§Essay

Luxemburg: Ein Kontor ohne Kaufleute

Wie der reichste Staat der Europäischen Union lernte, Kapital zu verwalten statt zu bilden

Rahim Taghizadegan · 19 Min. Lesezeit

Von Trier nach Luxemburg sind es fünfzig Kilometer, und die Mosel kümmert sich nicht um die Grenze. In Trier steht die Porta Nigra seit mehr als 1800 Jahren; die Ordnung, die sie gebaut hat, ist seit anderthalb Jahrtausenden verschwunden. Steine überdauern Ordnungen, und Wohlstand bleibt sichtbar, lange nachdem seine Quellen versiegt sind. Auf der anderen Seite der Grenze gilt dieselbe Lehre in einer eigentümlichen Umkehrung. Die Festung Luxemburg, das «Gibraltar des Nordens», wurde 1867 auf Beschluss der Grossmächte geschleift, und erst der Abbruch der Mauern machte aus der Garnison eine Stadt. Das Grossherzogtum selbst ist ein Rest der Wiener Kongressdiplomatie: 1815 als Pufferstaat eingerichtet, 1839 geteilt, 1867 für neutral erklärt, bis 1890 in Personalunion mit dem niederländischen König. Ein Wille seiner Bewohner zur eigenen Staatlichkeit kommt in dieser Geschichte lange nicht vor. Wenige Staaten Europas verdanken sich so vollständig fremden Verhandlungen. Gerade darum ist Luxemburg ein so ergiebiges Lehrstück über die Frage, was ein Staat mit einem Wohlstand anfängt, den er nicht hervorgebracht hat.

Heute weist kein Land der Europäischen Union ein höheres Bruttoinlandprodukt pro Kopf aus; in der Weltrangliste des Währungsfonds steht das Grossherzogtum an erster Stelle. Auf 690'959 Einwohner zu Jahresbeginn 2026 kommen rund 494'000 Beschäftigte, von denen 47 Prozent jeden Morgen aus Frankreich, Belgien und Deutschland einpendeln. Nur jeder vierte Beschäftigte besitzt die luxemburgische Staatsbürgerschaft. Das Bruttoinlandprodukt zählt, was die Grenzgänger erzeugen; die Pro-Kopf-Rechnung teilt es durch Menschen, die nur zur Hälfte daran mitgewirkt haben. Das Bruttonationaleinkommen pro Kopf liegt darum um gut ein Drittel tiefer. Die Differenz gilt als statistischer Schönheitsfehler; sie ist eher der Schlüssel zum Land: Ein erheblicher Teil des luxemburgischen Wohlstands wird von Menschen erarbeitet, die anderswo wohnen, anderswo wählen und anderswo alt werden.

Vor wenigen Wochen habe ich Zug als Kontor der Welt beschrieben und den Kanton zugleich gewarnt: Ein guter Standort kann seinen Vorsprung in Subventionen, Compliance und Selbstgefälligkeit verzehren. Luxemburg ist das Gegenstück zu diesem Warnbeispiel, und der Vergleich ist lehrreich, weil beide Orte klein, reich und international sind und sich dennoch in einem Punkt grundlegend unterscheiden. Zug ist ein Kleinkanton in einer Eidgenossenschaft aus 26 konkurrierenden Kantonen, in der die Bürger über ihre Steuern an der Urne entscheiden. Luxemburg ist ein Kleinstaat im Zentrum einer Union, die Steuerwettbewerb als Störung empfindet und Vereinheitlichung als Fortschritt. Was aus Luxemburg geworden ist, verheisst für diese Union nichts Gutes.

Die Abtei Neumünster und der Stadtteil Grund in der Abenddämmerung, überragt von den Felsen und Mauern der Bock-Festung.
Die Abtei Neumünster im Grund unter den Mauern der Bock-Festung.© Diego Delso, delso.photo, CC BY-SA 4.0

Kleinstaat oder Staaterei

«Kleinstaaterei» ist ein Schimpfwort der deutschen Nationalbewegung. Es meinte die Zersplitterung des Reichs in Fürstentümer, Zollschranken und Residenzen, und es setzte voraus, dass die Grösse des Staates ein Wert an sich sei. Die Gegenposition ist unter Freunden der Freiheit beliebt: Kleine Staaten seien besser, weil man sie verlassen könne, weil Fehler sichtbar blieben und weil die Herrschenden ihre Untertanen kennen müssten. Ich habe diese Position selbst oft vertreten, und Zug ist ein gutes Beispiel für ihre Wahrheit. Luxemburg ist ein ebenso gutes Beispiel für ihre Grenze.

