Gewächse – Scholien 04/12
Bedienungsanleitung
Dieses Büchlein enthält persönliche Gedanken und Beobachtungen sowie ausgewählte Texte und ist primär für Seelenfreunde des Verfassers gedacht. Mit Scholion bezeichnete man ursprünglich eine Randnotiz, die Gelehrte in den Büchern anbrachten, die ihre ständigen Wegbegleiter waren. Als Bücher noch teuer und selten waren, wurden sie oft geteilt und die geistige Auseinandersetzung wurde in Kommentaren zur gemeinsamen Lektüre geführt. Heute gibt es so viel mehr zu lesen, aber nur wenige haben dazu die Muße.
Ich habe es zu meiner Berufung gemacht, viel zu lesen und zu schreiben. Die Scholien sind eine Anregung für Vielleser, aber vielmehr noch eine Dienstleistung für Wenigleser. In dieses kleine, handliche Format versuche ich die Erkenntnisse aus meiner umfangreichen Lektüre zu komprimieren und so mit meinen Freunden eine große Bibliothek zu teilen. Die meisten zitierten Werke sind in unserer Institutsbibliothek vorhanden und können von Mitgliedern entliehen werden (bitte um Voranmeldung per E-Mail). Doch es ist kein bloßes Bücherwissen, das ich vermitteln will. Immer wieder beziehe ich mich auf die Realität abseits der Bücher, denn die Theorie – die Anschauung – ist nur da sinnvoll, wo sie etwas zu schauen hat. Mit meinen Kollegen im Institut für Wertewirtschaft verstehe ich mich als praktischer Philosoph. Die Scholien jedoch sind kein systematisches philosophisches Opus, sondern sammeln gewissermaßen die Späne, die mir beim geistigen Bearbeiten der größeren Scheite für das Feuer der Erkenntnis zufallen.
Das Motto vornan ist zufällig aus dem Text gewählt, dazu gestaltet die Künstlerin Ingeborg Knaipp den Umschlag. Das Lektorat übernahm diesmal Benjamin Koch, der mir ebenfalls beim mühevollen Erstellen der Exzerpte aus meiner stets vieltausendseitigen Lektüre half; Johannes Leitner erstellte das Literaturverzeichnis. Barbara Fallmann nimmt mir viel vom praktischen Aufwand ab, der anfällt, um meine Gedanken in die Postfächer der Leser zu befördern und meine Leser zu betreuen. Die zahlreichen Zitate sind meist eigene Übersetzungen. Die verwendete Literatur ist gesammelt am Ende angeführt. Administrative Anfragen bitte an [email protected] senden, inhaltliche Anregungen und Fragen bitte an [email protected]. Falls der geschätzte Leser dieses Exemplar zur Ansicht erhalten hat, würde ich mich freuen, ihn auch künftig als Adressat dieser freundschaftlichen Korrespondenz zu wissen:
wertewirtschaft.org/scholien/
Geistesgärten
Geschätzter, genügsamer Leser,
Wieder nähert sich ein Jahr in Windeseile dem Ende, und ich tue gut daran, mein Versprechen einzulösen, zumindest in jeder Jahreszeit eine Ausgabe der Scholien fertigzustellen. Der Sommer ging fast nahtlos in den Winter über, und damit sollten auch die Ablenkungen abnehmen. Doch wir sind mittlerweile sehr gut darin, künstliche Ablenkungen zu schaffen, wo uns natürliche fehlen. Immerhin habe ich mich nun an unserem neuen Institutssitz eingelebt, und der Übersiedlungsstreß konnte wieder der Muße weichen. Für letztere bieten sich bei uns die besten Bedingungen, inmitten des zuletzt beschriebenen Bücherschatzes finden sich ein prachtvoller Salon und eine exquisite Küche – die idealen Voraussetzungen zum Philosophieren. Nur der Garten fehlt, wie das im urbanen Dschungel meist der der Fall ist. Diesen Mangel werden wir wohl bei der nächsten und vermutlich letzten Übersiedlung beheben.
Da ich dem Garten soviel Augenmerk in unserem Buch über Systemtrotteln schenkte, stößt es gelegentlich auf Enttäuschung, daß ich selbst noch gar keinen richtigen Garten mein Eigen nenne (nur in manchen Gärten mitgärtnere). Das bedaure ich selbst manchmal, doch der Garten ist mir vor allem Sinnbild: Für ein wohlgeordnetes, umfriedetes, eigenständiges Refugium des unabhängigen Wirkens. Ein solcher Garten ist auch unser Institut. Die Form ist dabei nicht unwesentlich, doch nicht das Wesentlichste – der geistige Inhalt vielmehr entscheidend. Und dabei ist ebenso viel zu säen, zu gedulden, zu gießen, manch Unkraut zu jäten und stets fehlerfroh zu experimentieren.
Wie so oft geht auch beim Garten das Geistige dem Materiellen voraus, manifestiert sich die Idee im Wechselspiel mit der Natur. Gärten sind weder reine Naturgebilde, noch reine Kulturbauten, sondern ein faszinierendes Mittelglied. Deshalb halte ich sie für so wertvolle Sinnbilder. Das naturferne Schaffen unserer babylonischen Zeit der Hybris führt als Gegenreaktion zur Überhöhung der reinen Natur. Wer den Menschen schätzt, wird aber in seinen Ordnungsbemühungen, sofern sie klein und individuell und nicht interventionistisch und übertrieben sind, stets etwas Liebenswertes sehen.
Wie das Geistige seine Ordnungsspuren im Materiellen zeigt, illustriert eine Anekdote, die mein Kollege Eugen Maria Schulak mit mir teilte: Hinter dem grandiosen Palmenhaus in Schönbrunn (Wien) gibt es einen japanischen Garten. Dieser war, so erzählt mir Eugen, in Vergessenheit geraten und längst überwachsen. Er war 1913 angelegt worden, doch nach den Kriegen erinnerte sich bis in die 1990er-Jahre niemand mehr an dessen ehemaliges Bestehen. Niemandem fiel auf, daß sich der Flecken im Schönbrunner Schloßgarten von anderen unterschied. Bis in Wien weilende Japaner anhand kaum sichtbarer Spuren Proportionen erkannten, die denen der japanischen Gartentradition entsprachen. Schockiert beschwerten sie sich, daß man einen japanischen Garten so verkommen hatte lassen. Doch die Verantwortlichen waren sich der Existenz dieses Gartens überhaupt nicht bewußt. 1998 wurde er schließlich mit japanischer Hilfe wieder hergestellt.
Mit einiger Verbitterung stelle ich fest, daß nur wenige Minuten von unserem vorherigen Institutssitz im gartenreicheren Döbling ein japanischer Garten lag. Es verblüfft, wie oft wir das Nächstliegende übersehen. Bei all dem Gedränge um Fernreisen vernachlässigen wir die zahlreichen Nahreisen, die uns zu einem Bruchteil der Kosten bei der richtigen Einstellung noch größere Abenteuer und Eindrücke bescheren könnten.
Zwangsgärten
Eugen hält japanische Gärten für den Inbegriff des Zwanges. In dieser Tradition werden in der Tat Bäume zu Kunstformen geknebelt. Im japanischen Garten geht es darum, besondere Aspekte der Natur hervortreten zu lassen und besondere Stimmungen zu konservieren. Damit ist er immer noch naturverbunden – in einer eigentümlichen Weise. Womöglich erscheinen einem japanischen Gartenmeister seine Gärten gar als naturnäher im Vergleich zu den westlichen, die natürlicher aussehen, aber in ihrer Natürlichkeit meist ebenso künstliche Arrangements sind. Wesentlich mehr Gewicht scheint die japanische Tradition jedenfalls auf die Wahrnehmung zu legen, auf das meditative Erfassen des Garten. Im Steingarten etwa soll sich das Auge des Gärtners manifestieren und dem geneigten Betrachter in der Auswahl und Anordnung etwas vermitteln. Die Ordnung ist wesentlicher als das Element – der Stein. Der Mensch ist dabei wichtige, vielleicht wichtigste Zutat des guten Gartens. Garten und Mensch bedürfen einander.
Zwar scheint der japanische Gärtner deutlicher zu wirken, doch von Zwang sollte man hierbei nicht sprechen. Sonst wäre es ja schon Zwang, einen Baum zu versetzen. Ich vermute, daß ein japanischer Gärtner nicht davon ausgeht, bei seinem Wirken der Natur Gewalt anzutun, sondern etwas in der Natur sichtbar zu machen, das sonst unerkannt bliebe. Ein kräftiger Gegensatz hierzu ist die westliche Tradition der Machtgärtner. So sprach etwa der totalitäre Frühsozialist Saint-Simon von ce plaisir superbe de forcer la nature (dieses superbe Vergnügen, der Natur Gewalt anzutun). Der Gegensatz zum japanischen Zugang wird bei den Gärten von Versailles deutlich, wie Robert Harrison es schön beschreibt:
Weit davon entfernt, die Mittel bereitzustellen, »durch die sich Natur und Kunst in seinem Bild miteinander verschmelzen ließen«, hat der Architekt von Versailles (André Le Nôtre) anscheinend zunächst einmal ein Heer menschlicher Bulldozer auf den Plan gerufen, um alles zu beseitigen, was dort wuchs, und das Gelände in eine flache, leere Ebene zu verwandeln, auf die er den Generalplan projizieren konnte. Man kommt nicht umhin, vor dieser völligen Beherrschung der Natur ein Zittern der Beklemmung, wenn nicht der Furcht zu empfinden. Das ist natürlich genau die Art von Reaktionen, die der Park hervorrufen soll — ein nahezu geducktes Gefühl der Beklommenheit angesichts der Macht, die ihm diese Form aufzwang. (Harrison 2010,S. 164)
Die Vorgeschichte von Versailles macht ebenso beklommen. Der Sonnenkönig wurde von einem seiner Minister in dessen neuen Garten eingeladen. Das grandiose Arrangement weckte den Neid des Königs – wie konnte sich ein Höfling nur erfrechen, einen grandioseren Garten als der König selbst zu haben! Der Minister endete im Verlies, und der Sonnenkönig beauftragte denselben Architekten, einen noch grandioseren Garten anzulegen – eben den in Versailles. Auch dort sind die Pflanzen zugeschnitten und in Form gebracht, doch nicht, um die Perspektive eines Künstlers auf die Natur auszudrücken, sondern eher um zu imponieren. Es ist kein Garten mehr, sondern ein Park – einer, der keine Naturerfahrung, kein lebendiges Ordnen, sondern menschliche Mängel ausdrückt:
Laster lassen sich jedoch gerade ebenso kultivieren wie Tugenden, und das, was wir im Park von Versailles sehen — nicht repräsentativ, sondern sozusagen transsubstantiell —, sind Laster, die außerordentlich kultivierte Formen angenommen haben. Für manche ästhetischen Sensibilitäten ist ein überaus raffiniertes Laster weitaus schöner als jede ernsthafte Tugend. Laster geben sich nämlich leichter für die Transfigurationen der Form her als Tugenden, und das ist einer der Gründe dafür, dass erstere in einer höchst förmlichen Umgebung wie Versailles so gut gedeihen. Das Kultivieren von Neid, Gehässigkeit, Hochmut oder Habgier verwandelt diese Laster nicht in Tugenden; im Gegenteil, dadurch, dass es sie außerordentlich stark reglementierten Regeln und Normen unterwirft, verleiht es ihnen einen Stil, der sie erhaben macht, dabei aber ihr boshaftes Wesen unangetastet lässt. Der Park von Versailles erzielt eine Wirkung, die genau in diese Richtung geht. (S. 166)
Ich kenne nur die Versailles-Kopie Schönbrunn gut. Dort gibt es immerhin Wäldchen und einen Hügel. Ein wenig Unbehagen bereitet mir stets, daß sich ganze Kolonnen von Parkbeamten auf motorisierten Wägen gestaltend um die Struktur bemühen. Aber als Städter ist man letztlich für jede Grünzone dankbar, und die imperiale Weite ist doch ein angenehmer Kontrast zur urbanen Enge. Der Barockpark ist mehr Landschaftskunst als ein Garten. Sympathisch ist er mir eher, wenn ein konkreter Künstler dahinter steht, der mit und in dem Garten lebt. So wie dies etwa der Florist Christian Kis tut, der im oberösterreichischen Schiedlberg auf einem geerbten 7000 Quadratmeter Grund seinen eigenen Barockgarten schuf. Ich selbst fühle mich in einem „Park“ wie den Wiener Steinhofgründen weitaus wohler, wo Rehe über weite Wiesen laufen, die nicht planiert und in ein Schachbrettmuster gefaßt wurden, kann aber künstlerischer Landgestaltung, sofern kein lasterhafter Politprotz dahintersteht, durchaus viel abgewinnen.
Theoretische Probleme
Unlängst suchte ein Freund unserer Arbeit bei mir Rat in Sachen Gärten. Ein Unternehmen wünscht sich einen Betriebsgarten, und dieser wäre zu gestalten. Kein einfaches Unterfangen. Praktisch ist es schon schwierig, doch das ist noch nichts im Vergleich zu den theoretischen Schwierigkeiten. Das klingt für moderne Ohren vielleicht absurd. Kann etwas praktisch leicht und theoretisch schwierig sein? Bedeutet das nicht bloß, daß sich hier ein allzu kopflastiger Mensch sein Leben absichtlich erschwert?
Ich habe schon einmal die wahre Bedeutung der Theorie als höchste Form der Praxis erläutert. Die einfache Praxis ist jene, die bloß tut, also unmittelbar die Hand ranläßt, bevor Hirn und Herz noch eine Gelegenheit hatten, Einspruch zu erheben. In Abwandlung eines Kantschen Wortes sage ich gerne: Anschauung ohne Tun ist leer, Tun ohne Anschauung ist blind. Praxis und Theorie sind die griechischen Entsprechungen von Tun und Anschauung. Anschauung, die dem Tun zugewandt ist, bezeichne ich als praktische Philosophie; darin üben wir uns am Institut für Wertewirtschaft. Die meiste Anschauung ist in der Tat leer: Nabelschau, Selbstbetrachtung, Hirngespinste, Ideologien, Meinungen. Ich befürchte, der größte Teil der Philosophie und Ökonomie fällt darunter. Weil die reale Welt zu unbequem und mühsam ist, erfinden die Denker Scheinwelten, um die sie sich Scheingefechte liefern.
Doch die leere Anschauung ist nicht das Hauptproblem unsere Zeit. Sie ist relativ harmlos. Ihr Schaden besteht bloß darin, daß sie die nötigen Nebelgranaten wirft, um das blinde Tun vor der kritischen Nachfrage zu decken. Im professionellen Fall arbeiten Intellektuelle an der Verwirrung der Welt, indem sie Dinge „problematisieren“, die erst durch sie zu Problemen werden. Oder sie „kritisieren“, ohne wirklich, wie es Kritik dem Wortsinne nach verlangt, das Wahre säuberlich vom Falschen, das Gute vom Schlechten, das Schöne vom Häßlichen zu trennen, und damit würdigend und heilend wirken, sondern pauschal ablehnen, was der Zeitgeist gerade als unkorrekt brandmarkt. Im Fall des Laien ist die leere Anschauung nur ein Zeitvertreib, eine Ablenkung, eine Mode, ein Distinktionsmerkmal. Abends greift man zur wohldosierten, bequemen, unterhaltsamen Philosophie am Nachtkästchen, während untertags die blinde Praxis ganz unberührt davon bleibt.
Letztere halte ich für das viel größere Problem. Es ist das Tun der „Praktiker“ und „Pragmatiker“ unserer Zeit, die viel berechenbarer sind, als es der Mensch jemals sein darf. Womöglich kamen die Modelle der leeren und blinden Ökonomie unserer Zeit auch deshalb in Mode, weil sich die Menschen modellierbarer verhalten.
Etwas kann praktisch einfach, aber theoretisch schwierig sein, wenn es zwar alle tun, aber wenige darüber nachdenken. Oft hat das zwar seine Berechtigung: Das meiste Tun ist unreflektiert, aber dadurch nicht schon falsch. Wer keine Tat ohne vorherige Anschauung setzt, geht elend zugrunde – dann agiert der Geist ohne Rücksicht auf seinen Körper. Der übertriebene Rationalismus ist falsch und gefährlich: der Gedanke, daß unsere Vernunft stets recht hat und jedem Instinkt und Gefühl, jeder Tradition und Gewohnheit, jeder Kultur und Natur überlegen ist. Übertriebener Rationalismus ist höchst irrational. Es ist kein Zufall, daß unsere Zeit, die an das Dogma der universellen, egalitären, totalen Rationalität glaubt, eine Gläubigkeit zeigt, die unreflektierter und dogmatischer ist als die der meisten traditionellen Religionen. René Girard, auf den ich noch eingehen werde, schreibt spöttisch:
Seit der Zeit der Aufklärung \[…\] stellt \[man\] sich die ersten Menschen als lauter kleine Descartes hinter ihrem warmen Ofen vor und meint, sie hätten sich die Institutionen, die sie sich geben wollten, zwangsläufig zuerst in abstrakter, rein theoretischer Form vorgestellt. Dann, im Übergang von der Theorie zur Praxis, hätten diese ersten Menschen diesen Entwurf verwirklicht. Keine Institution, heißt es, könne ohne eine vorgängige Idee existieren, die deren praktische Ausführung leitet. Diese Idee determiniere also die realen Kulturen.
Wären die Dinge tatsächlich so abgelaufen, hätte das Religiöse in der Entstehung der Institutionen überhaupt keine Rolle gespielt. Was es in dem rationalistischen Kontext, in dem sich die klassische Ethnologie noch immer bewegt, tatsächlich nicht tut — es ist zu nichts nütze. Es kann nur überflüssig, oberflächlich, aufgepfropft, anders gesagt: abergläubisch sein.
Wie läßt sich dann die universale Präsenz dieses überflüssigen Religiösen im Zentrum aller Institutionen erklären? Wird die Frage in einem rationalistischen Kontext gestellt, gibt es nur eine wirklich logische Antwort, nämlich die von Voltaire: Das Religiöse muß sich die nützlichen Institutionen von außen her, schmarotzerisch, zunutze gemacht haben. Es sind die »schurkischen und gierigen« Priester, die sie erfunden haben, um die Leichtgläubigkeit des einfachen Volkes für die eigenen Zwecke zu mißbrauchen. (Girard 2002, S. 116f)
Blindes Tun
Manche Taten haben aber erst durch die richtige Anschauung Bedeutung. Der Mensch ist ein geistiges Wesen und vermag es, Handlungen zu setzen, die einen höheren Sinngehalt aufweisen als das rein instinktgemäße Überleben. Das blinde Tun ist in diesen Fällen ein reiner Cargo-Kult: die Imitation einer Handlungsweise ohne Übernahme des Sinns dahinter. Ein erschreckend großer Teil des Handelns eines typischen überzivilisierten, aber unterkultivierten Menschen unserer Zeit ist derart sinnentleert und dadurch letztlich nicht zielführend.
Besonders deutlich fällt dies im Politischen auf. Immer wieder drängen sich mir politische Initiativen auf, die sich alle verbissen aus dem Wutbürgerdasein emanzipieren wollen. Die Zahl der solcherart Bewegten nimmt laufend zu. Bald wird es wohl mehr Parteien als Wähler geben. Ohne Ausnahme erschöpft sich jede dieser Initiativen bislang darin, in Selbsthilfegruppen in grotesker Ernsthaftigkeit Programme zu erarbeiten und dann die Euphorie von Geistesgestörten um sich zu verbreiten, um damit zu missionieren.
Noch nie hat sich auf diese Weise eine Änderung durchgesetzt, daß eine Gruppe Überzeugter die große Masse zu ihren Ideen bekehrt hat. Ganz selten, so alle paar tausend Jahre, gelingt das einer Religion; doch ich bezweifle, ob dies ganz ohne Zutun des Heiligen Geistes möglich ist. Selbst im unwahrscheinlichen Fall, daß die Weltreligionen wirklich rein weltliche Dinge wären, erfolgte ihre Übertragung nicht durch rationale Überzeugung – allein der Gedanke ist absurd. Dieser Übertragungsweg ist der wohl ineffizienteste unter Menschen; vor dem Rationalismus- und Bildungsglauben der Moderne war das auch allgemein bekannt. Die Ironie an der Sache ist, daß jene Rationalitätsapostel nur deshalb in der Freizeit ihre Politspiele praktizieren, weil sie diese Verhaltensweisen auf dem traditionellen Wege übernommen haben: durch Imitation. Niemand hat je einen Splitterparteiaktivisten rational durch bessere Argumente davon überzeugt, daß dieser Weg besonders fruchtbar ist.
Ich spüre schon die Wut aufbegehren, doch gegen Wut richtet das rationale Argument überhaupt am allerwenigsten aus. Darum bitte ich den Leser etwas um Geduld, bis ich – vielleicht diesmal, vielleicht ein andermal – darauf zurückkomme und die drängende Frage beantworte: Was ist die Alternative? Sollen wir zynisch oder stoisch den Irrsinn der Gegenwart ertragen? Was dagegen tun?
Seelenloses Design
An dieser Stelle will ich auf ein anderes Problem hinaus: Das, was wir für andere Menschen tun können, ist notwendig beschränkt. Nahezu alle sinnerfüllten Taten erfordern den Selbstvollzug. Nur ein sinnstiftender Bezug weist primär und direkt zum Nächsten – die Liebe. Und selbst die wird schnell sinnleer oder psychopathisch, wenn sie unerwidert bleibt – also durch Selbstvollzug das Objekt unserer Liebe auch zu einem Subjekt wird. So ist das auch beim Lehren, Heilen, Führen. Man kann Menschen zwar abrichten wie Tiere, aber ihr Menschsein leidet darunter so stark, daß die beigebrachten Kunststücke nicht nur sinnleer werden, sondern bald gänzlich mißlingen, weil der Ausführende dabei zerbricht. Der grenzenlosen Idiotie der Beschulung zum Trotz, ist jede Lehre sinnlos und fruchtlos, die nicht auf aktiven Lernwillen stößt. Diese Idiotie entspringt dem kranken Hirn moderner Dogmatiker, die sich für die rationalsten Besserwisser aller Zeiten halten, aber bloß irrationale Fanatiker sind. Im besten Fall, der selten ist und unverbrauchte Geister erfordert, kann der Lernwille entfacht werden. Der gute Lehrer wie der gute Arzt arbeiten daran, sich selbst entbehrlich zu machen.
Dieser Exkurs soll ein wenig das theoretische Problem beleuchten, das sich beim Nachdenken über ein Gartendesign auftat. Es ist dasselbe Problem, das jede Art von Architektur betrifft. Designs von Lebensräumen für andere Menschen kranken leicht daran, zur Sinnleere beizutragen, weil sie sich dessen erwehren, was ich Selbstvollzug nannte: die aktive Belebung durch einen menschlichen Akteur. Ohne diesen Selbstvollzug fehlt den Dingen die Seele, sie sind tot. Bücher, in denen die Leser nicht leben können, sind tot. Viel deutlicher noch ist dies bei tatsächlichen Lebensräumen. Wie ich schon in früheren Scholien (05/10, S. 100) diskutierte, schaffen wir uns im Idealfall unsere Behausung selbst, direkt aus dem Leben heraus. Dieser Idealfall ist jedoch allzu ideal; auch ich bin noch weit davon entfernt, ihn für mich als lebbar und gangbar zu empfinden. Da gibt es eben die Nötigungen der Bauordnung, vor allem aber meine mangelnde Übung im Werkzeuggebrauch. Ganz talentlos bin ich zum Glück nicht, wie ich bei unserer Übersiedlung wieder beweisen durfte (ich halte den Regalzusammenbaurekord, sowohl nach Geschwindigkeit wie Anzahl), doch von der Kunst eines Baumeisters bin ich weit entfernt. Vermutlich ist es auch nicht sinnvoll, mich diesem Metier in der Ausgiebigkeit zu widmen, die für dessen Beherrschung nötig wäre. Dafür gäbe es die Arbeitsteilung, wenn sie durch die Steuerlast nicht hintertrieben würde. Ich gehe allerdings davon aus, daß aller totalitären Ambitionen zum Trotz der Schwarzmarkt noch ordentlich aufblühen wird, ganz wie in der UdSSR, in deren Richtung wir uns bewegen.
Eine Episode hierzu: Mit schlechtem Gewissen hatten wir uns für unsere Bibliothek zur klassischen, weil einfachsten Lösung entschieden: In Eigenbau Billy-Regale von IKEA so aufeinander- und aneinander zu fügen, daß eine schlichte, aber hinreichend präsentable Bücherwand entsteht. Das Aufwand-/Ästhetik-Verhältnis ist hierbei relativ gut, sodaß überraschend viele Menschen, die wirklich große Bibliotheken haben, diesen Weg wählen. Für einige, wenige Regale ist das freilich so billig, daß es häßlich wäre. Für unsere Zwecke eignet sich die simple und schlichte Kombination weißer Bretter gut. Und in der Kombination eines Ikea-Regales sind weiße Bretter am günstigsten zu bekommen. Hätten wir unsere Bücherwände tischlern lassen, so wäre ein mittleres Vermögen dafür nötig gewesen (Aufgrund der Masse hat uns der Aufbau ohnehin an unsere finanziellen Grenzen gebracht). Das tut natürlich weh, denn da hätte es einen benachbarten Tischler gegeben, der sein Handwerk wirklich versteht. Doch so wie bei allen Handwerkern, die hauptsächlich dafür zu arbeiten haben, ihre Tribute zu erwirtschaften, waren seine Preise horrend. Nun ist der Tischler offiziell eingegangen – ein wenig fühlte ich mich da mitschuldig. Doch dieses Schuldgefühl ist mir nun vergangen: Der Tischler mußte deshalb zusperren, weil er trotz hoher Preise nicht genügend Tributzahlungen abliefern konnte. Offenbar hatte er zu hohe Materialeinkäufe abgesetzt und dafür zu wenig offiziell zahlende Kunden gehabt, sodaß ihn eine kräftige Nachzahlungsforderung ruinierte. Als Konsequenz schreibt er jetzt überhaupt keine Rechnungen mehr – sehr lobenswert!
Wenn Lebensräume für uns geschaffen werden, heißt das nicht, daß wir sie uns nicht aneignen können. Allerdings geht das nicht immer gut. Viele, insbesondere moderne Räume werden gewissermaßen von unserem Immunsystem abgestoßen und können niemals mit uns in einer Art eins werden, die ihnen eine Seele einhaucht. Darum ist die beste Bautätigkeit für andere Menschen wohl jene, die bloß begleitend hilft, die als erweitertes Werkzeug des konkreten Menschen dient. Damit meine ich nicht, daß der Erbauer alle Wünsche seines Auftraggebers erfüllt. Das wäre ja derzeit schon der Fall, abgesehen davon, daß es zu wenige Eigentümer-Bauwerke und zu viele Polit-Bauwerke gibt. Selbst bei den Eigentümerhäusern ist das Resultat aber meist überraschend leblos. Nach unseren Wünschen hinsichtlich von Dingen befragt, die wir selbst nicht hervorbringen können, scheitern wir in aller Regel und können nur Muster imitieren, die wir anderswo unbewußt aufgenommen haben. Das ist einer der Gründe, warum Kundenbefragungen nur selten für die Produktentwicklung brauchbare Ergebnisse liefern. Man kann nur abfragen, wo Mängel bei Bestehendem liegen, doch ein noch nicht bestehendes Produkt vermögen wir uns kaum realistisch vorzustellen. Darum entwickelt gutes Design Dinge, die der Natur des Nutzers entsprechen, auch wenn er dies selbst nicht weiß oder artikulieren kann. Der Handwerker müßte sich also in die Lage versetzen, er wäre der Auftraggeber selbst, wenn jener dessen Fertigkeiten, Erfahrung und Wissen besäße. Wenn eine Behausung für uns geschaffen werden sollte, weil wir es selbst nicht können, so müßte dies in dieser Art von Einfühlung geschehen. Doch wann wird heute schon etwas für uns persönlich geschaffen? Das ist für die meisten für uns nur noch bei ganz wenigen Dienstleistungen der Fall und bei kaum einem Produkt. Kein Wunder, daß unsere materielle Umwelt an Lebendigkeit verliert.
Wenn ich schreibe, daß Dinge eine Seele übertragen bekommen können, meine ich damit, daß sich Menschen darin manifestieren. Gespürt hat dies wohl jeder schon, wenn er die materiellen Spuren eines geliebten Menschen betrachtet. Schon aus der bloßen Anordnung der Dinge leuchtet ein geistiger Rest der jeweiligen Persönlichkeit. Darum tun sich Eltern so schwer, die Zimmer tragisch verstorbener Kinder zu leeren: Sie spüren die Präsenz ihrer Kinder darin, solange die Spuren nicht verwischt werden. Damit diese Präsenz rein aus den materiellen Spuren spürbar ist, abgesehen von jeder außersinnlichen Wahrnehmung, muß eine ganz besondere Ordnung vorliegen, die zwischen Chaos und Aufgeräumtheit liegt: Herrscht im Kinderzimmer absolutes Chaos, so liegen die Dinge unwillkürlich verstreut. Unwillkürlich, in der ursprünglichen Bedeutung, die wir heute dem Gegenteil des Wortes geben, meint, daß keine Willenskür ersichtlich ist. Ist das Zimmer jedoch völlig aufgeräumt, sodaß sich alle Dinge an Plätzen befinden, die ihnen von außen vorgegeben wurden – etwa durch die Eltern – so ist ebenfalls kein Leben mehr spürbar. Es ist jene Art von willkürlicher, bewußter Ordnung, die unsere Welt bunt und lebendig macht: die Spuren vielfältiger freier Organismen. Das ist es, was ich am Garten so schätze.
