Die daraus resultierende Unzufriedenheit ist eines der Motive, die das Interesse an "politischen Alternativen" wie z.B. dem Seasteading nähren. Moderne demokratische Gesellschaften haben nach dem Zweiten Weltkrieg wie ein friedliches "Ende der Geschichte" gewirkt. Doch die Expansion der "Politik", die fortlaufende Ablösung privater Entscheidungen durch politische Entscheidungen, setzt die Legitimität des politischen Apparates immer mehr unter Druck. Übergreifende Kollektivierung von Entscheidungen übersetzt gesellschaftliche Heterogenität in Bedrohungen. Während das Vertrauen in die politischen Systeme abnimmt, erhöht die subventionierte Masseneinwanderung die Heterogenität noch mehr. Das wachsende Konfliktpotenzial ist in den meisten westlichen Gesellschaften ein Pulverfass. Gleichzeitig nimmt die Sehnsucht nach homogeneren Gemeinschaften zu, weil das Zugehörigkeitsgefühl und Gemeinschaftsgefühl, das durch den wachsenden Staat missbraucht wurde, weiter abnimmt.
Diese Situation schafft ein schwieriges politisches Dilemma für Seasteads. Die Menschen fühlen sich von der Idee des Seasteading angezogen, da ihre früheren politischen Arrangements zunehmend als dysfunktional wahrgenommen werden. Viele sehnen sich nach "intentional communities", in denen die Homogenität von Ideologie und Interesse das Gefühl von Legitimität und Zugehörigkeit verstärkt.
Allerdings stehen die bewussten Gemeinschaften in krassem Gegensatz zu den Marktgesellschaften. Fast keine intentionale Gemeinschaft überlebt lange, denn die nötige Homogenität ist für den modernen Menschen zu viel (Holloway, 1951). Nur tiefgläubige Religionsgemeinschaften scheinen in der Lage zu sein, lange zu überleben. In einer Gemeinschaft, im Gegensatz zu einer Gesellschaft (nach der berühmten Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft von Tönnies (2001)), können Konflikte ohne Zwang vermieden und beigelegt werden, weil sich die Menschen buchstäblich wie Brüder verhalten. Moderne Ideologien schaffen jedoch kein so hohes Maß an Vertrauen. Permanenter Konflikt ist die Regel aus zwei Gründen: Erstens sind Ideologien mentale Konzepte mit festen Schlussfolgerungen, nicht offene Bestrebungen, die Realität zu verstehen. So führen divergierende subjektive Erfahrungen und Empfindungen mit der Zeit zwangsläufig zu einer Aushöhlung der ideologischen Homogenität, da die Ideologie in Bezug auf die wahrgenommene Realität und den Kontext interpretiert wird. Zweitens bedeutet ideologische Homogenität unverdientes Vertrauen, was die Anreize für Missbrauch dieses Vertrauen erhöht. Ideologisch homogene Gruppen sind Einladungen für Betrüger. So spalten sich die meisten intentionalen Gemeinschaften, die sich für ideologische Homogenität entscheiden, früher oder später aufgrund von Meinungsverschiedenheiten oder Betrug.
In dieser Hinsicht unterscheiden sich antikollektivistische oder marktfreundliche Ideologien überhaupt nicht. Jede "libertäre" Seastead, die als eine absichtliche Gemeinschaft gleichgesinnter "Libertäre" konzipiert ist, hat daher nur sehr geringe Überlebenschancen. In der Regel scheitern solche Bemühungen bereits in der frühen konzeptionellen Phase. Danach würde die Wendung nach innen aufgrund der geographischen Trennung von anderen Siedlungen durch den Ozean das Konfliktpotenzial erheblich erhöhen. In eine Siedlung eingesperrt zu sein, die auf einer ideologischen Gemeinschaft basiert, kann schon bald zur Hölle werden.
Würde man hingegen eine Seastead nicht als "libertäres" Ikarien, sondern als babylonischen Marktplatz verstehen, wäre sie politisch machbarer, aber mit anderen Problemen behaftet. Babylonische Siedlungen sind ideologisch viel weniger attraktiv. Nur Ikarien ist ein Synonym für Utopie, und utopisches Denken ist politisch weit überlegen in dem Sinne, dass es Energien entfacht, Einheit schafft, Risiko- und Frustrationstoleranz erhöht und Massen anspricht. Bei aller Warnung vor menschlicher Hybris und totalitären Utopien erkannte Hayek (1967) diese politische Überlegenheit utopischen Denkens, als er selbst Libertäre aufforderte, dessen Macht zu nutzen.
Marktgesellschaften wie dichte städtische Siedlungen oder geschäftige Häfen sprechen einige Menschen an, aber meist nur eine Minderheit: Die meisten leben dort als Mittel zu anderen, meist finanziellen Zwecken, nur wenige suchen solche Siedlungen als Selbstzweck. Solche Siedlungen können nicht künstlich und nach Belieben geschaffen werden. Sie können entworfen und geschaffen werden, aber nur an realen oder potenziellen Schnittpunkten der Waren- und Dienstleistungsströme. Diese Kreuzungen sind jedoch sehr wertvoll und attraktiv und lösen einen heftigen politischen Wettbewerb um die Kontrolle aus. Jegliche Politik, die die Schwierigkeiten der Errichtung und Aufrechterhaltung der Kontrolle über die Siedlungen ignoriert, oder zumindest im Falle einer anarchischen Siedlung, die feindliche Kontrolle ausschließt, erscheint naiv – im Sinne von Weber (1988), der vor einer Politik warnte, die Gewalt außer Acht läßt. Natürlich bedeutet die Berücksichtigung von Gewalt keineswegs, dass man Gewalt befürwortet.
Während Gemeinschaften durch kollektive Entscheidungsfindung verwaltet werden können, ist das bei Marktgesellschaften nicht möglich. Die Komplexität einer Marktgesellschaft geht weit über den Dilettantismus kollektiver Entscheidungsfindung hinaus. Max Weber (1988) hat zu Recht vorausgesagt, dass die Politik einer Marktgesellschaft mit zunehmender Kollektivierung der Entscheidungsfindung in eine "Dilettantenverwaltung durch Beutepolitiker" ausarten würde.
Heute gilt die kollektive Entscheidungsfindung durch Mehrheitsentscheidung an der Wahlurne als die legitimste Form der Demokratie. Tatsächlich ist die ursprüngliche Bedeutung der Demokratie das Gegenteil. Unter den alten Griechischen bedeutete dies eine gemeinsame Verwaltung durch eine Bürgerwehr. Diese Art von Demokratie basiert auf dem Prinzip, dass dilettantische Kriegsführung durch die Bürger dilettantische Entscheidungen über Fragen von Krieg und Frieden impliziert. Politische Entscheidungen sind also eng mit der Übernahme der Kosten solcher Politik verbunden – im krassen Gegensatz zur modernen Vorstellung von "Politikern", die nur von kollektiven Entscheidungen profitieren, aber kaum die Kosten tragen.
Die einzige historische Kombination einer Gesellschaft, die durch das gemeinsame Streben nach materiellem Gewinn mit einer gemeinsamen Entscheidungsgemeinschaft zusammengehalten wird, sind Gruppen von Piraten. Wenn die Verteidigung der Seasteads von Siedlern getragen wird, die sich auf eine gemeinsame Beschlussfassung einigen (sei es mit Mehrheit, Zustimmung oder einem anderen Algorithmus), dann würden solche Seasteads zweifellos von allen anfechtenden Mächten als Piratenlager betrachtet und als solche verfolgt.
Ohne die gemeinsame Gefährdung des Lebens ist die Mitentscheidung in der Regel mit Marktgesellschaften unvereinbar, da diese durch Arbeitsteilung und professionelle Beschäftigung der Siedler mit ihrem eigenen Geschäft gekennzeichnet sind. Verteidigung, Infrastruktur, Bildung, Bildung, Gesundheit, Diplomatie und alle aktuellen Politikbereiche würden, wie alle anderen Bereiche, aus Gründen der Effizienz, Rechenschaftspflicht und Wahlmöglichkeiten an spezialisierte Fachkräfte delegiert. Selbst die griechische Gesellschaft, die als Mischung aus einer Piratengesellschaft und einer Gemeinschaft homogener Sklavenhalter die besten Voraussetzungen für eine echte Demokratie bot, zeigte diese Form der Entscheidungsfindung nur für kurze Zeit ihrer Geschichte.
Eine Marktgesellschaft erlaubt kleinere, partielle Gemeinschaften im Inneren, innerhalb derer alle Arten von Entscheidungen von ihren Mitgliedern getroffen werden können. Seasteads könnten somit Plattformen für freiwillige Gemeinschaften sein. Es ist zweifelhaft, ob solche partiellen und teilweise überlappenden Gemeinschaften das Bedürfnis nach Zugehörigkeit befriedigen können, aber die meisten Menschen erleben genug Zugehörigkeit zu Familie und Freunden, um mit dem gesellschaftlichen Leben glücklich zu sein, angereichert durch partielle, freiwillige Gemeinschaften nach ihrem Geschmack.
