Mitarbeitsnoten? Über erzwungene Kooperation und Streber …
An der Universität versuche ich stets, wie auch meine Kollegen, die Studenten durch Zwischenfragen wach zu halten. Da kommt nicht immer viel zurück: Selbst die einfachsten Fragen stoßen oft auf eine Mauer des Schweigens. Es liegt nahe, dies durch die Dummheit und generelle Unfähigkeit heutiger Studenten zu erklären. Tatsächlich ist es bloß ein Hinweis auf […]
An der Universität versuche ich stets, wie auch meine Kollegen, die Studenten durch Zwischenfragen wach zu halten. Da kommt nicht immer viel zurück: Selbst die einfachsten Fragen stoßen oft auf eine Mauer des Schweigens. Es liegt nahe, dies durch die Dummheit und generelle Unfähigkeit heutiger Studenten zu erklären. Tatsächlich ist es bloß ein Hinweis auf die Dummheit und Unfähigkeit des Lehrpersonals und der Universitätsleitung. Das Schweigen herrscht nämlich in aller Regel in Lehrveranstaltungen, die auf eine Prüfung am Ende hinauslaufen, wo dann durch „Multiple Choice-Tests“ explizites Wissen abgefragt wird – eine Peinlichkeit, die von der Idee einer Universität nicht mehr viel übrig lässt. In „prüfungsimmanenten“ Lehrveranstaltungen ist es zumindest für den Lehrenden angenehmer: denn in diesen kann man die Mitarbeit der Studenten notenmäßig belohnen und somit Anreize zu ihrer Kooperation setzen.
Kooperation ist das Schlüsselwort, um die Dynamiken in Hörsälen besser zu verstehen, die ahnungslose Professoren allerorts in Verzweiflung und Depression stürzen – und einmal mehr den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören lassen. Anhand persönlicher Erfahrungen erlaube ich mir im Folgenden eine politisch unkorrekte Analyse der wenig verstandenen Hörsaalökonomik, die auch die Ressentiments gegen „Streber“ an Schulen erklären kann. Diese Verständnismängel lassen die Studenten schlechter dastehen als sie eigentlich sind – die Generation aktuell Studierender sei also etwas in Schutz genommen.
Professoren glauben, dafür bezahlt zu werden, den Studenten Wissen zu vermitteln. Tatsächlich liegt der Marktwert der Universität im Wesentlichen darin, Teil eines staatlichen Zertifizierungskartells zu sein, das mit seinen Zertifikaten potentiellen Arbeitgebern signalisiert: Studenten mit guten Noten verfügen mit gewisser Wahrscheinlichkeit über Grunddisziplin, Mindestintelligenz, Eigenantrieb und Sitzfleisch. Das wollen und können die Professoren und Universitäten aber nicht wahrhaben. Daher inszenieren sie ein Bildungstheater mit Lehrbüchern, Foliensätzen und einer ständig wachsenden Zahl theoretischer Konzepte, die sich für das Auswendiglernen und Abprüfen eignen. Dieses Theater benötigt ein Publikum, das oft nur noch durch die „Prüfungsimmanenz“ herbeigenötigt werden kann.
Professoren brauchen also, genauso wie Lehrer in den niederen Zwangsschulen, Kooperation, damit die Bildungsillusion nicht aufgedeckt wird. Die Studenten freilich wissen, wofür sie da sind: mit möglichst geringem Aufwand möglichst viele Zertifikate mit möglichst guten Noten einzusammeln. Vielfach beklagt man sich über diesen Pragmatismus der Generation Y, doch dieser ist die logische und kluge Reaktion auf die Zerstörung der Universität – gleichermaßen von außen wie von innen! Zwar sind sie freiwillig an der Universität, doch sie sind dort eben nicht nur Kunden einer Bildungsleistung, sondern vielmehr noch Prüflinge einer Zertifizierungsbehörde, die staatlich privilegiert ist. Da der Lehrende die Gewalt über die Notengebung hat, ist er ein potentieller Widersacher, so kumpelhaft er auch auftreten mag. Studenten erwarten wie alle normalen Menschen eine Gegenleistung, wenn sie ohne Nötigung kooperieren sollen. Genötigt werden sie ständig durch die Notengebung.