Tragödien der Öffentlichkeit
Dem geistigen Prinzip nach ist ein Garten ein Kulturgewächs, ein organischer Ordnungsversuch. Wie alles wahrhaft Schöpferische benötigt er Freiheit und Verantwortung als Voraussetzung. Die größte Herausforderung bei der erwähnten Gartengestaltung für ein Unternehmen besteht darin, daß die Nutzer Angestellte sind. Als Nicht-Eigentümer, die vorwiegend des Gehalts wegen vor Ort sind, mangelt es ihnen womöglich an Identifikation. Der Nestbautrieb und damit Gartenbautrieb, der sich als Ordnungstrieb ausdrückt, bewegt Menschen zwar oft dazu, ihren Arbeitsplatz als Garten anzunehmen und sich damit zu identifizieren. Diese Identifikation reicht aber meist über das Oberflächliche nicht hinaus: das Territorium wird durch Pflanzen, Bilder, Aufkleber, dämliche Bürosprüche und geschenkte Staubfänger markiert.
Wenn ein Lebensraum allerdings nicht als eigener Garten wahrgenommen werden kann, verkommt er meist zu einem „öffentlichen Raum“. Auch Gärten können öffentlich sein, die „Öffentlichkeit“ des Nicht-Gartens ist jedoch eine der sich selbst verstärkenden Nutzungskonkurrenz und Verantwortungslosigkeit, so wie auf einer „öffentlichen“ Toilette. Da wir uns gegenseitig imitierende Wesen sind, bricht dann schnell Unordnung über uns herein. In der Ökonomie spricht man von der Tragödie der Allmende, die ich schon in Scholien 05/09 (S. 16f) näher diskutiert habe.
Eine solche Selbstverstärkung habe ich einmal auf einem Fest in einer studentischen Wohngemeinschaft erlebt. Die Feste dieses urbanen Milieus zeichnen sich oft durch Entfesselung bis hin zum Exzessiven aus, was es der Ordnung an sich schon schwer macht. Am nächsten Tag ist die Wohngemeinschaft dann gar nicht mehr wohnlich, sondern ein Schlachtfeld.
Bei besagtem Fest stapelten sich die Mäntel und Schuhe mangels Platz bereits im Vorzimmer. Als ich aufbrechen wollte, konnte ich zu meinem Ärger nur noch einen Schuh meines Paars finden. Draußen lag Schnee, und die Aussicht, einbeinig heimzuhüpfen, war nicht so verlockend. Während ich suchte, gesellten sich andere Sucher hinzu. Auch ihnen fehlte jeweils ein Schuh. Was nach einem Streich aussah, stellte sich als verheerende Eigendynamik heraus: Offenbar hatte ein Festgast in seiner Trunkenheit einen seiner Schuhe mit dem eines anderen verwechselt – ähnliche Schuhgröße, ähnliches Modell. Der seines Schuhs Beraubte war so verärgert über das unordentliche Kollektiv und die winterliche Herausforderung, daß er sich prompt einen ähnlichen Ersatzschuh suchte. Dadurch verlor wieder jemand seinen Schuh an die anonyme Masse. Bald war es „eingerissen“, wie man in Österreich so schön sagt, sich der Schuhe des Nächsten zu bedienen. In der Kombination aus Ärger und Imitationsverhalten – wenn es offenbar alle tun, bringt das heldenhafte Widerstehen auch nichts mehr – griff auch ich verärgert, müde und berauscht zu einem fremden Schuh. Immerhin brachte ich ihn am nächsten Tag wieder zurück, damit er zu seinem Eigentümer fände – damit war ich aber offenbar der einzige. Die Schwellen zu antisozialem Verhalten sind leicht umzustoßen, wenn sich ein sozialer Kontext dafür bietet. Das ist das Paradoxon, das mir allzu „soziale“ Betonungen stets etwas verdächtig macht. Der Mensch richtet als Sozialwesen den größten Schaden an, allein ist er ein eher harmloses, gar mitleiderregendes Tier.
Wer einen „öffentlichen“ Raum vor der Verwahrlosung schützen will, muß ziemlich rigide sein – soweit war die zero tolerance-Politik in New York schon richtig. Falsch war sie dahingehend, daß eine solche Politik ebenso selbstverstärkend ist und einen unangenehmen Beigeschmack der Kontrolle und Übertreibung hat. Sie macht die Menschen nicht verantwortlicher, sondern operiert mit ihrer Angst. Damit verstärkt sie aber auch die Verfehlungen in den unbeobachteten Bereichen, wodurch eine Totalüberwachung nötig wird.
Die einzige Alternative hierzu ist, aus der Allmende Gärten zu machen. Im kleinen, lokalen Rahmen kann es auch ein Gemeinschaftsgarten sein. Das ist das Konzept des Produktivsozialismus. Während der Konsumsozialismus, der heute eher praktiziert wird, auf Kollektivnutzung beruht, bedeutet der Produktivsozialismus Kollektivverwaltung. Kollektivnutzung artet fast immer in einen wenig pfleglichen Umgang aus, aber auch Kollektivverwaltung ist aufgrund des Kalkulationsproblem stets mit Verschwendung verbunden. Der Unterschied besteht darin, daß erstere Verschwendung sichtbar ist und zu offenen Konflikten führt. Die Verschwendung des Produktivsozialismus ist jedoch in der Regel nicht unmittelbar sichtbar, da die nicht durchgeführten Produktionsmittelverwendungen unsichtbare Opportunitätskosten sind. Daher kann Produktivsozialismus in kleinen, familiären Einheiten über längere Zeiträume funktionieren, denn die gestiftete gemeinsame Identifikation ist meist stärker als die Konflikte aufgrund sichtbar werdender Knappheit.
Den Unordnungsdrang des Rudeltiers Mensch kann man nur durch individuell wahrgenommene Ordnungsaufgaben zähmen. In diesem Sinne gibt es kaum etwas Kultivierendes als den Menschen Gärten zu bieten oder zu lassen. Auch die Erziehung besteht im besten Sinne darin, dem Kind größere Eigenordnungsräume zu überlassen: einen Garten zu geben. Das moderne Konzept eines Kinderzimmers ist da vielleicht gar nicht so schlecht, wenn es kein Vorwand ist, die störenden Kinder aus dem Blick ihrer beschäftigten Eltern zu räumen, sondern ein eigener Rückzugsort, an dem in Freiräumen Verwaltung wachsen kann. In seinem schönen Büchlein Gärten – Ein Versuch über das Wesen der Menschen schreibt Robert Harrison:
Über Gärten im allgemeinen könnte man sagen, dass sie in ihren gesammelten Formen einer sonst grenzenlosen Natur menschliche Dimensionen verleihen. \[…\] Durch ihre Kornpositionsanordnungen schaffen sie eine offene Einfriedung (oder eine Einfriedung im Offenen), die der amorphen sie umschließenden Umwelt ein Maß menschlicher und nicht nur räumlicher Orientierung verleiht (Ruhe ist eine Art Orientierung). Man könnte sagen, dass diese Gärten auf sichtbare Weise rings um sich die geistigen, seelischen und körperlichen Energien sammeln, die ihre Umgebung sonst verschleudern, zerstreuen und auflösen würde. Ihre kompositorische Förmlichkeit, so locker gefügt oder improvisiert sie auch sein mag, führt ein gewisses Maß an Zusammenhalt oder Abgrenzung dort ein, wo sich vorher nur eine gleichgültige Stadtfläche erstreckte. Indem sie die Sammlung und die beschützenden Kräfte der Form befreien, sorgen sie so für die Grenzen, die für menschliche Ruhe notwendig sind. (S. 68)
Urbarmachung der Wildnis
In aller Regel ist der Garten ein Arrangement zwischen natürlicher Wildnis und künstlicher Aufgeräumtheit. Die Wildnis ist freilich selbst eine Ordnung, eine ziemlich beeindruckende sogar, die unsere Demut wecken sollte. Wenn man sie mit unseren ungeschickten Ordnungs- und Unordnungsversuchen vergleicht, ist man versucht, der deep ecology (Scholien 01/10, S. 94) zu folgen, die die Wildnis über den Menschen stellt und uns der Natur untertan machen möchte. Ich kann jedoch der biblischen Aufforderung mehr abgewinnen, denn gäbe es nur Wildnis auf dieser Welt, wäre sie wesentlich sinnärmer. Das fällt überzivilisierten Menschen nicht mehr auf, für die Wildnis nur noch eine ästhetische Ablenkung auf ihrem Plasmaschirm ist, die eine beruhigende Wirkung inmitten von Einkaufszentren und Parkplatzwüsten hat.
Doch wer Menschen zugetan ist und nicht an krankhaftem Nächstenhaß leidet, wie er in städtischen Reservaten wächst, der erfreut sich an den Spuren, die Menschen in der Natur lassen, indem sie gestalten und ordnen. Ohne zu zögern würde ich die häßlichen Protzbauten unser kulturlosen Verwalter sofort der Wildnis zurückgeben. Dafür würde ich so manch Waldstück für Gärten aufgeben. Schließlich wäre nahezu ganz Österreich tiefster Wald ohne den Menschen; was wir als schöne Natur verehren, nämlich die grünen Freiräume, die erst den Blick auf Wälder erlauben, sind durchwegs Kulturlandschaften.
In Ländern, in denen die Wildnis dominiert, wird oft Land an Kultivierer verschenkt, damit sie die Wildnis nutzbar, begehbar und damit auch bewunderbar machen. Mein Kollege Eugen erzählt mir von Verwandten in Kanada, die einen für unsere Verhältnisse riesigen Landstrich von der Regierung geschenkt bekamen, mit der Auflage, diesen urbar zu machen. Das Leben dort muß idyllisch sein, ich beneide Eugen darum, das Leben am Rande der Wildnis schon einmal als Gast erfahren zu haben. Die Fauna und Flora ähnele der unsrigen, bloß sei alles, so erzählt er mir, doppelt so groß, von den Pflanzen über die Bäume bis zu den Fischen. Nur eine Sache stört das Idyll: der Lärm, den die Menschen mitbringen.
So ist es ja auch bei uns am Land. Der Mensch entwickelt eine Begeisterung für Maschinen, je lauter, desto besser. In den Reihenhaussiedlungen außerhalb der Städte ist es oft schrecklich laut, wenn die Nachbarn ihre neuesten Geräte aus dem Baumarkt stolz zur Schau stellen. Da wird gemäht, gesägt, gehäckselt, geschnitten, gefahren, was das Zeug hält. So wie die Bäume sind auch die Geräte der kanadischen Wildnisbezwinger doppelt so groß: Eugen erzählt mir von einer riesigen, höllisch lauten Goldwaschmaschine, die auf der einen Seite Sand und Erde schluckt und auf der anderen Seite Goldstaub absondert. Das verhält sich zum idyllischen Goldwaschen mit einem Waschteller wie die Mähmaschine zur Sense. So wie an Kursen zum richtigen Einsatz der Sense, wächst übrigens auch gerade das Angebot an Goldwaschkursen an heimischen Gewässern.
Ich könnte mir in unseren Breiten eine ästhetische Urbarmachung nach ähnlichen Grundsätzen vorstellen. In Kanada muß das geschenkte Land mit einer Strafzahlung zurückgegeben werden, wenn die Urbarmachung nicht in vereinbartem Ausmaß erfolgt. Ähnlich könnte künftig mit toten Betonwüsten verfahren werden. Detroit bemüht sich ja schon darum, wie ich bereits beschrieben habe (Scholien 09/09, S. 93f). Ich könnte mir vorstellen, daß die in nicht allzu ferner Zukunft nutzlosen Ruinen und Asphaltflächen von überdimensionierten Einkaufszentren und Unterhaltungstempeln an jene „privatisiert“ werden, die eine ästhetische Wiederbelebung glaubhaft machen können.
Enteignung der Banken
Natürlich wäre der einfachste Weg, dem Markt die Korrektur zu überlassen. Theoretisch würden die im Boom falsch verwendeten Ressourcen an die hernach Meistbietenden gehend, die dabei auf eigene Rechnung und Verantwortung eine Aufwertung versuchen. Das hat allerlei Vorteile gegenüber politischen Reparaturversuchen. Leider ist die Marktverzerrung so massiv, daß mein Vertrauen in die kläglichen Reste von Marktwirtschaft schwindet. In der Realität werden die Marktpreise für bestimmte Gewerbeflächen völlig zusammenbrechen, sodaß die Eigentümer nur verkaufen werden, wenn sie müssen. Die Eigentümer werden dann in aller Regel Banken sein. Auch potentielle Käufer werden, sollten sie zum Zug kommen, die Objekte eher unentwickelt halten – auf bessere Zeiten zuwartend. Zum Teil handelt es sich dabei um die häßlichen Paralleldörfer, die am Land an Umfahrungsstraßen wachsen, bzw. – in größerem Ausmaß – um die Gewerbegebiete mit Bürotürmen am Stadtrand. Unter heutigen, verzerrten Bedingungen würde ich erwarten, daß diese Boomwüsten von Fonds zu Fonds gereicht werden, je nachdem wo gerade noch liquide Luft in der Blase ist. Schließlich werden diese Flächen, nachdem sie zu hinreichend großen Plakaten konzentriert wurden, wohl um einen Pappenstiel an asiatische Käufer gehen. Dieser Form der „Privatisierung“ stehe ich skeptisch gegenüber. Wesentlich gerechter wäre es, diese Flächen zur teilweisen Entschädigung der Steuerzahler einzusetzen. Gerechterweise sollten Banken, die durch bail-outs und Einlagensicherung überleben, ihre Immobilien genommen werden, bevor sie diese weiterverkaufen können.
Für eine solche „Enteignung der Banken“ ließen sich leicht große Mehrheiten finden, das ist gar keine Frage. Für die Enteignung von abstrakten Entitäten, denen man selbst vermeintlich nicht angehört, ist fast jeder zugewinnen – etwa die vielgescholtenen „Reichen“. Hier greift der tief in menschlichen Instinkten verwurzelte Sündenbockmechanismus, auf den ich noch ausführlicher eingehen werde, weil er für unsere Tage von großer Wichtigkeit ist.
Das Problem der Bankenenteignung ist folgendes: Jeder Bürger ist entweder Eigentümer (ob als Aktienbesitzer, Fondssparer, Pensionsvorgesorgter), Gläubiger (als Einleger) oder unfreiwilliger Financier (als Steuerzahler und Inflationsopfer) der Banken. Diese Ansprüche konkurrieren miteinander und sind natürlich nicht gleichverteilt. Welcher Anspruch ist vorrangig? Der durchschnittliche Bürger würde bei der Entschädigung schnell bemerken, daß er sich selbst entschädigen darf. Schließlich hat der Durchschnittsbürger auch nicht die geringste Ahnung, daß er Bankengläubiger ist. Daß er beim Bankrott zumindest in seiner Eigentümerfunktion nichts bekommen sollte, ist offensichtlich; das ändert nichts daran, daß bislang Eigentümer und Gläubiger zu Lasten der Steuerzahler und Sparer gerettet werden. Eigentümer und Gläubiger sind dabei zwei meist parallel verlaufende Interessen. Ein Unternehmen, daß Gläubigern noch dienen kann, ist für die Eigentümer in aller Regel noch von Wert. Im Bankrottfall werden die Gläubiger gewissermaßen Eigentümer, denn sie bekommen Anteile an der Konkursmasse. Bei einem Bankenkollaps müßte man ebenso vorgehen: Die Einleger erhalten dann anstelle ihrer virtuellen Guthaben Eigentumsanteile an der Bank im Ausmaß des Verhältnisses ihrer Kontoguthaben zur gesamten Bilanzsumme.
Die Rettung durch Steuergeld hält hingegen die Banken liquide, um jene auszuzahlen, die dem Betrug auf die Schliche kommen und ihr Geld aus dem Pyramidenspiel abziehen. Womöglich steckt noch eine Absicht dahinter: Der Einsatz von Steuergeld legitimiert einen späteren Anspruch des Staates auf das Eigentum an den Banken, da ja gewissermaßen der Staat als Gläubiger in die Bresche springt. Dummerweise bringt die Verstaatlichung den Steuerzahlern gar nichts, entgegen dem Cliché vom Staatssilber. Ganz im Gegenteil ermutigt dies die Räuberbande, noch haltloser zuzugreifen. Staatsbetriebe sind fast immer Passivposten und keine Aktivposten, daß heißt, nach der Definition aus den letzten Scholien handelt es sich um Geldabflüsse und keine Geldquellen.
Das Wunder von Island
Sehen wir uns zur Illustration die bislang einzige offenbar erfolgreiche staatliche Krisenintervention im Bankensektor an: Die legendäre „Rettung“ von Island. Die Bilanzsumme der drei größten isländischen Banken hatte Anfang 2008 noch das Zehnfache des isländischen Bruttoinlandsprodukts betragen. Als sie illiquide wurden, ging eine Bankenrettung zum Glück über das Vermögen und den Willen der isländischen Politik. Eine riesige, deflationäre Korrektur stand Island bevor. Zunächst wurden die Banken verstaatlicht. Auch wenn es für einfältige Geister danach klingen mag, war das noch lange keine Lösung. Dies bedeutet ja bloß, daß entweder der isländische Steuerzahler über höhere Steuerlast oder der isländische Sparer über Inflation den isländischen Kontoinhaber „rettet“ – also sich selbst – oder die Buchwerte verschwinden, niemand niemanden rettet und der Staat die Banken abwickelt. In Island gingen zahlreiche Unternehmen bankrott, die Arbeitslosigkeit stieg auf zehn Prozent und die isländische Krone wurde um 50 Prozent abgewertet. Das bedeutet, es kam zu einer inflationär abgemilderten Rezession. Nach einer Blase ist es ganz unvermeidlich, daß Unternehmen kollabieren und die Arbeitslosigkeit in die Höhe schnallt.
Island gilt deshalb als Vorbild, weil es sich danach ziemlich schnell wieder zu erholen schien. Olafur Isleifsson, ein regierungsnaher Ökonom, aber immerhin an einer privaten Universität tätig, deutet dies so:
Man sieht in der Tat nichts \[mehr von der Krise\]. Und wollen Sie wissen, warum man nichts sieht? Als am 6. Oktober 2008 der damalige Ministerpräsident Geir Haarde den Notstand ausrief und seine Ansprache an das Volk mit den Worten ‘Gott segne Island’ beendete, dachten wir, über uns wäre eine Atombombe explodiert. Aber es war keine Atombombe, es war eine Neutronenbombe. Und eine Neutronenbombe zerstört keine Häuser, sie vernichtet nur ‘paper assets’, Papierwerte. (Broder 2012)
Der Legende nach rettete sich das isländische Volk in einem vorbildlichen Akt direkter Demokratie selbst und setzte sich gegen das politische Establishment durch. Diese Legende hat einen wahren Kern, doch dieser ist recht betrachtet enttäuschend klein. Die Isländer befanden sich nämlich in der glücklichen Lage, daß die Gläubiger ihrer Banken alles andere als durchschnittlich verteilt waren. Den Banken war ein ziemlicher Clou gelungen: Sie waren ungeheuer erfolgreich dabei, ausländische Gläubiger anzuwerben. Den Schmäh nannten sie Icesave. Dahinter stand eine geniale Marketingstrategie. Die Banken warben insbesondere in Großbritannien und den Niederlanden und boten höhere Zinsen als die dortigen Banken. Mit den Einlagen ließen sie eine gigantische Kreditblase wachsen. Nun weisen höhere Zinsen in aller Regel auf höheres Risiko hin, zudem sind Geldanlagen in Fremdwährungen stets riskanter. Doch die Icesave-Werbemasche ließ diese Anlagen als besonders sicher erscheinen, geradeso als würden die britischen und niederländischen Gelder als Goldbarren im ewigen Eis Islands eingefroren. 300.000 Briten und 125.000 Niederländer legten insgesamt fast sieben Milliarden Euro an. Zum Vergleich: Island hat eine Bevölkerung von nur knapp über 300.000 Menschen. Das wäre nun eine relativ komfortable Situation für Island: Immerhin lassen sich ausländische Gläubiger weit problemloser vor den Kopf stoßen. Die Gefahr, daß ein wütender Mob von Angelsachsen über das Meer kommt, ist heute im Vergleich zur Vergangenheit ja zum Glück relativ gering. Heutige Menschen handeln nicht mehr selbst, dafür haben sie Regierungen. Damit wäre Island glimpflich davongekommen: Die sich auflösenden Buchwerte gehörten hauptsächlich Ausländern.
Doch die Sache hatte sich damit nicht. Die britische Regierung griff mit einer Entschlossenheit ein, die für Politiker unserer Tage erstaunlich ist. Freilich wollen sie es vermeiden, daß ihre Wähler allzu verärgert sind, denn daß könnte sie ja gegen ihre Regierung aufbringen, auch wenn es ihr eigener Fehler war, aus Gier ihr Geld nach Island zu schicken. Der kleine Mann sieht schließlich nur die Gier der Großen, daß es in Masse die Gier der Kleinen ist, die mehr Gewicht hat, und erst die Gier der Großen möglich macht und nährt, übersieht er leicht. Ich vermute das britische Eingreifen ist eher der Sorge um den Finanzplatz London geschuldet: Es ging der Politik nämlich nicht einfach darum, die Isländer zum Zahlen zu zwingen, das heißt, die isländische Politik zu zwingen, den isländischen Steuerzahler und Sparer zugunsten der Fremdgläubiger zu schröpfen. Vielmehr ging es darum, daß die Verschuldungs-Verkettung nicht durchbrochen wurde.
Das wird deutlich, wenn wir uns die Ereignisse etwas näher ansehen: Das britische Finanzamt entschädigte sogleich die britischen Sparer. Schon dieser Schritt besteht in seiner Essenz nicht darin, wie die dummen Wähler glauben, daß Vermögen von der Regierung zu den Menschen wandert. Vielmehr ist es ein Schritt, die Verschuldungsspirale auszuweiten und keine Luft herauszulassen. Das britische Finanzministerium forderte nun zwar Geld von Island, doch ihr Angebot zur Beilegung des Konfliktes zeigt, daß es auch hier nicht darum ging, bloß Vermögen von Island nach England zu transportieren. Das war noch eine gute alte Zeit, in der die Normannen, wenn sie fertiggeplündert hatten, ihre Schiffe wieder bestiegen, heimwärts fuhren und für längere Zeit eine Ruhe gaben. Heute geht es darum, Strukturen des kontinuierlichen Plünderns aufrecht zu halten. Ich habe es schon letzthin angesichts Griechenlands erklärt, und diese Logik verblüfft die meisten Menschen: Die britische Regierung forderte nicht bloß die Zahlung von Island. Nein, sie forderten Island auf, einen Kredit zu akzeptieren, mit dem sie die britischen Anleger bezahlen sollten. Nehmt unser Geld, um uns damit zu bezahlen! Die Situation eskalierte nicht etwa, weil Island nicht zahlen wollte, sondern weil Island das Kreditangebot ausschlug. Es kam zu Referenden, die zwei „Lösungsvorschläge“ des Establishments ablehnten. Freilich war das nur deshalb der Fall, weil Elemente der politischen Klasse Islands sich gegen ihr Klasseninteresse verhielten. Vielleicht ist es die Kleinheit Islands. Das möchte ich hoffen. Es könnte nämlich auch bloß daran liegen, daß das kurzfristige Interesse von Populisten dem langfristigeren Klasseninteresse der Ausbeuter zuwiderlief.
Das ist ja der eingebaute Verfallsmechanismus ungerechter Strukturen, der in Europa bald die politische Suppe ziemlich versalzen wird: der Kampf zwischen populistischem Populismus und antipopulistischem Populismus, zwischen denjenigen, die merken, daß Renitenz in Krisenzeiten bei der Wählerschaft Gefallen findet, und denjenigen, die auf der Welle zunehmender Polarisierung reiten und alle Gegner populistisch zu Faschisten degradieren.
Dieser Verfall läßt sich am einfachsten anhand einer einköpfigen Tyrannis beschreiben, gilt aber genauso für die vielköpfige Tyrannis unserer Zeit: Ein Diktator bereichert sich, die Söhne wachsen in unverdientem Wohlstand auf, verprassen alles, und opfern das langfristige Bestehen des Regimes dem kurzfristigen Konsum. Jedenfalls war es in Island zwar kein völlig autonomer Aufstand der Zivilbevölkerung, aber doch einem solchen recht nahe: Daß es in solcher Geschlossenheit und Friedlichkeit ablief, lag nun gewiß an der Kleinheit Islands. Je kleiner die Struktur, desto eher funktioniert der demokratische Weg. Der „demokratische“ Volksaufstand in Island führte aber zu allerlei Verklärung. Der Redakteur des oben zitierten Artikels folgt dem Urteil des interviewten Ökonomen:
Die Idee, dass Gewinne privat abgeschöpft, Verluste aber vergesellschaftet werden, die sich in Europa inzwischen durchgesetzt hat, passt nicht zu der Natur der Isländer, die individuelle Verantwortung für ein hohes Gut halten. Man kann Erfolg haben, man kann auch scheitern, aber man soll niemand für das eine oder das andere verantwortlich machen. In dieser Beziehung hinken die Isländer den Europäern hinterher oder – sie sind ihnen weit voraus. \[…\] Es werde, sagt Olafur, noch einige Jahre dauern, bis die Folgen der Finanzkrise von 2008 überwunden sein werden. Eines aber sei jetzt schon klar: Über einen Beitritt zur EU oder die Einführung des Euro redet niemand mehr.(Broder 2012)
Mag sein, daß die Isländer durch die Kleinheit ihrer Strukturen noch vernünftiger sind als die urbanen Massen des Festlands. Doch es ist leicht, über individuell zu tragende Verluste zu dozieren, wenn sie Fremde betreffen. Daß die isländische Regierung diese Referenden zuließ und dann nicht zumindest ein drittes Mal wiederholte (beim ersten Referendum 93 Prozent Ablehnung einer schuldensteigernden Verhandlungslösung, beim zweiten Referendum 57 Prozent Ablehnung), wie es die EU-„Demokratie“ erfordert, erzürnte die politische Klasse Großbritanniens und des Kontinents. Die britischen Politiker froren zur Strafe nicht nur das Eigentum der isländischen Banken in Großbritannien ein, sondern auch das der isländischen Regierung (!). Da Großbritannien einer der ältesten „Rechtsstaaten“ ist, brauchte es dafür ein Gesetz. Das fand sich schnell. Die Vermögenseinfrierung erfolgte im Namen der Anti-Terror-Gesetze. Womit ganz beiläufig erwiesen war, daß es sich dabei um reine Ermächtigungsgesetze handelt, denn mit Terroristen haben die friedlichen Isländer gar nichts gemein. Zudem wurde vor dem EFTA-Gerichtshof Klage gegen Island erhoben. Dieser Gerichtshof, der in Luxemburg sitzt und derzeit einen liechtensteinischen Präsidenten hat, ist hauptsächlich damit beschäftigt, Island, Norwegen und Liechtenstein mit Klagen einzudecken – die drei EFTA-Mitglieder, die nicht zugleich dem EWR angehören. Damit geriet wieder jene Organisation ein wenig aus der Vergessenheit, die eine sinnvolle Alternative zur EU-Hybris gewesen wäre.
Inzwischen hat sich die isländische Wirtschaft erholt. Das mag aber auch einfach daran liegen, daß die Kreditmengenausweitung durch die nun staatlichen Banken fröhlich weitergeht. Immerhin ist nun jene Organisation direkt involviert, die nie bankrott gehen kann, wie etwa der rätselhafte Alan Greenspan in aller Klarheit verblüfften Journalisten in der NBC-Sendung Meet the Press erklärte:
Die Vereinigten Staaten können jede Schuld bezahlen, denn wir können dafür immer Geld drucken. Daher liegt das Ausfallsrisiko bei null. (NBC, Meet the Press. Video)
Ein Hinweis darauf, daß die „Rettung“ Islands Anführungszeichen verdient, ist die erstaunliche Ansicht der isländischen Regierung, daß all die Aufregung umsonst gewesen wäre: Bei genauerem Nachprüfen habe man nun überraschenderweise festgestellt, daß die Konkursmasse der kollabierten Landesbanki ausreiche, um die Gläubiger zu 100 Prozent auszuzahlen. Was nichts anderes bedeutet, als daß die oben erwähnten Papierwerte nun doch wieder mehr als das Papier wert sein sollen. Das kann aber nur bei einer fortgesetzten asset inflation der Fall sein. Jeder, der Hoffnung in das Vorbild Islands setzte, darf sich nun zurecht etwas auf den Arm genommen fühlen.
Wie auch immer, unter Blinden ist eben der Einäugige König, und das Ausschlagen der absurden Kreditangebote verdient doch Würdigung. Absurd war bei diesen Angeboten insbesondere, daß nicht nur Großbritannien und die Niederlande Island Geld borgen wollten. Auch Deutschland hätte bei diesem Angebot kräftig mitfinanzieren sollen. Andererseits wurde ein anderes Kreditangebot dann doch angenommen: ein Milliardenkredit des IWF. Darum rührt der IWF jetzt besonders fleißig die Werbetrommel für das vermeintliche Vorbild Island.