##3\. Das Problem des Vertrauens
Eine Marktgesellschaft auf dem Meer zu etablieren, erfordert jedoch Vertrauen. Vertrauen ist entweder kulturelles Kapital, das aus einem langen kulturellen Prozess erwächst und nicht leicht zu transplantieren ist, oder es wird durch ein starkes Gemeinschaftsgefühl erzwungen, das im Gegensatz zur Anonymität und Flexibilität einer kommerziellen Gesellschaft steht. Fehlt es an Vertrauen, kann es künstlich geschaffen werden durch externe Regeldurchsetzung und Bestrafung von Täuschung und parasitärem Verhalten. Da es sich bei den Seasteads um neue Siedlungen für selbst gewählte Siedler handelt, ermöglicht dies eine vorherige Zustimmung zu den Regeln und verleiht den Regeln, der Entscheidungsfindung und dem Durchsetzungsmechanismus Legitimität. Es ist daher höchst unwahrscheinlich, dass demokratische Entscheidungen notwendig oder sogar wünschenswert sind. Wie Hoppe (2001) gezeigt hat, steht die demokratische Entscheidungsfindung im Gegensatz zu monarchischen Anreizsystemen. Der Eigentümer einer Seastead, entweder der Entwickler selbst oder der Arbeitgeber des Entwicklers, hat die besten Anreize, kluge Regeln zu wählen, die eine langfristige Wertsteigerung der Seastead ermöglichen.
Gebel (2016) schlägt eine ähnliche Lösung an Land vor: freie Privatstädte. Eine freie Privatstadt ist ein privates, gewinnorientiertes Unternehmen, das Schutz, Freiheit und Eigentum in einem bestimmten Gebiet bietet. Die Bewohner schließen mit dem Betreiber einen Vertrag ab und können sich bei Rechtsstreitigkeiten an einen vordefinierten Dritten wenden.
Die einzige andere Möglichkeit, mangelndes Vertrauen zu kompensieren, wäre ein ausgeklügeltes Reputationsmanagement. Neue digitale Technologien, insbesondere die Blockchain-Technologie, versprechen Lösungen für das uralte Vertrauensproblem. Heute scheint es möglich zu sein, dass ein Seastead einer Digital Autonomous Organization (DAO) gehört, die über ein digitales Treuhandkonto verfügt. Der überraschende Geldlukriererfolg der frühen DAOs verdeutlicht das Potenzial. Die Politik solcher DAOs ist ein völlig neues Feld und kann hier nur berührt werden.
Das "Gesetz" einer DAO ist ihr Programmiercode, und die Teilnahme ist freiwillig (in der Regel durch den Kauf von Aktien). Erste Erfahrungen zeigen jedoch, dass die Komplexität des Codes ohne Vertrauensbasis große Wissensunterschiede zulässt, die ausgenutzt werden können. Dennoch scheint ein digitales Verzeichnis von Regeln, die freiwillig eingeführt und durch Reputation, Treuhand oder Versicherung durchgesetzt werden, für eine Marktgesellschaft am besten geeignet zu sein. Aus einer digital verwalteten Versicherung könnte sich eine Durchsetzung per Crowd-Sourcing von Vermögensschutz und Entschädigung ergeben. Wie die Arbeiten von Hoppe (2009) und Rothbard (2006) zeigen, haben die Versicherer die besten Anreize, Aggressionen gegen das Eigentum und das Leben ihrer versicherten Kunden abzuwenden. Digitale autonome Fonds könnten die Rolle von Versicherungsunternehmen übernehmen und regelbasierte finanzielle Anreize für die Durchsetzung von Vorschriften bei Nichteinhaltung schaffen.
##4\. Das Bedürfnis nach Souveränität
Freilich, je innovativer die politischen Strukturen einer Seastead, desto mehr politische Souveränität wird zur Notwendigkeit und zum Hauptgrund ihres Daseins. Souveränität ist die Fähigkeit, nach Regeln zu leben, die anderen Mächten missfallen. Die aktuelle Weltpolitik zeigt, dass der Raum für volle Souveränität recht eng ist. Die meisten Menschen haben sich heutzutage an die v Souveränität gewöhnt. Da das politische Denken auf ein enges Spektrum ausgerichtet ist, bleibt die eingeschränkte Souveränität meist unbemerkt.
Ein Hauptmotiv hinter Seasteading ist es, experimentelle Souveräne zuzulassen, die sich von den bestehenden politischen Ordnungen von heute unterscheiden. Allerdings müsste sich das Leben auf einer Seastead aufgrund ihrer wahrscheinlichen militärischen Schwäche mit noch weniger Souveränität begnügen als eine anerkannte Nation. Ein Anspruch auf volle Souveränität würde höchstwahrscheinlich in der Zerstörung oder Übernahme der Seastead durch die nächstgelegene politische Macht enden.
Soweit die Nachfrage nach Seasteads eine Nachfrage nach Souveränität ist, sind die Aussichten düster. Jedes Experiment mit alternativen politischen Strukturen braucht nicht weniger, sondern mehr Souveränität als die meisten Länder heute. Die jüngste Geopolitik lässt vermuten, dass nur Atomwaffen eine gewisse Souveränität auf längere Sicht garantieren können. Dass der wirtschaftliche Erfolg einer Seastead es ihr ermöglichen würde, sich den Weg zu überlegener Feuerkraft zu erkaufen, erscheint unwahrscheinlich, da die gegenwärtige geopolitische Ordnung bestrebt ist, alle konkurrierenden Emporkömmlinge frühzeitig zu zerstören.
Es gibt jedoch eine Alternative zur militärischen Souveränität, und zwar die Souveränität, die von der Diplomatie abgerungen wird. Eine nicht bedrohliche Seastead, die mit gewissen Einschränkungen der Souveränität leben kann, kann einen gewissen Spielraum aushandeln. Volle Souveränität ohne glaubwürdige Verteidigung gegen die großen Weltmächte kann ausgeschlossen werden. In Anbetracht der gegenwärtigen Situation würde eine vollständig souveräne Regelgebung mit weniger Einschränkungen für privates oder kommerzielles Verhalten als konkurrierende Souveräne sofort diejenigen anziehen, für die die Kosten für die Umsiedlung in die Seastead unter den Kosten liegen, die für die Fortführung ihres normalen Geschäftsbetriebs anfallen. Dies gilt für Händler von illegalen Gütern (Drogen, Waffen, etc.), Dienstleistungen (TOR-Marktplätze, etc.) oder Daten (staatliche Lecks, urheberrechtlich geschütztes und verbotenes Material, etc.). Angesichts der Bereitschaft, solche Personen im Namen anderer Regierungen auf der Seastead zu verfolgen, kann eine Art Anerkennung der partiellen Souveränität erreicht werden. Das wäre eine große diplomatische Leistung, denn die internationale Ordnung ist gegenüber neuen politischen Instanzen sehr unpässlich, aus Angst, einen Präzedenzfall zu schaffen. Selbst die Legitimation durch "Demokratie" wird nicht ausreichen; eine Art historische oder kulturelle Legitimation wäre höchstwahrscheinlich notwendig. Die Politik solcher diplomatischer Leistungen würde auf Dienste von Fachleuten verweisen, deren Qualifikation neben Kontakten und Fähigkeiten auch ihr Erbe sein kann.
Ein aktuelles Beispiel für die partielle Souveränität einer Siedlung mit menschlichem Maß, die von spezialisierter Diplomatie abgerungen wurde, ist das Fürstentum Liechtenstein. Fürst Hans Adam II. hat sich in seinem bemerkenswerten Buch "Der Staat im dritten Jahrtausend" über seine Rolle und die Rolle seiner Familie geäußert. Er versteht sich als Dienstleister, nicht als "Politiker" im modernen Sinne. Das Vertrauen in die Qualität seiner Dienstleistungen macht Gewalt überflüssig. Liechtenstein hat keine Armee und gewährt auch den kleinsten Gemeinschaften innerhalb der kleinen Nation das volle Sezessionsrecht. Aus Gründen des Präzedenzfalles, des Marketings und der Diplomatie können sich die Seasteads als Fürstentümer (oder Exklaven von Fürstentümern) präsentieren.
Fast alle selbsternannten Fürstentümer und "Mikronationen" gelten als Spaßprojekte aus Mangel an Legitimität. Dies kann jedoch die Diplomatie unterstützen, denn es macht die Gegner weniger bedrohlich. Einige Seasteads können "unter dem Radar" bleiben, wenn benachbarte Regierungen in ihnen mehr einen Vorteil als eine Bedrohung sehen, und weiter entfernte Regierungen sie als innere Probleme der benachbarten Regierungen betrachten.
Die Nachfrage nach Souveränität ist also mit der Nachfrage der Sicherheit verbunden. Leider ist die Korrelation in der Regel invers. Ein Anspruch auf Souveränität ist heute ein Anspruch gegen konkurrierende Souveränität, da der Globus vollständig durch Nationen aufgeteilt ist. Seasteads auf hoher See mögen als an Grenzsiedlungen auf bislang unbeanspruchtem Gebiet betrachtet werden – als neue Frontier. Die Weltmächte sehen das jedoch anders. Die Besiedlung unbesiedelter Gebiete wie der Pole oder der hohen See erfordert eine Einladung, Duldung oder Gleichgültigkeit der Weltmächte. Je weiter sich eine Siedlung in Richtung Frontier bewegt, und damit je schwieriger es wäre, sich niederzulassen oder zu überleben, desto leichter kann eine solche Gleichgültigkeit gefunden werden. Die wirtschaftliche und technologische Fähigkeit, Grenzen wie die hohe See zu überwinden, würde jedoch gleichzeitig eine Einladung zur Ausplünderung darstellen und die Gleichgültigkeit verringern. Irgendwo in diesem Dreieck zwischen Einladung, Duldung und Gleichgültigkeit, unterstützt durch Diplomatie, nicht bedrohliches Verhalten und Technologie, mag es eine nicht beanspruchte Souveränität mit genügend Sicherheit geben, um aus der gegenwärtigen Weltordnung herausgelöst zu werden. Dass solche Räume auf hoher See liegen würden, erscheint angesichts der Unannehmlichkeiten und Kosten eher unwahrscheinlich.
