Ideenarbeit – Scholien 04/13
# \ Inhaltsverzeichnis
Bedienungsanleitung 4
New economy 6
Roboter 11
Netzwerkarchitektur 15
Gier 22
Alternative Ökonomik 26
Animal Spirits 37
Middle of the road 43
Wiener Schule der Ökonomik 49
Popularisierung der Ökonomik 68
Hayek versus Keynes 75
Propaganda 79
Geistesarroganz 90
Whigs versus Tories 95
Nominalismus 103
Wiener Intellektuelle 106
Materialismus 113
Steuerbarkeit 117
Leben als Entwurf 125
kleinschreibung 129
Denkpraxis 137
Think Tanks 144
Institute for Economic Affairs 156
Keynes versus Keynes 166
Gegenkultur 174
Cyber-Keynesianismus 187
Entfremdung 201
Neue Arbeit 214
Literatur 232
Bedienungsanleitung
Dieses Büchlein enthält persönliche Gedanken und Beobachtungen sowie ausgewählte Texte und ist primär für Seelenfreunde des Verfassers gedacht. Mit Scholion bezeichnete man ursprünglich eine Randnotiz, die Gelehrte in den Büchern anbrachten, die ihre ständigen Wegbegleiter waren. Als Bücher noch teuer und selten waren, wurden sie oft geteilt und die geistige Auseinandersetzung wurde in Kommentaren zur gemeinsamen Lektüre geführt. Heute gibt es so viel mehr zu lesen, aber nur wenige haben dazu die Muße.
Ich habe es zu meiner Berufung gemacht, viel zu lesen und zu schreiben. Die Scholien sind eine Anregung für Vielleser, aber vielmehr noch eine Dienstleistung für Wenigleser. In dieses kleine, handliche Format versuche ich die Erkenntnisse aus meiner umfangreichen Lektüre zu komprimieren und so mit meinen Freunden eine große Bibliothek zu teilen. Die meisten zitierten Werke sind in unserer Institutsbibliothek vorhanden und können von Mitgliedern entliehen werden (bitte um Voranmeldung per E-Mail). Doch es ist kein bloßes Bücherwissen, das ich vermitteln will. Immer wieder beziehe ich mich auf die Realität abseits der Bücher, denn die Theorie – die Anschauung – ist nur da sinnvoll, wo sie etwas zu schauen hat. Mit meinen Kollegen im Institut für Wertewirtschaft verstehe ich mich als praktischer Philosoph. Die Scholien jedoch sind kein systematisches philosophisches Opus, sondern sammeln gewissermaßen die Späne, die mir beim geistigen Bearbeiten der größeren Scheite für das Feuer der Erkenntnis zufallen.
Das Motto vornan ist zufällig aus dem Text gewählt, dazu gestaltet die Künstlerin Ingeborg Knaipp den Umschlag. Das Lektorat übernahmen Benjamin Koch und Johannes Leitner. Die zahlreichen Zitate sind meist eigene Übersetzungen. Die verwendete Literatur ist gesammelt am Ende angeführt. Frühere Ausgaben der Scholien können in Sammelausgaben in edlem Schuber nachbestellt werden. Mitglieder des Instituts für Wertewirtschaft erhalten Zugang zu den digitalen Versionen.
Administrative Anfragen bitte an [email protected] senden, inhaltliche Anregungen und Fragen bitte an\ [email protected]. Falls der geschätzte Leser dieses Exemplar zur Ansicht erhalten hat, würde ich mich freuen, ihn auch künftig als Adressaten dieser freundschaftlichen Korrespondenz zu wissen:
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New economy
Die letzten Scholien endeten etwas abrupter als sonst, darum sollten diese etwas sanfter beginnen. Einen Faden gilt es wieder aufzunehmen, den ich loslassen mußte – sonst wäre die bislang dickste Ausgabe nie an ihr Ende gekommen. Außerdem mühte ich mich um zeitgerechtes Erscheinen, was dann die Druckerei ohnedies zunichtemachte. So kommt es, daß ich einen Autor in dieser Ausgabe nochmals würdigen muß, der dies gar nicht so recht verdient. Oft sind es gerade die schlampigeren Werke, die am meisten Aufsehen erregen, wenn sie einmal die Aufmerksamkeit haben: denn es braucht eben lange, sie zu diskutieren. Meine Aufmerksamkeit verdiente sich das Werk durch einige drastische Szenarien, die sich mit der Zukunft der Arbeit auseinandersetzen. In der Moderne ist die Arbeit, paradoxerweise zeitgleich mit dem Verschwinden des Arbeiters, zum wesentlichen Inhalt und Maßstab des Menschen geworden. Dies erklärt auch die größte Angst der Moderne und die stärkste Ermächtigung der Politik: Die Sorge um den Arbeitsplatz.
Ich sorge mich auch um Arbeitsplätze – aber in genau gegenteiligem Sinne: Ich sorge mich, ob es menschengerecht ist, in so großem Ausmaße von Arbeitsplätzen abhängig zu sein, also langfristigen Einkommensströmen einer einzigen Quelle. Das Verschwinden von Arbeitsplätzen betrachte ich daher nicht als per se negativ. Doch jede Veränderung, sei sie auch zum Positiven, bereitet Sorgen, wenn sie allzu dramatisch erfolgt. Ein Dramatisierer des Umbruchs ist Jaron Lanier, der in seinem bereits in den letzten Scholien präsentierten Buch, das baldige Ende des Mittelstands beklagt. Besonders drastisch ist sein Vergleich zwischen einem typischen Unternehmen der old economy und einem ebenso typischen Vertreter der new economy:
Hier ist ein aktuelles Beispiel der Herausforderung, die sich uns stellt. Auf der Höhe ihrer Macht beschäftigte das Photographieunternehmen Kodak mehr als 140.000 Menschen und war 28 Milliarden Dollar wert. Sie erfanden sogar die erste Digitalkamera. Doch heute ist Kodak bankrott, und zum neuen Gesicht der Digitalphotographie wurde Instagram. Als Instagram 2012 für eine Milliarde Dollar an Facebook verkauft wurde, beschäftigte es nur 13 Personen. Wohin verschwanden all diese Arbeitsplätze? Und was passierte mit dem Wohlstand, den diese Arbeitsplätze der Mittelschicht schufen? \[…\] Instagram ist nicht eine Milliarde Dollar wert, nur weil diese 13 Mitarbeiter so außergewöhnlich sind. Vielmehr kommt sein Wert von den Millionen an Benutzern, die zum Netzwerk beitragen, ohne dafür bezahlt zu werden. Netzwerke brauchen eine große Zahl an Teilnehmern, um signifikanten Wert zu generieren. Doch wenn sie über diese verfügen, wird nur eine kleine Zahl an Menschen dafür bezahlt. Das hat insgesamt den Effekt, daß Wohlstand zentralisiert und das Wirtschaftswachstum eingeschränkt wird. Anstatt die Gesamtwirtschaft zu vergrößern, indem Wert geschaffen wird, der in der Buchhaltung erfaßt werden kann, bereichert die Bedeutungszunahme digitaler Netzwerke einige wenige, während der Wert, der von den vielen geschaffen wird, aus der Buchhaltung verschwindet. (Lanier 2013, S. 17)
Dies entspräche einem Übergang von formeller zu informeller Wirtschaft. „Formell“ bezeichnet dabei jene Art des Wirtschaftens, auf der das bisherige „Wirtschaftssystem“ beruht: Offizielle, besteuerte, stabile Arbeitsplätze, die ein Leben weit über dem Subsistenzniveau ermöglichen. Überwiegend „informell“ hingegen ist die Wirtschaft im Slum eines Entwicklungslandes. Der größte Teil der Wertschöpfung erfolgt dabei „unter der Hand“ und „von der Hand in den Mund“. Laut Lanier besteht der wesentliche Unterschied zwischen Kodak und Instagram darin, daß letzteres denjenigen, die den Dienst durch ihre Beiträge ermöglichen, zum überwiegenden Teil nur noch „informelle“ Vorteile bietet. Das ist für ihn eben deshalb eine Art „Slum-Ökonomie“, weil Geld nur eine geringe Rolle spielt, die meisten Vergütungen erfolgen über Reputation und Tausch. So sei es bei allen modernen Netzwerkunternehmen: Sie beruhen auf den freiwilligen Beiträgen von Millionen, die dafür kostenlose Nutzung und allenfalls Aufmerksamkeit erhalten, aber kaum noch „formelle“ Entlohnung. Dieses Muster hält er für einen Vorboten dessen, was anderen Branchen noch blüht:
Einst gab es eine große Gruppe aus der Mittelschicht, die von der Musikindustrie lebte, doch dies ist vorbei. Die Hauptbegünstigten des digitalen Musikvertriebs sind die Betreiber von Netzwerkdiensten, die Musik im Wesentlichen im Austausch für Daten anbieten, die sie sammeln, um die Datensätze und Verhaltensmodelle jeder Person zu verfeinern. Dasselbe könnte der Chirurgie widerfahren. Nanoroboter, holographische Strahlung oder schlicht gewöhnliche Roboter mit Endoskopen könnten eines Tages Herzoperationen durchführen. \[…\] Allgemeinmediziner haben bereits ein gewisses Ausmaß an Selbstbestimmung eingebüßt, weil sie es verabsäumt haben, die Netzwerkzentren zu übernehmen, die zur Vermittlung der Medizin entstanden sind. Versicherungs- und Pharmakonzerne, Spitalketten und andere gewiefte Netzwerkerklimmer waren hierbei achtsamer. \[…\] Normalen Menschen wird durch die neue Wirtschaft kein Wert zugerechnet, während diejenigen, die am nächsten zu den Superrechnern sind, Höchstwerte erreichen. Information kostenlos zu machen, läßt sich nur durchhalten, solange eine beschränkte Zahl an Menschen um ihre Lebensgrundlage gebracht werden. So weh es mir tut, das zuzugeben: Wir können überleben, wenn wir nur die Mittelschicht an Musikern, Journalisten und Photographen zerstören. Was wir nicht überleben können, ist die zusätzliche Zerstörung der Mittelschicht in den Branchen Transport, Fertigung, Energie, Büroarbeit, Bildung und Gesundheitsversorgung. \[…\] Werden die Menschen also \[…\] genügend Wert aneinander finden, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sobald Cloud Software \[rein netzbasierende Programme\] gekoppelt mit Robotern und anderen Geräten die meisten Bedürfnisse befriedigen können? Oder, noch direkter ausgedrückt: „Werden normale Menschen langfristig genügend Wert schöpfen, um die Existenz einer Wirtschaft überhaupt zu rechtfertigen?“ (S. 23, 28, 265)
Roboter
Mit dem Verschwinden der Mittelschicht würde auch die Demokratie ihrer Grundlage beraubt. Lanier bezieht sich mit dieser düsteren Warnung auf Aristoteles, der auch erstaunlich Prophetisches zur Automatisierung bemerkt hatte. Die alten Griechen kannten bereits Maschinen, doch nutzten sie diese nur für Spielereien, nicht zum Arbeitsersatz. Das lag wohl daran, daß sie die denkbar besten Roboter in Betrieb hatten: Menschensklaven. Robot leitet sich von der slawischen Wortwurzel für „Arbeit“ ab. Der tschechische Wirtschaftsphilosoph Tomáš Sedláček schildert in seinem Bestseller, auf den ich noch zu sprechen kommen werde, die Entstehungsgeschichte des Begriffs:
Das Wort „Roboter“ wurde erstmals 1920 von dem tschechischen Schriftsteller Karel Čapek in seinem Science-Fiction-Drama R. U. R. (Rossum’s Universal Robots, Rossums Universalroboter) verwendet, in dem es um einen Aufstand künstlicher Wesen geht, die zu dem Zweck gebaut wurden, die menschliche Arbeit zu übernehmen. Čapek wollte sie ursprünglich labori (Arbeiter) nennen, doch sein Bruder Josef (ein sehr bedeutender Künstler) dachte sich die passendere Bezeichnung »Roboter« aus. (S. 409)
Lanier hat Aristoteles mißverstanden. Für diesen bestand der bürgerliche Mittelstand natürlich nicht aus Lohnabhängigen, die davon abhängen, daß sich die Technologie nicht schneller entwickelt als sie selbst. Die Roboter bedrohen laut Aristoteles – analog zu Čapek – den Sklavenstand. Hier sind die prophetischen Worte des großen Philosophen:
Wenn nämlich jedes Werkzeug auf Geheiß oder mit eigener Voraussicht seine Aufgabe erledigen könnte, wie man es von den Standbildern des Daidalos und den Dreifüßen des Hephaistos berichtet, die, wie der Dichter sagt, „sich von selbst zur Versammlung der Götter einfinden“ – wenn also die Weberschiffchen von allein die Webfäden durcheilten und die Schlagplättchen Kithara spielten, dann brauchten die planenden und beaufsichtigenden Meister keine Gehilfen und die Herren keine Sklaven. (Aristoteles, Politik, I.4.35)
Geradeso als hätte Aristoteles es vorhergesehen, daß Musikinstrumente und Webstühle am Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Modelle der Mechanisierung sein würden! Der Bürger ist für Aristoteles aber noch der Meister, der Eigentümer seiner Werkzeuge. Durch die Automatisierung werden Werkzeuge ersetzt, und damit allenfalls Sklaven, die Aristoteles belebte Werkzeuge und daher belebten Besitz nennt. Die „Demokratie“, die nach den meisten heutigen Beobachtern, auf dem „Mittelstand“ beruhe, würde in Aristoteles Augen ebenso gänzlich anders aussehen, wie ich in den letzten Scholien nahezulegen versuchte. Das, was Lanier als Inbegriff des Mittelstandes wahrnimmt, nämlich stabile Lohnabhängigkeit, an der über Steuern jeweils zwei bis drei Personen an einem Arbeitsplatz versteckt mitversorgt werden, hätten antike Griechen klar dem Sklavenstand zugerechnet. Das Dilemma zwischen dieser „Sicherheit“, um die sich Lanier Sorgen macht, und der Freiheit, erklärt Sedláček anhand der Bibel:
Zu den größten Taten von Mose gehört, dass er seinem Volk ein für alle Mal klarmachte, dass es besser ist, hungrig und befreit zu bleiben, als ein Sklave mit Essen, das man »umsonst« bekommt, zu sein. \[…\] Hier ließ sich zweifellos ein ganzes Volk täuschen: Man machte den Leuten vor, sie würden kostenloses Essen bekommen, und niemand erkannte, dass dieses »kostenlose Essen« sie ihre Freiheit und – zu einem großen Teil – ihre ganze Existenz kostete. (S. 68, 96)
Netzwerkarchitektur
Doch Lanier sorgt sich durchaus nicht zu Unrecht um das Essen dieses vermeintlichen Mittelstands. Zweifellos verschwinden durch die Digitalisierung sichere Jobs. Lanier hält es für eine Lüge, daß man bei hinreichender Flexibilität als Individuum in digitalisierten Branchen genauso sein Auskommen finden könne wie früher. Er bringt das Beispiel von freiberuflichen Musikern: So würde man davon ausgehen, daß nun aufgrund der Marketingmöglichkeiten im Netz mindestens Zehntausende gut leben würden, denn heute ist es möglich, plötzlich ein Millionenpublikum zu erreichen – ohne Mittelsmänner in den Massenmedien. Lanier gibt an, nach umfangreichen Recherchen selbst gerade ein paar Dutzend solcher Positivbeispiele gefunden zu haben. Er schätzt, daß im gesamten US-Musikmarkt bloß wenige Hundert Musiker, die nicht massenmedial „entdeckt“ und wie bisher vermarktet werden, ausreichend Einkommen über das Internet generieren. Er führt dies auf eine Verteilung zurück, bei der der Gewinner alles bekommt. Nur die allerwenigsten partizipieren an den Werbeeinnahmen von Youtube; um von Google überhaupt beteiligt zu werden, muß man nämlich regelmäßig virale Video-Hypes erzielen. Diejenigen, die Erfolg haben, mußten alles selbst vorfinanzieren, klagt Lanier. Das sei eben eine weitere Facette einer Slum-Ökonomie, wo man nur auf Erfolg hoffen dürfe, wenn man eines Tages mit Rap- oder Basketball-Künsten die Aufmerksamkeit des Ghettoboss erzielt. An dem Beispiel sieht man, wie sich Lanier seine Argumente etwas zurechtbiegt. Tatsächlich sollte sich der digitale Weg ja genau dadurch auszeichnen, keine mittelständischen Mittelsmänner mehr zu benötigen. Doch vielleicht ist der Widerspruch nicht bei Lanier, sondern real: In der Tat sind Zweifel angebracht bei „viralen“ Videos – oft sind es kommerziell gebügelte PR-Aktionen, die einige Vorfinanzierung erfordern. Lanier kritisiert, daß bei dieser Art digitaler Ökonomie viele die Risiken tragen, aber nur wenige profitieren:
Die aktuelle Netzwerkarchitektur zentralisiert Geld und Macht in einer Weise, daß die Erträge bei wenigen gesammelt werden, aber das Risiko auf alle verteilt wird. In der gegenwärtigen Ära wird zunehmend erwartet, daß sich Menschen selbst finanzieren, bis sie einen Erfolg vorweisen können. Ein offensichtliches Beispiel ist YouTube, wo man alles kostenlos hochlädt. Alle heiligen Zeiten erzielt jemand einen Ertrag, wenn er die höchste Stufe an Erfolg erreicht. Google ist also im Grunde der Nutznießer eines Risikopools, ohne die Kosten dafür zu tragen. Das sollte uns daran erinnern, was im Bereich von Finanznetzwerken geschieht, denn es folg nahezu dem selben Muster. Finanzkonzerne können nun dank der Magie digitaler Netzwerke Risiken eingehen, ohne für diese zu bezahlen, während sie im Erfolgsfalle alle Erträge einheimsen. Manchmal nennt man das „too big to fail“. (S. 283)
Wie bereits in den letzten Scholien erwähnt, kritisiert Lanier den Kult der Kostenlosigkeit als falsche Verlockung. Er hält das für eine Masche, mit der einige wenige von der Arbeit von vielen profitieren. Dabei handle es sich gewissermaßen um das wirtschaftliche Analogon des „demokratischen Honigs“ oder „Leims“, den ich ebenfalls in den letzten Scholien erwähnt habe. Es handle sich deshalb um eine Art Verführung, weil mit dieser „Kostenlosigkeit“ eben doch viel Geld verdient werde, nur eben nicht mehr vom „kleinen Mann“, sondern nur noch vom „großen Bruder“. Die vielen kleinen, freiwilligen Beiträge seien eben nicht wertlos, sondern würden bloß um ihren Mehrwert gebracht:
Doch netzwerkorientierte Unternehmen stellen regelmäßig riesige Geldbeträge auf, indem sie eben doch dem einen Wert beimessen, was normale Menschen im Netz tun. Nicht der Markt sagt, daß normale Menschen im Netz wertlos sind; es ist schlicht so, daß die meisten Menschen aus dem Kreislauf ihres eigenen kommerziellen Wertes gestoßen wurden. (S. 264)
Diese massive kostenlose Tätigkeit von Menschen, die entlohnte Arbeit verdrängt, hätte langfristig einen hohen Preis: denn die wohlfahrtsstaatliche Versorgung hänge eben an versteuerten Arbeitsplätzen. Lanier bringt dabei das Beispiel eines alternden Jazz-Musikers. Diesem war es gelungen, per Internet auf sein Schicksal hinzuweisen, daß er sein Leben lang andere mit seiner Musik unterhalten habe, aber nun nicht mehr spielen könne und mangels formeller Arbeitszeiten keine hinreichende Altersvorsorge habe. Mittels Crowdfunding (Betteln per Internet) gelang es ihm, durch viele kleine Beiträge eine hinreichende Summe aufzustellen, um seine Not zu lindern. Doch das sei ein einmaliges Ereignis inmitten eines kurzen Konzentrationsfensters. Oft gelingt es, für die absurdesten Dinge im Netz Geld zu sammeln, sofern man der erste ist und das Anliegen hinreichend originell, um Aufmerksamkeit an sich zu ziehen. Doch das gelingt eben stets nur dem Allerersten, diese Positivbeispiele würden dann als Lockmittel und Trostpflaster herhalten.
Laniers Sorge um die Altersversorgung von Digitalarbeitern führt ihn zu einer Verteidigung geistigen Eigentums, wie sie unter Pionieren des Digitalen ungewöhnlich ist. Vielleicht liegt der Gesinnungswandel einfach daran, daß auch ein Pionier einmal alt wird. Geistiges Eigentum habe eine eingebaute Altersversorgung, indem man dadurch ein Leben lang an eingetriebenen Nutzungsgebühren verdienen könne. Daß das geistige Eigentum nun so unter Druck gerate, hält Lanier für einen bedauerlichen Konstruktionsfehler des Netzes. Eigentlich sollte es, so meint er, im Bereich der Information noch weniger Kostenloses geben als in der physischen Ökonomie. Bei der Information sei nämlich die Lagerung nahezu kostenlos, weshalb man es nicht eilig habe, sich von der Information zu trennen. Der Konstruktionsfehler sei das Übergewicht des Kopierens, eine – aus seiner Sicht – schrecklich ineffiziente Form des Datenzugriffs innerhalb von Netzwerken. Er führt diesen Konstruktionsfehler darauf zurück, daß paradoxerweise das Unternehmen Xerox ursprünglich die technische Führerschaft bei Personalcomputern hatte:
Ich erinnere mich daran, mein Befremden bekundet zu haben, daß PARC Rechner das virtuelle Kopieren von Dokumenten unterstützten. Schließlich hatte das selbe Forschungslabor neue Wege entwickelt, um Rechner miteinander zu verbinden. Um Gotteswillen, sagte ich, hier wurde doch gerade erst Ethernet erfunden! Wir wissen alle, daß es dumm ist, Dokumente zu kopieren, wenn es ein Netzwerk gibt. Das Original ist doch immer noch da! Ich erntete strenge Blicke und man nahm mich zur Seite. „Schau, wir wissen das und du weißt das, doch denke an unseren Sponsor. All diese Arbeit wird von Xerox finanziert, dem bedeutendsten Kopierunternehmen.“ (S. 240)
Während er diese Episode noch eher als ungünstigen Zufall, begünstigt von falschen Anreizen sieht, wertet er die grundlegende Verführung durch Kostenlosigkeit als eine bewußt konstruierte Masche, durch die große Netzwerke kleine Netzbenutzer ausbeuten. Dabei begeht Lanier den typischen Fehler nahezu aller „Wirtschaftsphilosophen“: durch Rahmenbedingungen begünstigtes und belohntes Verhalten intrinsischer Motivation zuzurechnen, also psychologisch und nicht ökonomisch zu deuten. Der selbe Irrtum steckt hinter der bequemen Erklärung von allem, das einem nicht gefällt, mit „Gier“.
Gier
Verblüffend dabei ist, wie realitätsfern die vermeintlich „empirische“ Neigung unserer Tage ist. Das kommt eben davon, wenn man Phänomene nur registriert und nicht kausal durchdringt. Gesammelte Fakten, isoliert und ohne Theorie (d.h. ganzheitliche Anschauung), lassen sich eben nahezu beliebig verwenden: insbesondere, um die unbewußten Vorurteile zu erhärten. Selten dringen Fakten an die Oberfläche, die den dominanten Deutungsmustern widersprechen.
Ein Beispiel: Die meisten gehen davon aus, daß profitorientiertes Verhalten entweder zu moralischer Verschlechterung führe, oder aber durch Selektionseffekte jene hohe Profite machen, die besonders verkommen sind. Interessanterweise gibt es keinerlei empirischen Beleg für diese Annahme. Ganz im Gegenteil zeigte bereits vor vielen Jahren eine Studie der Ökonomen Ernst Fehr und John List, daß Spitzenmanager in Costa Rica – ein Gruppe, in der ein typisches Kind des Zeitgeists aus vielerlei Gründen wohl besonders verkommene Individuen vermuten würde – im Schnitt deutlich altruistischer sind als eben der typische Student. Da dieses Ergebnis nicht so recht zu den Vorurteilen paßt, versuchten es Ökonomen-Kollegen als Folge von besonderen Selektionseffekten beiseite zu schieben. Selektion meint hier, daß künstliche Anreize bestimmte Leute für eine Gruppe prädestinieren und andere ausschließen. Eine These wäre, daß es für bestimmte Spitzenpositionen besondere soziale Fähigkeiten bräuchte, um sich besser am Parkett des Networking zu bewegen. Ein geschickter Paperproduzent wird immer eine originelle Erklärung finden, die Vorurteile des Zeitgeists befriedigt, denn damit erhöht er seinen Zitierrang. Vielleicht, so die Erklärung, erscheinen diese Manager nur deshalb so „sozial“, weil sie ihren Erfolg im Wesentlichen Lobbyingbemühungen verdanken, und sich dazu Politikergattinnen besonders anbiedern müssen (was ja durchaus plausibel wäre).
Eine aktuelle Studie konnte diesen „Selektionsvorbehalt“ nun vermeintlich widerlegen (vermeintlich, denn per Statistik läßt sich alles oder nichts „nachweisen“). Dabei wurden anhand einiger Psycho-Experimente wiederum die moralischen Qualitäten von Studenten überprüft und mit den denkbar schlimmsten Testgruppen verglichen. Ausgewählt wurden dazu zwei Branchen, bei denen es offensichtlich scheint, daß es keinerlei positive Selektionsmechanismen gibt, sondern allenfalls negative: Internet-Pornoproduzenten und sogenannte Cybersquatters, das sind „Besetzer“ von Internet-Adressen, die versuchen, alle möglichen Adressen aufzukaufen, um sie Betrieben und Marken wegzuschnappen, denen sie sie dann teuer verkaufen können. Die Idee war also, zwei der moralisch verkommensten Wirtschaftsbranchen zu betrachten, um herauszufinden, um wie viel unmoralischer Unternehmer (wenn es eben keine Selektionseffekte) sind im Vergleich zu idealistischen Studenten, die noch nicht durch den Kapitalismus korrumpiert wurden. Das Ergebnis verblüffte die Psychoökonomen, denn es war völlig konträr zur „Selektionshypothese“:
Wir wurden durch unsere Ergebnisse überrascht. Entlang der Dimensionen Vertrauen, Altruismus, Kontrolle und Lügen waren Internet-Unternehmer pro-sozialer als Studenten. Zudem waren die Unterschiede alles andere als gering. Im Vergleich zu Studenten im Versuchslabor erwiesen sich die Internet-Unternehmer als doppelt so vertrauenswürdig und zeigten eine über 50 % höhere Wahrscheinlichkeit, anderen in einem Vertrauensspiel zu trauen. Internet-Unternehmer gaben 250 % mehr \[in einem Experiment, das „Altruismus“ überprüft\]. Sie logen ein Drittel weniger häufig als Studenten. (Hoffmann 2013)
Soviel zur Absurdität, wenn Akademiker Unternehmern „wirtschaftsethische“ Vorhaltungen machen. Selbst bei einem solchen ideologischen Gummibegriff wie „pro-sozial“, auf dem die vermeintlich „wissenschaftliche, seriöse und wertneutrale“ Untersuchung basiert, ist die Faktenlage also ernüchternd für die moralisierenden Pauschalurteiler. Die Autoren des zitierten Papers versuchen dieses (nicht allzu) überraschende Ergebnis ebenfalls durch Selektionsphänomene zu deuten:
Was erklärt diese Unterschiede? Wir argumentieren, daß hier eine andere Form der Selektion wirkt, die Pro-Sozialität begünstigt. In diesen Märkten \[Internet-Pornos und -Adressen\] ist die Lösung des Vertrauensproblems durch formale Mechanismen schwierig, sodaß sich Individuen auf eine Vielzahl informeller Mechanismen verlassen müssen. Wir zeigen, daß pro-soziale Individuen Vertrauen leichter erhalten können und daher in diesen Situationen prosperieren. \[…\] Egoistischen Geschäftsleuten fällt es schwerer, das „Vertrauensproblem“ zu lösen und erfolgreich zu sein. Das gilt ganz besonders im Internet, wo Anonymität die üblichen Reputationsstrategien zum Vertrauensaufbau hintertreibt. Kurz gesagt, glauben wir, daß erfolgreiche Geschäftsleute wahrscheinlicher pro-sozial sind als das Gegenteil. Solche Anreize wirken auf Studenten nicht im selben Ausmaß. (Hoffmann 2013)
Alternative Ökonomik
Hier zeigt sich die erkenntnistheoretische Problematik der Psychoökonomik. In die Köpfe von Menschen können wir nicht hineinsehen, wir sehen nur ihre Handlungen. Und welche Handlungen wir beachten und wie wir sie deuten, liegt stets mehr an unserer Grundhaltung als an den „Fakten“ (factum läßt sich dem Sinn nach aus dem Lateinischen übersetzen als „vergangene und abgeschlossene Handlung“). Natürlich sind die Vergleichsgruppen in der Studie unterschiedlich, doch woher wissen wir, welche Unterschiede die relevanten sind? Die Studenten sind gemischtgeschlechtlich, die untersuchten Internet-Unternehmer nahezu ausnahmslos männlich. Folgt daraus, daß Frauen „anti-sozialer“ als Männer sind? Dieses wissenschaftliche Niveau weisen die meisten empirischen Studien der Pseudo-Wissenschaft rund um den Modebegriff Gender auf. Nun könnten wir durch Experimente mit reinen Männer- und reinen Frauengruppen versuchen, diesen Effekt zu isolieren. Solche Experimente zeigen, daß Frauen „pro-sozialer“ sind, d.h. der Unternehmer-Effekt scheint noch viel größer zu sein als es diese Studie aufzeigt. Doch bei jedem isolierten Faktor kommt ein weiterer potentiell bedeutsamer und verzerrender hinzu. Die Studenten sind im Schnitt jünger als die Internet-Unternehmer. Daraus ließe sich ein „wissenschaftlicher Beleg“ für den überbordenden Narzißmus der heutigen Jugend ableiten. Der Gedanke ist plausibel, die Ableitung aber natürlich völliger Unsinn.
Der oben erwähnte Ernst Fehr ist einer der führenden Vertreter der Psychoökonomik, übrigens ein Österreicher und „Nobelpreis“-Kandidat. Wenn ich die Psychologisierung der Ökonomik kritisiere, so schließe ich natürlich nicht aus, daß die Psychologie wertvolle Einsichten bieten kann. Genauso wenig ist ja meine Kritik an der Mathematisierung der Ökonomik auf eine Ablehnung der Mathematik zurückzuführen (die ich durchaus als königliche Disziplin zu würdigen weiß).
Bei der Kritik von Fachgebieten ist stets ein Sachverhalt zu berücksichtigen, der das Sturgeon-Gesetz getauft wurde. Dieses Gesetz lautet: 90 Prozent von allem ist Müll! Daniel Dennett erläutert diese Gesetzmäßigkeit in seinem Buch über Denkmethoden:
So sind 90 Prozent der Experimente in der Molekularbiologie, 90 Prozent der Gedichte, 90 Prozent der Philosophiebücher, 90 Prozent der wissenschaftlichen Artikel in der Mathematik – usw. – Müll. Ist das wahr? Gut, vielleicht ist es eine Übertreibung, doch einigen wir uns darauf, daß eine große Menge mittelmäßiger Arbeit in jedem Bereich geleistet wird. (Einige Griesgrame behaupten, es wären eher 99 Prozent, aber lassen wir das einmal beiseite.)
Eine gute Moral, die sich aus dieser Beobachtung ableiten läßt, ist folgende: Wenn man ein Feld, ein Genre, eine Disziplin, eine Kunstgattung … kritisieren will, sollte man seine Zeit und die der anderen nicht damit verschwenden, den Müll anzuheulen! Kritisiere das Beste davon oder laß es sein. Dieser Rat wird oft von Ideologen mißachtet, die den Ruf von analytischer Philosophie, Soziologie, Kulturanthropologie, Makroökonomie, Schönheitschirurgie, Improvisationstheater, Seifenopern, philosophischer Theologie, Massagetherapie oder was auch immer zerstören wollen.
Gehen wir davon aus, daß es eine große Menge beklagenswerten, zweitklassigen Zeugs jeder Art gibt. Um nun nicht unsere Zeit zu verschwenden und die Geduld unserer Mitmenschen herauszufordern, sollten wir uns stets auf das Beste konzentrieren, das wir finden können die Vorzeigebeispiele, die von den Vorreitern eines Bereichs gelobt werden, die preisgekrönten Einreichungen, nicht die Nieten. Dies ist eng verwandt mit der Rapoport-Regel: Wenn du kein Kabarettist bist, dessen Hauptzweck es ist, die Menschen über aberwitzige Possen zum Lachen zu bringen, erspare uns die Karikatur. Das ist besonders wahr, wie ich finde, wenn es um Philosophen geht. Die besten Theorien und Analysen ausnahmslos jedes Philosophen, von den größten, scharfsinnigsten Weisen des antiken Griechenlands bis zu den intellektuellen Helden der jüngeren Vergangenheit (Bertrand Russell, Ludwig Wittgenstein, John Dewey, Jean Paul Sartre — um vier sehr verschiedene Denker anzuführen), können mit wenigen geschickten Handgriffen so dargestellt werden, as wären sie äußerste Idiotie oder nervtötende Haarspalterei. Igittigitt. Laß es sein. Der einzige, den du damit diskreditierst, bist du selbst. (Dennett 2013, S. 36f)
Es ist nicht auszuschließen, daß ich bald sogar die Hauptstrom-Ökonomik verteidigen muß, wenn der Wind allzu sehr umschlägt und ein neohistoristischer Etatismus das Sagen haben wird, der nicht auf bewußt falschen Annahmen beruht, sondern auf unbewußten, sakrosankten Annahmen, die sich keinerlei Debatte mehr stellen. Es wäre doch schade, wenn eine neue Moderichtung, die zu 90 bis 99 Prozent Unsinn ist, auch das letzte Prozent Sinn aus der Ökonomik vertreibt.