Das Grossherzogtum ist klein auf der Landkarte und riesig im Leben seiner Bewohner. Die Staatsausgaben erreichen im Budget 2026 48,3 Prozent der Wirtschaftsleistung, den höchsten Wert der Landesgeschichte, in einem Land ohne Schuldenkrise und mit der zweitniedrigsten Verschuldung des Euroraums. Der öffentliche Sektor war zuletzt der wichtigste Treiber des Beschäftigungswachstums. Allein die Vollzeitstellen des Zentralstaats stiegen von 24'289 im Jahr 2016 auf 34'445 im Jahr 2024, ein Zuwachs von 42 Prozent, während die Bevölkerung um 18 Prozent wuchs. Das Adjektiv «klein» war nie der wirksame Bestandteil des Kleinstaats. Was ein Staat tut und was seine Bürger ihm verweigern können, entscheidet über seinen Charakter, und diese Frage stellt sich in einem Dorf wie in einem Reich. Kleinheit hilft, solange Abwanderung glaubwürdig bleibt und die Kassen knapp; sie hilft nicht mehr, sobald der Staat der grösste Arbeitgeber, der grösste Bauherr und der begehrteste Versorger ist. Dann ist der Kleinstaat nur ein Staat mit kürzeren Wegen zur Kasse.

Die spanischen Sezessionsbewegungen zeigen, wohin die Verwechslung führt. Katalonien und das Baskenland gelten vielen Freiheitsfreunden als Hoffnung, weil sie sich gegen Madrid stellen. Das Baskenland zieht seine Steuern bereits selbst ein und gibt pro Kopf seit langem deutlich mehr aus als Katalonien oder Madrid; bei der öffentlichen Gesundheitsversorgung stand es 2023 an der Spitze aller Regionen. Der katalanische Prozess wurde von einer bürgerlichen Partei gemeinsam mit einer republikanischen Linken und einer antikapitalistischen Partei getragen, und die versprochene Republik war vor allem ein Sozialstaat unter eigener Flagge. Beide Regionen pflegen eine alte Kooperativentradition, der Ideologen eine «linke» Deutung verpasst haben: Der spanische Zentralstaat gilt dort als deckungsgleich mit einem zentralisierten Kapitalismus, weshalb die Systemkritik blüht. Wären Katalonien und das Baskenland eigenständige Staaten, so wären sie noch etatistischer als das ohnehin extrem etatistische Spanien. Der Separatismus ist, so verstanden, der Wunsch, den Apparat zu besitzen, den man zu bekämpfen vorgibt. Wer die Verteilung selbst in die Hand nehmen möchte, bekämpft den Verteiler in Madrid mit derselben Energie, mit der er später in Barcelona verteilen wird.

Luxemburg zeigt, wie ein solches Projekt nach 150 Jahren aussieht: ein Volk, dessen ehrgeizigste Söhne und Töchter in den Staatsdienst streben, während Fremde die Fabriken, die Banken und die Baustellen besetzen. Die Grösse des Staates ist gegenüber der Frage, ob man sein Angebot ablehnen kann, zweitrangig. In Luxemburg lebt die Mehrheit der Wähler von diesem Angebot, weshalb es kaum jemand ablehnt.

Vom Minette zur Fondsfabrik

Die Wirtschaftsgeschichte Luxemburgs kennt zwei Erfindungen des Landes, und beide Male kam das Entscheidende von aussen. Die erste begann mit dem Erz: Das lothringisch-luxemburgische Minette-Erz war lange kaum brauchbar, weil sein Phosphorgehalt den Stahl spröde machte. Erst das Thomas-Verfahren machte es ab 1879 zum Rohstoff einer Weltindustrie. Deutsches und belgisches Kapital, der Zollverein, dem Luxemburg seit 1842 angehörte, und Arbeiter aus Italien und später Portugal verwandelten den agrarischen Süden des Landes in eine der dichtesten Industrielandschaften Europas. 1911 entstand durch Fusion die ARBED, zeitweise einer der grössten Stahlkonzerne der Welt. Auf ihrem Höhepunkt trug die Stahlindustrie rund ein Viertel der Wirtschaftsleistung; 1974 arbeiteten etwa 25'000 Menschen in Hütten und Gruben, ein Sechstel aller Beschäftigten. Dann brach der Weltmarkt ein, allein 1975 fiel die Produktion um mehr als ein Viertel, und bis 1985 hatte sich die Belegschaft halbiert.

