Identitäre Grenzgänger
Mit einem Nachtrag zur Empörung Deutschland bringt wieder einmal einen Österreicher ganz groß raus: Wochenlang rührten deutsche Politik und Medien die Werbetrommel für den rechten Influencer Martin Sellner. Das ist nicht nur Inkompetenz, sondern leider auch Absicht. Die unpopulärste Regierung aller Zeiten braucht Ablenkung. Die statusgeilen Vertreter der Geltungstugend in Medien und Universitäten hingegen würden […]
[Mit einem Nachtrag zur Empörung](#Nachtrag)
Deutschland bringt wieder einmal einen Österreicher ganz groß raus: Wochenlang rührten deutsche Politik und Medien die Werbetrommel für den rechten Influencer Martin Sellner. Das ist nicht nur Inkompetenz, sondern leider auch Absicht. Die unpopulärste Regierung aller Zeiten braucht Ablenkung. Die statusgeilen Vertreter der Geltungstugend in Medien und Universitäten hingegen würden auch das ganze Land dafür opfern, sich vor Gesichtsverlust zu schützen.
Ein Teil des Textes ist leider nicht öffentlich zugänglich, da der Autor für Freunde schreibt und sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Intimität der alten Wiener Salons ist im scholarium Voraussetzung der Erkenntnis, die keinerlei Rücksicht auf Empfindlichkeiten nehmen kann. Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit, gerne laden wir Sie dazu ein.
Sellners Hauptthema ist wenig originell: die wachsende Ablehnung der irregulären Massenmigration durch Missbrauch des Asylrechts. Um nicht die Kontrolle über die Narrative zu verlieren und damit das Gesicht, braucht es eine herbeigeschriebene „Gefahr von rechts“. Irgendwann wird diese zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Es ist zu erwarten, dass sich immer mehr junge Menschen mit Identitätsstörungen bei Gewalt- und Zerstörungsausbrüchen auf Ideologie berufen, um ihre Wut zu rationalisieren.
Eine Folge der Massenmigration ist zunächst eine Häufung von Einzelfällen: Verbindungen zwischen diagnostizierten psychischen Störungen, islamistischen Bekenntnissen und Anschlägen. Die Verbindung erklärt sich wie folgt: Mehr junge Männer mit schlechten Statusaussichten bedeuten mehr Identitätsstörungen. Diese durch die digitalen, un-„sozialen Medien“ verstärkten Probleme der Identitätsformung in modernen Gesellschaften werden durch Akademiker – auf derselben verzweifelten Suche nach Status und Karriere – pseudowissenschaftlich psychologisiert in Richtung ent-schuldigender Diagnosen.
Die ökonomische Deutung ist da realistischer: Der Gewaltakt ist ein letzter Versuch, Status zu gewinnen, und auch schon die Erwartung hat gegenwärtigen Gegenwert. Dazu werden Statusnarrative nötig – eben Ideologien. Islamismus eignet sich perfekt, insbesondere in seiner modernen Form, die viel von europäischen Intellektuellen gelernt hat: Ein Kult für Verlierertypen, die im Kollektivismus von Gebäranstrengungen und Angstverbreitung identitäre Aufwertung erhoffen.
Nach den Islamisten jagt auch noch eine andere Gruppierung Schrecken ein: Amokläufer mit „rechtsextremen“ Bekenntnissen. Hier liegt auch der vermeintliche Beweis für die Schrecklichkeit von Sellner: Ein amoklaufender Incel (Verlierer im Wettbewerb um Frauen) aus Australien hatte sich per E-Mail als Gesinnungsgenosse gezeigt, Sellner etwas Geld gespendet und ein Treffen in Wien anvisiert.
Doch Sellner ist selbst weder Incel (sondern glücklich mit einer amerikanischen Rechts-Influencerin verheiratet) noch Verlierertyp. Ist er der Kopf eines weltweiten Netzwerks identitärer Schläfer? Diese Einschätzung läuft in die Irre. Spontan angenommene Identitätsvorwände sind keine organisierten Gruppierungen.
Islamismus ist viel weiter verbreitet als die Erzählungen einer vermeintlichen Alt-Right. Dabei trifft Verachtung für den Westen auf überzählige Söhne, für die vorhandene Strukturen wenig Verwendung bieten. Die Gegenerzählung der „Identitären“ ist romantische Hoffnung: die Sehnsucht nach einer Welt, in der junge Männer als edle Ritter die fremden Feinde abwehren.
Es handelt sich aber nicht deshalb um eine Bewegung, weil sie viele Menschen organisiert. Ganz der digitalen Welt angepasst, ist es vielmehr eine Stilrichtung von Trollen mit Meme-Kompetenz. Der Troll ist kein Fabelwesen mehr, sondern das Gegenstück zur hysterischen Cancel-Kultur und zugleich ihr Vorläufer: das Talent, digital so anzuecken, dass sich ein Shitstorm zusammenbraut – so die Bezeichnung für Aufmerksamkeitseskalation in Empörungsspiralen.