Tomáš Sedláčeks Buch, Die Ökonomie von Gut und Böse, ist ein weiteres Beispiel für die Krise der Volkswirtschaft und die Sehnsucht nach Alternativen. Dieses Werk wurde für seinen kritischen Ansatz so gelobt, daß ich eine Ausnahme von meiner Regel gemacht habe, keine Bestseller zu lesen. Dabei wurde ich in meiner Regel bestätigt. Das Werk ist zwar gut lesbar und nicht völlig hanebüchen, aber letztlich doch sehr enttäuschend. Ich fand kaum neue Gedanken darin, es erinnerte mich an einen langen, braven Schulaufsatz eines Musterschülers. Es handelt sich bei dem Urmanuskript um seine Dissertation, die jedoch an der Universität abgelehnt wurde — was ich nachvollziehen kann. Als Einstiegslektüre mag es geeignet sein, aber das erklärt den Ruhm des Buches nicht. Dieser liegt wohl darin begründet, daß es für jede Seite etwas enthält: Die Linke fühlt sich durch die Ökonomiekritik und den Postmaterialismus gebauchpinselt, die Rechte durch die Defizitkritik und das Lob der Sparsamkeit. Das Buch ist wie Graebers Bestseller, auf den ich in Scholien 01/13 tiefer einging, dem Neohistorismus zuzuordnen, wenngleich die Schlußfolgerungen gegenteilig sind. Das scheint aber eher an der schlampigen Logik von Sedláček zu liegen als an ideologischer Einsicht. David Graebers Logik ist ähnlich schlampig, aber seine Geschichtsschreibung zumindest originell. Natürlich ist mein Maßstab etwas elitär, nur Bücher zu würdigen, aus denen ein Gelehrter noch etwas lernen kann. Aber das ist in einer Zeit der Informationsinflation ein nötiger Filter, denn es ist zur Regel geworden, daß alle nur noch von einander abschreiben, sodaß sich ein einigermaßen belesener Leser eben rasch angesichts der sich ständig wiederholenden Monotonie langweilt.
Sedláček hat selbst den hehren Anspruch, diese Monotonie zu brechen – darum griff ich dann doch zu seinem Werk. Es wird diesem Anspruch aber leider nicht gerecht. Sein Buch setzt an als Antithese zur Hauptstrom-Ökonomik, doch ist diese Antithese eben nicht neu, sondern älter, ja veralteter als die Hauptstrom-Ökonomik selbst. In der Ideengeschichte erfolgt Reaktion auf Reaktion auf Reaktion, sodaß einem ganz schwindlig vor Augen wird. Sedláček zitiert affirmativ Ökonomen der Wiener Schule, ohne erfaßt zu haben, was deren ursprüngliche Wertneutralität eigentlich wollte und worauf sie sich bezog: nämlich auf die gefährliche Schwammigkeit von moralisierenden Schwaflern ohne analytische Grundlage, die ihr Fähnlein in jede Windrichtung halten können und daher oft besonders populär sind. Sedláček erklärt seine Intention, die gut und verwirrt zugleich ist, wie folgt:
Dieses Buch soll auch eine Antithese zur vorherrschenden morallosen, positivistischen und deskriptiv aussehenden Ökonomie sein, die wertfrei sein will. In der Ökonomie gibt es viel mehr normative Elemente, als wir zugeben wollen. Es gibt in ihr viel mehr Werte und Normativität als Wertfreiheit und positivistischen Deskriptivismus. Mein Buch ist ein Versuch, ein Gegengewicht zu der reduktionistischen, analytischen und mathematischen modellbasierten Vorgehensweise in der Ökonomie zu bieten. Es ist zudem ein beschränkter Versuch, einen tieferen Zusammenhang und mehr Kommunikationspunkte mit anderen Gebieten zu liefern – mit der Philosophie, Theologie, Anthropologie, Geschichte, Kultur, Psychologie, Soziologie … Ich habe zu zeigen versucht, dass hinter unseren Modellen viel mehr von all dem als von der Mathematik und der Analytik steckt, dass die Mathematik nur die sichtbare Spitze des Eisbergs der Ökonomie ist und dass der Rest des Problems viel weicher und mystischer ist und sich durch deterministische Modelle nicht gut erfassen lässt. (Sedláček 2012, S. 403)
Sein Gegenentwurf ist ein Neohistorismus mit einer Vorliebe für Mythen, bei dem aber durch eine gehörige Portion Postmodernismus jede Kante abgeschliffen ist. Natürlich tritt er offene Türen ein mit seinem ernüchterten Relativismus, daß sich die Ökonomen ohnehin nicht einig werden, also könne man die Ökonomik gleich sein lassen. Sein Gegenentwurf ist letztlich uralt, er bringt das gai saber (die „fröhliche Wissenschaft“, Name einer mittelalterlichen provenzalischen Vereinigung adeliger Poeten) gegen die verruchte dismal science der Ökonomik ins Spiel (siehe Scholien 05/11, S. 39ff):
Man kann dieses Buch als postmoderne Kritik der mechanistischen und imperialen Mainstream-Ökonomie auffassen. Ein methodologischer Dadaismus – wie Feyerabend sagt – wäre wohl nützlicher als dieser Imperialismus. Wir sollten die Ökonomieschulen nach dem Kriterium benutzen, wie gut sie zu den gegebenen Dingen passen, nicht danach, welches axiomatische System unserer Weltanschauung näher steht. Wir sollten aufhören, eine Schule finden zu wollen, die »recht hat« oder »der Wahrheit näher kommt«, und die verschiedenen Schulen stattdessen nach ihrer Nützlichkeit für eine bestimmte Realität ordnen. \[…\]
Manchmal scheint mir, dass die Geschichte der Menschheit sich so zusammenfassen lässt: Wir müssen immer fortschrittlicher werden, um die einfachen Dinge des Lebens genießen und uns mit ihnen abfinden zu können. Unsere Väter und Mütter spielten mit Holzspielzeug – das gilt sogar für alle Generationen seit undenklichen Zeiten – und waren damit genauso glücklich wie unsere Kinder mit ihrer Elektronik. Unsere Kinder interessieren sich aber nicht mehr für Holzspielzeug. Um die einfachen Dinge und Aspekte des Lebens erkennen und genießen zu können, brauchen wir immer ausgefeiltere Spielzeuge, Theorien und Bücher. Bei unserem abstrakten und technischen Wissen scheinen wir immer weiter voranzukommen, doch unser Verständnis des realen Lebens in uns und um uns herum bleibt offenbar konstant. Wir leben alle in Geschichten – Geschichten für Kinder oder für Erwachsene. Das Leben scheint aus gar nicht viel anderem zu bestehen. Deshalb reden wir gern so viel: Die Wissenschaftler erzählen sich gegenseitig ihre eigenen Geschichten und »jede Theorie ist eine Autobiografie«, wie Roy Weintraub es ausdrückt. Wie alle Kinder wissen wir, dass unsere Geschichten keine wahre Repräsentation der Welt um uns herum sind, aber eine gewisse Bedeutung für sie haben, eine Verbindung zu ihr, die wir manchmal kaum ausmachen können. Mit diesem Buch wollte ich zeigen, dass es eine viel weiter gespannte und faszinierendere Geschichte der Ökonomie gibt als die rein mathematische Wahrnehmung. In gewisser Hinsicht ist es vielleicht ein nicht beredter Versuch, die Seele der Wirtschaft und der Ökonomie aufzuzeigen, ihre Animal Spirits. (S. 395, 401)
Animal Spirits
Mit den Animal Spirits, den animalischen Geistern, die im Menschen schlummern, sind wir wieder bei der Psychoökonomik. Sedláčeks originellster Gedanke, ist den Gilgameschepos für eine Auslotung der menschlichen Natur zwischen Tier und Übermensch heranzuziehen. In diesem Epos wird die Freundschaft zwischen dem Tyrannen Gilgamesch und dem „Wilden“ Enkidu geschildert:
Das Epos beginnt mit der Beschreibung einer vollkommenen, beeindruckenden und unsterblichen Mauer um die Stadt, die Gilgamesch gerade erbaut. Um ihn für die unbarmherzige Behandlung seiner Arbeiter und Untertanen zu bestrafen, rufen die Götter den Wilden Enkidu dazu auf, ihn aufzuhalten. \[…\]
Gilgameschs Vorhaben, eine Mauer wie keine andere zu bauen, ist der zentrale Aspekt der ganzen Geschichte. Gilgamesch versucht, die Leistung und Effektivität seiner Untertanen um jeden Preis zu steigern, er verbietet ihnen sogar den Kontakt zu ihren Frauen und Kindern. \[…\]
Das steht in direktem Zusammenhang mit der Entstehung der Stadt als einem Ort, der das Land in der Umgebung überwacht und lenkt. »Die dörflichen Nachbarn hielt man sich jetzt fern. Sie waren nicht mehr vertraut und gleichgestellt, sondern wurden zu Untertanen, deren Leben von militärischen und zivilen Amtsträgern überwacht und gelenkt wurde; alle diese Gouverneure, Wesire, Steuereinnehmer und Soldaten waren dem König unmittelbar Rechenschaft schuldig.«
Ein so fernes und doch so nahes Prinzip … Noch heute leben wir in Gilgameschs Vision, dass die menschlichen Beziehungen – und damit auch die Menschheit selbst – einen Störfaktor bei der Arbeit und der Effizienz bilden, dass die Leute bessere Leistungen erbringen würden, wenn sie ihre Zeit und Energie nicht auf nicht produktive Dinge »verschwenden« würden. Noch heute betrachten wir die Domäne des Menschseins (menschliche Beziehungen, Liebe, Freundschaft, Schönheit, Kunst usw.) oft als unproduktiv, vielleicht mit Ausnahme der Reproduktion (Fortpflanzung), die allein (buchstäblich!) produktiv (reproduktiv) ist.
Das Bemühen, die Effektivität um jeden Preis zu maximieren, diese Stärkung des Ökonomischen auf Kosten des Menschlichen, reduziert die Menschen in der ganzen Breite ihres Menschseins zu einem bloßen Produktionsfaktor. \[…\]
Über zu Robotern reduzierte Menschen zu herrschen ist schon seit ewigen Zeiten der Traum aller Tyrannen. Alle despotischen Herrscher sehen in den familiären Beziehungen und den Freundschaften eine Beeinträchtigung der Effektivität. Das Bemühen, die Personen auf Produktions- und Konsumfaktoren zu reduzieren, lässt sich auch bei gesellschaftlichen Utopien (besser gesagt: Dystopien) beobachten. Die Wirtschaft an sich braucht nämlich nichts weiter als menschliche Roboter; das hat sich schön – wenn auch schmerzhaft – beim Modell des Homo oeconomicus gezeigt, der ein reiner Produktions- und Konsumfaktor ist. \[…\] Ökonomien dieser Art wissen jedoch nicht, wie sie das Menschsein (und damit die Menschen!) integrieren sollen – menschliche Roboter würden aber wunderbar in ihr System passen. \[…\]
Anfangs hält Gilgamesch Freundschaft für unnötig und unproduktiv. Doch dann erlebt er sie mit Enkidu und entdeckt, dass sie unerwartete Dinge bringt. \[…\] Enkidu, den die Götter Gilgamesch eigentlich als Strafe geschickt haben, wird schließlich sein treuer Freund. Die beiden ziehen dann gemeinsam gegen die Götter. \[…\]
Durch die Bande der Freundschaft und des gemeinsamen Vorhabens gefesselt, vergisst Gilgamesch, dass er ja eigentlich eine schützende Mauer errichten will (damit gibt er sein bis dahin größtes Ziel auf). Er verlässt die Stadt, die Sicherheit ihrer Mauern, seine Zivilisation, das ihm bekannte Terrain (das er selbst erbaut hat). Er geht in die Wildnis des Waldes und will dort die richtige Weltordnung wiederherstellen \[…\].
Die Unterwerfung der wilden Natur war eine Heldentat, an die Gilgamesch sich nur aufgrund seiner Freundschaft zu Enkidu wagte. Letztendlich förderten die beiden durch ihre Auflehnung gegen die Götter aber paradoxerweise deren ursprünglichen Plan. Wegen seiner Freundschaft mit dem wilden Enkidu gibt Gilgamesch den Bau der Mauer auf. Zugleich bestätigt er, unabsichtlich und durch seine eigene Erfahrung, seine Theorie – dass die zwischenmenschlichen Beziehungen dem Bau seiner berühmten Mauer tatsächlich im Wege stehen. Er lässt sie dann unvollendet und zieht mit seinem Freund aus der Stadt hinaus. Unsterblichkeit sucht er nun nicht mehr im Bau seiner Mauer, sondern in seinen Heldentaten mit seinem lebenslangen Freund.
Ihre Freundschaft verändert beide Männer. Gilgamesch, bis dahin ein kalter, verhasster Tyrann, der die Menschen auf Roboter reduziert, wird zu einem Menschen mit Gefühlen. Er lässt seinen nüchternen Stolz hinter den Mauern von Uruk zurück und stürzt sich mit seinen Animal Spirits in Abenteuer in der Wildnis. Obwohl Keynes darunter einen »plötzlichen Anstoß zur Tätigkeit« verstand, dachte er dabei nicht notwendigerweise an unsere Animalität; wir sollten in diesem Zusammenhang vielleicht einen Augenblick lang über die animalischen Teile unserer (eben nicht nur rational-ökonomischen) Persona nachdenken. Das animalische Wesen seines Freundes Enkidu wird auf Gilgamesch übertragen (sie ziehen aus der Stadt in die Natur hinaus, folgen dem Lockruf des ungewissen Abenteuers …).
Und wie sieht Enkidus Verwandlung aus? Während Gilgamesch ein Symbol für nahezu göttliche Vollkommenheit und die Zivilisation und ein eingefleischter Stadttyrann war, der statt seiner Untertanen lieber Maschinen sehen wollte, repräsentierte Enkidu ursprünglich etwas völlig Entgegengesetztes. Er war die Personifizierung des Animalischen, der Unberechenbarkeit, Unzähmbarkeit und Wildheit. Sein animalisches Wesen wird auch physisch verdeutlicht: »Dicht behaart ist er an seinem ganzen Leibe, versehen mit Locken wie eine Frau.« Im Fall von Enkidu symbolisiert die Freundschaft mit Gilgamesch den Höhepunkt des Prozesses der Menschwerdung. Beide Helden verändern sich – von entgegengesetzten Polen aus – und werden Menschen. \[…\]
In uns scheint es zwei Neigungen zu geben – eine ökonomische, rationale, die die Kontrolle haben, maximieren und Effizienz erreichen will, und eine wilde, tierartige, unberechenbare und unvernünftige. Mensch zu sein scheint irgendwo dazwischen zu liegen oder beides zu umfassen. (S. 50ff)
Middle of the road
Diese Geschichte dient Sedláček als wesentliche Parabel für seine eigenwillige Schlußfolgerung, unter Berufung auf Keynes denselben auf den Kopf zu stellen. Vielleicht ist Sedláček ja doch schlauer, als es den Eindruck macht. Keynes positiv zu zitieren, sichert Sedláček gute Kritiken bei einem Teil des Publikums. Dann aber letztlich als einzig konkrete Empfehlung unter Berufung auf Keynes vor einer Defizitspirale zu warnen, klingt doch ein wenig so, als hätte er da den Teufel vor den Pflug gespannt. Immerhin bekennt sich Sedláček selbst zu dieser Taktik:
Manchmal ist es besser, den Teufel vor den Pflug zu spannen, als gegen ihn zu kämpfen. Statt viel Energie in den Kampf gegen das Böse zu stecken, sollten wir lieber dessen Energie für das Erreichen der gewünschten Ziele nutzen, eine Mühle an einem tobenden Fluss bauen oder den Teufel vor einen Pflug spannen, wie der tschechische Heilige Prokop. Wenn wir ihn nicht besiegen können, müssen wir ihn überlisten. Es ist klüger und vorteilhafter, die chaotischen Naturkräfte angemessen zu nutzen, als zu versuchen, sie nach Sisyphus-Art zu bändigen. (S. 204)
Dabei beruft er sich sogar auf den lieben Gott, und bemüht Hesekiel für die Behauptung, der Teufel wäre ein Diener Gottes, mit dem dieser die Welt „pflüge“. In der berühmten Bibelstelle wird die schöne Geschichte vom gefallenen Engel erzählt, der selbst wie Gott sein wollte. Doch ob dieser auch nach dem Fall noch Diener ist, bleibt eigentlich offen. Überhaupt ist die Stelle etwas verwirrend, wird doch anstelle des Teufels ein gewisser „König von Tyrus“ von Gott angefeindet. Der Tyrann als Inbegriff des Teufels ist ein altes, und auch sehr freiheitsfreundliches Motiv. Es könnte aber auch bloß eine antiheidnische Passage sein; Tyrus ist eine alte Stadt im Libanon. Das Urchristentum ist „antibabylonisch“; wenn man so möchte, eher eine Stimme des Enkidu gegen den Gilgamesch, des Natürlich-Egalitären gegen das Zivilisiert-Differenzierte.
Sedláček will hier nicht Partei ergreifen; und das spricht eigentlich doch für ihn. Keynes und die „Gier“ anzuführen, dabei aber Konsum und Verschuldung zu kritisieren, könnte in der Tat ein geschickter Schachzug sein. Wahrscheinlicher ist es aber bloß die gewohnte Zivilisationskritik, die nur besonders verwirrte für „Kapitalismuskritik“ halten können:
In jedem von uns steckt etwas von dem wilden Enkidu, von dem tyrannischen und heroischen Gilgamesch, viel von Platons Einfluss; wir teilen mechanische Träume mit Descartes … Die Worte Jesu und der Propheten hallen in unseren Köpfen nach, aus längst vergangenen Jahrtausenden. Sie helfen uns, unsere eigenen Lebensgeschichten zu machen, und verleihen unseren Handlungen einen Sinn oder Zweck. Diese oft unbekannten Teile unserer Lebensgeschichten (und der Geschichte unserer Zivilisation) leuchten weiter, besonders in Krisenzeiten. Ich habe versucht, die Geschichte der Wünsche und Begierden seit den allerersten Anfängen der Schöpfung im Alten Testament aufzuzeigen. Die »Erbsünde« könnte man auch als übermäßigen Konsum interpretieren. \[…\] wir Menschen von Natur aus unnatürlich sind und immer nach mehr streben, selbst wenn um uns herum große Fülle herrscht. Diese abscheuliche Gier, die seit Pandora und Eva von uns Besitz ergriffen hat, ist mit der Plackerei der Arbeit verbunden. \[…\]
Wir haben alle ein Stück von Enkidu in die Stadt mitgebracht – und fürchten sowohl die Überrationalisierung des Menschen (dass wir wie Roboter werden könnten) als auch übergroße Spontaneität (dass wir wie die Tiere werden könnten). Unser Weg liegt in der Mitte. (S. 396, 398)
Natürlich kann man der Ökonomik, ob klassisch, neoklassisch, oder österreichisch, vorwerfen, die animalische Seite des Menschen nicht ausreichend zu würdigen. Daraus aber zu schließen, dies wäre der Grund der Fehlprognosen, ist eine einseitige Verzerrung der Ideengeschichte. Sedláček legt nahe, daß das Ausmitteln der Mathematik verantwortlich für das Scheitern der Volkswirtschaft wäre, weil es eben erratische, animalische Aspekte des Menschen zugunsten eines Durchschnittsroboters vernachlässige:
Im Jahre 1900 schrieb der französische Mathematiker Louis Bachelier eine Dissertation über die Entwicklung der Aktienkurse an der Pariser Börse. Er fand heraus, dass es möglich ist, die Einflüsse aller kleinen Teilnehmer an der Börse als unabhängige Einflüsse zu betrachten und auf sie die Gesetze der Zufallsphänomene in Form der Normalverteilung – gaußscher Kurven – anzuwenden. Diese Ideen griff dann der Ökonom und Mathematiker Irving Fisher auf; in seinem Buch The Nature of Capital and Income legte er die Grundlagen für das, was später »Random Walk« genannt wurde, als Erklärung für die Kursschwankungen in den Märkten. Fisher gründete eine Beratungsfirma, die Daten zu den Aktien sammelte, Indizes erstellte und Anlegern Empfehlungen gab. In den 1920er-Jahren brachte er es zu großem Ruhm und finanziellem Erfolg. Er wurde auch durch seine Äußerungen zehn Tage vor dem Zusammenbruch der New Yorker Börse bekannt – er sagte, die Kurse hätten ein dauerhaft hohes Niveau erreicht. Trotz seiner Statistiken konnte er die Krise des Schwarzen Freitags im Jahre 1929 also nicht vorhersagen; er verlor damals sein gesamtes Vermögen, das er in Aktien angelegt hatte. (S. 352)
Das ist nahe an der Kritik seitens der Wiener Schule der Ökonomik, doch ist zu beachten, daß Sedláček selbst ein „Ausmittler“ ist. „Unser Weg liegt in der Mitte“ ist zwar im obigen Kontext nicht falsch, aber könnte als Devise für sein Buch gelten. Mit der Wiener Schule hat er sich leider kaum auseinandergesetzt, obwohl er deren Vertreter zitiert. Eben darum wirkt sein Buch wie ein Schulaufsatz: viel zitiert, wenig durchdrungen. Besonders die Konjunkturzyklustheorie hätte ihn ordentlich auf die Sprünge gebracht und viele Antworten für seine offenen Fragen geliefert. So beläßt er es bei einem „moralischen Konjunkturzyklus“, der etwas flach ist, auch wenn sich dafür ein biblisches Vorbild findet:
Die Hebräer entwickelten die Idee, dass hinter guten und schlechten Jahren, hinter dem Konjunkturzyklus, moralische Aspekte stehen. \[…\] Dieses Phänomen, das den Ökonomen bis heute ein Rätsel ist, wird im Alten Testament moralisch erklärt. In Zeiten, in denen Israel sich an Recht und Gesetz hielt, in denen die Witwen und Waisen nicht unterdrückt und die Gebote des Herrn befolgt wurden, erlebte das Volk eine Blüte. Zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen kam es, wenn das nicht der Fall war. (S. 79, 83)
Wiener Schule der Ökonomik
Nachdem ich die Wiener Schule der Ökonomik wieder anführe, vielleicht nochmals ein kleiner Exkurs zu dieser Namensgebung. Mein Freund und Kollege, der Schweizer Vordenker Robert Nef, schreibt mir dazu nicht ganz zu Unrecht:
Ich habe an einem Vortrag in Obergurgl die Frage gestellt, ob es tatsächlich Sinn macht, von einer „Österreichischen Schule“ oder einer „Wiener Schule“ zu reden. Zwischen ihren Anhängern liegen doch grosse Unterschiede, und der Begriff „Schule“ wirkt dogmatisch und antiquiert. Zudem ist ihr verbindendes Merkmal nicht Ökonomie-spezifisch, sondern erkenntnistheoretisch. Ich weiss, man spricht auch von der „Schule von Salamanca“, aber das war doch eher eine Einheit… Es stimmt ja auch nicht, dass die Vertreter alle gegenseitig im Lehrer-Schüler Verhältnis standen. Hayek war eigentlich nie „Schüler“ von Mises.
Sicher hat das „Label“ auch Vorteile, aber es sollte zutreffend sein.
Wie wäre es mit „Austrian enlightenment“, Österreichische Aufklärung als „vierter im Bunde“ der drei Aufklärungen (Schottische, Französische, Deutsche). \[…\]
War nur so ein Denkanstoss, wir können den Sprachgebrauch ohnehin nicht willkürlich verändern.
Einerseits hat Robert recht, daß sich willkürlich nicht so viel ändern läßt, anderseits sehe ich die Dinge nicht so streng, und lasse so doch einige Willkür walten. Die großen Unterschiede innerhalb der Wiener Schule sind gewiß vorhanden, doch, wenn man Abweichler wie Friedrich von Wieser, Alois Schumpeter und jene, die später im akademischen Hauptstrom Karriere machten, etwas abdiskontiert, lassen sich doch klare Linien erkennen im Rahmen akademisch unbedingt nötiger Uneinigkeit, um einen lebendigen Diskurs am Leben zu halten. Ein neues Buch zur Wiener Schule kritisiert aber genau das: daß die Schule viel zu heterogen sei, um überhaupt als Schule gelten zu können. Zwei Hauptstrom-Ökonomen, das Ehepaar Quaas, zeigen sich darin zwar sehr belesen, aber doch sehr einseitig:
Hierin zeigt sich, dass schon im Übergang von der ersten zur zweiten Generation der Österreichischen Schule eine Heterogenisierung einsetzte, die sich später zur Radikalisierung durch einseitige Überhöhung und zur Bastardisierung durch entstellende Verfremdung der Positionen auswuchs. (Quaas 2013, S. 116)
Es ist ein Leichtes, Differenzen zwischen Ökonomen dieser Tradition aufzuzeigen, die eine „Austrian School“ als politische Programmatik oder gar Bewegung, wie sie heute oft betrachtet wird, hinfällig machen. Doch das ist eben ein beidseitiges Mißverständnis. Auf der einen Seite das Mißverständnis, heutige Homogenität vorauszusetzen. Rothbard spricht in seiner grandiosen Ideengeschichte der Ökonomie von der
bedauernswerten Tendenz einiger Ideenhistoriker, die großen Denker der Vergangenheit als notwendigerweise konsistent und kohärent anzusehen. Das ist natürlich ein schwerer Fehler der Geschichtsschreibung \[…\]. (Rothbard 1995, S. 16)
Wenn man den Ansatz des Ehepaars Quaas überträgt, würde man durch Hinweise auf Widersprüche zwischen Ökonomen schließen, daß es überhaupt keine Hauptstrom-Ökonomik gäbe. Das ist ja auch nicht so falsch, nur konvergiert eine Gruppe miteinander arbeitender Wissenschaftler stets zu einer Synthese, die vorwiegend erkenntnistheoretisch ist, aber auch hinsichtlich der Schlußfolgerungen einen gewissen Rahmen absteckt. Quaas & Quaas „weisen“ also nach, daß es gar keine Wiener Schule im engeren Sinn gibt und daß deren Konjunkturzyklustheorie aus Hauptstrom-Sicht falsch ist (was so widersprüchlich ist, wie es sich anhört).
Doch kann man wirklich nicht von einer „Schule“ sprechen? Mir gefällt der Begriff eigentlich ganz gut, wenn man ihn nicht zu eng faßt. Sogar Hayek, der allzu sehr dem schlechten Einfluß von Wieser erlag, nennt Mises seinen Lehrer im übertragenen Sinn:
Ich war ein direkter Student von Wieser, und er hatte ursprünglich den größten Einfluß auf mich. Ich traf Ludwig von Mises erst, nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte. Doch nun erkenne ich – damals war es mir nicht bewußt – daß der entscheidende Einfluß das Lesen von Mengers Grundsätzen war. (Kresge/Weinar 1994, S. 57)
Hayek wurde nach Ende seines Studiums bei Mises vorstellig und legte dabei ein Empfehlungsschreiben von Friedrich von Wieder vor. Mises antwortete darauf:
Wieser sagt, daß Sie ein vielversprechender junger Ökonom sind. Ich habe Sie jedoch niemals in meinen Vorlesungen gesehen. (S. 67)
Hayek wurde dennoch Mises’ Mitarbeiter am Institut für Konjunkturforschung. Ersterer spricht von seiner seltsamen Beziehung zu Mises,
von dem ich später wahrscheinlich mehr gelernt habe als von jedem anderen Menschen, der aber im üblichen Sinne niemals mein Lehrer war. Ich glaube, daß ich in meiner Studentenzeit nur einmal zu einer seiner Vorlesungen gegangen bin, ihn aber nicht leiden konnte. \[…\] Als die deutsche Inflation ausbrach, wußten wir bereits alles darüber. Mises war der einzige, der uns ihren Mechanismus gelehrt hatte — Mises war der große Geldexperte. (S. 68, 70)
An einer Stelle nennt Hayek Mises gar seinen „großen Meister“. \[Hayek 1983, S. 46\] Ludwig von Mises war übrigens in genau dem selben Sinne Schüler von Carl Menger. Lassen wir ihn selbst sprechen, um Wesentliches über Menger und die Wiener/Österreichische Schule, insbesondere ihr Verständnis als „Schule“, zu lernen:
Als ich an die Universität kam, war Carl Menger im Begriffe, seine Lehrtätigkeit zu beenden. Von der Österreichischen Schule der Nationalökonomie war an der Universität nicht viel zu merken. Ich hatte damals auch kein Interesse für sie. Um Weihnachten 1903 herum las ich zum erstenmal Mengers Grundsätze der Volkswirthschaftslehre. Durch dieses Buch wurde ich zum Nationalökonomen. \[…\] Ich bin Carl Menger erst viele Jahre später persönlich begegnet. Er war, als ich ihn kennenlernte, schon über siebzig, schwerhörig und von einem Augenübel geplagt. Doch sein Geist war jung und feurig. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum dieser Mann die letzten Jahrzehnte seines Lebens nicht besser genutzt hat. Ich glaube zu wissen, was Menger entmutigt und frühzeitig zum Verstummen gebracht hat. Sein scharfer Geist hatte erkannt, wohin die Entwicklung Österreichs, Europas und der Welt ging; er sah diese größte und höchste aller Zivilisationen im Eilzugtempo dem Abgrund näher kommen; er hat alle Greuel vorausgeahnt, die wir heute schaudernd erleben. Er wußte, welche Folgen die Abkehr der Welt vom Liberalismus und Kapitalismus nach sich ziehen mußte. Er hat das getan, was er gegen diese Strömungen unternehmen konnte. Seine Untersuchungen über die Methode der Socialwissenschaften waren auch als Streitschrift gegen alle jene verderblichen Geistesströmungen gedacht, die von den Lehrkanzeln des großpreußischen Reiches die Welt vergifteten. Er sah, daß sein Kampf aussichtslos und hoffnungslos war, und so erfüllte ihn schwarzer Pessimismus, der seine Kräfte lähmte. Er hat diesen Pessimismus seinem jungen Schüler und Freunde, dem Thronfolger Rudolf, mitgeteilt. Kronprinz Rudolf hat Hand an sich gelegt, weil er an der Zukunft seines Reiches und der europäischen Kultur verzweifeln mußte, nicht etwa wegen einer Frau. Er hat das junge Mädchen, das auch sterben wollte, in den Tod mitgenommen; er ist nicht ihretwillen in den Tod gegangen. Mein Großvater hatte einen Bruder, der mehrere Jahre vor meiner Geburt gestorben ist. Dieser Bruder, Dr. Joachim Landau, war liberaler Abgeordneter im österreichischen Abgeordnetenhaus und intimer Freund seines Parteikollegen, des Abgeordneten Dr. Max Menger, eines Bruders von Carl Menger. Eines Tages berichtete er meinem Großvater über ein Gespräch, das er mit Carl Menger geführt hatte. Carl Menger, erzählte mir mein Großvater ungefähr um 1910, hätte folgende Äußerung getan: «Die Politik, die die europäischen Mächte verfolgen, wird zu einem fürchterlichen Krieg führen, der mit grauenhaften Revolutionen, mit völliger Vernichtung der europäischen Kultur und mit Zerstörung des Wohlstandes aller Völker enden wird. In Voraussicht dieser unabwendbaren Ereignisse kann man nur die Anlage in gehortetem Gold und etwa noch die in Effekten der beiden skandinavischen Länder empfehlen.» In der Tat hatte Menger seine Ersparnisse in schwedischen Wertpapieren angelegt. Wer schon vor Erreichung des vierzigsten Lebensjahres so klar das Übel voraussieht, das allem, was er für wert erachtet, die Vernichtung bringen muß, kann dem Pessimismus und der seelischen Depression nicht entgehen. Welch ein Leben, pflegten die alten Rhetoren zu sagen, hätte Priamus gehabt, wenn er schon im Alter von zwanzig Jahren den Fall Iliums vorausgesehen hätte! Carl Menger hatte kaum die erste Hälfte seines Lebens hinter sich, als er die Unabwendbarkeit des Unterganges seines Troja erkannt hatte. Der gleiche Pessimismus erfüllte alle scharfsichtigen Österreicher. Das war das traurige Privileg des Österreichertums, daß es bessere Gelegenheit bot, das Verhängnis zu erkennen. Schon Grillparzers Melancholie und Verdrossenheit stammten aus dieser Quelle. Das Gefühl, dem kommenden Unheil ohnmächtig gegenüberzustehen, trieb den fähigsten und reinsten aller österreichischen Patrioten, Adolf Fischhof, in die Einsamkeit. Ich habe begreiflicherweise mit Menger öfter über Knapps Staatliche Theorie des Geldes gesprochen. «Das ist», sagte Menger, «die folgerichtige Entwicklung der preußischen Polizeiwissenschaft. Was soll man von einem Volke halten, dessen Elite nach zweihundert Jahren Nationalökonomie solchen Unsinn, der nicht einmal neu ist, als höchste Offenbarung bewundert? Was hat man von einem solchen Volke noch zu erwarten?» Mengers Nachfolger an der Universität war Friedrich von Wieser. Wieser war ein Mann von hoher persönlicher Kultur, ein feiner Kopf und ein ehrlicher Forscher. Er hatte das Glück, früher als andere das Werk Mengers kennenzulernen, und es ist ihm als Verdienst zuzurechnen, daß er seine Bedeutung sogleich erkannte. Er hat die Lehre in mancher Hinsicht bereichert, doch er war kein schöpferischer Denker und hat im ganzen mehr geschadet als genützt. Er hat den Kern des Subjektivismus nie wirklich erfaßt, und daraus entsprangen viele verhängnisvolle Mißgriffe. Seine Zurechnungstheorie ist unhaltbar. Seine Wertrechnungsideen berechtigen zur Behauptung, daß er gar nicht der Österreichischen Schule zuzuweisen war, sondern eher der Lausanner, die in Österreich in Rudolf Auspitz und Richard Lieben zwei glänzende Vertreter gefunden hat. Das, was die Österreichische Schule auszeichnet und ihren unvergänglichen Ruhm bilden wird, ist gerade, daß sie eine Lehre vom wirtschaftlichen Handeln und nicht eine Lehre vom wirtschaftlichen Gleichgewicht, vom Nichthandeln, ist. \[…\]
Weil die österreichische Nationalökonomie eine Lehre vom menschlichen Handeln ist, darf man ihr auch Schumpeter nicht zuzählen. In seinem ersten Buche bekennt sich Schumpeter charakteristischerweise zu Wieser und zu Walras und nicht zu Menger und Böhm. Nationalökonomie ist ihm eine Lehre von den «ökonomischen Quantitäten» und nicht eine Lehre vom Handeln der Menschen. Seine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung ist ein typisches Produkt der Gleichgewichtstheorie.
