Anlässlich der Verleihung der diesjährigen Roland-Baader-Auszeichnung an Titus Gebel in Kirrlach, der Heimatgemeinde Baaders, darf auch an dieser Stelle der Namensgeber einmal wieder gewürdigt werden. Roland Baader war der einzige Schüler Friedrich A. von Hayeks, der die Österreichische Schule als lebendige Tradition weitergab. Das ist verblüffend. Immerhin unterrichtete Hayek nicht nur in Deutschland, sondern auch an führenden Universitäten in Österreich, England und Amerika. Kaum einer der unzähligen Studenten verschrieb sich jedoch Hayeks Tradition. An der London School of Economics bot zur selben Zeit Keynes glänzendere Aussichten. Ökonomik ist heute leider ein akademisches Metier, nicht mehr das praktische Fach, das es bei den alten Griechen war. Und gute Ökonomik müsste man natürlich auch auf Ökonomen anwenden: Die Österreichische Schule bietet diesen schlicht weniger Einkommen und Prestige in akademischen Positionen, was die geringere Attraktivität schon hinlänglich erklärt. Wirklich nützlich ist nur die praktischere, weniger bekannte Seite der Österreichischen Schule, und diese richtet sich weniger an Akademiker als an Unternehmer.
Hier liegt auch die Erklärung für Baaders Alleinstellung. Er war einer der wenigen Schüler Hayeks, die nicht Akademiker wurden, sondern Unternehmer waren. Trotz aller Verzerrung der Märkte richtet das unternehmerische Dasein stärker an die Realität aus. Nach Ludwig von Mises ist Unternehmertum im engeren Sinne das Schultern von Ungewissheit und die damit verbundene Verantwortungsübernahme. Entgegen den falschen Gewissheiten von Experten und Mehrheiten geht die produktive Ungewissheit stets gegen den Strom. Unternehmerischer Erfolg ist daran geknüpft, etwas zu sehen, was andere übersehen, vor allem aber daran, etwas zu wagen, was andere für verrückt und unwägbar halten.
Daher gab Baader schon die Devise für die Auszeichnung in seinem Namen vor, als er schrieb: „Wenn man demjenigen Stand ein Denkmal errichten wollte, welcher der Menschheit den meisten Segen und das wenigste Unheil gebracht hat, dann müsste auf dem Sockel die Figur eines Kaufmanns stehen. Und wenn man zugleich das ehrende Gedenken an alle jene historischen Figuren beenden möchte, die der Menschheit die schlimmsten Schäden zugefügt haben, dann müsste man die meisten Denkmäler auf dem weiten Erdenrund stürzen und vom Staub begraben lassen. Eingegrenzt auf den Aspekt Frieden gilt deshalb: Der wahre irdische Friedensfürst ist der Kaufmann.“
In diesem Sinne würdigt die Roland-Baader-Auszeichnung, unternehmerisch und praktisch gegen den Strom zu schwimmen. Es geht dabei weniger um neue Ideen, denn Ideen haben viele. Selbst „freie Privatstädte“ – Sonderverwaltungszonen als Verhandlungsergebnis zwischen potenziellen Investoren und Politikern – sind eine relativ alte Idee, die schon mehrfach gescheitert ist. Im Buch „The Sovereign Individual“ war schon vor fast 30 Jahren eine Anzeige für eine privat ausgehandelte Sonderwirtschaftszone auf der afrikanischen Inselrepublik São Tomé und Príncipe. Zur unternehmerischen Ungewissheit gehört es eben, das Scheitern zu verantworten, während andere nur von der Seite kommentieren.
Roland Baader erklärte im geschichtlichen Kontext, warum das Wagen knappen Kapitals letztlich bedeutender ist als die reine Idee: „Nicht das Wissen ist der entscheidende Engpassfaktor des Fortschritts, sondern das Kapital. Wissen und Erfindungen sind immer zur Genüge und in größerer Menge vorhanden, als verwirklicht werden können. Schon die alten Griechen kannten dampfkraftbetriebene Geräte. Aber die von James Watt um 1760 erfundene Dampfmaschine konnte erst in großem Stil in der produktiven Praxis eingesetzt werden, als die Kapitalakkumulation im England des aufkommenden Industriezeitalters dies möglich machte. Und auch die Weiterentwicklung der Dampfmaschine zur Dampflokomotive und zum Dampfschiff war kaum noch eine Frage der Ingenieurskunst, sondern hatte fast nur eines zur Bedingung: Kapital, unternehmerisches Wagnis und die Freiheit zur unternehmerischen Investition – also Kapitalismus.“
Warum ist es so wichtig, Dinge zu wagen, die schiefgehen können? Weil niemand völlige Gewissheit haben kann, brauchen wir Wettbewerb. Etwas anders zu machen, ist keine konfliktsuchende „Spaltung“, sondern das glatte Gegenteil: „Der Wettbewerb der marktwirtschaftlichen oder kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist nicht nur das genialste Entmachtungsinstrument der Weltgeschichte, sondern zugleich das verlässlichste Friedensinstrument der Menschheit.“ Die politische Gegenthese ist stets, alle „sollten an einem Strang ziehen“. Freilich ist es oft frustrierend, wenn zwei „Libertäre“ drei Organisationen gründen. Das passiert nicht nur parallel, sondern oft auch seriell: Immer wieder wird alter Wein in neue Schläuche gepackt, und Neugründungen von Initiativen und Unternehmungen erfolgen oft aus Unwissen über die bereits gescheiterten Vorläufer.
Doch „Wissen“ ist hier nicht allzu hilfreich, der richtige Zeitpunkt und Kontext sind oft wichtiger als das richtige Konzept. So peinlich oft der übertriebene Individualismus und die Selbstüberschätzung vermeintlicher Neuerfinder des Rades sind, so wenig bringt uns der Kollektivismus voran, bei dem alle an einem Strang – dem Strang des Mehrheitsfähigen und täuschend Gewissen – ziehen.
Baader fand wieder die beste Erklärung: „Die Feinde des Wettbewerbs haben ein Lieblingswortspiel, das lautet, die Menschen sollten lieber kooperieren statt konkurrieren. Damit wird verschleiert, dass Wettbewerb und Kooperation einander bedingen. Der Markt ist nicht nur eine riesige Konkurrenzveranstaltung, sondern auch eine riesige Kooperationsveranstaltung. Genauer: Märkte sind Orte der Konkurrenz um Kooperation.“ Es konkurrieren Ideen um knappes Kapital, das auch aus Aufmerksamkeit und Engagement besteht. Nichts ist so sehr Konkurrenz um und für Kooperation als die Gründung neuer Städte, auch wenn sich solche wahrscheinlich nicht organisieren lassen, sondern als spontane Ordnungen unzählige Verrückte benötigen, die es nicht besser wissen und daher Unmögliches wagen.
Zuerst erschienen in eigentümlich frei.