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Die libertäre Generation

03.06.2016

Einen letzten Funken Optimismus unter Freiheitsfreunden hält der Eindruck am Leben, dass liberale Ideen unter Jugendlichen rasante Verbreitung fänden. Liberale Studentengruppen wachsen, und in den sozialen Medien sind libertäre „Memes“ kaum noch zu übersehen. Zudem klagen die etatistischen Erziehungsermächtigten in den Schulen und an den Universitäten immer öfter über die Generation Y, die prinzipienlos, flexibel […]

Einen letzten Funken Optimismus unter Freiheitsfreunden hält der Eindruck am Leben, dass liberale Ideen unter Jugendlichen rasante Verbreitung fänden. Liberale Studentengruppen wachsen, und in den sozialen Medien sind libertäre „Memes“ kaum noch zu übersehen. Zudem klagen die etatistischen Erziehungsermächtigten in den Schulen und an den Universitäten immer öfter über die Generation Y, die prinzipienlos, flexibel und spießig sei.

Das spricht in der Tat für die jungen Menschen: Die falschen Gewissheiten, die einer Parallelwelt von zu Systemgünstlingen arrivierten Ideologen entstammen, überzeugen immer weniger. Leider sind alternative Denkweisen und Handlungswege noch viel zu ungewiss, um mehr als kleine Nischen zu belegen. Dennoch zeigt sich eine paradoxe Polarisierung: Auf der einen Seite dominiert ein arrangierter, bequemer und moralisch überheblicher Etatismus, der sich besonders „alternativ“ wähnt, auf der anderen Seite finden staatskritische Positionen immer mehr Gehör. Wächst eine libertäre Generation heran?

Leider ist diese Entwicklung nur langfristig ermutigend, kurz- und mittelfristig jedoch enttäuschend. Es handelt sich – wie beim vermeintlichen Spießertum – um die Rechnung für die Irrtümer der Elterngeneration. Diese lebte die „Selbstverwirklichung“ bei aktiver Diskreditierung aller vorhergehenden Maßstäbe und Werte. Auch Kinder, sofern man sie sich noch leistete, waren oft nur Geltungskonsum, in sie wurden die nicht erreichten, eigenen Lebensziele projiziert. Als äußere Erweiterung und Projektionsfläche der eigenen „Persönlichkeit“ wurden sie durch ein falsches Selbstwertgefühl aufgeplustert. Die vermeintlich „anti-autoritäre“ Erziehung räumte den Kindern jegliche Berührungsfläche mit der realen Welt aus dem Weg und erklärte die eigenen Launen zum Willkürdiktat. Der so genährte Narzissmus sieht oberflächlich manchmal einer liberalen Gesinnung täuschend ähnlich. Mit echter liberalitas, der Großzügigkeit im Denken, die man nur auf der Grundlage eigener Prinzipien und eigener Verantwortung gewähren kann, hat er jedoch nichts zu tun.

Das Resultat ist eine Generation von leistungsunwilligen Funktionären, die nach Aufmerksamkeit dürsten und dafür jedes Prinzip „flexibel“ aufgeben. Die Tüchtigsten entwickeln einen gewissen Ehrgeiz ohne Werte, bei dem Überzeugungen allein der eigenen Profilierung dienen. Die weniger Tüchtigen geben auch diesen Ehrgeiz für gehetzten Konsumismus auf. Da die Eltern keinerlei Gegengewicht boten, ist der Anpassungsdruck der Gleichaltrigen übermächtig. So kommt es zur massiven Verdichtung von Hypes. Manchmal „hypt“ dabei auch die „Freiheit“ als Slogan. Immerhin eignet sich der Staat bestens als anonyme Projektionsfläche, um sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen.

Es bleibt langfristiger Optimismus: So wenig der Freiheitsdrang dieser Generation etwas mit wirklicher Freiheit und Verantwortung zu tun hat, so wenig ist auch ihr Etatismus auf starken Überzeugungen gegründet. Die nächste Generation wird auf wenig Widerstand treffen, wenn sie als Gegenreaktion – wie sie bei Generationenfolgen typisch ist – abseits der gescheiterten Institutionen neue Alternativen aufbaut.

Die Veränderung der Beziehung zwischen Eltern und Kindern und damit die Dynamik der Generationenfolge hat der französische Karikaturist Emmanuel Chaunu in ein treffendes Schaubild übersetzt. Darin vergleicht er frühere Generationen mit der heute jungen Generation Y. Typisch sei die elterliche Wut über schlechte Noten. Einst hatte der Schüler Erklärungsnotstand, nun aber würden die Lehrer verantwortlich gemacht. Selbst an Hochschulen mehren sich die Berichte, dass Eltern in Sprechstunden kommen, um für ihre Schützlinge Stimmung zu machen. Das sind die sogenannten „Helikopter“-Eltern, die das Leben ihrer Kinder aktiv mitleben. Das Schaubild zeigt aber zugleich, dass es sich um eine normale Gegenreaktion handelt. Das Problem sind die falschen Maßstäbe. Die Zwangsinstitution Schule spielte zunächst Eltern gegen ihre Kinder aus. Nach zahlreichen Reformen wurden die Inhalte aufgeweicht, um den Druck zu lindern, tatsächlich nahm der Druck zu – und ist nun nicht einmal mehr durch Inhalte gedeckt. Eltern, die ihre Kinder vor dem falschen Druck scheiternder Institutionen in Schutz nehmen, liegen also durchaus richtig. Leider fehlen allerdings alternative Maßstäbe und Werte, sodass dieser Schutz wieder das verwöhnte Selbstwertgefühl vor Berührung mit der Realität bewahrt. So wächst eine infantile Liberalität, die das eigene Ego zum Maßstab erklärt und Freiheit als Konsumgut wütend einfordert, ohne die Bürde der Freiheit wirklich tragen zu wollen und zu vermögen.