Es ist übrigens notwendig, die Mißverständnisse zu beseitigen, die der Ausdruck «Österreichische Schule» hervorrufen kann. Weder Menger noch Böhm haben eine Schule in dem Sinne gründen wollen, den man diesem Ausdruck in Universitätskreisen beizulegen pflegt. Sie haben nie versucht, im Seminar junge Leute zu blinden Anhängern abzurichten und für die Unterbringung solchen Nachwuchses auf Kathedern zu sorgen. Sie haben gewußt, daß man durch Bücher und durch den akademischen Unterricht wohl das Verständnis für die Erfassung der nationalökonomischen Probleme zu fördern und damit der Gesellschaft einen großen Dienst zu leisten vermag, daß aber Nationalökonomen nicht erzogen werden können. Als Bahnbrecher und schöpferische Denker waren sie sich klar darüber, daß man den wissenschaftlichen Fortschritt nicht organisieren und Neuerung nicht planmäßig züchten kann. Sie haben nie versucht, für ihre Theorien Propaganda zu treiben. Das Wahre wird sich schon durch seinen eigenen Gehalt durchsetzen, wenn die Menschen die Fähigkeit haben, es zu erfassen; wenn ihnen aber diese Fähigkeit abgeht, dann hilft es nichts, Leute, die den Inhalt und die Tragweite einer Lehre nicht begreifen können, durch unsachliche Mittel zu einem Lippenbekenntnis zu bestimmen. (Mises 1940/1978, 19ff)
Ich habe die Passage in nahezu voller Länge zitiert, weil sie mir besonders wichtig scheint. Ich verstehe das Unbehagen mit dem Begriff „Schule“, doch trägt er eine so schöne Grundbedeutung: „Muße“. Ein Rezensent meines Buches Wirtschaft wirklich verstehen kritisierte, ich stelle doch eben auch nur eine Schule dar, und biete keinen „objektiven“ Blickwinkel. Tatsächlich mag unsere Zeit den Eindruck erwecken, daß nur noch irgendwelche Schulen gegeneinander kämpfen würden, doch dieser Eindruck ist falsch. Das war einmal so, das Zeitalter der Ideologien ist längst vorbei, mit seinen negativen, aber auch positiven Seiten. Wo Ideologien streiten, geht es immerhin noch um Ideen. Das heutige Spektrum öffentlicher Debatten ist unglaublich eng, da bedeutet jede „objektive“ „Ausmittlung“ und „Vermittlung“ radikales Beschneiden. Es ist mir bewußt, daß es etwas Unwissenschaftliches hat, eine „Schule“ herauszunehmen und den anderen alle Verdienste abzusprechen. Man muß aber eben den Begriff Schule nicht so eng fassen. Wenn ich mich darum bemühe, das Denken der Vertreter der Wiener Schule am Leben zu halten und zu verbreiten, dann tue ich das, um beschnittene Ecken zu retten, die sonst vergessen würden. Die Engführung ist nämlich soweit fortgeschritten, daß diese Ecken die eigentlichen Hecken ausmachen, der Beschnitt viel größer ist, als die dürren Zweige, die bleiben und als „alternativenlos“ präsentiert werden.
„Schule“ ist für mich ein Ort, ein Miteinander unterschiedlicher Gelehrter und eine lose Tradition, bei der man selbständig denkt, aber nicht ständig das Rad neu erfindet, weil man zu bequem ist, jene Denker zu würdigen, die vor einem gedacht haben. Dieser Zugang zum Begriff kann ausführlich auf der Seite des Instituts für Wertewirtschaft nachgelesen werden.
Warum also „Wiener Schule der Ökonomik“? Aus ähnlichen Gründen, die Robert stören, nämlich doch auch zur Abgrenzung von der „Austrian School“ – und all den falschen Assoziationen die damit verbunden sind, ohne jedoch ganz vom Sprachgebrauch abzurücken, der einige Aufmerksamkeit auf alte Denker richtet, die es wert sind, nicht vergessen zu werden. „Österreichische Schule“, das ist eben für viele Leute eine politische Formel, die sich über das Lesen von Weblogs erschließt, keine wissenschaftliche Angelegenheit. Das halte ich, bei aller Achtung über Reichweitenerfolge, doch für keine nachhaltige Grundlage, um über das Denken zu einer Gesundung der Welt zu gelangen. Man kann eben das Denken nicht aussparen und direkt zur Propaganda übergehen. Es geht nicht darum, daß die Ideen dieser Tradition so unzugänglich und schwierig sind, sondern um die Einstellung. Das ernsthafte Studium bringt kein „bulletpoint“-artiges Mehrwissen, sondern ist im Wesentlichen eine Übung. Die Gelehrtentradition verkennt, wer glaubt, es komme darauf an, „praktisches Wissen“ zu sammeln – dann erscheint der Aufwand unglaublich ineffizient. Praxis ist Tun; Anschauung (Theorie) aber die höchste Form des Tuns (ich weiß, ich wiederhole mich, das stand schon in vielen Scholien). Es geht nicht darum, was wir mit dem Wissenserwerb tun, sondern was der Wissenserwerb mit uns tut. Wer das nicht begreift, kann auch die Wiener Schule der Ökonomik niemals wirklich würdigen. Ihr Wert liegt nämlich in ihr selbst, in einem Weg, die Welt zu reflektieren, oder genauer: in der Einladung verstorbener Denker an uns, ihren Gedanken zu folgen, sie zu verdauen, und uns dabei selbst zu verändern.
Darum sind wir hier in Wien so frech, von der Wiener Schule zu sprechen, denn nur davon können wir ehrlich sprechen: Mit dem Institut für Wertewirtschaft haben wir eine Schule in Wien gegründet, hier ist ein historisches Zentrum des Nachdenkens über die Welt, und wir finden davon noch Spuren und Quellen vor Ort. Besonders die Ökonomik sticht heraus, und wir nennen sie so, um ihre Zugehörigkeit zur praktischen Philosophie auszudrücken. In diesem losen Sinne gibt es also auch eine Wiener Schule der Ethik und der Politik. Bei uns ist sie nämlich lebendig, und zwar nicht, weil wir uns am Institut für den Mittelpunkt der Welt und den Inbegriff von Weisheit halten, sondern schlicht, weil wir eben nur für uns sprechen können: Wir bemühen uns darum, das zu leben, was hier bezeichnet werden soll, nämlich als Übung für uns und als Einladung für die Welt, praktische Philosophie zu betreiben und das Handeln des Menschen zu reflektieren und zu verstehen. Einige Denker, die nun auch im Rahmen der Austrian School wieder rezipiert werden und in den USA politisch relevant wurden, sind darüber hinaus von Bedeutung; das Andenken an sie als Wissenschaftler bewahren wir durch Mitdenken und Nachdenken, ganz ohne museale oder ideologische Ambitionen.
Die aktuelle Wiederentdeckung der „Austrian School“ erklärt sich zu einem großen Teil aus der Kriegsmüdigkeit der Amerikaner, nicht auf Grund der jahrzehntelangen Propaganda von Think Tanks. Deren Beitrag ist verschwindend gering. „Free market“-Ideologie wird stets, teilweise zurecht, als Interessensgruppenlobbyismus verstanden werden, vor allem wenn die unbequeme Kritik am Geld- und Bankensystem als „zu radikal“ ausgespart wird, wie das eigentlich alle „praxisorientierten“ Polit- und Propaganda-Initiativen gemacht haben. Das Wirtschaftssystem und die Welt sind zu komplex und paradox, um mit einfachen Formeln viel ausrichten zu können.
Die verblüffende Reichweite, die etwa ein Ron Paul mit Berufung auf die Austrian School erlangt hat, hatte absolut nichts mit all den parteipolitischen und propagandistischen Initiativen zu tun, in die Millionen geflossen sind und die seit einem halben Jahrhundert wirken. Der wesentliche Faktor war das Entstehen und Bestehen einer Menger-Mises-Rothbard-Schule, die zunächst durch ignorierte und verlachte Studenten, Publizisten und Privatgelehrte getragen wurde und für Konzern- und Stiftungsgelder, die Universitäten und Massenmedien meist zu „radikal“ war. Schule hat hier die Bedeutung einer Gelehrtentradition, die durch das Stellen der richtigen Fragen hinreichend spannend ist, um die klügsten Köpfe anzuziehen. Diese Austrian School ist sowohl enger als auch breiter als die ursprüngliche Österreichische Schule der Nationalökonomie. Enger, weil sie zeitbezogener, amerikanischer ist und nur einen Strang umfaßt, breiter, weil sie das staatskritische Motiv in die Ethik und Politik weiterentwickelt. Aufgrund der Kriegsmüdigkeit und der zunehmenden Ernüchterung mit dem Zweiparteiensystem bot sich ein kurzes Aufmerksamkeitsfenster für eine politische Alternative, aber nicht deshalb weil sie eine Alternative war (politische Splittergruppen gibt es zuhauf), sondern weil sie durch ihren Unterbau einer Gelehrtentradition klügere und seriösere Befürworter hatte als die üblichen Fringe-Initiativen, die immer vorwiegend Fringe-Leute anziehen (Fringe bezeichnet den gesellschaftlichen Rand, der durch sozial unverträgliche Eigenbrötler und Spinner dominiert wird). Die hochdotierte Propaganda-Industrie aus dem politischen Vorfeld hat sich erst im Nachhinein auf das Ron Paul-Phänomen drauf gesetzt, und versucht nun mitzuschwimmen. Konzern- und Stiftungsgelder aus dem „Free Market“-Feld werden nun wieder stärker der Austrian School zufließen, nachdem ihr bisheriges Liebkind, der neoklassische Monetarismus, Glaubwürdigkeit verloren hat. Diese Gelder zeigen drei gegensätzliche Folgen: Einerseits wirkt sich das positiv auf die Verbreitung der Austrian School aus, andererseits wird diese ideologisch einseitiger wahrgenommen. Zudem findet ein Crowding-Out statt, wodurch kostenlose Angebote Privatgelehrten das Wasser abgraben könnten. Am Ende verdienen dann nur noch staatlich besoldete Professoren ein privates Zubrot, indem sie Austrian School zitieren, sowie monothematische Publizisten, die im Sold von Konzernen, Banken und Stiftungen Ideenvermarktung betreiben. Die Problematik ist ähnlich derjenigen, die Lanier für den digitalen Bereich konstatiert. Gleichzeitig sind es nämlich genau die Projekte, die finanzkräftigen Interessengruppen dienen, die am meisten ehrenamtliches, „kostenloses“ Engagement an sich ziehen, weil sie die Währung des narzißtischen Zeitgeists versprechen: Aufmerksamkeit.
Popularisierung der Ökonomik
Freilich bringt jede Vulgata die Gefahr der Vulgarisierung mit sich; ich empfehle nicht, im Ökonomenlatein zu verweilen, um im Elfenbeinturm ungestört zu bleiben. Doch müssen die Verhältnisse stimmen. Betrachten wir das Beispiel der Quantenphysik, die zugleich unzugänglich scheint und doch eine große Attraktion ausübt. Eine Popularisierung der Quantenphysik vergrößert ihre Reichweite beträchtlich. Mittlerweile gibt es eine ganze Industrie von Publizisten, Heilern und Gurus, die Quantenphysik massentauglich machen: indem sie sie in Bilder und einfache Begriffe übersetzen, sowie „Praktisches“ für jedermann anbieten. Ist es nicht schön, wenn ein so schwieriges Feld so vielen Menschen zugänglich gemacht wird? Weckt es nicht das Interesse an Quantenphysik, sodaß sich dann mehr Menschen, die das Talent dafür mitbringen, damit ernsthaft befassen, sie studieren und lehren, nachdem irgendein Popularisierer irgendwann ihr Interesse dafür geweckt hat? Am Rande mag das so sein, doch im Kern bleibt diese Hoffnung unerfüllt. Es entstand eine Parallelwelt mit einer Parallelquantenphysik, die parasitär an der Seriosität der Wissenschaft mitnascht, diese nur noch oberflächlich zitiert und sich gänzlich von der realen Gelehrtentradition abkoppelt. Die Ideen werden zu Content verwurstet, mit dem etwas verkauft werden soll: andere Ideen, Produkte, Interessen, Weltbilder. Am Ende leben dann vom Quantenschmäh unzählige Verwurster, denen nach und nach das Fleisch ausgeht (where's the beef? – fragt man auf Englisch) und deshalb mit Sägespänen strecken.
Ein Positivbeispiel für Popularisierung hingegen ist Roland Baader. Ihn verband höchste Gelehrtheit mit höchster Bescheidenheit. Er vulgarisierte nicht Ideen, sondern führte zu ihnen hin. Seine populären Werke sind voll von Zitaten; nie wäre ihm eingefallen, eine Vereinfachung als eigene Idee auszugeben. Gewissenhaft führte er jede Quelle an. Er bot nicht gestreckte Würste zum Diskontpreis an, sondern klärte die Menschen über das Wurstsortiment auf. Falsche Popularisierung verteilt das Billigste, Bequemste, Skalierbarste an die möglichst größte Zahl. Sie wertet dadurch die popularisierten Ideen ab, weil sie ihren Wert drückt, indem sie durch Kostenlosigkeit, Vermassung und Propaganda Breite sucht. Gute Popularisierung klärt die möglichst größte Zahl über den Wert des Schwierigen und Seltenen auf, ohne dieses ersetzen zu wollen. Roland Baader hat sich nicht als der billigere, einfachere, massenkompatiblere Mises verkauft. Sondern er hat Menschen bequemere und einfachere Wege eröffnet, den Wert von Denkern wie Mises zu erkennen.
Viele würden einwenden, es wäre doch egal, welcher Name als Etikett darauf steht, Hauptsache, die richtigen Ideen fänden Verbreitung. Dabei meinen sie stets politische Schlußfolgerungen. Wäre es nicht hervorragend, wenn alle „praktischen Ideen“ von Mises in Cartoonform gezeichnet und in Milliardenauflage an die Weltbevölkerung verteilt würden? Wenn ich dies grotesk finde, dann liegt das wirklich nicht an Überheblichkeit. Mises würde im Grab rotieren, wie seine obigen Worte deutlich gemacht haben sollten. Warum? Nicht, weil er ein akademischer Snob war, sondern weil seine zentralen Ideen damit pervertiert würden, nämlich seine aufklärerische Einladung zum Gebrauch des eigenen Verstandes, seine Hoffnung in die Kraft des Argumentes, seine Wertschätzung des gelehrten Diskurses, seine Gewißheit über die Verschiedenheit des Menschen und seiner Kontexte, seine Ablehnung der zentralisierten Gleichmacherei und von Appellen an das Emotionale. Die Ökonomik sucht das Allgemeine, Politik ist aber immer im Konkreten. Bei politischen Schlüssen können die Details und der Kontext gar nicht überschätzt werden, Ökonomik hingegen will von Details und Kontexten möglichst frei sein, um die engstmögliche, minimale Diskussionsbasis abzustecken, auf der sich dann Menschen mit unterschiedlichen Werthaltungen begegnen können. Es gibt keinen „Austrianism“, Austrian School ist eben der Schule nachempfunden. Es ist eine Wiener oder Österreichische Schule, keine österreichische Lehre, keine österreichische Rezeptsammlung, keine österreichische Programmatik, keine österreichische Partei. Mit österreichischer Aufklärung, wie Robert Nef als Begriff empfiehlt, würde man wohl eher eine historische Episode verbinden. Eine Schule hingegen könnte ein lebendiger Kontext sein. Durch eine Schule kann jeder gehen, „politische“ Programmatik richtet sich stets an die „Politiker“ und beruht entweder auf kollektivistischen Illusionen (was sollen wir tun?) oder der Pseudo-Demokratie der Entmachtung des Einzelnen zugunsten von Bürokratien, selbst wenn diese Bürokratien dann (in den Wunschvorstellungen der „Pragmatiker“) den Auftrag erhalten, zu „liberalisieren“.
„Freimarktwirtschaftliche Ideen“ haben schon genügend Unheil angerichtet. Als schwammige Empfehlungen, ohne Achtung von Kontext und Details, ohne Einladung zur Reflexion, bieten sie bloß Alibis für den Status-quo oder für Interessensgruppen. Ohne „freimarktwirtschaftliche Ideen“ wäre auch der EU-Wahnsinn nicht so weit gediehen. Ich halte nichts von der Verschwörungstheorie, daß sich hier Sozialisten einer Sache bemächtigt hätten, es waren dieselben Nadelstreifzentralisten, die mal „freimarktwirtschaftlich“, mal „sozial“ daherkommen, je nachdem, was gerade „machbar“ ist. All die vermeintlichen Bewahrer der Marktwirtschaft in den „konservativen“ und „liberalen“ Parteien sind ihre größten Totengräber.
Kontextlose Gemeinplätze, die nicht Teil eines ernsthaften Diskurses sind, nenne ich „Meinungen“ und nehme sie generell nicht sonderlich ernst. Du bist gegen den Kapitalismus? Soso. Solche Begriffe sind außerhalb akademischer Diskurse völlig deplaziert. Ich meine damit nicht, daß nur akademische Diskurse wertvoll sind, aber es gibt kein reales Phänomen, das im Alltag faßbar und begreifbar ist, das mit solchen Fremdworten sinnvoll bezeichnet werden kann. Die gesamte Ökonomik als akademische Debatte ist nur relevant für jene, die davon lernen wollen, die Phänomene der Welt reflektieren und vielleicht eine Spur besser verstehen wollen. Auf Leitartikel-Niveau gibt die Sache eigentlich kaum etwas Brauchbares her, und man sollte sie gleich sein lassen. Vielleicht findet die Ökonomik irgendwann zu ihren Wurzeln zurück und wird lebensnäher, bis dahin ist sie weitgehend pseudowissenschaftliches Alibi für Slogans. Du bist für Marktwirtschaft und gegen Keynesianismus? Soso. Immerhin eine seltenere Meinung, aber auch nicht sonderlich viel wert. Das kann alles und sein Gegenteil bedeuten. Keynes selbst war für die „Marktwirtschaft“.
Hayek versus Keynes
Der Name Keynes tritt mittlerweile eigentlich nur noch als Symbol auf, genauso wie der Name Hayek. Die Verlockung ist groß, Ideen zu personalisieren, um sie damit angreifbarer zu machen – in zweierlei Sinn: leichter zu begreifen und den Angriff erleichternd. Das Problem dabei ist jenes uralte, das schon Lao Tsu so gut erkannte: Wogegen man ankämpft, das widersteht. Schlechte PR ist besser als gar keine. Der Ruhm von Marx und Freud wurde wohl ebenso sehr durch Antimarxisten und Antifreudianer gemehrt wie durch ihre Gefolgsleute, um zwei Beispiele von Widerspruch erregenden Denkern aufzugreifen. Darum habe ich das mulmige Gefühl, daß die Marke Keynes momentan eher durch Anti-Keynesianer gestützt wird, denn von den „Wirtschaftsexperten“, die den vulgärkeynesianischen Wahnsinn verantworten, will sich kaum einer zum Meister bekennen.
So waren meine Gefühle gegenüber einem bekannten Video, auf das mich einst auch zahlreiche Scholienleser hingewiesen hatten, ambivalent. In diesem Video, das vor einigen Jahren erschien, wird der Streit um die Ökonomik als Rap Battle zwischen Hayek und Keynes inszeniert. Die Produktion ringt einerseits größte Hochachtung ab, was die choreographische und filmische Umsetzung betrifft. So massenwirksam wurde Wirtschaftstheorie bislang noch nie präsentiert. Und dann gelingt dieser Geniestreich auch noch einem hayekianischen Produzenten, der damit Keynes eben etwas entgegensetzen möchte. Der Inszenierung wegen werden die zwei Akteure etwas mit Clichés überladen: Keynes ist der lebensfrohe, spendierfreudige Frauenschwarm, Hayek der kühle, knausrige Nerd. Nach den Maßstäben der Kultur, die das Video fördert und vermittelt, ist dabei Hayek deutlich der Uncoole, der nicht so viele Followers hat. Ein Rap Battle würde er klar verlieren, denn dabei geht es um Akklamation durch die Massen.
Die bloße Aufmerksamkeit der Masse bewegt noch gar nichts. Wer Popkultur bemüht, um die Masse zu erreichen, unterwirft sich deren Grundprinzip: Alle, die lange genug im Rampenlicht der Medien stehen, werden als Witzfigur entblößt. Es ist völlig in Ordnung, daß die Popkultur nicht von fadem Ernst getragen wird und sich auch selbst nicht allzu ernst nimmt. Doch der Pragmatismus unserer Tage erkennt eben keine Grenzen mehr: alles soll massenmedial konsumierbar und hip! und pop! und flop! sein, alles bekommt ganz demokratisch seine fünf Minuten Aufmerksamkeit und hat sich diesem Maß zu unterwerfen.
Es ist nicht so, daß ich zu nerdy wäre, um das Video zu liken, ich finde es ja wirklich unterhaltsam. Allein der Zweifel ist groß, ob damit der Sache gedient ist – und es soll eben einer Sache dienen, nicht bloß unterhalten. Dafür tritt der Produzent ganz entschieden ein. Das Video ist also zur Propaganda zu zählen. Der Leser erschrecke nicht: Ursprünglich war der Begriff ganz neutral gemeint. Propagare bedeutet bloß „verbreiten“. Es ist die Kunst, Ideen zu verbreiten – und dies nicht allein aufgrund ihres Inhalts, denn wenn dieser allein schon ausreichte, bräuchte es ja keine Propaganda, sondern durch psychologisches Geschick. Wien ist ein frühes Zentrum dieser Psychokunst, die man bis zur Wissenschaft betreiben kann. Einer der erfolgreichsten Praktiker schildert seine Lehren wie folgt:
Bei meinem aufmerksamen Verfolgen aller politischen Vorgänge hatte mich schon immer die Tätigkeit der Propaganda außerordentlich interessiert. Ich sah in ihr ein Instrument, das gerade die sozialistisch-marxistischen Organisationen mit meisterhafter Geschicklichkeit beherrschten und zur Anwendung zu bringen verstanden. Ich lernte dabei schon frühzeitig verstehen, daß die richtige Verwendung der Propaganda eine wirkliche Kunst darstellt, die den bürgerlichen Parteien fast so gut wie unbekannt war und blieb. Nur die christlich-soziale Bewegung, besonders zu Luegers Zeit, brachte es auch auf diesem Instrument zu einer gewissen Virtuosität und verdankte dem auch sehr viele ihrer Erfolge. Zu welch ungeheuren Ergebnissen aber eine richtig angewendete Propaganda zu führen vermag, konnte man erst während des Krieges ersehen. (Hitler, S. 193)
Nun habe ich keinesfalls vor, ein gut gemachtes Video, das noch dazu eigentlich der Popularisierung der Wiener Schule der Ökonomik dienen soll, mit Hitler in Verbindung zu bringen. Es geht mir bloß um das Herausarbeiten der Wirksamkeit und möglichen Unwirksamkeit bei der Ideenverbreitung. Und da halte ich es für ehrlicher, die kritische Perspektive auf Ideen zu richten, die mir nahestehen. Es wäre nämlich ein Leichtes und entsprechend unseriös, stets nur ideologischen Gegnern den Goebbels zu zeigen. Und „es war nicht alles schlecht“ – räusper, es ist nicht alles schlecht an der Propaganda. Sigmund Freuds Neffe Edward Bernays hat diese zur modernen PR und Werbung weiterentwickelt. Sein Standardwerk Propaganda habe ich schon in Scholien 05/09 (S. 53ff) vorgestellt.
Propaganda
Apropos, ein kleiner Exkurs zu einer Propagandaepisode, die ich in den letzten Scholien behandelt habt. Die Nazis waren nicht die einzigen Propagandisten. Nach ihnen gab es sogar eine dezidierte Anti-Nazi-Propaganda, die von Profis in den USA und Sowjetrußland gebraut wurde. Zuletzt schilderte ich die propagandistische Verzerrung einer Wiener Demonstration. Ein weiterer Zeitzeuge, der sich unter den Scholienlesern befindet, bekräftigte die Ergebnisse meiner Recherche:
Auch ich war einer der demonstrierenden Studenten (2.Semester!). Motiv für die Teilnahme war ausschließlich das Bekenntnis zur Hochschulautonomie und das Anliegen, dem amtierenden Minister Piffl-Percevic studentische Rückendeckung zu geben. Wir – Ehrenwort – waren alle völlig unbewaffnet (höchstens die Aktentasche begleitete uns), hatten keinerlei Wurfgegenstände mitgenommen, geschweige denn die angelasteten Ketten, Stinkbomben etc. Es war eine völlig friedliche, um nicht zu sagen heitere Demo, bis es zu den Zusammenstößen mit den (überwiegend kommunistischen) aus ganz Österreich zusammengekarrten Schlägertrupps kam. Auf einmal flogen Steine und wurden wir tätlich angegriffen. Hier volle Übereinstimmung mit der Darstellung von G. Kümel. Allerdings stimmt seine Aussage nicht, dass sich die Verletzten nicht getrauten, in die Krankenhäuser zu gehen. Warum sollten wir davor Angst haben? Viele der verletzten Studenten suchten Hilfe im AKH – da müsste es doch noch Aufzeichnungen geben! Ein namentlich identifizierbarer Freund hat einen Pflasterstein abbekommen, wurde genäht und bandagiert.
Die Blessuren haben wir leicht weggesteckt, aber der eigentliche Schock kam dann erst, als wir am gleichen Abend den druckfrischen Kurier und andere für den nächsten Tag bestimmte Zeitungen in die Hand bekamen: eine totale Verdrehung der Tatsachen!!! Wir verstanden die Welt nicht mehr: wer hat dieses gezielte Lügengebäude initiiert und durchgesetzt? Der Kommentar von Hugo Portisch sitzt mir heute noch in den Knochen. Zwar habe ich geistig mit ihm Frieden geschlossen, weil ich die Serien Österreich I und II und vor allem die Europaschrift „Was jetzt“ sehr schätze. Aber im Unterbewusstsein arbeitet es noch immer und ich frage mich, wo er vielleicht auch hier Unwahrheiten verbreitet. Habe heute Nachmittag recherchiert und gesehen, dass auch die APA-Berichte aus dieser Zeit alles andere als objektiv waren und den Unwahrheiten Nahrung gaben. Das muss damals eine Meisterleistung an Organisation, gezielter Propaganda und Beeinflussung gewesen sein.
Es muss doch fast 50 Jahre nach dem Vorfall möglich sein, dieses dunkle Kapitel der österreichischen Geschichte aufzuarbeiten. Manche Zeitzeugen leben noch; ich gehe davon aus, dass manche der Agitatoren auf der anderen Seite ihre Fehler erkannt haben und zu diesbezüglichen Aussagen bereit sind. Freilich auch auf der studentischen Seite: ich würde heute für den Professor B. nicht mehr auf die Straße gehen, weil er ja tatsächlich zweifelhafte Ansichten zum Ausdruck brachte (die ich damals als Mathematik studierender an der Uni wien allerdings gar nicht kannte).
Ein anderer Leser rügt mich ebenfalls dafür, mein versprochenes Stillschweigen zu wahren, und diese Sache nicht propagandistisch zu verwerten, gewissermaßen als späte Anti-Propaganda:
muss ich verstehen, warum Sie für die dankenswerte Hintergrund-Recherche im Fall des "Nazi-Schlägers" die äusserste Diskretion fordern, statt sie zur Desavouierung und Delegitimation einzusetzen oder wenigstens freizugeben? Auf der nach unten offenen Goebbels- Skala den allerobersten Platz einnehmen zu wollen, wäre nur dann (für mich) nachvollziehbar, wenn man sich überhaupt auf diese Dimension einlässt; es scheint mir dem Versuch gleichzukommen, bei der Gartenarbeit saubere Fingernägel zu behalten.
Nach Generationen des Stillschweigens aus Feigheit soll nun ein Stillschweigen aus Redlichkeit die Aufklärung verhindern? Gewiß nicht. Wer wissen will, ist frei dazu. Aber die Verbreitung von Information, wenn die Bereitschaft zum Wissen nicht besteht, halte ich für sinnlos. Man nährt damit oft nur, was man vermeintlich bekämpft. Ich empfinde weder Wut noch Ungeduld über die Episode, sie ist für mich zeitgeschichtlich. Warum sollte ich die Reste dieser Kräfte aus ihren Löchern locken und mich ihnen als Märtyrer einer vergangenen Sache anbieten, sie verschlafen in ihren Löchern ohnehin die Zeit. Ihr Kampf ist getan, sie sind mittlerweile „resozialisiert“.
Ich habe ein Problem mit der Zweckfreiheit der Propaganda. Die Propaganda-Strategie ist eine Wachstumsstrategie, aber die Zwecksetzung dieses Wachstums ist mir unklar. Oft habe ich den Eindruck, das Wachstum ist der Selbstzweck. Diesen Eindruck bestätigt der oben erwähnte PR-Experte mit folgender Formel:
Die erste Aufgabe der Propaganda ist die Gewinnung von Menschen für die spätere Organisation; die erste Aufgabe der Organisation ist die Gewinnung von Menschen zur Fortführung der Propaganda. (Hitler, S. 655)
Und hier wird deutlich, was mich an der Sache stört: die zugrundeliegende Passivität der Subjekte. Die Maximierung der Ideenverbreitung geht immer in Richtung stärkerer Konsumorientierung: Ideen sollen einfacher konsumierbar werden. Darum müssen sie vereinfacht, versinnlicht, emotionalisiert werden. Es war unter dem Eindruck der roten und braunen Sozialisten, daß Ludwig von Mises diese Strategie beinhart ablehnte:
Keine Sekte und keine politische Partei haben geglaubt, darauf verzichten zu können, ihre Sache durch den Appell an die Sinne der Menschen zu vertreten. Rhetorisches Wortgepränge, Musik und Gesang erklingen, Fahnen flattern, Blumen und Farben dienen als Symbole und die Führer suchen die Gefolgschaft an ihre eigene Person zu binden. Der Liberalismus tut da nicht mit. Er hat keine Parteiblume und keine Parteifarbe, kein Parteilied und keine Parteigötzen, keine Symbole und keine Schlagworte; er hat die Sache und die Argumente. Die müssen ihn zum Siege führen. (Mises 1927, S. 168)
Das darf nicht mißverstanden werden als eine Absage an Musik, Gesang, Sinnlichkeit und Emotionen. Nicht zuletzt Mises war ja ein leidenschaftlicher Tänzer, der sogar bei seinen wissenschaftlichen Anlässen im Rahmen des Mises-Kreises Lieder anstimmen ließ. Es geht um die Frage, ob man die Reichweite von Argumenten erweitern sollte, indem man sie aus dem Kontext eines Diskurses löst und zu Produkten macht, die vermarktet werden. Daß hier ausgerechnet ein so standhafter Verteidiger des Marktprinzips dagegenhielt, mag irritieren. Doch Mises ist eben Realist, der reale Märkte und ihre politischen Verzerrungen verstehen will, nicht jemand, der bloß mit Marktanalogien hausieren geht. Der Wettbewerb um Ideen ist eben kein Marktprozeß, weil diejenigen, die Ideen übernehmen, in aller Regel nicht die damit verbundenen Kosten tragen. Unternehmer können sich am Markt für Bildung und Information engagieren, können Verleger sein, nur dann müssen sie – nach Mises – Diener bestimmter Kunden sein. Wenn diese Sinnlichkeit nachfragen, so können sich Unternehmer darum bemühen, diese zu bieten – durch konkrete Produkte, nicht durch „Ideen“. Die keynesianische Ökonomik erreichte ihren wissenschaftlichen Siegeszug nicht durch Propaganda, sondern indem sie die klügsten Köpfe anzog. Nicht, weil sie einfacher war als die bisherige Ökonomik, sondern weil sie komplexer, reichhaltiger, lebensnäher schien als die Klassik. Weil es Universitäten gab, die diesen Ideen als Träger dienten. Und weil sie dem Zeitgeist gelegen kamen und sodann in der Politik aufgegriffen wurden – dazu mußten sie davor aber eine akademische Basis haben. Politiker sind notorisch feige und niemals die Träger oder gar Schöpfer neuer Ideen. Sie suchen „Experten“ für ihre Zwecke.
Propaganda ist der Versuch, Reichweite zu vergrößern durch Senkung der Kosten beim Empfänger. Darum ist Propaganda fast immer „gratis“. Sie entspricht damit einem Extrem wirtschaftlicher Preisstrategie: Preissenkung zur Absatzhebung. Diese Strategie braucht ein Massenpublikum, darum ist die Zunahme dieser Strategie das Symptom einer Massengesellschaft (d.h. einer vermassten Gesellschaft). Auszahlen kann sich die Strategie nur bei potenzierter Skalierung und mangelnder Differenzierung der Konsumenten. Das bedeutet: Bei der Absatzmenge werden schnell Dimensionen erreicht, die Massenproduktion erlauben, und die Konsumenten nehmen für die Kostensenkung Qualitätseinbußen in Kauf. Jeder Schritt, Anspruch zu senken, um preislich und psychologisch billiger zu werden, ist in diesem Sinne ein Schritt Richtung Propaganda. Der Aspekt der psychologischen Vergünstigung erscheint mir hier besonders wichtig.