Bereicherungsmechanismen
Gekommen war ich auf das Thema Island durch die Frage, wer nach dem Kollaps von Papierwerten zu entschädigen sei und wer nicht. Den Schaden wiederum nur den Gläubigern und Eigentümern anzuhängen, kann auch nicht ganz richtig sein, immerhin hat die Politik ihre Finger im Spiel und profitiert reichlich. Die Politik hat freilich keine Eigenmittel, darum muß der Steuerzahler herhalten. Ist es ganz ungerecht, daß der Steuerzahler zahlt, und wäre es ein Gebot der Gerechtigkeit bei einer Abwicklung, ob von Banken oder Staaten, primär die Steuerzahler nach der Höhe ihrer Zahlungen zu entschädigen? Ich habe daran so meine Zweifel. In einem wirklichen Gemeinwesen, in dem Steuern in aller Regel freiwillig gezahlt werden, ist der Steuerbeitrag ein Maß für den jeweiligen Beitrag. Unter heutigen Voraussetzungen kann die Steuerhöhe auch bloß ein Indikator für Systemprofiteure sein. Daher finden sich wohl auch, entgegen der marxistischen Logik, unter den Wohlhabendsten so viele Umverteilungsbefürworter. Womöglich ahnen sie, daß ein großer Teil ihrer Einkommen unverdient und systembedingt sind.
Die landläufige Logik geht davon aus, daß der Wohlfahrtsstaat den nötigen Ausgleich schafft, ohne den wenige Superreiche vielen Superarmen gegenüberstünden. Das Gegenteil ist jedoch richtig. Der Verschuldungsstaat, der mal Krieg, mal Wohlfahrt als Vorwand gebraucht, ist ein exzellenter Bereicherungsmechanismus, der überhaupt nicht den „Armen“ zugute kommt, abgesehen von arbeitsunwilligem Stimmvieh, daß in staatlicher Massenmenschenhaltung gezüchtet wird. Die gesamte Struktur ist ein Anti-Gemeinwesen, etwas, daß das Soziale, Gemeinschaftliche (was mit Staat wenig zu tun hat) zugunsten von Einzelinteressen zerstört.
Darum ist der Punkt überschritten, bis zu dem eine Steuerzahlung ein Beitrag zum Gemeinwesen wäre, über den man stolz sein dürfte. Ganz im Gegenteil sind Steuerzahlungen Beiträge zum Nähren dieser Struktur und nur dann moralisch akzeptabel, wenn der Druck auf die eigene Existenz und die der Familie zu groß ist, um der Nötigung zu widerstehen. Es ist der Punkt, nach dem schöpferische Menschen zum Schluß kommen können, keinen Wohlstand für die Krake mehr zu schaffen, wie dies Ayn Rand im Roman Atlas Shrugged so schön beschreibt.
Die Krake spürt aber den Entzug und beginnt schon, blindlings um sich zu schlagen. Unlängst folgte Spanien, wie ich ja schon vorhergesagt hatte, dem Trend zum Bargeldverbot. Seit dem 19. November dürfen Bargeldgeschäfte in Spanien nur noch bis zu einem Betrag in Höhe von maximal 2.500 € erfolgen. Eine Ausnahme gibt es nur für Touristen, die für private Konsumfreuden Geld ausgeben; für diese beträgt der Freibetrag 15.000 €. Als Strafe müssen der Zahlende und der Empfänger jeweils ein Viertel des Betrages nachzahlen, das heißt, der Staat fordert die Hälfte jeder ungesetzmäßigen Barzahlung ein. Damit handelt es sich gewissermaßen um eine Pauschalsteuer. Besonders perfide an diesem Gesetz sind die Anreize, die es setzt: Einen Straferlaß gibt es nämlich für Anschwärzer oder Vernaderer, wie wir in Österreich sagen. Wer innerhalb von drei Monaten eine Selbstanzeige erstattet und Namen und Adresse der Gegenseite des Bargeschäftes nennt, bleibt straffrei. Wenn beide Seiten Anzeige erstatten, bleibt nur derjenige straffrei, der dem anderen mit der Anzeige zuvorkam. Schließlich ist es nun vorgeschrieben, Quittungen für jegliche Bargeldgeschäfte in Spanien fünf Jahre lang aufzubewahren.
Der Bereicherungsmechanismus, den ich eben ganz polemisch als Krake bezeichnet habe, wird besonders anschaulich im Buch Die Kreatur von Jekyll-Island von G. Edward Griffin nachgezeichnet. Der Titel und der Verlag, in dem die deutsche Übersetzung erschien (Kopp), lassen auf Verschwörungstheorien tippen. In der Tat handelt das Buch von Verschwörungen, doch findet sich keine Spur versponnener Esoterik. Der Autor hat auf der Grundlage der Ökonomie der Österreichischen Schule akribisch die Geschichte der Entstehung des US Zentralbankwesens durchleuchtet. Jekyll Island gibt es tatsächlich, auf dieser amerikanischen Insel trafen sich einst führende Banker zu einer geheimen Besprechung. Die Geschichte liest sich stellenweise wie ein Krimi; die Dicke des Buches wird jedoch viele abschrecken. Ich kann es nur empfehlen. Zwar glaube ich nicht, daß die Intentionen immer so bewußt waren, wie sie Griffin erscheinen läßt, doch besteht kein Zweifel daran, daß das Zentralbankwesen ein Bereicherungsinstrument ist:
Es ist eine unglaubliche Tatsache der Geschichte, daß sich trotz der wiederholten Krisen der Bank of England der Zentralbank-Mechanismus als so attraktiv für Politiker und Finanzfachleute erwies, daß das Modell in ganz Europa Schule machte. Die Bank von Preußen wurde zur Reichsbank. Napoleon errichtete die Banque de France. Einige Jahrzehnte später wurde dieses Konzept zum bestaunten Modell für das Federal Reserve System. Wen interessiert es schon, ob es gut ist? Schließlich handelt es sich um ein perfektes Werkzeug für unbegrenzte Regierungsausgaben und endlose Profite für Banker. Und am allerbesten: Die kleinen Leute, die die Rechnung für beide Gruppen begleichen müssen, sind praktisch ahnungslos, was mit ihnen geschieht. (Griffin 2006, S. 213)
Big business and big government
Seit der Gründung der Bank of England 1694 vertieft sich das Zusammenwirken von Staat und Banken, bis es die heutige Struktur hervorbringt. Big business und big government entdecken sich als Alliierte, die ähnlichen Interessen folgen. Griffin stellt es ein wenig so dar, als hätte die Bankenwelt die Staaten korrumpiert. Genausogut könnte man – das wäre eher der Zugang von Murray N. Rothbard – davon ausgehen, daß die Korruption vom Staat ausgeht und dann gewissermaßen zu ihren Urhebern zurückkehrt. Das ist aber letztlich nicht so relevant. Ein großer Teil der Links-Rechts-Polarisierung scheint in der Gegenwart auf die zwei Seiten dieser Struktur hinauszulaufen: Sie hat damit mit wirklichen Ideen und Prinzipien erstaunlich wenig zu tun, sondern ist bloß ein Abdruck des Machteifers der zwei Seiten unserer Wirtschaftsstruktur in der Bevölkerung. Zwar herrschen sie in ihren Interessen weitgehend geeint, doch sind sie gegeneinander eifersüchtig.
Am deutlichsten ist der Gegensatz in den USA, die am weitesten bei der Ausformung der Struktur fortgeschritten ist: Die „linken“ (sozialdemokratischen) Wähler lassen sich dafür einspannen, mehr Autonomie für den Staat zu erlangen, die „rechten“ (neokonservativen) Wähler dafür, die Autonomie des Banken- und Großindustriesektors zu verteidigen. Beide Tendenzen sind Illusionen, und das ahnen sie wohl auch, denn das eine besteht nicht ohne das andere, nur gemeinsam sind sie „autonom“, nämlich gegenüber dem Recht.
Sobald das Zentralisierungsprojekt EU „gelungen“ ist, also ein Zentralstaat regiert, der durch massenmedial aufgescheuchte Massenwahlen legitimiert wird, würde sich auch in Europa das politische Spektrum auf zwei Sammelparteien reduzieren? Einerseits wäre das nur noch ein organisatorischer Akt, denn inhaltlich ist das Spektrum ja schon längst verengt. Andererseits ist Europa noch viel inhomogener, daher gibt es das Phänomen, daß sogenannte „populistische“ Parteien in kurzer Zeit viele Stimmen sammeln können. Populistisch sind natürlich in einer Massendemokratie alle Parteien, gemeint sind mit diesem Vorwurf vorwiegend Anti-Eliten-Themen, in Europa insbesondere alles, was die Inhomogenität hervorstreicht.
Das Homogenisierungs-Projekt EU hat es geschafft, daß Fremdenfeindlichkeit zu einem wirkungsvollen, fast schon notwendigen Politikum wird. In den USA zeigt sich ebenso, daß die Anti-Eliten-Themen eher auf der vermeintlich „rechten“ Seite zuhause sind. Wenn es stimmt, daß sich hier im Wesentlichen Banken- und Großindustrieinteressen des Staatsapparates bedienen wollen, dann müßte man daraus schließen, daß heute die Autonomie des Staates überwiegt – die Elite also eher nach diesem einfachen Schema „links“ steht. So einfach ist es allerdings nicht, denn die Gelder, die vom vermeintlichen „Privatsektor“ in die Politik fließen, sind ziemlich gleich verteilt – zwischen den Scheinwidersprüchen „links“ und „rechts“. Zum Teil finanzieren sogar die selben juristischen Personen sich gegenüberstehende Kandidaten, in aller Regel ist es aber diskreter aufgeteilt, sodaß nicht sichtbar ist, daß dieselben natürlichen Personen dahinter stehen.
Der Usus, scheinbar verfeindete Kandidaten gleichzeitig zu finanzieren, setzte sich erstmals durch, als es darum ging, das US-Zentralbankwesen politisch durchzusetzen. Auf Seiten der Politik ist damit insbesondere der Name Nelson W. Aldrich verbunden. Der Plan für das Federal Reserve System wurde eben in jener geheimen Unterredung führender Banker auf Jekyll Island entworfen. Doch ein solcher Plan konnte unmöglich auf demokratische Zustimmung hoffen, entsprechend schwierig war es zunächst, dafür willige Politiker zu finden. Wer wirkliche Veränderungen durchsetzen will, muß wesentlich früher ansetzen: bei den Ideen. Entgegen heutiger Empfehlungen angeblicher Pragmatiker, waren die Banker praktisch genug, zunächst in Theorie zu investieren. Fünf Millionen Dollar flossen in einen Fonds, der im Wesentlichen die Universitäten Princeton, Harvard und die University of Chicago beglückte, die bereits zuvor massiv durch Banken und Großindustrie gefördert wurden. Die Fondsgelder trieben die Durchsetzung des Ökonomiestudiums als neue und respektierte Disziplin an. Der durch Finanzgeschäfte und Industrieunternehmungen schwerreiche Aldrich spielte dabei als vermeintlich „erfolgreicher Unternehmer und Staatsmann“ eine führende Rolle. Der Ökonom Kenneth Galbraith bemerkte dazu ganz beiläufig:
Unter Aldrichs Leitung wurde eine ganze Menge von Studiengängern der wirtschaftlichen Institution der Vereinigten Staaten und auch anderer Länder in die aufkommenden Wirtschaftslehrgänge berufen. Es erscheint möglich, daß die Wertschätzung des Federal Reserve System, die es von seiten der Wirtschaftler erfahren hat, auch auf die Tatsache zurückgeführt werden kann, daß so viele, die zu den Wegbereitern gehörten, gleichzeitig an der Geburt des Systems beteiligt waren. (Galbraith 1977/1995, S.121)
Bottom-up and top-down
Gleichzeitig mit der Finanzierung von Theorieproduktion wurde eine neue Strategie eingesetzt, die bis heute ein wesentliches Rezept politischer Durchsetzung geblieben ist: Astroturfing. Der Ausdruck ist ein kluges Sprachspiel, es handelt sich um die Abwandlung eines Markennamens für Kunstrasen. Dieser subventionierte „Kunstrasen“ von Menschen hat die Aufgabe, wie eine Graswurzelbewegung auszusehen (siehe Scholien 04/10, S. 61).
Entgegen der demokratischen Grundhoffnung, von der auch ich mich nicht ganz trennen mag, entsteht Organisation selten als spontanes Phänomen vom Grund auf. Der Grund hierfür scheint in der menschlichen Natur begründet zu sein. Bottom-up-Organisation bestünde ja darin, daß Menschen, die „unten stehen“, also auf egalitärer Ebene zu ihren Mitmenschen verkehren, bewußt Organisations-Strukturen aufbauen. Der Bottom, Englisch für Unterseite oder Hinterteil, deutet auf den Boden einer Pyramide. Das Bild von der Gesellschaft als Pyramide ist unangenehm und wirkt anachronistisch. Erstaunlicherweise haben all die Versuche der Vergangenheit, die Pyramide abzuflachen, sie steiler gemacht. Wenn es sich um eine Abstufung danach handelt, wer in welchem Ausmaß über die Verwendung knapper Mittel bestimmen kann, so gibt es ein augenscheinliches Gefälle. Der Bottom wären all jene Menschen, deren Befugnisse über ihre Familie und ihren Betrieb nicht hinausgehen. Nun können freilich die Betriebe und das Privatvermögen eine solche Größe erreichen, daß die Eigentümer doch über beachtliche Mittel entscheiden können. In einem solchen Fall würde man die Akteure nicht mehr zum Bottom zählen, doch die Grenze ist schwer zu ziehen. Ich würde sie dort ansetzen, bis wohin organisatorisches Engagement allein durch Einbringen von Zeit erfolgt. Menschen oberhalb dieser Grenze unterscheiden sich von anderen – dem Durchschnitt – dadurch, daß sie die Fähigkeit haben, die Zeit anderer Menschen in den Dienst ihrer Sache zu stellen; sei es nun durch Arbeit oder den Zukauf fertiger Zwischengüter. Diese Grenze scheint am ehesten dem zu entsprechen, was wir mit der Unterscheidung bottom-up und top-down assoziieren.
Zunächst muß ich noch präzisieren, um welche Art organisatorischer Unternehmungen es sich hierbei handelt. Nach der antiken Vorstellung agiert der Mensch in drei Sphären: Erstens in der individuellen Sphäre, in der er sich als Person entwickelt und behauptet. Wenn er hier gut agiert, so verfügt er über Ethik – die Kunst, nach guten und richtigen Gewohnheiten und Prinzipien zu handeln; sich das Gute und Richtige im Handeln zur Gewohnheit zu machen. Das ist die griechische Bedeutung des Begriffs. Heute verstehen wir unter Ethik eher das Nachdenken über diese Gewohnheiten und Prinzipien als die Kunst selbst – falls wir überhaupt noch etwas unter diesem Begriff verstehen, das irgendeinen Sinn hat. Meist fällt der Begriff heute nur im Zusammenhang mit Wirtschaftsethik oder Ethikkommissionen – beides in aller Regel weit von der erkenntnisstiftenden Reflexion tatsächlichen, konkreten, eigenverantwortlichen Handelns entfernt.
Zweitens handeln wir in der Sphäre des Haushalts, der für die Griechen Familie und Betrieb umfaßte, da der Regelfall selbständige Tätigkeit war. Wer hier gut und richtig agiert, verfügt über Ökonomik – die Kunst des guten Umgangs mit dem uns unmittelbar persönlich Anvertrauten. Dazu gehört die eigene Familie ebenso wie die selbst aufgebauten Ersparnisse, die eigene Werkstätte, der eigene Garten, die eigene Landwirtschaft, der eigene Laden. Der heutige Wortgebrauch ist noch weiter von der Ursprungsbedeutung entfernt als das bei der Ethik der Fall ist. Ökonomen sind heute keine guten Verwalter knapper Güter, sondern „Experten“, die ungerechte Bereicherungsstrukturen schönrechnen.
Wer sich selbst und seinen Haushalt so gut im Griff hat, daß er gelegentlich abkömmlich ist, der kann in der dritten Sphäre wirken: der Sphäre der Gemeinschaft, des Gemeinwesens, der Nachbarschaft. Wer hier gut und richtig agiert, verfügt über Politik. Diese Wortbedeutung ist uns mittlerweile so fremd, daß ich mich schwertue, den Begriff im alten Sinne zu verwenden. Zu leicht könnte man dies als Legitimierung der heutigen „Politik“ mißverstehen, die in aller Regel das glatte Gegenteil des Begriffsinhalts bedeutet und will.
Diese, letzte Sphäre meinte ich, als ich mich auf organisatorische Umtriebe bezog. Ist von bottom-up die Rede, so denkt man meist an Protestinitiativen. Solche politischen Zusammenschlüsse funktionieren allenfalls in der Nachbarschaft, wenn es einige sehr Betroffene und entsprechend Engagierte gibt. Meist erzeugt bloß berührtes Eigeninteresse im Rahmen der Haushaltssphäre Betroffenheit. Etwas spöttisch wird diese Art von Engagement als NIMBY-Aktivismus betitelt: Not in my backyard! (Nicht in meinem Hinterhof!)Die allermeisten bottom-up-Umweltinitiativen haben diesen Hintergrund.
Darüber hinaus gehendes Engagement ergreift sehr selten größere Bevölkerungsschichten. Wenn eine Einzelperson aus dem bottom, also jemand, der nur seine eigene Arbeitskraft für ein politisches Anliegen einzusetzen vermag, Mitstreiter sucht, ist das Resultat meist dürftig. Durch bloße Überzeugung Menschen dazu zu bringen, ihre Zeit für andere als die unmittelbar eigennützigen Ziele einzusetzen, gelingt nur wenigen. Es wird immer schwieriger, weil bei aller Einheit und Einfalt im Denken, doch die Pseudo-Individualität immer größer wird – nämlich der Narzißmus. Jemand anderem zu folgen, der keinen Gegenwert außer Versprechen anzubieten hat, verletzt den Stolz der meisten Menschen. Zudem sind Menschen am bottom auch selten über ihren unmittelbaren Freundeskreis hinaus überzeugend. Das typische bottom-Engagement kommt also niemals up. Ich schätze, daß hinter drei Viertel aller Initiativen, Parteien, Vereine etc. nur eine aktive Person steckt, die allenfalls ein paar Ermutiger um sich hat, und beim restlichen Viertel überwiegend bis zu drei Personen aktiv sind. Nur bei einem ernüchternd kleinen Prozentsatz wird meiner Einschätzung nach die Freizeit von mehr als drei Menschen bewegt, und dann ist dies in aller Regel deshalb so, weil doch ein Energiefluß top-down stattgefunden hat: eine Subvention oder eine Großspende (die sich im Bereich jährlicher Angestelltenauslagen zu Marktpreisen bewegt – in unseren Breiten erreichen private Mittel nur extrem selten diese Größenordnung), ein Charismatiker oder ein „Star“, der Aufmerksamkeit und Prestige injiziert.
Wenn die Organisation hingegen ein Unternehmen ist, dann wäre sie dem oikos zuzurechnen – hier regiert der unmittelbar spürbare Haushälternutzen, und Überzeugung ist in geringerem Ausmaß nötig. Der materielle Erfolg spricht für sich oder eben nicht. Ich würde nicht so weit gehen, den gesamten Bereich der Polis über den Markt in Oikoi umzuwandeln. Nachbarschaften haben ein anderes Muster. Wo sie nicht aufgrund großstädtischer Anonymität inexistent sind, bewegen sie sich zwischen Freundschaft und Markt: auf der Stufe des Gastes. Der kann ein Kunde sein, muß aber nicht. Trotzdem berührt man sich im Raum, ob gewollt oder nicht. Die Griechen nannten den Prozeß, bei dem aus den Berührungen der Oikoi eine Polis wächst, Synoikismos. In der Übertragung nannte man später dann auch das Zusammenwachsen von Dörfern zu Städten so. Aber der Grundgedanke besteht darin, daß sich Haushalte und Betriebe physisch nahe sind, und dadurch gemeinsame Interessen, aber vor allem potentielle Konflikte entstehen.
Abseits des eigenen Haushaltes positiv zu wirken, sich um Sauberkeit, Schönheit, Güte zu bemühen, das liegt im Raum der Polis. Wenn diese Polis nicht mehr als konkrete Nachbarschaft besteht, dann ist es überaus unwahrscheinlich, daß bottom-up politisch gewirkt wird, daß also jene Größenordnungen erreicht werden, die über bloße Privatbeschäftigungen und Liebhabereien hinausgehen. Darum haben fast alle größeren politischen Initiativen irgendwann eine Energieinjektion von top-down erhalten. Da das für das Selbstbewußtsein der Menschen am bottom peinlich wäre, verdrängen sie dies und sind eben deshalb so leicht darüber hinwegzutäuschen. So läßt sich eine Gesellschaft steuern, indem von den zahlreichen bottom-up Initiativen bloß diejenigen top-down gefördert werden, die den Interessen der Förderer dienen. In aller Regel ist das den Initianten überhaupt nicht bewußt. Aus ihrer Perspektive wäre es lachhaft, sie einer Verschwörung zu verdächtigen. Sie wissen ja, daß ihr Impetus ein ganz unabhängiger, ganz vom bottom stammender war. Die Energieinjektion werten sie als Hinweis darauf, daß sie sich nun endlich Richtung up bewegen. In der Tat finden sie dann ja auch aufgrund der Energieinjektion mehr Zuspruch und Anhänger vom bottom. Wohl jeder Verein, jedes „Medienprojekt“ („Projekt“ ist ein Hinweis, daß die Initiatoren selbst gar nicht so recht an den Erfolg ihrer Sache glauben können) interpretiert eine plötzliche staatliche Förderung, ein plötzliches Sponsoring einer Stiftung, Bank, oder eines Konzerns oder plötzliche massenmediale Aufmerksamkeit so, daß das nun der Lohn ihrer Arbeit wäre, daß sie dank zivilgesellschaftlichen Engagements diesen „Erfolg“ errungen haben, daß dies die Bestätigung sei, daß man auch als Durchschnittsbürger mit viel Engagement etwas bewegen kann. Das mag zynisch klingen; ich will ja nicht bestreiten, daß einzelne Menschen viel bewegen können. Ganz im Gegenteil. Was überschätzt wird, ist das Massenelement. Nahezu jede politische Initiative glaubt, sie müsse für den Erfolg möglichst viele Menschen organisieren und mobilisieren. Und das funktioniert eben kaum jemals bottom-up.
Alphas und Betas
Alphatiere sind in der Regel schon top, und keine Menschenherde wächst aus Betas alleine. Wo sich eine führerlose Herde aus egalitären Betas in Massendimension findet, wird aller Wahrscheinlichkeit nach eine Herrschaft verschleiert. Das erklärt auch die enttäuschende Bilanz sämtlicher Revolutionen. Eine enge Führungsschicht wird durch eine noch engere abgelöst. Denn fehlte sie, auch nur für einen Moment, würde alles nach einer solchen drängen. Wenn das Herdentier Mensch niemanden sieht, dem es instinktiv nachlaufen kann, läuft die Herde auseinander. Menschen am bottom laufen wir nicht instinktiv nach, daher endet so ziemlich jedes politische Projekt, das keine Energieinjektion erhält, im Streit.
An spontane Ordnung glaube ich wohl, an spontane Organisation keinesfalls. Der durchschnittliche Mensch trägt nicht genügend Energie (in der Psychologie nennt man sie etwas irreführend Libido) in sich, um eine Organisation außerhalb der Haushalte und Privatbetriebe, abseits der ökonomischen Triebe des Menschen, neu zu schaffen oder auch nur am Leben zu halten. Wie die Physik lehrt, nimmt ohne Energiefluß die Entropie – die Unordnung – einer Struktur laufend zu. Nur wenige Menschen sind solche Energiepakete – Alphatiere, dies auszugleichen.
Aus dieser anthropologischen Pattstellung heraus führen nur drei Wege: Die Akzeptanz von geschichteten Gesellschaften, die Führung bedürfen und ersehnen; der Versuch der vollkommenen Internalisierung des Politischen innerhalb der ökonomischen Ordnungen und die Utopie einer egalitären Politik. Der erste Weg ist der historische, er ist nüchtern und realistisch. Je klarer die Führung, desto besser, darum wird das Alphatier wie ein Weihnachtsbaum mit Insignien bestückt. In sehr kleinen Gemeinschaften funktioniert das; aber dort könnte sogar eine egalitäre Ordnung bestehen, weil die Polis etwas Familiäres hat und sehr nahe am Oikos ist. Je größer die Gemeinschaft, desto mehr konkurrierende Alphatiere. Darum spalten sich alle natürlichen Herden auf.
Der Mensch jedoch ist das Tier mit dem größten Handlungshorizont. Vorausschauende Alphatiere realisieren, daß die Spaltungskonfrontation riskant ist und eben nur einen Bruchteil an Gefolge und Ressourcen bringt. Darum wenden sie ihre Energie für verdecktes Wirken auf, um die Chancen einer Totalübernahme zu erhöhen, sofern die Gemeinschaft noch immer hinreichend klein ist. Eben darum ist die Transparenz der Führung in kleineren Gemeinschaften so wichtig; die Hintergründigkeiten sollen vordergründig sein. Sonst wird der Führungskonflikt im Hintergrund auf Kosten der Gemeinschaft ausgetragen, anstatt im Vordergrund, wo nur die Konkurrenten die Kosten der Konfrontation tragen.
Ab einer bestimmten Gesellschaftsgröße entwickeln sich Parallelreviere. Je komplexer die Gesellschaft, desto eher ist dies möglich. So kann auf mehrfacher Ebene organisiert werden. Der Platz ist hinreichend groß, daß sich die Alphatiere nicht direkt in die Quere kommen müssen. Eine Vielzahl politischer Ambitionen können parallel und zugleich verfolgt werden. Am großen bottom grasen viele Leithammel. Zwar ist der Handlungshorizont des Menschen höher als der des Tieres, aber doch enden wollend. Sinkt dieser Horizont, so kann es sein, daß die Alphatiere für kurzfristige Terraingewinne langfristig gegen ihre eigenen Interessen handeln. Dies verkompliziert das Bild noch weiter.
Rein durch das Imitationsverhalten der breiten Masse entstehen Strukturen, die sich von den Menschen bald emanzipieren. Sie überleben ihre Urheber. Ohne neue Energieflüsse nimmt zwar ihre Entropie laufend zu, doch eine Weile laufen sie wie kopflose Hühner weiter. Da sich die Welt rundherum ändert, kann es sein, daß eine geschaffene Struktur letztlich Zielen dient, die denen des Urhebers völlig widersprechen. Bei den allermeisten großen Stiftungen, bei denen der vermögende Stifter politische, auf das Gemeinwohl gerichtete Ziele vorgab, ist das der Fall. Letztlich passiert etwas Verblüffendes: Die Strukturen beginnen, Energie zu binden. Sie sind Lockfallen für Alphatiere, denn sie bieten künstliche Reviere. Im besten Fall tragen Strukturen daher dazu bei, eine Gesellschaft zu befriedigen, die aufgrund ihrer Größe ansonsten schon längst in Konfrontationen zersplittert worden wäre. Die Struktur bietet der Libido einen geschützten Raum der Geltungssucht.
Im schlechteren Fall, dem Regelfall, saugt die Struktur Energie für entropische Zwecke ab: Sie entwickelt sich zu einem Mechanismus, der die Energie von Alphatieren nutzt, um Ordnung zu zerstören. Sie verhält sich wie eine Krebszelle in einem Organismus: Äußerlich funktioniert sie wie eine gesunde Zelle, sie wandelt Energie aus dem Stoffwechsel zum Ordnungsaufbau der Zellstruktur um. Doch nur um die innere Ordnung, die innere Struktur der Zelle geht es dabei, nach außen schafft sie Zerstörung. Die Krebsstruktur ist eine ordnungszerstörende Ordnung, eine Blase geringerer Entropie, die die Entropie um sich herum vergrößert.