Die nachts angestrahlten Hochöfen von Esch-Belval vor dunklem Himmel.
Die stillgelegten Hochöfen von Esch-Belval, heute Kulisse der Universität.© Zinneke, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 lu

Die luxemburgische Antwort auf die Krise wurde zum Gründungsmythos des Landes: Die «Tripartite» versammelte ab 1977 Regierung, Unternehmer und Gewerkschaften an einem Tisch, verteilte die Kosten des Abbaus und bewahrte den sozialen Frieden. Das Modell war erfolgreich, und es hat sich tief eingebrannt. Seither wird in Luxemburg jede Frage von Gewicht an diesem Tisch entschieden, an dem niemand sitzt, der eigenes Kapital riskiert. Was aus der ARBED wurde, sagt das Übrige: Sie ging 2002 in Arcelor auf, 2006 in ArcelorMittal; der Hauptsitz blieb in der Stadt Luxemburg, das Eigentum ging in die Hände einer indischen Unternehmerfamilie.

Die zweite Erfindung war lange vorbereitet. Bereits 1929 schuf ein Gesetz die steuerbefreite Holdinggesellschaft, 1963 wurde die erste Euro-Anleihe an der Luxemburger Börse notiert, und das Bankgeheimnis zog in den siebziger und achtziger Jahren die Ersparnisse deutscher und belgischer Kleinsparer über die Grenze. Den entscheidenden Schritt tat das Land 1988: Es setzte als erster Staat die europäische Richtlinie für Investmentfonds in nationales Recht um und wurde damit zum Heimathafen eines Produkts, das mit einem einzigen Pass in der ganzen Gemeinschaft verkauft werden durfte. 1999 war Luxemburg der grösste Fondsstandort Europas, 2003 setzte es die dritte Fassung der Richtlinie wiederum als erstes um. Heute verwalten in Luxemburg zugelassene Fonds rund sechs Billionen Euro; nur die Vereinigten Staaten sind grösser. Der Finanzsektor erwirtschaftet etwa ein Viertel der Wirtschaftsleistung mit einem Zehntel der Beschäftigten.

Beide Erfindungen verdanken sich, wie in Zug, der Fähigkeit eines guten Lerners: früh zu erkennen, was andere brauchen, und Regeln stabil zu halten. Der Unterschied liegt im Gegenstand des Lernens und in seinem Rahmen. Zug lernte, Steuern berechenbar zu machen und rasch zurückzurufen, unter dem Druck von 25 anderen Kantonen und von Bürgern, die über ihre Steuern an der Urne entscheiden. Luxemburg lernte, Richtlinien schneller umzusetzen als alle anderen, unter den Augen einer Kommission, die Steuerwettbewerb als Fehler betrachtet und Umsetzungsgeschwindigkeit als Tugend. Sein komparativer Vorteil bestand in der Umsetzung selbst, in der Geschwindigkeit, mit der ein Beschluss aus Brüssel zu einem verkaufsfähigen Rechtsrahmen an der Alzette wurde; ein Produkt, eine Bank oder eine Erfindung sucht man in dieser Geschichte vergebens. Das Gut wird anderswo erzeugt; Luxemburg erzeugt das Formular, mit dem es in Europa verkauft werden darf. Man kann das Standortpolitik nennen oder, weniger freundlich, die Vermietung von Staatlichkeit: Luxemburg verkauft seine Mitgliedschaft in der Union als rechtliche Hülle, und der Preis der Hülle steigt mit jeder neuen Vorschrift, die Brüssel erlässt, weil jede Vorschrift die Hülle unentbehrlicher macht.