Die un-„sozialen“ und die Torwächter-Medien benötigen das Gespenst der „Identitären“, und letztere benötigen die Medien. Es handelt sich also um eine Symbiose. Die Identität der „Identitären“ bedeutet vor allem: Kosmopolitische Jugendliche aus unterschiedlichsten Kulturen ziehen dieselben T-Shirts an und stimmen sich auf Englisch darüber ab, wie sie am besten „influencen“ – d.h. im digitalen Kampf um Aufmerksamkeit von jedem gegen jeden obsiegen können. Weder die Sehnsucht nach Identität, die Ablehnung irregulärer Massenmigration, noch eben dieser Aktivismus sticht irgendwie heraus.
Was heraussticht, ist allein der grenzgängerische Mut zum absoluten Trollen, der totalen Empörung. So mancher junger Mann erlebt früh, dass nur noch eine Sache Lehrer und Eltern auf die Palme bringt. Ein Tabu, das an die deutsche Identität rührt und wo sich daher der Spaß aufhört. Alle anderen Regelbrüche lassen sich ironisch überwinden und integrieren oder einfach ignorieren – denn wo die Regel irrelevant, fällt der Bruch nicht mehr auf.
Das letzte deutsche Tabu ist „Nazi!“. Henryk M. Broder prägte mit einem Zitat von Johannes Gross das Konzept des nachgeholten Widerstands: „Je länger das Dritte Reich tot ist, umso stärker wird der Widerstand gegen Hitler und die Seinen.“ Nazis kann es keine mehr geben. Nur wenige sehnen sich nach der Nazi-Zeit zurück. Etwas mehr jedoch kokettieren mit Nazi-Ästhetik, -Diktion und gar -Ideen. Die letzteren sind dabei am wenigsten relevant, denn die Nazis bedienten sich fast überall. Nationaler Sozialismus und Antijudaismus sind weit verbreitete Haltungen – weit über die Nazis hinaus.
Vor einer Generation konnte ein Halbwüchsiger noch Aufmerksamkeit erzielen, indem er sich die Haare lang wachsen ließ. Heute muss es schon ein strenger Scheitel sein, um einerseits Ablehnung des Status quo auszudrücken und andererseits damit noch Aufmerksamkeit zu erregen. Die Empörungsspirale bedeut den höchsten Kick für die Klick-Süchtigen und die höchsten Umsätze für ihre Dealer.
Zu mehr Amokläufen führt ein Sellner sicher nicht, eher im Gegenteil bietet er für Verlierertypen Identitätsvorlagen, für die man nur ein paar Anti-Faschisten grimmig in die Augen blicken, ein paar Rangeleien aushalten und vor allem die digitale Werbetrommel rühren muss. Dennoch wird die mediale Popularisierung der mit ihm verbundenen Meme dazu führen, dass sich identitätserschütterte Gewalttäter darauf beziehen könnten. Das wiederum wird die Empörungsspirale weiter anheizen.
Zuerst erschienen auf eigentümlich frei.
Nachtrag zur Empörung
Obiger Artikel löste die bislang größte Empörung in all den Jahrzehnten meines Schreibens für das Magazin aus. Zahlreiche Leser beschwerten sich.
Ich hatte mit Empörung gerechnet. Immerhin verteidigte ich den massenmedial berühmten Chef-Identitären gegen den Vorwurf, eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu sein. Er sei eng mit amoklaufenden Wahnsinnigen verbunden und überhaupt ein gefährlicher Neonazi.
Die Empörung galt aber ganz im Gegenteil nicht dieser Verteidigung, sondern dem Umstand, dass ich wenig Begeisterung für die „identitäre Bewegung“ aufbrachte und die Aufmerksamkeitsdynamiken nüchtern darlegte. Diese Nüchternheit wurde mir als „oberlehrerhaftes Abkanzeln“ angelastet, so als hätte ich einen der letzten Helden des Abendlandes öffentlich angeschüttet (obwohl ich zu der Person nichts Negatives schrieb).
Diese Erfahrungen lehren mich, dass die Polarisierung bereits sehr tief geht. Schon in der Pandemie hatte meine nüchterne Darstellung, obwohl ich von Anbeginn Kritiker der vermeintlichen Maßnahmen und Interventionen war, bei vielen Menschen für Enttäuschung gesorgt und zu Publikumsschwund geführt. Ich wollte die Dynamiken verstehen. Damit schien ich aber viel zu viel Empathie für die jeweils empörend falsche Seite aufzubringen.
