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Abendland – Scholien 02/16

02.02.2016

# \ Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 1

Österreich auf der Kippe 4

Unruhestifter 11

Teufelskreise 16

Plünderzyklus 28

Killer-Apps 40

Rechtsstaat 45

Brexit 53

Burschenschafter 64

Philodoxen 75

Filthy Brits 90

Komplexe und Paradoxa 98

Individualismus 109

Widerstand 117

Silk Road 131

Ethereum & DAO 142

MtGox 151

Marktmacht 163

Das hydraulische System 177

China 186

Türkei 217

Ruhm und Ehre 225

Berserker 235

Universitätsprestige 242

Literatur 258

Österreich auf der Kippe

Mit der Präsidentschaftswahl schrammte die österreichische Nachkriegsordnung nicht an ihrem Ende vorbei, sondern weil diese Ordnung auf der Kippe steht, war der Wahlausgang so knapp. Österreich erschien so wieder einmal als die kleine Welt, in der die große ihre Probe hält. Die dominanten Deutungen sehen Abstiegsängste in einem der wohlhabendsten Länder als Nährboden eines demokratiebedrohenden Extremismus – und führen in die Irre.

Das Erfolgsmodell Österreich – als vielgepriesene Insel der Seligen – ist weitgehend barocke Fassade, hinter der die Balken erschreckend morsch sind. Es handelt sich weniger um Täuschung als um Lebenslügen, die man sich immer krampfhafter selbst einzureden sucht. Das Programm des abgetretenen Kanzlers Werner Faymann bestand einzig im Beschwören österreichischer Glückseligkeit, was angesichts wachsender Sorgen und Ängste, „obwohl es uns so gut geht“, den Eindruck peinlicher Einfältigkeit verstärkte.

In Österreich lebt es sich noch immer ganz gut – durch Kapitalkonsum in jeder Hinsicht. Das – insbesondere kulturelle – Kapital des Landes ist beeindruckend, aber nicht unendlich. Wie Deutschland weist Österreich Reste eines hohen Ethos von Leistungsbereitschaft und Vertrauenswürdigkeit auf, nur etwas gemildert durch Gemütlichkeit und Schlampigkeit. Letzteres macht einen wutgetriebenen Wandel in Österreich wahrscheinlicher als in Deutschland, denn die Vertrauensseligkeit ist eben ein wenig geringer, und die Verhältnisse sind etwas schlampiger.

Wie in Deutschland folgte auf das Aufholwachstum nach dem Krieg eine kreditfinanzierte Hausse, die unternehmerischer Leistungsbereitschaft trotz wachsender Steuern durch neue Absatz- und vor allem Absetzmöglichkeiten einigen Raum bot. Die damit wachsenden Begehrlichkeiten wurden durch den österreichischen Proporz und das Umlageverfahren bedient. Wenn man sich heute als junger Mensch, dessen Pension und Berufsaussichten ungewiss sind, die in den Zeiten der Hausse gewährten Gagen, Pensionen und Apanagen ansieht, fällt die Schamlosigkeit ins Auge: In Österreich wurden und werden die nächste und die übernächste Generation systematisch ausgeplündert. Die Rechnung für den Wohlstandszuwachs dieser Zeit ist noch nicht bezahlt; sie ist noch nicht einmal verdient.

Nach dem Krieg erlebte die aktive Bevölkerung eine Abfolge positiver Überraschungen. Die Löhne und Pensionen wuchsen schneller als erwartet. Das Leben schien im Durchschnitt immer besser zu gelingen. Dadurch wuchs das Vertrauen in Politik und Institutionen und begründete den besonderen Institutionenstolz, der den Kern des modernen Österreich-Nationalismus ausmacht und Regierung wie auch Opposition nährt.

Die negativen Überraschungen im Zuge der Baisse nähren Zweifel und stellen das Vertrauen auf die Probe. Waren sozialer Friede und Wachstum womöglich doch keine so große Kunst in einer Zeit, in der es jedes Jahr mehr zu verteilen gab? Man kann nicht alle Probleme Österreichs der intellektuellen Inkompetenz eines Werner Faymann in die Schuhe schieben. Dieser war ein machtbewusster Mann des Parteiapparats ohne jede Erfahrung oder auch nur Ausbildung abseits dieser Strukturen, der als Bauernopfer gehen musste, um die Strukturen zu retten. Ohne den fliegenden Personalwechsel in der Regierung knapp vor der Stichwahl für das Präsidentenamt wäre es wohl zum Sieg Hofers gekommen.

Der neue Kanzler Christian Kern weckte neue Hoffnung, als hemdsärmeliger und unverbrauchter „Mann der Wirtschaft“ (Parteikarriere im steuerfinanzierten Staatsbetrieb) die österreichischen Lebenslügen noch einmal frisch anstreichen zu können. Am Bundespräsidenten wurde bislang die Qualität am meisten geschätzt, nicht negativ aufzufallen und gemütlich in der Hofburg als Ersatzkaiser gute Miene zum Spiel der Parteien zu machen. Dieses Anforderungsprofil wird der „situationselastische“ Van der Bellen gut erfüllen. Norbert Hofers knappe Niederlage war ein Wink mit dem Zaunpfahl an das Parteienkartell, die Wähler beim Plündern des Landes nicht zu kurz kommen zu lassen – die Massenzuwanderung weckt entsprechende Sorgen.

Hofers FPÖ bloß als „rechtsextrem“ zu verunglimpfen, geht am Kern der Sache vorbei. Sie gewann v.a. Wähler der „linken“ SPÖ hinzu, während die „rechte“ ÖVP im nationalen Schulterschluss für den „linksextremen“ Kandidaten Van der Bellen warb. Diese Kategorien sind längst überholt. In Österreich hat jede Partei notwendigerweise irgendwo unschöne Wurzeln in der Vergangenheit, immerhin waren die Nationalsozialisten eine Bewegung der gesellschaftlichen Mitte, der Kleinbürger und Halbgebildeten. Die Kontinuität zur FPÖ ist keinesfalls größer als etwa zur SPÖ, eher umgekehrt, und der Faschismus (entgegen Stalins Diktion nicht identisch mit Nazismus) enger mit der ÖVP verbunden. Wesentliche Forderung der FPÖ ist eine Ausweitung direktdemokratischer Verfahren, was man schwerlich als antidemokratisch abtun kann. Einen wirklichen Wandel kann eine FPÖ freilich nicht bringen, sie dient nur als Kanal und Symptom des Unmuts. Aufgrund der Polarisierung zwischen eher urbaner Elite und dem Rest der Bevölkerung ist es für populistische Oppositionsparteien praktisch unmöglich, kompetentes Personal im Gleichschritt mit volatilen Wahlergebnissen aufzubauen.

Im Kern geht es darum, dass das Land auf der Kippe steht, weil es hin- und hergerissen ist zwischen der Sehnsucht, an die eigene Seligkeit zu glauben, und dem drohenden Glaubensverlust, der ein Verlust des Vertrauens in die Eliten des Landes ist. Diese Zerrissenheit zeigt sich an der dramatischen Polarisierung, nach der nun zwei Hälften der Bevölkerung die jeweils andere Hälfte als Zerstörer ihrer seligen Insel ansehen. Die wenigen urbanen Zentren, in denen die Reste des Bürgertums fließend mit Günstlingen des Parteienkartells durchmischt sind, stehen den ländlichen Regionen gegenüber. Es ist der europaweite Gegensatz zwischen zentralistischen Eliten und zu kurz kommenden Nicht-Eliten, wobei sich Letztere als „Volk“ überschätzen. Das gibt ihnen aber keine „völkische“ Intention, und sie stellen keine Gefahr für Europa dar – allenfalls für die EU.

Die Polarisierung würde in Österreich durch Gemütlichkeit und Schlampigkeit gemildert, wenn nicht Interventionen und Fehldeutungen von außen mehr Öl ins Feuer gössen. Die Parteinahme von Martin Schulz bzw. Jean-Claude Juncker gegen einen der Kandidaten halfen diesem durch Verstärkung der Frontlinien: Die Stimmen gegen den EU-Zentralismus als antidemokratisch, antieuropäisch und Bedrohung des Rechtsstaats zu verleumden, entblößt eher die Proponenten im Glashaus.

Die Mehrheit der Österreicher ist freilich noch nicht bereit, die Entzauberung ihrer Insel in Kauf zu nehmen. Das Image von der weltbesten ökosozialen Marktwirtschaft mit dem weltbesten Gesundheitssystem, die weltweit um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu beneiden sei, ist längst weit von der Realität entfernt – einer Realität systematischer und schamloser Korruption und Plünderung des Landes. Doch selbst die FPÖ-Wähler hängen an diesem Wunschbild; die wesentliche Losung der vermeintlichen Systemveränderer ist die bessere Bewahrung des Bestehenden.

Dass Norbert Hofer das Präsidentenamt knapp verpasst hat, erhöht die Chancen für einen Regierungswechsel – wenn der kleine Vertrauensvorschuss für Kern aufgebraucht ist. Die Spaltung des Landes wurde ein wenig durch die geeinte Ablehnung der bislang dominanten Parteien entschärft. Auf Regierungsposten werden diese aber nicht so leicht verzichten wie auf die Hofburg.

Unruhestifter

Bis hierhin erschien diese kleine Analyse, in der treue Leser so manches Argument aus den letzten Scholien wiedererkennen, in der Schweizer Finanz und Wirtschaft – woraufhin ein Wiener Professor derart in Wut geriet, dass er bei der Zeitung intervenierte, sie möge meine Kolumne sofort einstellen. Die Schweizer sind zum Glück nicht so feige wie die Österreicher, bei Interventionen sofort klein beizugeben. Darum erhielt ich Gelegenheit, für den laut Professor „unreflektierten Schmutzkübel“ ein paar knappe Begründungen nachzureichen. Umgestimmt habe ich den Professor damit wohl nicht. Er stieß sich gewiss vor allem an der „systematischen Korruption“, die ich den österreichischen Pseudoeliten vorwarf. Der Begriff lädt zum Missverständnis ein. Bei Korruption denken fast alle an Kuverts, die unter der Hand von Untertanen zu Beamten wandern. In dieser Hinsicht hat in Österreich in den letzten Jahrzehnten die „Korruption“ abgenommen. Das halte ich für äußerst bedauerlich, weil diese Art von „Korruption“ menschlich und gutartig ist (weniger gutartig ist freilich der Zwangsapparat, der sie notwendig macht). Was hingegen in Österreich wuchs, ist die systematische, offiziell sanktionierte Korruption, die keine versteckten Kuverts benötigt, sondern mit Kontonummern auskommt. In den wenigen verfügbaren Zeilen fasste ich einige Aspekte dieser Korruption zusammen, die den meisten Professoren nur deshalb als Fortschritt gegenüber den Kuverts erscheint, weil sie zu ihren Nutznießern zählen:

Die versuchte Ehrenrettung ist löblich. Österreicher verachten Nestbeschmutzer, der gute Ruf hat ja auch allerlei Vorteile, besonders für jene im Dienst der Republik. „Korruption und Plünderung“ sind harte Worte und weckten vielleicht den Eindruck unbelegter Verdächtigung geheimer und sinistrer Geschäfte. Im Gegenteil, dies geschieht offen und eben „systematisch“: Maßlose Subventionen für wohlwollende Berichterstattung (allein 30 Millionen für eine Wiener „Gratiszeitung“), sodass kaum noch freie Medien überleben, Politikerbezüge im internationalen Spitzenfeld (der zeremonielle Präsident des Kleinstaates verdient fast so viel wie Obama), wobei die Bezüge für Vorstände in den zahllosen staatsnahen Betrieben noch ein Vielfaches betragen, Pensionen für Nationalbankiers von über 30.000€ monatlich (erst vor kurzem begrenzt) sowie engste Verflechtungen der Politik mit Betrieben und Banken, besonders in den Bundesländern. Während sich seitenweise Beispiele für Verschwendung anführen ließen, müssen die Untertanen unter totalitärer Steuerlast und demographisch unhaltbarem Umlageverfahren bis zu 70% des Erwirtschafteten an den Staat abführen und werden dafür noch schikaniert. Ich liebe das Land, gerade deshalb sind scharfe Worte nötig. In Politik und Wirtschaft kann es der Schweiz kein Vorbild sein, sondern muss als abschreckendes Beispiel herhalten. Nicht dass es sonst nichts zu loben gäbe, das tue ich daheim, wo es sich gehört; unseren Schweizer Freunden dürfen wir nichts vormachen.