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Das Problem der Propaganda ist, daß sie nur für bestimmte Zwecke zielführend ist und in Wahrheit keinesfalls so wertneutral, wie Pragmatiker glauben. Sie spricht Passivität und Konsumorientierung an, eben darum ist „Freiheitspropaganda“ ein Widerspruch in sich. Propaganda wirkt dort, wo es auf die bloße Masse ankommt. Darum ist sie eben symptomatisch für das Zeitalter der Massen. Ein anderer Anti-Nazi, der Designer Otl Aicher, Schwager der Geschwister Scholl und wie diese von Augustinus beeinflußt, bringt die Konsumorientierung des Massenzeitalters gut auf den Punkt, und zwar einen durchaus wunden Punkt:
die räume des eigenen tuns werden kleiner und kleiner. was will ich noch machen, wo doch mein haus, mein essen, meine kleidung als fertigprodukte angeliefert werden, ebenso die nachrichten, die verträge und die parteiprogramme? wer ist schon so privilegiert, sich sein leben selbst einrichten zu können? (Aicher 1991, S. 32).
gleichzeitig sind wir unfähig geworden, etwas zu machen. wir beteiligen uns an der welt durch meinung, nicht mehr durch eingriffe, handlungen und entwürfe. alle vier jahre gehen wir zur wahl und fügen uns der dadurch ermittelten zahl. in wahrheit entscheiden wir uns für das, was den konsum sichert.
der heutige mensch als produkt seiner kultur ist ein denkender und konsumierender mensch. seine fähigkeit, etwas zu machen, seine fähigkeit, etwas zu entwerfen, bildet sich zurück. er wird passiv, und seine aktivitäten verkümmern. die maschine, der wir unser denken anvertrauen, verlangt, daß wir uns nach dem bild der maschine verhalten.
wir sehen alle den zustand dieser welt. wir wissen alle, daß etwas getan werden müßte. doch wir verfassen nur appelle. wir sind bei vollem bewußtsein an dem prozeß beteiligt, dessen ende voraussehbar ist, aber es besteht die gefahr, daß wir nichts mehr tun können. wir sind kinder einer denkkultur geworden, die das denken vom machen abgekoppelt hat, um es allein auf logische exaktheit zu fixieren. an die stelle des tuns trat der genuß aus dem konsum.
wir sitzen im gefängnis der eigenen vernunft. je mehr wir wissen, um so weniger können wir tun. (S. 189)
Geistesarroganz
Die konsequente Kleinschreibung soll dabei nicht irritieren. Sie ist bloß eine kleine Inkonsequenz des Denkers Aicher. Zunächst war ich davon sehr abgeschreckt, denn die Mißachtung von Regeln, die der Sprache dienlich sind, ist meist bloß eine antiautoritäre Pose. Solche „Antiautoritäre“ sind selbst in aller Regel furchtbar autoritär, anmaßend und dogmatisch. Aichers Begründung für diesen Buchstabenbeschnitt ist jedoch durchaus klug:
unsere sprache hat eine historisch gewachsene struktur, sie ist ein kulturprodukt. sie ist im satzbau und der hierarchie der worte gewachsen, die bedeutung der worte war nicht immer gleich, heute ist unser hauptwort das substantiv. wir zeichnen es sogar aus, durch buchstaben aus einer uralten schrift, aus der römischen kapitalis. bis in die renaissance und den barock gab es nur eine schrift, die, welche wir heute als die kleine schrift bezeichnen, nun aber verzierte man die substantive mit den buchstaben, welche die alten römer benützten, auch wenn es ein rückgriff auf eine weniger gut lesbare schrift war. sie war nach neuer auffassung schöner, und sie kam aus der wiederentdeckten klassischen antike.
wer hier einen Zusammenhang mit der politischen und gesellschaftlichen entwicklung vermutet, hat recht, die schrift folgt der entwicklung in den fürstlichen absolutismus. von nun an sollte die welt von oben gelenkt werden, an stelle der autonomen Städte trat der alles umfassende Staat, dazu mußte man alles auszeichnen, erhöhen, was diesen Staat schützte und trug: gott, die kirche, die könige, die ministerien, alle Institutionen des staates. ihre namen wurden mit einem großbuchstaben einer kulturträchtigen schrift verziert, ebenso die dinge, die aus solchen Institutionen hervorgingen, die gesetze, das recht, die Verordnungen, die verfügungen, die erlasse, das ist so geblieben bis zum heutigen tag.
wenn man etwas ordnet, ist das eine Verordnung, wenn man etwas entzieht, ist das ein entzug, wenn man jemanden fördern will, wird das eine beförderung.
heute, wo unsere spräche so viele substantive hat, daß sie starr wurde, wird langsam deutlich, daß eigentlich nicht die substantive unsere hauptworte sind sondern die verben.
die verben bezeichnen das, was sich ereignet das was wird, das fließende, das tätige, das wirkende, die verben repräsentieren die weit als dynamischen ablauf. arbeiten ist etwas anderes, tatsächlicheres als „die arbeit“. lieben ist etwas anderes, tatsächlicheres als „die liebe“, die liebe ist der gefrorene, der erstarrte zustand dessen, was man lieben nennt, der Staat ist der gefrorene, versteinerte zustand dessen, was er verwalten sollte.
so müßte eine zeit, die sich als bewegend und bewegt versteht, eigentlich das verb zum hauptwort erklären. wir dulden die weit nicht mehr als eine statische erstarrung von herrschaft deshalb sind die auszeichnungen die erstarrung in der spräche, sind die großbuchstaben falsch, man müßte die verben auszeichnen, zum mindesten auf die auszeichnung der substantive verzichten. (S. 54f)
Daß diese Begründung jedoch einen Denkfehler enthält, wird deutlich, wenn wir betrachten, was denn Aicher als Alternative zum Vernunftgefängnis zu bieten hat. Er versucht eine Rettung der Ratio, indem er vor einer lebensfernen Isolierung der Vernunft vom Handeln warnt. Die Philosophie des Abendlandes sei zwar immerhin der Vernunft noch treu geblieben, was grundsätzlich zu würdigen sei, doch habe sie sich als Profiteur einer religiösen Verteufelung der Materie zu sehr vom Material des Lebens entfernt. Dies habe dann, so die interessante These, zur Gegenreaktion der Moderne geführt:
die leibfeindlichkeit oder geistesarroganz der westlichen philosophie hat schließlich dazu geführt, daß das materielle in form der organisierten technik über uns gekommen ist wie eine fremde macht. wir waren darauf weder vorbereitet, noch haben wir diese macht erkannt, intellektuell verkraftet oder waren gar in der lage, sie zu steuern. das desaster der heutigen welt ist komplett. (S. 106).
Diese „Geistesarroganz“ komme schon von den alten Griechen, sei also nicht bloß ein christliches Phänomen. (Aicher liefert am Ende seines Werkes übrigens eine Verteidigung und interessante Deutung des Christentums, die freilich institutionenkritisch ist. Es würde uns nun aber – sogar nach den Maßstäben meiner exkurswütigen Scholien – allzu weit weg vom Thema führen.) Aicher identifiziert diesen geistigen Irrweg, der auch ein ästhetischer Irrweg sei, mit dem kulturhistorischen Begriff der „Klassik“. Der Leser weiß, daß ich die Klassik gerne würdige und das Destruktiv-Unförmige der modernen Kunst meist (freilich mit herausragenden Ausnahmen) als ideologische Ausrede für Bequemlichkeit und Narzißmus ansehe. Doch Aichers Plädoyer ist überzeugend, gewiß übertrieben, aber doch eine profund durchdachte Position. Klassik steht bei ihm für die „Berufung auf das Ewige, um geistige Herrschaft zu sichern“. Sie sei rückwärtsgewandt und lebensfeindlich, denn:
jedes persönliche individuelle leben ist aber ein fortschreiten von erfahrung zu erfahrung, von bitteren einsichten zu freudigen einsichten, von engen horizonten zu weiten, von kinderlandschaften zu lebenslandschaften, von der genugtuung zum zweifel, zum ekel und wieder zurück zur freude. das leben ist entwurf und schicksal, man wird hineingeworfen und hat es doch in der eigenen hand.
das leben ist nicht klassisch.
das klassische ist ein attribut von herrschaft und dient ihrer autorisation als hüterin des ewig wahren, guten und schönen. die klassik ist der ästhetische ausdruck des konservativen als der befestigung dessen, was immer schon war, also der macht. macht ist das, was bleiben möchte, wie es war. nichts auf der weit will so bleiben, wie es war. nur die macht arbeitet mit allen mitteln daran, zu bleiben. sie stemmt sich gegen den lauf der welt, gegen die kraft des lebens. deshalb der versuch, eine philosophie des bestandes, des klassischen zu etablieren (S. 104).
Whigs versus Tories
Die Kritik erinnert an Friedrich A. Hayeks berühmte Abrechnung mit dem Konservatismus:
Der eigentliche Konservativismus ist eine legitime, wahrscheinlich notwendige und sicherlich weit verbreitete gegnerische Einstellung zu starken Veränderungen. Er hat seit der Französischen Revolution anderthalb Jahrhunderte lang in der europäischen Politik eine wichtige Rolle gespielt. Bis zum Aufstieg des Sozialismus war sein Gegensatz der Liberalismus. (…) Es ist \[der Einwand gegen jeden Konservativismus, der seinen Namen verdient\] daß er seiner ganzen Natur nach keine Alternative bieten kann zu der Richtung, in der wir uns bewegen. Es mag ihm gelingen, durch seinen Widerstand gegen die bestehenden Tendenzen unerwünschte Entwicklungen zu verlangsamen, aber da er keine andere Richtung anzeigt, kann er ihre Weiterentwicklung nicht aufhalten. Es war aus diesem Grund immer das Schicksal des Konservativismus, auf einem nicht selbst gewählten Weg mitgeschleppt zu werden. (…) Dieser Unterschied zwischen Liberalismus und Konservativismus sollte nicht dadurch unklar werden, daß es in den Vereinigten Staaten immer noch möglich ist, die individuelle Freiheit durch die Verteidigung langbestehender Institutionen zu verteidigen. Für die Liberalen sind sie nicht deswegen wertvoll, weil sie althergebracht oder weil sie amerikanisch sind, sondern weil sie den Idealen entsprechen, an denen er festhält. (…) Wie von konservativen Schriftstellern oft bestätigt wurde, ist einer der Grundzüge der konservativen Einstellung eine Furcht vor Veränderungen, ein ängstliches Mißtrauen gegen das Neue als solches®, während der liberale Standpunkt auf Mut und Zuversicht beruht, auf einer Bereitschaft, der Veränderung ihren Lauf zu lassen, auch wenn wir nicht voraussagen können, wohin sie führen wird. Es wäre nicht viel einzuwenden, wenn die Konservativen nur eine zu schnelle Änderung der Einrichtungen und der Politik ablehnen würden; hier ist tatsächlich aller Grund zu Vorsicht und langsamem Vorgehen vorhanden. Aber die Konservativen sind geneigt, die Staatsgewalt einzusetzen, um Veränderungen zu verhindern oder ihr Tempo so zu verlangsamen, daß es auch dem ängstlicheren Gemüt zusagt. Im Blick auf die Zukunft fehlt ihnen das Vertrauen auf die spontanen Kräfte der Anpassung, mit dem der Liberale ohne Besorgnis Veränderungen aufnimmt, obwohl er nicht weiß, wie die notwendigen Anpassungen Zustandekommen werden. (…) Die Konservativen spüren instinktiv, daß es mehr als alles andere die neuen Ideen sind, die Änderungen verursachen. Aber der Konservativismus fürchtet, von seinem Standpunkt aus mit Recht, neue Ideen, weil er keine eigenen Prinzipien hat, die er ihnen entgegenstellen könnte; und durch sein Mißtrauen gegen Theorien und seinen Mangel an Vorstellungskraft in allem, was die Erfahrung nicht schon erwiesen hat, begibt er sich der Waffen, die im Kampf der Ideen nötig sind. Zum Unterschied vom Liberalismus mit seinem grundlegenden Glauben an die sich schließlich durchsetzende Kraft der Ideen ist der Konservativismus auf die zu einer gegebenen Zeit ererbten Ideen beschränkt. Und da er nicht wirklich an die Macht des Arguments glaubt, ist seine letzte Zuflucht immer eine Berufung auf das bessere Wissen, das er sich auf Grund seiner Superiorität anmaßt. (Hayek 1971/1983, S. 482-489)
Hayek zerbricht sich daraufhin den Kopf, wie er sich selbst bezeichnen sollte:
In den Vereinigten Staaten, in denen es fast unmöglich geworden ist, „liberal“ in meinem Sinn zu gebrauchen, wurde statt dessen der Ausdruck „libertär“ (libertarian) gebraucht. Dies mag eine Lösung sein; aber ich für meinen Teil finde ihn besonders unschön. Für meinen Geschmack trägt er zu sehr den Stempel des erfundenen Wortes und des Ersatzes. Was ich suche, ist ein Wort, das die Partei des Lebendigen bezeichnet, die Partei, die für freies Wachstum und spontane Entwicklung eintritt. Aber ich habe mir vergeblich den Kopf zerbrochen, um ein bezeichnendes Wort zu finden, das sich bieten würde. (S. 493)
Letztlich behalf er sich mit dem ideengeschichtlichen Etikett Old Whig, das vielleicht präzise ist, aber heute niemand mehr versteht. Ausgerechnet auf Burke, der zugleich als Vordenker der modernen Konservativen gilt, bezog sich Hayek dabei. Und rechnete die konservative Politikerin Margarete Thatcher auch noch – gegen ihren Willen – diesen Altliberalen zu:
Ich werde zu einem Burkeschen Whig. \[…\] Das nehme ich bloß an — ich glaube, Burke war im Grunde ein Whig; und ich glaube, auch Adam Smith. Paradoxerweise auch Frau Thatcher — Ich bin mir sicher, daß ihr gegenüber diese Einschätzung noch nie erwähnt habe. Das letzte Mal, als ich sie traf, tätigte sie die Aussage: „Ich weiß, Sie wollen, daß ich zu einem Whig werde; nein, ich bin ein Tory!“ Sie hat das also sehr deutlich gespürt. (Kresge/Weinar 1994, S. 141)
Die Geschichte dieses Begriffspaars ist ambivalent. Wie so oft unterscheidet sich die Begriffsgeschichte von der späteren Wirkungsgeschichte. Hayek bezieht sich auf die viel später den Whigs zugeordneten Denker und vernachlässigt dabei die Ursprünge des Wortes. Die Bezeichnung „Whigs“ kam im englischen Bürgerkrieg als Schimpfwort für die radikalste Gruppe schottischer Protestanten auf. Es handelte sich um die sogenannte Kirk-Party, die durch besonderen Puritanismus und religiösen Eifer von sich Reden machte. 1648 zog diese Gruppe zu einem Überfall auf Edinburgh los, der als Whiggamore Raid, Überfall der Viehtreiber bekannt wurde, um etwas konziliantere, aber ebenfalls radikale Protestanten – die Engagers – zu entmachten. Der Bürgerkrieg wurde gegen Ende (1688) als Glorious Revolution bezeichnet. Von ihren Gegnern wurde diese „Revolution“, die eigentlich eine Invasion mit heimischer Unterstützung war,
die große Rebellion genannt und von ihren Freunden eine «Wiederherstellung der Freiheit»; die zweite Phase (1660 – 1685) wurde damals als die Restauration bezeichnet, von einigen zeitgenössischen Autoren freilich auch als eine Revolution. (Das war der erste neuzeitliche Gebrauch des Wortes Revolution zur Bezeichnung einer größeren politischen Umwälzung; gemeint war freilich ein Zurückdrehen des Rades auf eine frühere Regierungsform.) Was also die meisten heutigen Historiker als die englische Revolution bezeichnen, das bestand aus drei aufeinanderfolgenden «Restaurationen». (Berman 1998, S. 41f.)
Der revolutionäre Militärdiktator Cromwell war selbst ein Reaktionär, der die imaginäre Vergangenheit ursprünglichen Angelsachsentums wiederbringen wollte. Wie so oft war der Auslöser des Bürgerkriegs und der Revolution ein lächerlicher: eine kleine Steuer, die Schiffsteuer. Die Revolutionäre, die gegen Konfiszierungen der Stuarts auftraten, sollten nur allzu bald selbst ein Vielfaches enteignen, insbesondere die Güter der Katholiken.
Danach fand der Schmähbegriff Whigs allmählich als positive Selbstbezeichnung der parlamentarischen „Linken“ Verwendung. Der erste Kopf dieses Lagers war der Earl von Shaftesbury. Dieser vertrat einen ausgeprägten ethischen Optimismus. Im Gegensatz zur herkömmlichen Sichtweise, die Erziehung und Beschränkung als Notwendigkeit zur Disziplinierung des Menschen betrachtete, lehrte diese Doktrin, daß der Mensch einen natürlichen moralischen Sinn hätte, dem man vertrauen könnte, die Tugend nicht nur zu erkennen, sondern sich daran zu erfreuen. Die Gegenspieler der Whigs wurden von diesen verächtlich Tories genannt. Tory kommt von einem irischen Ausdruck für „Räuber“. Man dachte dabei an Überfälle katholischer Iren gegen das protestantische Regime, das eine Thronfolge des katholischen Bruders von Charles II., James, um jeden Preis verhindern wollte und auch vor Massakern an den Katholiken nicht zurückschreckte. Nach und nach ordneten sich die Interessen des landbesitzenden Adels den Tories und die Interessen des Bürgertums den Whigs zu. Später wurden die Whigs zu entschiedenen Verfechtern wirtschaftlicher Freiheit, weil diese dazu dienlich war Vorrechte der Tories abzubauen. Ein Beispiel ist der Widerstand gegen die Corn Laws, den Protektionismus der Großgrundbesitzer, gegen den sie billigeres Brot für die Massen ins Gefecht führten. Dieser Wirtschaftsliberalismus führte dazu, daß die Whigs bis heute als die Liberalen gelten. Als wirtschaftliche Freiheit der revolutionären Agenda jedoch nicht mehr diente, wurde sie rasch fallen gelassen.
Nominalismus
Die Begriffsverwirrung der Moderne kann einen leicht zum Schluß führen, den Begriffen generell zu mißtrauen. Hayek mißtraut den Begriffen und glaubt an die Ideen. Otl Aicher hingegen mißtraut den Ideen und würdigt die Begriffe. Hayek sieht das Lebendige in den Fesseln falscher Ideen, Aicher in den Fesseln der Ideen schlechthin. Diese Position ist uralt, sie läutete die Moderne ein, im Guten wie im Schlechten. Für die einen ist das Projekt der Moderne ein Irrweg, für die anderen schlicht nicht vollendet. Die antiklassische Position von Otl Aicher beruht auf dem Nominalismus (siehe Scholien 04/11, S. 111ff). Mit dieser erkenntnistheoretischen Wendung wird in aller Regel Wilhelm von Ockham verbunden, bekannt durch das „Ockhamsche Rasiermesser“ (siehe Scholien 06/10, S. 154). Aicher faßt diese Wendung so zusammen:
ockham brachte eine neue sicht der welt. die ideen, welche scheinbar die dinge bestimmten, waren in einer jenseitigen welt zu hause und standen als das geistige über der materie. diese herrschaft der ideen, des allgemeinen über das besondere, hat ockham beendet. er erkannte: die ideen sind in unserem kopf. wir brauchen sie in form von namen, begriffen und logischem denken.
Nach dieser einsicht konnte der mensch aufhören die welt als die inkarnation einer vorgegebenen wahrheit, güte und schönheit zu verstehen. er hatte seinen kopf anzustrengen, um herauszufinden, warum was wie geworden war. das war eine zurückweisung der gesamten antiken und frühmittelalterlichen denkweise. die klassik war tot und mit ihr die ewigen werte, die von anfang an über allem schwebten.
die dinge wurden zu einem produkt der entwicklung und einer einordnung in ihr umfeld. sie wurden bestimmt durch die balance ihres verhaltens, nicht mehr von jenseitigen geistigen realitäten. \[…\]
würde ockham heute zurückkehren, er wäre erstaunt, wie wenig sein denken zustande gebracht hat. zwar ging die naturwissenschaft ganz auf seine wege ein, ja sie wurde erst möglich, weil das denken sich am konkreten orientierte. aber unsere geistige kultur ist mehr denn je bestimmt vom glauben an die ewigen werte.(Aicher, S. 53f).
Ockham sieht Aicher als Vorläufer der Funktionalsten an. Während die Klassik in der Gestaltung und Kunst das ewig Wahre auszudrücken versuche, gehe es dem Funktionalismus darum, geniale Lösung für triviale, aber menschliche Dinge zu finden. Der Mensch wird also zum Maß der Dinge, die Ideen von den Dingen sind nicht mehr das Maß des Menschen. Dadurch ist diese moderne Perspektive dynamischer, denn der Mensch verändere sich laufend. Es komme darauf an, die Dinge für den Gebrauch des Menschen zu schaffen. Diese Entdeckung des subjektiven Gebrauchs als Kategorie scheint eng mit der Stadt Wien verbunden zu sein, denn die überwiegende Zahl der von Aicher zitierten Denker gehören der einen oder anderen Wiener Schule an:
der begriff „gebrauch“ ist nicht nur höchst prosaisch er kommt aus einer ganz anderen richtung als platons „idee“ oder die „entelechie“ von aristoteles. er kommt nicht aus den gefilden des geistes, nicht aus der tiefe des seins. in diesem wort kulminiert wittgensteins vorstellung, die wahrheit liege im alltäglichen, im gewöhnlichen.
es ist keine frage, der begriff kommt aus der anschauung von adolf loos und der begründung einer funktionalistischen architektur, weiter zurück kommt er von william morris und john ruskin, den englischen kunstgewerblern, die nach dem schwulst des barocks und des klassizismus wieder die handwerkskultur entdeckt hatten, welche die mittelalterliche stadt, die kathedrale und das konkrete denken hervorgebracht hatte. der „gebrauch“ als begriff geht auch zurück auf den positivismus von mach und boltzmann und die alles dominierende bedeutung des experiments in den modernen naturwissenschaften. aber gebrauch ist für wittgenstein mehr als praktische überprüfung, der begriff kommt in die nähe von „verhalten“ (S. 121f).
Wiener Intellektuelle
Adolf Loos war schon einmal Gast in den Scholien (5/10). Politisch sind all diese Wiener Schulen nicht zu fassen, und doch finden sich erstaunliche Überlappungen im Zugang und den Problemstellungen. Eines der besten Werke zur Geistesgeschichte des Wiens der Jahrhundertwende stammt aus der Feder des Amerikaners Carl E. Schorsche (er gewann 1981 den Pulitzerpreis dafür). Er beschreibt diese Wiener Moderne so:
Das Europa des 20. Jahrhunderts hat auf den meisten Gebieten geistiger Tätigkeit stolz seine Unabhängigkeit vom Vergangenen verkündet. Schon im 18. Jahrhundert nahm das Wort „modern“ etwas vom Klang eines Schlachtrufs an, damals aber nur als Antithese zu „antik“, zu „den Alten“ — es meinte den Gegensatz zum klassischen Altertum. In den letzten hundert Jahren jedoch hat „modern“ sich dazu entwickelt, unsere Wahrnehmung unseres Lebens und unserer Zeit von allem Vorherigen, von der ganzen Geschichte überhaupt zu unterscheiden. Moderne Architektur, moderne Musik, moderne Philosophie, moderne Wissenschaft - sie alle bestimmen sich selbst nicht aus dem Vergangenen, auch kaum gegen das Vergangene, sondern unabhängig von ihm. Das moderne Bewußtsein verhält sich der Geschichte gegenüber immer gleichgültiger, denn Geschichte, verstanden als Überlieferung, aus welcher es sich unablässig speisen könnte, ist ihm nutzlos geworden. \[…\] Wiens große geistige Neuerer – in der Musik und der Philosophie, in der Volkswirtschaft und der Architektur und natürlich in der Psychoanalyse – brachen alle mehr oder weniger entschieden ihre Bindung an die historische Anschauung ab, die wesentlich war für die liberale Kultur des 19. Jahrhunderts, in welcher sie erzogen wurden. \[…\] Die Intelligenz dieser Stadt schuf fast gleichzeitig auf einem Gebiet nach dem anderen Neuerungen, die im ganzen kulturellen Europa als Wiener „Schulen“ bezeichnet wurden - vor allem in der Psychologie und der Musik. Aber selbst auf Gebieten, auf denen die internationale Wahrnehmung dessen, was in Österreich getan wurde, langsamer dämmerte – der Literatur, Architektur, Malerei und Politik zum Beispiel –, waren die Österreicher mit kritischer Umformulierung oder subversiver Verwandlung ihrer Traditionen beschäftigt, die ihre eigene Gesellschaft als radikal neu, wenn nicht sogar als revolutionär ansah. Von einem Gebiet des Lebens zum anderen verbreitete sich der, Begriff „Die Jungen“ als gemeinsame Bezeichnung für die Umstürzler und Umgestalter. Zuerst bezeichnete er in der Politik der siebziger Jahre eine Gruppe junger Rebellen gegen den klassischen österreichischen Liberalismus, dann erschien der Begriff in der Literatur („Jung Wien“) und dann bei den bildenden Künstlern und Architekten, die zuerst den Jugendstil angenommen hatten und ihm einen spezifisch österreichischen Charakter verliehen. \[…\]
Die neuen Schöpfer der Kultur in der Stadt Sigmund Freuds definierten sich somit wiederholt in Begriffen einer Art kollektiver Ödipusrevolte. Die Jungen erhoben sich jedoch nicht so sehr gegen ihre Väter wie gegen die Autorität der väterlichen Kultur, die ihr Erbe war. Was sie auf breiter Front bekämpften, war das System der Werte des klassischen herrschenden Liberalismus, in dem sie aufgewachsen waren. Bei dieser allgegenwärtigen und gleichzeitigen Kritik ihres liberal-rationalen Erbes von verschiedenen Gebieten kultureller Tätigkeit her kann die „immanente“ Interpretation der verschiedenen Disziplinen dem Phänomen nicht gerecht werden. Der allgemeine und ziemlich plötzliche Wandel des Denkens und der Wertvorstellungen bei den kulturell Schöpferischen deutet eher auf eine gemeinsame gesellschaftliche Erfahrung, die ein Umdenken erzwang. \[…\]
In London, Paris oder Berlin \[…\] kannten die Intellektuellen in den verschiedenen Bereichen der Kultur, Wissenschaft und Kunst, Journalismus und Literatur, Politik und Geist, einander kaum. Sie lebten in vergleichsweise abgeschlossenen beruflichen Gruppen. Im Unterschied dazu war in Wien bis etwa 1900 der Zusammenhalt der gesamten Elite stark. Der Salon und das Cafe bewahrten ihre Lebensfähigkeit als Institutionen, wo Intellektuelle verschiedener Art gemeinsame Ideen und Werte hatten und sich noch mit einer Elite der Geschäftswelt und der Universität mischten, die stolz war auf ihre Allgemeinbildung und künstlerische Kultur. Aus demselben Grunde erfolgte die »Entfremdung« der Intellektuellen von anderen Teilen der Elite und ihre Entwicklung zu einer geheimen oder avantgardistischen Subkultur, die sich von den politischen, moralischen und künstlerischen Wertvorstellungen der höheren Mittelschicht löste, in Wien später als in anderen kulturellen Hauptstädten Europas, obwohl sie dann vielleicht rascher und sicherer geschah. Die meisten aus der kulturell schöpferischen Pioniergeneration \[…\] waren Entfremdete — aber nicht von ihrer Klasse als herrschender Schicht, sondern mit ihr, als sie ausgeschaltet wurde von der politischen Macht. Erst im letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg gibt es die Entfremdung des Intellektuellen von der gesamten Gesellschaft. \[…\]
Wiens bedeutendste Schriftsteller nicht allein, sondern auch seine Maler und Psychologen, sogar seine Kunsthistoriker waren erfüllt von der Problematik des einzelnen in einer zerfallenden Gesellschaft. Aus dieser Voreingenommenheit entwickelte sich Österreichs Beitrag zu einer neuen Sicht des Menschen. (Schorske 1994, VIIff)
Diese Entfremdung Wiener Intellektueller von der Macht halte ich für ganz wesentlich. Das erklärt auch, warum Wien als intellektuelles Zentrum nicht überleben konnte, als im 20. Jahrhundert die autoritären Regime und später das sozialdemokratische Regime Nachfrage nach angepassten Intellektuellen schufen. Das bislang Bestehende wurde radikal in Frage gestellt, und letztlich waren die Intellektuellen die großen Leidtragenden der Veränderung. Leider zeigt die Geschichte oft paradoxe Folgen. Ausgerechnet der alte Kaiser bewahrte die liberale Ordnung noch ein paar Jahre länger, und ausgerechnet in autokratischer Weise, als er sich weigerte, die Wahl des populistischen Bürgermeisters Karl Lueger zu akzeptieren. Lueger war das große Vorbild Hitlers und der Sozialdemokraten, die später sein Werk weiterführten und das „rote Wien“ schufen. Gestalterisch waren diese zwei Flügel freilich weit auseinander und markieren dadurch ästhetische Extreme. Hitler bemühte den Klassizismus, und an diesem läßt sich gut Aichers Kritik nachvollziehen. Die pompösen Bauten, mit denen politische genehme Architekten „Ideen“ verwirklichen sollten, zeigen eine gewisse Verachtung für die Nöte des realen Menschen. Nach der Zerstörung durch den Krieg mußte ein solcher Klassizismus noch zynischer wirken. Die Menschen hatten kein Dach mehr über dem Kopf und die Nase voll von propagandistischer Ästhetik, die nur in künstlichem Siegestaumel wirken kann. Ist der Schein einmal angekratzt, führt Propaganda zur Selbstzerstörung, denn die verlorene Sache steht dann eben breitenwirksam im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Aus dem selben Grund ist Werbung, die auf Marken abzielt – ökonomisch betrachtet – eigentlich ein Wetteinsatz. Denn wenn ein Markenprodukt ein Versprechen nicht halten kann, ist das viel schlimmer für den Absatz, als wenn das bei einem no-name-Produkt passiert. Denn alle kennen und reden über die Marke, wenn die Werbung erfolgreich war. Werbung, die nicht „liefern“ kann, ist daher verheerend. Daher muß man sich beim Einsatz von Propaganda stets die Frage stellen, was man eigentlich konkret zu bieten beabsichtigt, wenn die Propaganda einschlägt; ob man das implizite Versprechen halten kann.
Materialismus
Die Sozialdemokratien reagierten also mit einer gewissen Form des Funktionalismus: dem „sozialen Wohnbau“. Doch leider war es ein planwirtschaftlicher Funktionalismus, kein „individuelles Leben“, kein tastendes „Fortschreiten von Erfahrung zu Erfahrung“. Und dieser rationelle Funktionalismus ist oft erstaunlich dysfunktional. Bei jedem Ismus sollten die Alarmglocken klingeln: Ein Ismus ist eben eine Überdehnung eines Aspekts der Wirklichkeit. Wir können von jedem Ismus etwas lernen: in ihm muß etwas Wahres verborgen sein, eine Aussage über den Menschen und die Welt. Doch diese Wahrheit ist zu einer statischen Idee aufgeblasen und überdehnt. Genauso ist es mit dem Materialismus und dem Anti-Materialismus, ein weiteres Schlachtfeld des alten Wiens, wo die alte Welt auf die neue traf. Aicher bringt den vernünftigen Kern des Materialismus gut auf den Punkt, wenn er wiederum in gestalterischen Analogien denkt:
gute köche hat man nie überzeugen können, daß es etwas anderes gibt außer dem kochgut selbst, dem material, das die besondere küche ausmacht. man vergesse alle rezepte und fühle nach, wie man die eigenheit, den inhalt, den charakter, den charme dessen freibekommt, was man frisch auf dem markt gekauft hat. der richtige koch bringt es fertig, in seine speisen hineinzuschlüpfen
es ist von allergrößter bedeutung, auf diesen punkt hinzuweisen, wenn man sich ein bild machen will, wie erkenntnis zustande kommt. ein architekt und ein koch können, wenn sie etwas auf sich halten, es sich nicht erlauben, wie plato oder aristoteles in der materie etwas sekundäres oder gar minderwertigeres zu sehen. sie müssen keine materialisten sein, wenn sie davon überzeugt sind, daß der geist in der materie steckt, daß er das ist, was die materie freigibt.
was aber die materie freigibt, das muß man aus ihr herausholen. der aufwendigste teil eines entwurfsvorgangs besteht darin, in versuchen, experimenten und studien, in zahllosen regelkreisen von überprüfungen und neuansätzen anhand von modellen und prototypen mit hilfe von eigenleistungen und konsultationen anderer das destillat einer optimalen lösung zu gewinnen.
der architekt ist nicht klüger als sein material. nur teilt das material einem architekten, der nicht klug ist, auch nichts mit. er bleibt ohne einfälle. was aber ist ein kluger architekt? einer, der richtige fragen stellen kann. nicht der, der es besser weiß (Aicher, S. 101).
Hierin wird auch gut die Tendenz zum Empirismus aufgezeigt, als Reaktion auf einen überdehnten Rationalismus. Darum verstand sich Hayek, einer der wichtigsten Kritiker des überdehnten Rationalismus, so gut mit Popper, der aus dem Wahnsinn des letzten Jahrhunderts ebenfalls empiristische Schlüsse zieht. Gleichwohl stand Hayek noch im Rahmen der Wiener Schule der Ökonomik, die von ihrem Begründer einst als „empirisch“ bezeichnet wurde, aber später dann in Gegensatz zum überdehnten Empirismus geriet. Diese verblüffende Wendung lehrt uns viel über Ismen und wie wir mit ihnen umzugehen haben: Ebendiese Wiener Schule entsteht als empirische und materialistische Reaktion auf die Realitätsferne etatistischer Top-down-Ansätze. Um dann doch die Bedeutung des Logisch-Deduktiven in der Ökonomik und des Geistigen in der Ökonomie zu betonen. Diese Widersprüchlichkeit ist typisch für das alte Wien, es ist eine sehr tiefsinnige Widersprüchlichkeit, die gegen das Schubladendenken aufbegehrt. Kein Wunder, daß auf Popper dann der Wiener Paul Feyerabend folgt, der den Widerspruch zum erkenntnistheoretischen Kern einer Anti-Methode macht. Ist es ein Zufall, daß, so wie der wichtigste Schüler Poppers zum wissenschaftstheoretischen Anarchismus fand, der wichtigste Schüler von Mises, Murray N. Rothbard, zum politischen Anarchismus gelangt?
Steuerbarkeit
Auch Otl Aicher zieht sehr ähnliche politische Schlüsse wie Hayek, Mises und gar Rothbard. Er erkennt jeden Ansatz von Planwirtschaft als absurd und lebensfeindlich. Doch dasselbe gilt auch nach dem vermeintlichen Ende der real-existierenden Planwirtschaft: Überlebt hat das Prinzip der Steuerbarkeit. Aichers Kritik an der Hybris der Steuerung der Gesellschaft klingt genauso wie jene Hayeks, des Pioniers der Theorie von der Selbstorganisation. Der Staat ist für Aicher ein Zwangskonstrukt, das Menschen in statische Schubladen packt. Dazu muß aber die reale Dynamik der Menschen gebändigt werden. Am ehesten gelingt das, indem ihnen Ideen in den Kopf gesetzt werden, die sie in eine Richtung drängen, auf einen Zweck einschwören:
wenn der staat seine untertanen in ein geschlossenes system integriert, wenn die menschen nicht mehr ihr eigenes leben leben dürfen, wird ihnen etwas besseres versprochen, das vaterland, für das es sich sogar lohnt zu sterben. es ist größer, mächtiger, inhaltsreicher als die eigenen vier wände. es erlaubt dem kopf, der kein ziel mehr hat, eine projektion. eine projektion, die so sehr unsere aggression glorifiziert, daß wir sogar bereit sind, dafür zu sterben. die glorifizierung ist eine einfache sozialtechnik. sie gibt es, seit es herrschaft gibt. herrschaft allgemein verstanden. (Aicher, S. 166ff).