In immer dichterem Abstand kommen nun entzweiende Themen. Mir liegt dieses aufgeregte Empören gar nicht. Ich halte es für langweilig und berechenbar. Es mag sein, dass das Verstehen oft praktisch nutzlos bleibt – weil wir ohnedies individuell wenig Einfluss auf große Dynamiken haben. Dass Empörung nützlicher sein soll, das glaube ich nicht, kann es aber auch nicht gänzlich ausschließen. Immerhin bieten geteilte Identitäten Trost in ungewissen Zeiten.
Wut ist eine Regung, was für sie spricht. Empörung als aktive Reaktion auf Ungerechtigkeit und Unsinn ist gewiss besser als ohnmächtiges Ertragen oder dummes Mitläufertum. Die Wut und die Empörung, die mir Sorgen bereitet, ist jene Seelenentzündung, vor der Eric Voegelin warnte. Es handelt sich um das Ereifern über Umstände, die nicht in unserer Hand liegen und daher zu unduldsamer Moralisierung führen. Wenn nur endlich alle! Wenn nur niemand mehr! Diese totalen Losungen als einzige Hoffnung für Lösungen ähneln alten Häresien. Sie sind total, denn jeder Widerspruch, jedes individuelle Zögern, am kollektiven Strick mitzuziehen, erscheinen als Grund für das Ausbleiben der Gerechtigkeit.
Natürlich bin auch ich empört über die subventionierte Negativselektion bei der Zuwanderung. Das ist aber nur im Symptom ein identitäres, in der Ursache ein ganz anderes Problem. Ein junger Afghane trägt weniger Schuld an seinen Hormonen, den Mängeln seiner (Un)Kultur, dem Streben nach Verbesserung seiner Lebensumstände, der Verachtung für Deutsche, als eben jene „Biodeutschen“, die aufgrund ihrer eigenen Kulturmängel, ihres Hormonmangels, ihrer Wohlstandsverwahrlosung, kulturellen und demografischen Selbstmord auf Raten begehen. Mit welcher „Remigration“ soll denn dieses Vakuum gefüllt werden?
Das ist eben das Problem der Empörungen: Sie entzünden sich stets an den Symptomen und machen die Lage noch unerträglicher. Sie bestärken alle, denen privilegierte Lage und Klasse noch Empörungsrückstände erlauben. Sie machen das eigene Leben zur Hölle durch Ungeduld, Seelenpein, Streitlust und soziale Unverträglichkeit. Sie entzweien Familien und Freundschaften in einer Zeit der Vereinsamung.
Mehr Geld für unsere Leute! – mit dieser Forderung versucht der identitäre Weg, den Unmut über die subventionierte Massenmigration weiter anzufachen. Das ist unnötig. Die Unterschicht, die darauf hereinfällt, erfährt ohnedies die Kosten dieser Zuwanderung am eigenen Leib. Die politische Entzweiung setzt also genau falsch an. Nicht ein identitäres “Wir” – Österreicher, Deutsche, Europäer, Christen – steht im politischen Gegensatz zu den anderen. Das ist eben die falsche Klassentheorie, die auch nur eine identitäre Spielart der sozialistischen ist.
Natürlich bin ich kein Kulturrelativist und bin Österreichisch-Deutsch-Europäisch-Christlichem sehr zugetan, ohne genau die Grenzen ziehen zu können – schon gar nicht zum Orient. Was ich am Okzident besonders schätze, ist jedoch ausgerechnet die Freiheit von identitärem Tribalismus, ohne dabei lokal-patriotische Präferenzen, Gefühle und Verantwortungen abgeben zu müssen, was letztere viel authentischer macht als das dämliche Mitlaufen mit heute meist medial vermittelten und kommerziell ausgehöhlten pseudo-identitären Markern und „Traditionen“.
Die eigentliche, ältere und korrektere Klassentheorie geht auf die französischen Vordenker Charles Dunoyer und Charles (nicht Auguste) Comte zurück, wie Murray Rothbard in Erinnerung rief. Der größte Gegensatz ist der zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen Nutznießern gewaltsamer Umverteilung und ihren Opfern. Ich bezweifle, dass arme Proletarier und junge Afghanen wirklich die größten Nutznießer sind. Ihre entwürdigende Abspeisung durch den „therapeutischen Staat“ (nach Paul Gottfried) ist nur ein Pflaster und Alibi, damit sie die richtigen Nutznießer nicht beeinträchtigen.
Ich bleibe bei der Neutralität, auch wenn sie gerne als Feigheit oder Intellektualität ausgelegt wird. Nicht einmal der Schweiz scheint die Neutralität noch zu gelingen, also stehe ich vielleicht auf verlorenem Posten. Eher verstehen als richten, das war die Devise der alten Österreichischen Schule. Der Begriff der Wertneutralität ist aber irreführend. Ich verspreche, Sie bei aller Neutralität nicht in die Irre neutralisierter Werte zu führen – zur Prinzipienlosigkeit.
Dieser ältere Scholien-Text bleibt frei unter seinem ursprünglichen Link erreichbar.
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