Obige knappe Aufzählung der Versäumnisse enthält keine großen Skandale – das aber ist der eigentliche Skandal! Österreicher sind verständlicherweise beleidigt, wenn man ihre vermeintliche „Heimat“ oder „Nation“ (die Bundesrepublik ist tatsächlich keines von beiden – Heimat ist kleiner, Nation ist etwas anderes) als besonders negatives Beispiel bemüht. Zum Trost: Nur im Vergleich zu Schweiz und Liechtenstein fällt Österreich negativ auf, im Vergleich zum größten Nachbarn im Nordwesten hebt sich das Land durch seine größere Schlampigkeit noch positiv ab. Die Reste dieser „Korruption“ aus Schlampigkeit und Bequemlichkeit machen das Leben noch eine Spur erträglicher, wiewohl die fanatische und totalitäre Gründlichkeit – bei der sich nur die Ämter bereichern dürfen und niemals die Menschen, bei der die tonangebenden Ideologien als dogmatischer Kult absolute Gefolgschaft einfordern ohne Augenzwinkern – auch in Österreich stark um sich greift.

Die Insel der Seligen braucht dringend mehr Unruhestifter, denn unter der bleiernen Harmonie werden die normalen Skandale des legitimierten Plünderns zugedeckt. Montesquieu hatte einst erkannt, dass Unruhe die grundlegende und notwendige Bedingung politischer Freiheit ist. Auf der Grundlage seiner wegweisenden Analysen des untergehenden Römischen Reichs warnte er:

\[…\] als allgemeine Regel gilt: immer, wenn sich im Staate alle ruhig zu verhalten scheinen und sich dieser Staat den Namen Republik gibt, kann man sicher sein, dass die Freiheit verloren gegangen ist. (Montesquieu 1734: 192)

Die wachsende Unruhe dürften wir also als ein Zeichen der Gesundung interpretieren und auf wachsende Freiheit hoffen. Leider ist die Unruhe aber meist nur Symptom und nicht Triebkraft der Veränderung. Das Plündern hat die natürliche Grenze nur darin, dass es nichts mehr zu plündern gibt. Unruhe bedeutet, dass das Plündern zumindest aufzufallen beginnt.

Teufelskreise

In den letzten Scholien beschrieb ich den Gewaltzyklus. Die Geschichte ist zwar nicht zyklisch, sie zeigt aber Zyklen – der Widerspruch erklärt sich so: Es gibt keine Determinismen der Wiederkehr des ewig Gleichen. Aber es gibt die sogenannte Regression zum Mittelwert: Extreme nähren Gegenextreme. Was hoch steigt, kann tief fallen. Blasen platzen, Täuschungen werden aufgedeckt. Fleiß bringt Wohlstand, Wohlstand bringt Muße, Müßiggang ist aller Laster Anfang, Laster machen arm. Diese Zyklen entsprechen der Dynamik des Lebendigen, die voll von paradoxen Wirkungen ist. Die Dosis macht das Gift, die rechte Dosis ist Medizin. Manchmal stellen sich diese Zyklen aber als Teufelskreisläufe dar. Das ist keine exklusive Geißel der Menschheit. Die natürliche Welt ist voll von Räuber-Beute-Problemen, wie sie die Mathematiker Alfred Lotka und Vito Volterra in ihren beeindruckend eleganten Gleichungen beschrieben. Wenn die Räuber zuviel Beute gefressen haben, ist weniger da, und sie müssen hungern, wodurch es weniger Räuber gibt – und sich die Beute wieder erholen kann, bis sie wieder genügend Räuber nährt.

Lotka stammte wie Ludwig von Mises aus Lemberg (Mises‘ Bruder war ebenfalls ein berühmter Mathematiker) und wuchs in den USA auf. Volterra war italienischer Jude, der als einer der wenigen Italiener sowohl antifaschistisch als auch antisozialistisch blieb. Einer seiner Leitsprüche war: Imperien gehen zugrunde, Euklids Sätze bleiben ewig jung. Deduktive Erkenntnis kontra Macht – das war auch die Devise von Mises’ Lehrer Böhm von Bawerk.

Dem Menschen eigen ist die Fähigkeit, aus Zyklen auszubrechen – was meist ein unwahrscheinliches Wunder darstellt. Die wunderschöne toskanische Stadt, die Volterra seinen Nachnamen gab, könnte stellvertretend für das Kulturwunder Norditaliens stehen, das eines der historischen Wunder des Ausbruchs aus den teuflischen Zyklen der Epoche war.

Einer der Denker, der moderne politische Teufelskreise am besten beschrieb, war Ernest Gellner – ein Böhme, der einer Österreichischen Schule der Politik hinzugerechnet werden könnte. Die Österreichische Schule ist, wie ich bereits in den letzten Scholien angemerkt habe, eigentlich nicht wirtschaftspolitische Programmatik, sondern im Kern eine „österreichische“ – das heißt mittel- und osteuropäische – Fortsetzung der schottisch-englisch-amerikanischen Aufklärung. Diese Tradition hob sich von der sonstigen kontinentalen Aufklärung durch nüchternen Realismus, intellektuelle Bescheidenheit und antitotalitäre Tendenz ab. Auch viele andere Europäer gehörten dieser Strömung an, so auch die eben erwähnten Mathematiker, ebenso einige Franzosen und Deutsche.

Ernest Gellner war so prophetisch wie die besten Sozialwissenschaftler dieser in „österreichischen“ Ländern konzentrierten Strömung. Als einer der ersten analysierte er bereits im letzten Jahrhundert korrekt die Entwicklung des modernen Islamismus. Gellner widmete sich vorwiegend den modernen Teufelskreisläufen, dabei bemerkte er allerdings, dass diese nur möglich sind, weil die Menschheit aus den früheren Teufelskreisläufen ausbrechen konnte – was jedes Mal an ein Wunder grenzt:

Der grundlegende Teufelskreis, in dem Agrargesellschaften gefangen sind, ist geschlossen, und es ist schwer, zu sehen, wie man aus ihm ausbrechen könnte (es ist tatsächlich geschehen, wobei niemand mit Sicherheit sagen kann, wie es gemacht wurde). (Gellner 1997: 19)

Eigentlich waren es zwei Teufelskreisläufe, die vormoderne Gesellschaften auf relativ stagnierendem Wohlstandsniveau hielten: der malthusianische Teufelskreislauf und der Plünderzyklus. Letzterer besagt: Je höher der Wohlstand, desto größer die Anreize zur Plünderung. In den historischen Agrargesellschaften bestand fast immer eine Übermacht der Plünderer gegenüber den Produzenten:

Wohlstand kann durch Zwang und Plünderung im Allgemeinen einfacher und schneller erlangt werden als durch Produktion. \[...\] Die Spezialisten der Gewalt sind im Allgemeinen auf einer höheren Position als die Spezialisten der Produktion. (Gellner 1995: 161)

Gellner grenzte sich zwar in seinen politischen Überzeugungen etwas von Friedrich A. von Hayek ab, auf den er sich gelegentlich bezog, dennoch sollte obiges Zitat deutlich machen, wie nahe seine Analyse derjenigen der anderen „Österreicher“ ist. Das Individuum sieht er zwischen Sippe und Staat eingezwängt – ließen die Raubritter mal etwas übrig, wuchs die Bevölkerung und damit die Zahl der hungrigen Mäuler in der eigenen Familie:

Grob gesagt ist es ein allgemeines soziologisches Gesetz der Agrargesellschaft, dass die Menschen entweder dem König oder ihren Verwandten unterworfen sein müssen, wobei sie natürlich oft beiden unterworfen sind. (Gellner 1994: 8)

Aus diesem Dilemma speist sich bis heute das Denken der meisten Menschen. Sobald der Staat heimlicher, komfortabler und blutloser plündert, sehen ihn viele als Befreier vom Familienjoch. Der Familie entkommt man bis heute in die anonymen Städte. Da die Periode städtischer Autonomie vorbei ist, wird diese Flucht als eine Flucht in die Arme des Staates gesehen. Kindern gibt der Staat „Unabhängigkeit“ von ihren Eltern, Frauen von ihren Gatten – er teilt Taschengelder zu und verlangt dafür nur wenig Wohlverhalten zurück.

Tatsächlich kann Familie erdrückend sein. Im sogenannten malthusianischen Zeitalter ließ das Familienwachstum dem Individuum wenig Luft, um Früchte des Wohlstands zu genießen. Malthus beschrieb den düsteren Teufelskreislauf, dass höherer Wohlstand zu mehr überlebendem Nachwuchs führt, was wiederum den durchschnittlichen Wohlstand sinken lässt. Das mag zynisch klingen, nach den grässlichen politischen Gedanken einer dunklen Vergangenheit. Malthus‘ Analyse war allerdings eine Gegenreaktion auf allzu ideologischen Idealismus, der den revolutionären Geist der Zeit nährte:

Malthus‘ Essay wurde teilweise als eine Antwort auf die Ansichten seines Vaters geschrieben. Dieser war ein Anhänger der utopistischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts William Godwin und Marquis de Condorcet. Godwin und de Condorcet argumentierten, dass das so häufig auf der Welt zu findende Elend, Unglück und Laster nicht das Ergebnis unveränderlicher menschlicher Natur, sondern schlechter Politik wäre. Malthus wollte beweisen, dass Armut nicht das Produkt von Institutionen sei und folglich Veränderungen politischer Institutionen das menschliche Schicksal nicht verbessern könnten. (Clark 2007: 40)

Natürlich ist auch dieses Extrem übertrieben – die Verneinung jeder politischen Verbesserungsmöglichkeit menschlicher Lebensbedingungen. Der zitierte Gregory Clark zeigt in seinem beachtlichen Werk A Farewell to Alms (Abschied von Almosen) allerdings auf, dass dem malthusianischen Teufelskreislauf lange nicht zu entkommen war – auch nicht durch bessere Politik oder weniger Politik. Plünderte der Staat mal weniger, plünderte eben die Familie.

Darf man dabei wirklich von Plündern sprechen, wenn Familienpflichten zur Rückstellung des eigenen Konsums drängen? Gewiss, es handelt sich um eine Analogie und keine exakte Entsprechung. In den meisten Gesellschaften der Welt ist der Familiendruck aber noch stark spürbar. Die meisten Zuwanderer schicken Geld nachhause – und beklagen nahezu übereinstimmend, dass die Familie im Heimatland fordernd und undankbar auftritt. Zwischen Plünderung und dem malthusianischen Nährdruck blieb für den Einzelnen im größten Teil der Menschheitsgeschichte kaum etwas übrig. Clark beschreibt diese große Stagnation mit leichtem Sarkasmus:

\[D\]er Durchschnittsmensch der Welt von 1800 war nicht besser dran als der Durchschnittsmensch von 100.000 v. Chr. Tatsächlich war der Großteil der Weltbevölkerung um 1800 ärmer als ihre Urahnen. Die glücklichen Bewohner vermögender Gesellschaften wie England oder die Niederlande im 18. Jahrhundert führten einen materiellen Lebensstil, der dem der Steinzeit entsprach. (Clark 2007: 9)

Clark erklärt diese lange Stagnation dadurch, dass Malthus für den größten Teil der Geschichte recht hatte und seine absurd scheinende Extremposition zutreffend war – allerdings zum Glück nicht für immer. Die Extremposition, dass Politik langfristig keinen Unterschied machte, erklärt Clark wie folgt:

Wenn wir der hier dargelegten Logik folgen, dann hätte gute Politik im modernen Sinne – stabile Institutionen, wohldefinierte Eigentumsrechte, geringe Inflationsraten, geringe Grenzsteuersätze, freie Märkte, Freihandel, die Vermeidung bewaffneter Konflikte – den Lebensstandard in der malthusianischen Ära entweder gar nicht beeinflusst oder sogar abgesenkt. Um ein Beispiel zu nennen: nehmen wir an, ein vorindustrieller König oder Eroberer hätte eine Kopfsteuer erhoben, die einer zehnprozentigen Einkommenssteuer entspricht. Nehmen wir außerdem an, dass der Ertrag der Steuer dem Willen eines Herrschers entsprechend für Paläste, Kathedralen, Moscheen, Tempel, Armeen oder die Ausstattung eines großen Harems verprasst worden wäre. Abgesehen von der Verschwendung hätte diese Aktion keine langfristigen Folgen für die Wohlfahrt des Durchschnittsmenschen. \[...\] Am Anfang senkt die Steuer für eine gegebene Anzahl von Leuten das Einkommen des Einzelnen um zehn Prozent und hebt dadurch die Sterblichkeitsraten über die Geburtenraten an. Aber langfristig müssen die Einkommen nach Abzug der Steuer zu ihrem anfänglichen Niveau zurückkehren, um die Bevölkerungszahl wieder zu stabilisieren. An diesem Punkt ist die Bevölkerungszahl wieder hinreichend klein, sodass jeder einen Lohn verdient, der hoch genug ist, damit nach Abzug der Steuer genau der Betrag übrig bleibt, der dem alten Einkommen vor der Steuer entspricht. Langfristig haben Eintreibungen des Staates in einer malthusianischen Ökonomie keinen Effekt auf Wohlfahrt oder Lebenserwartung. Luxus, Verschwendung, Extravaganz seitens des Herrschers – all das war langfristig ohne Kosten für den durchschnittlichen Bürger! Handelsrestriktionen und hinderliche Zunftregeln waren gleichermaßen ohne Kosten. \[...\]