Bankenkartelle
Sehen wir uns nach diesem Exkurs nun das Kunstrasenprojekt näher an, von dem ich begonnen hatte, zu erzählen. Der durch Bankgelder dotierte Fonds förderte nicht nur bestimmte Universitäten, sondern schuf sich seine eigene Astroturfing-Zelle. Das Astroturfing kaschiert top-down Initiativen, indem sie sie als bottom-up Initiativen erscheinen läßt: als künstliche Graswurzelbewegungen. Der Fonds finanzierte die National Citizens’ League, eine vermeintliche Bewegung engagierter Bürger, die sich für die Reform des Bankwesens einsetzten. Nathaniel Stephenson schreibt in seiner Biographie über Nelson Aldrich:
Das Bündnis war parteilos. Man achtete darauf, Senator Aldrich herauszustellen ... Zuerst und vor allem gab diese Bewegung Hunderttausende von Dollar für die Popularisierung der Finanzwissenschaften aus. (Stephenson 1930/1971, S.388f)
Die Öffentlichkeitsarbeit der Bewegung übernahm der Ökonom J. Laurence Laughlin, der als wirtschaftsliberal galt. Das hinderte ihn nicht daran, den karrierefördernden Posten anzunehmen und nun besonders vehement für die Regulierung des Bankensektors aufzutreten. Der treue Leser der Scholien ist im Gegensatz zum durchschnittlichen Zeitungsleser nicht überrascht, daß es im Sinne der großen Banken war, die Regulierung ihres Sektors zu verschärfen. Jede Regulierung hat einen Kartelleffekt. Das läßt sich in Österreich derzeit besonders schön am Konflikt zwischen der Finanzmarktaufsicht und dem Unternehmer Heinrich Staudinger beobachten. Staudinger hatte die Expansion seines Unternehmens GEA, das im Waldviertel Schuhe und Möbel produziert, mit Privatkrediten finanziert. Er stellt die Lage so dar:
Zitat aus dem Brief der FMA an GEA: »Der FMA \[der FinanzMarktAufsicht\] ist bekannt, dass der ›GEA Sparverein‹ Gelder von Kunden entgegengenommen hat und dafür Zinsen an die Kunden bezahlt wurden bzw. werden. Überdies ist der FMA bekannt, dass für die Finanzierung einer Solaranlage ebenso Kundengelder entgegengenommen wurden. Wer Bankgeschäfte ohne die erforderliche Berechtigung betreibt … ist von der FMA mit Geldstrafe bis zu 50.000 Euro zu bestrafen.«
\[…\] der Herr Bankdirektor Heiter (er hieß wirklich so) \[kürzte\] im Jahr 1999 aus einer Laune heraus den Kreditrahmen, obwohl unsere Geschäfte super liefen und die Bilanz wenige Monate später einen Gewinn von 5 Millionen Schilling auswies. Er machte sich einen Spaß daraus mir klarzumachen, dass er mir für die Kürzung des Kreditrahmens keine Rechenschaft schuldig sei. Damals lernte ich, dass es für meine Firma riskant sein kann, einer Bank zu vertrauen.
Später, ab dem Jahr 2003, lernte ich, dass zwischen anständigen Menschen unter wechselseitigem Vertrauen sehr stabile Vertragsverhältnisse möglich sind. Nach und nach wurden die Einlagen in unserem »GEA Sparverein« mehr und es begann eine grundsolide und kontinuierliche Entwicklung unserer Firma. In diesen zehn Jahren haben wir mit dem geliehenen Geld unserer FreundInnen und KundInnen in der Krisenregion Waldviertel 100 Arbeitsplätze geschaffen und die Energie-Wende vorbildlich vollzogen. Mit unserem Hauptprodukt »Waldviertler« Schuhe agieren wir in einer Krisenbranche. Wir sind stolz darauf, dass wir ein bisschen was vom überragenden Knowhow, das es hierzulande in Sachen Schuhe einmal gab, retten können. \[…\]
Es kann und darf nicht sein, dass unser Versuch einer lebensbejahenden und vertrauenswürdigen Wirtschaft verboten werden soll, während das Geldversenken in der Bankenwelt ungebremst und (meist) ungestraft vor unser aller Augen weitergeht. Ich kann gut verstehen, dass die Banken, nachdem sie Abermilliarden verspekuliert und in den Sand gesetzt haben, jedes Vertrauen (auch untereinander) verloren haben. Diese Vertrauenslosigkeit darf deshalb (wegen der Banken) nicht zum überall herrschenden Prinzip werden. Vertrauen ist eine Notwendigkeit in jeder Freundschaft, in jeder Familie, und natürlich auch in jeder Gesellschaft. Verständlicherweise gedeihen auch Geschäfte in einem Milieu des Vertrauens besser.
Eine Gesellschaft, in der es kein Vertrauen gibt, ist nicht lebenswert. Es kann nicht sein und darf nicht sein, dass die Banken mir (oder dir) vorschreiben können/dürfen, wem ich (oder du) Geld borgen darf. Transparenz ist dabei ein sinnvolles Werkzeug. Das sollte (muss) dann aber auch für Banken gelten. – Zum Beispiel: Was macht die Bank denn mit meinem/deinem Geld?
Wir müssen uns das nicht gefallen lassen. (Staudinger 2012)
Staudinger ist bereit, dafür sogar ins Gefängnis zu gehen. Diese Konfrontation ist heldenhaft und äußerst fruchtbar. Heinrich Staudinger ist nämlich ein „politisch korrekter“ Unternehmer, der bei sich für „links“ haltenden Bobos besonders beliebt ist. Damit hat der Konflikt das Potential, einer regulierungswütigen Schicht erstmals die Absurdität der Überregulierung vor Augen zu führen. Das Märchen, die Finanzkrise wäre aufgrund von zu wenig Regulierung ausgebrochen, kann so hoffentlich zumindest hierzulande ein wenig relativiert werden. Die FMA ist nun ziemlich unter Druck. Verzweifelt verteidigte sich die Behörde: Wenn sich Staudinger mit dem geborgten Geld absetzt, wären die Republik Österreich bzw. die Mitarbeiter der FMA als Aufsichtsbehörde haftbar. Daß Mitarbeiter einer Kontrollbehörde für veruntreute Gelder persönlich haften sollten, ist zwar eine schöne Vorstellung, aber weit weg von der Realität. Angesichts der Bodenlosigkeit und Verantwortungslosigkeit des Regulierungspersonals ist das eine besonders freche Lüge. Im Gegensatz zu Staudinger, der einen asketischen Lebensstil pflegt, obwohl er ausschließlich aufgrund der freiwilligen Wertschätzung seiner Produkte profitabel wirtschaftet, hat der Lebensstil der FMA-Beamten nichts mit Werten zu tun, die sie für andere schaffen. Für sie gilt wie für die Oberregulierer in Brüssel, was UKIP-Abgeordneter Nigel Farage in einer seiner furiosen Reden im EU-Parlament vorwarf:
eine leidenschaftliche Verteidigung hoher Gehälter, indexindizierter Pensionen, Dienstwagen mit Chauffeuren und eines Lebensstils, den niemand von Ihnen jemals in der wirklichen Welt unter Wettbewerbsbedingungen genießen würde. (Farage 2012)
Farage ist einer der wenigen MEPs, die in der Privatwirtschaft mehr verdienten als im EU-Dienst. Doch die meisten hohen Gehälter in der Privatwirtschaft erfordern freilich fette Anführungszeichen rund um „privat“, meistens handelt es sich um Jobs in der Finanzindustrie.
Kommen wir zurück zur Geschichte, wie die Finanzwirtschaft und die Politik verschmolzen. Der erste prominente Akademiker, der sich für den Aldrich-Plan aussprach, war ein gewisser Woodrow Wilson. 1902 wurde er zum Präsidenten der Princeton University. Seine Zustimmung zum Federal Reserve System brachte ihm immer höhere Ämter ein, bis zum höchsten überhaupt. 1912 stand der republikanische Präsident William Howard Taft zur Wiederwahl. Griffin schreibt:
Seine politische Macht gründete sich, wie die der meisten Republikaner zu dieser Zeit, auf die Unterstützung der Großindustrie und der Banken in den Industrieregionen. Er war in die erste Amtszeit in der Erwartung gewählt worden, daß er die protektionistischen Strategien seines Vorgängers Teddy Roosevelt fortsetzen würde, und zwar vor allem in den Geschäftsbereichen Zucker, Kaffee und Früchte aus Lateinamerika. Doch sobald er im Amt war, handelte er wesentlich zurückhaltender in diesen Dingen und zog sich damit die Feindschaft vieler mächtiger Republikaner zu. Der endgültige Bruch trat ein, als Taft sich weigerte, den Aldrich-Plan zu unterstützen. Er war nicht dagegen, weil dieser eine Zentralbank vorsah, die der Regierung Einfluß auf die Wirtschaft geschaffen hätte, sondern weil ihm die eingeräumte Regierungskontrolle nicht groß genug war. Es war ihm bewußt, daß die auf Jekyll Island entwickelte Formel die Banker auf den Fahrersitz gesetzt und der Regierung nur eine nominelle Beteiligung eingeräumt hätte. Er hatte überhaupt nichts einzuwenden gegen die uralte Partnerschaft zwischen den Finanzleuten und den Politikern. Er wünschte jedoch eine wesentlich einflußreichere Rolle für die Politik. (Griffin 2006, S. 504)
Dieselben Finanzkräfte, die bislang die Republikaner finanziert hatten, wollten nun Taft loswerden. Ein Einstellen der Parteispenden wäre zu auffällig gewesen und hätte die Aufmerksamkeit auf die Interessen im Hintergrund geleitet. Taktisch sinnvoller war es, einen Herausforderer aus dem Hut zu zaubern, der Taft Stimmen kosten würden. Vertreter von J.P. Morgan überredeten Teddy Roosevelt, Taft bei der Parteinominierung herauszufordern. Roosevelt hatte sich schon früher als verläßlicher Interessenvertreter von J.P. Morgan hervorgetan. WährendRoosevelt etwa den Industriegiganten US Steel stützte, der sich im Besitz von J.P. Morgan befand, wollte Taft diesen mittels der Anti-Trust-Gesetzgebung zerschlagen. Roosevelt lag zwar bei den Vorwahlen (Primaries) um die Parteinominierung vorne, doch Taft beherrschte den Parteiapparat und setzte sich letztlich durch. Daraufhin wurde Roosevelt Unterstützung zugesagt, wenn er als „Unabhängiger“ gegen Taft antrat. Er gründete die Progressive Party. Es war zwar klar, daß diese im Zweiparteiensystem der USA nicht gewinnen würde, aber so konnte er Taft hinreichend viele Stimmen stehlen. Diesmal waren nämlich die Demokraten die bessere Alternative für die Finanzinteressen: Ihr Kandidat hieß Wilson.
So finanzierten die Banker die Wahlkämpfe aller drei Kandidaten. Roosevelt, dessen Antreten überhaupt erst auf Initiative der Banker erfolgte, führte einen scharfen Wahlkampf gegen die Money Trusts und die Wall Street, insbesondere gegen die Gesetzesvorlage von Aldrich. Taft hingegen wurden von seinen Mitbewerbern als alleiniger Vertreter der Finanzinteressen hingestellt. Die Taktik ging auf: Wilson siegte mit nur 42 Prozent der Stimmen als vermeintlich „linker“ Kandidat – der Wunschkandidat der Banken.
Nun ging es um die Verabschiedung des Federal Reserve Acts, des Gesetzes, das das Zentralbankwesen in den USA ein für alle Mal verankern sollte, nachdem die bisherigen Bemühungen gescheitert waren. Es gab jedoch noch heftigen Widerstand von einigen Politikern, die witterten, was hier beabsichtigt wurde. Besonders Charles Lindbergh Senior tat sich hervor, der Vater der Luftfahrtlegende. Er warnte 1913:
Dieses Gesetz etabliert das gigantischste Monopol auf Erden. Wenn Präsident Wilson diese Vorlage unterzeichnet, wird die Schattenregierung der Finanzmacht legalisiert. … Das größte Verbrechen des Kongresses ist sein Währungssystem, während das schlimmste gesetzgeberische Verbrechen aller Zeiten durch dieses Banken- und Währungsgesetz verübt wird. (Lindbergh 1913)
Lindbergh setzte eine Resolution durch, daß eine Komission eingesetzt werden sollte, um die Konzentration der Wirtschaft in den Händen weniger Banker zu untersuchen. Der Abgeordnete Arsène Pujo aus Louisiana wurde daraufhin vom Kongreß autorisiert, einen Unterausschuß mit dieser Aufgabe zu bilden – kurz das Pujo Committee genannt. Im Abschlußbericht stellte der Ausschuß fest, daß 18 der größten Finanzunternehmen unter der Kontrolle eines Kartells standen, das von J.P. Morgan geführt wurde. Paradox waren nun die Folgen dieses Berichts: Damit wurde unter der Bevölkerung die Stimmung für mehr Regulierung angeheizt. Die Banken ließen es so erscheinen, als fürchteten sie sich unglaublich vor dem Federal Reserve-Gesetz und der Scheinkontrolle einer Zentralbank.
Die ursprüngliche Gesetzesvorlage von Aldrich war jedoch noch zu suspekt. Es brauchte einen weiteren unverbrauchten Politiker, der Karriere machen wollte. Der Demokrat Carter Glass übernahm die nötige Aufgabe: Er stimmte in die Kritik der Gesetzesvorlage ein und argumentierte, es brauche einen gänzlich neuen Ansatz, der nicht aus der Feder der Finanzinteressen stamme. Er präsentierte eine neue Vorlage, die maßgeblich von Laughlin entwickelt wurde. Die Politiker und die Bevölkerung waren nun hinreichend darauf vorbereitet: Es herrschte Konsens, daß es eine zentrale Regulierung des Banksektors brauche und diese Regulierung aus „unabhängigen“ Händen kommen sollte. So war es ein Leichtes, 1913 das Gesetz durchzubringen. Mit dem Glass-Owen-Gesetz wurde im dritten Anlauf in der amerikanischen Geschichte das Zentralbankwesen etabliert. Scheinbar hatte damit die Politik und das Volk über die Banken gesiegt. Nur Lindbergh wußte, daß die Folgen seines verzweifelten Kampfes so gar nicht in seinem Sinne waren. Die vorherrschenden Ideen hatten sich als der praktischen Politik überlegen gezeigt – nun fruchtete die bankfinanzierte Kunstrasenbewegung für „Finanzreformen“ und „Bankenkontrolle“. Dasselbe Muster wiederholt sich immer wieder. Darum war ich ja auch im Gegensatz zum vermeintlichen „Finanzsystemkritiker“ Franz Hörmann keineswegs überrascht, daß er mit seinen Reformvorschlägen inoffiziell auf viel Gegenliebe bei Bankern stieß. Nur als Person wurde er schließlich abserviert, denn als Ideenverbreiter war er zu unberechenbar.
Die Fed-Ermächtigung
Das endgültige Gesetze entsprach in allen wichtigen Punkten dem Aldrich-Entwurf, der von den Bankern auf Jekyll-Island ausgeheckt worden war. Das Gesetz war hinreichend unklar formuliert, um eine genauere Debatte bei kritischen Punkten zu vermeiden. So konnte das Gesetz durch langfristiges Lobbying nach und nach an die Wünsche der Profiteure angepaßt werden: Es wurde bislang knapp 200 Mal (!) abgeändert. Um über die Machtkonzentration hinwegzutäuschen, wurde ein System von zwölf regionalen Zentralbanken eingeführt. Schon die Formulierung ist ein Widerspruch in sich. Es handelt sich um dieselbe Masche, die auch in der EU gepflogen wird, indem die Behördensitze mehrfach geographisch verteilt sind. Da damit keinerlei reale regionale Autonomie verbunden ist, die subsidiär wirken kann, führt dies nur zu einer Vervielfachung der Kosten. Die Zusatzgebäude sind nichts als teure Potemkinsche Dörfer (siehe Scholien 03/10, S. 107f).
Dabei ist es keinesfalls so einfach, daß das Fed schlicht eine Bastion von Privatinteressen sei. Immer wieder wird von Kritikern beklagt, das Fed sei gar in Privatbesitz. In der Tat halten die Mitgliedsbanken „Aktien“, doch diese sind keine realen Eigentumsverbriefungen. Das Stimmrecht ist unabhängig von diesen „Anteilen“, die weder verkauft noch gehandelt werden können. Die Entscheidungsgewalt liegt beim Vorstand, der vom Präsidenten ernannt wird. Griffin faßt den Status des Fed so zusammen:
Zwar ist es richtig, daß das FED unabhängig von direkter politischer Kontrolle ist, doch sollte man nicht vergessen, daß es vom Kongreß gegründet wurde und deshalb auch von ihm abgeschafft werden könnte. In Wirklichkeit ist die Federal Reserve weder ein Arm der Regierung noch privatwirtschaftlich organisiert. Sie ist ein Hybrid. Sie ist ein Zusammenschluß großer Geschäftsbanken, dem vom Kongreß besondere Privilegien gewährt wurden. Eine genauere Beschreibung könnte lauten, sie ist ein von Bundesgesetzen geschütztes Kartell. … Das FED ist weder eine Regierungsbehörde noch eine private Institution im üblichen Sinne. Es unterliegt politischer Kontrolle und hat es doch geschafft — wegen der unerhörten Macht über Politiker und deren Wahlkampfmechanismen —, sich von tatsächlicher politischer Beaufsichtigung freizuhalten. Kurz gefaßt handelt es sich um ein Kartell, und die Organisationsstruktur zur Erfüllung seiner Aufgaben ist einzigartig. (Griffin 2006, S. 630, 655ff)
Daß das Fed privat wäre, wird vor allem von jenen betont, die in der vollkommenen staatlichen Kontrolle der Geldproduktion das Allheilmittel sehen. Die Geldproduktion solle eine transparente Staatsgewalt wie die Legislative, Exekutive und Judikative werden – nämlich eine Monetative. Das kontinentalliberale Märchen von der Gewaltenteilung halte ich für reichlich naiv. Die „Monetative“ wäre natürlich noch weniger unabhängig als die „unabhängigen“ Zentralbanken.
Ohne Teilhabe der Banken könnte sich, so die Argumentation, der Staat vollkommen frei selbst mit Geld versorgen und müßte demnach auch keine Zinsen bezahlen. Dieser Schluß führt dazu, daß sich dieses Lager mit der Gesellschen Zinssekte überschneidet. Diese Argumentation übersieht, daß nur der kleinste Teil der Staatsanleihen vom Fed bzw. den Zentralbanken gehalten wird. Die allermeisten Anleihen finden „private“ Nachfrage als Wertpapiere. Würden diese keinen Zinsertrag mehr bieten, wären sie wertlos. Das heißt, von heute auf morgen wären die meisten Lebensversicherungen und die meisten Formen der Altersvorsorge wertlos. Der Schmäh besteht ja gerade darin, daß aufgrund der Zinsenzahlung Verschuldung als Wert verkauft werden kann und damit als vermeintliche „Sicherheit“ hinter dem gesamten Geldvorrat. Ohne diese zinsenzahlende Verschuldungsspirale würde mit einem Mal die gesamte Geldwirtschaft ausgelöscht werden. Wenn jede Schuld zurückgezahlt ist und keine Zinsen mehr fällig sind, verschwindet auch nahezu jedes Geld. Der Staat will sich nicht nur in Recheneinheiten verschulden, das wäre witzlos, sondern eben reale Werte an sich reißen. Das bislang perfekteste System hierfür ist die Einspannung von Banken und die Teilung der Seignorage (Geldproduktionsgewinne).
Solange sich noch jemand verschuldet, wächst damit die Geldmenge. Mit der Geldmenge wächst der Verschuldungsgrad der Gesellschaft und natürlich auch die Zinsenlast. Darum ist die Zinskritik heute wieder so naheliegend, wie in allen Zeiten, die nach Entschuldung drängten. Leider setzt sie beim Symptom und nicht bei der Ursache an. Griffin schlägt eine interessante Einschränkung des Begriffs vom Wucher vor, die die Zinskritik wieder auf eine ökonomische Basis stellen könnte. Als Zinswucher sollten wir die Forderung von Zinsen für ein Darlehen aus virtuellem Geld bezeichnen, nicht für Darlehen aus realen Ersparnissen. In der Tat hat man es auch nur da mit einem nahezu risikolosen Einkommen zu tun, da der Kredit vom Gläubiger selbst geschaffen werden kann.
Katholizismus
Übrigens war die Zinskritik der Bereich, an dem mein ehemaliger Kollege Gregor Hochreiter mit der Österreichischen Schule brach. Daß er dabei auch mit sämtlichem Führungspersonal der katholischen Kirche brach, hielt ihn nicht davon ab, die katholische Soziallehre gegen die Österreichische Schule hochzuhalten. Ich kann mich gut erinnern, wie er nach einem Vortrag an der päpstlichen Hochschule von Heiligenkreuz vom Abt Gregor Henckel-Donnersmarck zurechtgewiesen wurde, man sollte nicht anfangen, anhand ökonomischer Fragen anderen Katholiken ihr Katholischsein abzusprechen. Leider hat Gregor, ein zweifellos brillanter Kopf und sehr wertvoller Kollege, unser Institut verlassen. Da mich viele danach fragen, erlaube ich mir ein paar Zeilen dazu. Unser Institut sollte stets jedem darin Wirkenden völligen Freiraum lassen, wobei uns nur die Erkenntnisliebe einen soll. Gregors spätes religiöses Erwachen war hierzu zunächst überhaupt kein Hinderungsgrund für eine Zusammenarbeit. Ich erinnere mich, ihn selbst auf bedeutende katholische Denker erst hingewiesen zu haben. Vermutlich haben ihn schließlich persönliche Gründe auf Distanz gehen lassen, wie das meist der Fall ist: Ideen und auch religiöse Überzeugungen dienen uns oft nur als Rationalisierungen für Intuitiveres, auch und gerade bei besonders rationalen Menschen. Jedenfalls hörte unsere Zusammenarbeit dort auf, fruchtbar zu sein, wo letztlich keine offene Diskussion mehr möglich war. Mit Gregor gemeinsam habe ich mich von manch ideologischer Fessel der Österreichischen Schule befreit. Insbesondere in den USA, aber bei individuellen Vertretern auch schon hierzulande, wird diese Schule manchmal als Ideologieersatz interpretiert. Ich befürchte, daß sich Gregor nun neue ideologische Fessel zugelegt hat. Als religiösem Menschen war mir sein religiöses Erwachen nie ein Dorn im Auge, sondern eine Erleichterung. Dennoch war ich zuletzt oft an Röpkes Warnung vor einem rationalistischen „Katholizismus ohne Christentum“ erinnert:
Daß man mit einem abstrakten Rationalismus auch eine verwegen reaktionäre Theorie entwickeln kann, hat der klassische Vertreter des Herrschaftsprinzips und einer geradezu irreligiösen Theologie, Joseph de Maistre, bewiesen, der ein fanatischer Rationalist, ein "Voltaire mit umgekehrtem Vorzeichen" gewesen ist. \[…\] Von ihm gilt, was Thomas Huxley von Comte gesagt hat: Catholicism minus Christianity. \[[]{#_TOC277933592 .anchor}Röpke Wilhelm, 1979 (1942), Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, Paul Haupt, Bern. S.122\]
Bestätigt wurde ich in dieser Befürchtung durch ein aggressives Diskussionsverhalten, daß nicht mehr in der Lage war, eigene Überzeugungen, just for the sake of argumentin Frage zu stellen. Vielleicht bin ich da zu philosophisch, aber Erkenntnis finde ich nur dort, wo man nicht immer dieselben Überzeugungen wiederholt und dafür selektiv Indizien zusammenklaubt, sondern auch – im geschützten Rahmen des freundschaftlichen Streits – das Offensichtlichste hinterfragen kann.
Viele religiöse Menschen werden durch das säkulare Umfeld zu einer aggressiv-defensiven Grundhaltung gedrängt. Wahrhafte Religiosität sollte freier, zuversichtlicher, heiterer, offener, unbeirrter, großzügiger, toleranter, unempfindlicher machen. Bei wahrhaft gläubigen Menschen habe ich das auch immer so empfunden – daß man sie nicht beleidigen kann, weil sie nicht narzißtisch sind. All jene mit eifersüchtigen, beleidigten Gottheiten kann ich schwer ernstnehmen. Dabei stehen momentan die Moslems etwas im Rampenlicht, weil der Orientale zur Dramatik neigt und die dortigen Gesellschaften ziemlich kaputt sind, sodaß der Schritt zur rohen, stupiden Massengewalt ein geringerer ist.
Gregor rechnete nun in der libertären (!) Zeitschrift eigentümlich frei mit der Österreichischen Schule ab. Bei Offensichtlichem hat er recht und attackiert damit doch einen Strohmann. Die utilitaristisch-liberalen Vertreter der Schule leben längst nicht mehr, ihre normativen Vorlieben und ihr Säkularismus sind aus einem gewissen Kontext entstanden. Die Kritik erinnert an jene, die es sich heute leicht machen, die Österreichische Schule abzutun, weil Ludwig von Mises sich angeblich als „Faschist“ enttarnt hatte, als er schrieb:
Es kann nicht geleugnet werden, daß der Faszismus und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen voll von den besten Absichten sind und daß ihr Eingreifen für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet hat. Das Verdienst, das sich der Faszismus damit erworben hat, wird in der Geschichte ewig fortleben. []{#_TOC277933196 .anchor}(Mises 1927, S. 45)
Der Kontext der Zeit war, daß Mises für ein vom Faschismus ergriffenes Publikum schrieb, das er für eine Kritik des Faschismus gnädig stimmen wollte. Die Passage setzt sich so fort:
Doch die Politik, die im Augenblick Rettung gebracht hat, ist nicht von der Art, daß das dauernde Festhalten an ihr Erfolg versprechen könnte. Der Faszismus war ein Notbehelf des Augenblicks; ihn als mehr anzusehen, wäre ein verhängnisvoller Irrtum.
Zudem war im damaligen Kontext Faschismus noch etwas gänzlich anderes als der National-Sozialismus, in Österreich, wo Mises schrieb, sogar das Gegengewicht, daß vorerst eine national-sozialistische Machtübernahme verhinderte. Zurück zur „katholischen“ Kritik an der Österreichischen Schule. Gregor schreibt:
Aus der unleugbaren Tatsache, dass der Mensch wertet und bewertet und diese subjektiven Wertungen den Wert der wirtschaftlichen Güter bestimmen, folgt nicht, dass es überhaupt keine objektive Wirklichkeit zum Beispiel über Sinn und Zweck der menschlichen Existenz an sich gibt. Die bekannte Langformel über den Sinn und Zweck des menschlichen Lebens: „Wir sind auf Erden, dass wir in unserem Leben Gott erkennen, ihn lieben, seinen Willen tun und dadurch die ewige Seligkeit erlangen“ ist nach katholischer Auffassung eine allgemeingültige Tatsache über die Bestimmung der menschlichen Existenz an sich. (Hochreiter 2012, S. 51)
Wie leicht ersichtlich ist, hat die Hilfswissenschaft der Ökonomie keine Kompetenz, über Sinn und Zweck der menschlichen Existenz zu richten. Der Österreichischen Schule vorzuwerfen, daß sie zu ihren Deduktionsprämissen nicht katholische Glaubensformeln hinzuzählt, ist verfehlt. Sie ist ein beschränkter und bescheidener Erkenntnisversuch und will keine Weltformel aufstellen, keine universale („katholische“) Weltsicht. Ich habe ein großes Problem mit der formelhaften Religiosität, denn Worte sind Elemente zwischenmenschlicher Kommunikation. Da hilft auch die etymologische Gleichsetzung von Logos = Wort und Logos = Bedeutung nichts. (Ein „katholisches“ Argument, das ich mir oft anhören mußte: Jesus ist der Logos, sagt die Bibel. Logos bedeutet – auch – Erkenntnis. Wer Jesus ablehnt, lehne daher die Erkenntnis an sich ab. Das erinnert mich ein wenig an den Ententest in Monty Pythons Holy Grail.) Gott legt sicherlich keinen Wert auf mißverständliche Worte. Daß menschliche Laute Gottheiten erregen, halte ich für eine heidnische Vorstellung. Worte haben Bedeutung für uns selbst, sofern wir die Ideen dahinter erkennen. Dann ist auch die Formel wertvoll, weil sie unser Bewußtsein schärft, womöglich gar eine Verbindung ins Transzendente erlaubt, weil sie unseren Geist richtig einstellt (daran knüpft ja auch der Mythos der Zauberformel an). Die Formel ist aber jenseits ihres Wirkungsgebietes, wenn sie sich auf andere Menschen richtet, diese durch eine Beschwörung ins eigene Denken und Sehen einstimmen will. Dann sind wir bei der primitiven Religiosität der schlichten Imitation. Wenn sich für religiös haltende Menschen glauben, Beschwörungsformeln, die für sie Bedeutung haben, wären ein taugliches Missionierungsmittel oder könnten gar die Rolle von Argumenten im philosophischen Streit einnehmen, sind sie auf einem Holzweg. Nicht weil die Formeln falsch sind, sondern weil religiöse Einsicht nur „mit dem Herzen“ sichtbar ist. Die Formelprediger halte ich für unchristlich, weil ihnen die Empathie, das Einfühlungsvermögen in den anderen fehlt. Damit meine ich nicht, daß Zitate aus der Offenbarung generell fehl am Platze sind. Sie können in gar verblüffender Weise der Erkenntnis dienen. Doch wenn das Zitat anstelle des Argumentes steht, wird es seiner eigenen Kraft beraubt. Das ist so, als würde ein Lehrer einem Schüler Mathematik beibringen wollen, indem er ihm in beschwörendem Tonfall die Ergebnisse von Fragestellungen vorträgt, die der Schüler noch gar nicht kennt. Letztlich haben die Beschwörungen der Formelreligiosität einen sehr menschlichen Hintergrund: Sie ähneln dem Schnattern der Gänse, auf das ich später näher eingehen werde. Innerhalb des Rudels ist dagegen gar nichts einzuwenden; aber gerade die katholische Tradition transzendiert mit ihrem Universalismus ja die Menschenrudel.
