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Österreichs verlorene Söhne

26.10.2022

Die Österreichische Schule der Ökonomik gilt in ihrer Heimat als Fußnote der Ideengeschichte. Wie bei anderen wissenschaftlichen und kulturellen Traditionen, darunter unzählige Wiener Schulen, flohen fast alle ihrer Vertreter vor dem nationalsozialistischen Totalitarismus. Vor allem in den USA lebte diese Tradition als „Austrian School“ wieder auf, fristet aber ein akademisches Nischendasein.

Die Österreichische Schule der Ökonomik gilt in ihrer Heimat als Fußnote der Ideengeschichte. Wie bei anderen wissenschaftlichen und kulturellen Traditionen, darunter unzählige Wiener Schulen, flohen fast alle ihrer Vertreter vor dem nationalsozialistischen Totalitarismus. Vor allem in den USA lebte diese Tradition als „Austrian School“ wieder auf, fristet aber ein akademisches Nischendasein.


Ein Teil des Textes ist leider nicht öffentlich zugänglich, da der Autor für Freunde schreibt und sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Intimität der alten Wiener Salons ist im scholarium Voraussetzung der Erkenntnis, die keinerlei Rücksicht auf Empfindlichkeiten nehmen kann. Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit, gerne laden wir Sie dazu ein.

Dieses Nischendasein scheint immerhin deutlich größer als die Präsenz in Österreich. Eine wachsende Zahl von Studenten, Instituten und Lehrstühlen in aller Welt scheint auf eine Wiedergeburt hinzudeuten, die bislang kaum in die Heimat zurückfand. Viel gewichtiger aber scheint der zugeschriebene politische Einfluss. Diese Geschichte über das zweite Leben der Österreichischen Schule als wirkmächtige wirtschaftspolitische Strömung, die freie Märkte anstelle ausgerechnet des neuösterreichischen Vollkasko-Staats setzt, ist überraschend. Es ist eine faszinierende Geschichte über die Macht von Ideen.

Leider ist diese Geschichte eine Verschwörungstheorie. Wie die meisten Verschwörungstheorien enthält sie genügend Wahrheit, um plausibel zu wirken, verdeckt durch Vereinfachung und Pauschalisierung aber die eigentlichen Wirkungen. Und diese eigentliche Wirkung der Österreichischen Schule ist mindestens so beeindruckend wie die ihr zugeschriebene.

Diese Verschwörungserzählung lässt sich wie folgt zusammenfassen: Eine friedliche sozialdemokratische Ordnung des Wohlstands für alle wurde durch eine kleine Elite hintertrieben. Milliardenschwere amerikanische Familien finanzierten die Akademisierung einer pseudowissenschaftlichen staatsfeindlichen Tradition. Ausgehend von einem Schweizer Berg am Genfer See und globalistischen Eliten rund um die UNO in Genf gelang die Installation von Politikern oder deren Indoktrination. So begann ein Siegeszug neoliberalen Denkens, der über Reagan und Thatcher, die sich beide auf Hayek bezogen, bis hin zum Washington Consensus führte, der vor allem in Lateinamerika zum Teil autoritär umgesetzt wurde. Zu guter Letzt radikalisierte sich diese Tradition zu einer populistischen und demokratiefeindlichen neuen Rechten – „Alt-Right“.

Gehen wir nun in der Geschichte zurück, um die Körner Wahrheit in dieser Geschichte in die eigentliche Wirkungsgeschichte einzufügen. Ökonomik war im alten Österreich akademisch der Rechtswissenschaft als Nebenbeschäftigung angehängt. Für Carl Menger war sie eine Hilfswissenschaft der Geschichte, die Staatshistoriker bei ihren epischen Sammlungen identitär genehmer Fakten ein wenig auf den Boden Realität bringen sollte. Die Zurechnung der Österreicher zur sogenannten Marginalistischen Revolution fasst den geringsten und am schwierigsten zu verstehenden Teil des revolutionären Zugangs von Carl Menge ins Auge. Viel gewichtiger waren sein Realismus, der wertneutrale, aber empathische Subjektivismus, das universalistische, aber nüchterne Menschenbild und die interdisziplinäre Orientierung.