Verfrühstückt: die Union im Kleinformat

Leider ist Luxemburg damit prototypisch für die Union, deren Musterschüler es sein will. Sein Kapital ist historisch gewachsen: Erz, Stahl, ein Jahrhundert industrieller Disziplin, dann vier Jahrzehnte regulatorischer Vorsprung. Sein Einkommen wird zu einem grossen Teil konsumiert, und zwar vom Staat. Elf Milliarden Euro gibt das Land 2026 für die Gehälter des öffentlichen Sektors aus, 11,6 Prozent der Wirtschaftsleistung gegenüber 9,2 Prozent im Jahr 2016. Lehrer verdienen laut OECD in keinem Land mehr; das durchschnittliche Gehalt im Staatsdienst liegt um die hunderttausend Euro, und ein automatischer Index hebt es mit jedem Anstieg der Lebenshaltungskosten um 2,5 Prozent an, vier Mal zwischen 2022 und 2024. Der öffentliche Verkehr ist seit 2020 im ganzen Land gratis. Das Budget des Zentralstaats beträgt 32,6 Milliarden Euro, rund 47'000 Euro pro Einwohner, Kinder mitgezählt.

Entscheidend ist, wer diese Posten besetzt. Nur jeder vierte Beschäftigte im Land ist Luxemburger, im Staatsdienst sind es neun von zehn. Die Landessprache wirkt dabei als Zugangsschranke, die kaum ein Grenzgänger überwindet, und die Bereiche hoheitlicher Gewalt bleiben ohnehin den Staatsbürgern vorbehalten. So hat sich eine Arbeitsteilung eingespielt, die niemand beschlossen hat und die niemand mehr ändern kann: Die Fremden erzeugen das Bruttoinlandprodukt, die Einheimischen verwalten es. Der Staatsdienst ist zum Versorgungsposten einer etatistischen Bevölkerung geworden, die ihn nicht als Privileg empfindet, weil sie nichts anderes kennt. Man erkennt das Weiter-Gereichtwerden als Lebensideal der Mittelschicht, das ich aus Wien kenne: Kindergarten, Schule, Universität, Behörde, Ruhestand. In Luxemburg ist es zum Ideal einer ganzen Nationalität geworden.

Die Rechnung dafür ist bereits geschrieben, nur noch nicht zugestellt. Die luxemburgische Rentenversicherung lebt davon, dass jedes Jahr mehr Grenzgänger einzahlen, als Rentner beziehen. Auf einen Rentner kamen 2022 noch 2,3 Beitragszahler; bis 2070 sinkt das Verhältnis nach den Rechnungen der OECD unter eins. Um es stabil zu halten, müsste das Land in diesem Zeitraum rund 1,2 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte anziehen, für die es weder Wohnungen noch Strassen hat. Dieselbe OECD stellt fest, dass die Produktivität seit fünfzehn Jahren stagniert und das Wachstum allein aus der Zahl der Arbeitskräfte kam. Ein Land, das reicher wird, weil mehr Menschen einpendeln, und in dem Wohnen deshalb 78 Prozent mehr kostet als im europäischen Durchschnitt, lebt vom Zustrom. Es verfrühstückt sein Kapital in derselben Weise wie die Union: hohe Ansprüche, wenig Nachlegen, und eine Rechnung, die an Menschen geht, die noch nicht wählen dürfen.

Die Union ist im Grossen, was Luxemburg im Kleinen ist. Ihr Kapital ist die Substanz der Städte, Rechtsordnungen, Fabriken und Handelswege, die Europäer über Jahrhunderte auf eigenes Risiko aufgebaut haben. Ihr Einkommen ist ein Apparat, der diese Substanz bewirtschaftet, zertifiziert, umverteilt und die eigene Finanzierung schon für einen Beweis der eigenen Produktivität hält. Luxemburg hat diese Verwechslung am konsequentesten vollzogen, weil es auf dem Kirchberg beides beherbergt, das Kapital in den Depots und den Apparat in den Amtsgebäuden, wenige hundert Meter voneinander entfernt.

Der Musterschüler

Im November 2014 veröffentlichte ein internationales Journalistenkonsortium 548 Steuervorbescheide, die eine einzige Beratungsgesellschaft für mehr als 340 Konzerne mit der luxemburgischen Steuerverwaltung ausgehandelt hatte. Die Vorbescheide stammten aus jener Zeit, in der Jean-Claude Juncker das Land regierte, und wurden wenige Tage nach seinem Amtsantritt als Kommissionspräsident bekannt. Ein Jahr zuvor hatte Luxemburg auf Druck der Union und der Vereinigten Staaten sein Bankgeheimnis für Ausländer preisgegeben; seit 2015 meldet es Zinsen an die Steuerbehörden der Nachbarn, seit 2017 nach dem globalen Standard sämtliche Konten. Das Geschäftsmodell, das seit 1929 auf Diskretion beruhte, war damit in zwei Jahren erledigt.