Familienlöhne
Gregor bezieht sich in seiner Kritik positiv auf das Buch von Christopher Ferrara: The Church and the Libertarian: A Defense of the Catholic Church’s Teaching on Man, Economy, and State (2010). Ferrara hat jedoch keine Ahnung von der Österreichischen Schule; seine Kritik richtet sich tatsächlich gegen den Libertarianism. Gegen die Verwechslung von libertärer Ideologie mit ökonomischer Wissenschaft habe ich schon öfters angeschrieben, da wußte ich mich bislang auch mit Gregor einig. Nun erliegt er selbst dieser Verwechslung, nur in entgegengesetzter Richtung. Er deutet die Österreichische Schule normativ und schreibt:
Das einzige Gerechtigkeitskriterium für die Österreichische Schule ist die freiwillige Zustimmung der beiden Tauschpartner zu einem Tauschakt. Jede Preisvereinbarung, so sie nicht unter Androhung oder Ausübung von Gewalt erzielt worden ist, sei gerecht und dürfe daher weder von einem Gericht noch vom Gesetzgeber korrigiert werden. Der vereinbarte Lohn ist der gerechte Lohn. Dagegen lehrt die Kirche, dass es zur Ermittlung des gerechten Lohns überindividuelle Kriterien des Naturrechts gibt, die von den beiden Vertragsparteien einzuhalten sind. Da es Aufgabe des Staates ist, die Gerechtigkeit allumfassend zu verwirklichen, ist er bei Verletzung des naturrechtlich Geforderten gemäß dem Subsidiaritätsprinzip nicht nur zum Einschreiten autorisiert, sondern sogar verpflichtet. Der gerechte Lohn, um einen spezifischen Fall näher auszuführen, muss es dem Arbeiter, vor allem demjenigen, der ausschließlich von seiner Hände Arbeit lebt, ermöglichen, sich und seine Familie zu ernähren, eine angemessene Unterkunft zu finanzieren sowie am sozialen, kulturellen und religiösen Leben teilzunehmen. Diesen sogenannten Familienlohn begründet Papst Leo XIII. in der Enzyklika „Rerum Novarum“ mit der Notwendigkeit der Arbeit, „denn die Erhaltung des Lebens ist heilige Pflicht“. „Quadragesimo Anno“ nennt drei Kriterien zur Bemessung und Regelung des Arbeitslohns: Erstens: Lebensbedarf des Arbeiters und der Arbeiterfamilie. Zweitens: Lebensfähigkeit des Unternehmens. Drittens: Allgemeine Wohlfahrt. \[…\] Die Verkürzung des gerechten Lohns ist kein Kavaliersdelikt. Die Vorenthaltung des gerechten Lohns zählt zu den vier himmelschreienden Sünden (Jak 5, 4), die den Sünder eindringlichst zu Buße und Umkehr rufen. (Hochreiter 2012, S. 51f)
Kein Vertreter der Österreichischen Schule würde Gregor einer himmelschreienden Sünde zeihen und zur Buße und Umkehr aufrufen, wenn er tatsächlich einem Mitarbeiter mehr bezahlen würde, weil dieser ein zusätzliches Kind in die Welt gesetzt hat. Die Ökonomie sagt bloß, daß bei den über den Markt vermittelten, friedlichen Beziehungen unter Fremden langfristig die freiwillig gezahlten Preise nicht weit weg von der Grenzproduktivität liegen werden. In der Welt, die Gregor vorschwebt, und die auch mir sympathischer wäre, gäbe es kaum Löhne und Gehälter, sondern weitgehend selbständig Werkende. Sündigen wir, weil wir nicht bei jedem Produkt den Familienstand und die Kinderzahl des Produzenten ausforschen, um dann einen Mehrbetrag aufzudrängen?
Die katholische Soziallehre ging deutlich in die Irre dabei, sich nicht an die Wandlung der Wirtschaft hin zu einer Struktur proletarisierter Massenproduktion anzupassen. Wertvoll ist die Kritik an dieser Tendenz, wie sie etwa der von mir so geschätzte G. K. Chesterton ausdrückt. Aber für eine anonyme Massenwirtschaft die Kriterien eines oikos anzuwenden muß zur sozialistischen Utopie führen, in einer Massengesellschaft den Sippenethos beizubehalten. Darum sind die dezidiert „katholischen“ Ökonomen meistensverkappte Sozialisten, so auch jene in der „Katholischen Sozialakademie“.
Die Ökonomie schreibt den Menschen nicht vor, wieviel sie wem zu bezahlen haben. Das ist in der Tat auch eine Frage der Gerechtigkeit. Die Ökonomie ist nur ein systematischer Versuch, die Phänomene und Folgen des „Zahlens“ und anderer wirtschaftlicher Taten zu verstehen. Als Ökonom ist man dann etwa keineswegs überrascht, wenn die Bezahlung des Dönerbudenbesitzers nach der Anzahl seiner Kinder Folgen zeigt, die kulturkämpferischen Defensiv-„Katholiken“ so gar nicht behagen werden. Mein geschätzter Kollege Guido Hülsmann, der es zuwege bringt, gläubiger Katholik zu sein, und dabei Ökonom zu bleiben, faßt es so zusammen:
\[…\] muss man sich bei der Entrichtung eines „Familienlohns“ klar vor Augen halten, dass dieser notwendigerweise mit einer verringerten Entlohnung lediger Arbeitnehmer einhergeht; dass daraus Wettbewerbsvorteile für Firmen mit vornehmlich ledigem Arbeitnehmerstamm entstehen; dass dies aller Voraussicht nach eine ganze Palette staatlicher Eingriffe (mit den bekannten Folgen Ineffizienz, Korruption, Interventionsspiralen) nach sich ziehen wird; und dass durch den Familienlohn rein materielle Anreize zur Familiengründung geschaffen werden, auch dort, wo keine echte Zuneigung und gemeinschaftliche Lebensentwürfe bestehen. Die Gesamtfolgen für das Gemeinwohl sind somit keineswegs klar. Gerade die gesetzliche Verankerung eines Familienlohns würde wahrscheinlich eine negative Bilanz nach sich ziehen. (Hülsmann 2012, S. 40ff)
Die Forderung nach Berücksichtigung des Familienstandes bei Fragen der distributiven Gerechtigkeit fasse ich gänzlich anders als Gregor auf. Die Perspektive auf Löhne ist ein modernes Phänomen, das von Massenstrukturen des Staates, der Banken oder der Konzerne ausgeht. Dort mag die pauschale Zuteilung an Menschengruppen anstelle persönlicher Zahlungsakteüberwiegen. Wenn der Staat – oder die Struktur von big business und big government – eines Tages der letzte Arbeitgeber sein sollte, dann wäre die Zuteilung in der Tat nur noch eine Frage der distributiven Gerechtigkeit. Mangels andere Unterscheidungsrichtlinien würde hier eine Zuteilung nach den zu versorgenden Köpfen gerechter sein als eine Zuteilung, die dies völlig außer acht ließe.
Distributive Gerechtigkeit
An diesem Punkt sind wir zum Glück noch nicht gänzlich angelangt. Der Aspekt des Familienlohns, also die Rücksicht darauf, wieviele Köpfe die jeweiligen Personen zu versorgen haben, ist eine Frage der distributiven Gerechtigkeit. Diese wird im Gegensatz zur kommutativen Gerechtigkeit als Verteilungsgerechtigkeit interpretiert. Das oberste Gebot der Tugend der Gerechtigkeit ist suum cuique tribuere – jedem das Seine zuzuteilen. Mit Gleichverteilung hat Gerechtigkeit grundsätzlich nichts zu tun, Gleichverteilung ist nach der klassischen Tugendlehre ungerecht, weil die Menschen nicht gleich sind.
Bei Zuteilungen, also wenn wir anderen etwas geben, dienen uns eben jene zwei Aspekte zur Orientierung: Kommutative Gerechtigkeit erfordert ungefähre Reziprozität. Wenn jemand etwas für uns Wertvolles geschaffen hat und dies im Tausch anbietet, so gebietet die Gerechtigkeit, ihm ebenso etwas für ihn Wertvolles zu geben. Von Gleichheit kann auch hier im objektiven Sinne nicht die Rede sein, denn niemand würde Gleiches gegen Gleiches tauschen – da kann man sich den Tausch ersparen. Nur eine Gleichrangigkeit kann gefordert sein: nämlich eine Relation von Wert und Gegenwert. Da wir nur selbst entscheiden können, was für uns Wertvoll ist, und keine „Nutzenpunkte“ spüren, geschweige denn kommunizieren können, gilt die freiwillige Annahme des Tausches unter Ausschluß des Betruges als hinreichender Indikator der kommutativen Gerechtigkeit unter Erwachsenen. Auch die katholischen Ökonomen der Scholastik kamen zu diesem Schluß. Andere Kriterien geben den dann nötigen Auslegern, die ja auch nur Menschen sind, zu viel Macht und untergraben damit erst recht die kommutative Gerechtigkeit.
Die distributive Gerechtigkeit ergänzt diesen Aspekt um die Frage, wie unsere Gabe im gesellschaftlichen Kontext in Relation steht. Eine „Verteilung“ im statistischen Sinne heutiger „Volkswirte“ kann nicht gemeint sein, denn von solchen Konzepten können nur Menschen sprechen, die für sich Allwissenheit in Anspruch nehmen – Blasphemie! Für persönliche Entscheidungen und damit verbundene Tugenden können nur die jeweils im Kontext ersichtlichen Handlungsalternativen von Bedeutung sein. Über abstrakte „Familien“ und „Bedürftige“ dozieren nur „Politiker“ und ihre Handlanger in der Pseudo-Wissenschaft. In der Tat hat jede Gabe an Mitmenschen eine Auswirkung auf die Verteilung von Gaben. Die distributive Gerechtigkeit kommt uns als Kriterium zu Hilfe, wenn die kommutative Gerechtigkeit mehrere Alternativen zuläßt. Zum Beispiel könnte es für ein Gut, das uns wertvoll ist, zwei Anbieter mit ähnlichen Gegenforderungen geben. Sobald wir uns für einen Anbieter entschieden haben, gebietet die kommutative Gerechtigkeit, ihn nicht zu betrügen, hinzuhalten oder nachträglich herunterzuhandeln, sondern den vereinbarten Gegenwert zu liefern, auch wenn uns eine Nicht- oder Minderzahlung einen wirtschaftlichen Vorteil bereitet. Zur Auswahl zwischen den Anbietern dient neben Qualitäts- und Quantitätserwägungen die distributive Gerechtigkeit, wenn man sie so versteht, wie ich dies tue. Womöglich unterscheiden sich die Anbieter nur darin, daß einer eine Familie zu ernähren hat und der andere alleinstehend ist. Dann könnte dies den Ausschlag geben. Aber da der Mensch mehr als ein Reproduktionsmittel seiner Spezies ist, können es auch viele andere Gründe sein. Distributive Gerechtigkeit stellt sich nach meinem Verständnis die Frage, was wir durch unsere Gaben und Tauschakte begünstigen und was nicht. Wer der Ansicht ist, daß sein Gemeinwesen darunter leidet, daß die kleinen, von Selbständigen betriebenen Läden großen Ketten weichen, und doch stets im Supermarkt einkauft, verstößt gegen die – so verstandene – distributive Gerechtigkeit, auch wenn die kommutative Gerechtigkeit keinen Einwand gegen den Nutzen zuläßt, den der Supermarkt zweifellos stiftet. Dem Supermarkt-Betreiber allerdings aktiv zu schaden, würde gegen die kommutative Gerechtigkeit verstoßen. Wer nur Unverheiratete einstellt, weil Kinder den Produktionsbetrieb stören, verstößt – unabhängig von der eigenen Ansicht – gegen die distributive Gerechtigkeit, weil seine Handlungen die Verteilung ein wenig zu Ungunsten von Familien ändern, die in der Tat die Grundlage einer langfristig überlebenden Gesellschaft bilden. Freilich ist das Konzept der distributiven Gerechtigkeit das normativere Konzept, darum taucht es in der Österreichischen Schule nicht auf. Der Mißbrauch dieses Begriffs bestätigt die Vorbehalte.
In einer Lohnarbeitsbeziehung wäre es vollkommen absurd, einen Mitarbeiter im Wesentlichen aufgrund dessen Familienstandes zu bezahlen, und zwar unabhängig von der Grenzproduktivität. Das heißt nicht, daß jeder Unternehmer Menschen unabhängig von ihrem Familienstand behandeln sollte. In der Tat gibt es hier einen normativen Aspekt abseits des Ökonomischen: Wer einem Mitarbeiter langfristig mehr bezahlt als dessen Grenzproduktivität gefährdet das Unternehmen und damit den Arbeitsplatz des Mitarbeiters selbst. Daraus folgen drei Möglichkeiten: Erstens wird ein rücksichtsvoller Unternehmer bei einem Mitarbeiter, der eine Familie zu versorgen hat, mehr Verantwortung empfinden, zu einer möglichst raschen Entwicklung seiner Grenzproduktivität zu verhelfen, falls diese noch nicht den nötigen Unterhaltskosten für die Familie entspricht. Zweitens könnte er in diesem Fall das Risiko übernehmen und schon eher mehr bezahlen – und damit auf größere Loyalität hoffen. Drittens hätte er die Verpflichtung, dem Mitarbeiter geringere Risiken zuzumuten – das heißt auch, ihm dringend einen anderen Arbeitsplatz nahelegen, wenn die Produktivitätssteigerung ungewiß ist. Das mag nicht im Sinne des Mitarbeiters sein, und gewiß nicht im Sinne derjenigen, die abstrakt über Familienlöhne als Ansprüche dozieren, doch ist es die gerechte Handlung in solchen Fällen.
Ich habe schon einmal den Fehler gemacht, einen Familienvater zu beschäftigen, dessen Grenzproduktivität unter den zur Versorgung seiner Familie nötigen Kosten lag. Er drängte dazu; wir wußten beide, daß eine Beschäftigung bei einer höheren Bezahlung schlicht unmöglich war – ein Unternehmen kann langfristig nicht mehr ausgeben als es einnimmt. „Distributiv gerecht“ sein ohne Rücksicht auf Knappheiten können nur Organisationen, die ihre Mittel nicht selbst erwirtschaften müssen. Beide hofften wir natürlich, daß der Beitrag des Mitarbeiters höhere Unternehmenseinnahmen nach sich ziehen würde. Leider war das auf absehbare Zeit nicht der Fall, der Mitarbeiter erwies sich als zu langsam und unkreativ. Schließlich wurde der finanzielle Druck bei ihm so groß, daß er ein Burn-Out bekam und einen finanziellen Schaden von mehreren Tausend Euro anrichtete. Hier gebietet die Erwägung familiärer Verantwortlichkeiten den paradoxen Schluß, daß ich diesen Mitarbeiter niemals hätte anstellen dürfen. Arbeitsplätze sind keine milden Gaben, sondern Paßstellen für konkrete Personen in konkreten Kapitalstrukturen, die dort das Potential haben, reale Werte für ihre Mitmenschen zu schaffen. Eine Gewißheit, die man wütend einfordern könnte, gibt es hierbei leider nicht. Bei einem jungen Menschen, der noch keine Familie zu versorgen hat, darf man sich eher trauen, eine Mitarbeit auch bei erst zu entwickelnder Grenzproduktivität anzubieten. Mit Ausbeutung hat das nichts zu tun – die Grenzproduktivität ist bei neuen Mitarbeitern fast immer zunächst negativ, egal wieviele Kinder zuhause auf sie warten.
Verdienstplätze
Wer mit selbständigen, auf eigene Kosten wirtschaftenden Menschen verkehrt und nicht nur mit anonymen Behörden, realisiert bald, daß nachhaltige Arbeitsplätze Mitverdiengelegenheiten sind, Verdienstplätze, bei denen man sich das eigene Gehalt selbst erwirtschaften muß. Das Mißverständnis dieser Grundtatsache hält viele von sinnvollen Tätigkeiten ab und drängt sie zu sinnleeren Massenarbeitsplätzen vermeintlich sicherer Arbeitgeber: Staat, Banken, Konzerne. Nur selten kommt heute ein junger Mensch auf die Idee, an einen Unternehmer heranzutreten und ihm vorzuschlagen, dem Bewerber eine Möglichkeit zu geben, sein eigenes Gehalt zu verdienen. Die Zurechenbarkeit in Unternehmen ist zwar schwer, aber nicht unmöglich. Der neue Mitarbeiter könnte schon als Teil-Selbständiger einsteigen, der sich selbst auf der Grundlage des bestehenden Unternehmenskapitals neue Kunden sucht und für diese Werte schafft. Bei solchen Arrangements fließt entweder ein fester Anteil ans Unternehmen oder wird irgendwann pauschal durch eine Einlage abgegolten.
Sinnvoll sind Regelungen, die Gewinn- und Gehaltsaspekte kombinieren. Mein Kollege Marc-Felix Otto erzählt mir vom Arrangement in Unternehmensberatungen: Dort arbeiten eigenverantwortlich Tätige in verschiedenen Projekten in wechselnden Besetzungen miteinander. Der größte Einkommensanteil für Partner (die auch Teilhaber sind) ist an den Projekterfolg geknüpft, ein Teil ist an den gesamten Unternehmenserfolg geknüpft, um dafür Anreize zu setzen. Ein Neueinsteiger ist freilich noch kein Partner, wird aber langsam an Projektverantwortung herangeführt. Das konkrete Arrangement erfordert einiges Hirnschmalz; gerechte und sinnvolle Ertragsaufteilungen sind eine extrem schwierige Sache. Marc-Felix hat sein Leben so eingeteilt, daß der Familiennachwuchs mit seinem Wechsel in den Partnerstatus zusammenfiel. Das ist die natürliche Abfolge, die auch in den katholischsten Zeiten Europas stets galt: Sobald das Einkommen ausreichend ist, kann eine Familie gegründet werden. Nicht: sobald die Familie gewachsen ist, kann man höhere Forderungen nach „Familienlöhnen“ stellen.
Unzählige sinnvolle Arbeitsplätze warten auf diejenigen, die aus der Anspruchshaltung in die Wertschöpfungshaltung wechseln. Jedem jungen Menschen würde ich empfehlen, sich in den Bereichen, die ihn leidenschaftlich begeistern, nach schlechten Umsetzungen umzusehen. Dort muß man einklinken und sich selbst als eigenverantwortlicher Verbesserer einbringen. Gibt es ein geniales Produkt, von dem zu wenige wissen? Einen hervorragenden Produzenten, dem der Kundenumgang mißlingt? Einen Unternehmer, dem sein Unternehmen gerade über den Kopf wächst? Jemanden, der Kunden abweisen muß, weil er mit den Aufträgen nicht nachkommt? In realwirtschaftlichen Unternehmen liegen nicht einfach jeden Monat 3000 € herum, die bloß auf einen Akademiker mit den richtigen Ansprüchen warten. Es liegen allenfalls ungenutzte Verdienstmöglichkeiten herum. Im besten Falle kommt der Bewerber zum Unternehmer und sagt: Ich glaube, daß ich ihrem Unternehmen langfristig im Monat 4000 € sparen oder an Mehrverdienst einbringen kann – teilen wir uns das! Wenn ich falsch liege, stelle ich keine Forderung. Ich bitte nur um die Bereitschaft, mich dabei zu unterstützen, dieses Potential zu entwickeln, und eine faire Zurechnungsregel anzuwenden.
Das größte Hindernis ist hierbei die absurde Steuerlast. Denn noch jemand möchte die Hälfte – und die fehlt dann in aller Regel, damit es sich für beide Seiten rechnet. Der Mißbrauch der katholischen Soziallehre war daran nicht ganz unschuldig, mit Folgen, die so gar nicht den Intentionen entsprechen. So begründet Gregor in seinem insgesamt ziemlich enttäuschenden Artikel auch „Familienbeihilfe“ und potentiell eine ganze Reihe anderer Zuteilungen und Interventionen, für die sich immer irgendein Anspruchsvorwand finden läßt, der die Tugend der Caritas zu einer Ausrede für anonyme Sozialverwaltungsgewächse heranzieht.
Ideologie beginnt für mich da, wo ein Aspekt der Wahrheit dogmatisch gegen andere Betonungen verteidigt wird, ohne diese zumindest zu würdigen – auch wenn sie sich als noch unvollständiger erweisen sollten. Viele Vertreter der Österreichischen Schule waren auch Ideologen; es ist verdammt schwer, kein Ideologe zu sein. Schließlich sind auch die Ideen nicht gleich verteilt. Vielleicht erfordert es die distributive Gerechtigkeit, manchmal ungleich auszuteilen, bestimmte Dinge zu kritisieren und andere höflich zu übersehen. Mein ehemaliger Kollege verzweifelte auch ein wenig daran, mich niemals endgültig in eine Schublade stecken zu können. Meistens lag er mit seinen Einordnungsversuchen völlig daneben, denn aus Gründen distributiver Gerechtigkeit trete ich im philosophischen Streit oft als Anwalt übersehener Ideen ein, die zumindest einen richtigen Kern enthalten, wenn sie schon nicht wahr sind. Das ist eine Idee, ein Wort für sich selten. Die Wahrheit ist zu umfassend, um sie in Formeln völlig erfassen zu können. Hätte er meine Scholien jemals gelesen, wäre er noch verwirrter – er hat es nicht getan, weil er wohl nur „Österreichische“ Ideologie erwartete und andere Themen als die Ökonomie für interessanter hielt. Wenn er wüßte …
Kapitalistisch geförderte Sozialisten
Die distributive Gerechtigkeit bei Ideen könnte man auch so interpretieren: keine Seite zu schonen. Kommen wir nach diesem Exkurs zurück zu Griffin, dessen Buch Gregor besonders prägte. Man könnte die Geschichte wohl auch anders herum als Griffin erzählen, nämlich nicht als Geschichte der zunehmenden Kontrolle des Staates durch Finanzinteressen, sondern der zunehmenden Verbreitung politischer Mittel im Wirtschaftsleben. Tatsächlich ist es in den letzten Jahrhundert zu einer verheerenden Verbindung von staatlicher Macht und Privatinteressen gekommen, was paradox erscheint, wo viele doch die Essenz der Moderne gerade darin sehen, Macht vom Privatinteresse getrennt zu haben. Doch, was nicht sichtbar sein darf, wütet unsichtbar und unkontrollierbar. Tragisch ist Griffins Zusammenfassung der Verbindungen zwischen dem Sozialismus und westlichen Einzelinteressen:
Nach der Oktober-Revolution wurden alle russischen Banken von den Bolschewiken übernommen und »verstaatlicht« — bis auf eine: Rockefellers National City Bank in Petrograd.
Auch die Schwerindustrie Rußlands wurde verstaatlicht ..., bis auf das Westinghouse-Unternehmen, das von Charles Crane gegründet worden war, einem der prominenten Passagiere der S. S. Kristianiafjord, mit der auch Trotzki nach Rußland gereist war.
1922 gründeten die Sowjets ihre erste internationale Bank. Sie wurde nicht vom Staat besessen und betrieben, wie der Kommunismus dies eigentlich vorschrieb; statt dessen wurde sie als Syndikat privater Banker erstellt. Unter ihnen befanden sich nicht nur frühere zaristische Banker, sondern auch Vertreter deutscher, schwedischer und amerikanischer Banken. Der größte Teil des Kapitals kam aus England, sogar von der britischen Regierung. \[…\] Zum Direktor der AusIandabteilung der neuen Bank wurde Max May bestellt, Vizepräsident der Morgan's Guaranty Trust Company aus New York.
In den Jahren unmittelbar nach der Oktober-Revolution gab es einen beständigen und lukrativen (also wettbewerbslosen) Strom von Aufträgen der Sowjets an britische und amerikanische Unternehmen \[…\].
Für die Bezahlung all dieser Aufträge und zur Tilgung der »Darlehen« der Financiers haben die Bolschewiken praktisch das gesamte Goldvermögen ihres Landes ausgegeben — einschließlich der beträchtlichen Reserve der Zaren — und es vor allem amerikanischen und britischen Banken übergeben. \[…\]
Ungefähr zur selben Zeit schickte die US-Regierung unter Präsident Wilson der Sowjetunion etwa 700 000 Tonnen Lebensmittel, die nicht nur das Regime vor dem sicheren Untergang bewahrten, sondern Lenin eine Atempause zur Machtergreifung in ganz Rußland verschafften. \[…\]
Verkäufe an das Sowjetregime wurden rasch zu einer Goldgrube \[…\] Standard Oil und General Electric stellten von 1921 bis 1925 Maschinen im Wert von 37 Millionen Dollar zur Verfügung, und dies war nur der Anfang. Die deutsche Firma Junkers erschuf buchstäblich die sowjetische Luftflotte. Mindestens drei Millionen versklavte Arbeiter gingen in den eisigen Bergwerken Sibiriens zugrunde ... für Britain's Lena Goldfields, Ltd. Der Eisenbahn-Magnat und Bankier W. Averell Harriman, der später amerikanischer Botschafter in Rußland werden sollte, erhielt ein auf 20 Jahre begrenztes Monopol der gesamten sowjetischen Manganproduktion. Armand Hammer, ein persönlicher Freund Lenins, erwarb eines der größten Vermögen in der Welt mit russischem Asbest. \[…\]
Während des Zweiten Weltkrieges schickten die Vereinigten Staaten den Sowjets im Rahmen des Leih-Pacht-Programms mehr als elf Milliarden Dollar an Hilfsgütern, einschließlich 14 000 Flugzeuge, fast eine halbe Million Panzer und anderen Militärfahrzeuge, mehr als 400 Kriegsschiffe und sogar die Hälfte des gesamten amerikanischen Uranvorrates, der eigentlich dringend benötigt wurde für die Entwicklung der Atombombe. Doch allein ein Drittel aller Lieferungen in dieser Zeitspanne umfaßten Industriegüter und Ausrüstungen für die russische Wirtschaft nach dem Krieg. Als der Krieg endete, lief dieses Hilfsprogramm für die Sowjetunion für ein ganzes Jahr weiter. Am Ende des Jahres 1946 erhielt Rußland noch immer Zinsen wie für einen 20-Jahres-Kredit, nämlich 2,38 Prozent, also viel weniger, als heimkehrende amerikanische Soldaten bezahlen mußten, wenn Sie Geld von der Bank brauchten. (Griffin 2006, S. 332ff, 337)
Heraufbeschwörte Nazis
Eine ähnliche Liste führt Griffin für die Geschwisterideologie des National-Sozialismus an:
Seit Hitlers Aufstieg zur Macht wurde Deutschlands Industrie mit Hilfe amerikanischer und britischer Banker finanziert. Die meisten der amerikanischen Großunternehmen investierten bewußt in die Rüstungsindustrie. Die I. G. Farben war das größte der industriellen Kartelle und zugleich für Hitlers Kampagnen eine wichtige Finanzquelle. Farben stattete Hitlers Geheimdienste mit Personal aus und betrieb die Arbeitslager der Nazis als Verstärkung für Deutschlands Industrie. Farben beauftragte sogar die New Yorker Public-Relations-Firma Ivy Lee, die auch für Rockefeller tätig war, um Hitlers Ansehen in der amerikanischen Öffentlichkeit zu verbessern. Übrigens hatte Lee schon in den späten 1920er Jahren den Auftrag, das Sowjetregime der amerikanischen Öffentlichkeit näherzubringen.
Ein Großteil des Kapitals für die Ausweitung der I. G. Farben kam von der Wall Street, vor allem von Rockefellers National City Bank; von Dillon, Read & Company, ebenfalls einer Rockefeller-Firma; Morgan's Equitable Trust Company; Harris Forbes & Company; und - ja! - von der im wesentlichen jüdischen Firma Kuhn, Loeb & Company.
Während der alliierten Luftangriffe auf Deutschland wurden auf Anweisung des US-Kriegsministeriums die Fabriken und Verwaltungsgebäude der I. G. Farben verschont. Das Kriegsministerium war großzügig ausgestattet mit Männern, die im Zivilleben für die eben genannten Investmentfirmen gearbeitet hatten. (S. 336f)
In besonderer Detailliertheit hat der Ökonom Guido Preparata die Finanzinteressen hinter Hitlers Aufstieg nachgezeichnet. In seiner Erzählung, die wohl eine – allerdings durchaus nicht unseriöse – Übertreibung eines zentralen Aspektes darstellt, sind diese Finanzinteressen aber letztlich die Folge politischer Ambitionen. Auch hier fließen also politisches und ökonomisches Mittel ineinander. Preparata faßt in seinem Buch Conjuring Hitler (Das Heraufbeschwören Hitlers) die Geschichte des letzten Jahrhunderts mit einem etwas verengten Hauptbösewicht zusammen:
Die Geschichte, die in diesem Buch dargestellt wird, ist die des britischen Empire, das um 1900 aus Furcht vor der aufstrebenden Macht des jungen deutschen Reiches im geheimen einen Plan für eine gigantische Einkreisung der eurasischen Landmasse schmiedete. Das Hauptziel dieser titanischen Belagerung war die Verhinderung eines Bündnisses zwischen Deutschland und Russland. Wenn diese beiden Mächte sich zu einer „Umarmung“ verbinden würden, argumentierten die Lenker des Weltreiches, würden sie in der Lage sein, sich mit einer Festung von Ressourcen, Menschen, Wissen und militärischer Macht zu umgeben und damit den Fortbestand des britischen Empire im neuen Jahrhundert gefährden. Mit dieser frühen Einsicht leitete Britannien eine außerordentliche Kampagne zur Auseinanderreißung Eurasiens ein, bei der Frankreich und Russland, zuletzt auch die Vereinigten Staaten, in Dienst genommen wurden, um gegen Deutschland zu kämpfen. \[…\] der erste Weltkrieg \[brachte\] den ersten Akt des Angriffs zum Abschluß und \[wurde\] vom Eindringen der Vereinigten Staaten in das große imperiale Schachspiel gekrönt. Deutschland hatte den Krieg verloren, aber es war auf dem eigenen Territorium nicht besiegt worden; die deutschen Eliten in ihrer politischen und wirtschaftlichen Herrschaftsstruktur blieben intakt. Daher begann nach 1918 der zweite Akt der Belagerung, ein bestaunenswertes politisches Manöver, von den Alliierten willentlich herbeigeführt, in dem in Deutschland aus den Reihen seiner bezwungenen Militaristen ein reaktionäres Regime wiedererrichtet wurde. Britannien führte bei dieser Erhebung den Taktstock mit dem Blick darauf, eine kriegswillige politische Organisation einzuschwören, die dazu ermuntert werden würde, gegen Russland in den Krieg zu ziehen. Der vorausberechnete Zweck war, das neue reaktionäre deutsche Regime in einen Zwei-Frontenkrieg hineinzuziehen und dann von der Gelegenheit zu profitieren, Deutschland ein für alle Mal zu vernichten. Um diese beiden schwerwiegenden und schwierigen Zielsetzungen zur Weltbeherrschung zu erreichen, waren zwei Bedingungen zu erfüllen: 1) mußte ein Achtung gebietendes und antideutsches, heimlich mit Englands Bestrebungen sich deckendes Regime in Russland in den Sattel gehoben werden und 2) mußte in Deutschland die Saat der Auflösung gesät werden, um den institutionellen Boden für das Anwachsen eines reaktionären Regimes der „nationalen Befreiung“ zu bereiten. Das erste Ziel wurde erreicht durch die Ausschaltung des russischen Zaren 1917 und die Machtergreifung der Bolschewiken; das zweite mit der Abfassung der Bestimmungen des Friedensvertrages in einer Form, welche die dynastischen Sippen in Deutschland unversehrt aufrechterhielt: In der Tat erwarteten sich die Briten aus deren Gehege die Heraufkunft dieser revanchistischen Bewegung.