Die Anfänge in Wien

Von Anfang an bezweifelten die „Österreicher“, dass diese Disziplin überhaupt losgelöst sinnvoll wäre. Menger hätte den Begriff Soziologie für eine ganzheitliche Sozialwissenschaft bevorzugt, wenn dieser nicht von einer Tradition utopischer Sozialingenieure besetzt wäre. Mises schlug die Begriffe Praxeologie und Katallaktik vor, die schon viel Wissen über Mensch und Wirtschaft enthalten, aber sich nicht durchsetzten. Mises hatte erkannt, dass es im Kern um Erkenntnistheorie geht, eine noch kleinere Nische als ökonomische Theorie.

Wirklich groß wird die Ökonomik nur, wenn es etwas zu verteilen gibt. Dann halten sich Interessengruppen ihre jeweiligen Ökonomen, deren Argumente weit weniger relevant sind, als die unterstützenden Insignien gesellschaftlich-staatlicher Relevanz: Titel, Lehrstühle, Nobelpreise und Wissenschaftlichkeit, symbolisiert durch Daten, Formeln und Unverständlichkeit.

Wie die meisten bedeutenden Wissenschaftstraditionen lebte die Österreichische Schule in der Verbindung von Lehrern und Schülern: Menschen, die als Mentoren in Einzelnen solche Begeisterung für einen bestimmten Zugang wecken, dass sie selbst wiederum dieses Feuer an die nächste Generation weitergeben wollen. Menger war ein begnadeter Mentor, der eine ganze Generation förderte. Ökonomische Theorie hielt er für brotlos und verhalf seinen Schülern aus väterlicher Sorge zu weltlicheren Karrieren. Das gelang ihm, weil er in der kurzen Phase wirtschaftlicher Öffnung und Modernisierung der k.u.k.-Monarchie als „Experte“ Einfluss hatte und sogar zum Mentor der Thronfolgers werden sollte.

Kronprinz Rudolf bereiste mit Menger Europa, studierte die Funktionsweise der Marktwirtschaft und plante eine behutsame Föderalisierung der Monarchie, in der weniger Feudaladel und mehr unternehmerische Bürger über die Entwicklung bestimmen sollten. Zwar gab es eine kurze, sehr dynamische Industrialisierung, getragen von steuer- und regulierungsbefreiten Großunternehmern und Financiers, doch die Behutsamkeit des alten Kaisers spießte sich mit der Dynamik der Zeit. Rudolf kam nie zum Zug und beendete tragisch sein Leben. Mengers Blick auf Europa hatte sich verdüstert, seine Vorahnungen sollten sich als prophetisch erweisen.

Mit dem Ende der Monarchie endeten die politischen Karrieren seiner Schüler, mit dem Nationalsozialismus auch die akademischen. Der letzte Lehrstuhlinhaber in direkter Tradition war der wissenschaftlich unbedeutende Karrierist Hans Mayer, der sich mit den Nazis arrangierte. Dieser Lehrstuhl blieb dem eigentlich wichtigsten akademischen Vertreter in direkter Tradition verwehrt, dem gebürtigen Lemberger Juden Ludwig von Mises. Dieser ging zunächst nach Genf, beeinflusste dort Wilhelm Röpke, der schließlich starke Wirkung auf Ludwig Erhard hatte, sowie eine lose Tradition von Freihändlern, die in der Diplomatie von Weltbund und später UNO eine Neuöffnung und Integration der Welt erhofften. Schließlich wanderte das Ehepaar Mises in die USA aus. Leider war die amerikanische Tradition der Ökonomik preußisch beeinflusst, und die Fortsetzung der akademischen Karriere blieb ihm weiterhin verwehrt.