Alle Steigerungen der Sterblichkeitsraten machen Gesellschaften in materieller Hinsicht wohlhabender. Hier macht „schlechte“ Politik die Leute tatsächlich in materieller Hinsicht wohlhabender, allerdings mit einer reduzierten Lebenserwartung. Gute Politik – z.B. eine Politik, die als Absicherung gegen einen Ernteausfall Getreide in öffentlichen Getreidespeichern lagert, wie zu manchen Zeiten im Römischen Reich oder im späten chinesischen Kaiserreich – schafft nur mehr Elend, indem sie die periodische Sterblichkeitsrate durch Hungersnöte für einen beliebigen gegebenen durchschnittlichen Lebensstandard absenken. Es ist daher ironisch, dass die Ansichten der klassischen Ökonomen – und besonders von Adam Smith –, die von modernen Vertretern einer Begrenzung der Macht der Politik als ihre intellektuellen Väter gewählt werden, in der Welt, in der sie verfasst wurden, kaum einen Sinn ergeben haben. (Clark 2007, 41f )

Die vormoderne Welt war nicht durchgängig arm und düster, ihre Teufelskreisläufe ließen immer wieder Licht auf Schatten folgen:

Das mittelalterliche Westeuropa, zum Beispiel, war in der Periode zwischen dem Beginn der Pest 1347 und erneutem Bevölkerungswachstum 1550 außergewöhnlich reich, sogar nach den heutigen Standards armer Länder. Polynesien schien vor dem Kontakt mit Europa auch wohlhabend zu sein. Im Gegensatz dazu machen China, Indien und Japan im 18. und 19. Jahrhundert den Eindruck, sehr arm gewesen zu sein. (Clark 2007, 73)

Immer war irgendwo ein paradoxer Makel verborgen: Der Wohlstand der frühen Neuzeit kam nach der Entvölkerung durch die Pest, der Wohlstand der Polynesier beruhte auf systematischem Säuglingsmord. Mit der Neuzeit setzte aber ein neues Paradoxon ein, das auf Militärtechnologie beruhte. Adam Smith erkannte diesen Wandel:

Die große Veränderung in der Kriegstechnik, ausgelöst durch die Erfindung der Feuerwaffen, hat dazu beigetragen, dass die Kosten für Ausbildung und Ausrüstung der Soldaten im Frieden und für deren Einsatz im Krieg noch weiter angestiegen sind. Ihre Waffen und auch ihre Munition sind teurer geworden. Eine Muskete kostet mehr als ein Speer oder als Pfeil und Bogen, und eine Kanone oder ein Mörser ist teurer als eine Balliste oder ein Katapult. Das Pulver, das bei einer modernen Truppenübung verschossen wird, ist unwiederbringlich verloren und verursacht beträchtliche Ausgaben. (Smith 1776: 230)

Plünderzyklus

Steigender Wohlstand erhöhte nun militärische Schlagkraft. Kurzfristig kam es zu einer Konzen­tration der Plünderer, denn geraubter Wohlstand erhöhte die Fähigkeit, weiteren Wohlstand zu rauben. Langfristig machte dies allerdings auch die steigende militärische Stärke von Bürgerstädten aus, die das Plündern reduzieren wollten. Reiche Krämer konnten nun ärmeren Räubern standhalten, wie Gellner beschreibt:

Bestimmte Gesellschaften, deren interne Organisation und deren Ethos sich gewandelt haben, weg von Plünderung und Gutgläubigkeit und hin zu Produktion, zu Regeln der intellektuellen Freiheit und zu genuiner Naturerforschung, wurden reicher und – seltsamerweise – militärisch effektiver als Gesellschaften, die auf den alten kriegerischen Werten aufbauten und sie praktizierten. Nationen von Geschäftsinhabern, wie die Niederlande und England, die politisch relativ liberal organisiert waren, haben wiederholt Nationen besiegt, in denen kriegerische und prahlerische Präsentation vorherrschte und den Ton setzte. (Gellner 1995: 23f)

Barry Weingast fasst in einem aktuellen Paper (d.h. ein Artikel, dem unnötige Formalismen und Fußnoten hinzugefügt wurden, um die Leserschaft klein zu halten) Adam Smiths Analyse des Weges aus dem Teufelskreislauf des Plünderns zusammen, den er die Gewaltfalle nennt: Der Aufstieg der Städte führte zu einem Tauschhandel zwischen König und städtischer Händlerelite. Der König gewährte den Städten Autonomie und Schutz im Gegenzug für selbst abgeführte Steuern. Mit dem dadurch ermöglichten Wachstum wirkte sich diese Gewaltreduktion ins Hinterland fort. Der gewaltreduzierende Handel habe nur deshalb gehalten, weil mit wachsendem Wohlstand durch Verschiebung des militärischen Gewichts das Plündern über die Steuerquote hinaus teurer wurde:

Eine notwendige Bedingung für das Ausbrechen der Städte aus der Gewaltfalle war die Erlangung der militärischen Übermacht gegenüber den lokalen Herrschern. Diese Übermacht erlaubte es ihnen, Eigentumsrechte zu schützen, Handel zu treiben, Reichtum anzuhäufen und üppig zu wachsen, während sie sich gegen die willkürlichen Eintreibungen und die räuberische Gewalt der lokalen Herrscher – und auch des Königs – verteidigten. (Weingast 2016: 4)

Nach Smith hätte es drei notwendige Bedingungen gegeben, damit es zu diesem Waffenstillstand zwischen Bürgern und Herrschern kommen konnte:

Das erforderte, dass die Stadt für ihre Sicherheit sorgt. Aufgrund der Plünderungen der Großgrundbesitzer hing das Überleben der Stadt davon ab, gegenüber den lokalen Herrschern einen komparativen Vorteil in der Gewaltausübung zu erlangen. Ohne diesen Vorteil wären die Städte nicht hinreichend sicher gewesen, um zu wachsen. Auch Handel war notwendig, da er die Vorteile von Spezialisierung und Tausch ermöglichte und dadurch zum Wachstumsmotor der Stadt wurde. Mit dem Wachstum entstanden die Mittel, um die öffentlichen Güter der Stadt, wie z.B. Ordnung, Sicherheit und ein Recht, das starke Eigentumsrechte beinhaltet, zu finanzieren. Außerdem war Freiheit notwendig – in Form von starken Eigentumsrechten, einem Rechtssystem und der Abwesenheit von Plünderung. Freiheit versorgte die Wirtschaftsakteure mit den Anreizen zum Sparen, Investieren und Ergreifen von Initiative. (Weingast 2016: 11)

Diese Entwicklung hatte freilich eine problematische Schattenseite: sie setzte den Präzedenzfall für eine unglaubliche Maximierung des stationären Banditentums, das sich bürgerlicher Kooperation versicherte.

Wenn heute von Steuerwettbewerb die Rede ist, denken wir in aller Regel an die Möglichkeit, liquide Vermögenswerte aus Steuerwüsten in Richtung von Jurisdiktionen zu verschieben, die den Kapitalaufbau weniger bestrafen. Dieser Wettbewerb um mobile Steuerzahler ist eines der wenigen disziplinierenden Elemente gegen kapitalvernichtende Maximalbesteuerung. Insbesondere die Schweiz mit ihrer noch relativ subsidiären Besteuerungsstruktur zeigt auf Gemeindeebene die günstigen Folgen dieses Steuerwettbewerbs. Doch in der europäischen Geschichte zeigt sich auch eine andere Art von Steuerwettbewerb, dessen Folgen wesentlich paradoxer sind. Niall Ferguson weist in seiner epischen Geschichte des Aufstiegs und Niedergangs des Westens auf einen interessanten Indikator hin:

Gemessen in Gramm Silber pro Einwohner erzielten die Herrscher Englands und Frankreichs im Zeitraum von 1520 bis 1630 viel höhere Steuereinnahmen als der chinesische Kaiser. (Ferguson 2011: 79)

Seit dem 13. Jahrhundert bewegt sich etwas in der europäischen Staatsfinanzierung, und diese Dynamik wird in der Neuzeit unübersehbar. Bis heute ist eines der deutlichsten Unterscheidungsmerkmale nach westlichem Zuschnitt „entwickelter“ Staaten die Fähigkeit, durch Steuereintreibung, Verschuldung und Inflationierung in historisch einmaligen Dimensionen Gelder staatlichen Zwecken zuzuführen.

Ferguson verweist auf den zunächst kriegerischen Wettbewerb der ca. 1000 europäischen Herrschaften, die im 13. Jahrhundert noch bestanden. Diese Kleinräumigkeit ist einer der wesentlichen Faktoren hinter dem europäischen Sonderweg. Vermutlich wurde diese Kleinräumigkeit durch geographische Zufälle begünstigt:

In China gab es drei große Ströme – den Gelben Fluss, den Jangtse und den Perlfluss –, die allesamt nach Osten flossen. In Europa gab es eine Vielzahl von Flüssen, die in unterschiedliche Richtungen flossen, und dazu kamen zahlreiche Gebirgszüge wie die Alpen und Pyrenäen, ganz zu schweigen von den dichten Wäldern und Sumpfgebieten Deutschlands und Polens. Möglicherweise fiel es marodierenden Mongolen einfach leichter, nach China vorzudringen; Europa war für eine berittene Horde weniger zugänglich und damit auch weniger auf politische Geschlossenheit angewiesen. (Ferguson 2011: 78)

Eine Folge dieser Konkurrenz war, dass Herrscher stärkere Anreize zur Ertragsoptimierung hatten – immerhin ist das Wirtschaftsprinzip einer Gewaltherrschaft das stationäre Banditentum (nach Mancur Olson). Diese Konkurrenz begünstigte wohl mehrere Innovationen in der europäischen Staatsfinanzierung. Die erste Innovation geht schon auf das alte Rom zurück: Die Gewaltherrschaft überträgt an Privatleute die Steuereintreibung. Die Römer sprachen von publicani, was darauf hinweist, dass sich das Plündern schon damals hinter dem beliebten Euphemismus der „öffentlichen Aufgaben“ versteckte. Der stationäre Bandit setzt also auf die Kooperation des Steuersubstrats. Wer sind die Steuereintreiber? Finanzkräftige, unternehmerische, gut vernetzte Vertreter führender Familien. Diese treten nun gewissermaßen als Vermittler zwischen der plündernden Gewalt und den Interessen der Geplünderten auf. Mehrfache Verhandlungsebenen optimieren hierbei den Steuerertrag. Das Problem jedes Plünderers liegt darin, dass die Geplünderten ausweichen: Sie verstecken und vergraben ihre liquiden Reserven, täuschen Armut vor und entziehen sich nach Möglichkeit dem Steuerzugriff. Da es keinen historischen Hinweis darauf gibt, dass jemals eine Gewaltstruktur aus einem Gesellschaftsvertrag entstanden ist, müssen wir davon ausgehen, dass diese normale Ausweichreaktion stets die Steuererträge beschränkt hat. Sanktionen wiederum schädigen das Steuersubstrat, denn gefolterte und geköpfte Untertanen lassen sich eben nur einmal plündern, nicht dauerhaft und „stationär“.

Der private Steuereintreiber wird in einem ersten Verhandlungsverfahren ermittelt, das einer Auktion gleichkommt. Dabei schätzen Privatleute unternehmerisch die Zahlungsfähigkeit und Entziehungsbereitschaft des Steuersubstrats ein und bieten um den Zuschlag durch den Gewaltmonopolisten (der historisch eher einer Gewaltführerschaft entspricht, die einem Legitimationskartell angehört). Sie bieten Pauschalbeträge bis zum abdiskontierten antizipierten Steuerertrag minus Erhebungskosten. Dadurch erzielt die Herrschaft vorab große Summen und damit de facto Steuervorschüsse, die zwar kurzfristig unter den Erträgen einer gewaltsamen Plünderung liegen, aber langfristig zu höheren Erträgen kumulieren. Diese höheren Erträge werden dadurch möglich, dass die Eintreiber untereinander konkurrieren und damit zahlreiche, dezentrale Verhandlungsebenen eröffnen: Diese Art von Steuerwettbewerb ist ein Entdeckungsverfahren im Hayek’schen Sinne, um den Punkt maximal tragbarer Steuerlast herauszufinden. Diese Steuereintreiber treten nun eben sekundär als Vermittler auf und handeln mit den Untertanen Pauschalbesteuerungen aus. Dabei agieren sie als Arbitrageure, Treuhänder, Notare, Interessensvertreter und Gläubiger für die Besteuerten. Als schlagendes Argument dient in ihren Verhandlungen stets der Verweis auf die drohende Maximalplünderung bei Folter und Mord am Untertanen. Da dieses einseitige „Angebot“ nicht abgelehnt werden kann – es sei denn, eine Gegengewalt formierte sich zu einer Sezession und fügte den 1.000 Herrschaften eine weitere hinzu – versuchen die Untertanen, durch Zahlungsangebote und -versprechen ihre Steuerlast zu optimieren. Sie verhalten sich also kooperativ, zumal auch der Steuereintreiber in seiner Advokatenrolle Kooperation nahelegt.