Seine Reflexion über die Entstehung der Staatsidee und ihren Kontrast mit menschlicher Realität führt den Designer, der ästhetisch so deutlich „links“ zu stehen scheint, sogar zu einer vorsichtigen Würdigung wirtschaftlicher Freiheit, die er aber – wie ja auch Hayek – abhebt vom real-existierenden „Kapitalismus“:
schon hegels staat scheint nicht dem erkenntnisprinzip der dialektik, der weltvernunft gefolgt zu sein. zuerst war dieser staat das prinzip der sittlichkeit, nach dem sich der bürger zu richten hatte. dann war er das prinzip der macht und der eroberung. der eroberung gegenüber dem nachbarn und der eroberung der gesamten wehrlosen welt. dann war der staat das prinzip der ökonomischen vernunft, des plans, der plan- und wohlfahrtswirtschaft. und heute ist er degeneriert zur aufgeblasenen bürokratie der steuereintreibung und sicherheitskontrolle. der staat ist heute eine institution, die maßlos steuern eintreibt zur erhaltung und sicherung seines apparates, der zu zwei dritteln überflüssig ist. ob nicht auch der zeitgeist eine ähnlich abgesunkene degeneration des großen weltgeistes und seines geistigen prinzips von fortschritt und befreiung ist? \[…\]
endlich erhält so auch die freiheit eine andere, tiefere legitimation und ist nicht mehr der wunsch, tun und lassen zu können, was man will. freiheit ist keine subjektivistische laune. freiheit ist nicht die spielart des individuums. sie ist das kriterium der eigensteuerung, auf der alle biologischen, gesellschaftlichen und kulturellen systeme beruhen. diese systeme setzen regeln voraus, aber eben solche, die die autonomie der steuernden vernunft garantieren, die freiheit des individuums. \[…\]
der staat verliert die kompetenz der gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen wahrnehmung. er rangiert sich aus. seine augen sind blind, seine hände sind zu grob.
der staat kann kein einziges bild malen, kein einziges lied komponieren, kein kind erziehen, keine operation durchführen, kein haus bauen, keine blumen züchten. er kann keine gesunden nahrungsmittel herstellen, kein auto fahren, nicht einmal eine nähmaschine ölen. das alles entzieht sich der kategorie der planung. dies heute sogar mehr denn je. denn der hoheitsanspruch, den der staat mit seiner planungs- und ordnungsfunktion verbunden hat, mit einer überordnung des allgemeinen über das konkrete, hat zu einer aufblähung der planungsinstanzen geführt und zu einem planungsleerlauf, der nur sanktioniert werden konnte mit einer potenzierung der erhebung, der feststellungsverfahren und der statistischen ermittlung. der staat erstickt inzwischen an seiner eigenen bürokratie der planaufbereitung. \[…\]
ist das das hohelied auf das freie unternehmertum?
man darf es so verstehen, wenn man noch den freien unternehmer im auge hat. aber längst sind es die marketing-abteilungen, die planungsstrategen, die auch die industrielle produktion und die ökonomie des vertriebs bestimmen. der markt ist längst nicht mehr das regulativ von angebot und nachfrage. der markt jagt den meisten angst ein. das risiko ist eine gefährliche größe, es will durch planung ausgeschaltet sein. und je größer das unternehmen, um so umfassender werden die absicherungen der unternehmensplanung. aber es gibt sie, die unternehmer, die auf sich selber setzen. \[…\]
das wird zur folge haben müssen, daß große bereiche des abstrakten staates, für den nur die statistik heilig ist, werden absterben müssen. so gut wie die ganze sozialversicherung wird auf die ebene herab-gestuft werden müssen, auf der sie anschaulich erfahren wird, auf die ebene der kommunen. der griechische stadtstaat bietet mehr aktuelle anregungen als das römische imperium, das untergehen mußte wie jedes imperium, auch das des heiligen römischen reiches deutscher nation. die gemeinde, die stadt ist ein gemeinwesen, in welchem konkrete verhältnisse bewertet, beurteilt und gelöst werden können. sie entspricht dem daseins- und denkraum der steuerung. der omnipotente staat als zentralgewalt ist ein relikt von religionen und philosophien, die davon ausgehen, daß das weltprinzip sich am ende auf einen punkt höchster abstraktion reduzieren läßt. die weit ist aber nicht ein punkt, sondern ein alles. und die ordnung dieses alles ist der ausgleich, die verknüpfung, die partizipation. das viele erzeugt relationen. wir brauchen in einem zukünftigen staat keinen omnipotenten lenker und planer mehr. den staatenlenker kann man schon heute vergessen, wenn man demokratie ernst nimmt und das parlament wieder in seine rechte einsetzt. von ihm, dem parlament, sollten die aufgaben der politik definiert werden, der beamte hätte sie auszuführen. daß das heute umgekehrt ist, daß das parlament nach den richtlinien des kanzlers tanzt, ist mit eine folge einer planungsideologie, die auf das letztgültige, auf das definitive aus ist, statt sich in absprachen über wirklichkeitserfahrungen auf eine linie zu einigen (S. 140f).
Wie Hayek kontrastiert Aicher den steuernden und planenden Staat mit dem Leben, und wie er erkennt er die Bedeutung „spontaner Ordnung“. Wie in der Wiener Schule der Ökonomik findet sich bei Aicher eine Vermittlung zwischen Ratio und Empirie. Der wichtigste Denker, bei dem sich diese Vermittlung erstmals abzeichnete, ist Immanuel Kant. Mein Kollege Eugen M. Schulak erklärt dessen Bedeutung für Ludwig von Mises in seinem (mit Koautor Herbert Unterköfler) Standardwerk zur Geschichte der Wiener Schule:
Die Vorstellung, Menschen bloß als Versuchsobjekte zu betrachten, d.h. ihr Handeln im Rahmen sozialpolitischer Experimente und unter Zuhilfenahme staatlicher Gewalt zu manipulieren, um ökonomische Hypothesen in die Wirklichkeit zu überführen und so zu „bestätigen“, war Mises zweifellos ein Greuel. Deshalb brauche die Ökonomie ein sicheres Fundament. Bei seiner Suche nach den Wurzeln wissenschaftlichen Denkens stieß Mises auf Immanuel Kant, auf einen Philosophen, der den Bereich des Wissens von dem des Glaubens und Vermutens deutlich trennen wollte. \[…\]. Die Wahrheit synthetischer Urteile a priori, so Kant, könne aus selbst-evidenten Axiomen abgeleitet werden. Selbst-evident seien Axiome dann, wenn man ihre Wahrheit nicht abstreiten könne, ohne sich selbst in Widersprüche zu verwickeln. Gefunden werden könnten solche Axiome insofern, als wir über uns selbst als denkende Menschen reflektieren und so die Konzeption unserer Denkprozesse, die Arbeitsweise unseres Verstandes, letztlich den Bauplan unseres Denkapparates verstehen. Mises folgte Kant in all diesen Überlegungen, weshalb er auch mit Recht als Kantianer bezeichnet werden kann \[…\]. Wohin er Kant jedoch nicht mehr folgte, war dessen idealistische Annahme, dass der Verstand die Wirklichkeit bloß konstruiert. Das Ding an sich, so Kant, sei unerkennbar. Die Wirklichkeit könne bloß so erkannt werden, wie sie uns kraft unseres Verstandes erscheint, da wir sie mit Hilfe des Verstandes gleichsam nachbilden, rekonstruieren und so kein direkter Weg zur Wirklichkeit vorhanden ist. Diese idealistische, später vom Konstruktivismus übernommene Anschauung, dass Denken und Realität getrennte Welten sind, konnte Mises, der Realist und Logiker, nicht akzeptieren. In einem einfachen und klaren Denkschritt ging Mises über Kant hinaus: Wahre synthetische Urteile a priori, die auf selbst-evidenten Axiomen gründen, seien deshalb keine rein geistigen Konstruktionen, gingen deshalb mit der Realität konform, weil sie eben nicht bloß Kategorien unseres Verstandes, sondern Kategorien unseres Handelns sind. Unser Verstand sei stets in einer handelnden Person. Er trete nicht isoliert, gleichsam als Geist in Erscheinung, sondern in einem handelnden Menschen. Deshalb müssen die Kategorien unseres Verstandes, wie etwa die Kausalität, letztlich in den Kategorien unseres Handelns begründet sein. Handeln bedeute einen Eingriff in die Realität, zu einem früheren Zeitpunkt, um zu einem späteren Zeitpunkt Resultate zu erzielen. Deshalb müsse jeder Handelnde davon ausgehen, dass konstante Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung tatsächlich existieren. Kausalität sei so eine Grundvoraussetzung des Handelns. Sie zeige sich, als ein wahres synthetisches Urteil a priori, sowohl als Kategorie des Denkens wie des Handelns, sowohl geistig wie real \[…\]. Damit war die Kluft zwischen Denken und Realität, zwischen Innen- und Außenwelt, die Kant als unüberwindliche Schranke dachte, überbrückt. (Schulak/Unterköfler 2009, 156ff)
Leben als Entwurf
Aicher zeigt eine eher empirische, Mises eine eher antiempirische Betonung; ganz bei Hayek ist Aicher mit seiner Betonung von außerrationalen Erkenntniswegen, die dabei nicht antirational sind. Aicher bezieht sich in anderer Weise als Mises auf Kant, indem er die Empfindung lobt, eine besonders für das künstlerische Gestalten wichtige Methode:
kant kommt zu der ungewöhnlichen einsicht, daß auch empfindung eine erkenntnis sei, nicht nur denken in den kategorien des verstandes. ihn leitet eine neue auffassung über die natur. ihre lebewesen sind nicht nur sich selbst bewegende, sondern sich selbst organisierende wesen. natur ist selbstorganisation. selbstorganisation setzt aber einsicht voraus, erkenntnis.
es gibt also ein weites feld der erkenntnis, das nicht wie beim menschen durch die fähigkeit bestimmt ist, begriffe zu bilden und diese zu schlußfolgerungen zu kombinieren. es gibt eine erkenntnis ohne begriffe, ohne die organe vernunft und verstand, die garantiert, daß tiere sich im eigeninteresse verhalten, sich fortpflanzen, mit ihrer umwelt in eine balance der erhaltung treten, sich zu gemeinschaften zusammentun und den haushalt der natur im gleichgewicht halten. ihre einsicht ist konkret, auf einzelne fakten und situationen bezogen, sie verallgemeinern nicht, es ist aber trotzdem eine erkenntnis, die leben möglich macht, eben als empfindung.
mit ihrer empfindung – kant nennt sie reflexion fügen sich tiere in die konstellation ihrer welt ein und tun von fall zu fall, was für sie zweckmäßig und sinnvoll ist.
genau das aber trifft auch auf den menschen zu, der freilich in sein empfinden auch sein denken, seine vernunft und seinen verstand einbringt.
wir erfahren nach kant die welt nicht zuerst durch die vernunft, sondern durch unsere empfindung, und die freiheit des menschen ist nicht, die wahrheit zu finden, sondern sich in eine welt der zweckmäßigkeiten einzufügen, autonom, als subjekt, aber in einer einfühlung in sinnvolle perspektiven. wir entwickeln dazu perspektivische weltentwürfe, die durch die empfindung gewogen werden und damit zu erfahrungsurteilen werden.
die welt als entwurf, das leben als entwurf, geleitet von der empfindung des konkreten, das ist eine neue philosophie.
als die erste dampfmaschine erfunden wird, 1765 von james watt, erhält kant seine erste feste anstellung an der königsberger universität. er steht mitten in der ersten industriellen revolution und denkt erste gedanken einer nun nicht mehr nur naturgegebenen, sondern einer gemachten welt (Aicher, S. 80f).
Das Leben als Entwurf – das ist bei Aicher letztlich ein kraftvolles Plädoyer für die Freiheit. Genau wie Hayek kritisiert er den Konstruktivismus und rühmt kleine Einheiten, in denen Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen können:
das leben ist ein entwurf. der entwurf einer lebensform. wir müssen es selbst in die hand nehmen, wir haben die techniken der idealisierung durchschaut. weder das vaterland noch das kunstwerk noch „die“ wahrheit werden helfen können, es selbst zu leben. das leben selbst zu leben. und das ist das leben in einem umkreis, nicht mehr im kosmos. es ist das leben in der eigenen machbarkeit, nicht als kunstwerk. es ist das leben im gegebenen, nicht mehr im allgemeinen. es ist das alltägliche leben, nicht das sonntagsleben. es ist das leben als das ganz gewöhnliche leben. es ist das leben als das ganz gewöhnliche. das leben der eigenen arbeit, der eigenen umgebung, der eigenen freunde und nachbarn. es will entworfen sein. es ist design, nicht kunst, weil die balance des subjekts in seinem feld von umwelt, menschen und dingen nicht gegeben ist, sondern geleistet sein muß. sie muß hergestellt werden als eigene lebensform, als eigenes lebenswerk. wer ein wirkliches leben lebt, leistet eine wirklich kreative leistung.
das anstrengende ist das ganz gewöhnliche. und im ganz gewöhnlichen zahlt sich das leben aus. im gewöhnlichen entfaltet sich kultur. als form, die man seinem leben gibt. (Aicher, S. 170f)
kleinschreibung
Wie Hayek scheitert aber auch Aicher ein wenig bei den konkreten Ergebnissen, dabei, die eigene Philosophie auf das Handeln zu übertragen. Angefangen bei der konsequenten Kleinschreibung — um nun aufzuklären, was ich am Anfang dieses Exkurses versprach: Diese Kleinschreibung ist keineswegs funktionalistisch, weil eben nicht sonderlich funktionell. Die Regeln der Orthographie sind, abgesehen von gelegentlichen staatlichen Reformen, gegenüber denen ich gerne renitent bleibe, am Schreibgebrauch gewachsen, als weitgehend spontane Ordnung. Aicher hat nicht durch Prüfung des Schreibens am Lesen, an der Erleichterung für konkrete Leser, die Kleinschreibung schrittweise entwickelt. Er hat sich dazu aufgrund einer ideologischen Ansicht entschlossen, einer höheren Idee, auch wenn sie eine edle ist. Dabei nimmt er für diese Idee mangelnde Funktion in Kauf. Durch die Kleinschreibung ist das Lesen schwieriger, Sätze und Wörter heben sich weniger voneinander ab, und Substantive können von Adjektiven und Verben nicht mehr unterschieden werden. Eigentlich ist also die Kleinschreibung genau ein Negativbeispiel für Anti-Funktionalismus, wenn auch nicht für Klassik. Sie ist eine Auflehnung und schießt dabei wie alle ideologischen Überdehnungen über das Ziel hinaus. Interessanterweise wird auch die von Aicher geschaffene Schriftenfamilie, für die er besonders bekannt ist, nämlich Rotis, aus ähnlichen Gesichtspunkten kritisiert. Rotis ist die späte Wahlheimat von Aicher, eine alte Mühlenanlage in Leutkirch im Allgäu. Die Philosophie, die diesem Ort gewidmet war und sein Schaffen umreißen soll, hielt er so fest:
nicht so in rotis. grafik ist hier, kommunikation zu optimieren. das heißt, es gibt keine kategorien der kunst, es gibt kategorien der kommunikation. es wird nicht der versuch gemacht, das profane durch das höhere, nämlich die kunst, aufzuwerten. es wird vielmehr der versuch gemacht, die kommunikation selbst so ernst zu nehmen und sie so zu bearbeiten, daß sie selbst kunst wird. kunst ist in rotis die erscheinungsform des richtigen.
das ist ein fundamentaler unterschied. für plato war unsere welt teilnahme am höheren, teilnahme am idealen. der geist ist oben. anders bei ockham. geist ist nicht oben, geist ist eine methode, das gegebene zu interpretieren, eine sache zu verstehen und verständlich zu machen. geist ist die auseinandersetzung mit der sache selbst.
was wunder, daß ockham in rotis wie ein gelegentlicher gast angesehen wird.
in rotis gibt es nicht nur keine vorgegebene kunst. es gibt auch keine ästhetik an sich. sie steckt in der sache und will herausgehoben werden. es gibt keine Möglichkeit, eine aussage über ästhetik von morgen zu machen.
zeitgeist entdeckt man in rotis nicht. die zeit hat keinen geist. es gibt keine schnüre, an denen die figuren der zeit wie im marionettenspiel bewegt werden. die zeit ist die summe der tätigkeiten und bemühungen, die einzelne in ihrem umfeld entwickeln.
deshalb gibt es in rotis keinen übergeordneten stil, es sei denn, man betrachtet es als stil, das richtige zur erscheinung zu bringen. das ist aber mehr eine methode. in rotis wird über das, was man macht, reflektiert.
wie die ideen des plato und die universalien des thomas von aquin aus der philosophie ockhams verschwunden sind, ist auch die kunst bei denen verschwunden, die das leben selbst, das werden und tun, die weit wie sie ist, zum feld des kreativen machens erklären. es gibt nicht mehr das profane und das höhere. es gibt nicht mehr das gehobene deutsch. im gegenteil, gerade der, der sich anstrengt, ein gebildetes, ein gepflegtes deutsch zu reden, redet ein falsches deutsch.
was ist kommunikation? das, was man versteht. was ist geist? das, was man einsieht.
für die optimierung von beiden braucht man den täglichen entwurf. es gibt keinen rückgriff auf das höhere. und das bedeutet auch, man braucht den entwurf für das alltägliche (Aicher, S. 56f).
Umso schärfer trifft dann die Kritik an der erwähnten Schriftenfamilie, nämlich daß sie zugunsten einer höheren Form, eines pläsierlichen Stils, eine Beeinträchtigung der Funktion bringe und somit kein gelungener Entwurf für bessere Kommunikation sei. Zwei Typographen äußern sich hierzu wie folgt:
Robin Kinross schreibt: Ist es nicht die Wahrheit über Rotis, daß die serifenlose Variante bei sehr hoher Schriftgröße recht gut funktioniert, als Architektur- und Signalschrift \[…\]; daß sie hingegen bloß mittelmäßig (serifenlos) oder völlig ungeeignet (mit Serifen) als typographische Schrift; der Fluß ist ziemlich wichtig dafür, wie Buchstaben zusammenwirken. Ich sehe nicht, wie diese unpassenden und ungeeigneten Buchstaben auch nur als wohlintendiertes Scheitern interpretiert werden können, wie warmherzig vorgeschlagen wurde, da es nicht klar ist, daß ihr Designer überhaupt irgendeinen konkreten Zweck dafür im Sinne hatte. Otl Aicher war ein guter Grafikdesigner, ein blendender Photograph, machte einige sehr nette Poster und einige ziemlich gute Zeitschriftendesigns, doch – trotz seiner Selbsteinschätzung – war er kein guter Typograph oder Buchdesigner. Seine Arbeit in dem Bereich ist sehr formalistisch: die bloße Anordnung von Flächen grauer Textur auf einer Seite. Er dachte, Textzeilen sollten einen einheitlich getönten Block formen, ohne sichtbaren Zeilenabstand (er erzählte mir das stolz, als ich ihn interviewte, und es wird in seinem Buch „Typographie“ erklärt, wenn ich mich recht erinnere). Ich nehme an, Rotis wurde mit dieser Betrachtung von Text im Kopf geschaffen.
Erik Spiekermann antwortet: Ist es nicht die Wahrheit über Rotis, daß sie einige hervorragende Buchstaben enthält, diese jedoch niemals in einem Schriftsatz zusammenkommen. Sie schaut am besten auf Grabsteinen und ähnlichen architektonischen Anwendungen aus, wie Robin vorschlägt. Wir haben im Deutschen ein Wort dafür: Rotis ist eine „Kopfgeburt“ \[…\]. Aicher schrieb eine großartige Theorie darüber, wie man den leserlichsten Schriftsatz schaffen könnte, aber bewies dann mit Rotis, daß eine Theorie noch keinen Schriftsatz macht. (Spiekermann 2004)
Es ist allerdings auch sehr schwierig, denkerische Konsequenz ins Handeln zu übersetzen. Allzu praxisorientierte Theorie ist oft falsch, allzu theoretische Praxis wirkungslos. Aicher bietet eine Anregung, wie denn eine wirklich praktische Philosophie aussehen könnte:
es täte der philosophie gut, erkenntnisvorgänge dort zu analysieren und verstehen zu lernen, wo erkenntnis stattfindet. es gibt architekturbüros, die wie erkenntniswerkstätten sind. in ihnen knistert die intellektuelle auseinandersetzung, wachsen probleme empor, die verschnürt und gebändigt werden müssen, gezähmt durch rationale entzauberung. es wird erfunden und verworfen, formuliert und vergessen, ordnungssysteme werden skizziert, relationen ausgemacht, und unwetter wechseln mit bereinigten tagen. ganze suchkommandos suchen nach einer öffnung und einem ausgang, und ein einzelner einfall bringt licht. these wird gegen these gestellt. es wird keine ewige wahrheit gesucht, nicht das ewig schöne. es geht um das richtige. und seine autorität wird ständig bemüht durch versuche, experimente an modellen, versuchsanordnungen und attrappen. man verfolgt denkspuren ebenso wie zahlenkolonnen und datenreihen, man wechselt den blick von der inneren vorstellung zu berechnungen, und was der eine auseinanderdividiert, muß der andere koordinieren. es ist ein abenteuer, wenn einsichten und bedingungen sich in einem konzept berühren und zu einem entwurf, zu einer form verdichten. ausblicke ins licht wechseln mit nächten, es ist ein ein- und ein ausatmen, zwang und freiheit, und nichts ist seliger, als eine sache auf den punkt gebracht zu haben. beifall wäre eher störend. quintessenz: erkenntnis ist arbeit. arbeit in der form des machens. das heißt in der form des herstellens von modellen, die man vergleichen kann. erkenntnis ist die benennung von unterschieden. an der alternative zeigt sich das richtigere.
so arbeitet der architekt.
so arbeitet die natur. (Aicher, S. 106f).
Das klingt gut, doch angesichts der Resultate moderner Architekten, die genauso Günstlinge des Staates und seines Vorhofs sind wie die meisten Denker, zweifle ich an der Praktikabilität solcher Denkpraxis. Ich halte diese für einen möglichen Aspekt der Wahrheit, doch gibt es ebenso wertvolle genau gegengleiche Aspekte. In der idealen Universität – eine zugegeben höhere Idee, die mich manchmal allzu weit von konkreter Kundenfunktionalität wegführt – sehe ich sowohl Werkstätten auf der Suche nach Funktionalität als auch reine Theorie auf der Suche nach dem Guten, Wahren, Schönen in einer schwierigen, aber fruchtbaren Symbiose. Ohne die höheren Ideen hätten wir zu wenig Antrieb und Neues in unseren Werkstätten, würden immer nur in der Materie wühlen, die uns bald wie sinnleerer Dreck vorkäme. Gerade das Geistige wertet ja das Materielle immens auf, wenn man es nur recht versteht.
Denkpraxis
In diesem Zusammenhang ist besonders interessant, daß Hayek, wie ich oben angedeutet habe, ebenso auf der Suche nach einer „Denkpraxis“ scheiterte. Aichers Worte können als Beschreibung des Versuchs gelesen werden, dem Denken einen gesellschaftswirksameren Rahmen zu geben. Wenn laut Hayek die Ideen so entscheidend sind, wie bringt man dann richtige Ideen in die Gesellschaft? Das Konzept einer Denkwerkstatt ist naheliegend, das klingt so schön nach Serienproduktion gut ausgetüftelter Ideen. Im angloamerikanischen Raum, der besonders pragmatisch ist, was Ideen betrifft, kam also das Konzept des Think Tanks auf. Dieser Begriff entstand im Krieg, entsprechend kriegerisch ist er: Tank bedeutet zwar auch Panzer, in dem Zusammenhang ist aber ein abhörsicherer Bunker gemeint. Die amerikanische Regierung schuf die ersten Think Tanks als Zentren militärstrategischer Planung. Vorbild der nach dem Krieg entstehenden privaten Think Tanks war die staatliche RAND Corporation, nicht benannt nach Ayn Rand, sondern nach dem Akronym für Research ANd Development.
Wie sich jedoch herausstellte, läßt sich Ideenentwicklung nicht gut planen. Was sich generalstabsmäßig ausführen läßt, ist die Verbreitung. Think Tanks sind daher heute in aller Regel sogenannte advocacy Organisation, dienen also der Verbreitung bestimmter Ideen, die selten im Tank selbst zusammengebraut werden. In einem Zeitalter, das stets auf der Suche nach „Neuem“ ist, geht es freilich darum, alten Ideen einen neuen Aufputz zu verpassen. Think Tanks wurden so zur prototypischen politischen Propagandaorganisation. Damit ist nicht gemeint, daß nur falsche Ideen verbreitet werden. Es wäre katastrophal, wenn es nur staatliche Propaganda gäbe. Private Propaganda kann hierzu ein notwendiges Korrektiv sein. Sogar eine theoretische „Freiheitspropaganda“ ist ja denkbar. Hayek gilt als wesentliche Inspirationsquelle für diese Strategie, um die sich vor allem Think Tanks bemühen. Ich vermute hier allerdings ein angloamerikanisches Mißverständnis, dem dann womöglich sogar Hayek selbst erlag. Seine taktische Überlegung, aus der er den Think Tank-Gedanken entwickelte, war folgende:
Was der echte Liberalismus vor allem aus dem Erfolg der Sozialisten lernen muß, ist, daß es ihr Mut zur Utopie war, der ihnen die Unterstützung der Intellektuellen gewann und damit jenen Einfluß auf die Öffentliche Meinung gab, der schrittweise das möglich machte, was eben noch unmöglich schien. Wer sich stets auf das beschränkt, was im gegebenen Stand der Meinungen durchführbar scheint, hat immer noch erkennen müssen, daß bald auch das politisch unmöglich wurde, weil Kräfte, auf die er keinen Einfluß genommen hat, die öffentliche Meinung geändert haben. Wenn es uns nicht gelingt, die Voraussetzungen einer freien gesellschaftlichen Ordnung wieder zu einer brennenden geistigen Frage und ihre Lösung zu einer Aufgabe zu machen, die den Scharfsinn und Erfindungsgabe unserer besten Köpfe herausfordert, dann sind die Aussichten für den Fortbestand der Freiheit tatsächlich gering. Wenn wir aber jenen Glauben an die Allmacht von Ideen wiedergewinnen können, der das vornehmste Merkmal des Liberalismus in seiner großen Periode war, muß der Kampf noch nicht verloren sein. (Hayek 2004, S. 15)
Diese Grundidee ist eigentlich das genaue Gegenteil der Propaganda. Während es bei der Propaganda darum geht, möglichst wenig zuzumuten, um möglichst viele zu erreichen, betont Hayek die Herausforderung. Daß freiheitsfreundliche Ideen so wenig verbreitet waren (und sind), hat komplexe Gründe. Keinesfalls lag das Problem in mangelnder Reichweite. Ganz im Gegenteil, war bei der breiten Masse die Vorstellung sehr weit verbreitet, daß der Liberalismus gescheitert war (und das war ja nicht so falsch, wenngleich aus anderen Gründen und mit anderen Folgen). Dazu kam, daß das akademische Establishment weitgehend von liberalen Gedanken abgekehrt war. Hayek erkannte klar, warum Intellektuelle eher zum Etatismus neigen:
Was sind nun die Gründe, die gerade die Intellektuellen so sehr zu sozialistischen Anschauungen disponieren? Die Gegner des Sozialismus zeigen in der Beurteilung dieser Motive meist ein verhängnisvolles Unverständnis und oft die größte Ungerechtigkeit. Die erste Tatsache, die sie rückhaltlos anerkennen sollten, ist, daß es normalerweise weder böse Absichten noch egoistische Interessen, sondern ehrliche Überzeugung und idealistisches Bestreben sind, die jene Einstellung der Intellektuellen bestimmen. Sie sollten sich klar machen, daß man heute mit um so größerer Wahrscheinlichkeit erwarten muß, ein typischer Intellektueller werde sich als Sozialist erweisen, je mehr er von Intelligenz geleitet und um das Wohl der Gesamtheit besorgt ist, und daß im allgemeinen der sozialistische Intellektuelle seinen Standpunkt besser zu begründen weiß als sein Gegner. Selbst wenn wir glauben, daß er Unrecht hat, so sollten wir doch vor allem anerkennen, daß es echter Irrtum über entscheidende Fragen sein kann, der Menschen mit so viel gutem Willen, die jene Schlüsselstellungen in unserer Gesellschaft innehaben, dazu führt, Ansichten zu vertreten, die uns als die schwerste Bedrohung unserer Zivilisation erscheinen. Unsere Aufgabe muß sein, die Quelle dieses Irrtums zu erkennen und ihn widerlegen zu lernen. Von einem solchen Verständnis sind aber gerade jene Kreise weit entfernt, die gewöhnlich als die Repräsentanten der „kapitalistischen“ Ordnung angesehen werden und die glauben, die Gefahren des Sozialismus am besten zu verstehen. Sie sind meist geneigt, die sozialistischen Intellektuellen einfach als eine lästige Gesellschaft neurotischer Ruhestörer zu betrachten, deren Einfluß sie nicht erfassen und denen gegenüber sie sich oft in einer Weise verhalten, die jene nur noch mehr in Opposition zur bestehenden Ordnung treibt.
Vor allem sind es zwei Punkte, über die wir uns völlig klar sein müssen, wenn wir die Neigung zum Sozialismus verstehen wollen, die einen so großen Teil der Intellektuellen kennzeichnet. Der erste ist, daß sie alle Einzelfragen fast ausschließlich im Lichte gewisser allgemeiner Ideen beurteilen, die sie gerade beherrschen; der zweite, daß die charakteristischen Irrtümer einer Epoche häufig ihre Wurzel in echten neuen Erkenntnissen haben, daß sie oft unberechtigte Anwendungen neuer Verallgemeinerungen darstellen, die auf einem beschränkten Gebiet ihren Wert erwiesen haben. Eine sorgfältigere Betrachtung des ganzen Problems führt zu dem Schluß, daß die erfolgreiche Widerlegung solcher Irrtümer oft weiteren geistigen Fortschritt voraussetzt und sogar nicht selten von der richtigen Beantwortung sehr abstrakter Probleme abhängt, die von den praktischen Fragen, um die es sich unmittelbar handelt, weit entfernt scheinen.
Daß sie neue Ideen nicht nach ihrem spezifischen Wert, sondern nach der Leichtigkeit beurteilen, mit der sie sich in das allgemeine Weltbild einfügen lassen, das ihnen als modern oder fortschrittlich erscheint, ist vielleicht der charakteristischste Zug der Intellektuellen. Durch diesen Einfluß, den gerade allgemeine Ideen auf den Intellektuellen und seine Meinungen über konkrete Fragen haben, wächst die Macht von Ideen zum Guten oder Bösen mit ihrer größeren Allgemeinheit, Abstraktheit und oft sogar ihrer Unklarheit. Weil der Intellektuelle auf den Einzelgebieten wenig wirkliche Kenntnisse hat, muß sein Kriterium vor allem die Vereinbarkeit neuer Ideen mit seinem ganzen Weltbild sein. (S. 7f)
Er sah in den Intellektuellen seiner Zeit also ursprünglich nicht bloß unoriginelle Zwischenhändler von Ideen, die alte Irrtümer neu verpackten, um damit ihre Kunden – wiederum Etatisten, direkt im Staatsdienst, in der Politik oder in Interessensgruppen – zu befriedigen. Doch der Gedanke von den „Zwischenhändlern“ erwies sich als praktikabler. Leider unterlief Hayek der Irrtum, ganz gegen den Subjektivismus der Wiener Schule bei der Ware und nicht beim Kunden kausal anzusetzen. Er stellte sich die Frage, ob die Zwischenhändler nicht zu Akteuren der Freiheit werden könnten, wenn man ihnen bloß bessere Ideen für ihren Ideenhandel böte. Zwar hatte er ursprünglich durchaus kundenorientiert gedacht (wie erreiche ich die Klügsten?), doch dann ergriff er wohl den letzten Strohhalm und beugte sich dem angloamerikanischen Pragmatismus.
Think Tanks
Die Geschichte rund um die Entstehung der ersten freimarktwirtschaftlichen Think Tanks ist überaus spannend. Hayek spielte dabei eine wesentliche Rolle. Seine Strategie ging insofern auf, als letztlich eine phänomenale politische Wirkung erzielt wurde. Doch diese Wirkung diskreditierte leider Hayeks Ideen und damit zu einem Teil auch die Wiener Schule. Freilich kann man sich beklagen, daß die Menschen einfach zu dumm sind, und alles unter dem Propagandadruck von Interessensgruppen falsch verstanden haben. Doch mit dieser Einstellung sollte man die Finger von der Propaganda lassen, sie kann dann nur nach hinten los gehen. Sehen wir uns also diese Geschichte näher an, eine Erfolgsgeschichte mit hochinteressanter Ambivalenz.