Der Weg zur Knechtschaft

Die wachsende Planwirtschaft in den USA bedrängte allerdings Unternehmer und führte einige zur Suche nach alternativen Wirtschaftstraditionen. Ludwig von Mises, sogar von Sozialisten als wissenschaftlich wichtigster Kritiker der Planwirtschaft anerkannt, konnte dank der in den USA stärker ausgeprägten Philanthropie private Unterstützer finden. Er schrieb sein Hauptwerk „Nationalökonomie“, dass aufgrund der Kriegswirren kaum Beachtung gefunden hatte, in erweiterter und aktualisierter Fassung gänzlich neu auf Englisch unter dem Titel „Human Action“.

Sein wichtigster europäischer Schüler, obwohl niemals akademisch sein Student, wurde Friedrich von Hayek. Hayek war zunächst an die LSE berufen worden, wirkte danach in den USA und kehrte schließlich nach Europa zurück. In den USA, die nach dem Krieg als vorbildliches Freiheitsmodell galten, erkannte Hayek bedrohliche zentralistische Tendenzen. Als Warnung vor der Wiederholung europäischer Fehler verfasste er „Der Weg zur Knechtschaft“. Die Schrift traf den Nerv einiger Unternehmer. Die Grundthesen des Buches wurden in einer Art Comic zu kommentierten Schaubildern vereinfacht und erreichten im Reader’s Digest massive Verbreitung. Hayek bedauerte später, diese Vereinfachung habe wohl seinen wissenschaftlichen Ruf ruiniert.

Der Pseudo-„Nobelpreis“ für Friedrich A. von Hayek 1974 verstärkte seine Wirkung noch. Der Preis wurde kurz nach Mises Tod eigentlich für dessen wissenschaftliche Leistungen vergeben und sollte wohl ein Alibi für die Parallelvergabe an Gunnar Myrdal sein, einen schwedischen Etatisten mit eugenischen und kollektivistischen Ansichten. Hayek war der bislang einzige Preisträger, der diesen falschen Nobelpreis kritisierte, der von der schwedischen Zentralbank zur wissenschaftlichen Aufwertung moderner Ökonomik finanziert wird – entgegen der ausdrücklichen Intention von Alfred Nobel.

Das Ende des Wohlstands

Das Schicksal Hayeks als akademisches Alibi für Interessen war damit besiegelt, obwohl er sich von der Ökonomik fast gänzlich abwandte zugunsten seiner eigentlich bahnbrechenden Beiträge in Ideengeschichte, Rechtsphilosophie und Komplexitätswissenschaft. Sogar in Österreichisch entdeckte man ihn wieder. Durch politische Intervention wurde aber sein Plan hintertrieben, nach Österreich die wissenschaftliche Diaspora zurückzubringen, und er wurde in eine Kammer an der Universität Salzburg verräumt, um jede politische Wirkung zu verhindern, bei gleichzeitigem Prestigekonsum „unseres Nobelpreisträgers“.

1971 hatte jedoch eine Zeitenwende stattgefunden, die letztlich Hayeks Rezeption in aller Welt verstärken sollte. Der Zusammenhang ist komplex, paradox und verbindet völlig konträre Weltbilder. Ab 1971 ist in unzähligen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kenndaten ein Knicks zu bemerken. Der politische relevanteste Trend ist wohl, dass ab 1971 das Produktivitätswachstum nicht mehr zu Kaufkraftwachstum der breiten Masse führte. Das Nachkriegswirtschaftswunder eines Wohlstands für alle, das nicht allein auf Deutschland beschränkt war, wurde abgelöst durch Wohlstand für wenige. Seither wächst die Ungleichheit und Kurzfristigkeit von Investitionen.

Eine der wesentlichen Scheidemarken war das Ende von Bretton Woods. Eine Weltwährungsordnung mit Goldanker, die durchaus nicht ideal war, wich einer Finanzialisierung mit der Explosion Dollar-denominierter Schulden, insbesondere über die sogenannten Eurodollar (Offshore-Schöpfung von Giraldollar).