Auf der Grundlage dieser optimierten Steuereintreibung konnte dann die zweite große Innovation der europäischen Staatsfinanzierung gedeihen:

Im 13. Jahrhundert begannen die italienischen Stadtstaaten sich des neuartigen Instruments der Staatsanleihe zu bedienen, womit sie die Grundlage für die modernen Anleihenmärkte schufen. In China war die öffentliche Verschuldung unter der Ming-Dynastie vollkommen unbekannt und wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts unter europäischem Einfluss eingeführt. (Ferguson 2011: 79)

Die Folgen dieser Innovation waren extrem weitreichend und können an dieser Stelle nicht weiter analysiert werden. Diese Sekundärinnovation setzte aber eben die effizienten Mechanismen der Steuereintreibung voraus, die Folgen jener paradoxen Form von „Steuerwettbewerb“ waren. Das Paradox entsteht dadurch, dass es sich um zwei verschiedene Arten des Steuerwettbewerbs handelt. Im klassischen Steuerwettbewerb konkurrieren die Staaten um potentielle Steuerzahler, mit der Folge, dass die Steuersätze sinken. Im „Steuerwettbewerb“ ausgelagerter Eintreiber sind die Steuerzahler nicht mobil, d.h. sie können ihren Standort nicht an den steuerpolitisch günstigsten Ort verlagern. Daher besteht primär ein Anreiz, die Steuereintreibung effizienter zu machen und den Steuerertrag langfristig zu maximieren. Da die Herrschaften ein Monopol auf ihre Steuerzahler innehaben, geht es im Wettbewerb mit den anderen Jurisdiktionen nur darum, die vorhandenen Quellen möglichst effizient auszuschöpfen. Während ersterer Steuerwettbewerb ein Steuersenkungswettbewerb ist, ist letzterer Steuerwettbewerb ein Steuereintreibungswettbewerb.

Die dritte große Innovation war die Übertragung von Handelsmonopolen und anderen Privilegien an Aktiengesellschaften gegen Profitanteile (heute Körperschaftssteuer) und militärische Hilfsdienste (heute geopolitische Manöver). Diese weitreichende Kooperation privater Interessen bei der Staatsfinanzierung hatte allerdings auch – zumindest teilweise – positive Folgen:

In Asien entstand nichts, was mit diesen erstaunlich dynamischen Einrichtungen vergleichbar gewesen wäre. Und während sie auf der einen Seite die königlichen Einkünfte erhöhten, schränkten sie auf der anderen Seite die königlichen Privilegien ein, indem sie neue Akteure für den frühmodernen Staat hervorbrachten: den Bankier, den Inhaber von Schuldverschreibungen und den Gesellschaftsdirektor. Aber vor allem sorgte der innereuropäische Konflikt, der sich über Generationen hinzog, dafür, dass kein europäischer Monarch je stark genug wurde, um die Seefahrt in ferne Länder zu unterbinden. Selbst als die Türken nach Osteuropa vorstießen \[…\], gab es keinen gesamteuropäischen Kaiser, der den Portugiesen hätte befehlen können, ihre Entdeckungsreisen zu unterbrechen und sich auf den Feind im Osten zu konzentrieren. Die europäischen Monarchen förderten allesamt Handel, Eroberung und Kolonisierung, um im Wettbewerb nicht ins Hintertreffen zu geraten. (Ferguson 2011: 80)

Allerdings ermöglichten die langfristig höheren Steuererträge in der Neuzeit auch die Ausrüstung kostspieliger und riskanter Entdeckungsfahrten. In den frühesten Schiffsaktiengesellschaften hatten die staatsnahen Investoren aus den Kreisen des Hofes oft großes Gewicht. Es bleibt der bittere Beigeschmack, dass der europäische Sonderweg – bei allen günstigen Folgen des Wettbewerbs kleinerer Strukturen – oft auch ein Wettbewerb von Füchsen um Gänse war, der in die traurige Einsicht von Colbert mündete: Die Kunst der Steuereintreibung sei es, die Gans so zu rupfen, dass sie dabei am wenigsten kreischt. Diesen Vorsprung hat sich Europa gehalten; ob es sein letzter Vorsprung sein wird?

Killer-Apps

Der erwähnte Historiker Niall Ferguson versuchte in seinem populären, aber epischen Werk Civilization: The West and the Rest (auf deutsch: Der Westen und der Rest der Welt) das moderne Wachstumswunder und den Ausbruch aus dem malthusianischen Zeitalter zu erklären. Ferguson ist einer der erfolgreichsten Pop-Historiker der Zeit, darum sei er erwähnt. Sein Buch gibt einen lesbaren Überblick über die westliche Entwicklung, enthält aber wenig Überraschungen und zeigt seine zunehmend neokonservative Tendenz. Seit er die Mutter seiner drei Kinder für die schöne Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali verlassen hat, werden zwar seine Ansagen zum Islam schärfer und kontroverser. Doch damit wachsen auch seine Anreize, die Verzerrungen des Geldsystems zu übersehen. Zwar hat er den treffenden Begriff Chimerika geprägt (siehe Scholien 02/12), um die amerikanisch-chinesische Wirtschaftsblase zu bezeichnen. Wie alle Neokonservativen speist er allerdings in seinen weltgeschichtlichen und geopolitischen Betrachtungen das Geldwesen weitgehend aus. Die Folge ist eine wesentlich weniger paradoxe, dadurch verständlichere und geradlinigere Geschichte.

Für Ferguson reduziert sich die westliche Erfolgsgeschichte auf 6 „Killer-Apps“ – so die stupide Bezeichnung für Smartphone-Programme, die „jeder“ haben möchte. Diesen Begriff wählte er – so seine Entschuldigung – damit es auch das TED-Publikum verstehe. TED-Talks sind supercoole und superteure Anlässe für Pop-Intellektuelle – eine Art Geltungskonsum von „Ideen“ (siehe Scholien 06/10, S. 143ff). Die erfolgsversprechenden Apps, die sich jedes Volk herunterladen könne, das reich werden will, listet er wie folgt auf:

1. Der Wettbewerb, insofern als Europa selbst politisch zersplittert war und es auch in jeder Monarchie oder Republik zahlreiche miteinander konkurrierende autonome Körperschaften gab.

2. Die wissenschaftliche Revolution, insofern als alle größeren Umwälzungen in der Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie und Biologie in Westeuropa stattfanden.

3. Der Rechtsstaat und die repräsentative Regierung, insofern als sich in der englischsprechenden Welt ein optimales gesellschaftliches und politisches Ordnungsmodell entwickelte, das auf privaten Eigentumsrechten und der Vertretung von Grundbesitzern in gewählten Legislativen beruhte.

4. Die moderne Medizin, insofern als fast alle größeren Durchbrüche in der Gesundheitsversorgung im 19. und 20. Jahrhundert, einschließlich der Beherrschung tropischer Krankheiten, von Westeuropäern und Nordamerikanern bewerkstelligt wurden.

5. Die Konsumgesellschaft, insofern als die Industrielle Revolution dort stattfand, wo es sowohl ein Angebot an produktivitätssteigernden Technologien als auch eine Nachfrage nach mehr, besseren und billigeren Gütern gab, wobei die Baumwollkleidung den Anfang machte.

6. Die Arbeitsethik, insofern als die Leute im Westen als weltweit Erste eine extensivere und intensivere Arbeitsleistung mit höheren Sparquoten verbanden, was eine nachhaltige Kapitalakkumulation ermöglichte. (Ferguson 2011: 449f)

An diesen „Applikationen“ habe ich natürlich wenig auszusetzen, nur an dem Gedanken, dass es sich dabei um Applikationen handle, deren Download überall und zu jeder Zeit aus rationalem Entschluss heraus möglich sei. Tatsächlich handelt es sich um Symptome von Entwicklungen, die weit paradoxer verliefen – wo sich Heilmittel und Gift eben bloß durch die Dosierung unterschieden. Symptome sind zudem keine Ursachen – Fergusons Erklärungsansatz ist daher letztlich tautologisch.

Das eigentliche Problem mit Fergusons Ansatz ist jedoch, dass er rationalistisch ist. Dieser Rationalismus unterscheidet die kontinentale von der „Anglo-Austrian“ Aufklärung. Für die schottische und die österreichische Aufklärung sind Institutionen eher Resultate menschlichen Handelns als menschlichen Plans. Ironischerweise stammte die prägnanteste Fassung dieser Erkenntnis aus der Feder von Adam Ferguson, einem möglichen Vorfahren von Niall und ebenfalls schottischer Historiker. Apps sind Programme, im Gegensatz zu Mustern. Muster erkennen wir in der Welt und deuten sie. Programme sind geschaffen, Muster gefunden.

Fergusons Geschichtsschreibung unterläuft ein weiterer Fehler des Rationalismus: die Ableitung qualitativer Urteile aus quantitativen Indikatoren. Den Erfolg seiner Killer-App Wissenschaft misst er anhand erteilter Patente, den Erfolg seiner Killer-Apps Wettbewerb und Konsum anhand von BIP-Zahlen – alles formale Kriterien, die wenig Gehalt haben.

Rechtsstaat

Der rationalistische Irrtum hat verheerende Folgen, er führt etwa dazu, dass Rechtsstaatlichkeit mit Formalismus verwechselt wird. Österreich ist den Formen nach ein Rechtsstaat mit geringer Korruption (d.h. von Untertanen in immer geringerem Ausmaß bestechlichen Amtsträgern). Dem Inhalt nach ist Österreich jedoch weit von einem Rechtsstaat entfernt: Die korrupten Gesetze sind weitgehend Fassade für systematisches Unrecht. Österreich soll dabei nur wie eingangs als Beispiel dienen; in Deutschland ist es gerade deshalb ein wenig schlimmer, weil die Amtsträger eine Spur weniger korrupt und eine Spur gründlicher sind.

Fergusons irreführende Darstellung zeigt sich an der historisch vorbildlichsten rule of law, der britischen. Diese beruhte auf dem common law, dem Gewohnheitsrecht. Dieses war ineffizient, unrationalistisch, verwirrend und mühsam. Paradoxerweise war es zugleich funktioneller dabei, die Bürger vor dem Staat zu schützen. Tocqueville schilderte diese paradoxe Vorteilhaftigkeit:

Das sind sehr viele Übelstände, und wenn man diese ungeheure alte Maschine der englischen Justiz mit dem modernen Apparat des Systems unserer Rechtspflege, wenn man die Einfachheit, den Zusammenhang, das Ineinandergreifen des letzteren mit der Verworrenheit, der Zusammenhangslosigkeit, der ersteren vergleicht, so erscheinen jene Übelstände noch viel größer. Gleichwohl gibt es kein Land in der Welt, in dem bereits zu Blackstones Zeit der Hauptzweck der Justiz so vollständig erreicht wurde wie in England, wo jeder Mensch, welche auch seine Stellung sei und ob er gegen einen Privatmann oder gegen den Fürsten prozessieren mochte, sicher war, gehört zu werden, und bei allen Gerichten seines Vaterlandes die besten Garantien für den Schutz seines Vermögens, seiner Freiheit und seines Lebens fand. (Tocqueville 1856: 281f)

Der große italienische Denker Bruno Leoni, ebenfalls ein „Österreicher“ im weiteren Sinne, erklärt in seinem wichtigen Werk Freedom and the Law die private Rechtsfindung des common law, die eine echte rule of law ermöglicht – also die Befreiung des Rechts von der Herrschaft (dem Plünderunwesen):