Wenn kleinräumige, souveräne politische Strukturen in der heutigen Weltordnung Bestand haben, scheint es im Allgemeinen so zu sein, dass ein Teil ihrer Sicherheit ausgelagert wird. Liechtenstein teilt das gleiche Währungssystem mit der schwer bewaffneten Schweiz und hat ein ähnliches Rechtssystem wie der EU-Mitgliedsstaat Österreich. Geringfügige Unterschiede im Bankensystem, wie z.B. ein höheres Maß an Privatsphäre, wurden beseitigt. Unter Druck, unfähig, ihre Souveränität zu verteidigen, hat das Land Forderungen nachgegeben, das Vertrauen ihrer Bankkunden an die Finanzbehörden anderer Mächte zu verraten. Im Moment halten alle umliegenden Länder Frieden, aber weitere Eingriffe in die Souveränität Liechtensteins sind nicht auszuschließen.
Mit einer zunehmenden Verunsicherung durch die aktuelle Entwicklung von einer unipolaren zu einer multipolaren Weltordnung und der subventionierten Massenmigration nach Europa, treibt die Forderung nach Sicherheit die Menschen dazu an, eine Umsiedlung an Orten zu erwägen, die weiter weg von den kommenden Turbulenzen liegen. Seasteads können als potenziell sichere Zufluchtsorte betrachtet werden. Auf dem derzeitigen Stand der Technik scheinen sie jedoch in punkto Verteidigung eher im Nachteil zu sein. Man kann an den Rand der Welt gehen, ohne dass man sich auf hoher See neu ansiedeln muss. Mit Luftwaffen und Flugzeugträgern ist der Verteidigungsvorteil der Inseln verschwunden. Neue Technologien, die Seasteads tauchfähig, versteckbar oder flexibel auflösbar machen, können ihren defensiven Nachteil ausgleichen. Der Erfolg sicherer und souveräner Seasteads kann ein wenig zu sehr von einem Durchbruch in der Militärtechnologie abhängen, so wie einst die Hoplitenphalanx und die rammenden Triremen eine Voraussetzung für die Souveränität und Demokratie Athens waren (Hansen, 1995).
##5\. Seasteads als Immobilien
Wenn die Souveränität nicht als Priorität betrachtet wird, können sich Seasteads immer noch als neue Immobilienformen herausbilden – buchstäblich aus heiterem Himmel erschaffen. Immobilien mit Meerzugang erzielen immer höhere Preise, was eine steigende Marktnachfrage bedeutet. Weniger anfällig für Überschwemmungen und militärische Angriffe als früher, erstrecken sich die ehemaligen Siedlungen im Landesinneren nun bis zum Meer. Eine solche Seastead findet man jedoch nicht auf hoher See, sondern in Küstennähe – wie die Immobilienentwicklung an der Küste der Arabischen Emirate zeigt. Solche Siedlungen unterscheiden sich politisch nicht von anderen Immobilienprojekten auf dem Land des jeweiligen Herrschers.
Ein politischer Unterschied würde sich nur dann ergeben, wenn die Investoren mit den Staaten über die entsprechenden Küstengebiete Sonderabkommen aushandeln würden. Dies ist der Ansatz von "Charter Cities", die jedoch nicht von Seasteads abhängig sind, sondern sich durchaus an der Küste oder im Landesinneren etablieren können (Romer, 2010).
Seastead-Technologie kann die Möglichkeiten für Charter-Städte erweitern und damit den Wettbewerb um Freihandelszonen verstärken. Allerdings gibt es derzeit eher mehr Angebot als Nachfrage nach Freihandelszonen, die nur relativ niedrige Steuer- und Regulierungsniveaus bieten, aber keinen Raum für politische Experimente, die zumindest teilweise Souveränität benötigen, und auch keine Kultur- oder Wohnattraktionen. Das steuerfreie Leben auf einem Ponton irgendwo an der Küste ist möglicherweise nicht attraktiv genug, um Kosten und Unannehmlichkeiten auszugleichen.
Noch kann es eine Menge Geschäftschancen geben, die für Seastead-Immobilien bleiben, die die Annehmlichkeiten von Luxuserholungsorten bieten und nah und gut verbunden zu den attraktiven Küsten sind, die bereits gedrängt und überentwickelt sind. Das Verhandeln mit den Souveränen der Küsten für bessere Bedingungen wird jedoch populistische Feindseligkeiten gegen "Privilegien" hervorrufen. Unternehmer, die in diesen Bereich einsteigen, sind gut beraten, gut vernetzte Diplomaten wie den Fürsten von Liechtenstein zu beschäftigen oder mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Eine weitere mögliche Entwicklung für Seasteads als Immobilien mit mehr politischen Implikationen ist die Beflaggung von Seasteads als Schiffe nach einem ausgewählten Hafenstaat, was Raum für regulatorische Arbitrage und Verhandlungen lässt. Seasteads würden dann als Kreuzfahrtschiffe konzipiert werden, oder, um Konzeption und Attraktivität eher beizubehalten, als anpassungsfähige modulare Schiffe. Seasteads könnten sich als miteinander verbundene und flexibel trennbare Bienenstöcke kleinerer Schiffe bewegen und die Flagge des "Schiffes als Ganzes" erben. Die Besiedlung der hohen See im Gegensatz zu den Küsten wäre nur dann sinnvoll, wenn der technologische Fortschritt es ermöglicht, solche Schiffe bei Erreichen des vorgesehenen Standorts in robustere Anlagen umzuwandeln. Natürlich ist eine sich ständig bewegende Seastead denkbar, aber das würde sich nicht von einem Kreuzfahrtschiff unterscheiden, das für ein dauerhaftes Leben angepasst ist. Die Kosten und die Unannehmlichkeiten eines vorher festgelegten oder gemeinsam festgelegten Weges machen solche Immobilien weniger wertvoll. Für gut situierte Rentner bieten mehrere, gut angebundene Grundstücke am Meer einen höheren Wert; für hochproduktive und damit hoch besteuerte Einzelpersonen oder Unternehmen ist die Notwendigkeit des Zugangs zu Markt, Arbeit, Ressourcen und Kapital nur schwer mit permanenten Reisen auf dem Meer zu vereinbaren. Sogenannte digitale Nomaden, deren Produktivität sich in der Regel auf Marketing und Dienstleistungen beschränkt und sie zu Ein-Personen-Unternehmen macht, mögen sich von einer solchen mobilen Seastead verführen lassen, diese sind aber ohnedies mobil und können bereits heute von Arbitrage bei Regulierung und Besteuerung profitieren. An eine Kreuzfahrt gebunden zu sein, würde ihre Mobilität tatsächlich einschränken.
Jeder Souveränitätsvorteil durch die "Flaggenarbitrage" einer schiffsähnlichen Siedlung würde mit den gleichen heftigen Reaktionen wie oben beschrieben konfrontiert. Die Vereinigten Staaten haben ihre Zuständigkeit bereits einseitig auf Kreuzfahrtschiffe ausgedehnt, wenn es sich US-Bürger involviert sind, unabhängig davon, unter welcher Flagge das Schiff fährt. Jede sinnvolle Nutzung von Souveränität, die ihre Kosten wert ist, würde durch eine weitere Ausdehnung einseitiger globalen Gerichtsbarkeit gekontert werden. Balloun (2012) beschreibt die verschiedenen Möglichkeiten, wie die amerikanische Admiralitätsgerichtsbarkeit bei autonomen Seasteads intervenieren könnte, und zieht ähnliche Schlussfolgerungen. Er geht auf die verschiedenen Flaggenoptionen ein und betont die rechtlichen Vorteile der Festposition gegenüber freischwebenden Konstruktionen aufgrund der weiten Definition des Begriffs "Schiff" im amerikanischen Seerecht. Sein Ratschlag für Seasteader ist es, einen geduldigen und pragmatischen Ansatz zu verfolgen.
##6\. Zusammenfassung
Seasteading bietet einige aufregende neue Räume für politische Experimente und politische Theorie, aber dieser Raum ist sehr eng. Neue Formen kollektiver Entscheidungsfindung können ausprobiert werden, werden sich aber kaum durchsetzen, da kollektive Entscheidungsfindung unter den Bedingungen einer Seastead weder notwendig noch hilfreich ist. Neue politische Strukturen könnten entstehen, aber eher durch Fortschritte in der Militär- oder Blockchaintechnologie als durch die Technologien, die für die Ansiedlung auf hoher See notwendig sind.