Hayek hatte das Glück und das Pech zugleich, daß seine Ideen in den USA einen überraschenden Propagandaerfolg verbuchen konnten. Der Herausgeber des Readers Digest, der damals ein Massenpublikum erreichte, fand Gefallen an Hayeks politischem Werk Der Weg zu Knechtschaft und veröffentlichte eine verkürzte Fassung mit Cartoons. In diesem Werk widerlegt Hayek die Auffassung von der Unausweichlichkeit der Planwirtschaft, die damals viele Intellektuelle teilten. Außerdem zeigte er auf, daß sich Planwirtschaft und Rechtsstaat nicht vereinbaren lassen. Dieses Argument trägt schon weniger, denn nach dem Siegeszug des Positivismus kann der Begriff „Rechtsstaat“ nicht klar genug gefaßt werden. Hayek selbst scheint von diesem Problem aufs Glatteis geführt zu werden, wenn er später den Rechtsstaat fast nur noch prozedural definiert (etwa durch Betonung der „Rechtssicherheit“). Eine absehbare, für alle gleiche Planwirtschaft ohne Sonderbehandlung würde so eigentlich in Hayeks Konzept Platz finden:
Ob der Staat „handeln“, ob er „eingreifen“ soll oder nicht, ist eine ganz falsche Fragestellung, und der Begriff des Laissez-faire ist eine höchst zweideutige und irreführende Bezeichnung der Grundsätze, auf denen eine liberale Politik beruht. Natürlich muß jeder Staat handeln, und jedes Handeln des Staates bedeutet irgendwo einen Eingriff. Aber das ist nicht der springende Punkt. Wichtig ist vielmehr allein, ob das Individuum die Aktion des Staates voraussehen und diese Voraussicht als Gegebenheit in seine eigenen Pläne einsetzen kann, so daß der Staat keinen Einfluß darauf hat, wie man sich seines Apparates bedient, und das Individuum genau weiß, wie weit es vor Übergriffen anderer geschützt wird, oder aber, ob der Staat in der Lage ist, die Aktionen der Individuen zu durchkreuzen. (Hayek 1943/2009, S. 111)
Hayek versucht sich vom Laissez-Faire abzugrenzen, wird dadurch aber sehr schwammig. Wir müssen ihm aber zugestehen, daß er eben in der Defensive ist, als einsamer Spinner innerhalb der ihm zugänglichen Intellektuellenkreise angesehen wird. Der erste Schritt zur Propaganda ist immer, auf Tuchfühlung mit dem Zeitgeist zu gehen. Seine These über den Untergang des Liberalismus ist interessant, letztlich aber zu anbiedernd:
Nichts dürfte der Sache des Liberalismus so sehr geschadet haben wie das starre Festhalten einiger seiner Anhänger an gewissen groben Faustregeln, vor allem an dem Prinzip des Laissez-faire. \[...\] daneben jedoch gab es noch mehr, zwar nicht so sehr in die Augen fallende, aber kaum weniger wichtige Aufgaben auf anderen Gebieten, auf denen die Regierungen zweifellos unumschränkte Macht zum Guten und zum Bösen besaßen. Alles sprach dafür, daß wir bei besserem Verständnis für die Probleme eines Tages imstande sein würden, uns dieser Kräfte mit Erfolg zu bedienen. \[…\] Man könnte sogar behaupten, daß gerade der Erfolg des Liberalismus zur Ursache seines Niederganges wurde. Auf Grund des bereits Erreichten wurden die Menschen zusehends weniger geneigt, sich mit den noch bestehenden Mißständen, die ihnen jetzt unerträglich und unnötig erschienen, abzufinden. \[…\] Infolge der wachsenden Unzufriedenheit mit den langsamen Fortschritten der liberalen Politik, infolge der berechtigten Erbitterung gegen jene, die die liberale Phraseologie zur Verteidigung unsozialer Privilegien mißbrauchten, und infolge der uferlosen Ansprüche, die durch die bereits erreichte Besserung der materiellen Lage gerechtfertigt schienen, kam es dahin, daß man um die Jahrhundertwende sich immer mehr von dem Glauben an die Grundgedanken des Liberalismus abkehrte. (S. 36ff)
Schließlich versucht Hayek in seinem Werk die Amerikaner auf die geistige Nähe von Sozialismus und National-Sozialismus hinzuweisen. Der Weg zur Knechtschaft ist eigentlich mehr Pamphlet als wissenschaftliche Schrift und gehört wohl zu den schwächsten Büchern des großen Denkers. Eben deshalb eignet es sich am besten für Propaganda. Hayek ruft darin die politische Elite zur Vernunft auf, damit sie sich auf das Erbe der „Französischen Revolution“ besönnen und ihr Werk der Aufklärung fortsetzten. Auch das ist Anbiederung, was besonders im Kontrast zu Hayeks tieferen ideengeschichtlichen Schriften auffällt. Jedoch verdirbt er es sich dann mit jenen, die sich als besonders „aufklärerisch“ wähnen, im Zuge einer Passage, die von einem klugen Gedanken getragen wird, in der Formulierung aber viel zu scharf ist und dadurch erst recht anti-aufklärerisch klingt:
Gerade dadurch, daß die Menschen sich früher den unpersönlichen Kräften des Marktes unterworfen haben, ist die Entwicklung der Kultur möglich gewesen. Wenn wir uns so unterordnen, tragen wir jeden Tag zur Errichtung eines Baues bei, der größer ist, als irgend jemand von uns voll erfassen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Menschen sich früher infolge von Anschauungen untergeordnet haben, die heute vielfach als Aberglaube angesehen werden: aus einem religiösen Gefühl der Demut oder aus einer übertriebenen Achtung vor den lapidaren Theorien der ersten Nationalökonomen. \[…\] Die Weigerung, uns Kräften unterzuordnen, die wir weder verstehen noch als bewußte Entscheidungen eines vernunftbegabten Wesens anerkennen, ist die Folge eines unvollständigen und daher in die Irre gehenden Rationalismus. (S. 254)
Fertig war der Ruf von Hayek als autoritärem Liberalen, und daran ist er eben nicht ganz unschuldig. Einerseits will er sich ja selbst vom Laissez-faire abheben, würdigt den Staat und die „Autoritäten“. Andererseits drängt ihn die Defensive zu einem offensiveren Zugang; er beginnt, sich einen politischen Befreiungsschlag zu wünschen, was ja verständlich ist. Sein evolutionärer Zugang läßt ihn auf das bestehende Establishment setzen, obwohl er selbst im Weg zur Knechtschaft darauf hinweist, daß in der Politik die „Schlechtesten nach oben kommen“. Hayek meinte später etwas verbittert, das Buch habe seine akademische Karriere beendet, denn seitdem sei er wissenschaftlich nicht mehr ernst genommen worden.
Einer, der Hayeks Pamphlet damals in der breitenwirksam verkürzten und mit Cartoons versehenen Form im Readers Digest las, war der britische Unternehmer Antony Fisher. Als Absolvent von Eton und Cambridge zählte er selbst eigentlich zum Establishment, kam aber aus der Landwirtschaft. Er gehörte zur Sekte der Christian Science. Diese wurde in den USA von Mary Baker Eddy gegründet und beruht auf radikalem philosophischem Idealismus. Ideen werden dabei als die eigentliche Wirklichkeit betrachtet, die materielle Welt dagegen als Illusion. Krankheit beruhe auf falschen Ideen und müsse daher durch die Vermittlung richtiger Ideen kuriert werden, nicht durch Medizin. Nach der Lektüre von Hayeks Werk, besuchte ihn Fisher 1947 an der London School of Economics, einer Elite-Universität der Fabier, an der Hayek damals gerade wirkte. Bei den Fabiern handelt es sich um eine einflußreiche Polit-Sekte, die einen evolutionären Reformsozialismus vertritt. Hayek stand deren Ideen zwar nicht nahe, wurde aber eine Weile toleriert.
Fisher war unzufrieden mit dem politischen Trend der Zeit. Er bat Hayek um Rat. Sollte er als Unternehmer in die Politik einsteigen? Hayek riet ihm davon ab. Viel wichtiger wäre es, die richtigen Ideen in Umlauf zu bringen. Der Gedanke, daß die intellektuelle Elite der Prestigeunis bloß andere Ideen in den Handel aufnehmen sollte, schlug bei Fisher ein. Hayek empfahl ein Institut aufzubauen, daß als Zwischenhändler dieser Ideen fungieren sollte. Es sollte marktfreundliche Ideen an das politische und mediale Establishment verkaufen. Doch weil diese „Kunden“ freilich keine Zahlungsbereitschaft für Ideen zeigen, die ihnen nicht mehr Einfluß und Mittel verschaffen, mußten diese kostenlos abgegeben werden. Ein merkwürdiger Geschäftsplan, doch Fisher hatte Erfahrung damit, sein Einkommen indirekt und nicht über Marktpreise zu erzielen, immerhin kam er ja aus der Landwirtschaft. Sein gesamter Viehbestand war an Maul- und Klauenseuche gestorben, deshalb hatte er sich für eine staatliche Subvention qualifiziert. Nach diesem kleineren „Geschäftserfolg“ leistete er sich eine Reise in die USA, um Vorbilder für das geplante Institut zu finden. Er traf auf Empfehlung Hayeks den Ökonomen Floyd Arthur (Spitzname: „Baldy“) Harper, der für staatliche Landwirtschaftsplanungsbehörden arbeitete. In seinem ersten Pamphlet, Have we Food enough for All? (Gibt es genug Essen für alle?), empfahl er, daß die Amerikaner zur Entlastung der Kriegswirtschaft weniger Fleisch und mehr Getreide und Kartoffeln essen sollten.
Harper kannte das Konzept des Think Tanks aus dem staatlichen Sektor und erklärte es seinem Besucher Fisher. Dieser war aber noch an einer anderen amerikanischen Idee interessiert, über die Harper viel wußte: Massengeflügelhaltung. Zurück in England baute Fisher das Unternehmen Buxted Chickens auf, mit dem er Legebatterien für zehntausende Hühner betrieb. Damit wurde er zum Pionier der Massentierhaltung, die sich als zunächst klares, später ambivalentes Beispiel für die Vorzüge der Marktwirtschaft anbot. Was dem Staat nicht gelungen war, nämlich die staatlich verursachte Lebensmittelknappheit nach dem Krieg zu beheben, gelang nun der industriellen Landwirtschaft. Sie nutzte die Kriegsinfrastruktur (subventionierte Transportwege) und die Kriegsindustrie (die nun statt Sprengstoffen massenweise Düngemittel herstellte – chemisch eng verwandte Prozesse, siehe Scholien 06/10, S. 37ff) in durchaus unternehmerischer Weise.
Nach dem unternehmerischen Erfolg konnte sich Antony Fisher nun dem Projekt widmen, das ihn eigentlich in die USA geführt hatte. Er gewann zunächst mit Oliver Smedley einen tüchtigen Kompagnon. Smedley war ein dekorierter Militär, windiger Geschäftsmann und politischer Aktivist. Mit seinen Unternehmen Investment General Management Services Ltd. bot er 12-wöchige Investment-Kurse an, die jedermann erlauben sollten, an der Börse ein Vermögen zu machen. Das Unternehmen ging mit unglaublichen £ 500.000 Schulden in Konkurs (das wären heute mehr als fünf Millionen Euro). Zudem war er Gründer zahlreicher politischer Organisationen, wie etwa der Cheap Food League (Liga für billiges Essen). Deren Lobbying gegen Subventionen und Zölle, die die traditionelle Landwirtschaft vor der Billigkonkurrenz hätten schützen sollen, kam Fisher gelegen, und so trafen sich die beiden. Gemeinsam gründeten sie das Institute for Economic Affairs. Medley schrieb hinsichtlich der Taktik folgendes an Fisher:
Es ist unbedingt notwendig, daß wir in unseren Schriften keinesfalls einen Hinweis darauf geben, daß wir die Öffentlichkeit in einer Richtung beeinflussen wollen, die man als politisch einseitig betrachten könnte. Anders ausgedrückt: Wenn wir offen erklären, die Ökonomie des freien Marktes zu lehren, kann das unseren Feinden erlauben, die Gemeinnützigkeit unserer Motive infrage zu stellen. Daher ist der erste Entwurf (der Institutsziele) in eher schwammigen Begriffen gehalten. (Cockett 1994)
Institute for Economic Affairs
Das IEA war der erste moderne Free Market Think Tank. Die Publikationen hatten eine relativ hohe Qualität. Darin wurde zu allen aktuellen Themen ein freimarktwirtschaftlicher Ansatz verfolgt. Freilich mußte, um „Wirkung“ zu erzielen, dabei das bestehende System grundsätzlich befürwortet werden. Hayek war beeindruckt von der Arbeit des IEA. Zunächst hatte er offenbar noch ein wenig schlechtes Gewissen hinsichtlich der Propaganda, doch entschuldigte er sich rasch für seine Bedenken. In einem vertraulichen Brief aus dem Tiroler Hotel Edelweiss, seinem späteren Lieblingsort in Österreich, schreibt Hayek:
Es tut mir außerordentlich leid, wenn ich jemals den Eindruck erweckt haben sollte, das IEA als bloß popularisierende Propaganda-Institution zu betrachten. Tatsächlich, ist es für mich stets schwierig formell oder informell darüber zu sprechen, denn ich möchte alte Freunde wie Leonard Read nicht beleidigen, wenn ich zu offen ausdrücke, wie sehr ich das IEA als überlegen betrachte, wenn ich es mit den Propagandabemühungen der Einrichtung in Irvington \[FEE, Foundation for Economic Education\] vergleiche, die im Wesentlichen darauf abzielt, den bereits Bekehrten bessere Argumente zu bieten – eine zu würdigende Bemühung, die mir aber weder sonderlich interessant noch effektiv erscheint. (Brief von Hayek an Seldon, 07.09.1975, tinyurl.com/hayek8)
Schließlich ermutigte er Fisher sogar, das Institut zum Modell einer internationalen Think Tank-Bewegung zu machen:
Ich stimme vollkommen mit Ihnen überein, daß die Zeit gekommen ist, es als wünschenswert und fast als Pflicht anzusehen, das Netzwerk von Instituten der Art des IEA auszuweiten. Obwohl es einige Zeit gebraucht hat, bis dessen Einfluß bemerkbar war, hat es bis jetzt meine optimistischsten Hoffnungen weit übertroffen. \[…\] Als ich vor dreißig Jahren behauptete, wir könnten den sozialistischen Trend nur schlagen, wenn wir die Intellektuellen, die Meinungsmacher überreden, scheint mir mehr als hinreichend bestätigt. \[…\] Die Zukunft der Zivilisation kann wirklich davon abhängen, ob wir das Ohr eines hinreichend großen Teils der künftigen Intellektuellengeneration in der ganzen Welt schnell genug erreichen können. \[…\] Keine systematische Propaganda kann die Wirkung, die das Predigen von drei bis vier Generationen von Journalisten, Lehrern und Literaten hatte, die ehrlich an den Sozialismus glaubten, ungeschehen machen. Nur durch diese Klasse können wir hoffen, die Mehrheitsmeinung zu beeinflussen. (Brief von Hayek an Fisher, 01.01.1980, tinyurl.com/hayek88)
Als erfolgreich galt die Sache deshalb, weil Margaret Thatcher das IEA lobte:
Ich freue mich, meine Bewunderung für all das zu betonen, was das IEA über die Jahre für ein besseres Verständnis der Erfordernisse einer freien Gesellschaft geleistet hat. Obwohl es sich hauptsächlich an einen akademischen Markt richtet und daher unabhängig von parteipolitischer Zugehörigkeit ist, haben uns die Veröffentlichungen des Instituts nicht nur erlaubt, bei der Entwicklung guter Wirtschaftspolitiken voranzukommen. Sie haben auch geholfen, ein intellektuelles Klima zu schaffen, in dem diese Politiken wachsende Akzeptanz an den Universitäten und in den Medien erzielt haben. (Brief von Thatcher an Fisher, 20.02.1980, tinyurl.com/thatcher7)
So schien es, als hätte sich da ein zunächst belächelter Think Tank mit seiner eigenen Premierministerin einen radikalen politischen Schwenk erreicht. Diese Wahrnehmung stellt freilich die Kausalität etwas auf den Kopf. Zuerst war der Wandel des Zeitgeists da, und dann bot sich eine Nische für alternative Ideen. Die Blockadepolitik der Gewerkschaft nervte die Konsumenten. Als sich der Müll vor den Häusern zu stapeln begann, weil die Abfuhr streikte, stank es den Briten. Ich hänge im Gegensatz zu Hayek eher der marxistischen Deutung an: Das Sein bestimmt mehr über das Bewußtsein als das Bewußtsein über das Sein. Schließlich manifestiert sich das Handeln an der Materie; es sind demonstrierte Präferenzen, welche die Welt ändern, nicht ausgedrückte. Meinungen sind dabei nicht sonderlich relevant. Natürlich gehen dem Handeln geistige Prozesse voraus, doch selten in der Form konsistenter „Ideen“ allgemeinen Charakters. Darum bin ich ein wenig skeptisch dabei, durch Verbreitung von Bewußtsein in den bestehenden Formen des Seins große Veränderung zu schaffen. Es braucht zu realer Veränderung neue Formen des Seins. Ein kleines Beispiel um dies verständlich zu machen: Wenn wir zum Schluß kämen, daß unser Bildungssystem Kreativität erdrückt, was wäre die bessere Antwort? Entweder in die Lehrpläne „Kreativität“ aufzunehmen und die Lehrer zu „Kreativitätsnachschulungen“ zwangszuverpflichten? Oder aber neue Formen der Bildung zu suchen und zuzulassen? Die Verbreitung von Reformvorschlägen zu mehr „Freier Marktwirtschaft“ in einem System, in dem das Geld monopolisiert und der Markt massiv verzerrt ist, wird immer nach Interessenpolitik aussehen oder dieser entsprechen. Der Reformansatz bekräftigt immer das Bestehende, genauso wie der Propagandaansatz, der zur Verbreitung bestehende Bahnen braucht, nützt und nährt.
Oliver Smedley geriet bald in Streit mit Fisher. Er wollte weitergehen. Richtig erfaßte er, daß die private Propaganda der staatlichen immer hinterher sein würde, wenn letztere die Kanäle dominiert. Darum setzte er an, das staatliche Informationsmonopol zu brechen. Da es noch kein Internet gab, richtete er sein Augenmerk auf den Rundfunk und baute den ersten Piratensender Großbritanniens auf. Dieser war ein großer Erfolg und gilt bis heute als Errungenschaft der linksalternativen Konterkultur. Dies war in den 1960er-Jahren und die Piratensender waren eine wichtige Triebfeder der antiautoritären 1968er. Umso verblüffender, daß der führende Kopf dahinter Oliver Smedley war! Das ist genauso paradox, wie der Umstand, daß sowohl hinter der Gründung von Wikipedia, der „Piratenenzyklopädie“, als auch und hinter Bitcoin, dem „Piratengeld“, Ideen von Hayek standen. Das sind allesamt neue Seinsformen. Die Meinungen derjenigen, die sie betreiben und stützen, sind weitgehend irrelevant. Die allermeisten halten sich vermutlich für „linksalternativ“ und Hayek für den Spindoktor ihrer eigenen ideologischen Gegner.
Smedley selbst war eine höchst ambivalente Figur. Heutige Wikipedianer würden ihn wohl als „neurechten Populisten“ beschreiben, wenn sie sich für ihn interessierten. Als der Musikunternehmer Reg Calvert einen konkurrierenden Piratensender auf einer alten Kriegsplattform in der Themse-Mündung aufbaute, versuchte Smedley eine Fusion. Zunächst einigten sich die beiden: Der neue Sender würde ein Teil von Smedleys Piratenkartell werden, dafür würde Calvert eine neue Sendeanlage erhalten. Doch der gelieferte Sender erwies sich als veraltet und zu klobig für den Zweck. Dann fiel er auch noch, beim Versuch ihn auf die Plattform zu hieven, ins Wasser. Damit war die Vereinbarung nicht zu halten. Smedley machte keine Anstalten, etwas Neues anzubieten. Inzwischen hatte der staatliche Radiosender ein lukratives Angebot unterbreitet, und Calvert war kurz davor, dieses anzunehmen. Das vereitelte aber Smedley, der die Plattform mit einer Gruppe angeheuerter „Männer fürs Grobe“ besetzte. Es spielte sich also dasselbe Szenario ab, wie bei der Anti-Staats-Gründung Sealand, ebenfalls eine Plattform vor britischen Gewässern. Als Calvert die Polizei um Hilfe rief, erklärte sich diese für unzuständig, denn die Sendeplattform sei außerhalb ihrer Jurisdiktion. Smedley entfernte den Kristall aus der Sendeanlage und legte damit den Sender lahm. Am nächsten Tag fuhr Calvert wütend zu Smedleys Haus und hämmerte an die Tür. Die Sekretärin versuchte ihn abzuwimmeln, doch er drängte an ihr vorbei ins Haus. Daraufhin erschoß ihn Smedley. Später wurde dieser wegen Selbstverteidigung freigesprochen, obwohl Calvert unbewaffnet war. Womöglich nützte ihm dabei sein Status als dekorierter Major. Die Geschichte, die ich knapp zusammengefasst habe, findet sich im spannenden Buch Death of a Pirate.
Smedleys Karriere war jedenfalls am Ende. Das IEA hatte jedoch die größte Zeit noch vor sich. Ende der 1970er Jahre wurde nämlich die herrschende keynesianische Ökonomie durch die Empirie widerlegt: Stagflation trat auf. Die keynesianischen Sozialingenieure hatte bislang behauptet, Inflation und Arbeitslosigkeit wären gegeneinander aufzuwägen. Nun gab es beides in steigendem Maße. Das IEA hatte dies in seinen Schriften prognostiziert. 1975 schließlich wurde Thatcher zur Chefin der konservativen Opposition, 1979 zur Premierministerin. Ihre Politik war verhalten monetaristisch, doch selbst Hayek, der mittlerweile de facto zum Monetaristen gewordenen war, war sie zu wenig weitgehend. Er kritisierte Thatcher mehrmals, die ihm dann einmal scharf zu denken gab, immerhin sei sie in einer Demokratie am Werk und könne nicht einfach autoritär vorgehen. Damit war Hayeks Ruf wohl vollends ruiniert.
Der politische Kampf gegen die Gewerkschaften brachte zwar eine vorübergehende Erholung der Wettbewerbsfähigkeit Großbritanniens, doch kann dies nur als Symptombekämpfung gewertet werden. Während Thatchers elfjähriger Amtszeit stiegen die Sozialausgaben real um 40 Prozent, die Steuerquote stieg von 33 auf 39 Prozent des BIP. Das ist die logische Folge einer Austeritätspolitik ohne tiefgreifenden Wandel des Systems. Thatcher war allerdings ein effektives Sprachrohr jener Kreise der Bevölkerung, die nicht in „mehr Staat“ die Lösung für jedes Problem sahen. Doch es ist zweifelhaft, ob Thatcher diesen Bewusstseinswandel herbeiführte. Immerhin eroberte nahezu zeitgleich in den USA ein verblüffend ähnliches Sprachrohr die Politik: Ronald Reagan, der sich ebenfalls Hayek sehr verbunden gab. Die frühen 1980er-Jahre waren schlicht von einem Zeitgeistwandel bestimmt, weil nun die 1968er realisierten, daß sie pragmatisch sein mußten, um etwas zu bewegen. Das bedeutet nichts anderes, als daß sie selbst Karriere machten. Thatcher verlor letztlich wegen einer kleinen Steuer die Zustimmung der Bevölkerung, die sie zuvor durch militärische Entschlossenheit wegen umstrittener kleiner Inseln gefestigt hatte; ein paradoxes Schicksal, typisch für das Zeitalter der Massenmedien und Propaganda.
Kein Wunder, daß diejenigen, die Hayek diese vermeintlich „realpolitische Wirkung“ verübelten, weil ihnen die Kultur des Establishments nicht geheuer war, sich wieder auf den Gegenpol besannen: Keynes. Die 1980er brachten keinerlei Gesundung, sondern lieferten die Basis für den größten inflationären Schub aller Zeiten. Die „Privatwirtschaft“ verdiente prächtig daran, und auch der Staat hatte volle Taschen. Die 1990er schienen wie die beste aller Welten. Man konnte gleichzeitig für Hayek und für Keynes sein, Deregulierung hier, staatliche Kompensation dort.
Keynes versus Keynes
Kehren wir zurück zu Tomáš Sedláček, der den vermeintlichen „Keynesianismus“ unserer Tage kritisiert, und zwar unter Berufung auf Keynes:
Die Wirtschaftspolitik, an die wir heute gewöhnt sind, ist jedoch ganz und gar nicht keynesianisch. Die beste Bezeichnung, die mir zur Beschreibung der derzeitigen fiskalischen Philosophie einfällt, ist Bastard-Keynesianismus. Wir haben nämlich nur einen Teil der Lehre übernommen (dass Defizite erlaubt sind), den anderen Teil aber vergessen (dass wir Reserven anlegen müssen); wir erlauben und akzeptieren (brauchen?) Defizite selbst in Zeiten von Überschüssen. Mit unserer heutigen Perspektive stehen wir weit links von Keynes. Wir bauen nicht nur keine Lagerhäuser für Getreide, um für schlechtere Zeiten gewappnet zu sein, sondern unsere Lagerhäuser enthalten auch nur Schuldscheine. Die EU hat bei den Regeln für die Stabilität des Euro jährliche Haushaltsdefizite von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts als Obergrenze festgelegt, doch aus »drei Prozent sind das Maximum« wurde schnell »drei Prozent sind in Ordnung«. Wir haben die Drei-Prozent-Defizite psychologisch so behandelt, »als wären sie« ausgeglichen. Alles, was unter drei Prozent lag, wurde als Erfolg bejubelt. Woher kommt diese Mentalität? Und weshalb sprechen wir über den Defizitabbau, obwohl wir eigentlich über einen Haushaltsüberschuss reden sollten? In den meisten Fällen bedeutet ein Defizitabbau lediglich eine langsamere Verschuldung – dabei wäre es viel wichtiger, unsere Schulden so schnell wie möglich abzubauen, sodass wir vor der nächsten Krise zumindest ein paar fiskalische Reserven anlegen können. (Sedláček, S. 307)
Sedláček empfiehlt Mäßigung und trifft damit den Nerv der Zeit. Die eine Seite liest seine Kritik als antikapitalistisch, denn der „Kapitalismus“, das sei ja das Prinzip der ungehinderten Gier. Die andere Seite liest dieselben Worte als antikeynesianisch und fühlt sich ebenso bestätigt. Darum wohl der Erfolg seines Werkes. Seine moralischen Appelle sind etwas flach: So soll die Ökonomik nicht so unzufrieden sein, als ob die braven Modellrechner an ihren Arbeitsplätzen bei Staat und Banken irgendwie Unersättlichkeit in die Köpfe einflößten. Dennoch, es ist löblich, den verwöhnten Kindern der Postmoderne eine altmodische Predigt zu halten:
Es scheint, dass die zeitgenössische Ökonomik (und auch ein Teil der auf ihr basierenden Wirtschaftspolitik) einige neue Ideen aufgeben und zu vielen alten zurückkehren sollte. Sie sollte die ständige Unzufriedenheit aufgeben, den künstlich erzeugten sozioökonomischen Mangel, und die Zufriedenheit, die Ruhe und die Dankbarkeit für das, was wir haben, wiederentdecken. Wir haben wirklich viel – von einem materiell-ökonomischen Standpunkt aus gesehen sogar mehr als alle früheren Generationen in der Geschichte der westlichen griechisch-jüdisch-christlichen Zivilisation (und aller anderen uns bekannten Zivilisationen). Daher sollten wir die materielle Verwöhntheit und die übermäßige Betonung des Glücks, das materieller Wohlstand bringen kann, hinter uns lassen. Dieses Umdenken ist nötig, weil eine Wirtschaftspolitik, die nur materielle Ziele verfolgt, immer zu Schulden führen wird. Jede Wirtschaftskrise wird viel schlimmer werden, wenn wir ständig die Last dieser Schulden stemmen müssen. \[…\]
Die Wirtschaftspolitik ist freigelassen worden, und das Ergebnis ist eine Defizitpsychose in Form eines riesigen Schuldenbergs. \[…\]
Die Schuldenkrise ist nicht nur eine Wirtschafts- oder Verbraucherkrise. Sie geht viel tiefer und weiter. Unserer Zeit fehlt es an Mäßigung. Ich will hier weder zu einer Rückkehr zur Natur oder zum Naturzustand aufrufen noch zur Leugnung oder Ablehnung des Materiellen. Dem Materiellen kommt durchaus eine Rolle zu, es ist eine von vielen Quellen des Glücks und der Zufriedenheit (aber nicht die einzige, auch wenn wir uns in den letzten Jahren so verhalten haben, als wäre sie das). Ich rufe dazu auf, uns unserer eigenen Sättigung bewusst zu werden; ich rufe dazu auf, uns bewusst zu machen, dass wir dankbar für das sein müssen, was wir haben. Wir haben nämlich wirklich viel. (S. 398ff)
Sogar ein wenig Wohlfahrtsstaatskritik findet sich bei Sedláček, natürlich hinreichend getarnt, um den Absatz seines Buches nicht zu gefährden. Die Tarnung ist wieder eine biblische, und zwar empfiehlt er das urchristliche Muster der Geldsammlung in kleinen Gemeinden. Dieses soziale Netz sei ausdrücklich nicht auf die gesamte Gesellschaft ausgedehnt worden, denn dann wäre der gerechte Umgang mit dem Geld nicht mehr gewährleistet. So differenziert Sedláček zwischen Nächsten- und Fernstenliebe, bleibt dabei jedoch begrifflich schlampig. Er findet allerdings in der Quantenphysik eine recht brauchbare Analogie zu dieser Differenzierung, und zwar die schwache und die starke Wechselwirkung:
Bei der Caritas handelte es sich um eine gesellschaftliche Liebe, um Mildtätigkeit. Man könnte beinahe sagen, dass die »kleine Liebe« eine Art von Anziehungs- oder Schwerkraft ist, die schwach (und im Vergleich zu anderen Kräften kaum wahrnehmbar) ist, der Nächstenliebe aber darin gleicht, dass sie im Gegensatz zu anderen Formen der Liebe (die stark und auf wenige Menschen konzentriert sind) schwer zu entdecken ist. Wie die über kurze Distanz wirkenden starken (Atom-)Kräfte und die fernen und schwachen Kräfte (wie die Schwerkraft) hält die Caritas aber große Einheiten der Gesellschaft zusammen – der Schwerkraft vergleichbar, die über große Entfernungen hinweg Objekte zusammenhält, aber nicht so »stark« ist wie die atomaren oder elektrischen Kräfte. (S. 194)
Ich beschreibe mich ja selbst als Wirtschaftsphilosoph, wenn mich die Massenmedien um ein Etikett drängen, doch ist mir freilich bewußt, daß sich jedes Vorurteil wirtschaftsphilosophisch aufblähen und maskieren läßt. Die Welt hat viele Facetten, manche widersprechen sich davon, was in unserer Zeit der „Breitenwirksamkeit“ schlecht für die Welt ist. Aus jeder Facette der Hintergrundgeschichte zum Stimmungswandel in Großbritannien läßt sich eine eigene Erzählung spinnen und eine eigene Philosophie mit Gegenphilosophie. Man könnte über die neoliberalen Wurzeln der Piratenradios, die autoritäre (gar mörderische) Persönlichkeitsstruktur hinter dem Neoliberalismus, die Parallele zwischen Neoliberalismus und Massentierhaltung dozieren. Die Geschichte wird von Menschen gemacht, insbesondere denjenigen, die am facettenreichsten sind, eben „Persönlichkeiten“. Darum ist die Geschichte auch ein gefundenes Fressen für Verallgemeinerer, die gerade so weit eintauchen, nur das zu sehen, was ihnen gerade in den Kram paßt. Hayek und Keynes sind nur mein zufälliges Beispiel in dieser Ausgabe. Beide Denker können als Symbole für so ziemlich jede ideengeschichtliche Auseinandersetzung der Moderne herangezogen werden. Dessen müssen wir uns bewußt sein: Sobald sie Symbole sind, haben sie nur noch den Charakter von Parteifarben und Losungen.
Eine interessante Deutung von Keynes liefert etwa der hier vielzitierte Otl Aicher. Obwohl er analytisch viel näher bei Hayek liegt, ignoriert er diesen und sieht sich Keynes näher zugetan, weil dieser vermeintlich beim Geld den Gebrauch anstelle der Idee betone, was sich zufällig als nützliche Analogie für Aicher erweist:
ein mit wittgenstein befreundeter gelehrter, der nationalökonom lord keynes, beschäftigt sich zur selben zeit mit der rolle des geldes und begründet eine seitdem im zentrum stehende wirtschaftstheorie. auch sie besagt: geld ist kein wert, hat keine substanz, sondern ist arbeit. es ist selbst tauschmittel für arbeit und ist nur sinnvoll verwendet, wenn es arbeitet. es ist kein besitz, sondern eine anwendung.
eine solche parallele kann zufällig sein. nicht zufällig ist, daß lord keynes geld und geldverkehr als etwas ansieht, das einer erfindung gleichkommt, nicht einem naturgesetz. und daß sein wert in seinem gebrauch liegt.
geld ist ein tauschmittel wie die sprache. wir können geld als materielles sprachspiel im sinne wittgensteins verstehen. wenn wir das tun, müssen wir auch vom geld sagen, sein wert liege nicht in irgend etwas, was es deckt, sondern in seinem gebrauch (Aicher, S. 123).
Im alten Wien kam alles zusammen, alle Stränge modernen Denkens überkreuzten sich dort. Darum sind ideengeschichtliche Betrachtungen stets willkürlich, wenn sie nicht wirklich weit und tief reichen. Hayek war viel mehr von Wittgenstein beeinflusst als Keynes, er war sogar mit Wittgenstein verwandt und half beim Erstellen von dessen Biographie.
Keynes ist ein Symbol geworden dafür, nicht autoritär-marktgläubig zu sein, die animalische Facette des Menschen nicht zu ignorieren und die Komplexität der modernen Wirtschaft eher zu erfassen. Vielmehr aber noch wurde Keynes zu einem kulturellen Symbol in der leidigen Links-rechts-Schubladisierung, die in unserem Zeitalter vorwiegend auf Lebensstilgeschmäckern beruht. Und daran war die „Free Market“-Propaganda wohl nicht ganz unschuldig. Doch sehen wir uns einmal die Gegenseite etwas näher an, um sie besser zu verstehen – und letztlich zu verstehen, daß es gar nicht bloß zwei Seiten gibt.
Gegenkultur
Der Denker Frithjof Bergmann, der ebenso wie Jaron Lanier eine Veränderung der Arbeit konstatiert und sich darum bemüht, hierfür neue Antworten zu geben, versucht eine solche Einteilung der Ideenwelt, die aufschlußreich ist. Sie ist verkürzt und klischeehaft, aber verrät uns einiges über die Polarisierung unserer Zeit, für die auch die Symbole „Hayek“ und „Keynes“ stehen. Das „Ron Paul-Phänomen“ bestand meiner Einschätzung nach vor allem darin, diesen kulturellen Graben erstmals zu überwinden, was wiederum nur deshalb möglich war, weil eine neue Generation herangewachsen ist, für die der alte Kulturkonflikt ausgedient hat.