Ungleichheit und Spekulation

Die Rückkehr vom Kriegsprotektionismus zum Welthandel, gesichert durch den Weltpolizisten USA, trug wesentlichen Anteil am Nachkriegswohlstand. Diese Globalisierung bedeutete aber auch, dass nun nahezu unerschöpfliche Geldmengen, insbesondere als Kredit, um die ganze Welt strömten auf der Suche nach ungeschöpften Renditen. Da sich nun nicht einmal mehr die Leitwährung zur langfristigen Ersparnisbildung eignete, wurden Sparer in aller Welt entweder schleichend enteignet oder zu Spekulanten. Es kam zur Monetisierung von Vermögenswerten, mit besonders gravierenden Folgen bei Immobilien, Unternehmensanteilen und Rohstoffen.

Die dramatisch steigende Ungleichheit gefährdete die Stabilität von Gesellschaften, doch das einzige Gegenmodell gegen den vermeintlichen „Kapitalismus“ entblösste sich gleichzeitig als mörderisch und ineffizient, ganz im Gegensatz zu den Erwartungen der meisten – auch westlichen – Intellektuellen, die Zentralpläne für effizienter und moralischer hielten.

Thatcher und Reagan

In Großbritannien legten Arbeiter die Infrastruktur lahm, intellektuell und organisatorisch war aber keine Systemalternative greifbar. Der eigentliche Systemwechsel hatte längst stattgefunden, seine Folgen wurden nur langsam sichtbar und werden bis heute falsch eingeordnet. Die Destabilisierung weckte Sehnsüchte nach dem starken Mann – oder der starken Frau. Sowohl Thatcher als auch Reagan verbanden Selbstbewusstsein, Heimatgefühl, militärisches Säbelrasseln mit einem Versprechen, statt planwirtschaftlichem Chaos neuen Wohlstand für alle zu bringen.

In dieser Ausnahmesituation kam Hayek als akademische Referenz gerade recht, ohne viel eigenes Zutun. Es waren nicht etwa mächtige Hayek-Schüler an der LSE oder in Chicago, die hier verschwörerisch wirkten. In London hatten sich die Keynesianer durchgesetzt und es gab keinen einzigen Vertreter der Österreichischen Schule mehr. In Chicago hatten sich die Monetaristen durchgesetzt, die in Methodik und Geldpolitik nahezu das Gegenteil der ursprünglichen Österreicher vertraten.

Nicht der Kapitalismus hatte den Sozialismus ersetzt, sondern der Geldsozialismus den Produktionssozialismus. In ehemals sozialistischen Ländern lösten bestimmte Funktionäre, die zu Oligarchen wurden, andere ab, die nicht mit der Zeit gingen. Auch in China erkannte man die Dynamik der neuen Finanzalchemie, und Deng Xiaoping gelang der pragmatisch-zynische Umbau. Die Wohlstandsexplosion durch die weltweite Arbeitsteilung, angetrieben durch Freihandel und Geldschöpfung, ist historisch einmalig und noch immer unterschätzt.

Technokraten auf dem Vormarsch

Ebenso unterschätzt werden aber die langfristigen Folgen des Geldsozialismus, der Zentralisierung und Enthemmung der Geldschöpfung. Gerade in China werden diese in Ungleichheit, Umweltzerstörung und dystopischer Menschenfeindlichkeit immer sichtbarer, doch gebührt den Chinesen Respekt, die westlichen Lehrmeister noch überflügelt zu haben. Ludwig von Mises hatte Marktwirtschaft definiert als Demokratie, in der die Konsum- und Sparentscheidungen jedes einzelnen Menschen über die Produktionsstruktur bestimmen anstelle der Pläne von wenigen. Geldsozialismus entzieht der breiten Masse diese Kontrolle. Die Produktionsstruktur passt sich immer mehr den Wünschen von Technokraten an, nicht steigendes Wohlbefinden der breiten Masse, sondern kurzfristige  Illusionen, Willkür, Renditen, Statusgier, Interessen, Kennzahlen dominieren.