##Literatur
Balloun, O. Shane (2012): The True Obstacle to the Autonomy of Seasteads: American Law Enforcement Jurisdiction Over Homesteads on the High Seas, in: University of San Francisco Maritime Law Journal, Vol. 24, No. 409. Böhm-Bawerk, Eugen von (1968): Macht oder ökonomisches Gesetz?, in: Gesammelte Schriften von Eugen von Böhm-Bawerk (Bd. 1), Verlag Sauer & Auvermann, Frankfurt a.M. Gebel, Titus (2016): Private Cities: A Path to Liberty, retrieved August 26 2016 from: fee.org/ articles/private-cities-a-path-to-liberty. Hansen, Mogens Herman (1995): Die athenische Demokratie im Zeitalter des Demosthenes: Struktur, Prinzipien und Selbstverständnis, Akademie Verlag, Berlin, Boston. Hayek, Friedrich August von (1967): The Intellectuals and Socialism, in: Studies in Philosophy, Politics, and Economics, University of Chicago Press, Chicago. Hayek, Friedrich August von (1982): Law, Legislation, and Liberty, Routledge & Kegan Paul Ltd., London. Holloway, Mark (1951): Heavens on Earth: Utopian Communities in America 1680-1890, Dover Pub., New York. Hoppe, Hans-Hermann (2001): Democracy: The God That Failed, Transaction Publishers, New Brunswick and London. Hoppe, Hans-Hermann (2009): The Private Production of Defense, Ludwig von Mises Institute, Auburn, Alabama. Jouvenel, Bertrand de (1997): Sovereignty, University of Chicago Press, Chicago, Illinois. Liechtenstein, Hans-Adam (2009): The State in the Third Millennium, Van Eck, Triesen, Liechtenstein. Oppenheimer, Franz (1914): The State, Vanguard Press, New York. Romer, Paul (2010): Technologies, Rules, and Progress: The Case for Charter Cities, retrieved August 2016 from: cgdev.org/content/publications/detail/1423916. Rothbard, Murray N. (2006): For a New Liberty: The Libertarian Manifesto. 2nd ed., Ludwig von Mises Institute, Auburn, Alabama. Taghizadegan, Rahim, and Otto, Marc-Felix (2015): Praxeology of Coercion: Catallactics vs. Cratics, in: Quarterly Journal of Austrian Economics, vol. 18, no. 3. Tönnies, Ferdinand (2001): Community and Civil Society, Harris, Jose (ed.), Cambridge University Press, Cambridge. Weber, Max (1988) (1918/19): Politik als Beruf, in: Max Weber: Gesammelte politische Schriften, Winckelmann, Johannes (ed.), Mohr Siebeck, Tübingen.
Veröffentlicht auf Englisch in _Tiberius, Victor. Seasteads: Opportunities and Challenges for Small New Societies. Zürich: Vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, 2017_
Wahlkampf: Lukrative Polarisierung oder Propaganda?
Der österreichische Wahlkampf vor der Nationalratswahl 2017 schien amerikanische Qualität zu erreichen. Als es noch lustig war, bemühte SPÖ-Spitzenkandidat Christian Kern Referenzen zur TV-Erfolgsserie House of Cards. Das dürfte ihm nun wie vieles andere peinlich sein. Erwähnte Serie steht für die Tendenz jüngerer privater Fernsehproduktionen, nicht nur mitreißende Drehbücher aufzuweisen, sondern erstaunlich staatskritische Inhalte aufzubereiten. Die Medien scheinen sich um die "Leichen im Keller" zu reißen, und je nach Perspektive entweder sich in ihrer kritischen Wächterrolle zu bewähren, oder dazu beizutragen, Wahlkämpfe zu Schlammschlachten werden zu lassen.
Schadenfreude ist angebracht, wenn die sozialdemokratische Partei über teure Berater stolpert und die, mit Subventionen und Anzeigen selbst angefütterte, Gratispresse nun über sie herfällt. Der Konflikt Christian Kern gegen Medienmacher Wolfgang Fellner erinnert ein wenig, mit umgekehrtem Vorzeichen, an den Konflikt Donald Trump versus CNN. Die mediale Gegnerschaft halten die einen für ein Anzeichen innerparteilicher Richtungskämpfe, die anderen für rein wirtschaftlich bedingt. Diese Einschätzung hängt mit der Frage zusammen, ob Medien eher kommerziellen Anreizen der Aufmerksamkeitsbewirtschaftung oder ideologischen Absichten der Propaganda folgen.
Die erste Erzählung geht so: Das unverschämte Auftreten von Trump generierte Aufmerksamkeit, diese Aufmerksamkeit brachte höhere Werbeeinnahmen. Dadurch profitierten Medien, die die Polarisierung noch anheizten, indem sie besonders empört reagierten – um den Preis, dass Trump ebenso von erhöhter Aufmerksamkeit profitierte. Diese Spirale habe Trump ins Weiße Haus gebracht und CNN über eine Milliarde Dollar Gewinnzuwachs. CNN hatte vor dem Wahlkampf an sinkenden Einschaltquoten gelitten, war zur Hintergrundberieselung in Hotel- und Flughafenhallen geworden, die niemanden mehr wirklich interessierte. Nun hat sich der Sender deutlich erfangen. Auf Österreich umgemünzt und umgedreht, wird das so ausgelegt: Der Sender oe24.tv (von Wolfgang Fellner, in Kooperation mit CNN!) sei Hauptnutznießer, doch da Christian Kern einer von den "Guten" ist, kann er nicht von der Empörungswelle profitieren, und ist das Opfer der von ihm selbst beauftragten "Schmutzkübelkampagne".
Die zweite Erzählung geht so: Trump sei das Resultat eines Konflikts innerhalb der Republikaner, bzw. zwischen deep state und weniger tiefen Politikebenen. Leute aus den eigenen Reihen hätten über Indiskretionen, Empörung, Skandalisierung die Gegnerschaft zu Trump befördert. Der Aufmerksamkeitsgewinn sei daher ein unbeabsichtigter blowback, ein Kollateralschaden des inneren Konfliktes. So sei es auch bei der SPÖ: Mehrere Flügel sind sich spinnefeind. In der Vorbereitung des Wahlkampfs sei es sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen, wird kolportiert. Nun sei Kern das Opfer dieser Flügelkämpfe, welche Indiskretionen und Konflikte nährten.
Wenn zwei konträre Erzählungen plausibel scheinen, dann ist meist eine Kombination richtig. Selbstverstärkungen verkomplizieren das Bild. Christian Kern ist ein Politgünstling, der in einem Staatsbetrieb mit Milliardenzuschuss die Rolle eines hochbezahlten "Managers" spielen durfte. Als moderner Managertyp mit Machercharme im Slimfit-Anzug machte sich Kern den Zynismus des Pragmatikers zu eigen und kaufte sich Spin zu. Das hätte gutgehen können, war aber riskant. Selbst ideologiebefreit umgab er sich mit anderen Pragmatikern, für die eine Partei nur noch eine Verpackung ist, die sich beliebig modifizieren und auswechseln lässt. Die Aufmerksamkeitsvolatilität der Medienblasen verschafft neue Hebel für Polit-Spins, aber eben auch neue Risiken: Wenn die Fassade bröckelt, kann es zu einem viralen Run auf die Trümmer kommen.
Dominant sind im Medialen wie im Politischen heute in der Tat Anreize und Sachzwänge. In Sachen Aufmerksamkeit wäscht eine Hand die andere. Die neue Prinzipienlosigkeit führt aber nicht zu einem langweiligen Grau, sondern verstärkt Schwarz und Weiß. Der Drang, allen gefallen zu wollen, nährt paradoxerweise die Konflikte. Christian Kern ist "Opfer", so ja auch der Schluss beider Erzählungen, aber im neudeutschen Sinne: Seine narzisstische Rückgratlosigkeit, die immer noch besser ist als ideologische Verbissenheit, hat ihn zur Schizophrenie genötigt, "professionell" an die Sache heranzugehen und damit erst so richtig machiavellistisch werden. Trumps Narzissmus hat ihn umgekehrt zu Unprofessionalität gedrängt, was gewiss allerlei Raum für die machiavellistischen Taktiken anderer ließ. Das Ergebnis drängt in beiden Fällen Zweifel auf, ob nicht Verschwörungen hinter der Wahlkampfimplosion des ersteren und der Wahlkampfexplosion des letzteren stehen. Die volatilen Paradoxien mitläuferischer Selbstverstärkung lassen eben viel Raum für Manipulationsversuche. Diese gehen aber zum Glück nicht immer gut: Sie können als Rohrkrepierer enden, sie können viralen Erfolg haben, aber auch die Risiken nehmen massiv zu, genau das Gegenteil des Geplanten zu erreichen. Das macht am Ende wieder Hoffnung.
Die Spaltung der Parteien ist letztlich unausweichlich, denn es kann auf Dauer kaum gelingen, rückstandsfrei alle Ideologen durch Pragmatiker zu ersetzen oder alle Pragmatiker durch Ideologen. Beide Seiten haben in ihrer Polarität Verachtenswertes und Sympathisches an sich. Sie sind eben halbseitige Existenzen. In den Medien zeigt sich dasselbe Dilemma: Prinzipienlose Pragmatiker und ideologische Umerzieher spielen sich mal gegenseitig die Bälle zu, mal befinden sie sich in offenem Krieg. Zum Glück gibt es diese zwei Seiten der menschlichen Existenz, diese Dualität durchkreuzt langfristig die meisten Pläne. Zwischen falschem Unternehmertum auf Kosten anderer, durch "Manager" und "Medienmacher", und falschen Überzeugungen, zwischen mitläuferischer Umgänglichkeit und unbescheidener Unverschämtheit, liegt die schwierige Mitte, weder "Opfer", noch Täter zu sein.