Gemäß dem englischen Grundsatz der rule of law, die eng mit der gesamten Geschichte des Gewohnheitsrechtes verbunden ist, waren Gesetze im Grunde nicht das Ergebnis des Willens einzelner Menschen. Sie sind Gegenstand einer nüchternen Untersuchung seitens der Gerichte, so wie die römischen Gesetze Gegenstand einer nüchternen Untersuchung seitens der römischen Juristen waren, denen die Streitparteien ihre Fälle vorlegten. Nun wird es als altmodisch angesehen, zu behaupten, dass die Gerichte die korrekte Lösung eines Falles beschreiben oder entdecken \[…\]. Doch kann man nicht leugnen, dass die Einstellung der Richter des Gewohnheitsrechtes gegenüber den rationes decidendi ihrer Fälle (d.h. der Gründe ihrer Entscheidungen) immer viel weniger jener eines Gesetzgebers entsprach als der eines Gelehrten, der versucht, die Dinge eher festzustellen als sie zu verändern. Ich leugne nicht, dass die Richter des Gewohnheitsrechtes manchmal bewusst ihren Wunsch, etwas in bestimmter Weise entschieden zu sehen, durch eine vorgeschobene Erklärung über eine bereits bestehende Regel des lokalen Rechtes verschleiert haben mögen. \[…\] Mein Punkt ist bloß, dass die Gerichte in England nicht leicht willkürliche eigene Regeln erlassen konnten, da sie niemals in einer Position waren, dies direkt zu tun, also in der üblichen, plötzlichen, wechselhaften und gebieterischen Art der Gesetzgeber. Zudem gab es so viele Gerichte in England und sie waren so eifersüchtig auf einander, dass sogar der berühmte Grundsatz des bindenden Präzedenzfalles bis vor relativ kurzer Zeit von ihnen nicht offen als gültig anerkannt wurde. Außerdem konnten sie über nichts entscheiden, dass ihnen nicht von Privatpersonen vorgelegt wurde. Schließlich pflegten relativ wenige Leute vor Gericht zu gehen, um ein Urteil in einem Streitfall zu erbitten. Folglich befanden sich Richter mehr in der Position von Zuschauern als in der von Akteuren in der Rechtsfindung, noch dazu Zuschauer, denen nicht erlaubt war, alles zu sehen, was auf der Bühne vor sich ging. Privatpersonen standen auf der Bühne; das Gewohnheitsrecht war hauptsächlich bloß das, was sie gewöhnlich für das Recht hielten. Gewöhnliche Bürger waren die realen Akteure in dieser Beziehung, so wie sie immer noch die realen Akteure in der Entwicklung der Sprache und, zumindest teilweise, bei den wirtschaftlichen Transaktionen in den westlichen Ländern sind. Die Grammatiker, die die Regeln einer Sprache beschreiben, oder die Statistiker, die die Preise und Mengen von gehandelten Gütern festhalten, sind eher als einfache Zuschauer zu beschreiben, denn als Herrscher über ihre Mitbürger in Angelegenheiten der Sprache und Wirtschaft.

Die zunehmende Bedeutung der Gesetzgebung in der heutigen Zeit hat, sowohl am europäischen Kontinent als auch in den englischsprachigen Ländern, unvermeidlich die Tatsache verschleiert, dass das Recht schlicht ein Komplex von Regeln für das Verhalten gewöhnlicher Menschen ist. Es gibt keinen Grund, diese Verhaltensregeln viel anders zu behandeln als jene Verhaltensregeln, bei denen Eingriffe seitens der Politik nur ausnahmsweise, wenn überhaupt, erfolgten. Tatsächlich scheint es in der heutigen Zeit allein die Sprache zu sein, die gewöhnliche Menschen für sich behalten und vor politischem Eingriff schützen konnten, zumindest im Westen. Im sozialistischen China unternimmt die Regierung zum Beispiel gewaltsame Anstrengungen, um die traditionelle Schrift zu ändern, und ähnliche Eingriffe wurden bereits in anderen Ländern des Ostens, wie etwa der Türkei, erfolgreich durchgeführt. In vielen Ländern haben die Menschen daher die Zeiten fast vollkommen vergessen, als beispielsweise Banknoten nicht von Staatsbanken, sondern auch von Privatbanken ausgegeben wurden. Zudem wissen nunmehr nur noch sehr wenige Leute, dass in früheren Zeiten die Herstellung von Münzen eine private Geschäftstätigkeit war, und dass sich Regierungen darauf beschränkten, ihre Bürger gegen Fälscher zu schützen, indem sie bloß die Echtheit und das Gewicht der benutzten Metalle bescheinigten. Ein ähnlicher Trend in der öffentlichen Meinung ist in Bezug auf Staatsbetriebe zu bemerken. In Kontinentaleuropa, wo Eisenbahnen und Telefonleitungen schon lange von den Regierungen monopolisiert sind, können sich selbst unter gebildeten Leuten nur wenige vorstellen, dass in diesem Land Eisenbahn und Telekommunikation private Unternehmen wären genauso wie Kinos, Hotels oder Restaurants. Wir haben uns zunehmend daran gewöhnt, die Rechtsfindung als eine Angelegenheit zu betrachten, die gesetzgebende Versammlungen betrifft und nicht gewöhnliche Menschen auf der Straße, und außerdem als etwas, das nach den persönlichen Vorstellungen gewisser Individuen getan werden kann, solange sie nur ein entsprechendes Amt dafür innehaben. Die Tatsache, dass der Prozess der Rechtsfindung im Wesentlichen eine private Angelegenheit ist bzw. war, die Millionen von Menschen über dutzende Generationen und zahlreiche Jahrhunderte betrifft, ist heute sogar der gebildeten Elite nahezu unbewusst. (Leoni 1961)

Diese Rechtstradition ist auch bei den Briten heute Geschichte:

Während in den angelsächsischen Ländern das Gewohnheitsrecht und gewöhnliche Gerichte laufend Boden an die Gesetzgebung und die Verwaltungsbehörden verlieren, unterliegt in den kontinentalen Ländern das Privatrecht einem parallelen Prozess der Versenkung unter den Tausenden von Gesetzen, die die Gesetzbücher jedes Jahr füllen. \[…\] Die Gesetzgebung erscheint heute als rasches, rationales und weitreichendes Mittel gegen jedes Übel und jede Unbequemlichkeit, im Gegensatz etwa zu richterlichen Entscheiden, dem Beilegen von Streitfällen durch private Vermittler, Konventionen, Sitten und ähnlichen Arten spontaner Abgleiche zwischen Individuen. Kaum jemandem fällt es auf, dass das Mittel der Gesetzgebung zu rasch sein könnte, um wirksam zu sein, zu unvorhersehbar, um zielführend zu sein, und zu eng mit den zufälligen Ansichten und Interessen einer Reihe von Menschen (den Gesetzgebern) verbunden, wer auch immer sie sein mögen, um tatsächlich allen Betroffenen zu dienen. (Leoni 1961)

Leoni sieht als guter Italiener im römischen Recht das Positive einer vorpositivistischen Tradition, Tocqueville als guter Franzose das Negative einer Vorwegnahme des Positivismus:

Aber diese Ursachen genügen nicht, um zu erklären, wie dieses selbe römische Recht um dieselbe Zeit auf dem ganzen europäischen Kontinent Eingang finden konnte. Ich glaube den Grund dafür in dem Umstand zu finden, daß zu dieser Zeit die absolute Gewalt der Fürsten sich überall auf den Trümmern der alten Freiheit Europas fest einrichtete und daß das römische Recht, als ein Recht der Sklaverei, ihren Absichten vortrefflich diente.

Das römische Recht hat, während es die bürgerliche Gesellschaft überall vervollkommnete, die politische Gesellschaft überall zu erniedrigen gestrebt, weil es wesentlich das Werk eines sehr zivilisierten und sehr geknechteten Volkes gewesen ist. Die Könige nahmen es daher bereitwilligst an und führten es überall ein, wo sie die Macht besaßen. Die Interpreten dieses Rechts wurden in ganz Europa ihre Minister oder ihre höchsten Beamten. Die Juristen lieferten ihnen nötigenfalls die Unterstützung des Rechts gegen das Recht selbst. So haben sie es in der Folge oft gemacht. Einem Fürsten, der die Gesetze verletzte, hat es sehr selten an einem Juristen gefehlt, der versicherte, daß es nichts Rechtmäßigeres gebe, und wissenschaftlich bewies, die Gewalt sei gerecht und der Unterdrückte habe unrecht. (Tocqueville 1856: 218f)

Brexit

Das antike Rom ist freilich ein Übergang von der höchsten Kultur des alten Europas zu einem despotischen Imperium. „Rom“ steht für dieselben Assoziationen wie heute „Europa“. Wer Symptome mit Ursachen verwechselt, hält dann auch die EU für den Garanten von Frieden, Freihandel und Wohlstand. Niall Ferguson etwa warf seine gesäuberte, „liberale“ Geschichtsschreibung in die Waagschale für Bremain. Da diese aber schon für ein TED-Publikum zu hoch ist, also für heutige Leit-Intellektuelle, reichte er für das gemeine Volk eine noch einfachere Erklärung nach: Er benutzte seine eigene Scheidung als Analogie dafür, welcher Rosenkrieg nach einem Brexit drohe. Diese Überheblichkeit gegenüber seiner Ex-Frau halte ich wiederum für die beste Analogie für die Überheblichkeit der Leit-Intellektuellen und Eurokraten. Wie das alte Rom steht heute die EU für die Hybris der Pläne und den Niedergang der Herrschaft des Rechts, an deren Stelle eine Herrschaft durch Gesetze getreten ist.

Dass das Ergebnis knapp für den Brexit ausgehen würde, damit haben wenige gerechnet. Nachdem ich gelegentlich zu Prognosen gedrängt werde, fürchte ich nun schon eine Hybris der Kristallkugel. Alle meine Prognosen in diesem Jahr trafen bislang ein – u.a. hatte ich den knappen Verlust von Hofer bei der österreichischen Präsidentschaftswahl (was sich freilich noch ändern könnte) und den knappen Ausgang für Brexit vorhergesagt. Beide Volksentscheide waren ähnlicher Natur, bei beiden gab es massive Interventionen von außen. Vor dem Brexit jedoch hatten die EU-Granden realisiert, dass ihre Empfehlungen gegenteilige Wirkung haben. Diesen Indikator zog ich für meine Prognosen heran: Juncker, Schulz und Konsorten sahen noch eine Mehrheit der Österreicher von ihrem Prestige beeindruckt, eine Mehrheit der Briten aber bereits skeptisch bis angewidert. Darum gab es im österreichischen Fall Solidaritätsbekundungen von Juncker & Co. für Van der Bellen, während sich diese im britischen Fall direkter Äußerungen enthielten und „Experten“ mit Drohszenarien den Vortritt ließen.

Die Märkte zeigten ein hochinteressantes Muster: Britische Aktien starteten bei Öffnung der Börsen nach dem Dumping durch institutionelle Anleger außerhalb der Börsenzeiten bis zu 20 Prozent im Minus, um dann im Laufe des Tages anzusteigen und mit weit geringeren Abstrichen zu enden als alle anderen EU-Börsen. Mein Portfolio freute sich mit den Briten (insbesondere Gold und Bitcoin legten stark zu) – und die Märkte scheinen zuzustimmen, dass die EU die Wirtschaft eher abwürgt als belebt.

Noch mehr als die Arroganz der Leit-Intellektuellen nervt mich nur das Tagesgeschehen. Jede Woche eine neue Sau, die durch das mediale globale Dorf getrieben wird, und überall sprudeln die Meinungen. Auch ich kann den Meinungsströmen kaum noch entrinnen, verliere mich gelegentlich in ihnen, und sehe mich genötigt, auch noch meinen Senf dazu zu drücken. Es geht um die Wurst, da sehnen wir uns alle nach etwas Würze, um sie herunterzubekommen.

Das Volksbefinden zeigt gewiss ein unschönes Gesicht, wo es nicht durch reale Verantwortung begrenzt ist. Plebiszite auf nationaler Ebene sind Pöbelherrschaft und haben mit der ursprünglichen Idee von Demokratie zwar mehr, aber nicht viel mehr gemein als EU-Parlament und Parteienherrschaft. Es kommt eben auf Dosis und Maß an. Ich verstehe die Sorge bei knappen binären Entscheidungen; die Volatilität ist gefährlich hoch. Dann entscheidet potentiell der Zufall oder die Absicht ungleich verteilter Schlampigkeiten beim Stimmenzählen. Das zeigte sich bei der österreichischen Wahl: Der Skandal besteht nicht in der Korruption durch österreichische Schlampigkeit, die relativ gleich verteilt und – leider – im Sinken begriffen ist. Skandal sollte die systematische Korruption sein, die zur Legitimierung des Systems durch maximierte Wahlbeteiligung ein undurchdachtes Wahlkartenmodell eilig durch die Gesetzesfabrik drückte. Dass die Ehrenamtlichen, die von den Parteien für die Wahlaufsicht aufgebracht werden, schlampig agieren und gelegentlich lieber früher Feierabend machen als jede formale Auflage zu studieren und zu befolgen, ist weniger skandalös als die extremen Folgen der Schlampigkeit, weil Stimmzettel nicht mehr bloß direkt in Urnen wandern, sondern in Kuverts herumschwirren.