Daraufhin erfand sich das Land als Vorzeigestaat neu, ohne das Modell aufzugeben. Wer einmal als Steueroase galt, muss fortan der korrekteste Ort des Kontinents sein, und Luxemburg ist es geworden: Es setzt jede Richtlinie zuerst um, führt jedes Register, prüft jeden wirtschaftlich Berechtigten und meldet jede grenzüberschreitende Gestaltung. Das Steuerprivileg besteht weiter; Beteiligungserträge bleiben befreit, Fonds bleiben weitgehend unbesteuert. Der Preis für das Privileg ist die überkorrekte Durchführung aller Vorschriften, die es einhegen sollen. Diese Durchführung, die als Kostenfaktor des Geschäfts erscheint, ist freilich längst selbst zum Geschäft geworden: Jede neue Vorschrift aus Brüssel schafft in Luxemburg neue Stellen, neue Kanzleien, neue Prüfer und neue Gebühren, und alle werden aus dem Ertrag jener Vermögen bezahlt, die die Vorschrift angeblich in Schranken hält.

Die Bürotürme des Kirchberg-Plateaus ragen über bewaldete Hänge, Festungsreste und einen Eisenbahnviadukt.
Die Türme des Kirchberg über den Resten der Festung, vom Pfaffenthal aus gesehen.© Cayambe, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Auf dem Kirchberg, wo bis 1867 die Aussenwerke der Festung standen, arbeiten heute 14'500 Beamte der Union, knapp ein Viertel ihres gesamten Personals, mehr als an jedem Ort ausser Brüssel. Der Gerichtshof sitzt hier, die Investitionsbank, der Rechnungshof, seit 2012 auch der Stabilitätsmechanismus, der die Rettungskredite der Eurozone verwaltet. Robert Schuman wurde in Luxemburg geboren, Pierre Werner entwarf 1970 die Währungsunion, und das Land stellte mit Gaston Thorn, Jacques Santer und Juncker drei Präsidenten der Kommission, mehr als jedes andere. Darin liegt das Geschäftsmodell in seiner reinsten Form. Luxemburg lebt von der Union wie ein Kurort von seinem Bad: Es hat den Apparat beherbergt, gespeist und personell versorgt, und es hat gelernt, seine Existenz mit der Existenz des Apparats zu verwechseln.

Juncker

Jean-Claude Juncker ist der Prototyp des technokratischen Funktionärs, und man wird ihm nicht gerecht, wenn man ihn zum Bösewicht macht. Er war 18 Jahre Premierminister, länger als jeder andere Regierungschef der Union, acht Jahre Vorsitzender der Eurogruppe, fünf Jahre Präsident der Kommission. Er ist mehrsprachig, witzig, schlagfertig und in seltener Weise offen über die Methode, mit der er arbeitete. Diese Offenheit ist sein eigentlicher Beitrag zur Zeitgeschichte. Im Dezember 1999 beschrieb er dem «Spiegel» das Verfahren der europäischen Integration: «Wir beschliessen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein grosses Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter, Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.» 2007 ergänzte er, auf Reformen angesprochen: Wir alle wüssten, was zu tun sei; wir wüssten nur nicht, wie wir danach wiedergewählt würden. Im April 2011, mitten in der Eurokrise, fiel der Satz: «Wenn es ernst wird, muss man lügen.» Anfang 2015 erklärte er der griechischen Regierung im «Figaro», es könne keine demokratische Wahl gegen die europäischen Verträge geben. Die Schweiz nannte er 2010 ein «geostrategisches Unding».

Juncker hat später erklärt, den Satz von 1999 kritisch gemeint zu haben. Selbst wenn man ihm das glaubt, bleibt er die genaueste Beschreibung dessen, wie die Union gebaut wurde, und sie stammt von einem ihrer Baumeister. Ich habe vor zehn Jahren geschrieben, dass ich seinen Satz über die Lüge umdrehen würde: Wenn man lügen muss, dann ist es ernst. Er hat es selbst bestätigt, als er 2013 zurücktreten musste, weil der luxemburgische Geheimdienst unter seiner Aufsicht Politiker abgehört, sich bestechen lassen und Luxuswagen für den Privatgebrauch gekauft hatte. Ein Jahr später wurde er Präsident der Kommission. Es gibt kein besseres Beispiel dafür, dass Politik der einzige Bereich ist, in dem Versagen zu mehr Macht und Einkommen führt.