Auf der einen Seite steht für Bergmann die Kultur der Angepaßten, die Nadelstreifanzug, bzw. dunkelblaues Kostüm mit passenden Accessoires tragen. Das sei die „offizielle“ Kultur, die den Großkonzernen Vorrang einräume und Wirtschaftswachstum für eine Notwendigkeit halte:
Das wiederum bedeutet, dass sie sich für eine freie Marktwirtschaft mit einem guten Investitions- und Geschäftsklima stark macht, die wiederum niedrige Löhne verlangt und die Gewerkschaften am liebsten abgeschafft sähe. Dazu gehören natürlich eine bestimmte Sozialpolitik und gute Beziehungen zum militärisch-industriellen Komplex und zum Netzwerk internationaler Machtpolitik. (Bergmann 2004, S. 38)
Auf der anderen Seite stehe die Gegenkultur, die in Verbindung mit einer bestimmten Musik gebracht werde, auch
mit einer völlig anderen Art, sich zu kleiden und zu ernähren, und sehr oft mit dem Gedankengut des spirituellen Aufbruchs und vielleicht auch des Buddhismus, ganz gewiss aber mit einer ungezwungeneren Einstellung zu Sex, mit einer starken Abneigung gegen Hierarchien und Autorität sowie einer Nähe zur legendären, oft missverstandenen 68er-Generation. Zu den Unterschieden zwischen beiden Kulturen gehören auch sehr gegensätzliche Einstellungen zur öffentlichen Ordnung, zu Disziplin, Monotonie und Langeweile sowie in großem Ausmaß auch zum sehr viel ernsteren Thema Krieg und Frieden. (S. 39)
So naiv diese Schilderungen sein mögen, so relevant sind sie für das Verständnis der modernen Gräben. Bergmann hält die Gegenkultur, der er sich natürlich selbst zurechnet (wer nennt sich heute schon selbst gerne „angepaßt“?), für bunter und vielgestaltiger. Er kann kaum nachvollziehen, wie man zur Kultur der Biedermänner gehören kann. Dabei erfaßt er den Zeitgeist durchaus richtig, und das erklärt wohl, warum er „offiziell“ weiter oben in Anführungszeichen gesetzt hat. Die vermeintliche Gegenkultur ist die dominante, wie er selbst zugibt:
Obwohl sie ganz außerordentlich bunt und vielfältig ist und keine gemeinsamen und verbindenden Insignien, Strukturen und Institutionen kennt, und obwohl es in ihr zahllose Formationen gibt, die sich um ganz unterschiedliche Themen scharen, erkennt man ihre Mitglieder doch auf den ersten Blick. Es spielt keine Rolle, ob man ihnen auf den Straßen von Peking oder Tokio, ob man ihnen in Nord- oder Südafrika; in Zentralasien oder in der Ukraine begegnet. Ganz gleich wo, die paradoxe Qualität, die augenblicklich identifizierbare Präsenz dieser anderen Kultur tritt überall klar zutage, auch wenn sie sich in ein Panoptikum verschiedener Gewänder kleidet und völlig unterschiedliche Sprachen spricht. Oft genügt eine einzige Reaktion, ein kurzer Blick, ein kleines Lächeln, und man weiß, auf welcher Seite der Wasserscheide zwischen den beiden Kulturen man sich gerade befindet.
Unnötig zu sagen, dass diese zweite Kultur eine immense Zahl von Mitgliedern hat. Es gibt wahrscheinlich kein einziges Land auf dieser Welt, in dem man nicht ihre Cafés und Kneipen findet, selbst auf dem Lande, und natürlich die Läden und Boutiquen, welche die Klientel dieser anderen Kultur ansprechen. Diese liefern sogar einen gewissen Maßstab. Und doch gibt es eine unbestreitbare Schwierigkeit. Wollte man heute versuchen, ihre Vertreter zu zählen, wäre das nicht nur äußerst schwierig, man müsste daran scheitern. Es sind zu viele geworden. Halb im Scherz könnte man behaupten, dass es eine angemessenere und praktikablere Prozedur wäre, wenn man fragte: Wer fühlt sich eigentlich in der offiziellen Kultur noch wirklich wohl? Wer fühlt sich darin zu Hause, wer identifiziert sich mit ihr, wer glaubt an sie und wer ist froh und glücklich in ihr? (S. 40)
Wie so viele einseitige, aber gebildete Betrachter der Gegenwart kennt er die eigene Ideengeschichte recht gut, blendet dabei aber alles Unangenehme aus und reklamiert alle unumstrittenen Geistesgrößen für sich. Etwas klarer wird seine Zweiteilung, wenn er auf der einen Seite von einer „zähmenden Tradition“ und auf der anderen Seite von einer „anstachelnden“ oder „belebenden“ Strömung spricht. Der ideengeschichtliche Stammbaum der „Anstachler“ sieht ihm zufolge so aus:
Man könnte Goethe, Melville und Whitman anführen, aber auch Hölderlin, Rilke, Hesse, Lawrence und Gide, und natürlich Philosophen wie Emerson und Thoreau und sicherlich nicht zuletzt, sondern an einem Ehrenplatz, Hegel und Nietzsche. Suchte man einen einzigen Satz als ein Emblem, als Motto für diese breite Strömung, dann könnte man William Blakes „Energie ist Ewiges Entzücken“ nehmen oder auch Jack Londons „Lieber will ich zu Asche verbrennen, als zu Staub zerfallen“. Es steht außer Frage, dass die Geschichte dieser anderen, das Individuum stärkenden und fördernden Tradition lang und beeindruckend ist. Sehr allgemein gesagt, könnte man feststellen, dass sie ihre Anfänge vor allem in der Literatur, der Philosophie und der Kunst hatte. (Viele meiner Freunde haben mich darauf hingewiesen, dass die lebensbejahende Tradition der Aufklärung vielfältige Ähnlichkeiten mit den Philosophien und auch Religionen des Ostens hat. Die Rezeption von östlicher Philosophie, Psychologie, Religion und von Methoden zur Transformation von Körper und Bewusstsein begann nach ihrer Auskunft im Abendland bereits mit Schopenhauer, dessen Denken entscheidend von den Upanischaden beeinflußt war, hat sich seit Mitte des letzten Jahrhunderts (C. G. Jung, D. T. Suzuki, Erich Fromm) ständig beschleunigt und hat inzwischen viele Bereiche der abendländischen Natur- und Geisteswissenschaften erfasst sowie nicht zuletzt Bereiche der Medizin (Psychoneuroimmunologie) und große Bereiche der körper- und psychotherapeutischen Methoden. (S. 43f)
Hayek bietet sich durchaus als Repräsentant der „zähmenden Tradition“ an, denn einzelne Passagen seines Werkes scheinen diese Zuordnung sogar zu betonen. Er spricht von einer Saat der Verantwortungslosigkeit, die er im Wesentlichen Marx und Freud anlastet:
Die Ernte dieser Saat fahren wir jetzt ein. Jene nicht-domestizierten Wilden, die behaupten, von etwas entfremdet zu sein, was sie nie gelernt haben, und sich sogar unterfangen, eine „Gegenkultur“ zu schaffen, sind das zwangsläufige Produkt der permissiven Erziehung, die es unterläßt, die Bürde der Kultur weiterzugeben, und ihr Vertrauen auf die natürlichen Instinkte setzt, die die Instinkte des Wilden sind. (Hayek 1978/2003, S. 482)
Eigentlich müßten die Vertreter der „anstachelnden Tradition“ nun also zufrieden sein, wenn sie in der Tat so reiche Ernte eingefahren haben, wie Bergmann sich brüstet und Hayek befürchtet. Doch sobald eine Idee Breitenwirkung erreicht hat, ist sie oft kaum mehr wiederzuerkennen. Dasselbe ist ja auch bei Menschen zu beobachten, die mehr als ihre fünf Minuten Ruhm genießen. Die massenmedialen Dynamiken machen, wie ich weiter oben bereits andeutete, aus jedem Star letztlich einen Avatar, und wenn dieser aus der Rolle fällt, eine Witzfigur. Früher oder später muß jeder aus seiner zugewiesenen Rolle fallen, es sei denn der Star stirbt rechtzeitig, nämlich auf der Höhe seines Ruhms. Bergmann ist ernüchtert über den Siegeszug seiner eigenen „Kultur“. Alternativsein hört nun einmal auf, lustig zu sein, wenn sich alle für alternativ halten (wie ich bereits in den letzten Scholien disktutierte). Nach 1968 sei die „Gegenkultur“ von ihren Elfenbeintürmen herabgestiegen und überraschend schnell zu einem Massenphänomen geworden:
Sie hatte nicht nur eine Affäre mit den Medien, nein, sie ging eine Ehe mit ihnen ein. Sie bemächtigte sich der Pop-Kultur, wurde zu so etwas wie dem kulturellen Äquivalent von Fast Food, usurpierte gleichzeitig aber auch die Galerien der „hohen Kunst“. Die Strebungen in der gesamten modernen Kunst glichen sich weitgehend denen dieser anderen Kultur an. Ob Film, Skulptur oder Happening, das Wichtigste war, dass das Kunstwerk „lebendig“ war. Es müsste Kraft haben und authentisch sein. Und das beinahe um jeden Preis, auch was seine Wirkung auf das Publikum anging: Ein sehr großer Teil der Kunst strebte auf Biegen oder Brechen an, die Leute aus ihrem Schlaf aufzuschrecken, sie aufzuwecken - und die Methoden dazu konnten gar nicht schockierend genug sein.
Doch in den Augen Bergmanns sind die 1968er letztlich bitter gescheitert. Dies läge an ihrem Geburtsfehler:
Das Unglück geschah, als die kleine und zutiefst idealistische Bürgerrechtsbewegung zu einer Massenbewegung gegen den Krieg in Vietnam wurde. Plötzlich wurde sie ins Rampenlicht sämtlicher Fernsehstationen gerückt und Stimmen wurden laut, die ein politisches Programm über die Beendigung des Vietnamkrieges hinaus forderten. Darauf war man bedauerlicherweise ganz und gar nicht vorbereitet. Und das wurde zum entscheidenden Punkt: Die andere, das Leben fördernde Strömung innerhalb unserer Kultur hatte sich nicht mit den programmatischen Fragen von Politik und Gesellschaft auseinander gesetzt. Doch plötzlich waren die Straßen und Plätze voll von Menschen, die Antworten verlangten. Sie wollten wissen, in welche Richtung sie nun marschieren sollten und was sie mit den inzwischen entfesselten himmelstürmenden Energien aufbauen sollten. Nicht nur, was man „beenden“, „zerschlagen“ oder „übernehmen“ sollte, sondern welche Dinge man aufbauen und in neue Formen gießen sollte. Und da wussten die Achtundsechziger plötzlich nichts mehr zu sagen. Was dann kam, ist uns allen nur allzu gut bekannt. Bittere sektiererische Fehden brachen an allen Ecken und Enden aus. Splittergruppen packten ihre Koffer und fuhren ab in jede erdenkliche Richtung.
Aber das Schlimmste waren zwei Verirrungen, die im Rückblick gar nicht so schwer zu verstehen sind. Die eine war der Abstieg in sich verpuffende Gewalt (z. B. die Weathermen in den USA, Baader-Meinhof in Deutschland), die andere das Abrutschen in wahre Schlammschlachten der Rhetorik und der Vulgarität. Zu diesen beiden Formen kam es, weil Briefe an den Abgeordneten des eigenen Wahlkreises, Boykotts und Protestmärsche und die anderen sanfteren Formen des Protests offensichtlich nicht ausreichten. Es waren letztlich vergebliche Zeichen und Gesten - ein wirkungsloses Posieren und Drohen. Aber man wusste nicht, was man sonst tun sollte. Es gab keine Alternative! Also bewarf man die Polizei mit Pflastersteinen oder zog sich - wie bei dem viel kommentierten Woodstock-Festival - nackt aus und badete im Schlamm.
Wie zu erwarten, schwang das Pendel zurück. Die Friedensbewegung erzeugte eine Reaktion, deren Name in den Vereinigten Staaten „Reagan“ war. Und bis in unsere Zeit hat man den Eindruck, dass sie sich von dieser Reaktion noch nicht wieder erholt hat. Die Achtundsechziger waren kläglich, beschämend und erbärmlich gescheitert, und eine sich ständig vertiefende Desillusionierung über die Politik als Ganzes griff um sich. Gleichgültigkeit, Apathie, Zynismus sowie reine Clownerie nahmen zu und breiteten sich aus wie ein Sumpf, in dem immer mehr Menschen Zentimeter um Zentimeter versanken.
Alle Beobachter sind sich einig, dass diese Stimmung noch dadurch verstärkt wurde, dass man sich ab da der Arbeitsplätze nicht mehr sicher sein konnte. Dies bedeutete, dass man sich stärker auf das eigene Überleben und das Durchbringen seiner Familie konzentrieren musste und sich nicht mehr die Ablenkung und den Luxus erlauben dürfte, über den Tellerrand hinauszuschauen. Dies bedeutete auch, dass man sich stärker auf materielle Güter konzentrierte, was dann zur Konsumgesellschaft führte. (Bergmann, S. 48f)
Interessant ist, daß dieser Umbruch seinen Höhepunkt 1989 hatte. Seit diesem Datum sei die Geschichte der Linken einer Geschichte von Rückzugsgefechten, meint Bergmann. Mein Kollege Eugen Maria Schulak teilte die Beobachtung mit mir, daß ausgerechnet 1989 praktisch alle zu diesem Zeitpunkt Langhaarigen am Philosophieinstitut der Universität Wien ihre Haare abschnitten. Mit dem Ende der Sowjetunion mußte man sich von alten Zöpfen lossagen, auch wenn es wehtat. Seitdem sei die Linke reaktiv und defensiv, so Bergmann. Angesichts des mörderischen Wahnsinns in der Sowjetunion sollte man eigentlich froh darüber sein, daß die Offensive aufgegeben wurde. Aber wenn man die real-existierende Linke mit der „belebenden Strömung“ an sich gleichsetzt, sieht die Alternative in diesem stupiden Dualismus natürlich gespiegelt und noch schrecklicher aus, nämlich nach Tod. Und angesichts des gewissen Todes scheint im Grenzfall und Notfall dann sogar Mord als Lebenszeichen gerechtfertigt, weil man so angestachelt ist, sich keinesfalls zähmen und einschläfern zu lassen.
Die neue defensive Position zeige sich darin, daß es nur noch um Begrenzung gehe: Begrenzung der Arbeitszeit, der Geschwindigkeit, der Ölförderung, der Industrie, des Klimawandels etc. Seitdem gilt „das System“ als vermeintlich „alternativenlos“, weshalb sich Kritik, die darauf abzielt, den Menschen aus seinem Systemtrottel-Dasein zu lösen, meist „links“ wähnt. Und zu einem dieser Symbole für die „belebende“, „systemkritische“ Position ist eben Keynes geworden, was einem mittelmäßigen Ökonomen unverhältnismäßigen Ruhm beschert hat. Es hat dazu gereicht, daß Anti-Keynesianismus mit Reagan, Thatcher, Nadelstreifanzügen, und Cocktailempfängen assoziiert wurde; mit einem wirklichen Studium des keynesianischen und einem vergleichenden Studium des hayekianischen Werkes hat diese ideengeschichtliche Wendung relativ wenig zu tun, sie ist nahezu reine Geschmackssache.
Cyber-Keynesianismus
Ich kann nun eine lange Klammer schließen und wieder zu Lanier zurückkehren. Wir können nun besser nachvollziehen, warum dieser seine Reformvorschläge „cyber-Keynesianisch“ nennt. Keynes assoziiert er schlicht damit, das Gegebene nicht als alternativenlos hinzunehmen, sondern sich Gedanken zu machen, wie man menschliche Strukturen „auf ein höheres Energieniveau“ bugsieren könnte. Sein wesentlicher Reformgedanke besteht darin, eine „Monetisierung“ der Informationsökonomie durchzuführen. Daß derzeit die Gratis-Kultur regiere, sei nichts anderes als ein Hinweis darauf, daß die Milliarden an kleinen Beitragenden von wenigen großen Profiteuren um ihr Verdienst gebracht werden. Es gehen uns also nicht die Arbeitsplätze, sondern die Einkommensplätze aus:
Menschen werden immer gebraucht. Die Frage ist nur, ob wir eine hinreichend vollständige Buchführung anstellen, sodaß der Wertbeitrag der Menschen ehrlich erfaßt wird. Wenn wir jemals den Eindruck haben, daß Menschen entbehrlich geworden sind, dann wird es sich in Wirklichkeit um einen massiven buchhalterischen Betrug handeln. Wir sind gerade dabei, diesen Betrug zu beginnen. (Lanier, S. 147)
Er meint, auf weiter Flur alleine mit diesem Ansatz zu stehen, denn die zwei dominanten Kulturen würden sich vehement gegen eine stärkere Monetisierung, d.h. eine ausgeweitete Abrechnung in Geldbeträgen, wehren. Diese zwei Kulturen oder „Stimmen“ nennt er die „strenge, elterliche“ und die „kindische, laxe“. Das erinnert ein wenig an Bergmanns Einteilung. Für Lanier besteht das Problem unserer Postmoderne ebenso darin, daß diese zwei Stimmen letztlich in einen dissonanten Chor verfielen:
Leider wurden diese zwei Stimmen, die jahrhundertelang als gegenseitige Korrektive dienten, zu einer idiotischen Übereinstimmung und Absprache vereint, als die digitale Netzwerktechnik aufkam. Auf meinen Vorschlag hin, daß die Menschen in der Lage sein sollten, ihren Lebensunterhalt teilweise damit zu verdienen, was sie tun, wenn sie von Cloud-Algorithmen beobachtet werden, reagiert die elterliche Stimme erwartungsgemäß so: „Zu tun, was dir gefällt, sollte keine Verdienstmöglichkeit sein. Wenn man so etwas einreißen läßt, löst man moralischen Wagemut (moral hazard) aus. Sobald die Kids das überreissen, werden sie es niemals lernen, die Schmerzen des Erwachsenwerdens zu tragen – oder das Opfer zu bringen, einer Arbeit nachzugehen oder eine Hypothek zu bezahlen – und die Zivilisation wird zerfallen.“ Die kindische Stimme schenkt all dem natürlich keinerlei Gehör, sondern verlangt genau das selbe mit einem anderen Argument: „Warum Geld reinbringen? Geld hat mit Gier zu tun, mit Karriere und damit, alt und langweilig zu werden. \[…\] Sobald Geld eine Rolle spielt, wird das Gefühl von Freiheit zerstört.“ In anderen Worten sagen beide Seiten, daß die Technologie das Leben zwar leichter machen kann, aber uns ärmer machen sollte. \[…\] Das ist die Idiotie unserer Zeit, eine so bankrotte Schlußfolgerung, daß keine einzelne Generation genügend Geistesschwäche aufbringen könnte, um sie alleine zu formulieren. Nur die Zusammenarbeit von Generationen konnte eine so offensichtliche, abstoßende und leere Falschheit mit ein wenig Glaubwürdigkeit überzuckern (Lanier, S. 261)
Lanier begeht die typischen Fehler des Intellektuellen, die diesen in Richtung Etatismus drängen, wie Hayek richtig erkannte. Einerseits begeht er eine unberechtigte Anwendung einer neuen Verallgemeinerung auf Einzelfragen. Seine originelle Verallgemeinerung besteht im Prinzip der „Sirenenserver“, die Konsumenten zu unentlohnten Beiträgen verlocken. Anderseits macht er sich des Konstruktivismus schuldig. Diesen Begriff hat Hayek erstmals 1923 in einer Vorlesung von Wesley Clair Mitchell gehört und darin ein wichtiges Grundprinzip intellektueller Anmaßung erkannt. Er erklärt dieses so:
Der Grundgedanke des Konstruktivismus läßt sich am einfachsten in der zunächst unverfänglich klingenden Formel ausdrücken, daß der Mensch die Einrichtungen der Gesellschaft und der Kultur selbst gemacht hat und sie daher auch nach seinem Belieben ändern kann. (Hayek 1970, S. 4)
Um seine etatistischen Reformvorschläge zu entschuldigen, überzeichnet er private Verträge zu einer Karikatur. Er meint, daß er von Silicon Valley libertarians viel Konter bekommen habe und skizziert diesen zu Fleiß nun einen fiktiven Vertragsentwurf, wie es ihn etwa nach einer Privatisierung der Straßen geben könnte. Wie jede Karikatur enthält diese durchaus Elemente der Realität. In der Tat sind die seitenlangen Einverständniserklärungen, die im Internet dominieren, erschreckend. Daß diese aber aus Defekten der amerikanischen Gesetzesordnung resultieren, sieht er natürlich nicht. Er malt das Schreckensszenario eines privaten Straßenbetreibers, der die Übel aller aufgeblähten, dem Staat zuarbeitenden Internetkonzerne in einer Hand vereint. Dieser würde etwa folgende Einverständniserklärung den Straßennutzern auferlegen, wenn ihre Kinder einen Limonadenstand betreiben wollten:
Liebe Eltern oder gesetzliche Vormünder von \_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_. \[…\] Ihre Tochter \[…\] hat sich kürzlich um eine gemeinsam betriebene StreetApp® der Kategorie „Limonadenstand“ beworben. Als Eigentümer/Betreiber der Straße, an der sie leben, und auf der die vorgeschlagene Applikation betrieben würde, ist StreetBook gesetzlich dazu verpflichtet, elterliche Zustimmung einzuholen. Durch Anklicken von „Ja“ \[…\] stimmen Sie folgenden Bedingungen zu: 1. 30 Prozent der Einnahmen werden von StreetBook einbehalten. 2. Sie werden die Limonaderezepte, das Standdesign, die Beschriftung und zu tragende Kleidung zur Genehmigung von StreetBook einreichen. StreetBook kann ihren Stand jederzeit wegen Nichteinhaltung unseres Genehmigungsprozesses entfernen. 3. Jede Geschäftstätigkeit, nicht beschränkt auf Limonadeverkäufe, wird durch StreetBook abgewickelt. Kunden müssen ein StreetBook-Konto haben, selbst wenn sie an einer Straße leben, die von einer Konkurrenzfirma betrieben wird. StreetBook wird das gesamte Geld einbehalten, um daran Zinsen zu verdienen, und kann diese Haltezeit ausdehnen, wenn irgendjemand Vorwürfe von Betrug oder vetragswidrigen Aktivitäten erhebt. 4. Eine Jahresgebühr von 100 \$ ist zu entrichten, um ein Limonadenstandentwickler zu sein. 5. Beschränkter freier Zugang zu StreetBooks Straßenfront vor Ihrem Haus ist verfügbar gegen Werbung auf Ihrem Körper und Grundstück. Die Beschriftung ihres Limonadenstands, die Papierbecher und die Kleidung, die Ihre Kinder tragen, müssen Werbung tragen, die ausschließlich von StreetBook ausgewählt wird. 6. Wenn sie beschränkten freien Zugang zu Ihrer Straßenfront möchten, müssen Sie StreetBook der derzeitige Inventar Ihres Hauses bekannt geben und StreetBook erlauben, die Bewegung und Kommunikation von Individuen in Ihrem Haus zu überwachen. 7. Durch Annahme dieser Vereinbarung, stimmen Sie zu, die alleinige Verantwortung für alle Verpflichtungen durch Unfälle oder andere Ereignisse in der Nachbarschaft Ihrer StreetApp® zu übernehmen \[…\]. Klicken Sie „weiter“, um auf Seite 2 von 37 der Bedingungen gelangen. (Lanier, S. 88)
Das ist freilich Propaganda, sie ist selektiv und vermengend zugleich, sie macht aus Einzelfacetten der Realität ein fiktives Gebräu. Auf dieser dünnen Suppe geschwommen kommt dann die in Internetkreisen zirkulierende Idee, daß Facebook und Google eigentlich Infrastrukturbetriebe wären und demnach unter staatliche Aufsicht gehörten und gar zu verstaatlichen wären. Im Netzmagazin Slate wurde letztes Jahr bereits ein flammendes Plädoyer für eine Verstaatlichung von Facebook veröffentlicht. Die Argumentation ist angesichts der Aufdeckung der massiven staatlichen Überwachung und der amerikanischen Geopolitik so naiv, daß man eigentlich in schallendes Gelächter ausbrechen könnte, wenn es nicht so bitter wäre:
Innerhalb der letzten Jahre ist Facebook zu einem öffentlichen Gut und einer wichtigen sozialen Ressource geworden. Doch als Unternehmen zeigt es schlechtes Verhalten. \[…\]. Wenn weder die Benutzer noch die Investoren Vertrauen in das Unternehmen haben können, ist es Zeit, eine Idee zu diskutieren, die verrückt erscheinen mag: Facebook zu verstaatlichen. \[…\] Es wäre besser, einen nationalen Privatsphärenbeauftragten mit wirklicher Autorität zu haben, einigen stringenten Privatsphärenstandards, die auf Bundesebene erlassen werden, und Programmen, um einen Teil der sozial wertvollen Datensammlung, die Unternehmen wie Facebook durchführen, in den Dienst guter Zwecke zu stellen. \[…\] Mit einem Marktanteil von 80 Prozent ist Facebook bereits ein Monopol, und der Börsegang hat es nicht sozial verantwortlicher gemacht. \[…\] Das Unternehmen ist für Fehlleistungen unter Beschuß geraten, wie das Verbot von Fotos stillender Mütter und das plötzliche Sperren von „Palästinenser“-Seiten. Die Kommunikation über Facebook ist ein wichtiges Werkzeug für Demokratiebefürworter, inklusive derjenigen, die halfen, den arabischen Frühling zu organisieren. Doch die Benutzervorschrift, daß Demokratieaktivisten unter autoritären Regimen „reale Profile“ führen müssen, setzt führende Aktivisten Risiken aus. Diktatoren haben zudem herausgefunden, wie sie Facebook verwenden können, um Aktivistennetzwerke zu überwachen und Demokratiebefürworter zu überführen. Da nun Sicherheitsdienste in Syrien, Iran und China Facebook zur Überwachung und Überführung von Aktivisten verwenden, ist das öffentliche Vertrauen in Facebook womöglich nicht gerechtfertigt. Anstatt Facebook zu erlauben, autoritären Interessen zu dienen, könnten wir ein in den USA verstaatlichtes Facebook dazu zwingen, seine Identitätsregeln zu ändern, um Demokratieaktivisten unter Diktaturen Pseudonyme zu erlauben. \[…\] Viele Akademiker erkennen, daß die Datensätze großer sozialer Netzwerke überraschende und wertvolle Informationen zur Lösung sozialer Probleme liefern können – zum Beispiel zur Volksgesundheit und nationalen Sicherheit. \[…\] Wir könnten die Daten von Facebook sogar dafür verwenden, kriminelle Netzwerke in den USA oder Terroristennetzwerke auf der ganzen Welt zu analysieren. Wir sollten wohl achtgeben, unter welchen Umständen unsere Sicherheitsdienste Zugang zu den Facebook-Daten haben, doch nach der Verstaatlichung des Unternehmens könnte es da zumindest ein wenig öffentliche Aufsicht geben. (Howard 2012)
Der Artikel ist aus der Feder eines Professors für „Kommunikation“ an der University of Washington und das Ergebnis eines Forschungsprojektes der staatlichen Universität von Arizona mit der New America Foundation, einem Think Tank. Das ist kein Scherz.
Lanier ist da eine Spur realistischer. Er meint, daß der Ruf nach einer Verstaatlichung von Facebook dann laut werden wird, wenn die Zukunft des Unternehmens ungewiß erscheint. Das digitale Profil sei für die Menschen eben eine Art Infrastruktur geworden, so wie die Stromleitung. Lanier plädiert dafür, dieses Profil vom Unternehmen zu trennen und eine Art staatlichen Online-Ausweis einzuführen. Dieser elektronischen Identität seien dann verpflichtend Minibeträge zuzurechnen, so wie das heute die Verwertungsgesellschaften (AKM, Literar-Mechana) für Künstler tun. Dazu würde das Kopieren unterbunden, jede Instanz wäre eine Referenz auf das Original. Es gäbe auch kein Copy & Paste mehr. Jeder Programmiercode würde sich alle Beiträge der jeweiligen Programmierer merken, auch wenn es nur eine einzelne Zeile wäre. Die Beitragsbewertung soll nach zwei Teilen erfolgen: Einerseits sei im Augenblick elektronisch ein Marktpreis zu bestimmen, je nach Forderung des Urhebers und Zahlungsbereitschaft des Nutzers. Anderseits sei langfristig ein kleiner Copyright-Betrag abzuführen, der nach einem Algorithmus automatisch bestimmt würde. Sein Wunsch-Szenario sieht so aus:
Nehmen wir an, daß jeder Betreiber eines Cloud-Rechners, ob nun ein soziales Netzwerk, ein eklektisches Wall-Street-Projekt, oder gar eine Regierungsbehörde dazu verpflichtet wäre, uns für alle nützlichen Daten zu bezahlen, die sie über uns erhalten. Jeder Sirenenserver hätte dann eine vollständige Geschäftsbeziehung mit uns. Wir hätten intrinsische, unübertragbare kommerzielle Rechte an Daten, die ohne uns nicht bestehen würden. Das bedeutet beispielweise, daß Facebook uns kleine Zahlungen schicken würde, wenn Daten, die automatisch über uns erhoben wurden, einem Unternehmen dabei halfen, einen unserer Freunde zu einem Kauf zu bewegen. Wenn unser Gesicht in einer Werbung aufscheint, würden wir bezahlt werden. Wenn wir geortet werden, während wir in der Stadt heraumlaufen, und das einer Regierung hilft, die Fußgängersicherheit durch bessere Beschilderung zu verbessern, würden wir eine Mikrozahlung für den Datenbeitrag bekommen. (Lanier, S. 320)
Lanier verteidigt diese Art des Interventionismus so, daß ihm auch ein Hayek zustimmen könnte. Es gehe eben nur um den Rahmen. Doch Hayek kennt er zu wenig, da sich jener in der falschen Kultursphäre befindet, darum greift er auf Keynes zurück, um ökonomische Seriosität zu reklamieren. Dazu muß er aber in schrecklicher Weise verallgemeinern:
Alle bekannten Beispiele langfristig stabiler Mittelschichten beruhten auf keynesianischen Interventionen und Mechanismen wie sozialen Netzen, um Marktergebnisse zu dämpfen. Es ist jedoch möglich, daß digitale Netzwerke eines Tages bessere Alternativen zu diesen Mechanismen und Interventionen bieten werden. \[…\]
Schutzwälle für die Mittelschicht hatten verschiedene Formen. \[…\] Im 20. Jahrhundert setzte eine amerikanische Form der Schutzwallerrichtung die Steuerpolitik ein, um Investitionen der Mittelschicht in Eigenheime und zu dem Zeitpunkt konservative Marktpositionen wie persönliche Pensionskonten zu fördern. Es gab auch schwererrungene Schutzwälle, die sich auf eine Berufsgruppe bezogen: Akademische Stellen auf Lebenszeit, Gewerkschaftsmitgliedschaften, Taxikonzessionen, Kosmetiklizenzen, Copyrights, Patente und viele mehr. Industrien entstanden, um Mittelschicht-Schutzwälle zu verkaufen, wie etwa Versicherungen. Nichts davon war perfekt. Nichts reichte alleine aus. Ein erfolgreiches Mittelschicht-Leben beruhte typischerweise auf mehr als einer Art von Schutzwall. Und dennoch hätte der Kapitalismus ohne diese Ausnahmen von der Regel des sturzflutartigen, freien Kapitalflusses nicht gedeihen können. \[…\] Märkte sind eine Informationstechnik. Eine Technik ist nutzlos, wenn man sie nicht verbessern kann. Wenn die Markttechnik nicht völlig automatisch ablaufen kann und einige „Knöpfe“ braucht, dann ist sinnlos, etwas anderes zu behaupten. Man beharrt nicht auf schlecht funktionierenden Wegen zur Perfektion. Man behebt Fehler. Und es gibt Fehler! (Lanier, S. 48, S. 53f)
Dabei zeichnet er allerdings, neben dem offensichtlichen Konstruktivismus, unbewußt recht schön das Programm der staatlichen Unterstützung von Lohnabhängigkeit nach. Ohne solche „Schutzwälle“ würde sich wohl die absurd hohe Besteuerung von Arbeit deutlicher auswirken, und es gäbe mehr Selbständige, nicht weil diese geringer besteuert sind, sondern weil sie einfacher an der Steuer vorbei wirtschaften können. Lanier ist eigentlich, entgegen seiner Selbstwahrnehmung, konservativ. Es geht ihm darum, das Bestehende notfalls mit Zwang zu bewahren.
Entfremdung
Kontrastieren wir damit die Vorschläge des oben erwähnten Frithjof Bergmann, der sich derselben politischen „Kultur“ zurechnet und ebenfalls eher Keynes als Hayek zum Säulenheiligen bestimmen würde. Bergmann beklagt, daß der Großteil der mittelständischen Lohnabhängigen, die Lanier so händeringend schützen möchte, auf einem Niveau tätig wären, das weit unter dem ihrer Begabungen läge. Als alter Marxist führt er das auf ihre Entfremdung zurück, doch widerspricht er Marx zugleich scharf dabei, daß sich diese Entfremdung rein über das Eigentum an den Produktionsmitteln erklären ließe:
Es mag unglaublich und ganz bestimmt unverschämt klingen, aber Marx hat das Erlebnis der Arbeit, die eigentliche Erfahrung der Menschen, die sie mit ihren eigenen Händen und mit ihrem eigenen Kopf tun, glatt missverstanden. Er hat sich nicht die Mühe gemacht, sie mit Sorgfalt und klaren Augen zu beobachten und zu studieren. Er hat mit abstrakten Begriffen theoretisiert. Wieso? Weil ihm sonst eine einfache, aber entscheidende Tatsache hätte auffallen müssen; die Tatsache nämlich, dass das Erlebnis, die Qualität, der Rhythmus der Arbeit nicht vom abstrakten Begriff des Eigentums bestimmt wird. Eins von hunderten möglichen Beispielen ist die Greyhound Bus Co. (die größte private US-amerikanische Autobustransport-Firma) einerseits und Amtrack (die dem Staat gehörende und vom Staat betriebene Eisenbahn in den USA) andererseits. Wem diese Betriebe gehören, hat keinen erkennbaren Einfluss auf die Qualität der Arbeit in diesen Betrieben. Die Schaffner in den Eisenbahnen sehen genauso deprimiert und apathisch aus wie die Busfahrer bei Greyhound. Dass die ganze Eisenbahn im weitesten Sinn des Wortes den Schaffnern gehört, ihr Eigentum ist, hebt die Stimmung der Schaffner auch nicht um ein Lot.