Nun ist es generelles psychologisches Faktum, dass sich Individuen in Gruppen weniger anstrengen, es sei denn, ihre Beiträge werden effektiv überwacht und belohnt. Hier kommt dann die „Mitarbeitsnote“ zum Tragen, die grundsätzlich ein etwas unwürdiger Behelf ist, aber immer noch besser als das betretene Schweigen, wenn es keine Anreize gibt, sich die Blöße einer Wortmeldung zu geben. Wortmeldungen, die nicht honoriert werden, sind völlig unökonomisch: Man macht sich potentiell lächerlich, weil man nicht errät, was der Professor hören möchte, oder weil die Gruppe ihr garstiges Antlitz gegenüber jedem Lapsus entblößt. Die einzige Möglichkeit für den Professor oder Lehrer, Kooperation ohne Sanktion zu erhalten, ist das Absenken der Standards: also seine „Gegenleistung“ großzügiger abzugeben. Der Kern universitärer Evaluierung und der Lehrerbeliebtheit an Schulen hängt an der Leichtigkeit des Fachs, die freilich mit Engagement verbunden sein kann. Generell goutiert wird jedoch, die Notengewalt nicht allzu eng zu sehen und Empathie mit den Studenten zu zeigen: die eben vor allem eines suchen, nämlich viele Zertifikate mit geringerer Mühe. Das liegt nicht an ihrer Faulheit, sondern an der absurden Überlastung von Studenten und Schülern durch überfrachtete Fächer, während man sie gleichzeitig spüren lässt, dass sie bei der Zertifikatsinflationierung mithalten müssen, um überhaupt noch irgendeine Chance am Arbeitsmarkt zu haben. Ernsthafte Schüler und Studenten haben wenig Freizeit, und das, obwohl die Anforderungen ständig nach unten gehen.
Der Professor oder Lehrer befindet sich also in einer Verhandlungssituation, in der seine „Kunden“ ständig abtesten, wie tief sie die Preise drücken können – Kunden unter Anführungszeichen, da sie sich eher in einer Monopolsituation befinden und damit gewissermaßen ausgeliefert sind. Da es sich bei der Interaktion nicht um einzelne, freiwillige Tauschakte handelt, sondern – wie das im Zuge der Schulpflicht besonders deutlich ist – kollektiver Zwang den Rahmen für die individuellen Tauschhandlungen bildet, überwiegt anstelle des Tausches das Moment der Täuschung. Die Tauschakte sind Kooperation bei der Bildungsinszenierung von Seiten der Schüler und Studenten gegen gute Benotung von Seiten des Lehrers oder Vortragenden. Täuschung bedeutet in diesem Kontext Vortäuschung dieser Kooperation durch Kopien von Arbeiten, Schummeln und braves Stillsitzen.
Streber sind deshalb besonders unbeliebt, weil sie durch ihre übermäßige Kooperationsbereitschaft das Austauschverhältnis, d.h. die Marktbedingungen zwischen Lehrern und Schülern verschlechtern. Streber liefern dem Lehrer Kooperation trotz mangelndem Entgegenkommen des Lehrers. Das größte Entgegenkommen ist aus Perspektive der Schüler und Studenten das Absenken der Standards, weshalb dieses auch bei der Evaluation am ehesten goutiert wird. Das hat rein gar nichts mit Dummheit oder Faulheit zu tun, sondern ist eine rationale Strategie, um unter gegebenen Bedingungen zu reüssieren.
Dümmer und fauler sind die Lehrkräfte, die mit geringem didaktischem Einsatz die Last auf die Schüler und Studenten schieben und sie dann bei Prüfungen durchrasseln lassen, so als ob ihr frontal durchgepauktes Fachgebiet diese Wichtigkeit beanspruchen dürfte, den jungen Menschen ihr Zertifikat vorzuenthalten. Diese Lehrkräfte glauben, nur weil eine Einrichtung Universität heißt, sie auch eine Universität sei: also eine kleine Zahl von einseitig begabten Theoretikern für ihre Aufgabe der Erschließung, Bewahrung und Vermittlung eines Kulturerbes vorbereite. Das ist allenfalls noch in einigen Orchideenfächern bei wenigen Ausnahmestudenten der Fall. Überall anders handelt es sich um einen nominalistischen Irrtum, der wahren Akademikern eigentlich nicht unterlaufen sollte. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, der jungen Generation entgegenzukommen. Kritisches Denken und wirkliche Fertigkeiten, außer dem Trivium (also sprachlich-analytische Fertigkeiten) lassen sich nicht durch Multiple Choice-Tests bewerten. Darum sollte man die Vermittlung des Wertvollen tunlichst von der Aufgabe der Zertifizierung des Wertlosen trennen. Sonst tut man, auch bei höchsten Standards, den jungen Menschen nichts Gutes.
Ein Teil des Textes ist leider nicht öffentlich zugänglich, da der Autor für Freunde schreibt und sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Intimität der alten Wiener Salons ist im scholarium Voraussetzung der Erkenntnis, die keinerlei Rücksicht auf Empfindlichkeiten nehmen kann. Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit, gerne laden wir Sie dazu ein.
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