Inzwischen hat der Verfassungsgerichtshof entschieden, die Wahl zu wiederholen. Ich glaube nicht an die große Wahlkartenverschwörung, aber gewiss gab es einige kleine Manipulationsversuche unter dem Deckmantel vieler großer Schlampigkeiten. Allfällige Manipulation ist aber wohl nicht systematisch geplant gewesen, sondern individuell bei sich bietender Gelegenheit erfolgt.

Politik ist unschön. Sie wird aber nicht schöner durch formale Korrektheit, durch Anzug und Krawatte, durch geschniegelte und gestriegelte, optimal gecoachte „Profis“. Ein neuer Typus des Funktionärspolitikers hat sich nach vorne gedrängt, und gegen diesen stimmt das „Volk“.

Die Volkskandidaten hingegen saufen am Stammtisch, rülpsen verbal, machen vulgäre Witze, leisten sich politisch unkorrekte Ausrutscher. Sie sind exzentrisch, drängen ins Rampenlicht. Vielleicht haben sie Dreck am Stecken. Dass langweilige Beamtentypen bis ganz nach oben kommen, ist nur ein Hinweis dafür, dass sie niemals wirklich gewählt wurden.

Die alten Römer nannten diese zwei Typen Popularen und Optimaten. Die modernen Ungarn nennen sie népiek und urbánusok, Volksleute und Urbane – eine besonders realistische Deutung.

Die Brexit-Vertreter waren laut und rüpelhaft. Die Bremain-Vertreter waren herablassend. Boris Johnson und Nigel Farage geben sich als Volksleute. Gewiss ist die Entscheidung für den jeweiligen Typus taktischer Natur. Noch volksnäher gab sich Godfrey Bloom, dem sogar Nigel Farage nahelegte, die Politik zu verlassen, um nicht allzu viel Schaden anzurichten. Bloom sprach betrunken im EU-Parlament und unterbrach einmal Martin Schulz mit „Ein Volk, ein Reich, in Führer!“, als sich dieser wieder einmal für mehr Zentralismus einsetzte. Dafür wurde Bloom dann aus dem Saal abgeführt. Einem nervigen Journalisten zog er mit einer Broschüre eins über den Kopf. Zudem liebt er anzügliche Witze – nicht immer nach feiner englischer Art. Aber Bloom war auch der bislang einzige Politiker, der Murray Rothbard im EU-Parlament zitierte. Denselben Rothbard, der einst Sympathien für Enoch Powell geäußert hatte. Powell war ein britischer Volkspolitiker, der vor den Folgen der Massenzuwanderung gewarnt hatte und damals als Rassist und Schwarzmaler geschimpft und aus der Politik gedrängt wurde. Vor kurzem wurde Powell gar in der deutschen Welt rehabilitiert, in der Michael Stürmer schrieb:

Powell, der auch ein früher Euroskeptiker war, wollte eher seine politische Karriere opfern \[…\] als sich verbiegen und die Interessen des Landes preisgeben. \[…\] „Alle politischen Karrieren enden im Scheitern“ – so zog er die Bilanz. Würde er die Nachrichten in Europa heute kommentieren, so könnte er indessen ohne Freude feststellen, dass er manches früher und klarer gesehen hat als andere. Auch Scheitern ist eine Frage des Zeitpunkts. (Stürmer 2016)

Powells Positionen waren auf die Zustimmung von 74 Prozent der Briten gestoßen – doch das hat im modernen Parteienregime wenig zu heißen. Wir erinnern uns an Berthold Brecht: „Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Warum überlagert das Immigrationsthema alles andere? Viele EU-Skeptiker waren zu Recht etwas abgestoßen von der Dominanz ausländerfeindlicher Stimmen im Brexit-Lager. Doch es handelt sich um kein Lager: Es sind dieselben Schichten, die in Österreich Hofer wählten, und diese sind bloß negativ zu definieren – sie zählen nicht zur Elite. Die Bremainer proklamieren eitel ihre Mehrheiten bei Jugendlichen und Akademikern. Dabei verschweigen sie die niedrige Beteiligung von Jugendlichen und die Oberschichten-Zugehörigkeit der Akademiker.

Die meisten sehen den überwunden geglaubten Nationalismus wiederkehren, und viele trommeln zum Kampf gegen jene Ideologie, die Europa einst ins Verderben führte. Das ist jedoch Unsinn. Der historische Nationalismus war eine Elitenbewegung. Natürlich sind einfache Menschen weniger kosmopolitisch und assoziieren kosmopolitische Einstellung fälschlich mit der tonangebenden Pseudo-Elite. Das Kernthema Immigration hat damit aber wenig zu tun: Es ist schlicht jenes Thema, anhand dessen sich am deutlichsten die Elitenzugehörigkeit ablesen lässt. Es gibt eben jene, deren Lebensbedingungen durch Zuwanderung von Sozialmigranten verschlechtert werden und jene, die davon profitieren. Von freier Zuwanderung, die vorwiegend arbeitswillige Menschen in Städte führt, profitieren fast alle. Von subventionierter Zuwanderung, bei der Transferempfänger und allenfalls Niedriglohnbezieher zugeteilt werden, profitieren jene, die mehr Staatseinkommen als Ersparnisse haben und in „gentrifizierten“ Vierteln zur Miete wohnen (und daher kaum die Kosten dieser Zuweisungs-„Zuwanderung“ tragen) – also insbesondere junge Sozialakademiker und Sozialfunktionäre.

In dem Artikel eines jungen Schreiberlings in einem renommierten Mainstream-Blatt wird das deutlich. Dieser will seine Generation Y vor Kritik verteidigen und weist korrekt, aber etwas weinerlich daraufhin, dass seine Generation „ökonomischem Betrug“ durch die vorhergehenden Generationen aufgesessen sei. Die Reaktion ist aber bezeichnend. Typisch für einen Vertreter der Generation Y verlangt er nicht mehr, als wenigstens noch ein bisschen mitplündern und sich dabei ein bisschen gut fühlen zu dürfen. Einen kleinen Job, bei dem für ein bisschen Coolness und Anerkennung auch ein niedriges Gehalt akzeptabel wäre, mehr nicht, wünscht sich der Kommentator:

Ich will ja nichts geschenkt. Ich will, was mir für meine Arbeit zusteht. Ich will meinen Lohn. \[…\] Wie wäre es mit einer Art New Deal für die Flüchtlinge? Wenn wir einen anständigen Batzen Geld, so einen, wie ihn sonst nur Banken und Rentner kriegen, in die Hand nähmen, um damit Integrationsprogramme zu boosten, damit die Flüchtlinge hier ankommen, anpacken können, und in diesen Programmen fände unsereins, die Jungen, unbefristete, vernünftig bezahlte, steuerpflichtige Arbeit. (Kittlitz 2016)

Was soll ein typischer Universitätsabgänger auch anderes machen, als in „geboosteten“ Programmen das Geld anderer Leute zuzuteilen? Diese ökonomischen Anreize werden gemeinhin übersehen. Es geht weniger um die Mobilität der Bevölkerung als um die Mobilität von Amtsträgern und Postenjägern. Genauso war es beim historischen Nationalismus, der eine Einigungsbewegung war, keine Abspaltungsbewegung, und ebenso ist es beim heutigen EUnionismus. Eine mobile junge Oberschicht, die via ERASMUS und anderer subventionierter Programme die Welt bereist, profitiert von erweitertem Zugang zu Ämtern und Posten. Ein europäischer Akademiker bzw. Bürokrat in spe sieht durch „Integration“ seine Jobchancen steigen. Diese Perspektive auf berufliches Fortkommen erklärt auch die Anreize, die einst unter Akademikern eine nationalistische Einstellung begünstigten – und diese so politisierten, bis sie zu den Grässlichkeiten des 20. Jahrhundert entstellt war.

Burschenschafter

Der österreichische Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer gehört einer Burschenschaft an. Das ließ einige Alarmglocken läuten, die jene extreme Radikalisierung des völkischen Denkens zum virulenten Rassismus und Antisemitismus des letzten Jahrhunderts den universitären Burschenschaften zuschreiben. Handelt es sich um eine ansteckende Ideologie, die auch heute gefährlich werden könnte? Warum entwickelte sie sich an den Universitäten im deutschen Sprachraum?

Mögliche Antworten bietet die epochale Universitätsgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts unter Herausgeber Walter Rüegg (dritter Band von vieren der europäischen Universitätsgeschichte), die sich auch mit der Geschichte der Burschenschaften befasst. Zwei Paradoxien treten bei der historischen Rückschau besonders deutlich zutage. Einerseits entstammen die Burschenschaften dem Klima der Humboldtschen Universität, deren Mythos im Wesentlichen auf der Freiheit der Lehre und der Wissenschaftlichkeit der Methode aufbaut. Andererseits gedieh die extreme Form des völkischen Denkens besonders gut an den deutsch-österreichischen Universitäten:

Die Aversion gegenüber dem Einfluss der „Jüdischen Internationalen“ war unter den deutschsprachigen österreichischen Studenten wesentlich stärker als in Deutschland selbst. \[…\] An der Universität Graz waren um 1930 etwa 550-700 der ca. 2.000 Studenten politisch aktiv: 300-400 in einem deutschnational-völkischen Sinne, ungefähr 200 in katholischen Vereinigungen und nur 25-50 auf der Linken. \[…\] Nazi-Studentenverbindungen wurden bereits 1919 in Wien, 1923 in Graz und 1929 in Innsbruck gebildet. Ab 1931 gewannen sie rapide an Boden. In Wien gewannen sie 1931/32 37 Prozent der Stimmen an der Universität und an der Technischen Hochschule 49,5 Prozent. 1930 wurde die Technische Hochschule Graz die erste Institution im deutschsprachigen Raum, an der die Nazis alle Sitze gewonnen hatten. (Rüegg 2004: 350f)

Gekommen war das völkische Denken jedoch von den Universitäten Deutschlands, wo es im Laufe des 19. Jahrhunderts immer schärfer wurde. Nach der Reichseinigung 1870 waren Nationalismus und Antiliberalismus die tragenden Säulen der Studentenbewegung geworden. Die wesentlichen Gründe sind wohl außerhalb der Universitäten zu suchen, die selbst immer auch nur Mikrokosmos der sie umgebenden Gesellschaften waren. Zwei unbeabsichtigte Folgen des Humboldtschen Universitätenprojektes scheinen aber die besondere Dynamik etwas befeuert zu haben. 1895 hatte der Philosoph und Bildungshistoriker Friedrich Paulsen die Beobachtung festgehalten:

Es folgte in Deutschland auf das Zeitalter der absoluten Philosophie ein Zeitalter der absoluten Unphilosophie. (Rüegg 2004: 20)

Die Humboldtsche Forschungsuniversität wirkte, entgegen der Intention ihres Begründers, in Richtung der Spezialisierung und Dominanz induktiv erforschbarer Fächer. Unter dem Druck der immer präziseren „Naturphilosophie“ trat die „Menschenphilosophie“ etwas in den Hintergrund, wie Walter Rüegg andeutet:

Mit der zunehmend wissenschaftlichen Natur der philosophischen Lehrstühle wuchs auch der Grad an Spezialisierung. Gleichzeitig schwand die Bedeutung der Philosophie für das intellektuelle Leben im Allgemeinen. In Frankreich und Großbritannien war die intellektuelle Welt hinreichend philosophisch gebildet, dass fundamental neue Denkrichtungen außerhalb der Universität entstehen konnten, während die „absolute Unphilosophie“ unter den deutschen Eliten, die Paulsen beklagte, unfähig war, die notwendigen intellektuellen Antikörper zu entwickeln, um den pseudowissenschaftlichen Ideologien entgegenzuwirken, die sich für die Geisteswissenschaften, die Wissenschaften vom Menschen und letztlich die Menschheit so schädlich erweisen sollten. (Rüegg 2004: 456f)

Theologie und Philosophie, einst primäre Fakultäten der Universität, bieten allerdings nur sehr indirekte „Antikörper“. Der größte Teil der universitären Philosophie war stets Philodoxie, wie Eric Voegelin bemerkte, also das Wiedergeben von Glaubenssätzen, die das eigene Interesse nach Anerkennung, Anpassung und Apanagen maskieren, rationalisieren und legitimieren. Im Schnitt allerdings wirken diese Fakultäten wohl doch ein wenig in Richtung einer Hemmnis menschlicher Hybris: die Theologie durch Betonung einer überirdischen und übermenschlichen Ordnung, die Philosophie durch Erweckung und Ernährung des Zweifels.