Propaganda bedeutet ursprünglich nur massenmediale Verbreitung. Die neuen Aufmerksamkeitsspiralen passen unter diesen Begriff. Doch die Einseitigkeit hat sich geändert, was ja grundsätzlich eine positive Entwicklung ist. Wenn subventionierte Gratiszeitungen die Hand beißen, die sie füttert, dann setzt sich im Böhm-Bawerkschen Sinne ein wenig ökonomisches Gesetz gegen politische Macht durch. Wirtschaftliche Anreize führen nämlich zu heilsamen Komplikationen: unternehmerische Ungewissheit tritt anstelle politischer Gewissheiten. Wenn die Propaganda im engeren Wortsinn zu offensichtlich wird, funktioniert sie nicht mehr. Das zu erkennen, war die Prawda zu wenig unternehmerisch. Zudem sind die Machthaber nicht statisch: Wer sich zu sehr an die aktuellen anbiedert, kann die künftigen vergrämen. Die meisten Medien befinden sich im Bereich der verzerrten Marktwirtschaft, in der politisch-monetäre Manipulation durch unternehmerische Entdeckungsversuche und Experimente zugleich entschärft und verstärkt wird. In diesem Bereich sind Propaganda und Kommerz kein Widerspruch, aber auch nicht bloß deckungsgleich.
Die Gratispresse ist ein Paradebeispiel für verzerrtes Wirtschaften. Werbeinteressen an einer künstlich formierten Armee von Konsumtrotteln, die im Massentransport von der Schlafburg in den Betrieb oder das Einkaufs- und Unterhaltungszentrum pendeln, bilden eine kommerzielle Basis. Diese Basis wird dann in den rentablen Bereich gehebelt durch Beziehungen zum politischen Vorfeld, die eine monopolisierte Plazierung in den "öffentlichen" Massentransportkorridoren, "öffentliche" Anzeigen, wenn nicht gar Subventionen ermöglichen.
Auch ein Medium wie CNN wirkt in diesem verzerrten Graubereich zwischen Markt und Politik. Die obige erste Erzählung entstammt einem interessanten Artikel:
Während des Wahlkampfs 2016 machte CNN über eine Milliarde Dollar mehr Bruttogewinn als im vorhergehenden Jahr, getrieben hauptsächlich durch die Werbung, die bei den Nachrichten über den unverschämtesten Anwärter plaziert wurde: Donald Trump. ... Das war bei weitem nicht das erste Mal, dass er eine Kandidatur als Präsident erwog. In den Jahren 1987, 2000, 2004 und 2011 hatte Trump öffentlich eine Bewerbung um das höchste Amt der Nation erwogen. 1999 ging er offiziell als Kandidat der Reformpartei ins Rennen, testete seine Plattform und evaluierte die Reaktionen, um schließlich zu entscheiden, dass er nicht die nötige Zugkraft aufbringen konnte, um zu gewinnen. Nach seinem erfolglosen Antritt 1999 bemerkte Newsweek, dass es einfach nicht genug Zorn im Land gab, um einen unabhängigen Kandidaten zum Sieg zu treiben. Sein Tonfall hat sich in den letzten drei Jahrzehnten kaum verändert. Was war anders in den Vorjahren? Eine wichtige Unterscheidung war folgende: Die Medien waren nicht für die Art von Empörung optimiert, die nötig war, um Berichterstattung über einen Kandidaten wie Trump zu befeuern. ... Das war der Mechanismus, der die Kampagne 2016 prägte: je unverschämter seine Worte, desto mehr Berichterstattung erhielt er. Je mehr Berichterstattung er erhielt, desto tragfähiger wurde seine Kandidatur. Das Analytikunternehmen Mediaquant schätzte, dass Trump zwischen Oktober 2015 und November 2016 5,6 Milliarden Dollar an "kostenloser" Medienaufmerksamkeit durch diese Strategie erhielt, dreimal so viel wie sein nächster Rivale. ... Facebook und Twitter - wie CNN - sahen dank der sensationellen Nachrichten, die auf ihren Plattformen verbreitet wurden, und der Aufmerksamkeit, die sie eroberten, massive Zugriffs- und Einnahmespitzen. ([Rose-Stockwell 2017]
Dieser Artikel schließt mit einer Überlegung zur Propaganda, die typisch für den intermedialen Konflikt ist, die Spannung zwischen medialen Pragmatikern und Ideologen. Die Perspektive gibt eine Seite der Wirklichkeit gut wieder:
Um Propaganda zu gestalten und zu verbreiten, brauchte man Geld, Talent und Infrastruktur. Es war ein teures und stumpfes Instrument für die Steuerung von oben nach unten. Heute haben wir die Propaganda demokratisiert - jeder kann diese Strategien nutzen, um die Aufmerksamkeit an sich zu reißen und eine irreführende Erzählung, eine übertriebene Geschichte oder eine unverschämte Ideologie zu fördern – solange sie Aufmerksamkeit erregt und den Werbetreibenden einen Gewinn einbringt. Der Journalismus – der historische Gegenpol zur Propaganda – ist zum größten Opfer dieses algorithmischen Krieges um unsere Aufmerksamkeit geworden. Und ohne sie sehen wir die Auflösung einer angemessenen gemeinsamen Realität. ([Rose-Stockwell 2017:23](zotero://open-pdf/0_X536VJS2/23))
Es ist die idealistische oder ideologische Perspektive der selbsternannten Elite der Journalisten. Tatsächlich war Journalismus historisch kaum jemals ein Gegenpol zur Propaganda, sondern fast ausnahmslos ihre Voraussetzung und ihr Erfüllungsgehilfe. Gewiss, die "demokratische Propaganda" ist von Manipulationsversuchen durchsetzt, doch wirken diese nicht mehr in eine Richtung, vieles kann sich heute auch plötzlich drehen. Der Kern der Analyse ist jedoch richtig. Die Polarisierung rund um irreführende, weil einseitige Erzählungen und übertriebene, weil um Aufmerksamkeit heischende Geschichten und unverschämte, weil durch Scham (shaming) unterdrückte Ideologien, die sich immer schneller propagiert, manchmal mit, immer öfter aber ohne Zutun planender Propagandisten, ist das Resultat (eigentlich aber bloß Symptom) der Auflösung einer "measured common reality", einer geteilten Weltanschauung.
Österreichische Schule des Value Investing?
Der praktische Nutzen ökonomischer Theorie, so die landläufige Annahme, sollte sich in Anlageempfehlungen ausdrücken. Dass die Österreichische Schule der Ökonomik langsam aus der völligen Versenkung in die äußersten Ränder medialer Rezeption eingeladen wurde, lag wohl im Wesentlichen daran, dass sich um 2007/08 der Eindruck verdichtete, damit konträren und doch lukrativen Anlageerfolg erzielen zu können. Tatsächlich ist diese Österreichische Schule jene ökonomische Tradition, die am ehesten beim Verständnis moderner Wirtschaftskrisen hilft. Unter dem Druck der Rezeption und ökonomischer Anreize wurde man als Vertreter dieser Tradition nun geradezu genötigt, Anlageempfehlungen abzugeben.
In Phasen von Vertrauenskrisen erwacht stets das "barbarische Relikt" Gold kursmäßig zum Leben, denn eben als Relikt ist es nicht Gegenstand der pyramidalen Vertrauensstrukturen moderner Finanzsysteme. Es ist kein Schuldtitel, hat keine Gegenseite und setzt keine Institution voraus. Manche haben diese gewiss richtige Erkenntnis so überdehnt und breitgetreten, dass daraus eine "ökonomisch fundierte" Verkaufsmasche wurde, die kontextunabhängige Nominalgewinne suggerierte. Diejenigen, die solchen Empfehlungen zur falschen Zeit folgten – und das sind der Zyklenlogik folgend stets die allermeisten –, stehen nominal betrachtet nun heute unter Wasser. Das drängte die "goldbugs", die lange synonym mit den "Austrians" waren, in ihre kleine Nische zurück.
So stellt sich bald medial und wirtschaftlich die Frage, ob sich mit der Österreichischen Schule nicht noch anderes verkaufen ließe. Der Sarkasmus ist dabei nicht auf die Österreichische Schule und ihre Vertreter gemünzt, zu denen ich selbst zähle, sondern Ausfluss der nüchternen Betrachtung von Anreizen und den Übertreibungen und Gegenübertreibungen, die sie stets heraufbeschwören – die anderen, etablierteren und lukrativeren ökonomischen Schulen stecken noch tiefer im Sumpf der Interessen.
Nach einer Goldaffinität ließ sich als Nächstes am ehesten eine Affinität der Österreichischen Schule zum sogenannten Value Investing begründen (und als Übernächstes deuten sich schon die Kryptowährungen an). Auch diese Erkenntnis ist nicht falsch, läuft aber Gefahr, als dogmatische Anlageempfehlung überdehnt zu werden. "Dogmatisch" meint hier kontextunabhängig, dogmatisch-theoretisch begründet anstatt empirisch-praktisch. Als Gegenreaktion, die das lobenswerte Ziel verfolgt, einen überdehnten Enthusiasmus etwas zu bremsen, erschien vor kurzem ein Artikel im Quarterly Journal of Austrian Economics [@rapp_value_2017]. Darin bezweifeln die Autoren Rapp, Olbrich und Venitz eine Deckungsgleichheit zwischen Value Investing und Österreichischer Schule und weisen auf die Unterschiede hin.
Dabei unterliegen sie allerdings dem selben Irrtum, der auch hinter einer möglichen Überdehnung des Value Investing durch "Austrians" steht. Eine Anlage"theorie" ist etwas gänzlich anderes als ökonomische Theorie. Ersteres ist ein Konzept, das im Wesentlichen durch Heuristiken die menschlichen Instinkte überlisten soll und zu einer "rationaleren" Anlage führt, das heißt, Gier und Angst durch allgemeine Regel diszipliniert. Auch wenn solche "Theorien" vermeintlich hochwissenschaftliche Modelle und komplizierte Formeln verwenden und vor Charts und Zahlen wimmeln, bleiben diese letztlich in der Funktion Heuristiken, das heißt Daumenregeln – allgemein und so grob ("Daumen"), wie es die Komplexität der Welt gebietet. Scheinbare Präzision und Objektivität wirkt dabei als Disziplinierungsinstrument als Teil der Heuristik und hat keine erkenntnistheoretische Bedeutung.