Diese Entwicklung erklärt die mögliche „Radikalisierung“ der weniger bekannten Vertreter der Österreichischen Schule in direkter Tradition. Sowohl Mises‘ wichtigster amerikanischer Schüler, Murray N. Rothbard, dessen Nachfolger Hans H. Hoppe (der die Kurzfristigkeit der „Demokratie“ im heutigen Status-quo hinterfragt), als auch Hayeks wichtigster europäischer Schüler Roland Baader (der den Begriff Geldsozialismus prägte) schwenkten den Fokus auf Geld und Politik.

Rothbard wandte sich zunächst der Neuen Linken zu, in scharfer Kritik des außenpolitischen Interventionismus der USA, der unter dem Deckmantel von Freihandel und Marktwirtschaft imperiale Ambitionen und Interessen der Finanzwirtschaft kaschiert. Nach wachsender Frustration über die Denkverbote, Manipulierbarkeit und den Karrierismus auf Seiten der Linken fand er zum Populismus. Dieser bezeichnet hier keine parteipolitische Strategie der Entzweiung, sondern die Umgehung der Pseudoeliten im akademisch-medialen Komplex, um direkt interessierte Laien anzusprechen. Durch die oberflächlichen Ähnlichkeiten ist diese Strategie vom parteipolitischen Rechtspopulismus kaum zu unterscheiden, wodurch Gegner und Anhänger dieses Etikett nutzen, die einen zur Diskreditierung, die anderen, um politische Wirksamkeit vorzutäuschen.

Ausgerechnet zwei deutsche Vertreter der Österreichischen Schule, Hoppe und Baader, gingen letztlich in ungewöhnlicher Schärfe mit dem Status-quo westlicher Politik zu Gericht. Im Zuge der Polarisierung unserer Zeit ist diese Schärfe aus Enttäuschung und düsteren Vorahnungen nun in der Mitte angekommen, während sie bei Hoppe und Baader noch prophetische Dimension hat. Doch natürlich war es nicht die Macht ihrer Schüler, sondern der Wandel der Welt, der sie als Vorreiter der Bürgerwut erscheinen lässt.

Wirkung im Hintergrund

Die eigentlich relevanteste Wirkungsgeschichte der Österreichischen Schule nämlich ist die unsichtbare, außerhalb akademischer und politischer Wirksamkeit. Carl Mengers zwei engste Schüler sind am wenigsten bekannt, denn sie machten keine öffentlichen Karrieren. Felix Somary ging in die Wirtschaft, Richard Schüller ging in die Diplomatie. Ersterer wurde zu einem der prophetischsten Wirtschaftskenner seiner Zeit und begründete das Schweizer Privatbankwesen, mit großer Bedeutung für das wirtschaftliche Überleben und Wiederaufleben Europas. Der letztere war hinter den Kulissen einer der wichtigsten Kämpfer für ein freies und unabhängiges Österreich, sowie eine friedliche Nachkriegsordnung.

Diese Wirkung im Hintergrund zieht sich durch. Die Österreichische Schule inspirierte zahlreiche Unternehmer, Diplomaten, Investoren und Innovatoren. Mises‘ diplomatisches Wirken steht seinem wissenschaftlichen kaum nach, er verhinderte eine Hungerblockade Wiens, wirkte an der Währungsstabilisierung und hielt die Austrofaschisten von zu viel Planwirtschaft ab. Hayek inspirierte schließlich das Projekt Wikipedia und wohl auch Bitcoin.