Mein Unwohlsein über diese vermeintlich wachsende Liberalität der Generation Y wird genährt durch Beobachtungen junger Projekte. Oft handelt sich es um eitle Aufmerksamkeitswerber, bei denen unduldsame Wissensanmaßung zu immer neuen Spaltungen führt, und keinerlei Strukturbildung gedeiht. Wo Strukturen gebildet werden, wie etwa bei den „Students for Liberty“, handelt es sich um typische Funktionärsbewegungen, finanziert von Lobbygeldern. Funktionäre bilden funktionelle Eliten, die Leistung gegen Positionen bieten und dabei durch Pragmatismus im Dienste dieser Positionen glänzen. Funktionärsbewegungen erkennt man an der Fülle von geschaffenen Positionen für Visitenkarten und der pyramidenspielartigen Wachstumsfokussierung als Selbstzweck.

Besonders eindrücklich für die dabei genährte Mentalität erscheint mir eine Episode, die vor einigen Jahren für große Aufregung in Serbien sorgte. Vertreter erwähnter Organisation fuhren auf Erkundungsmission durch das Land und wurden von Polizisten wegen einer Verkehrsübertretung aufgehalten und sollten eine läppische Strafe bezahlen. Sofort machten sie großes Tamtam um die Angelegenheit, filmten mit und beschuldigten die Polizisten der Korruption. Da der erste Verkehrspolizist nur schlecht Englisch sprach, interpretierten sie die Barzahlungsmöglichkeit der Strafe als Bereicherungsabsicht. Die Polizisten blieben erstaunlich höflich, eine englischsprachige Polizistin wurde hinzugezogen, um die Sache aufzuklären. Doch die jungen Funktionäre blieben stur, drohten mit der Imperialmacht USA und versuchten sogleich, einen Shitstorm zu entfesseln, indem sie ihre Medienkontakte nutzten, um über die vermeintlich dokumentierte serbische Korruption zu publizieren. Leider ging der Shitstorm nach hinten los. Serben, die – der serbischen Sprache mächtig – das Videodokument sahen, reagierten wütend auf die Arroganz der vermeintlich liberalen Funktionäre. Die entfesselte Aufmerksamkeitsspirale nutzte der „Medienbeauftragte“ der Organisation noch, indem er immer mehr Öl ins Feuer goss, anstatt sich für das Missverständnis zu entschuldigen. Die Funktionäre verhielten sich wie Amtsträger, die diplomatische Privilegien ohne diplomatisches Bemühen einfordern.

Natürlich bieten die „Students for Liberty“ und andere Initiativen auch eine Plattform für ehrliches Engagement und Lernerfahrungen. Doch die konsumistische Grundorientierung mit ihrem Kult der Kostenlosigkeit und ihrem Marketing-Pragmatismus zur Aufmerksamkeitsbewirtschaftung gräbt nachhaltigerem Engagement oft den Boden ab oder missbraucht es für politische Zwecke – leider oft sogar geopolitische Zwecke. „Freiheit“ wird dann zum Vorwand, um Karriere zu machen und um die Welt zu jetten. Der Preis dafür ist Aufmerksamkeitsgenerierung für die Interessen finanzkräftiger Lobbys und inhaltliche Verwässerung. Dasselbe widerfuhr kollektivistischen Ideen, als sie den „Gang durch die Institutionen“ antraten.

Die Funktionäre der Generation Y nimmt jedoch kaum noch jemand ernst – und genau das macht Hoffnung. Sie kosten mehr, als sie leisten. Besonders augenfällig ist dies bei den österreichischen Sozialdemokraten und den deutschen Grünen. Ihre Überheblichkeit liegt an massiver Selbstüberschätzung, ihre inhaltliche „Flexibilität“ wirkt unehrlich, ihr Ehrgeiz wirkt leer und aufgesetzt. Nur ihre Jugend spricht für sie, und die vergeht ganz von selbst.


Ein Teil des Textes ist leider nicht öffentlich zugänglich, da der Autor für Freunde schreibt und sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Intimität der alten Wiener Salons ist im scholarium Voraussetzung der Erkenntnis, die keinerlei Rücksicht auf Empfindlichkeiten nehmen kann. Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit, gerne laden wir Sie dazu ein.

Dieser ältere Scholien-Text bleibt frei unter seinem ursprünglichen Link erreichbar.

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