Im Gegensatz dazu ist ökonomische Theorie der Versuch, durch deduktive Reflexion, die sich stets an induktiver Erfahrung und Beobachtung reiben muss, die Logik und Dynamik menschlichen Handelns besser zu verstehen – zielt also auf ganzheitliche Erkenntnis und nicht auf konkrete Anwendung, die pragmatischere Regeln für das Tun, nicht die tieferen Regeln der Welt sucht. So wird auch das von Rapp et al. mehrfach zitierte Buch "Österreichische Schule für Anleger" [@taghizadegan_osterreichische_2014] oft missverstanden als Anlageratgeber für Fans der Österreichischen Schule; gedacht war es als systematische Sammlung von Essenzen der ökonomischen Theorie für Anleger jeder Couleur.
Rapp et al. stehen der Österreichischen Schule freundlich gegenüber, daher fällt ihnen zunächst auf, dass diese ja viel tiefgehendere Einsichten böte als das schnöde "Value Investing". Das ist richtig, aber der Vergleich irreführend – eben Theorie gegen Heuristik. Die Vorliebe für einfache Daumenregeln, die etwa der Value Investing-Guru Benjamin Graham komplizierten Formeln vorzog, führen sie als Analogie zur Österreichischen Schule an; aus den selben Gründen, aus denen der Unterschied nicht trägt, hält auch die Analogie nicht.
Im Weiteren listen die Autoren vier Unterschiede zwischen Value Investing und Österreichischer Schule auf:
1\. "Valuation versus appraisement"
Hier handelt es sich nur um ein begriffliches Detail, das im Deutschen nicht einmal einheitlich und klar wiederzugeben ist. Die Werturteile, die Ökonomen der Österreichischen Schule beschreiben, sind ordinale Präferenzreihungen. Natürlich hat dies weder etwas mit Werten im philosophischen bzw. ethischen Sinne zu tun, noch mit der Bewertung von Vermögenswerten (appraisement). Letzteres kann nie mehr sein als eine Heuristik bei der Wirtschaftsrechnung. Damit steht solches appraisement aber keinesfalls außerhalb der ökonomischen Theorie, sondern letztere sagt voraus, dass solche Heuristiken in einer Kattalaxis - einer Tauschordnung mit Preisen, die Wirtschaftsrechnung ermöglicht – notwendige praktische Navigationsversuche sind.
2\. "Irrationality versus rationality"
Unterschiede zwischen den aktuellen Marktpreisen von Anlagegütern und ihren künftigen, abdiskontierten Erträgen, kann es in der neoklassischen Modelltheorie unter der Markteffizienzypothese nicht geben. Sowohl Value Investing als auch gute ("österreichische") Theorie widersprechen dem – aus unterschiedlichen Gründen. Anlage ist überhaupt nur dann ein relevantes Thema, wenn die Markteffizienzypothese nicht hält. Das bedeutet aber nicht, dass Märkte nicht funktionieren oder die Menschen unfähig wären. Leichtfertig wird diese vermeintliche "Ineffizienz" oft der "Irrationalität" der Menschen zugeschrieben. Ludwig von Mises wehrte sich dagegen, weil er den Begriff für moralisch aufgeladen hält. Tatsächlich ist diese "Irrationalität" der Unterschiedlichkeit der Menschen, ihrer Freiheit – die stets die Freiheit zu Irren ist – und der fundamentalen Ungewissheit der Zukunft geschuldet. Wenn Value Investoren kurz und salopp das unter "Irrationalität" subsumieren, so ist das auch eine Heuristik, denn sie konzentrieren sich auf verdichtete Unterschiede in Massenmärkten. Erkenntnistheoretische Implikation bzw. eine Aussage über den Menschen in seiner ganzen Realität enthält dies nicht. An der Stelle zeigt sich aber auch, dass Mises scharfe Formulierung, dass menschliches Handeln und rationales Handeln immer dasselbe seien [@mises_nationalokonomie_1940: 14], sehr missverständlich ist. Natürlich schließt Zweckrationalität im anonymen Markttausch nicht Irrtümer, Illusionen, Gier oder Angst aus. Menschen können sich über ihre Ziele und die gewählten Mittel irren, und dennoch blieben sie in diesem eingeschränkten, Mises'schen Sinne zweckrational.
3\. "Intrinsic value versus subjective value"
Obiges Missverständnis wird im nächsten Punkt noch verstärkt. Value Investoren würden davon ausgehen, dass der Marktpreis eines Anlagegutes sich irgendwann seinem "inneren Wert" annäheren müsse – das kontrastieren die Autoren mit der subjektivistischen Wertlehre der ökonomischen Theorie. Diese wird oft als "subjektiv" und damit beliebig missverstanden. Subjektivistisch bedeutet in diesem Kontext nur, dass der Bewertungsakt im obigen Sinne notwendig durch die wirtschaftenden Subjekte erfolgt, und (ökonomischer) Wert daher eine Relation zwischen Subjekten und der Welt ist und keine von diesen unabhängig bestehende objektive Tatsache oder materielle Erscheinung. Kern der Katallaxis aber ist die Praxis der Wirtschaftsrechnung, bei der die Geldwerte von Alternativen betrachtet werden – nicht erkenntnistheoretisch, sondern praktisch, daher mangelhaft und heuristisch. Die Neoklassik ist weniger Gegensatz als Verkürzung der Ökonomik. Sie entspricht der Newtonschen Physik: gewiss falsch, aber in bestimmten engen Bereichen ein Näherungswert. Perfekte Auktionen können neoklassichen Märkten ähneln – je anonymer, liquider und transaktionsgünstiger Märkte sind, desto eher zeigen sie in der Tendenz die "Rationalität", welche die Neoklassik als "Gleichgewicht" beschreibt. Niemals enden Märkte doch, aber, die Tendenz gibt es doch. Natürlich kann es auf liquiden Börsen Tendenzen geben, dass unterbewertete Anlagegüter sich dem Durchschnitt annähern, wenn dort die meisten Marktakteure Orders als Mittel und nicht als Selbstzweck durchführen. Diese Mittelrationalität führt zu einer Korrelation zwischen den abdiskontierten künftigen Erträgen und den Gegenwartspreisen. Heuristische Versuche, unterbewertete Einkommensströme zu finden, widersprechen keiner ökonomischen Theorie, schon gar nicht der Österreichischen. Die Österreichische Theorie unterscheidet sich von der Neoklassik dadurch, dass sie den Menschen auch außerhalb anonymer Marktrationalität verstehen kann; aber natürlich umfasst sie auch dieses Verständlich jener engeren Bereiche, in denen zweckrationale Wettbewerbe um Renditen stattfinden, die andere Motive in den Schatten stellen.
4\. "Reliable past versus uncertain future."
Schließlich versuche Value Investing, aus vergangenen Daten etwas über die Zukunft abzuleiten, was im Gegensatz zum fundamentaleren Anerkennen von Ungewissheit durch die Österreichische Schule stünde. Ja, streng genommen, aus erkenntnistheoretischer Perspektive, ist Wirtschaftsrechnung gar nicht möglich, denn Preise sind ja stets Daten aus der Vergangenheit. Auf diesen potentiellen Widerspruch der Österreichischen Schule haben schon andere hingewiesen. Joseph Salerno wirft insbesondere Hayek vor, das Wissen im Rahmen der Wirtschaftsrechnung zu sehr zulasten der Ungewissheit übertrieben zu haben [@salerno_mises_1993]. Doch auch bei Mises spielt die Wirtschaftsrechnung eine tragende Rolle. Diese tragende Rolle ist aber eine praktische und heuristische, was auch Mises deutlicher hätte ausdrücken können. Erkenntnistheoretische Gewissheit kann kein Preis bieten, der er dokumentiert nur vergangene Austauschverhältnisse oder gegenwärtige Angebote, und determiniert in keiner Weise die Zukunft. Veränderung ist allgegenwärtig, aber nie total und instantan. Daher funktioniert Wirtschaftsrechnung, um Rückschlüsse auf die menschlichen Präferenzen zuzulassen – Wissen im engeren Sinne bietet sie nicht. Wieder handelt es sich um einen Scheingegensatz:
Letztlich beziehen Value Investing und die Österreichische Ökonomik diametral entgegengesetzte Positionen über die Bedeutung der Zukunftsorientierung in der Entscheidungsfindung. Um das Thema der Unsicherheitsbewältigung in einem zukunftsorientierten Prozess zu umgehen, stützen Value-Investoren in der Regel ihre Investitionsrechnung und damit Investitionsentscheidung auf vergangene oder (bestenfalls) gegenwärtige Daten. [@rapp_value_2017: 15]
Jeder handelnde Mensch stützt sich auf vergange oder gegenwärtige Daten und vertraut darauf, dass sich nicht alles sofort und vollständig verändert. Der Theoretiker kann, genausowenig wie der Praktiker mit Gewissheit vorhersagen, was sich ändern wird und was nicht. Der Praktiker aber hat nicht den Luxus, sich auf Ungewissheit auszureden, er muss handeln und damit die Ungewissheit schultern. Kenntnis der Vergangenheit und Gegenwart ist dabei natürlich hilfreich. Es kommt bloß auf die Heuristiken an, die aus der unendlichen Fülle an Daten die relevanten filtern. Vielleicht sind die Heuristiken reine Zufallstreffer. Dann spielen sie dennoch eine psychologisch wichtige Rolle. Ob Zufall, Einsicht oder magische Vorahnung ist letztlich - ökonomisch - für die Praxis egal. Die Theorie wird immer versuchen, diese zu trennen, als gute Theorie wird sie dem Menschen aber niemals seine unzulänglichen Behelfsmittel, um im Dunklen der Zukunft nicht in Angst zu erstarren, und seine notwendigen Irrtümer und kühnen Wagnisse absprechen.