Letzteres Phänomen schließlich führt heute die meisten Menschen zur Österreichischen Schule. Das erweckt den Eindruck, Bitcoin wäre eine Verschwörung dieser „Austrians“, der „Libertarians“ oder der „Alt-right“. Wieder ändert sich die Welt rasant, und die Menschen suchen nach einfachen Begründungen mit klaren Freund- und Feindbildern. Doch wieder läuft die Kausalität genau umgekehrt. Ideen haben langfristig ungeheure Kraft, kurzfristig suchen wir uns aber Ideen eher zur Rationalisierung unserer Interessen im Status quo aus. Wenn die Zeit reif ist, tauchen Ideen an so vielen Stellen auf, als hätten ihre toten Vordenker über das Grab hinaus eine geheime Verschwörung in Gang gesetzt. Tatsächlich kommt Neues über das spontane Zusammenwirken unbekannter Ideenträger und Innovatoren in die Welt, die selten akademische oder politische Würdigung erfahren. Das Neue übersehen und missverstehen wir, sonst wäre es nicht neu. Und manchmal können alte Ideen in neuer, praktischer Form die größte Revolution darstellen.

In Österreich wird man irgendwann auch die verlorenen Söhne und Töchter – Mises förderte die ersten Ökonominnen und hatte Schülerinnen von Weltrang – wieder entdecken und irgendwann vielleicht ein paar Büsten und Schautafeln ins Museum stellen und Touristen-Touren anbieten, gefolgt von ein paar Dissertationen und Habilitationen. Staatenlos hingegen bleibt die unsichtbare Wirkung besserer Ideen.


Böhm-Bawerks Antwort auf die Energiekrise: Ideologie und Macht haben kurzfristig Strukturen geschaffen, die langfristig nicht tragfähig sind. Die „schließlich siegreich wirkenden Gegenkräfte rein wirtschaftlicher Natur“ enthüllen letztlich politische Illusionen. Anstelle von Energieplanwirtschaft sollten Kostenwahrheit und Wettbewerb treten. Einsparungen müssen zu Kapitalbildung führen, Gewinne dürfen nicht durch Steuern abgeschöpft werden, sondern müssen in Infrastruktur, Forschung und Produktion reinvestiert werden.

Schumpeters Antwort auf den Fachkräftemangel: Die „kreative Zerstörung“ veränderlicher Karrieren und unternehmerischer Lebensläufe darf nicht ersetzt werden durch geschützte Werkstätten für Funktionäre und subventionierte Produktion von Intellektuellen, die Macht des Wortes mit dem „Fehlen einer direkten Verantwortlichkeit für praktische Dinge“ und von praktischer Erfahrung verbinden.

Mises‘ Antwort auf die Wirtschaftskrise: Das Problem ist nicht die Korrektur, sondern die vorhergehende Verzerrung, „nicht in einem Übermaß der Investition, sondern in Investition am unrechten Orte“. „Die Konjunktur bricht ab, wenn die Vermehrung der Geldmenge und der Zustrom zusätzlicher Mittel auf den Geldmarkt ihr Ende erreichen. Doch sie könnte auch dann nicht endlos weitergehen, wenn die Inflation und die Kreditexpansion endlos fortgesetzt werden würden.“ Die Produktionsstruktur muss wieder an die langfristigen Wünsche und verfügbaren Mittel der Menschen angepasst werden. Zu einer raschen Erholung muss anstelle der Förderung von zentralistischer Unproduktivität, die Ermöglichung von dezentraler Produktivität treten.

Hayeks Antwort auf die hohe Inflation: Bei den Ursachen – Geldschöpfung und Interventionismus – statt bei Symptomen – Preiserhöhungen durch Unternehmen – ansetzen durch eine „Entnationalisierung des Geldes“. Die einzige Möglichkeit ist wohl die „Einführung“ eines nichtstaatlichen Geldes auf einem „listigen, indirekten Weg“, der von Regierungen zuerst nicht ernst genommen wird und dann „nicht mehr gestoppt werden kann“.

Ungekürzte Fassung, die als Grundlage diente für einen Artikel in Pragmaticus, Ausgabe 08/2022

Dieser ältere Scholien-Text bleibt frei unter seinem ursprünglichen Link erreichbar.

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