Aus den Wirren nach dem großen Krieg wurde die Republik von Weimar ins Leben gerufen – das Marionettenregime des Westens, das den Nazismus in drei Stufen ausbrütete: eine Periode des Chaos, die mit der Hyperinflation und dem Auftreten Hitlers endete (1918-1923); eine Periode künstlicher und geborgter Prosperität, während derer die Nazis Ruhe hielten und die künftige Kriegsmaschine Deutschland mit amerikanischen Anleihen zusammenmontiert wurde (1924-1929); und einer Periode der Desintegration (1929-1932), die ihre Beschleunigung durch den unübertroffenen Vordenker und Zeremonienmeister der Finanz des 20sten Jahrhunderts erhielt: Montagu Norman, Gouverneur der Bank von England.
Nachdem die Inkubation vollendet und Hitler mit seinen Leuten mit Hilfe angloamerikanischen Finanzkapitals in der Reichskanzlei angekommen war (Januar 1933), begann die beeindruckende Erholung Deutschlands unter Nazi-Gewalt, britischen Anleihen und den Finanzkunststücken des Zentralbankiers Deutschlands, Hjalmar Schachts, Montagu Normans Günstling. Hierauf folgte der unglaubliche „Tanz“ Großbritanniens mit Nazideutschland (1933-1943), von ersterem geführt, um letzteren mit Schwung zum Krieg gegen Russland zu schieben. Auch Russland, synchron mit London, betrieb mit den Nazis Appeasement, um sie in die Falle der Ostfront zu locken. \[…\] Hinter den Kulissen wurde ein Handel vereinbart. Mit Berechnung hielt Britannien die USA drei Jahre lang davon ab, im Westen eine Front zu eröffnen, um so den Nazis ungestörtes Vordringen und Verwüstung in Russland zu ermöglichen; im Austausch für eine rasche Evakuation deutscher Streitkräfte aus dem Mittelmeerbecken, das für England eine Zone von lebenswichtigem Interesse war. Nachdem dieses Meisterstück an Verstellung seine Ziele erreicht hatte, ließ England die Maske fallen und warf alle Kräfte auf die überlisteten Nazis, die an zwei Fronten von den zusammen vorrückenden sowjetischen und angloamerikanischen Streitkräften zerschmettert wurden.
Um die deutsche Bedrohung auszuschalten, mußten die britischen Eliten einen hohen Einsatz wagen. Dreißig Jahre lang (1914-1945) hatten sie an einem Geflecht von Finanzoperationen, internationalen Komplizenschaften, Geheimdienstverschwörungen, diplomatischen Teufeleien, militärischem Können, unmenschlicher Verlogenheit gewoben und schließlich damit Erfolg gehabt. Dieses Spiel um die anglo-amerikanische Oberherrschaft wurde zum Preis von annähernd 70 Millionen Menschenleben in zwei Weltkriegen gewonnen – ein Holocaust, der sich nicht in Worte fassen läßt. Beide Konflikte wurden von Großbritannien gewollt und in Kraft gesetzt. Im ersten Weltkrieg war es Unfähigkeit, mit der Deutschland verloren wurde, im zweiten gab es nicht einmal mehr ein Deutschland, das der Rede wert wäre. Alles was zu sehen ist, ist eine betäubte Bevölkerung, ein in Zaum gesteckter Volksautomat, zugerichtet, zurechtgerüstet und aufgezogen von den Briten (und den Sowjets). (Preparata 2009, S. 5ff)
Psyche eines Weltverschwörers
Starker Tobak, den nur ein nicht-deutscher Autor so problemlos formulieren kann. Die politischen Einmischungen von vermögenden Interessensgruppen sind zu offensichtlich, um sie abzustreiten. Preparatas Geschichte beruht zum größten Teil sicherlich auf korrekten Fakten. Die Schlußfolgerung halte ich in der Stärke jedoch für übertrieben. In einem geflügelten Wort, das auf den Science-Fiction-Autor Robert Heinlein (ein libertarian) zurückgeht, steckt viel Weisheit: “Never attribute to malice that which can be adequately explained by stupidity.” – Schreibe nichts böser Absicht zu, das genauso gut durch Dummheit erklärt werden kann. Eine ähnliche Empfehlung stammt von Sir Bernard Ingham, dem Pressesprecher von Margaret Thatcher:
Many journalists have fallen for the conspiracy theory of government. I do assure you that they would produce more accurate work if they adhered to the cock-up theory.
Viele Journalisten sind zu Anhängern der Theorie geworden, hinter der Politik stünde eine Verschwörung. Ich versichere Ihnen, daß sie näher an der Wahrheit arbeiten würden, wenn sie der Theorie anhingen, hinter der Politik stünde Totalversagen.
Verschwörungen sind nämlich nicht so leicht, wie sie sich anhören. Menschen vermögen es, bestimmten Dynamiken einen Anstoß zu geben, doch die Kontrolle der angestoßenen Abläufe entgleitet uns schnell. Wer komplexe Systeme durch Interventionen zu steuern versucht, findet sich bald in einer verhängnisvollen Interventionsspirale wieder, die rasch das Gegenteil des Beabsichtigten hervorruft. Der Wahnsinn des 20. Jahrhunderts ist nicht das Resultat eines kranken Hirns, sondern der exponentiellen Aufblähmöglichkeit struktureller Fehlentscheide. Viel eher als ein teuflischer Plan steht kühler Pragmatismus dahinter. Als David Rockefeller gefragt wurde, wie er mit sozialistischen Ländern Geschäfte machen konnte, bemerkte er nüchtern: „Ich glaube, eine internationale Bank wie unsere sollte sich nicht zum Richter darüber aufspielen, welche Art von Regierung ein Land sich wünscht.“ Das ist zwar keine Dummheit, doch bei den wenigsten Fehlentscheidungen geht es um Mangel an Intelligenz. Es geht um Mangel an Weisheit. Man könnte von Phobosophie sprechen. Wenn Philosophie im besten Sinne Weisheitsliebe durch Anschauung (Theoria) und Reflexion, Erkenntnissuche, Annahme von Prinzipien, die im Einklang mit der Realität stehen, und mutiges, unbeirrtes Üben auf der Grundlage dieser Prinzipien ist, dann wäre Phobosophie durch Prinzipienlosigkeit, feigen oder bequemen Pragmatismus, und „Wurschtigkeit“ gekennzeichnet: Die Pose eines Achselzuckens gegenüber der Realität. Leider sind Menschen, deren Praxis besonders einträglich ist und wie am Schnürchen zu laufen scheint, oft phobosophisch.
Noch gefährlicher als Phobosophie jedoch ist jene Art von – durchaus philosophischem – Idealismus, die kein Achselzucken gegenüber der Realität ist, sondern wütende Verachtung für die Realität. Ein Beispiel dafür scheint der Kanadier Maurice Strong zu sein. In der Ölindustrie zu großem Reichtum gekommen, hat er eine erstaunliche Karriere gemacht: Er war Generalsekretär des Weltgipfels von 1992 in Rio, Leiter der UN Conference on Human Environment 1972 in Stockholm, der erste Generalsekretär des UN-Umweltschutzprogramms, Präsident der World Federation of United Nations, Vizevorsitzender des Weltwirtschaftsforums, Mitglied des Club of Rome, Treuhänder des Aspen-Institute und einer der Direktoren der World Future Society. Gleichzeitig mit Mohammad ElBaradei, dem westlichen Aushängeschild und Führer der Naivlinge in Ägypten, erhielt Strong 2009 das Große Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich – ein inflationärer Vorwand für Galas.
Strongs Psyche scheint seit früher Kindheit durch drei Elemente geprägt zu sein: Eine stark kosmopolitische Orientierung, der Wunsch, eine gerechte Welt zu konstruieren und die Sehnsucht, es ganz nach oben zu schaffen. Der Journalist Daniel Wood schreibt in seinem faszinierenden Portrait von Strongs mysteriösem Anwesen Baca Grande in den USA:
Strong wuchs neben den Eisenbahnschienen auf, die durch Oak Lake führen, ein Dorf mit 400 Einwohnern, 56 Kilometer westlich von Brandon. Sein Vater arbeitete für Canadian Pacific Railway, bis die Depression hereinbrach, und dann in Gelegenheitsjobs bis zum Zweiten Weltkrieg. Maurice’ Mutter, eine Lehrerin, füllte seinen Geist mit Erzählungen über die Geschichte und Bildern der Welt jenseits Manitobas, und er erinnert sich daran, den passierenden Frachtzügen, auf denen notleidende Menschen saßen, um irgendwo anders hinzufahren, mit einem Gemisch von Traurigkeit und Spannung nachgeblickt zu haben. Er sehnte sich danach, die Welt zu sehen. \[…\] er erinnert sich, daß er seine Mutter fragte, warum die Welt so war, wie sie war. Warum das Leiden in den 1930er-Jahren? Warum der Krieg und nun die wirtschaftliche Erholung? Sie sagte ihm, daß es nicht so sein müsse. Sie sagte ihm, daß, wenn er seinen Geist dafür einsetzen würde, die Welt ändern könne. Du wirst überrascht sein, wie weit du kommen kannst, wenn du keine Grenzen akzeptierst und dir selbst keine Grenzen setzt, sagte sie. (Wood 1990)
Der Artikel von Woods hat viel Aufsehen erregt, weil dabei Strong ein Gedankenexperiment herausrutscht, das er besser für sich behalten hätte. Es handelt sich um eine Verschwörung; und da Maurice Strong perfekt in das Cliché eines Weltverschwörers paßt, klingt die Passage nach einem Geheimnisverrat. Strong erzählte Wood, daß er sich mit einer Romanidee spielte. Darin wollte er schildern, wie die Weltführer den Planeten retten könnten:
Jedes Jahr, so erklärte er den Hintergrund der Romangeschichte, versammele sich das Weltwirtschaftsforum in Davos, Schweiz. Über 1000 Premierminister, Finanzminister und führende Akademiker treffen sich jeden Februar und beraten über die Wirtschaftsfragen des kommenden Jahres. Dieses ist der Hintergrund. Und dann fragt er: »Was wäre, wenn eine kleine Gruppe dieser weltweit bedeutenden Persönlichkeiten zu der Schlußfolgerung gelangten, das größte Risiko für die Erde erwachse aus den Handlungen der reichen Staaten? Wenn die Welt überleben soll, müßten die reichen Staaten eine Verpflichtung unterschreiben, ihren Einfluß auf die Umwelt zu reduzieren. Werden sie dies tun? ... Die Gruppe meint >nein<, die reichen Länder werden dies nicht tun, werden sich nicht ändern. Um also den Planeten zu retten, fragt die Gruppe: Besteht nicht die einzige Hoffnung unseres Planeten darin, daß die industrialisierten Zivilisationen zusammenbrechen? Ist es dann nicht unsere Pflicht, nachzuhelfen?«
»Diese Gruppe von Weltführern«, fährt er fort, »bilden eine Geheimgesellschaft, um den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu beschleunigen. Es ist Februar. Sie befinden sich alle in Davos. Dies sind keine Terroristen, es sind Weltführer. Sie haben sich Namen gemacht an den Rohstoff- und Aktienmärkten der Welt. Mit Hilfe ihres Zugangs zu Börsen und Computern und Goldvorräten haben sie eine Panik verursacht. Dann verhindern sie die Schließung der Aktienmärkte. Sie blockieren alles. Sie heuern Söldner an, um die anderen Führer als Geiseln festzuhalten. Die Märkte können nicht schließen, die reichen Länder ...« Und Strong schnippt mit den Fingern, als würde er eine Zigarettenkippe aus dem Fenster befördern.
Gebannt sitze ich da. Hier spricht nicht irgendein Geschichtenerzähler — es ist Maurice Strong. Er kennt diese Berühmtheiten. Er ist sogar Vizepräsident des Rates des Weltwirtschaftsforums. Er sitzt an den Schalthebeln der Macht. Er wäre in der Lage, es tatsächlich zu tun.
»Wahrscheinlich sollte ich so etwas nicht sagen«, meinte er.
Diese Logik verblüfft mich nicht. Es muß keinerlei böse Absicht dahinter stecken. Oft führt persönlicher Erfolg zu einem Machbarkeitswahn, der in Hybris endet. Verblüfft hat mich vielmehr, wie sehr Strong den meisten, die ihn als Archetyp einer Weltverschwörung ansehen, ähnelt. Seine Gattin, eine Dänin, ist eine Öko-Esoterikerin, die ihn stark beeinflußt hat. Auf seinem Anwesen in Baca Grande hat er ein spirituelles Zentrum geschaffen, in dem er und seine Frau friedlich auf den Bewußtseinswandel und ein neues Zeitalter warten, nachdem das alte zu seinem tragischen Ende kommt. Ein Wanderprophet hatte seiner Gattin einst von einer Vision erzählt, die er am Ort ihres Anwesens sah:
Er sah, daß sich die Führer der Weltreligionen im Baca versammeln würden. Sie würden ihre Tempel, Klöster und Kirchen bauen, und die politischen, akademischen und wirtschaftlichen Führer würden folgen. Zusammen, erzählte er Hanne, würden diese Menschen eine neue Weltordnung formen, die nach dem wirtschaftlichen und ökologischen Zusammenbruch der kommenden Jahre, folge.
Waren die Strongs ihrer Zeit voraus? Oder hat Strong dank seines Einflusses die Welt soweit manipuliert, dieser Vision nahezukommen? Tatsächlich waren sie mit ihren New Age-Einsichten ein wenig hinten nach. Der grandiose Plan, den Strong für seine Gattin umsetzen sollte, nämlich nach den Religionsführern die säkularen Führer nach Baca zu bringen, konnte trotz seines Reichtums nicht Wirklichkeit werden. Er gab Millionen dafür aus, heilige Stätten auf seinem Anwesen aufzubauen, doch dauerhaft siedelten sich nur Spinner wie Shirley MacLaine an. Verblüffend ist, daß der Archetyp des Weltverschwörers zurück zur Natur strebt, um gelassen der Apokalypse zu trotzen. Man könnte daraus schließen, daß er den Zeitgeist steuert. Oder, daß er, wie wir alle, vom Zeitgeist geprägt wird. Letzteres ist weitaus plausibler.
Unbeabsichtigte Folgen
Die Ökonomie als Wissenschaft im besten Sinne findet ihre Daseinsberechtigung genau darin, daß Strukturen, die aufgrund des Handelns unzähliger Menschen entstehen, für diese Menschen nicht mehr unmittelbar und intuitiv verständlich sind. Oft sind die unsichtbaren, mittelbaren Folgen viel gewichtiger als sie sichtbaren, unmittelbaren. Der Soziologe Robert K. Merton prägte das Wort von den „unvorhergesehenen Folgen absichtsvollen sozialen Handelns“. In seinem zu Tode zitierten Artikel schrieb er:
Die empirische Beobachtung ist unbestreitbar: Handlungen, die auf bestimmte Werte hin orientiert sind, lösen Prozesse aus, die in Folge die Werteskala selbst verändern, die ihnen zugrundelag. Dieser Prozeß mag zum Teil daran liegen, daß, wenn ein System grundlegender Werte spezifische Handlungen erfordert, die Anhänger dieser Werte nicht mit den objektiven Folgen dieser Handlungen befaßt sind, sondern mit der subjektiven Befriedigung, eine Pflicht erfüllt zu haben. Oder eine Handlung in Übereinstimmung mit einem dominanten Wertekatalog neigt dazu, auf diesen besonderen Wertebereich konzentriert zu sein. Doch aufgrund der komplexen Interaktionen, die eine Gesellschaft ausmachen, schlägt eine Handlung Wellen, ihre Folgen sind nicht auf den spezifischen Bereich beschränkt, auf den sie sich anfänglich bezogen, sie treten in verwandten Feldern auf, die zur Zeit der Handlung explizit ignoriert wurden. Doch eben weil diese Bereiche tatsächlich zusammenhängen, wirken die weiteren Folgen in benachbarten Feldern der Tendenz nach auf das zugrundliegende Wertesystem. Es ist diese normalerweise übersehene Folgewirkung, die eines der wesentlichsten Elemente im Prozeß der Säkularisierung, der Transformation oder des Zusammenbruchs eines grundlegenden Wertesystems darstellt. Hier liegt das wesentliche Paradox sozialen Handelns – die „Realisierung“ von Werten kann zu ihrer Aufgabe führen. Wir können das Goethesche Zitat umdrehen und sagen: „Die Kraft, die stets das Gute will, und stets das Böse schafft.“ (Merton 1936, S. 903)
Es ist nicht notwendigerweise so, daß gute Intentionen schlechte Folgen haben. Vielmehr ist es oft die gute Absicht, die unsere Eigeninteressen vor uns selbst kaschiert. Das Handeln in einem gewinnorientierten Unternehmen hat daher meist günstigere Folgen für die Mitmenschen als all die unvorhergesehenen Folgen vermeintlich altruistischer Taten. Wenn der Zweck besonders heilig ist, ist er ein guter Vorwand, auch die unheiligsten Mittel zu heiligen. Soziales Handeln, das in Strukturen und Gruppen erfolgt, läßt allerlei Verstrickungen entstehen. Wie ein Unkraut wuchern diese sozialen Gewächse, die den Blick und den Weg verstellen. Weil das Handeln ein indirekteres wird, nehmen die unvorhergesehen Folgen zu. Wer nicht als Einzelner, Selbständiger, vollkommen auf eigene Rechnung agiert, handelt immer in Rücksicht auf Strukturen. Und auch der Selbständige handelt mit Rücksichten und Absichten, die ihm oft den Blick verstellen können: Mitarbeiter, Kunden, Konkurrenten wechselwirken in komplexer Weise mit unseren Absichten und Taten.
Wer schon Verantwortung für ein Unternehmen, einen Verein, eine Initiative hatte, weiß, wie schwierig es ist, durch Handeln die Welt bewußt zu gestalten. Die allermeisten Unternehmen, so weist die Empirie nach, finden erst lange nach ihrer Gründung heraus, auf welche konkreten Produkte sie sich eigentlich spezialisieren sollten. Soziale Strukturen erinnern hinsichtlich dieses Aspektes oft an Organismen: Sie können gedeihen, aber auch ohne Vorwarnung und ohne offensichtlichen Grund eingehen (wiewohl es im Nachhinein dann immer eine Rationalisierung für den Erfolg oder Mißerfolg gibt). Wird das Wachstum der Struktur, also die Anhäufung von Ressourcen, zum Selbstzweck, so kann das erwähnte Krebszellenwachstum auftreten. Dann ist die Struktur nicht mehr organisch mit ihrer Umwelt verbunden, sondern zehrt von ihr und schädigt sie.
Menschen wie Maurice Strong sind Verschwörer nur in dem einen Sinn: Sie sind Mittelmaximierer, meist durch zufallende Vermögen, Charisma, Fleiß, Talent, und sie haben sich Ziele zu eigen gemacht, die über die reale Welt hinaus weisen und ihr widersprechen. Strongs radikalökologischer Zugang sieht den Menschen als Krebsgeschwür. Der damit verbundene Zweck, den menschlichen Abdruck auf dieser Welt radikal zu transformieren, ist so total, daß er keine Beschränkung der Mittel zuläßt. Darum ist Strong ein Förderer sozialer Krebsgeschwüre, von Strukturen, die niemals genügend Mittel haben, weil ihre Ziele größenwahnsinnig sind. Wäre Strong etwas weniger erfolgreich, würde er sich von den allermeisten Systemkritikern, Lesern von Büchern des Kopp-Verlags und Wutbürgern kaum unterscheiden. Seine Weltsicht ist nur eine Spur chiliastischer, nämlich postmillenarisch, wie es Murray N. Rothbard nannte. Wie die meisten denkenden Menschen nimmt er einen Prozeß des Wandels war. Doch sieht er eine aktive, gar aktivistische Rolle des Menschen im Herbeiführen des Wandels vor. Im Gegensatz zu den unzähligen Wandelbeschleuniger-Initiativen von Beta-Tieren, die keine Anhängerschaft aufbauen können, sind seine Initiativen aber realistischer: Sie werden von Alpha-Tieren vorangebracht. Deren Handeln ist in seinen Folgen ebenso unabsehbar, auch für sie selbst, aber zumindest vertraut es bewußt in die eigene Kraft und überschätzt diese eher als sie zu unterschätzen. Diese Strukturschaffer werden stets zustimmen, daß die Strukturen alles andere als perfekt sind. Doch gibt es für sie keine Grenzen; im Grenzenlosen selbst erwarten sie den magischen, alchemischen Akt, der aus all den bleiernen Strukturen goldene Lichtbringer macht. Ihr eigener, persönlicher Erfolg hat sie das gelehrt: Erfolg wirkt nämlich selbstverstärkend. Oder etwas weniger euphemistisch und damit allgemeingültiger formuliert: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Es gibt einen bestimmten Punkt in systematischen Karrieren, wo die Erfolgsverwöhnung beginnt und damit auch die Gefahr der Hybris. Das verstärkt den Eindruck einer Verschwörung: Die Macher und Machbarkeitsprediger sind ausgerechnet die Erfolgreichsten, so als hätten sie sich dazu verabredet. Die Geisteshaltung der Erfolgreichen läßt sie sich zum Teil selbst als Kern einer Verschwörung sehen; Verschwörungstheorien schmeicheln ihnen. Ein Beispiel hierfür ist ein bemerkenswerter Absatz, den David Rockefeller in seiner Autobiographie schrieb:
Seit mehr als einem Jahrhundert haben ideologische Extremisten auf beiden Seiten des politischen Spektrums medial aufgeblähte Vorkommnisse wie mein Treffen mit Fidel Castro genutzt, um die Familie Rockefeller für den außerordentlichen Einfluß zu attackieren, den wir angeblich auf die politischen und wirtschaftlichen Institutionen Amerikas ausüben. Einige glauben sogar, wir wären Teil einer geheimen Verschwörung, die gegen die besten Interessen der Vereinigten Staaten wirkt, und stellen meine Familie und mich als Internationalisten dar, die sich mich anderen weltweit verschwören, um eine integriertere globale Politik- und Wirtschaftsstruktur zu schaffen – one world \[eine vereinheitlichte Welt\], wenn man so will. Wenn das der Vorwurf ist, so bekenne ich mich schuldig und bin stolz darauf. (Rockefeller 2002, S. 405)
Die Erfolgsfalle
Unlängst stieß ich mit einem Erfolgreichen in unangenehmer Weise zusammen. Der Bestseller-Autor Markus Hengstschläger und ich befanden sich am selben Podium. Hengstschläger spulte seinen immergleichen, humoroptimierten Vortrag ab, in dem er mit der Allegorie eines Turnsaals den Durchschnittswahn unserer Zeit gekonnt vorführt. Wenn wir nicht wissen, woher die Bälle kommen, helfe es nichts, alle Kinder in der Mitte des Turnsaals aufzustellen, weil im Durchschnitt von allen Seiten gleich viele Bälle kommen. Unser Bildungssystem sei aber darauf ausgerichtet, durchschnittlich gebildete Kinder hervorzubringen, die für die Herausforderungen der Zukunft ungeeignet seien. Einem Kind, das in Englisch und Französisch jeweils ein Sehr Gut, in Mathematik und Physik aber ein Genügend habe, dem werde – auch von den Eltern – vermittelt: In den Sprachen mußt du nichts mehr tun, das reicht schon, konzentriere all deine Energie auf Mathematik und Physik. So würden Talente zugunsten eines Durchschnitts von in allen Fächern mittelmäßigen Schülern vernichtet.
Das Argument ist sympathisch und durchaus berechtigt. In seinem hochgradig repetitiven Buch Die Durchschnittsfalle hat Hengstschläger diese Argumentation mit ein wenig Populärgenetik verbrämt und einen unglaublichen Erfolg erzielt, sodaß er nun hoch honoriert mit seinem Standardvortrag durch das Land zieht. Das Problem seines Arguments liegt in der Zwecksetzung und Ausblendung des Kontextes.
Das Modell eines für alle gleichen Lehrplans mag absurd erscheinen, und ich kritisiere ebenso oft die Lehrplanwirtschaft. Das Problem liegt aber eben darin, daß es eine Planwirtschaft ist. Durch die Ausdehnung und Überdehnung alter Bildungskonzepte können wir deren Sinn nicht mehr erkennen. Daher wird ständig herumreformiert, mit der Folge, daß wir im Zuge der Interventionsspirale vor lauter Strukturgewächsen nicht mehr klar sehen können. Das Konzept der Durchnahme gleicher Fächer, in denen ein gewisses Mindestniveau zu erreichen sei, war einst mit einem gewissen Kanon verbunden. Der Kanon ist bereits weitgehend verschwunden, und bald geht es wohl auch den Fächern an den Kragen. Dann kommen die Kurse in Ganztagsschulen, eine Art betreutes, ganztägiges Aufgabenmachen, wobei die Kurse gegeneinander konkurrieren und die Anforderungen dadurch laufend sinken. Die Schüler werden dann als Kunden betrachtet, was ja nicht so schlecht wäre. Sie sind aber keine Kunden, denn sie haben keinerlei Kosten zu tragen und selbst meist keinerlei System-Alternativen, wodurch sie im Wesentlichen ein Ausweichverhalten und kein Optimierverhalten zeigen.
Das Konzept hinter den Fächern und dem Kanon war das humanistische Gymnasium, das einer kleinen Minderheit dafür geeigneter junger Menschen eine Art kulturelle Alphabetisierung vermitteln sollte. Ein umfassend gebildeter Mensch sollte nach dieser altmodischen Vorstellung eine gewisse Bandbreite von Disziplinen kennengelernt haben, auch wenn er nicht in jeder Disziplin zum Zeitpunkt der Vermittlung das nötige Interesse und Talent mitbringt. Dazu gehört es nach dieser Auffassung, auch einen Kanon von Büchern zu lesen und einen Kanon von Gedichten und Liedern zu kennen. Nach und nach reklamierten weitere Disziplinen, in den Fächerkanon aufgenommen zu werden. Jede hielt sich natürlich für die allerwichtigste. Und jedes Fach kann wertvoll und wichtig sein, wenn von einem begeisterten Lehrer vermittelt wird. Leider unterrichten in einem Massenbeschulungssystem Beamte. Beamte sind nicht schlechter als Durchschnittsmenschen, bloß in aller Regel nicht an der Stelle im Einsatz, an der sie Leidenschaft mitbringen. Und wenn sie Leidenschaft entwickeln, so wird diese rasch durch die sie umgebenden Strukturen frustriert und zerstört.
Hengstschläger schwebt eine individuelle Förderung nach den Stärken, nicht nach den Schwächen vor. Das ist nachvollziehbar, doch in einem Zwangsbeschulungssystem nicht zu leisten. Das Resultat wäre, wie bei jeder Schulreform, letztlich schlechter als die Ausgangslage. Der letzte Rest des humanistischen Gymnasiums, das durch die zwangsweise Ausdehnung auf die breite Masse ruiniert wurde, würde damit auch noch beseitigt werden, zugunsten von Kursen an iPads zu zeitgeistigen Themen, um die Kinder „dort abzuholen, wo sie sind“ und „ihre Stärken“ zu fördern. Dabei romantisiere ich keineswegs kritiklos das humanistische Gymnasium. Die Ideale, die dahinter standen, waren nicht sonderlich realistisch. Doch ist es als Konzept, das ernst genommen wird, allemal wertvoller denn als gestutztes Strukturgewächs, das bloß aufgrund von Nachahmung weiterbesteht.