Dennoch: Die Intention des kritisierten Artikel ist verständlich und lobenswert. Sie kommt zur rechten Zeit, um vor einer Überdehnung des Value Investing zu warnen. Spätestens wenn die Massen auf Renditesuche nach den Values drängen, oder Fonds jedermann die Vermittlung der besten Values anbieten, kollabiert die Prämisse des Value Investing, dass es systematische, dauerhafte Unterbewertungen gäbe. Die verzerrten Märkte der Gegenwart arbeiten unter Prämissen, die sich dramatisch vom Gewohnten abheben und bislang kaum verstanden sind. Das empirische Urteil geht aktuell schon dahin, dass Value Investing totgelaufen sei [@hargreaves_value_2017]. Hype-Unternehmen bemühen sich darum, ungebremste Geldfluten in digitale Netzwerkeffekte umzumünzen und kehren dabei die gewohnte unternehmerische Ertragslogik um.
Welche Heuristiken diese Umwertung der Werte überleben werden, ist offen. Gute ökonomische Theorie ist heuter wichtiger denn je. Wir können nur hoffen, dass zumindest diese den Renditedruck überlebt und sich nicht für kurzfristige Anlagehypes prostituiert. Außerhalb der Subventionen und Renditen von big government und big business ist das Überleben aber nicht leicht – da grenzt es schon an ein Wunder, dass Reste der Österreichischen Schule überhaupt überlebt haben.
Argentinische Krisenerfahrungen und Survivalism
Im Nachspann der letzten Finanzkrise 2008 kam es zu einem regelrechten Revival von Krisenliteratur, einer Gattung die sich in den 1970er Jahren im Zuge einer real existierenden atomaren Bedrohung durch den Ost-West-Konflikt entwickelt hatte. Zeugen damalige Schriften durch Anleitungen zum Bunkerbau und dem Umgang mit radioaktiver Kontamination von der Verunsicherung der Bevölkerung, geben aktuelle Werke Ratschläge, wie man sich am besten gegen zu erwartende Folgen eines Wirtschafts- und Gesellschafts-Zusammenbruches, wie etwa drohende Verarmung, Hunger und das Aufbrechen von Gewalt, schützen kann.
Zu einer realistischen Einordnung und Bewertung hier vorgestellter Szenarien und feilgebotener Vorsorgestrategien zur Abwendung individuellen Unheils, ist es besonders interessant, auf zeitlich nahe Fallbeispiele ökonomischer Brüche zurückzugreifen. Einige Bezüge neuer Krisenbücher verweisen auf die schwere Wirtschaftskrise Argentiniens, die das Land ab 1998 in Beschlag nahm. Tatsächlich ließ diese mit Stadien bis hin zum Bankenchaos und Staatsbankrott wenig Extremes vermissen. Eine erste Erkenntnis im Rückblick mag sein, dass es dort trotz des Zusammenbruches des Finanzsystems 2001 und hoher politischer Instabilität in Folge weder zu plündernden Menschenhorden noch zu einer breiten Verflachung der Arbeitsteilung hinunter auf das Subsistenz-Niveau kam.
Der Krisenratgeber Surviving economic collapse des Argentiniers Fernando Aguirre wirbt damit, als einziges dieser Bücher Tipps nach persönlichen Erfahrungen aus erster Hand zu geben. Aguirre erlebte die Geschehnisse als Jugendlicher in Buenos Aires und verließ erst 2011 das Land. Auf den ersten Blick mag es bestechen, eine solch unmittelbare Sammlung und Analyse von Problemen und ihrer Bewältigung in der Krise zu erhalten. Oft liefert die Betrachtung einer Quelle jedoch noch kein hinreichend realistisches Bild. Wahrnehmungen könnten verzerrt, verfügbare Informationen selektiv sein; der Zufall, das persönliche Umfeld aber die Interessen und Anreize des Beobachters spielen, bewusst oder unterbewusst, eine Rolle.
Diese Problematik soll im Kontrast etwas analysiert werden: Die Ausführungen von Aguirre sollten mit einem Interview eines weiteren Augenzeugen – kurz: Luis – verglichen werden. Beide Männer sind ähnlich alt, lebten zur betreffenden Zeit in der selben Stadt und arbeiteten sogar beide als Dozenten für die Universidad de Buenos Aires. Trotz augenscheinlicher Parallelen vermitteln die Berichte tatsächlich ein unerwartet gegensätzliches und relativierendes Bild.
Für Aguirre bestätigt sich im weiteren Geschehen die Analyse eines Lehrers aus seinem Sozialwissenschaften-Seminar des Jahres 2001: Argentinien ein kollabiertes Land auf Dritte-Welt-Niveau, das über keine nennenswerte Mittelklasse mehr verfügt, weil deren weitgehende Mehrheit in die große Schicht der Armen abfiel. Ihr Frust nähre die sozialen Unruhen in einer Gesellschaft ohne Puffer zwischen vielen Armen und wenigen Reichen. Ihm fällt auf, dass sich die Zahl der eingeschriebenen Studenten rasch halbiert habe. Wie er annimmt, weil sich ein Studium in vielen Fällen nicht mehr ausreichend auf das Einkommen auswirke, aus Geldmangel oder der Notwendigkeit Familien durch Hinzuverdienst zu unterstützen. Dagegen hatte Luis kaum Klassenbewegungen erlebt. Er erklärt, dass der öffentliche Sektor einen großen Teil der Mittelschicht beschäftigt und dieser wesentlich besser vergütet wurde als der private. Beide sprechen von sich vervielfältigten Obdachlosen. Luis schreibt dies dem großen Schwarzmarkt zu, in dem sich viele Arme mit kleinen Gelegenheitsarbeiten als Tagelöhner verdingen und deren Einkommen Wohnungs-Mietverhältnisse meist kaum noch ermöglichen. Von daher scheint es plausibel, dass die Schockwellen des Konjunktureinbruches unmittelbar auf die Löhne dieses Marktes für simple, austauschbare Tätigkeiten in sich rasch vergrößerndem Angebot, durchschlugen und in Folge viele Mieten nicht mehr bezahlt werden konnten. Der mit der Krise einhergehende Wertverlust der Landeswährung Peso entfachte im Land einen zeitweiligen Produktionsaufschwung, der freilich nicht nachhaltig war, sondern dem klassischen Muster des Konjunkturzyklus folgt. Luis benennt diese Zeit zwischen den Jahren 2005 bis 2009 als ökonomischen Sommer, in dem es sogar weniger Obdachlose als vor der Krise gab. Seither stabilisierte sich die Zahl der Wohnungslosen auf Vorkrisenstand.
Aguirre gibt an, dass sich durch das Abwerten des Peso Lebensmittel um das Zwei- bis Dreifache verteuert haben. Dies hätte in ärmeren Nordprovinzen zu Unterernährung geführt, weil die durch hohe Arbeitslosigkeit erniedrigten Einkommen nicht immer ausgereichten, um die erforderliche Mindestmenge an Kalorien zur Ernährung einer Durchschnittsfamilie kaufen zu können. Von dortigen Lehrern festgestellte Konzentrationsprobleme mancher Schüler seien auf Unterernährung zurückzuführen gewesen, wie sich später herausgestellt hätte. Zu der strategischen Ortswahl verweist er auf die schlechte Ernährungslage in den Städten während Krisen:
Diejenigen, die in den Städten leben, müssen sich so gut wie möglich zurechtfinden. (...) Die Leute haben die Ausgaben gekürzt, wo immer sie konnten, damit sie Lebensmittel kaufen konnten. Einige aßen, was sie konnten; sie jagten Vögel oder aßen Straßenhunde und Katzen, andere hungerten. Wenn es um Lebensmittel geht, sind Städte in einer Krise am schlimmsten dran.
Er spricht von sich leerenden Regalen und rationierten Warenausgaben in den Supermärkten in Buenos Aires während der Hyperinflation und von der Angst, diese könnten völlig schließen und seine Familie ohne Nahrung zurücklassen. Sein bestimmt größter Fehler sei es gewesen, das Lebensmittel-Problem übersehen zu haben und nicht mehr haltbare Nahrungsmittel eingelagert zu haben.
Offenbar scheint er aber selbst keinen Hunger gelitten zu haben und bezieht sich wahrscheinlich auf die später verhältnismäßig stark gestiegenen Kosten dieser Produkte und einen erhofften psychologischen Rückhalt angesichts eines gefüllten Vorratslagers, wie folgende Aussagen zu bestätigen scheinen:
(...) wenn TSHTF [The shit hits the fan], vorbereitet oder nicht, wird man ständig an Essen denken. (...) Wenn man es nicht hat, tut man ALLES, um es zu bekommen, und wenn man vorbereitet ist, macht man sich Sorgen darüber, für die Zukunft mehr zu bekommen.
"The shit hits the fan" ist Prepper-Sprech für die nicht näher definierte Katastrophe, den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung. Graphisch und vulgär verbreitet sich eine missliche Lage in Windeseile. Zumindest in rationalem Widerspruch erscheint zunächst die Feststellung:
Sobald TSHTF, entstehen überall in kürzester Zeit Schwarz- und Graumärkte.