Der Funktionär merkt nicht, was er preisgibt, denn er beschreibt die Methode mit dem Stolz eines Handwerkers, der sein Werkzeug zeigt; genau darin liegt die Diagnose. Ein System, das verteilt, zieht Menschen an, die verteilen wollen, und befördert jene, die es geräuschlos tun. Nach einigen Jahrzehnten ist die verteilende Klasse die einzige, die sich noch zuverlässig reproduziert, und ihre Besten sind Menschen wie Juncker: begabt, loyal, unbeschwert von der Frage, wer das alles bezahlt. Luxemburg hat ihn hervorgebracht, wie es seine Beamten hervorbringt, und hat ihn nach Brüssel entsandt, wo er dasselbe Handwerk im grösseren Massstab ausübte.

Wohlstandsverwahrlosung

Wohlstandsverwahrlosung drückt sich aus in der Suche nach Scheinproblemen bei existenzieller Langeweile, dem Zehren von Unverdientem und Unverstandenem, hoher Anspruchshaltung bei geringem Leistungsdruck, Ersatzreligionen, Geltungstugend und vor allem einem Polster, der von der Realität trennt. Sie befiel die wohlhabendsten Orte des alten Europa mit einer Regelmässigkeit, die auf ein Gesetz schliessen lässt. Venedig, Brügge, Antwerpen, Amsterdam und zuletzt Wien durchliefen dieselbe Folge: Händler wurden Rentiers, Rentiers wurden Pensionäre ihrer eigenen Vergangenheit. Der Mechanismus besteht aus Entlastung und aus Gier. Die Entlastung tritt ein, wenn der Leistungsdruck nachlässt, weil andere die Arbeit tun und ein Polster jeden Fehler abfedert. Die Gier nimmt allerdings eine besondere Form an: Bereicherung genügt nicht mehr, man verlangt zusätzlich Status, die sichtbare Bestätigung, dass der eigene Rang verdient sei.

Luxemburg liefert beide Bestandteile in reiner Form. Die Entlastung besorgen die Grenzgänger, der Index und der Staatsdienst; den Status liefert der Apparat. Vor fünfzehn Jahren war ich als Redner zu einer internationalen Konferenz von Zentralbankiers nach Luxemburg eingeladen. Für ein Abendessen war eine ganze Burg mit eigenen Trompetern und professionellen Hofnarren gemietet; über einen langen roten Teppich schritten die Herren unserer Zeit zu Fanfarenklängen durch das Tor, und im Saal der Europäischen Investitionsbank, der einem Parlament nachempfunden ist, nahm ich auf der Regierungsbank Platz. Schon am Rahmenprogramm war zu erkennen, dass ich mich sehr nahe an der Quelle des Geldes befand. Die Hofnarren durften jonglieren und harmlose Witze machen. Das ist Statuskonsum in Reinkultur, und er wird in Luxemburg selten privat bezahlt.

Die Spuren dieses Verzehrs werden mit Verspätung sichtbar, und in Luxemburg sind sie es nun. Die Altstadt auf dem Felsen über Alzette und Pétrusse gehört seit 1994 zum Welterbe und zu den schönsten Städten Europas. Wenige hundert Meter weiter, im Bahnhofsviertel, räumt ein Gastwirt jeden Morgen eine halbe Stunde lang Spritzen, Abfall und Exkremente vor seiner Tür weg, und viele Ladenlokale stehen leer, weil die Kundschaft die Strassen meidet. Anwohner demonstrierten 2023 unter dem Motto «Save the Gare»; die grosse Mehrheit von ihnen darf im Land nicht wählen. Im Mai 2025 nannte die Bürgermeisterin die Lage «dramatisch», der Innenminister erklärte, Untätigkeit sei keine Option, und die Regierung legte einen zweiten Drogenplan vor: mehr Videoüberwachung, mehr Richter, 2800 Polizeipatrouillen in vier Monaten allein in der Hauptstadt, ein gutes Drittel davon rund um den Bahnhof, mehr als 200 verhaftete Dealer pro Jahr, ein Platzverweis, der später verschärft wurde. 429 Menschen ohne Dach wurden in einer Winternacht gezählt; die Hilfsorganisation am Bahnhof versorgte 2023 mehr als 11'000 Bedürftige, die Hälfte mehr als im Jahr davor. Ein Video, das den Bezirk als schlimmstes Viertel des Landes vorführte, erzürnte 2026 die Behörden mehr als der Zustand, den es zeigte.