Darüber hätte sicherlich eine Debatte gelohnt; Hengstschlägers Zugang ist zwar nicht die gesamte Wahrheit, aber doch immerhin ein wichtiger Aspekt davon. Leider hat sein gesamtes publizistisches Wirken und seine Thesenwahl einen festgesetzten Zweck, der mir schnell bewußt wurde. Es geht ihm darum, mit seiner Argumentation Werbung für die Finanzierung der Grundlagenforschung zu machen – der Bereich, wo er selbst sein Einkommen bezieht. Er fürchtet zurecht, daß sich die öffentliche Meinung in Zeiten von Krisen und knappen Budgets gegen die üppige Dotierung von Forschungsbereichen richten könnte, die keinen unmittelbaren Ertrag zeigen. Weil die Zukunft ungewiß ist, deshalb wisse man aber nicht, was einmal relevant sein würde. Eine Kürzung der Grundlagenforschung könnte also genau die Antwort auf eine Überlebensfrage verhindern.
Freilich, ohne jede ökonomische Beschränkung, ist es taktisch klug, auf alle Felder zu setzen. Auch mit ökonomischer Beschränkung ist es unklug, nur unmittelbar erfolgsversprechende Wege zu beschreiten. Doch daraus einen Anspruch auf Finanzierung von allem, was sich selbst Grundlagenforschung nennt, abzuleiten, ist etwas frech. Das wäre ein Freibrief für Akademiker, sich als „Grundlagenforscher“ ein bequemes Leben auf Kosten der Allgemeinheit einzurichten. Jede Argumentation Hengstschlägers lief auf diese eine Forderung hinaus: mehr Geld! Wie typisch für unsere materialistische Zeit, daß sogar die „Grundlagenforscher“ nur noch an materielle Grundlagen denken. Die geistige Verengung war offensichtlich, denn er war vollkommen unfähig, abseits dieser Geldfrage zu debattieren. Als er spürte, daß ihm meine Wortmeldungen Wind aus den Segeln nahmen, begann er, mich zum Entsetzen des Publikum persönlich zu attackieren – in einer Schärfe, wie ich es noch nie, nicht einmal von den schlimmsten ideologischen Gegnern, erlebt habe. Daß sein Wissen über Ökonomie und Politik minimal war, hielt ihn nicht davon ab, sich als Verteidiger der Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit gegen den „Populismus“ darzustellen. Zu meiner Überraschung solidarisierte sich das Publikum, das aus Nicht-Akademikern bestand, nahezu vollständig mit mir und heizte dem „Experten“ für sein unglaubliches Verhalten ordentlich ein. Hengstschläger zog den Schwanz ein und eilte nach Ende der Veranstaltung kleinlaut davon.
Damit gab er selbst das beste Beispiel dafür ab, wie Eigeninteressen, auch wenn sie unbewußt sind, den Blick vernebeln können. So können auch die strengsten Wissenschaften einer Selbstimmunisierung erliegen. Herrn Hengstschläger, „jüngster Professor Österreichs“ und Mitglied in so ziemlich allen Gremien, die das Land zu bieten hat, ist sein Erfolg zu Kopf gestiegen. Die dumme Bevölkerung ist dafür gut, das Einkommen von Experten zu erarbeiten, die es besser wissen. Die schnell Erfolgreichen lassen sich leicht davon blenden, daß ihnen bislang so vieles gelang, und leiten davon unbewußt einen Führungsanspruch ab. Aufgrund der sprießenden Sozialgewächse geht dieser Führungsanspruch aber nicht mehr mit Verantwortungsübernahme einher.
Die Alpha-Tiere verheddern sich aufgrund ihrer Dynamik noch eher im Gestrüpp. Sie machen Karriere und bleiben hängen. Ihr Selbsterhaltungstrieb liefert dann den Strukturen die nötige Überlebensenergie, auch wenn sich diese schon längst überlebt haben. In den Sozialgewächsen schwindet die Verantwortung, denn sie bestehen unabhängig von den Akteuren, wodurch auch die Akteure unabhängig vom Gelingen und Mißlingen der Strukturpläne werden. Die Strukturen werden zu erstarrten Regelsystemen, in denen das auftritt, was man auf Englisch Gaming the system nennt. Auf Deutsch könnte man das schlicht als „Politik“ im heutigen, negativen Sinne übersetzen. Wenn in einem Unternehmen Mitarbeiter nicht mehr im Interesse der Eigentümer und Kunden agieren, sondern das Unternehmen als Struktur verstehen, innerhalb derer sie Eigeninteressen befördern können, spricht man heute schon gelegentlich davon, daß dann „Politik“ betrieben würde: Täuschung, Intrige, Nebentätigkeiten oder Arbeitsvermeidung, Schleimen etc.
Goldfälscher
Griffin faßt das Krisen-Gaming beim letzten größeren Anlaß so zusammen:
Die Finanzleute und Politiker, die das Problem verursacht hatten, waren jetzt verantwortlich für die Rettungsaktion. Sie begriffen den Crash als eine goldene Möglichkeit, noch mehr Kontrollen als vorher schon zu rechtfertigen. Herbert Hoover setzte eine ganze Serie von Regierungsprogrammen in Gang, um Gehälter und Preise und bedrohte Firmen zu stützen, die Bauindustrie zu fördern, Hypotheken zu garantieren, Einleger zu stützen, Banken zu retten, Farmer zu subventionieren und öffentliche Aufträge zu erteilen. Roosevelt wurde mit noch mehr Versprechungen dieser Art im Namen des »New Deals« in sein Amt gespült. Und die Federal Reserve startete eine ganze Serie von »Bankreformen«, die alle nur dazu dienen sollten, ihren Einfluß auf den Geldvorrat weiter auszudehnen. \[…\] Schließlich begann auch der Produktivsektor des Landes unter dieser Last zu leiden. Steuern und gesetzliche Bestimmungen trieben Unternehmungen aus dem Geschäft. Die Verbliebenen mußten ihre Produktion einschränken. Arbeitslosigkeit breitete sich aus. Trotz aller wirtschaftlichen Stützungsmaßnahmen ging es der Wirtschaft 1939 nicht besser als 1930, als die Unterstützungen anfingen. Erst mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der anlaufenden Kriegsproduktion kam die Depression endlich zu einem Ende. (Griffin 2006, S. 558f)
Griffins Alternativvorschläge sind naheliegend: Er sieht ein sofortiges Einfrieren der Zahl von Federal-Reserve-Noten vor, also der umlaufenden Dollarscheine. Nur die gesamte Staatsschuld sollte in neuen Geldscheinen nachgedruckt und mit diesen Noten vollständig zurückgezahlt werden. Die legal tender laws (Privilegierung eines gesetzlichen Zahlungsmittels) sind allerdings abzuschaffen, während die Regierung weiterhin Dollarscheine für Steuerzahlungen akzeptiert. Parallel dazu wünscht er sich die Einführung von Silberdollars nach der alten Gewichtsentsprechung von 371,25 Gran Silber (ca. 0,77 Unzen oder 24 Gramm) – der „echte“, von der Verfassung vorgesehene Dollar. Außerdem die Prägung von Goldmünzen als Reservegeld ohne jede Kursfestsetzung. Dazu wird wieder die freie Münzprägung eingeführt, das heißt, jeder kann bei der US-Münze Edelmetalle gegen einen geringen Prägeabschlag zu Münzen prägen lassen. Die Münzen sollen nur aus privaten Edelmetallbeständen je nach Nachfrage geprägt werden. Sämtliche Regierungsbestände sind als Deckung für die umlaufenden Dollarscheine zu verwenden.
Hierbei wird wohl nicht viel pro Schein übrig bleiben. Die kommunizierten Bestände haben vermutlich schon länger nichts mehr mit der Wahrheit zu tun. Es ist naheliegend, daß die Goldhüter den massiven Anreizen nicht widerstehen können, aus ihrem Schatz Gewinne zu ziehen – das Gold also „arbeiten“ zu lassen, das heißt zu verborgen. Hier haben wir eben jenes Problem der „Gewaltenteilung“: sed quis custodiet ipsos custodes? Die Prüfer sind stets Teil derselben Interessengruppe wie die zu Prüfenden.
Auch auf den Märkten nehmen die Goldfälschungen offenbar zu. Der Fälschungsexperte der Deutschen Bundesbank bestätigte gegenüber Besuchern, daß Goldbarren jeglicher Größe häufig gefälscht werden und daß die aufgedeckten Fälle wohl eher nur die „Spitze des Eisberges“ darstellen – die meisten Fälschungen bleiben zunächst unentdeckt. Die Besucher berichten:
Uns wurde eine enorme und umfassende Auswahl an verschiedensten gefälschten Goldbarren und -Münzen präsentiert. Darunter waren unter anderem auch zwei mit Wolframkernen versehene Goldbarren die den entsprechenden Originalen bis ins kleinste Detail ähneln. Ein 1-kg Gold-Barren wurde z.B. derart professionell gefälscht, dass sowohl Klangtest, XRF-Röntgenprüfung und Gewichts- bzw. Dichtekontrolle keinen Anhaltspunkt für eine vorliegende Fälschung liefern würden. (Alles Schall und Rauch 2012)
Das Problem bei solchen Berichten: Sowohl der Arbeitgeber der Prüfstelle als auch die berichtenden Besucher, Verkäufer von Prüfgeräten, haben ein Interesse daran, daß es möglichst viele Fälschungen von Münzen und Barren gibt. Beim Arbeitgeber ist das Interesse gar so groß, daß man ihm wohl zutrauen muß, selbst zu fälschen. Ich kann mir gut vorstellen, daß die großen Barren in Schauräumen, von denen es manchmal Fotos gibt, Kerne aus Wolfram oder Tungsten haben. Diese Metalle weisen eine ähnliche spezifische Dichte wie Gold auf, sodaß sich allein durch einen Dichtetest – die klassische Methode nach Archimedes – die Fälschung nicht mehr erkennen läßt. Ich bin selbst auf ein chinesisches Unternehmen gestoßen, daß solche Fälschungen anbietet. Auf meine Anfrage hin bekam ich folgende Antwort:
Wenn Sie gravierte Goldbarren wollen, ist der kleinste gravierte, vergoldete Tungstenbarren, den wir machen können, ein 10-Unzen-Barren. Beiliegend finden Sie die Typenbeschreibung, der Preis liegt bei 330 \$, die Mindestabnahmemenge ist 10 Stück. Im Anhang finden Sie gravierte Barren von einem Kilogramm, der Preis liegt bei 490 \$. Können Sie uns bitte mitteilen, wieviele Produkte Sie von jeder Type wollen? Dann können wir die Versandkosten für Sie berechnen. Hinweis: Chinatungsten Online (Xiamen) Manufacturing & Sales Corp. ist ein sehr professionelles und seriöses Unternehmen, das sich seit mehr als zwei Jahrzehnten auf Herstellung und Verkauf von goldplatierten Produkten mit Tungstenlegierungsbezug spezialisiert hat. Unsere vergoldeten Tungstenlegierungen sind nur für Souvenir- und Dekorationszwecke gedacht. \[…\] Wir erklären hiermit: Bitte verwenden Sie unsere vergoldeten Tungstenprodukte nicht für illegale Zwecke. (www.chinatungsten.com)
Eine rührende Erklärung! Die Chinesen glänzen wieder einmal durch unternehmerischen Pragmatismus. Eine weitere Anekdote dafür entnehme ich einem Interview mit Slavoj Zizek, der ausplauderte, was ihm Alexis Tsipras von Syriza, der griechischen Linkspartei, gestand. Dieser war stolz auf ein de facto Kaufangebot von Rußland für Griechenland, nur enttäuscht, daß nicht auch China mitbot:
Von China habe er nichts gehört, sagte er, aber die Chinesen hätten den Hafen von Piräus gekauft, alle Angestellten gefeuert, Gewerkschaften verhindert und so weiter. Die Russen hingegen kamen – und Tsipras zitterte fast, als er mir das erzählte – und sagten: Wir sind bereit, euch zu retten. Und dann gaben sie ihm eine Liste mit all den profitablen staatlichen Telekommunikationsfirmen, die sie übernehmen wollten, plus – und hier kommt der grosse Clou – eine Insel, die sie für hundert Jahre als Militärbasis nutzen wollten.(Hanimann 2012)
Gänsegeschnatter
Tsipras hatte wohl Vertrauen in Zizek, weil dieser als Modephilosoph der Linken gilt. Zizek vermischt philosophischen Unsinn mit Beispielen aus dem Zeitgeist und der Popkultur. Seine Werke folgen dem Muster, das ich schon einmal erklärt habe: hochtrabender, unverständlicher, theoretischer Unfug ist von Passagen durchsetzt, die jeder, auch der dümmste Schlagzeilenjunkie, versteht. Dadurch dürfen sich auch die dümmsten Leser verstanden fühlen und sehen sich geehrt, daß sogar ihre massenmedialen Entdeckungen von der Fernsehcouch aus intellektuelle Tragweite haben. Damit ist Zizek der perfekte Philosoph für die Twitteria. Die Beschränkung auf 140 Zeichen beim Nachrichtendienst Twitter scheint eine unglaubliche Faszination auf pseudointellektuelle, „links“-konformistische Welterklärer auszuüben. Der Dienst verspricht zwar Gezwitscher, liefert aber weitgehend Geschnatter. Bei den Gänsen, mit denen wir das Grundstück bei unserer Akademie für Eigenverantwortung geteilt haben, konnte ich das genauer beobachten: In ihrem Geschnatter verstärken sie sich selbst, sodaß sie sich bis zur Hysterie hineinsteigern (wirklich hysterisch werden sie nicht sein, es hört sich nur so an). Offenbar dient das Schnattern der „Stimmfühlung“ im Rudel, der Selbstversicherung, nicht alleine zu sein, und der Ermunterung der anderen, brav zu imitieren, um den Zusammenhalt zu gewährleisten.
Auch der Mensch ist ein Rudeltier, das im Wesentlichen imitiert. Es ist unsere außergewöhnliche Imitationsgabe, die uns von den Tieren abhebt. Dank dieser Imitationsgabe sind Menschen in der Lage, Institutionen aufzubauen. Durch die Imitation komplexer Handlungsstrukturen kann so Wissen jenseits von Instinkten und eigenen Erfahrungen zur Grundlage des eigenen Handelns werden. Diese Gabe liegt an der Fähigkeit zur Selbstverstärkung von Handlungsweisen innerhalb von Gruppen, wir imitieren nicht nur, sondern bestärken uns dabei gegenseitig. Darum gibt es so etwas wie geistige Evolution, bei der „Meme“ gegeneinander konkurrieren. Die Schattenseite dieser Gabe ist, daß wir uns auch im Negativen gehörig verstärken können. Die ersten Menschen waren vermutlich besonders hysterische Affen.
Eine hervorragende und ungewöhnliche Diskussion dieser sozialen Verstärkungseffekte fand ich in einem Buch, daß meinem Kollegen Eugen von dessen Freund, dem sozialdemokratischen Vordenker Norbert Leser empfohlen wurde, um ersteren auf den rechten (für Leser linken?) Pfad zu führen. Es handelt sich um ein Buch von René Girard mit dem seltsamen Titel Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. (Carl Hanser Verlag München, Wien, 2002) Girard gebraucht für die soziale Verstärkung durch Imitation den Begriff Mimetik. Das Hauptproblem sei dabei aus seiner Sicht der Neid, da die Menschen von Natur aus dazu neigen würden, das zu begehren, was ihre Nächsten besitzen oder begehren. Dadurch kommt es zu laufenden Rivalitätskonflikten:
Rivalisierende Begehren sind gerade deshalb so gefährlich, weil sie sich tendenziell gegenseitig verstärken. Gesteuert wird dieser Konflikttypus vom Eskalations- und Überbietungsprinzip. Es handelt sich um ein Phänomen, das derart banal, uns allen derart vertraut, unserem Selbstbild aber derart zuwiderlaufend, folglich derart erniedrigend ist, daß wir es lieber aus unserem Bewußtsein ausblenden und so tun, als existiere es nicht — im klaren Wissen darum, daß es existiert. \[…\] Die Reziprozität ist Tatsache. Sein Begehren imitierend, vermittle ich meinem Rivalen den Eindruck, er habe gute Gründe, zu begehren, was er begehrt, zu besitzen, was er besitzt — und schon steigert sich die Intensität seines Begehrens. Unangefochtener Besitz schwächt in der Regel das Begehren. Indem ich meinem Vorbild zu einem Rivalen verhelfe, gebe ich ihm gewissermaßen das Begehren zurück, das er mir zuschreibt. Ich verhelfe meinem eigenen Vorbild zu einem Vorbild, und das Schauspiel meines Begehrens verstärkt sein Begehren genau in dem Moment, da es, sich mir widersetzend, mein eigenes Begehren verstärkt. Der Mann beispielsweise, dessen Gattin ich begehre, hatte vielleicht im Lauf der Zeit aufgehört, sie zu begehren. Sein Begehren war abgestorben, nun aber, im Kontakt mit dem meinigen, das lebendig ist, erwacht es zu neuem Leben. \[…\] Die mimetische Natur des Begehrens gibt Aufschluß darüber, wie schlecht zwischenmenschliche Beziehungen normalerweise funktionieren. (Girard 2006, S. 23, 25)
Diese Mimetik konstituiere das menschliche Dilemma, so kommt Girard zu einem ganz ähnlichen Schluß wie ich. Die utopische Reaktion auf das Begehren, es durch Gleichverteilung aus der Welt schaffen zu wollen oder jeglichen Wettbewerb durch Sippenbeschwörungen auszuschalten, verkennt diese anthropologische Tatsache. Freilich ist es eine kulturelle Aufgabe, dieses Begehren zu einem positiven Antrieb zu sublimieren. Oft wird die Österreichische Schule gerade deshalb kritisiert, insbesondere von Religiösen, weil eine vermeintlich verkürzte Anthropologie durchscheint. Eigentlich ist es aber nicht die Intention, den Menschen zu reduzieren, sondern in der nötigen Nüchternheit anzuerkennen. Bestätigt wird diese Perspektive nun spät von Girard, dessen Buch eigentlich eine christliche Apologie ist, aber anthropologisch noch nüchterner daherkommt als die Österreichische Schule. Menschsein heißt Begehren:
Ohne mimetisches Begehren gäbe es weder Freiheit noch Menschlichkeit. Das mimetische Begehren ist intrinsisch gut. Der Mensch ist jenes Geschöpf, das einen Teil seines animalischen Instinkts verloren hat, um zu dem zu gelangen, was Begehren genannt wird. Sind ihre Grundbedürfnisse einmal befriedigt, begehren die Menschen intensiv, aber sie wissen nicht genau was, weil kein Instinkt sie leitet. Sie haben kein eigenes Begehren. Das Eigentümliche des Begehrens ist es, daß es dem Menschen nicht eigen ist. Um wahrhaft zu begehren, müssen wir auf die uns umgebenden Menschen zurückgreifen, wir müssen ihnen ihre Begehren entleihen. \[…\] Durch das mimetische Begehren entkommen wir dem animalischen. Dieses Begehren ist für das Beste wie für das Schlimmste in uns verantwortlich, verantwortlich für das, was uns unter das Tier herabsinken läßt, wie für das, was uns über es hinaushebt. Unsere endlosen Zwiste sind der Preis unserer Freiheit. (S. 31f)
Satanische Ärgernisse
Katastrophal ist die Mimetik jedoch, wo sie zu Gewaltspiralen führt. Keine Spezies vernichtet so systematisch Artgenossen wie der Mensch. Girard warnt davor, zu glauben, erst die Zivilisierung habe den edlen Wilden zum bösartigen modernen Menschen gemacht. Ganz im Gegenteil verweist er darauf, daß unsere ältesten Mythen voll von bestialischer Gewalt sind. Girard spricht von einem mimetischen Zyklus, der sich als Ereigniskette der Gewalt selbstverstärkt. In diesem Prozeß wird aus einer Gruppe harmloser Tiere eine hysterische Masse, die als Superorganismus entweder sich selbst zerfleischt, oder ihre selbstverstärke Aggression auf einen einzelnen oder nach außen richtet. Girard nimmt die Mythen ernst und sieht sie als Belege für in der dunklen Urzeit regelmäßig auftretende Lynchmorde, durch die sich Menschenrudel im Zuge einer Gewaltkatharsis stabilisieren. Er spricht von der Verwandlung des Alle-gegen-Alle, das die Gemeinschaften fragmentiert, in ein Alle-gegen-Einen, das sie versammelt und eint.
Die mimetischen Rivalitäten nennt Girard in Benutzung eines Bibelwortes die „Ärgernisse“. Im Laufe der Zeit sammeln sich die Frustrationen gespiegelter Begierden, sodaß sich der angesammelte Ärger entladen muß, damit der soziale Zusammenhalt gewährleistet bleibt. Hier finden wir auch psychologische Erklärung, warum sich menschliche Strukturen ohne kontinuierlichen Energiefluß spalten. Die nötige Energie für den Zusammenhalt sich konkurrierender, spiegelnder, selbstverstärkender Menschen kann durch Akte gemeinsamen Wütens hergestellt werden, durch Projektion der Wut auf die anderen, oder auf einen Sündenbock aus den eigenen Reihen. Girard geht davon aus, daß in den früheren, eher vereinzelten Menschenrudeln, hauptsächlich der Sündenbockmechanismus wirken konnte. Doch auch heute gilt dieselbe mimetische Logik:
Je bedrängender die persönlichen Ärgernisse für die Betroffenen werden, um so heftiger streben sie danach, das eigene Ärgernis in irgend einem großen Ärgernis zu ertränken. Das wird überwältigend deutlich im politischen Machtstreben oder in der Skandalbesessenheit der inzwischen globalisierten Welt. Ist ein hochattraktives Ärgernis in Reichweite, befällt die Skandalisierten der unwiderstehliche Drang, davon zu »profitieren« und in seiner Umlaufbahn zu verharren. (S. 41)
Die Verlockung, ins Massendelirium einzutauchen, ist so stark, daß Girard ein besonders starkes Wort zur Bezeichnung dieser Dynamik vorschlägt: Satan! Er bezieht sich dabei auf die christliche Lehrmeinung, daß es sich bei Satan um keine Person handle, sondern ein Prinzip:
Er ist im Buch Hiob der Ankläger des Helden bei Gott und mehr noch beim Volk. Indem er eine differenzierte Gemeinschaft in eine hysterische Menge verwandelt, erzeugt Satan die Mythen. Er ist das Prinzip der systematischen Anklage, die aus der durch die Ärgernisse auf die Spitze getriebenen Mimetik hervorbricht. (S. 54)
Das satanische Prinzip ist nach Girard die Verlockung, uns allen unseren Neigungen hinzugeben, ungeachtet der Moral und ihrer Verbote:
Wer auf diesen höchst liebenswürdigen und höchst modernen Lehrmeister hört, der fühlt sich erst einmal »befreit«, doch dieser Eindruck hält nicht an, denn wer auf Satan hört, geht rasch all dessen verlustig, was vor der konfliktuellen Mimetik schützt. Statt uns vor den uns gestellten Fallen zu warnen, läßt Satan uns hineintappen. Er unterstützt die Vorstellung, die Verbote seien »zu nichts nütze« und ihre Übertretung berge keinerlei Gefahr in sich. \[…\]Das ist die erste der zahlreichen Metamorphosen Satans: Der anfängliche Verführer verwandelt sich rasch in einen unangenehmen Gegner, ein ernsthafteres Hindernis als sämtliche noch nicht übertretenen Verbote. Das Geheimnis dieser leidigen Metamorphose ist leicht zu entdecken. Der zweite Satan, das ist die Verwandlung des mimetischen Vorbilds in ein Hindernis und einen Rivalen, das ist die Genese der Ärgernisse.Unser Vorbild widersetzt sich unserem Begehren, weil es selbst begehrt, was zu begehren es uns drängt. Jenseits aller Transgression stellt sich uns ein Hindernis in den Weg, das noch gewichtiger ist als alle Verbote und sich anfänglich hinter jenem Schutzschild verbirgt, den diese für uns darstellen, solange wir sie respektieren. \[…\] Satan sät Ärgernisse und erntet den Sturm der mimetischen Krisen. Das ist für ihn Anlaß zu zeigen, wozu er fähig ist. Die großen Krisen führen auf das wahre Geheimnis Satans hin, auf dessen verblüffendste Fähigkeit, nämlich die, sich selbst auszustoßen und in menschlichen Gemeinschaften die Ordnung wiederherzustellen. (S. 50ff)
Das satanische Prinzip sei ein Ordnungs- und Chaosprinzip zugleich, so Girard. Chaos stiftet es durch die Verstärkung des Begehrens und die dadurch zunehmenden Konflikte. Doch letztlich würde daraus wieder Ordnung gestiftet, indem es zur Austreibung eines Opfers komme. Der Sündenbock entspricht dabei nicht zufällig satanischer Symbolik. Girard deutet Geruch und übermäßige Sexualität des Tieres als Grund für dessen Symbolgebrauch. Ist der Gewaltexzeß einmal ausgelebt, das Opfer gebracht und die Gemeinschaft gereinigt, kehrt wieder Frieden ein:
Da niemand in der Gemeinschaft einen anderen Feind als dieses Opfer hat, findet sich die Menge, ist das Opfer einmal verjagt, ausgestoßen und vernichtet, bar aller Feindseligkeit und des Feindes beraubt. Es blieb nur der eine, und seiner hat man sich entledigt. Zumindest vorläufig empfindet diese Gemeinschaft weder Haß noch Ressentiment gegen wen auch immer, sie erfährt sich von all ihren Spannungen, Spaltungen und Brüchen gereinigt.
Die Verfolger wissen nicht, daß ihre plötzliche Eintracht —wie ihre vorgängige Zwietracht — das Werk der Mimetik ist. Sie glauben, es mit einem gefährlichen, bösartigen Wesen zu tun zu haben, von dem die Gemeinschaft unbedingt befreit werden muß. (S. 54)
Nach und nach weist Girard in verblüffender Konsequenz nach, wie alle Analogien für Satan auch auf sein mimetisches Konzept anwendbar sind. So sei das satanische Prinzip eines der Verdunklung, weil die Kollektivgewalt individuelle Blindheit zur Voraussetzung habe:
Die Ärgernisse sind in erster Linie: Unfähigkeit zu sehen, unüberwindbare Blindheit \[…\]Selbsttäuschung ist für den satanischen Prozeß insgesamt charakteristisch, und deshalb, heißt einer der Namen für den Teufel „Fürst der Finsternis“. (S. 162)
Wer den ersten Stein wirft
Hier liegt auch die Grundlage Girards Apologie des Christentums. Im Gegensatz zur heidnischen Tradition, die die Herdengewalt nicht anklage, sondern verherrliche, endet die christliche Offenbarung mit einer vollkommen Entmythologisierung von Gewalt, indem sie sich auf Seite der individuellen Opfer schlägt und nicht der Masse:
Indem das Neue Testament die Selbsttäuschung der Gewalttätigkeiten offenlegt, vertreibt es die Lüge ihrer Gewalt. \[…\] Es liegt in der Natur der Mythen, die Gewalt zu verbergen. Es liegt in der Natur der jüdisch-christlichen Schrift, sie offenzulegen und die entsprechenden Folgen zu tragen.Das Illusionsprinzip, das der Opfermechanismus ist, kann nicht offen zutage treten, ohne seine strukturierende Kraft einzubüßen. Es verlangt zwingend die Unwissenheit der Verfolger, die »nicht wissen, was sie tun«. Es verlangt, um reibungslos funktionieren zu können, die Finsternis des Satans. (S. 162f, 186)
Paradoxerweise weicht der Kollektivhaß der Opferung bald einer Verehrung, gar Vergöttlichung des Opfers. Da dieOpferung Frieden gestiftet hat, wird das Opfer verklärt. Wenn die Ärgernisse erneut Überhand nehmen, sehnt man sich nach einem neuen Opfer – die Opferung wird zu einem Ritus, der präzise wiederholt wird:
Blutige Opferungen sind der Versuch archaischer Gemeinschaften, ihre inneren Konflikte zu verdrängen und zu begrenzen; dabei reproduzieren sie mit Opfern, die an die Stelle des ursprünglichen Opfers getreten sind, so präzis wie möglich jene realen Gewalttaten, die diese Gemeinschaften in einer fernen, nicht aber mythischen Vergangenheit mittels der wiederhergestellten Geschlossenheit tatsächlich versöhnt hatten. (S. 104)
Nun kommt Girard zu einem scheinbar absurden Schluß: Der Kollektivmord sei kulturstiftend, sodaß er als Urmythos im Gedächtnis bleibe. In der Tat verweisen zahlreiche Mythen auf einen Gründungsmord (oft erschlägt ein Bruder den anderen). So entwickle sich aus der Ritualisierung der Rudelgewalt die Zivilisation:
Es gilt, die Möglichkeit ins Auge zu fassen, daß sich alle menschlichen Institutionen und folglich die Menschheit selbst durch das Religiöse herausgebildet haben. Um den animalischen Instinkt abzustreifen und zum Begehren mit den ihm innewohnenden Gefahren mimetischer Konflikte zu gelangen, muß der Mensch sein Begehren disziplinieren, und das kann er nur durch Opferungen bewerkstelligen. Die Menschheit tritt durch die »Gründungsmorde« und die aus ihnen hervorgehenden Riten aus dem archaisch Religiösen heraus. (S. 122f)
Allmählich entstehe aus der Verklärung des Opfers ein Kult, bei dem das Opfer Hochachtung erfahre, weil es als Wiederhersteller des Friedens interpretiert wird. Hier liege die Wurzel des Archetyps des Sakralkönigs:
Um einen Sakralkönig herzustellen, wähle man ein intelligentes und autoritäres Opfer aus. Statt es unverzüglich zu opfern, zögere man seine Opferung hinaus und lasse es im Nährboden der mimetischen Rivalitäten schmoren. Dank der religiösen Autorität, die ihm seine künftige Opferung verleiht, wird es ihm gelingen, nicht etwa eine noch inexistente Macht zu »ergreifen«, sondern sie wortwörtlich zu schmieden. Die Verehrung, die ihm aufgrund seiner künftigen Opferung entgegengebracht wird, verwandelt sich allmählich in eine »politische« Macht. \[…\]Die menschlichen Gesellschaften sind das Werk der durch den Ritus disziplinierten mimetischen Prozesse. (S. 120f)
Die Funktion des Königs liege also darin, Opfer zu sein. Vielleicht können wir das so interpretieren, daß Führung etwas mit Opferbereitschaft zu tun hat. Girard interpretiert dies eher negativ, daß das satanische Prinzip der Kollektivgewalt die Grundlage des Staates bilde:
Aufgrund des gewalttätigen, satanischen oder teuflischen Ursprungs der souveränen Staaten, aus deren Mitte das Christentum entsteht, bringen ihnen die Christen höchstes Mißtrauen entgegen; \[…\]. Eine genauere Prüfung der Textstellen in den Evangelien und im übrigen Neuen Testament, wo von Gewalten und Mächten die Rede ist, zeigt, daß diese implizit oder explizit mit dem \[…\] Typus von Kollektivgewalt in Verbindung gebracht werden \[…\]: Diese Gewalt ist der Gründungsmechanismus souveräner Staaten.