Eine Deutung dieses Gegensatzes mag die angebotene Zeitperspektive stellen: Es muss erst eine gewisse Spanne von Lernprozessen und Entwicklungsschleifen überwunden werden, bis übrig gebliebenes für sich veränderte Sinn-Zusammenhänge neu entdeckt, in produktiver Weise rekombiniert und die frischen Strukturen so weit ausdifferenziert und gefestigt sind, dass man ihnen vertraut:
In meinem Land wurden die grauen Märkte am Ende sogar akzeptiert. Zuerst ging es um den Handel mit Fertigkeiten oder um handwerkliche Produkte für Lebensmittel. Bezirke und Städte bildeten ihre eigenen Tauschmärkte und schufen ihre eigenen Gutscheine, ähnlich wie Geld, das für den Handel verwendet wurde. Das hat nicht lange gedauert. Diese Gutscheine waren einfach zu machen (...) und schließlich gingen die Leute zurück zu Papiergeld. Diese Märkte wurden in der Regel (...) von einem klugen Kerl und ein paar Schlägern oder angestellten Sicherheitskräften verwaltet. Jeder kann einen Kiosk in diesen Märkten für etwa 50-100 Pesos (ca. 20-30 Dollar) pro Tag mieten und seine Waren und Dienstleistungen verkaufen. (...) Diese Märkte haben sich weiterentwickelt und es sind nun viele verschiedene Produkte verfügbar. (...) Was gibt es auf einem lokalen Markt? Hauptsächlich Nahrung und Kleidung. Einige haben mehr Abwechslung als andere, aber Käse, Konserven, Gewürze, Honig, Eier, Obst, Gemüse, Bier, Wein und Wurstwaren sind allgemein erhältlich, ebenso wie Backwaren und Teigwaren. Diese sind günstiger als die, die man in Supermärkten findet. Frischer Fisch ist manchmal erhältlich, aber nicht immer, die Menschen vertrauen nicht auf Produkte, die gekühlt werden müssen, und besorgen sie stattdessen in Supermärkten.
Im Interview mit der Frage konfrontiert, ob Luis sich in irgendeiner Weise vorbereitet hätte, wenn er die Wirtschaftskrise vorausgeahnt hätte, antwortet er entschieden mit Nein. Er hätte sich in keiner Weise vorbereitet und auch keine Lebensmittel eingelagert. Er könne sich nicht an Nahrungs-Knappheiten erinnern. Die Mittelschicht habe immer genug zu essen gehabt, sich aber arm gefühlt, weil sie sich plötzlich weniger leisten konnte. So auch Luis: Er musste Freizeitausgaben streichen und brachte es sich bei zu kochen. Für die Armen der Gesellschaft wurden öffentliche Suppenküchen eingerichtet, in denen zumeist linke Parteien kostenlose Mahlzeiten verteilten.
In welchem Ausmaß die Angaben über Hungernde in ärmeren Regionen Argentiniens – zum Teil verweist Aguirre hier auf das Fernsehen als Quelle – belastbar sind oder propagandistisch aufgebläht wurden, müssen wir auf alleiniger Grundlage der herangezogenen Quellen als nicht geklärt akzeptieren.
Nehmen wir die Beobachtungen Aguirres unkritisch hin, sollte uns dies, selbst in der Befürchtung eine ähnlich dramatische Großwirtschaftslage durchleben zu müssen, noch nicht übermäßig beunruhigen - auch sie zeigen, dass ein dringender Bedarf rasch auf entsprechende Angebote zu seiner Deckung trifft, nicht zuletzt, weil das anfängliche Schließen einer Marktlücke durch besonders hohe Unternehmungsrenditen entlohnt wird: Sogar während des Tropensturms Harvey konnte man Leute beobachten, die Trinkwasser in Flaschen verkauften. Wer nun Literpreise von 150 Dollar als Wucher anprangert, übersieht deren rationierende Funktion in der Verwüstung und die entstehenden Anreize, Risiken und andere Kosten in Kauf zu nehmen und derlei Waren in ein akutes Katastrophengebiet zu transportieren oder dort zur Verfügung zu stellen. Sobald weitere potenzielle Unternehmer einer solchen Gelegenheit gewahr werden, lassen sich mit konkurrierendem Angebot nur mehr abnehmende Erlöse erwirtschaften, bis zu einer Höhe, zu der niemand mehr fähig oder bereit ist, Dinge an einen Ort zu schaffen und dort zu verkaufen. Ganz offensichtlich mag die Motivation dieser Händler nicht immer von reiner Mitmenschlichkeit getragen sein. Für den wohlfahrtlichen Nutzen aber ist dies irrelevant. Im Ergebnis würden es wohl die meisten Dürstenden vorziehen, das 150-Dollar-Wasser des Wucherers zu trinken als gar keines, weil es erst in Tagen oder gar Wochen dort ankam, wo es jetzt dringend gebraucht wurde. Sollten hierzulande Lebensmittel drohen zu verknappen, käme es in Form der verbundenen Teuerung zu Prämien für deren Export aus anderen Ländern. Eine Anklage Aguirres stützt die These eines solchen Gütertransfers:
Jetzt, mit unserer neuen Wirtschaft, ist es kein gutes Geschäft, argentinische Lebensmittel nach Argentinien zu verkaufen. Warum ein Kilogramm Fleisch für 17 Pesos auf dem lokalen Markt verkaufen, wenn man es jetzt für 17 Euro nach Spanien verkaufen kann, wenn 1 Euro = 3, 5 Pesos?
Der Anteil am Haushaltsbudget für den existenziellen Posten Ernährung bewegt er sich für den durchschnittlichen Westeuropäer derzeit gerade einmal am untersten zweistelligen Prozentbereich. Alleine die Zusammensetzung der Nahrung ließe notfalls größeren Spielraum zu. Auch wenn wir davon ausgingen, dass sich im Zuge einer heftigen Korrektur Geschäftsmodelle verschöben, Transferströme abebbten, Jobs verloren gingen und sich das Durchschnittseinkommen drastisch verminderte, kann man leicht übersehen, dass unser fundamentaler Kapitalstock abseits des künstlichen, geldmengen-getriebenen Wirtschaftswachstums noch immer vergleichbar groß ist.
Wie im Vorausgehenden dargestellt, kann es ein guter Weg zu einer ersten, nüchternen Bewertung von Quellen sein, einen interessanten Aspekt und seine Umgebung etwas gründlicher auszuleuchten, wie dies hier am Beispiel der Nahrungsmittelversorgung versucht werden sollte. Die unterschiedliche Darstellung der Situation mag erstaunen. Ohne diesbezüglich womöglich verfrüht urteilende Schlüsse zu ziehen, ermahnt sie uns doch zur Wachheit und Skepsis gegenüber allzu simplen Ableitungen und Vorsorgestrategien, die möglicherweise unzutreffend, beziehungsweise überflüssig oder ungeeignet sind. Im wohlwollenden Fall können wir feststellen, dass die Wirklichkeit stets durch viele subjektive Erfahrungen abgebildet wird. Aktuelle Berichte aus Venezuela von ernsthaften Kämpfen um einen Baum voller Mangos und verdeckten Lebensmittellieferungen durch Garagen sowie Einkaufsglügen nach Miami überlagern sich. Wir sollten von der Vorstellung einer katastrophalen Wirtschaftskrise auf globaler Ebeneabrücken. Das von einigen Krisenvorsorgebüchern postulierte Szenario eines totalen wirtschaftlichen Zusammenbruchs ist in dargestellter Form nicht besonders realistisch. Nicht einmal in Argentinien kam es dazu, zu keiner Zeit herrschte apokalyptisches Chaos. Wo öffentliche Strukturen in ihrer Schutzfunktion versagten, wurde diese durchaus funktionell durch die der organisierten Kriminalität ersetzt. Am meisten Hilfe aber boten die Marktkräfte, das unternehmerische Geschicke der Menschen und die internationale Verknüpfung der Märkte. Die steigenden Preise im Mangel sind zugleich Informationssignale, die weltweite Ströme in Gang setzen, um den Mangel zu lindern. Das bedeutet freilich nicht, dass einzelne Menschen, die unvorbereitet sind und in schwierigen Lebenslagen von Krisen erwischt werden, nicht sehr hart getroffen werden können. Krisenpanik macht aber eher ohnmächtig, als zu einer realistischen Vorbereitung zu verhelfen – die aus einer persönlichen und subjektiven Kombination aus Liquidität, Internationalität und Fertigkeiten besteht.
Protokolle zur Ökonomik
Auf den nächsten Seiten finden Sie ausgewählte Protokolle von Ökonomikseminaren im Rahmen des studium generale am scholarium, erstellt und illustriert von Timo Rager (Schweiz).
Hinweis: Es liegt in der Natur eines Protokolls, dass nicht alle Nuancen exakt wiedergegeben sind und Lücken bestehen, es dient dem Überblick und der Zusammenfassung.
Den Beginn macht die etwas abstrakte Erkenntnistheorie, dann wird es etwas konkreter. Einkommen, Geldtheorie, Bankenwesen, Außenhandel und die Bedeutung und Zukunft der Wiener Schule der Ökonomik (auf welcher der theoretische Zugang basiert) sind weitere Themen.
Im studium generale wird Theorie, sofern sie die Studenten interessiert, stets in offener Diskussion und mit Bezug zur Praxis vermittelt. Schwierige Inhalte werden so für jeden verständlich.
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