Man kann das natürlich auch in einem anderen Vokabular ausdrücken. Die Entfremdung der Arbeit kann nicht durch eine Änderung auf der abstrakten Ebene des Eigentums aufgehoben werden. Diese Ebene ist zu schwach, zu fadenscheinig, zu dünn. Es fehlt ihr die dazu nötige Kraft. Die Entfremdung kann nur auf der viel konkreteren, viel detaillierteren, viel individualisierteren Ebene des Erlebens und des Erfahrens der Menschen, die diese Arbeit tun, aufgehoben werden. Deshalb lautet die direkt an die Arbeiter gestellte Frage: Ist es das, was ihr wirklich, wirklich tun wollt? (Bergmann, S. 154f)
Daraus kann man schließen, daß sich Bergmann nicht die Mühe gemacht hat, Arbeitsplätze mit Sorgfalt und klaren Augen zu beobachten und zu studieren. Sonst wäre ihm durchaus aufgefallen, daß Marx noch falscher lag. Man vergleiche nur einen typischen Staatsbediensteten im Sozialismus mit einem typischen Mitarbeiter eines Klein- und Mittelbetriebes, dann wird man gewiß zum Schluß kommen, daß das Eigentum nicht völlig irrelevant ist. Darüber hinaus zeigen Lohnabhängige eine andere Motivation als Eigentümerunternehmer. Dennoch ist Bergmanns Beobachtung nicht ganz falsch, daß die Arbeitsatmosphäre in großen Unternehmen oft skurril und amtsartig ist. Das schiebt er natürlich, als typischer Intellektueller, dem „Markt“ in die Schuhe, denn den hat kein Sozialingenieur konstruiert und er muß demnach Konstruktionsfehler ausweisen. Als Beispiel für das Marktversagen führt er Haiti an, ausgerechnet einen politisch zugrundegerichteten Ort:
Nach meiner eigenen Erfahrung war Haiti eines der abschreckendsten Beispiele dafür, wie unsere gegenwärtige Wirtschaft funktioniert. Es gab verblüffende Parallelen zu der kleinen Stadt in Kansas. In einem längeren Prozess war dort Schritt für Schritt die gesamte Bandbreite der autochthonen wirtschaftlichen Aktivitäten zusammen gebrochen. Das ging schließlich so weit, dass praktisch alles, was man benötigte, eingeflogen oder mit dem Schiff antransportiert werden musste: jeder Sack Zement, jeder Hammer und jede Säge, aber auch Ananas, Mais und Bananen, denn die lokalen Bauern wurden alle von den (zum großen Teil stark subventionierten) Importen aus den Vereinigten Staaten unterboten.
Drei Punkte lassen sich hier ganz deutlich erkennen: l. Die Vorstellung, man könnte auf Haiti vielleicht ein oder meinetwegen auch fünf High-Tech- oder auch Niedrigtechnologie-Artikel herstellen, welche die allerbesten auf dem Weltmarkt sein könnten, ist ein gemeiner und geschmackloser Witz. (Wenn Sie glauben, das sei möglich, dann gehen Sie einmal für zwei Wochen dorthin und leben Sie dort — aber nicht als Tourist!) 2. Die Menschen auf Haiti haben nichts zu tun. Sie liegen so brach wie ihre Felder. Sie leben in tiefster Untätigkeit und Abhängigkeit und sind so gelähmt und bewegungslos wie die Männer der Indianerstämme in Kanada. 3. Dass auf Haiti nichts mehr hergestellt wird, dass jede Form von Arbeit verschwunden ist, bedeutet, dass die Arbeit gestorben ist - ebenso wie in der früheren Sowjetunion. Eine Wirtschaft kann man ebenso umbringen wie eine Person. Die Wirtschaftsform, die wir ironischerweise „freien Handel“ und „Neo-Liberalismus“ nennen, hat die Ökonomie auf dieser Insel ermordet — und Haiti ist natürlich nur ein Beispiel von sehr vielen. (S. 316f)
Meinen treuen Lesern mute ich diesmal besonders viel ideologischen Unfug zu, aber ich möchte eben die Virulenz von Ideen und die Unfruchtbarkeit moderner Diskussionen verständlich machen. Der „Neo-Liberalismus“ hat natürlich rein gar nichts mit tatsächlicher Ideengeschichte zu tun, sondern ist ein Symbolbegriff. Er steht für die „offizielle Ordnung“, die trotz aller Planungsversuche einen chaotischen Eindruck macht, ganz so als wären hier allerlei unsichtbare Hände am Werk. Daß es auch geplantes Chaos geben kann, wie es Ludwig von Mises nennt, ist den Konstruktivisten fremd. Es ist durchaus möglich, daß sich Kansas Haiti annähert; in beiden Fällen haben wir es aber mit politischer betriebener Kapitalvernichtung zu tun. In diesem verzerrten Umfeld, indem die Hamster in ihren Rädern immer schneller laufen müssen, um noch mitzuhalten, weil ihr Hamstern hintertrieben wird, sieht auch der Selbständige nicht immer so glücklich drein, wie es das heroische Wort vom „Unternehmer“ glauben macht. Bergmann warnt zurecht davor, daß „neue“ Selbständigkeit oft nur eine Scheinalternative zur Lohnabhängigkeit ist:
Kleinunternehmer sind allerdings alles andere als unabhängig, und sie stehen auch nicht auf eigenen Füßen. Es ist eher genau umgekehrt. Sie sind in der Tat nicht von dem einen Boss abhängig, der ihnen Befehle und Anweisungen gibt, aber statt dessen von jedem einzelnen Kunden. Und da man es jedem Kunden recht machen muss, wird bei zunehmender Konkurrenz die Notwendigkeit der Servilität und Willfährigkeit jedem einzelnen Kunden gegenüber immer größer. Am Ende ist man dann der Sklave und das Arbeitstier von jedermann. Ganz gleich, wer an die Tür klopft, er wird umschmeichelt und umsorgt wie von einer übereifrigen Dienstmagd. Nichts ist deshalb so töricht und unzutreffend wie das Bild des autonomen, selbständigen Unternehmers, der wie ein Marlboro-Mann auf seinem treuen Ross durch die Berge reitet. Die „Folge deinem Traum!“-Vorstellung vom Kleinunternehmer und seiner Firma geht völlig an der radikalen Umkehrung vorbei, auf die wir Wert legen. Die Unmenge Arbeit, die solche Kleinunternehmer schließlich unter größtem Druck für ihre Firma leisten müssen, steht ganz sicher nicht im Dienste der Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit. Im Gegenteil. Betrachtet man die tägliche Mühle ihrer Arbeit genau, dann ist nur allzu offenkundig, dass sie alles für das Überleben ihres Start-up-Unternehmens opfern. Ihre Arbeit steht jetzt nur noch mehr unter dem Druck eines alles beherrschenden MUSS; der einzige Unterschied zu ihrer früheren Arbeit besteht darin, dass sie von vieldeutiger und verführerischer Rhetorik zum Narren gehalten wurden. \[…\] Die Regimenter von jungen Unternehmern, die während der letzten paar Jahre zur Verstärkung des einstürzenden Lohnarbeitssystems in die Schlacht geschickt wurden, erinnern an die japanischen Kamikaze-Flieger. Traurigerweise reicht die Ähnlichkeit bis hin zu den erschreckend niedrigen Überlebensraten. Man hat diese jungen Leute wahrhaft erbarmungslos als Kanonenfutter verheizt. Ein Teil ihrer Funktion war, die sozialen Gegebenheiten mit einem dicken Zuckerguss aus Optimismus zu überziehen, ungeachtet dessen, dass die Rate derer, die Schiffbruch erlitten, 80 bis 90 Prozent betrug. Insofern liegt auch der Vergleich mit der polnischen Kavallerie nahe, die während der ersten Tage des Zweiten Weltkriegs gegen die deutschen Panzer ins Feld geschickt wurde. In wenigen Stunden wurde die Jugend Polens, die mit über dem Kopf geschwungenen Säbeln gegen die Panzer anritt, dezimiert. Die gründlich indoktrinierten jungen Geschäftsleute sind ähnlich schlecht gerüstet und werden auf ähnliche Weise in dem völlig hoffnungslosen Kampf gegen die überwältigenden Mächte von Armut, Arbeitslosigkeit und Elend aufgerieben.
Wie grausam und verheerend diese Grabenkämpfe an den hintersten Linien des auf dem Rückzug befindlichen Systems sind, wird besonders deutlich, wenn man sich irgendein Land der Dritten Welt ansieht. In jedem Einzelnen von ihnen, sei es nun Mexiko, Indien, Haiti, Südafrika oder die ehemalige Sowjetunion, sieht man buchstäblich Millionen gesund, kräftig und jung aussehender Männer und Frauen an zahllosen Straßenkreuzung und entlang kilometerlanger Hauptstraßen vor sich hin dämmern. Auf einem Tuch oder einem Stück Plastik vor sich bieten sie kleine Pyramiden von Früchten oder einige Gürtel, Ketten, Süßwaren oder etwas Kaugummi, T-Shirts oder Sonnenbrillen feil. Jeder dieser verzweifelten Menschen hat sein „eigenes kleines Unternehmen“. (S. 398ff)
Ein wenig ahnt Bergmann allerdings, daß seine eigene Tradition nicht so unschuldig an der Entfremdung war. Er gibt zu, daß das Zerschlagen bestehender Strukturen eine gewisse Lücke geschaffen hat, die nicht sinnvoll gefüllt werden konnte. Seine Vorschläge zum Füllen der Sinnleere moderner Menschen sind immerhin nicht auf Anhieb etatistisch, er verlangt nicht nach einer idealisierten Staatsgemeinschaft, um den Gemeinschaftsverlust wettzumachen, den er wie folgt beschreibt:
Zu den Verlusten, die wir erlitten haben, gehört der Verlust der Gemeinschaft oder, konkreter gesagt, das Verschwinden des traditionellen Dorfes und damit einhergehend das Schrumpfen der Großfamilie. Wir fühlen uns nicht mehr zu Hause, und das Gefühl, beschützt zu sein, ist uns genommen worden. Die einst wichtige Rolle der Religion ist verblasst, und das bedeutet, dass wir kaum noch ein Gefühl haben für den Zweck oder den Sinn des Lebens und für lebendige Werte, die eine höhere Ordnung repräsentieren. Das bedeutet aber auch, dass die Fülle von Ornamenten und Ausschmückungen, die unser Leben in vergangenen Zeiten reicher und farbenprächtiger gemacht haben, verschwunden ist. Zusammen mit vielem anderen sind fast alle Rituale aus unserem täglichen Leben verschwunden. Weihnachten ist zu einem Einkaufsmarathon verkommen. Ich selbst empfinde das Verschwinden der Rituale besonders stark, denn in dem österreichischen Bergdorf, in dem ich aufgewachsen bin, dauerte ein Begräbnis, an dem im Übrigen das ganze Dorf teilnahm, drei Tage, und die Weihnachtszeit erstreckte sich über gute sechs Wochen. (S. 407)
Wenn es nun gelänge, daß die Menschen doch in der Arbeit Sinn fänden, könnte der Verlust vielleicht kompensiert werden. Ihm geht es dabei darum, Menschen zu emanzipieren, die Arbeit zu tun, die sie „wirklich, wirklich wollen“; dann nämlich würde sie „Vitalität, ein außerordentliches Gefühl übersprudelnden Lebens“ erfüllen:
Und diese Erfahrung ist die entscheidende Antwort, die wahre Antwort auf die vielen Verluste, welche die Ankunft der Moderne und der Säkularisierung uns zugefügt hat. Anders formuliert: Das Leben der alten Kulturen, mit seinen Ritualen und seiner Religion, mit dem Trost und dem Schutz des Dorflebens, mit allen möglichen farbenfrohen und wundervoll theatralischen Feiertagen, hatte durchaus seine reizvollen Seiten.
Doch es kann eine andere Seite geben, die deren Verlust kompensiert. Wenn man zuerst einmal einen Weg heraus aus dem Lohnarbeitssystem sucht und es schafft, eine Arbeit, die man wirklich und wahrhaftig will, zu entdecken und sie dann auch zu realisieren, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass wir eine Fülle des Lebens und eine Energie erleben, die weit wertvoller sind als die Summe der traditionellen Aspekte, die verschwunden sind. Um es noch pointierter zu sagen: Es gibt eine Bedingung, die erfüllt sein muss. Man muss eine Arbeit finden und leisten, die man wirklich, wirklich will. Wenn diese Bedingung erfüllt ist, dann kann das säkulare moderne Leben vielseitiger, dramatischer und köstlicher sein als das Leben unserer Vorfahren.
Das ganz konkret als eine wirkliche Wahl darzustellen, ist sehr hilfreich. Es dürfte nicht schwer sein, sich jemanden vorzustellen, der dem stereotypen Bild eines Menschen entspricht, der eine Arbeit tut, die er wirklich und wahrhaftig will – sagen wir einen Künstler, Schriftsteller oder auch einen überaus produktiven Anthropologen –, der zwischen den Hütten eines Dorfes umherwandert, in dem eine frühe Kultur noch unversehrt und intakt ist. Ein solcher Mensch mag sehr deutlich spüren, dass das Dorfleben bei genauerem Hinsehen zu einengend ist, dass es sich auf einer zu kleinen Bühne abspielt und dass es, was vielleicht noch wichtiger ist, einfach zu gebremst, zu behütet, zu ruhig ist. Deshalb würde er sich aufgrund der Energie, der Vitalität, schlicht und einfach der Lebendigkeit, die sein jetziges Leben ihm schenkt, zu guter Letzt niemals dafür entscheiden, zu dieser Art von Leben zurückzukehren. Seine gegenwärtige Arbeit gibt ihm all das im Überfluss. Wollte er in das Dorf zurück, so könnte er doch nicht bleiben, weil er dieses Gefühl des Lebens einfach zu sehr vermissen würde. (S. 410f)
Neue Arbeit
Doch es ist fraglich, ob man diese Tätigkeiten Arbeit nennen sollte und könnte. Es fehlt hierbei der Aspekt der Wertschöpfung, ganz so als käme es vor allem darauf an, die Menschen zu beschäftigen und bei Laune zu halten. Immerhin geht Bergmann von stupider Arbeitsbeschaffung ab und kritisiert die bisherigen Antworten auf vermeintliche „Krisen der Arbeit“. Einerseits ist dies der Wohlfahrtsstaat, der Einkommensentfall durch bloße Geldzuwendungen kompensieren möchte. Deshalb ist Bergmann auch einem Grundeinkommen gegenüber negativ eingestellt. Die Zuteilung von Geld aktiviere eben keine Lebenskräfte. All diese Ansätze produzierten Lähmung — er bringt das Beispiel der Zerstörung der Gemeinschaften kanadischer Ureinwohner durch Wohlfahrtstransfers. Das sei eben die alte Brot-und-Spiele-Politik, die Probleme nicht löse, sondern langfristig verschärfe:
Und genau hier liegt der Friedhof oder Müllplatz zahlloser wohlgemeinter Programme für verwahrloste Jugendliche, für Frauen auf Sozialhilfe, für Menschen, die aus dem Gefängnis kommen, chronisch arbeitslos oder ganz allgemein einfach arm sind. Diese Programme versagen und verschwenden große Summen Geldes, weil sie die Erlangung eines Arbeitsplatzes als Belohnung versprechen — im Austausch gegen Unterwürfigkeit, regelmäßiges Erscheinen und dafür, dass man sich gehorsam der angebotenen Ausbildung unterzieht. Aber die Art von Jobs, die hier als Köder hochgehalten werden, stellen wahrlich keine Belohnung dar. Sie sind eine Beleidigung, ein Schlag ins Gesicht, oft wegen der Qualität der Arbeit, aber auch, weil sie miserabel bezahlt sind. Jeder, der einmal eine Weile in dem Milieu zugebracht hat, hat nach wenigen Tagen gelernt, dass diese Menschen mit Drogen oder durch Verbrechen mehr Geld verdienen können als mit solchen Jobs. (S. 184)
Auch herkömmliche Entwicklungshilfe kritisiert Bergmann scharf. Dahinter stehe ein Mißverständnis der Mentalität und der Bedürfnisse armer Menschen:
Bei ihnen sind schon so lange Zeit abgetragene Kleidungsstücke, wackelige Möbel und halb verdorbenes Essen abgeladen worden, dass sie oft eine heftige, geradezu allergische Abneigung gegen alles Minderwertige haben, ganz zu schweigen von dem Abfall, aus dem sie sich ein Zuhause basteln. (Ich erinnere mich an Obdachlose, die beleidigt das Geschenk eines Paars getragener Schuhe ablehnten, auch wenn diese in bedeutend besserem Zustand waren als die Schuhe, die sie an ihren Füßen trugen.) Aber dieser Ausdruck hat noch eine andere Bedeutung, die man am besten als die andere Seite der Medaille versteht. Der Hass darauf, sich ewig mit dem Schäbigen und Minderwertigen zufrieden geben zu müssen, das „ja immer noch gut genug für uns ist“, hat eine Kehrseite, nämlich eine Lust, einen brennenden Durst nach dem Hochwertigen, dem Schicken, dem Beeindruckenden, nach etwas, das ganz besonders „cool“ ist. \[…\]
Nehmen wir doch einmal den Solarkocher, der in der Dritten Welt schon fast zur Legende geworden ist. Er ist ein treffendes Beispiel dafür, wie kontrovers und provokativ diese scheinbare Plattitüde in Wirklichkeit ist. Dieser Kocher ist inzwischen geradezu zu einem Witz geworden, aber er ist nur eines von Tausenden Beispielen für ideologisch befrachtete Konzepte. Für manche Menschen ist das Konzept der Solarenergie dem Konzept des Göttlichen so nahe, dass sie diesen Sonnenkocher mit einer missionarischen Inbrunst verbreitet haben wie andere die Heilige Schrift. Die erste Frage, die ihnen gestellt wurde, war dann natürlich: „Ist dieser Blechtopf das, was die Menschen in Ihrem Land benutzen? Nein? Nun, warum geben Sie uns dann nicht dieselben Mikrowellengeräte, die Sie selbst benutzen, und bitte, mit allen Knöpfen und Drehschaltern?“
In den Massengräbern der gescheiterten „Entwicklungsprojekte“ liegen auch viele Projekte, deren ideologische Voreingenommenheit weniger sichtbar ist — wenigstens für uns. Wie viele „Workshops“ in abgelegenen peruanischen Dörfern gehen gedankenlos davon aus, dass die „Herstellung eines Dialogs“, die „Verstärkung des Problembewusstseins“, die „Ermutigung zu mehr Teilnahme“ und die Pflege des kleinen Schößlings unseres Demokratieverständnisses ganz offensichtlich und selbstverständlich der Beginn einer jeden Entwicklung sein muss. Die Entwicklungshelfer sind oft dermaßen von ihrem eigenen Stand der Gnade geblendet, dass sie nicht einmal wahrnehmen, wie müde, passiv und gelangweilt ihre Zuhörer aussehen und mit welch abgrundtiefer Resignation noch ein weiteres Komitee eingerichtet wird. (S. 180f, S. 187)
Was bietet Bergmann nun als Alternative? Eine der klügeren Abundanzutopien (siehe letzte Scholien, S. 199). Er spricht von einer postindustriellen Ära, die durch neue Technologien und eine neue Organisation der Arbeit von der Massenproduktion wieder zu einer dezentralen Werkstättenproduktion zurückkehren würde. Besonders große Hoffnung setzt er dabei in 3D-Drucker. Auf deren Bedeutung habe ich bereits in Scholien 04/11, S. 37f hingewiesen. Diese Bedeutung sah ich allerdings weniger ökonomisch als medial, nämlich als typische Hype-Technologie, was sich unserer Zeit natürlich in den „ökonomischen“ Erfolg von entsprechenden Aktientiteln übersetzt. Die mühelose Wertschöpfung kann ich darin noch nicht erkennen. Bergmann geht davon aus, daß man mit entsprechendem Wissen und den entsprechenden Werkzeugen jedermann dazu befähigen könne, mit geringen Mitteln moderne Konsumgüter herzustellen. Besondere Bedeutung habe dabei die Informationstechnologie. Man kann so überall Baupläne herunterladen und ausführen, indem Werkzeuge über Heimrechner gesteuert werden. Er hält es für eine unglaubliche Verschwendung des technologischen Potentials, daß die einzig rechnergesteuerte Maschine in unseren Haushalten allenfalls ein Drucker ist. Wir könnten dann damit auskommen, weit weniger fertige Konsumgüter passiv zu bestellen, sondern würden günstigere Bestandteile und Baupläne beziehen. Das erinnert an das IKEA-Prinzip. Dieses sähe er gerne auf komplexere Produkte ausgedehnt:
Wir müssten von den mittelgroßen Unternehmen, in die bereits ein großer Teil der Herstellung ausgelagert worden ist, zu den kleineren und eleganteren Werkstätten fortschreiten \[…\]. Und zweitens müssten wir \[…\] jedes Produkt derart neu entwerfen, dass das Zusammenbauen in der Tat ein unkomplizierter und sauberer Vorgang wird und mit relativ wenigen und ganz gewöhnlichen Werkzeugen zu erledigen ist. Dazu wird es natürlich nötig sein, das Produkt völlig neu zu überdenken und es schlichter und sachlicher zu machen. Das bedeutet, dass manches von dem Luxusschnickschnack wegfallen muss, aber für viele von uns wäre das wohl eher eine Erleichterung als ein Verlust. Viele der Absurditäten, die heute zum Design unserer Produkte gehören, sind nicht im Mindesten funktional, sondern werden den Dingen hinzugefügt, damit man sie besser verkaufen kann, damit man in der Werbung irgendetwas, das sich prickelnd oder sexy anhört, darüber sagen kann. Der größte Teil davon könnte wegfallen, wenn wir die Dinge direkt für unseren eigenen Gebrauch selbst herstellen würden und sie nicht Massenprodukte für den Markt wären. Drittens müssten wir die Software und die Infrastruktur entwickeln, die es dem Kunden erlauben würden, einen kompletten Satz der Teile für das gewünschte Produkt möglichst mit einem Klick von einer der etwa 30 Werkstätten zu bestellen — und zwar nicht aus Thailand oder Singapur, sondern aus der Gegend, in der der Kunde lebt. \[…\] Die Grundlage wird ein Netzwerk kleiner, lokaler Produktionswerkstätten sein. Die Käufer würden die Produkte zum Teil selbst entwerfen, sie vereinfachen und sie nach ihren Wünschen zusammenstellen. Dann würden sie ihre Bestellung per Computer an dieses Netzwerk abschicken, welches die Teile dann in die Montagewerkstatt in der Nachbarschaft liefert, wo den Kunden nicht nur die nötigen einfachen Werkzeuge zur Verfügung stehen, sondern auch Berater, die ihnen beim Zusammenbauen helfen können. (S. 216, 218)
Damit adaptiert Bergmann wieder eine marxistische Prognose: der „Kapitalismus“ verkauft nicht den Galgen, auf dem er aufgehängt wird, sondern produziert die Technologien, die ihn „zerstören“. Diese Aussage ist nur dann verständlich, wenn wir uns bewußt sind, daß dies eine Aussage in Symbolsprache, gewissermaßen eine mythologische Formulierung ist, keine logisch-analytische Position.
Bergmann nennt seine Utopie „Neue Arbeit“. Er spricht selbst nicht von einer Utopie, hält sie für sofort realisierbar. Es gehe dabei bloß um die freiwillige Reduktion der Erwerbsarbeit zugunsten von zwei neuen Arbeitsformen: „High-Tech-Eigen-Produktion“ und „Arbeit als calling“ (Berufung). Diese Wirtschaftsform sei eine wahre Alternative zu unserer Konsumgesellschaft, der vermeintlich die Arbeit ausgeht:
Die Wirtschaftsform der Neuen Arbeit unterscheidet sich grundsätzlich von der Form der Wirtschaft, die wir gegenwärtig haben. Man könnte unsere jetzige Ökonomie eine Wirtschaft des maximalen Kaufens nennen. Wie in anderen großen Landstrichen auf dieser Welt haben die Menschen in der kleinen Stadt in Kansas Schritt für Schritt alle anderen produktiven Tätigkeiten aufgegeben, denen sie zuvor nachgegangen waren. Ihre Felder lagen brach und es gab keine Kühe mehr auf den Weiden. Und dies aus gutem Grund. Die Farmen in diesem Teil von Kansas waren nicht mehr wettbewerbsfähig. Tatsächlich hofften die Einwohner der Stadt, mit dem in ihren Augen komischen Teilchen, das sie herstellen wollten, genug Geld verdienen zu können, um praktisch alles, was sie zum Leben brauchten, kaufen zu können. Die dramatische Absurdität dieser Ökonomie liegt in der Tatsache, dass nichts im eigenen Umfeld hergestellt wird und man darauf hofft, von dem leben zu können, was man mit irgendeinem abstrusen Ding verdienen kann, das man, in der ganzen Welt vertreiben zu können hofft.
Die Ökonomie der Neuen Arbeit ist das genaue Gegenteil davon; sie ist eine Wirtschaft des minimalen Kaufens. Sie ähnelt dem ursprünglichen Archetyp der bäuerlichen Wirtschaftsformen, die Tausende von Jahren überlebt haben, jedoch mit dem großen Unterschied, dass die Menschen in der Neuen Arbeit nicht nur ihre eigene Butter und ihr eigenes Brot produzieren, sondern auch ihre eigene Elektrizität, ihren eigenen Zement, ihre eigenen Kühlschränke und Fernsehgeräte und schließlich auch ihre eigenen Autos. In beiden Ökonomien, der bäuerlichen und der der Neuen Arbeit, kaufen die Menschen nur, was sie kaufen müssen, weil sie es nicht selber herstellen können. (S. 315-316)
Das klingt alles ein wenig zu gut. Die praktischen Projekte, die Bergmann bisher durchgeführt hat, erzielten zwar zum Teil enthusiastische Rückmeldungen der Beteiligten, hatten aber den üblichen ökonomischen Schönheitsfehler: ihre Wertschöpfung war negativ, das heißt, sie generierten kein Geld, sondern verbrauchten Geld. Gewiß, der Maßstab des Geldes, insbesondere des heutigen Scheingeldes, ist ein unzureichender. Doch besagter Geldstrom steht eben auch für einen Güterstrom: daß mehr Konsumgüter verzehrt als geschaffen wurden. Das Geld dafür kam von Großkonzernen, die ihre Belegschaft bei Entlassungen und Arbeits- und dadurch Lohnkürzungen bei Laune halten mußten. Bergmann handelte folgenden Deal aus: Er garantierte General Motors, daß sich die Belegschaft nicht gegen Entlassungen auf dem Wege gewerkschaftlicher Zwangsmittel wehren würde, dafür erhielt sein Beschäftigungsprogramm eine Subvention. Zudem erbettelte er Gelder von Stiftungen, die er davon überzeugte, „Stipendien“ ausnahmsweise nicht an Künstler und Akademiker zu vergeben, sondern an „normale Menschen“, damit diese tun können, was sie „wirklich“ wollen. Dieses Geld sollte kein Almosen sein, sondern die „Arbeit, die die Leute ernstlich tun wollen“, höher bezahlen als „die Fülle von Arbeit, bei der die Leute nur den Anschein erwecken, als würden sie ernsthaft arbeiten“. In „wirklich“ und „ernstlich“ steckt eine gewisse Annahme und letztlich auch ein gewisser Druck, daß ein Amerikaner der Unter- und niederen Mittelschicht eigentlich lieber etwas produzieren würde als fernzusehen, wenn man ihn nur ermutigte und mit geeigneten Werkzeugen ausstattete. Bergmann verspricht vollmundig, zu den Kosten eines traditionellen Arbeitsplatzes 1000 Menschen und mehr die wichtigsten Technologien der High-Tech-Eigen-Produktion zugänglich machen zu können. Was sie daraus dann machen, ist natürlich offen, wenngleich Bergmanns Versprechen auch hierzu vollmundig sind und den utopischen Charakter seines Zugangs offenbaren:
Dieses Verhältnis von 1:1000 ist der Kern und die Substanz unseres Angebots. Dann muss noch gesagt werden, dass das, was wir 1000 Menschen anbieten, mehr wert ist als Arbeitsplätze. Denn wir werden unser Bestes tun, diese Menschen in die Lage zu versetzen, ihre eigene Elektrizität zu erzeugen, und zwar mit Generatoren, die sie in einer kleinen Werkstatt selbst herstellen, welche sie als Kooperative besitzen. (Ein Teil des Rohmaterials wird wiederverwendetes Plastikmaterial aus Milch- und Mineralwasserflaschen sein.) Wir werden dasselbe in Bezug auf Nahrung (durch den Gebrauch von Permakultur) und Trinkwasser tun (wobei ein Filter verwendet wird, den die Leute wiederum selbst in einer kleinen Werkstatt herstellen können). Außerdem werden wir ihnen helfen, ihre eigenen Häuser zu bauen — wahrscheinlich mit Hilfe einer kleinen mobilen Fabrik, in der sie ihren eigenen Zement herstellen können. Außerdem werden wir sie anleiten, ihre eigenen Küchenherde und Küchenutensilien herzustellen (aus wiederverwendetem Aluminium) ... Auf diese Weise können wir weitermachen, bis wir beinahe die gesamte Liste der 38 Gegenstände aufgezählt haben, welche die Grundlage für ein fröhliches menschliches Leben darstellen. (S. 248f)
Sein bislang größtes Projekt wäre fast eine Idee geblieben, denn die Arbeiter waren mit dem Deal zunächst nicht einverstanden. In der Tat klingt er auch ein wenig danach, eine massive Lohneinbuße hinzunehmen und dafür in einer Art Spielgruppe für Erwachsene beschäftigt zu werden. Doch einige Frauen waren Feuer und Flamme und setzten sich dafür ein. Sie waren bereit, nur noch ein halbes Jahr in der Fabrik zu arbeiten und dafür die restliche Zeit tun zu können, was sie wollen. War das nicht bloß eine Gegenreaktion auf die vermeintlich „belebende Strömung“, die sie ins Berufsleben gedrängt hatte? Vielleicht suchten sie nur ein Alibi, um im Namen einer progressiven Idee wieder mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Ob sie aus Begeisterung für Hochtechnologie und Heimwerken zu den ersten Verfechtern der Bergmannschen „Neuen Arbeit“ wurden, wage ich in Zweifel zu ziehen. Bergmann jedoch war davon überzeugt, daß es seine Ideen waren, die Begeisterung auslösten. Wann immer er bei der High-Tech-Eigenproduktion selbst Hand anlegen wollte, hätten ihn die Leute gebeten, sich doch auf die Philosophie zu konzentrieren. Ich Schelm deute auch das freilich etwas anders, aber seine Deutung ist – zugegeben – die schönere:
Ich könnte stundenlang Anekdoten darüber erzählen, wie kostbar und wichtig selbst sehr abstrakte Ideen gerade für diese Menschen, die wir manchmal gedankenlos und herablassend auch als „ungebildet" bezeichnen, sind, mit wie viel Ehrfurcht sie darauf reagieren und wie viel Gewicht und Bedeutung sie ihnen beimessen. Dies steht in scharfem und meiner Meinung nach nicht sehr schmeichelhaftem Kontrast zu der Art und Weise, wie Intellektuelle, Akademiker und wahrscheinlich ganz besonders die Angehörigen meines eigenen Berufsstandes, die professionellen Philosophen, mit Ideen umgehen. In den Kreisen, in denen ich einen großen Teil meines Lebens verbracht habe, hat man eine sehr viel zynischere Einstellung zu Ideen. Man behandelt sie eher wie Spielzeuge, wie Basteleien, mit denen man Spiele spielt, so wie man mit Bällen oder Tellern jongliert. Mich hat oft die Ernsthaftigkeit beeindruckt, mit der viele der wenig gebildeten Menschen an die Objekte in der Welt der Ideen herangehen. Wir müssen uns nur daran erinnern, welch unglaubliche Opfer gerade die „unteren Klassen“ immer wieder in Kreuzzügen und Kriegen gebracht haben. Und das durchaus nicht immer für edle Ziele. Ganz im Gegenteil, sehr viele haben für schändliche, schäbige und schlecht fundierte Ideen ihre Gesundheit ruiniert oder ihr Leben gelassen. Aber genau das ist der springende Punkt: Ideen sind oft weit wichtiger für Menschen, die kaum lesen können, als für viele derjenigen, die unsere Universitäten bevölkern. (S. 358f)
Ich habe seinen Vorschlägen so viel Platz gegeben, weil sie – ganz im Sinne Otl Aichers – doch praktische Philosophie sind, aus der sich wohl so einiges lernen ließe. Sofern es allerdings gelingt, die Politik und kurzfristige Massenhysterie herauszuhalten. Denn die Scheingeldströme der Politik und die Scheinaufmerksamkeitsströme der Massenmedien verzerren das Spielfeld so gewaltig, daß sich nichts mehr lernen läßt. Es ist dann nicht mehr absehbar, ob sich eine Idee selbst in der Realität behauptet, oder nur als Fassade dient, hinter der sich eine zweite – die eigentliche – Realität abspielt.
Natürlich greifen all die genannten Lösungsvorschläge zu kurz, weil sie die Probleme nicht in ihrer Tiefe erfassen. Darum geht dann doch die Theorie der Praxis voraus. Es ist harte Ideenarbeit, an den Kern von Problemen zu stoßen, ohne dabei den Fehlern des Intellektuellen zu erliegen.
Die Probleme werden gewiß noch deutlicher und drängender werden. Ja, die „Arbeit“ im Sinne von Arbeitsplätzen, deren Produktivität diese tyrannischen Steuersätze erlaubt, wird uns ausgehen; und zwar in noch größerem Ausmaß, wenn wir Technologien zurückdrängen oder anderswie politisch „gegensteuern“. Wir befinden uns in der Phase eines – vorerst künstlich verschleierten, teilweise rückgestauten – Produktivitätseinbruchs der breiten Masse. Das ist die Folge eines Kapitalverzehrs, der sich momentan gerade wieder als „Investitionen“ ausgibt. Leider ist eben in der Ökonomie oft das von Bedeutung, was man nicht sieht. Wir sehen nur die Oberfläche, an der es dann weniger Arbeitsplätze in bestimmten Bereichen, höhere Preise in anderen gibt. Wir sehen nicht, in welchen neuen Bereichen Menschen für andere wertschöpfend tätig sein könnten, wenn diesen nicht der Kapitalverzehr den Boden abgraben würde. Im alten Wien, das so berühmt für seine Musik ist, lebten Musiker auch nicht von algorithmisch berechneten Mikrozahlungen, staatlich zugeteilten Schutzgeldern oder Beschäftigungsprogrammen, sondern der Zahlungsfähigkeit eines kapitalreichen Bürgertums, das sich Salons und Mäzenatentum leisten konnte.
Als ob die drängendste Verwendung der Kreativität junger Menschen heute wirklich neue Youtube-Videos, Digitalmusik oder Digitalfotos wäre! Nichts gegen diese Medien und die neuen Möglichkeiten kreativen Ausdrucks, aber Verdienst kommt eben von Dienen und braucht einen konkreten Nächsten, dem die Sache freiwillig mehr wert ist als sie an Ressourcen verschlingt. Die neuesten Ideen haben oft den längsten Bart.
Die Ideen haben uns vorerst genug Arbeit beschert. Ich hoffe, diese Scholien waren dem geduldigen Leser diesmal keine zu große Qual. Viel Einsicht beschert der Schmerz; und der Schmerz über mangelhafte Ideen ist noch harmlos gegenüber den Schmerzen, die eintreten, wenn diese Ideen zu arbeiten beginnen. Im besten Fall scheitern die Ideen am Menschen, im schlechtesten Fall scheitert der Mensch an den Ideen.
Literatur
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