In den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte wendet Petrus einen Satz aus dem zweiten Psalm auf die Passion an: »Die Könige der Erde treten zusammen, und die Fürsten versammeln sich zuhauf wider den Herrn und wider seinen Christus. « \[…\] Ohne dasselbe zu sein wie Satan, sind die Gewalten und Mächte doch alle von ihm abhängig, weil sie alle von den von Satan erzeugten falschen Göttern abhängen, das heißt vom Gründungsmord. \[…\]Es ist das lügnerische Religiöse, das die Menschen mittels der Opferriten vor Gewalt und Chaos bewahrt. Dieses System wurzelt in einer Illusion, aber sein Handeln in der Welt ist insofern real, als die trügerische Transzendenz sich Gehorsam zu verschaffen weiß. (S. 125f)
Besonders deutlich wird der Zyklus der Kollektivgewalt in der Bibelszene der Steinigung einer Ehebrecherin dargestellt und durchbrochen. Girards Analyse ist brillant:
Im Moment, da Jesus seinen Satz spricht, ist der erste Stein das letzte Hindernis, das der Steinigung im Weg steht. Indem er die Aufmerksamkeit auf ihn lenkt und ihn ausdrücklich erwähnt, tut Jesus, was er kann, um dieses Hindernis zu verstärken, es zu vergrößern.Je mehr sich jene, die den ersten Stein schleudern wollen, der Verantwortung bewußt werden, die sie damit auf sich nähmen, desto größer sind die Chancen, daß er ihnen aus der Hand fällt. \[…\]Die Ehebrecherin vor der Steinigung retten, wie das Jesus tut, einen mimetischen Furor, der auf Gewalt zuläuft, verhindern — das heißt, einen Furor in gegenteiliger Richtung, einen gewaltlosen Furor auszulösen. Sobald ein erstes Individuum darauf verzichtet, die Ehebrecherin zu steinigen, folgt ein zweites und so fort. Schließlich läßt die ganze Gruppe, von Jesus geleitet, von ihrem Steinigungsvorhaben ab. \[…\] Die legale Steinigung, wie archaisch sie auch sein mag, gleicht niemals dem von Apollonios listenreich herbeigeführten willkürlichen Mord. Das Gesetz sieht die Steinigung für genau definierte Vergehen vor, und weil es falsche Denunziationen fürchtet und diese erschweren will, zwingt es die Denunzianten (es müssen immer mindestens zwei sein), die ersten beiden Steine selbst zu werfen.Jesus überschreitet das Gesetz, aber im Sinne des Gesetzes, gestützt auf den menschlichsten, der mimetischen Gewalt zutiefst fremden Gehalt der Gesetzesvorschrift, nämlich die Pflicht der ersten beiden Kläger, die ersten zwei Steine zu werfen. Das Gesetz beraubt die Denunzianten ihrer mimetischen Vorbilder. \[…\] Meiner Meinung nach bückt sich Jesus nicht, weil er schreiben will, sondern er schreibt, weil er sich gebückt hat. Er bückt sich, weil er den Blick dieser Männer mit ihren blutrünstigen Augen vermeiden will.Würde Jesus ihre Blicke erwidern, sie spiegeln, dann würden die überreizten Männer seinen Blick nicht wahrnehmen, wie er ist, sondern ihn in den Spiegel ihrer eigenen Wut verwandeln: In Jesu Blick, in seinem in Wirklichkeit friedfertigen Blick, würden sie ihre eigene Herausforderung, ihre eigene Provokation lesen und sich ihrerseits herausgefordert fühlen. Die Konfrontation wäre unvermeidlich und würde vermutlich das herbeiführen, was Jesus zu verhüten sucht: die Steinigung des Opfers. Jesus vermeidet also jeden Anflug von Provokation. (S. 78, 80, 82)
Opfermoral
Die Perspektive der Opfer einzunehmen, ist nach Girard zentrales Verdienst der christlichen Tradition. Entsprechend hart geht er mit Nietzsche ins Gericht, der das Christentum eben dieser Opfermoral gezeiht hatte. Zunächst würdigt er aber dessen Erkenntnisse, immerhin ist Nietzsche bei der Analyse ja nicht weit von Girard, nur in den normativen Schlußfolgerungen. Das dionysische Prinzip, das Nietzsche betont, sei dem satanischen durchaus ähnlich. In der Tat entsprachen die antiken dionysischen Rituale auch Kollektivexzessen. Dionysus sei eine Entsprechung für Satan; Nietzsche daher auf die dunkle Seite abgerutscht:
Nietzsche sieht vollkommen richtig, daß es sich in beiden Fällen um dieselbe Gewalt handelt (»Es ist nicht eine Differenz hinsichtlich des Martyriums«), doch er sieht die Ungerechtigkeit dieser Gewalt nicht und will sie nicht sehen. Er sieht nicht oder will sich nicht eingestehen, daß die in den Mythen stets vorhandene Einmütigkeit zwangsläufig auf passiv erlittenen und verkannten mimetischen Ansteckungen beruht, während in den Evangelien die gewalttätige Mimetik erkannt und verurteilt wird, so wie sie bereits in der Josephsgeschichte und in den anderen großen alttestamentlichen Texten verurteilt wird.Um das Jüdisch-Christliche zu diskreditieren, bemüht sich Nietzsche zu zeigen, daß dessen Stellungnahme zugunsten der Opfer in einem kleinlichen Ressentiment wurzelt. Da die ersten Christen vor allem den unteren Schichten angehörten, beschuldigt er sie, sie würden mit den Opfern sympathisieren, um ihr Ressentiment gegen das aristokratische Heidentum zu befriedigen. Es ist dies die berühmte »Sklavenmoral«.So versteht Nietzsche also die »Genealogie« des Christentums! Er glaubt, sich dem Herdeninstinkt zu widersetzen, und erkennt in dessen dionysischem Furor nicht den Ausdruck des Brutalsten und Dümmsten an der Menge. \[…\]Da Nietzsche in diesem Punkt für die Mimetik und deren Ansteckungen blind ist, sieht er nicht, daß die Stellungnahme der Evangelien keineswegs einem Vorurteil zugunsten der Schwachen und gegen die Starken entspringt, sondern der heroische Widerstand gegen die gewalttätige Ansteckung ist, die Hellsichtigkeit einer kleinen Minderheit, die sich dem ungeheuerlichen Herdeninstinkt des dionysischen Lynchmordes widersetzt. (S. 214f)
Girard geht schließlich soweit, im Christentum den modernen Sündenbock zu sehen. Damit übertreibt er seine Analyse etwas; das Konzept des Sündenbocks ist hier wohl begrifflich etwas anders zu gebrauchen. Doch ich kann die Zuspitzung der These gut verstehen. Mir kommen schreckliche Bilder in den Sinn, die mir das Internet in meinen Geist projiziert hat, weil ich der mimetischen Gewaltgeilheit erlegen bin und mir Videos angesehen habe, bei denen mein Instinkt meinem Hirn ein wissenschaftliches Interesse vorgespielt hat. In diesen Videos sah ich schreckliche Massenmorde an Christen – Morde nicht an einer Masse, sondern durch eine Masse. Einzelne Christen, später auch Gruppen, wurden in Nigeria von ihren muslimischen Nachbarn in einem Ausbruch exzessiver Kollektivgewalt massakriert. Mittlerweile sind Christen die am meisten verfolgte Religionsgruppe, 80 Prozent aller wegen ihrer Religion verfolgten Menschen sind Christen, jährlich werden 100.000 umgebracht. Girard scheint also nicht ganz falsch zu liegen:
Bis zum Ende des Nationalsozialismus war das Judentum das bevorzugte Opfer dieses Sündenbocksystems. Das Christentum lag erst an zweiter Stelle. Nach dem Holocaust wagt man dem Judentum nicht mehr die Schuld zuzuschieben, und das Christentum ist zum Hauptsündenbock avanciert. (S. 223)
Der Antichrist
Gegen Ende seines Buches wird er dann richtig apokalyptisch. Nicht nur den Begriff „Satan“ nutzt er für seine Anthropologie, die sich keiner theologischen Argumente bedient, sondern diese nur als Illustration heranzieht. Auch der „Antichrist“ tauch letztlich auf. Für Girard bezeichnet dieser Begriff die negative Spiegelung des christlichen Prinzips der Opferanwaltschaft:
Statt sich dem Christentum offen zu widersetzen, schwappt der andere Totalitarismus auf der Linken über. Die mächtigste mimetische Kraft während des gesamten 20. Jahrhunderts waren nicht der Nationalsozialismus oder die ihm verwandten Ideologien, also jene Ideologien, die sich offen gegen die Sorge um die Opfer stellten oder den jüdisch-christlichen Ursprung dieser Sorge unmittelbar anerkannten. Die mächtigste antichristliche Bewegung ist jene, die sich die Sorge um die Opfer zu eigen macht und sie »radikalisiert«, um sie zu paganisieren. Die Gewalten und Mächte verstehen sich inzwischen als »revolutionär« und werfen dem Christentum vor, die Opfer nicht eifrig genug zu verteidigen. In der christlichen Vergangenheit sehen sie nichts als Verfolgung, Unterdrückung, Inquisition.
Dieser andere Totalitarismus präsentiert sich als Befreier der Menschheit, und um Christi Platz zu usurpieren, ahmen die Gewalten und Mächte ihn rivalisierend nach und brandmarken die christliche Sorge um die Opfer als eine heuchlerische und blasse Nachahmung des authentischen Kreuzzugs gegen Unterdrückung und Verfolgung, als dessen Speerspitze sie sich sehen.
In der symbolischen Sprache des Neuen Testaments läßt sich das wie folgt ausdrücken: Beim Versuch, seine Stellung erneut zu festigen und wieder zu triumphieren, bedient sich Satan in unserer Welt der Sprache der Opfer. Satan ahmt Christus immer perfekter nach und scheint ihn sogar zu übertreffen. Diese usurpierende Nachahmung kennt die christianisierte Welt schon seit langem, doch verstärkt sie sich in unserer Epoche ungemein. Diesen Prozeß erwähnt das Neue Testament in der Sprache des Antichrist. Um diesen Begriff zu verstehen, ist er zunächst zu entdramatisieren, denn er entspricht einer ganz alltäglichen und prosaischen Realität.
Der Antichrist rühmt sich, den Menschen Frieden und Toleranz zu bringen, wie sie vom Christentum stets verheißen, aber niemals eingelöst wurden. Was die Radikalisierung der gegenwärtigen »Viktimologie« in Wirklichkeit leistet, ist die effektive Rückkehr zu heidnischen Gewohnheiten aller Art: Abtreibung, Euthanasie, sexuelle Entdifferenzierung, Zirkusspiele ohne Ende (aber dank elektronischer Simulation ohne reale Opfer). \[…\]
Für diesen Neopaganismus liegt das Glück in der grenzenlosen Erfüllung der Begehren und folglich in der Aufhebung aller Verbote. Im begrenzten Bereich der Konsumgüter gewinnt die Vorstellung eine gewisse Wahrscheinlichkeit; hier dämpft die vom technischen Fortschritt ermöglichte maßlose Ausweitung des Angebots gewisse mimetische Rivalitäten. Dies wiederum verleiht der These, daß jedes moralische Gesetz ein reines Unterdrückungs- und Verfolgungsinstrument sei, den Anschein von Plausibilität. (S. 224ff)
Das letzte Wort im Buch hat allerdings nicht der Autor selbst, sondern der Tao-Nietzscheaner Peter Sloterdijk, der nach einer Würdigung Girards eine Ehrenrettung Nietzsches liefert, die nicht ganz unplausibel ist. Zunächst streicht Sloterdijk hervor, daß es Girard gelungen sei, die altruistische Struktur menschlichen Fehlverhaltens aufzuzeigen:
Nicht aus Selbstsucht begeht der Mensch die erste Verfehlung, wie eine Jahrtausende alte Egoismuslegende gelehrt hat, sondern aus Angleichungssucht gegenüber dem Anderen; nicht in der vergifteten Stille des eigenen Herzens wird das erste Unrecht begangen, sondern im Tumult des kollektiven Ressentiments. Man wird sich nach Girard an den Gedanken gewöhnen müssen, daß der Neid eine der Grundformen des Altruismus und der Empathie ist. (S. 250)
Ebenso brillant ist dann die Verteidigung des nietzscheanischen Projektes, dem sich der wortgewaltige Philosoph selbst zurechnet:
Zum Schaden für sein eigenes Projekt hat Girard kaum davon Notiz genommen, daß manche nicht-christlichen Kulturen in ihrer Therapie des Begehrens durch Desinteressierung \[…\]ebenso weit gelangt sind wie die Dekalog-Religionen, zu deren Apologeten er sich macht, vielleicht sogar weiter — wie er auch Mühe hat zu begreifen, daß Nietzsches Moralkritik durchaus nicht einer Wiedereinführung der Eifersuchtsgewalt in die Kultur das Wort redet. Das ambivalente Schlußkapitel von Girards neuem Buch, das von dem doppelten Erbe Nietzsches handelt, zeugt exemplarisch von dieser Verkennung. Indem er Nietzsche als den ersten wirklichen Psychologen der Kultur würdigt, kommt Girard zwar dem Ereignis nahe, das sich in dessen Genealogie der Moral verkörpert, aber er macht vor der spirituellen Pointe von Nietzsches Ethik des Geschenks kehrt und greift auf theologisch-kulturkämpferische Aussagen über den »Neopaganismus« zurück — ein wenig zu unbesorgt gebraucht er jenes Apologetenwort, in dem sich seit dem 19. Jahrhundert die katholische Angst vor der Weltlichkeit der Moderne symptomhaft ausdrückt. Benommen von seiner eigenen Mission, entgeht dem Mimetologen, daß der Autor von Also sprach Zarathustra etwas im Sinn hatte, was seinen wohlverstandenen eigenen Intentionen sehr nahekommt, jedoch diese an reformatorischer Spannkraft noch übertrifft. Während Girards ethische Empfehlungen im Modus der konservativen Rückbesinnung auf die Quellen formuliert sind, ist Nietzsches Intervention ganz in der Tonart des schöpferischen Entwurfs gehalten. Er war darauf aus, eine Synthese zwischen den Errungenschaften einer Abstinenzpsychologie buddhistischen Typs und einer neo-dionysischen Lehre von der Bejahung zu entwerfen — mit dem Ziel, das altabendländische Kraftfeld der Neid- und Mucker-Moral durch die Wendung zu einer Ethik der Großzügigkeit zu entgiften. Den angstloseren theologischen Interpreten Nietzsches ist der spirituelle Gehalt dieses Versuchs — und die radikale Christlichkeit dieses reformatorischen Antichristentums — nicht entgangen. Immerhin bleibt zuzugeben, daß das Wagnis von Nietzsches ethischem Projekt, die Überbietung des Evangeliums durch eine Kombination der überweltlichen Ethik der Desinteressierung mit einer Ethik des erneuerten Interesses an weltlicher Fülle, noch nicht zu einer angemessenen Darstellung gefunden hat. (S. 251f)
Stolz und Scham
Die Großzügigkeit hat Sloterdijk mittlerweile zur Grundtugend der Polis erhoben. Seine erstaunliche Kritik des Umverteilungsstaates, der eben aus der „Neid- und Muckermoral“ entstanden sei, erregt gerade einiges Aufsehen. Mucker bedeuteteim 19. Jahrhundert übrigens Duckmäuser oder Heuchler, heute verwendet kein Mensch mehr außer dem Vokabelkünstler Sloterdijk das Wort. Abgeleitet ist es von einer Spottbezeichnung für Pietisten. An dieser Stelle ist es ein Nietzsche-Zitat, denn Nietzsche verwendete den Ausdruck in seinen Schriften des Jahres 1888. Hans Hoedl erklärt in Der letzte Jünger des Philosophen Dionysos:
Somit ist ganz deutlich belegt, daß für Nietzsche der Name „Mucker“ \[…\] als eine pejorative Bezeichnung für die christliche Anthropologie, für den Typus Mensch war, der vom Christentum „gezüchtet“ wird und mit der Herrschaft des Christentums zur Macht gelangt, steht. \[…\] Forcierung eines schwächlich-düsteren Menschentypus mit dem Drang ins Jenseits, ins „Nichts“. (Hoedl 2009, S. 527f)
Dabei bezieht sich Hoedl insbesondere auf Nietzsches Schrift Dionysos gegen den Gekreuzigten, deren Titel Girards These in Kurzform faßt. Sloterdijk rechnet sich selbst eher der dionysischen Seite zu; besonders geprägt wurde er von indischen Guru Osho, in dessen Aschram in Pune Sloterdijk nach eigenen Worten eine „irreversible Umstimmungserfahrung“ machte.
Mein Freund René Scheu macht mich auf ein Gespräch aufmerksam, das er mit Sloterdijk für den Schweizer Monat führte. Dort führt er das Lob der Großzügigkeit, die für ihn den Geltungsdrang des Menschen sozialverträglich sublimiert. Das Streben nach Mehr aus Gier und Neid kann durch Akte des Gebens gereinigt werden. Der großzügige Reiche reinigt sich im Auge der Gesellschaft, die Ärgernisse im Rudel werden besänftigt, und es nimmt vom Lynchmord Abstand. Er reinigt sich aber auch vor seinem eigenen Auge, legt schlechtes Gewissen ab und versichert sich, noch Teil der Polis zu sein. Die Zwangsabgabe kann diesen Reinigungs- und Sublimierungseffekt paradoxerweise nicht erzielen. Darum ist es so falsch, daß Zwangsumverteilung sozialen Frieden stiftet. Ganz im Gegenteil, da demjenigen, der geben kann, seiner Schenkmöglichkeit beraubt wird, nehmen dadurch die Ärgernisse nicht ab. Sloterdijk würdigt die Gabe wie folgt:
man \[muss\]die Gabe tatsächlich als einen psychologischen und moralischen Zwitter verstehen. Einerseits ist sie tatsächlich spontan und unbedingt, andererseits ist sie Teil einer Ökonomie der Gegenseitigkeit. Man muss sich an den anspruchsvollen Gedanken gewöhnen, dass in ihr Einseitigkeit und Beiderseitigkeit zusammenkommen. Weil sie einseitig ist, hat sie die Merkmale einer spontanen Geste, und weil sie zweiseitig ist, ist die berechtigte Erwartung an sie geknüpft, dass irgendwann irgendwie etwas zurückkommt – nicht notwendigerweise auf das Konto des ursprünglichen Gebers. Man muss in der Gabe eher so etwas wie eine Geste des ontologischen Urvertrauens sehen, die von ferne an den Ackerbau erinnert: Irgendwann, irgendwie werden die Saaten der Gabe aufgehen. Zugleich spielt ein soziologisches Grundvertrauen mit: So schlecht können die Mitmenschen gar nicht sein, wenn man sie nur in der rechten Weise bei ihrer Ehre anspricht, dass sie für immer parasitär auf der nehmenden Seite bleiben wollen. (Scheu 2012, S. 14)
Sloterdijk regt, für diejenigen Menschen, die ihren Geltungsdrang – oder positiv formuliert: ihr Alphadasein – sozial einsetzen, den Begriff Unternehmer heranzuziehen. Mit dem Unternehmer in diesem Sinne kontrastiert er den Rentier, der uns in den letzten Scholien schon unterkam:
Mir scheint, wir kommen ohne eine Neuformulierung des Unternehmerbegriffs nicht weiter. Doch gilt es da zu unterscheiden. In den letzten Jahrzehnten hat sich, vor allem in der sogenannten Kreativwirtschaft, eine unerfreuliche Metamorphose der Vorstellung vom Unternehmer vollzogen, die in der Idee der Ich-AG gründet, wonach jeder Mensch Chef und Angestellter in einer Person wäre. Doch das heisst nur die Selbstausbeutung schönreden. Um den Begriff des Unternehmertums positiv neu zu fassen, muss man ihn fürs erste von diesen suspekten Überdehnungen befreien. Am besten geschieht dies, indem man die brauchbaren Anteile, die im verallgemeinerten Unternehmerbegriff enthalten sind, in die thymotische Psychologie übernimmt. Tatsächlich steckt im Menschen immer ein Potential zum Auftreten, zum Nachvornetreten, zur Selbstdarstellung, kurzum zum Übergang auf die gebende Seite. Hingegen ist die nehmende Tendenz bei den einzelnen eher mit dem Verharren in der Anonymität verknüpft – man nennt im Französischen die Aktiengesellschaft nicht ohne Grund société anonyme, denn ihre Teilhaber erwarten Gewinne, ohne sich selber zu erkennen zu geben. Das erzeugt die Gesellschaft der gierigen Rentner, die am Geist des Unternehmertums gerade nicht teilhaben. Sie träumen den basalen Giertraum der Neuzeit weiter, den Traum vom leistungslosen Einkommen. Damit geraten wir sofort in den dunklen Kreis der autoplastischen Spirale. Sobald man es für normal erklärt, dass Menschen sich nur als die giergetriebenen Maximierer eigener Vorteile verhalten, macht sich das falsche Dogma wie eine self-fulfilling prophecy wahr. Das Kind ist in den Brunnen gefallen, bevor das bessere Unternehmen begonnen hat. (S. 13f)
Zwei Vokabeln sind wieder zu erklären: thymotische Psychologie und autoplastische Spirale. Ersteren Begriff erklärt er selbst:
Seit einem guten Jahrzehnt – als ich meine Studien zur Funktion des Zorns in den geschichtlichen Zivilisationen begann – arbeite ich an einem Projekt, das ich als die «thymotische Wende der Ethik» umschreibe. Diese Wende impliziert die Wiederentdeckung oder besser das Wiederernstnehmen von Begriffen wie Ehrgefühl, Stolz und Vorbildlichkeit – man könnte sie die kryptoaristokratischen Werte nennen. Für diese stolzhaften Regungen der Psyche hielten die Griechen den Ausdruck thymos bereit – alles spricht dafür, dieses etwas ungewöhnliche Wort in den heutigen Grundwortschatz aufzunehmen. In der thymotischen Psychologie gilt es, das Hauptvorurteil der modernen realistischen Psychologie einzuklammern, wonach der Mensch konstitutiv als ein giergetriebenes Mängelwesen zu verstehen sei, ein beraubtes Geschöpf, das ein Leben lang mehr oder weniger vergeblich nach etwas jagt, das ihm von Anfang an fehlt. (S. 10)
Diese Seite fehlt in der Tat der Girardschen Schilderung. Zwar erwähnt er eingangs, daß die Mimetik etwas Positives habe, doch kommt er dann nicht wieder darauf zurück. Vielleicht fand der christliche Sozialdemokrat Norbert Leser deshalb so großen Gefallen an der Schrift, weil das menschliche Streben nach mehr in ein so schiefes Licht gerückt wird. Sloterdijk bietet hier in der Tat eine wichtige Ergänzung, die nicht zufällig den Unternehmer anführt. Menschen müssen nicht in Gier- und Neidspiralen übereinander herfallen. Dank des Tausches können sie sich auch gegenseitig dienen, ohne dabei ihren Stolz einzubüßen. Für Sloterdijk gibt es zwar einen „dunklen Kreis der autoplastischen Spirale“, damit meint er das Übertrumpfen der Mitmenschen, doch auch einen autoplastischen Pfad des Lichts. Unter Autoplastik versteht er keine Plastikautos, sondern die Selbstformung des Menschen, der durch seine Natur nicht völlig vorgeformt ist, sondern sich selbst verbessern kann. Damit ist auch die Hoffnung nicht aufzugeben, daß sich der Mensch irgendwann einmal von der Herde emanzipieren kann. Diese Problematik nennt Sloterdijk eine psychopolitische:
Die Demokratie ist eine ambivalente politische Lebensform, die sich in täglicher Volksabstimmung nach unten oder oben entscheidet. Authentische Demokratie ist das tägliche Plebiszit gegen den Populismus – falls man zugibt, dass Populismus die Wette auf die niederen Instinkte ist. Berufspolitiker praktizieren nicht selten die niederträchtigste Auffassung von ihrem Metier, weil sie das Wesen von Politik in Mobsteuerung sehen. Wer so denkt, kann nichts dazu beitragen, die Bürger in Selbstverbesserungsspiele zu verwickeln. Wenn Optimierungen durch verfestigte Verachtung unmöglich gemacht werden, hat man es mit missglückter Politik zu tun. Ich plädiere für ein psychopolitisches Experiment: Man muss ein umfassendes Impfprogramm gegen die Verachtung erproben, indem man das Kollektiv durchimpft, bis ein Zustand von Herdenimmunität gegen die Gemeinheit erreicht ist. Erst dann wären wir halbwegs in Sicherheit. Niemand wird überrascht sein, wenn das etwas länger dauert. Aber wir sitzen hier und entwickeln erste Hypothesen für Impfstoffe, mit denen unsere Zeitgenossen gegen die Infektionen immunisiert werden könnten, die jeden ernsthaften Versuch von höherer Demokratie von vorneherein verhindern: die schwarze Anthropologie, die Verachtung, den Zynismus und die Resignation. (S. 14)
Als relativ gelungene psychopolitische Experimente betrachtet Sloterdijk die USA und die Schweiz:
In dieser Hinsicht sind uns Europäern die Amerikaner in der Tat noch immer weit voraus. Sie haben ihre Hausaufgaben bei der Abschaffung des Adels gründlicher erledigt als wir, da sie bei der Umwandlung der überholten Ständegesellschaft in eine generöse Zivilgesellschaft wesentlich klüger vorgingen als die Europäer. Bei ihnen gibt es \[…\] geradezu eine Pflicht zur generösen Geste. Vergleichen Sie das mit den Franzosen: Sie haben ihrer revolutionären Rhetorik zum Trotz auf diesem Feld sehr wenig vorzuweisen. Noch heute praktizieren sie einen Herabsetzungspopulismus, den sie mit Realismus verwechseln – bis hin zu der kuriosen Hollande-Steuer von 75 Prozent auf grössere Einkommen, mit der man neuerdings die Wohlhabenden aus dem Land treibt. Was die Deutschen angeht, so hatten auch sie keine glückliche Hand, als es galt, das breite Volk in eine Zivilaristo-kratie umzuformen. Auf europäischem Boden sind wohl allein die Schweizer als die grosse Ausnahme zu betrachten. (S. 8)
Dabei läuft er Gefahr, zu idealisieren. Leider entwickeln sich sowohl die USA, als auch die Schweiz rasant von ihren Wurzeln weg. Diesen Niedergang kann man ganz gegenseitig deuten. Die Girardsche Perspektive, die wir nach Nietzsche die apollinische nennen können (siehe Scholien 01/09, S. 14 und 01/10, S. 9f), würde ein Verlassen des asketischen Weges beklagen und die Konsum- und Verschuldungsspirale als Beleg dafür anführen. Die Sloterdijksche Perspektive, die wir die dionysische nennen können, würde einen Mangel an Stolz, Lebensenergie, Behauptungskraft beklagen und die Waschlappenmentalität der Systemtrottel als Beleg anführen. Diese zwei Perspektiven sind wesentliche Wurzeln der Rechts-Links-Trennung, von der nur eine Karikatur überlebt hat. Heutige „Linke“ und „Rechte“ haben in ihrer Mimetik Strukturen und Denkschemen hervorgebracht, die nichts mehr mit den ursprünglichen Wurzeln, Werten und Intentionen zu tun haben. Wir sind, kurz vor der Apokalypse, bei der Umwertung der Werte angelangt, nach der sich Apolliniker und Dionysiker die Hand reichen dürfen. Der eine hat dazu seine Scham, der andere seinen Stolz zu überwinden. In diesem Sinne und als guter Wiener wünsche ich dem Leser frei nach Hermann Broch eine fröhliche Apokalypse – griechisch für Enthüllung. Vielleicht enthüllen meine Scholien ja für jene Leser, die mir auch nach der Apokalypse treu bleiben, einiges, was bislang nur angedeutet blieb.
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