Der Hauptbahnhof von Luxemburg mit seinem grünen Turm im Morgennebel.
Der Hauptbahnhof von Luxemburg im Morgennebel; das Viertel dahinter ist zum Sorgenkind der Hauptstadt geworden.© Diego Delso, delso.photo, CC BY-SA 4.0

Dass ein so reiches Land diesen Verfall so lange nicht bemerkte, ist kein Zufall. Die Veränderung ist graduell, sie begann auf dem höchsten Niveau der Welt, und das Budget ist gross genug, um jede Verschlechterung mit einem Programm zu beantworten, bevor sie jemanden trifft, der entscheidet. Die Luxemburger, die die Posten besetzen, wohnen selten am Bahnhof, und wer dort wohnt, entscheidet über keine Posten.

Die Falle des Finanzzentrums

In Zug habe ich die Vermittlungsschicht aus Treuhändern, Anwälten und Compliance-Spezialisten als parasitär bezeichnet und hinzugefügt, dass dies keine Beschimpfung sei, nur eine Funktionsbeschreibung. Wer freiwillig bezahlt wird, weil er einen wirklichen Konflikt löst oder Eigentum schützt, stiftet Wert; wer von politisch erzeugter Komplexität lebt, zehrt von der Produktion anderer. In Luxemburg ist diese Schicht mit dem Finanzplatz weitgehend identisch. Ein Fonds, der in Europa verkauft werden soll, braucht eine luxemburgische Hülle, und die Hülle braucht eine Verwahrstelle, eine Verwaltungsgesellschaft, einen Wirtschaftsprüfer, eine Kanzlei, einen Notar und eine Aufsichtsgebühr. Keiner dieser Beteiligten verbessert die Anlage; alle partizipieren am Netzwerkeffekt: Weil alle anderen hier sind, muss jeder hier sein, und weil jeder hier sein muss, kann jeder Beteiligte eine Gebühr erheben, die mit seinem Beitrag wenig zu tun hat. Der Ertrag ist weitgehend leistungslos, und er ist gleichwohl legal, geprüft und mehrfach zertifiziert.

Für den Anleger ist der Standort eine Falle von eigentümlicher Bauart. Das Steuerprivileg ist echt, und es wird mit Transparenz bezahlt. Wer sein Vermögen in eine luxemburgische Struktur bringt, liefert dafür jedes Jahr eine vollständigere Karte seiner finanziellen Existenz: wirtschaftlich Berechtigte, Herkunftsnachweise, Meldungen an die Steuerbehörden von über hundert Staaten, Berichte über jede Gestaltung, die einen Steuervorteil bewirken könnte. Die Struktur muss laufend gefüttert werden, und jede Fütterung ernährt eine weitere Schicht von Menschen, deren Einkommen von der Unbeweglichkeit des Vermögens abhängt. Nach einigen Jahren ist die Auflösung teurer als die Fortführung. Das Vermögen verknöchert: Ein immer grösserer Teil seines Ertrags fliesst in Verwaltung und Compliance, ein immer kleinerer in unternehmerische Verwendung, und die Anreize, überhaupt noch etwas zu unternehmen, sinken mit jeder Vorschrift, die den Verwalter bezahlt. Man kann ein Vermögen in Luxemburg vor Steuern schützen. Vor seinen eigenen Verwaltern kann man es dort kaum noch schützen.

Der Cantillon-Effekt vollendet diese Sklerose. In Phasen des Geldmengenwachstums läuft eine Umverteilung von den Letzt- zu den Erstempfängern neuen Geldes, und die Erstempfänger sind grosse Kreditnehmer, Subventionierte und Staatsbedienstete. Luxemburg vereinigt alle drei Rollen auf engstem Raum. Die Geldschöpfung der Zentralbank seit der Finanzkrise floss überwiegend in Vermögenswerte, und Vermögenswerte werden in Luxemburg verwahrt: Die Fondsvermögen des Landes haben sich zwischen 2006 und 2021 verdreifacht, während die Produktivität stagnierte. Der Stabilitätsmechanismus, der die Rettungskredite verteilt, sitzt auf dem Kirchberg; die Investitionsbank, die grösste multilaterale Kreditgeberin der Welt, ebenso. Der Wohlstand des Landes wächst mit der Geldmenge, kaum mit seiner Leistung. Wer an der Quelle sitzt, hält den Strom leicht für eigenen Verdienst; die Befunde der OECD zur Produktivität sind die nüchterne Fassung dieser Verwechslung.

Ein Kontor ohne Kaufleute

Zug wurde zum Kontor der Welt, weil Kaufleute kamen: Händler, die Zeit, Ort, Risiko und Wissen neu verbanden und die Kosten ihrer Irrtümer selbst trugen. Luxemburg hat die Form des Kontors vollkommener ausgebildet als jeder andere Ort Europas. Es führt die Bücher, verwahrt die Depots, stempelt die Pässe und prüft die Berechtigten. Die Kaufleute sitzen allerdings anderswo, in London, New York, Paris und Frankfurt, und betreten das Kontor nie. Die eigene Bevölkerung strebt in die Amtsstuben, die Fremden bauen, pendeln und produzieren, und der Ertrag wird zwischen einem Apparat, der ihn verwaltet, und einer Schicht, die ihn zertifiziert, aufgeteilt. Was an Unternehmertum übrig ist, gehört Ausländern oder wird vom Staat gespielt: 2017 erliess das Land als erstes in Europa ein Gesetz über das Eigentum an Rohstoffen aus dem Weltraum, stellte 200 Millionen Euro bereit und verlor binnen zwei Jahren die zwölf Millionen, die es einem amerikanischen Asteroidenbergbau-Unternehmen anvertraut hatte. Zug kennt mit seinen Blockchain-Professoren eine kleinere Ausgabe derselben Versuchung, und in beiden Fällen entscheidet kein Kunde darüber, ob je ein Ertrag entsteht. Der Unterschied liegt im Korrektiv. Zug hat Nachbarn, die es besser machen können, und Bürger, die Nein sagen dürfen. Luxemburg hat die Union, und die Union hat in Luxemburg ihr Vorbild.

Die Fassade des ARBED-Palais an der Avenue de la Liberté mit dem Schriftzug des Stahlkonzerns über dem Portal.
Das Palais der ARBED an der Avenue de la Liberté, erbaut für den Stahlkonzern, heute von einer Bank genutzt.© Diego Delso, delso.photo, CC BY-SA 4.0

Immerhin besitzt Luxemburg, was den meisten Standorten fehlt: Zeit, ein Polster und eine niedrige Verschuldung. Leider ist Zeit genau das, was eine Wohlstandsverwahrlosung braucht, um unumkehrbar zu werden. Der Kleinstaat schützt vor nichts, solange er ein Staat bleibt, dessen Angebot niemand ablehnen kann. Die Festung wurde 1867 geschleift, und die Stadt wurde reich, weil sie keine Festung mehr sein durfte. Auf dem Kirchberg wächst seither eine neue, aus Formularen, in der das Vermögen weniger verteidigt als belagert wird.

Dank: Der Luxemburger Anwalt Laurent Heister hat wichtige Hintergrundinformationen beigesteuert, die in diesen Artikel geflossen sind. Christian Langer und der Hayek-Gesellschaft danke ich für die Einladung nach Trier, die mich wieder einmal über Luxemburg führte.

Quellenhinweis

Bevölkerung, Beschäftigung und Grenzgänger: Statec (Stand 1. Januar 2026 beziehungsweise Ende 2025). Staatsausgaben, Personalkosten und Stellenwachstum: Budget 2026 und Analyse der Handelskammer (Carlo Thelen, Oktober 2025). Produktivität, Pensionen und Finanzsektor: OECD Economic Survey Luxembourg 2025. Stahlgeschichte: luxembourg.public.lu. Fondsstandort: CSSF, Luxembourg for Finance. LuxLeaks: ICIJ, November 2014. Juncker-Zitate: Der Spiegel 52/1999; The Economist, 15. März 2007; dapd/Spiegel, April 2011; Le Figaro, Februar 2015; Die Zeit, Dezember 2010. Bahnhofsviertel: Le Quotidien (September 2023), L'essentiel (Mai 2025 und 2026), Tageblatt; Wohnungslosenzählung Inter-Actions 2025; Stëmm vun der Strooss. Weltraumgesetz: Erklärung des Wirtschaftsministers vor dem Parlament, November 2018.

Rahim Taghizadegan ist der letzte österreichische Vertreter der Österreichischen Schule in direkter Tradition, Unternehmer, Autor von mehr als fünfzehn Büchern, Hochschuldozent und Gründer von scholarium, citadel.garden und deedsats.

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