Der Szientismus, die Orientierung an den Naturwissenschaften, und der Historismus, das Überwiegen philologischer und empirischer Sozialwissenschaft anstatt Philosophie und Theorie, machten die Bahn frei für eine ungehemmtere Entfaltung des Akademikerstolzes, des Selbstverständnisses einer vermeintlichen Elite, gestaltend und führend in die Gesellschaft zu wirken. Genährt wurde dieser Stolz wohl durch die Innovation der Forschungsuniversität, in der diese zum Labor kollektiver, aufgeteilter und spezialisierter Forschungstätigkeit wurde. Die Resultate dieses systematischen Forschungsbemühens waren und sind beeindruckend. Humboldts Modell hat die Welt um viel Wissen bereichert.

Doch der Preis dafür war eben wachsender Kollektivstolz der Akademiker. Diese empfanden die Früchte der institutionalisierten Wissensarbeit immer mehr als Ergebnis gemeinsamer, kollektiver Anstrengung einer bestimmten Klasse und als deutsche Besonderheit. In kurzer Zeit forschten sich die deutschen akademischen Eliten an die Weltspitze. So wurde die Berliner Universität zum Symbol der deutschnationalen Renaissance nach den Niederlagen durch Napoleon. Das Zugehörigkeitsgefühl der Studenten zu dieser nationalen Elite führte zu Enthusiasmus, der nationalistische Korporationen mit Elan beflügelte. Der Staatsapparat müsste nur noch vom Forschungsapparat lernen, von der akademischen Elite durchflutet und systematisch durch kollektives Bemühen an die Weltspitze geführt werden.

An dieser Stelle schien der studentische Enthusiasmus dann unmittelbar lohnend zu werden, und eine seltene Übereinstimmung von ideellen Wunschbildern und materiellen Interessen trat auf. Der sich einende deutsche Zentralstaat bot Aussicht auf hinreichende Beamtenjobs für akademisch qualifizierte Nationalverwalter und -entwickler. Doch nicht immer verliefen Enthusiasmus und Arbeitsmöglichkeiten, Angebot und Nachfrage, parallel. Wie alle „Hypes“ verlief auch der universitäre in Zyklen. Der Zentralisierungs- und Ausdehnungsprozess des Staatsapparats hinkte dem explodierenden Andrang zur akademischen Elite hinterher. Für die euphorischen Studenten verlief die Zentralisierung und Modernisierung der deutschen Nation zu langsam. Der Rückstau an Anwärtern aus der höheren Bildung auf die höheren Ebenen der deutschen Nation führte zu einer explosiven Stimmung. Jungakademiker mit großen Idealen und wenig Geduld rebellierten:

Die Expansion der Universitäten nach Humboldt verlor in den 1830ern an Schwung, was zu einem Überangebot an Akademikern – und damit direkt zur Revolution von 1848 führte. Stagnierende Inskriptionszahlen schufen schließlich in den 1860ern neue Nachfrage nach Akademikern, die eine neue Expansion nährte, die wiederum zu erneuertem Massenandrang in den 1880ern führte, der berühmten Qualifikationskrise, die Studenten zu illiberalen Ideen führte. Die Inskriptionsexplosion, die im letzten Jahrzehnt vor dem Krieg fortgesetzt wurde, erreichte ihren Gipfel in den 1920ern und schuf ein weiteres, politisch noch verheerenderes Überangebot an Akademikern, zumal diese als Wasser auf die Mühlen der Nazis strömten. (Rüegg 2004: S. 377)

In Österreich war die Lage noch verschärft. Der Arbeitsmarkt für Akademiker, der großteils aus höheren Posten der Staatsverwaltung bestand, war durch das Sprachenproblem gekennzeichnet. In der k.u.k.-Verwaltung schienen nach dem Ausgleich und im Zuge von weiteren Begehrlichkeiten nationaler Behauptung die Tage mehrheitlicher Deutschsprachigkeit im Staatsdienst gezählt. Damit verschlechterten sich die Jobaussichten für deutschsprachige Akademiker in der Monarchie. Hier liegt wohl der wesentliche Grund für den an österreichischen Universitäten besonders virulenten Deutschnationalismus. Diese Verstärkung deutscher Euphorie im Zuge der Wissenschafts- und Kulturblüte im 19. Jahrhundert durch materielle Interessen führte zu extremistischer Übertreibung. In Anlehnung an Paulsen lässt sich für die Universitäten sagen: Es folgte in Österreich auf das Zeitalter des absoluten Deutschtums ein Zeitalter des absoluten Antideutschtums. Die deutschnationale Überholung deutscher Studenten durch österreichische Studenten ist heute zu Recht peinlich, und zweifellos sind die damaligen Studenten Österreichs nicht unschuldig am Gift des Hasses, der das letzte Jahrhundert in Blut tauchte.

Der Vergleich dieser Entwicklung zu heute und die mögliche Einordnung der politischen Verhältnisse führt aber zu paradoxen Schlüssen. Heutige Burschenschafter sind weit davon entfernt, eine totalitäre Gefahr darzustellen. Die Wählerströme der Präsidentschaftswahl zeigen eine Umkehrung der Verhältnisse. Der Burschenschafter war kein Kandidat akademischer Kreise.

Genauso wie damals treffen heute Abgänger einer massiv gewachsenen Universität auf getrübte Arbeitsmarktaussichten. Die Dimensionen sind noch dramatischer als damals, die Massenuniversität von heute vom Humboldtschen Vorbild weit entfernt. Inmitten dieses „akademischen Proletariats“ gedeiht auch heute ein unruhiges Element, das wieder schwarz trägt und Andersdenkende mit Gewalt verfolgt. Doch wie so oft in der Geschichte wandeln sich die Wörter derart, dass man manchmal ein „Anti“ als Präfix vorstellen muss, um den Sinn zu erhalten.

Da Meinungen gemeinhin überschätzt werden, halte ich Interessenslagen und soziale Dynamiken für bedeutender. Die National-Sozialisten wurden vorrangig von Kleinbürgern und Halbgebildeten gewählt, der damaligen „Mitte“ der Gesellschaft. Die Akademiker hatten vielleicht ideologisch den Boden bereitet, waren aber dann nicht die hauptsächlichen Nutznießer. Auch die Burschenschaften und ihre akademischen Freiheiten mussten dem totalitären Regime weichen, das sich alle Organisationen einverleiben wollte.

Die Ideengeschichte vieler Burschenschaften ist nicht sonderlich sympathisch, heute jedoch sind sie anachronistische Reste, nicht Speerspitze interessegetriebener Mehrheiten von Akademikern, die auf berufliches und politisches Fortkommen setzen – eher das Gegenteil.

Im Mittelpunkt der meisten Burschenschaften steht das gemeinsame Betrinken. Auch dieses hat einen historischen Hintergrund, und auch dieser Hintergrund wiederum einen ökonomischen. Die Bursen waren einst Studentenunterkünfte. Magister, das heißt fortgeschrittene Studenten (um die 20 Jahre jung), beaufsichtigten diese Unterkünfte. In der Regel erhielten sie keine staatlichen Zuschüsse und wenn die Eltern nicht schwer reich waren, mussten sie selbst für ihr höheres Studium aufkommen. Aufgrund der den Universitäten gewährten Steuerfreiheit gab sich eine Verdienstmöglichkeit, die auch der Stadt ganz recht war: Das kontrollierte Maximieren des Alkoholkonsums in den Bursen. Solange die Studenten in den Bursen soffen, störten sie nicht in den städtischen Gastwirtschaften, wo sie für große Disziplinprobleme sorgten. Die Raufereien waren legendär. Die Städte übten daher auf die Universitäten großen Druck aus, das Disziplinproblem zu lösen und sich eine straffere Struktur zu geben. Dadurch wurde aus der Personengemeinschaft von Lernenden eine immer starrere Institution. Mangels Mittel fehlten jedoch hauptberufliche Aufsichtsbeamte. Darum wurde ein strenges Regime gegenseitiger Überwachung aufgezogen, wobei die Magister Aufsicht führten. Somit waren die Magister zum Teil Hoteliers, Schankwirte, Mentoren und zugleich Erziehungsberechtigte mit Sanktionsbefugnis. So wurden die frischen Universitätsnovizen über Initiationsriten nicht nur in die Disziplin eingeführt, sondern auch ins Trinken – etliche dieser Riten haben bis in die heutigen Burschenschaften überlebt. Doch sie sind kein natürlicher Teil der Universität mehr, damit blieb nur noch das Trinken übrig. Aber an Geselligkeit ist auch nichts falsch.

Philodoxen

Weil es ein hilfreicher Kontrast ist, möchte ich als kleinen Exkurs noch kurz die Erwähnung Voegelins erklären. Dieser bedauerte, dass es im Deutschen nur den Begriff Philosoph, aber nicht den Begriff Philodox gibt. Die meisten Intellektuellen seien aber Philodoxen – und damit das glatte Gegenteil von Philosophen. Deshalb würde auch Platon missverstanden, den Voegelin als bedeutenden Vordenker gegen die Vorwürfe des Totalitarismus etwas in Schutz nimmt. Die „Sophisten“, gegenüber denen sich Platon abgrenzt, wären Philodoxen gewesen. Weil wir im Deutschen eigentlich an Philodoxen denken, sobald man von Philosophen spricht, missverstehen wir die platonische Idee eines Philosophenkönigs. Voegelin erläutert die platonische Idee des Philosophen wie folgt:

Und der wahre Philosoph ist der Mensch, der mit Entzücken (philotheamones) die Wahrheit schaut. Die Wahrheit der Dinge aber ruht in diesen selbst (auto). Einige Menschen können die Schönheit nur so sehen, wie sie in vielen schönen Dingen erscheint, sind aber unfähig, die Schönheit „selbst“ zu sehen. Diejenigen aber, die das „eine“ in den „vielen“ Dingen sehen können, sind die wahren Philosophen, und zu unterscheiden von den Connoisseurs, den Kunstliebhabern und praktischen Menschen. Und was soeben über die „Schönheit“ gesagt wurde, gilt gleichermaßen für das „Gerechte“ und das „Ungerechte“, das „Gute“ und das „Böse“. \[…\] Nur das Wissen vom Sein „an sich“ kann wahrhaft Anspruch auf das Wissen (epistime) erheben; das Wissen vom Sein in der Mannigfaltigkeit der Dinge ist Meinung (doxa). Der Gegenstand des Wissens (epistime) wird somit mit dem parmenidischen Ausdruck für das Sein (to on) gleichgesetzt. Was aber ist der Gegenstand des Meinens? Er kann nicht Nicht-Sein (to me on) sein, denn vom Nicht-Sein hat man (immer noch Parmenides folgend) überhaupt kein Wissen. Daher ist doxa ein Vermögen (dynamis) der Seele zwischen Wissen und Unwissenheit, während ihr Gegenstand entsprechend im Bereich zwischen (metaxy) Sein und Nicht-Sein liegen muß (477a-b). Für dieses Zwischenreich prägt Platon den Ausdruck to planeton, das ein Wandern oder Herumirren zwischen dem Sein und dem Nicht-Sein bezeichnet. \[…\] So kehren etwa Heraklits Schlafwandler in der Frage wieder, ob Menschen, die keine Ahnung vom Sein „an sich“ haben, wie „Träumer, wachend oder schlafend“ seien, da sie Bilder an die Stelle der Realität setzen. Und wenn er schließlich von dem philodoxos als dem Menschen spricht, die die Idee, „das Schöne oder das Gerechte und alles andere ist eins“, nicht ertragen könnte, erinnert dies an Xenophanes‘ „ein einziger Gott“. (Voegelin 2002: 90f)

Diese Betonung des Zeitlosen gegenüber dem Zeitgeist ist eine freundliche Interpretation von Platon. Sie erinnert an Volterras Leitspruch, die natürlichen Gesetze der Geometrie den gesetzten Gesetzen zeitweiliger Imperien vorzuziehen; und damit auch an die Präferenz von Leoni und Tocqueville für Gerechtigkeit gegenüber Gesetzesmacht. Voegelin hält den modernen Menschen für seelenkrank, da seine Seele in Unordnung geraten sei. Ein Philosoph im wahren Wortsinn hingegen sei ein Ordnungssucher:

Der Philosoph ist der Mensch, der dem Sophisten widersteht; der Mensch, der versucht in seiner Seele eine rechte Ordnung zu entwickeln, indem er der kranken Seele des Sophisten widersteht; der Mensch, der in dem Bild seiner wohlgeordneten Seele ein Paradigma der gesellschaftlichen Ordnung evozieren kann, das in Opposition zur Unordnung der Gesellschaft steht, die sich in der Unordnung der Seele des Sophisten widerspiegelt; der Mensch, der die Begriffswerkzeuge entwickelt, um Gesundheit und Krankheit der Seele zu diagnostizieren; der Mensch, der im Vertrauen auf das göttliche „Maß“, an das seine Seele angepaßt ist, die Kriterien der rechten Ordnung entwickelt; der Mensch, der folglich zum Philosophen im engeren Sinne wird, mithin zu einem Denker, der Lehrsätze über die rechte Ordnung in Seele und Gesellschaft aufstellt, indem er für sie die Objektivität der epistime, der Wissenschaft, einfordert – ein Anspruch, der vom Sophisten, dessen Seele an die Meinung der Gesellschaft angepaßt ist, heftig bestritten wird. \[…\] Denn im Widerstand des Philosophen gegen eine Gesellschaft, die seine Seele zerstört, wurzelt die Einsicht, daß Psyche die Substanz der Gesellschaft ist. Die Gesellschaft kann die Seele eines Menschen zerstören, weil die Unordnung der Gesellschaft eine Krankheit der Seele ihrer Glieder ist. Die Verwirrung, die der Philosoph in seiner eigenen Seele erfährt, ist die Verwirrung der Seele seines gesellschaftlichen Umfelds, die auf ihm lastet. Und daher ist die Diagnose von Gesundheit und Krankheit der Seele zugleich die Diagnose von Ordnung und Unordnung der Gesellschaft. \[…\] Platon zufolge ist der Philosoph im Wortsinne der Mensch, der die Weisheit liebt, weil die Weisheit der Freiheit seiner arete Substanz hinzufügt und die Seele dazu befähigt, den Weg zur Erlösung zu beschreiten. In dem Philosophen, der dem Sophisten widersteht, lebt eine Seele, die der Zerstörung der arete widersteht. \[…\] Wenn Platons Evokation eines Paradigmas der rechten Ordnung als die Meinung eines Philosophen über Politik interpretiert wird, wird das Ergebnis heilloser Unsinn sein, der keiner weiteren Diskussion bedarf. (Voegelin 2002: 93ff)

Platon ist etwas zu unrealistisch für meinen Geschmack, das heißt zu wenig an der unsauberen Realität und zu sehr an hehren Ideen ausgerichtet. Seine Seelenphilosophie ist eher Ersatzreligion als Wissenschaft. Im Kern hat Platon recht, zumindest in der Interpretation durch Voegelin; das Problem liegt in Details. Anstelle von der Seele, die eher Domäne der Theologie, Psychologie und der Kunst ist, sollte der Philosoph eher vom Geist sprechen – dieser ist näher an der Vernunft.

Sympathisch ist mir die Dreiteilung Seele, Geist und Körper – sympathischer als die komplizierte Aufteilung der Seele in Teilbereiche durch Platon. Gute Philosophie nährt den Geist, so wie qualitative Nahrung den Körper. Es gibt allerdings auch geistiges junk food, das, was ich einst „Deformation“ in Analogie zur Information nannte (siehe Scholien 02/09). Gute Geistesnahrung macht klüger und weiser, schlechter Geistesfraß verformt den Geist, verbiegt ihn weg von der Erkenntnis der Realität hin zu ideologischen Scheinwelten.

Die Qualität der Ernährung ist wichtiger für unsere Gesundheit als Medizin, Sport, Hygiene – sie nutzt oder schadet unserem Körper von innen. Diese Einsicht hat nichts mit der „Orthorexie“ der Gegenwart zu tun, dem neurotischen Geltungskonsum von Lebensmitteln. Medial verschleuderter, billiger Geistesfraß verstopft die Hirnwindungen und führt zu Geistesblähungen. Leider ist für die meisten Informationskonsumenten die Geschmacksrichtung – die Bestätigung des eigenen Weltbildes und Lagerdenkens – wichtiger als die Qualität des Inhalts. Wie bei der papiergeldgetriebenen Kalorieninflation nimmt bei der papiergeldgetriebenen Informationsinflation der durchschnittliche Nährwert ab.

Die Seele nährt hingegen eher die Kunst als die Philosophie, und als vernunftorientierter Europäer wünsche ich mir hier eine gewisse Trennung. Die Wahrheit ist nicht immer schön, und der Geist sollte mehr auf Erkenntnis als auf Empfinden aus sein. Das mindert nicht die Bedeutung des Schönen. Das Hässliche – sei es noch so effektvoll, originell, beeindruckend – ist das junk food der Seele.

Was ist denn nun so übel an den Philodoxen? Voegelin hält fest, dass große Verbrechen von großen Menschen begangen werden, die korrumpiert wurden. Diese Korruption hat nichts mit Bargeld in Kuverts zu tun, sondern mit dem Brechen des Seins und seiner zeitlosen Maßstäbe. Diese Korruption erfolgt laut Platon in der Interpretation Voegelins durch den Anpassungsdruck an weltliche Interessen. Das Problem der Sophisten liegt nicht darin, dass sie Geld verdienen, sondern dass sie ihre Seele dafür prostituieren. Sie betreiben Meinungsbewirtschaftung:

Die einzelnen Sophisten, die für Geld unterrichten, haben keine eigene Lehre, sondern geben die Meinungen (dogmata) der Menge wieder; und das nennen sie dann ihre Weisheit. Der professionelle Sophist gleiche eher einem Mann, der ein „großes Untier“ hüten muß; er studiere die Gewohnheiten des Tieres und versuche herauszufinden, wie es zu lenken sei. Gutes sei, was das Untier mag, und Böses das, was sein Gemüt erregt. Die Kritik Platons hat endlich ihr wahres Ziel erreicht, die korrupte Gesellschaft, das große Untier selbst. Die doxische Geistesverfassung einzelner Individuen ist nicht von entscheidender Bedeutung. Erst wenn die breite Masse der Gesellschaft korrupt ist, wird die Lage wirklich kritisch, weil sich dann durch den sozialen Druck, der auf die jüngere Generation und insbesondere auf die begabtesten Männer ausgeübt wird, der doxische Zustand selbst perpetuiert. (Voegelin 2002: 106f)

Das klingt prophetisch. Der Philodox ist von Angst erfüllt. Das Untier ist die „öffentliche Meinung“, genauer gesagt: die Meinung derjenigen, die für das eigene Fortkommen wichtig scheinen. Gut und Böse sind nicht mehr durch Betrachten der Realität und Nachdenken zu erkennen, sondern durch Gemütsregungen – das Gute wird geliked, das Böse löst shitstorms aus. Es wird viel wichtiger, wer etwas vertritt, als was er vertritt. Überall nehmen die Sorgen zu, welche Positionen welchem Lager nutzen und von diesem missbraucht werden könnten. Darum braucht es keine Zensur, die Selbstzensur greift um sich. Diese sieht nach Verschwörung aus, ist aber bloß Korruption – im eigentlichen, tieferen Sinne. In dem Sinne, in dem Österreich korrupter wurde: sich die Menschen immer weniger trauten, frei zu sprechen. Nun bricht diese Korruption auf, die Unruhe steigt. Leider sammelt es sich dabei meist um zwei Untiere, die sich spiegeln und die Fratze im Spiegelbild wütend anbellen.

In London raunten sich die Lager von zwei Schiffen auf der Themse wütend zu: Auf einem Schiff – dem größeren, teureren, nobleren – Vertreter einer arroganten Oberschicht, die sich für besonders alternativ und aufgeklärt hält, auf dem anderen Populisten mitsamt weißer Unterschicht, deren letzter Stolz ein unverdienter Nationalstolz ist. Das britische Imperium ist niedergegangen, die größten britischen Städte befinden sich heute in anderen Sphären: Shanghai, Hongkong, Bombay, Delhi, Melbourne, Kapstadt. Zum Glück befindet sich das historische Zentrum dieses Imperiums in Insellage, darum sieht es nach Kontinuität aus. Das heutige Kleinbritannien hat mit dem britischen Imperium aber so wenig zu tun wie der Staat „Österreich“ mit der einstigen Vielvölkermonarchie des Ostreichs. Wer hoch steigt, fällt tief. Die britische Unterschicht befindet sich auf besonders tiefer kultureller Stufe, darum fiel es den Eliten des Landes leicht, sich von der heimischen Bevölkerung abzuwenden.

Die Schotten zeigen das deutlich: Nach der schottischen Aufklärung, die Schottland zum wissenschaftlich, kulturell und unternehmerisch führenden Land der Welt machte, profitierten die Schotten in besonderen Ausmaß von der globalen Reichweite des britischen Imperiums und damit von der Union. Nach dem Ende des Empires fanden viele Schotten in der EU ein Ersatz-Imperium. Als selbstbewusste Grenzregion wurden sie mit Transferzahlungen bei Laune gehalten. Das einst unternehmerische Schottland ist heute als ganzes Land Sozialhilfeempfänger (88 Prozent der Schotten sind einer Schätzung nach Nettotransferleistungsbezieher). Das Pseudo-Imperium der EU kam den Schotten gerade recht, um nicht das letzte Selbstwertgefühl zu verlieren. Darum stimmten sie mehrheitlich für Bremain und reagieren nun so scharf auf den Brexit: nur noch britische Tristesse ohne pseudo-imperiale Überdeckung erscheint ihnen als unerträgliche Aussicht – nicht ganz zu Unrecht. Trotzdem korreliert die Elitenposition auch hier mit Nettotransferleistungsbezug.

Peter Taschler, Tiroler Unternehmer und einer der Gesellschafter des scholarium, erzählt von einem ähnlichen Prozess in Südtirol. Um die einst renitenten und autonomen Südtiroler gefügig zu halten, hat sie der italienische Staat mit Transfers eingedeckt. Nun, so Peter, sei der Ethos des Landes völlig am Boden, die Bevölkerung sei verbeamtet und habe den Etatismus mit der Flasche der Transfers aufgesogen. Kein Zweifel kann darüber bestehen, dass bei einem Italexit die Südtiroler mehrheitlich dagegen stimmen würden.

Das scheint das Paradoxon aufzuklären, warum die nationalistischeren Schotten internationalistischer abstimmten. Doch das Paradoxon ist eigentlich keines, denn Nationalismus und Inter-Nationalismus sind so wenig Gegensätze wie Faschismus und Anti-Faschismus. Damit ist natürlich nicht der authentische Widerstandskampf gegen die totalitären Entwicklungen des letzten Jahrhunderts gemeint, den Liberale, Sozialdemokraten, Konservative und Reaktionäre gelegentlich führten (wobei keine Ideologie frei von Schuld blieb), sondern die moderne Rationalisierung der Gewalt gegen Andersdenkende – im Sinne der Warnung, die Ignazio Silone gegenüber dem Schweizer François Bondy getätigt haben soll:

Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: „Ich bin der Faschismus“. Nein, er wird sagen: „Ich bin der Antifaschismus“.

Sowohl der Nationalismus des 19. Jahrhunderts als auch der Inter-Nationalismus des 20. Jahrhunderts waren philodoxe Trends, sich selbstverstärkende Meinungswettläufe aufgrund von Aufstiegsgier und Abstiegsangst. Meinungen ohne skin in the game – wie Nicholas Taleb sagt, der besonders nachdrücklich vor den Meinungsbewirtschaftern, den „intellektuellen Trotteln“ (IYI - intellectual yet idiot) warnt – führen zu Interventionismus, zur maßlosen Besserwisserei, die niemanden in Frieden lassen kann. Das, so verteidigt Voegelin Platon, sei die Essenz seiner Gesellschaftskritik:

Das der Ordnung zuträgliche Prinzip, das von Anfang an gegenwärtig ist und sich später in die Tugend der Gerechtigkeit verwandelt, liegt darin, seine Aufmerksamkeit auf das Gewerbe zu richten, für das man besonders begabt ist. Sein eigenes Gewerbe zu vernachlässigen und sich in Dinge einzumischen, die von Natur aus die besondere Pflicht eines anderen Menschen sind, wird die Wirksamkeit der Ordnung vermindern und sie letztlich zum Einsturz bringen. Das Ergebnis dieser Konstruktion ist eine einfache Gemeinschaft freier Bauern, Handwerker und Kleinhändler, die weder reich noch arm sind, und die Geburtenkontrolle betreiben, damit sie das Bevölkerungswachstum nicht eines Tages in die Zwangslage bringt, zwischen Armut oder militärischer Expansion zu entscheiden. Das ist die Gemeinschaft, die Sokrates wahr und gesund nennt. (Voegelin 2002: 127)

Die Erwähnung der Geburtenkontrolle mag in diesem Zusammenhang absurd scheinen, als Hinweis auf platonischen Totalitarismus, den Voegelin doch nicht ganz aussparen konnte. Tatsächlich ist diese Erwähnung wohl dem malthusianischen Zeitalter geschuldet, aus dem nicht einmal eine der höchsten Kulturen ausbrechen konnte, die der Mensch je entwickelt hat. Ausgebrochen ist der Mensch aus dem Teufelskreis ausgerechnet auf den britischen Inseln.

Filthy Brits

Warum ausgerechnet die Briten? Trotz der statischen Lebensbedingungen der vorindustriellen Welt traten, vor allem in England, bis 1800 einige deutliche Veränderungen auf. Gregory Clark macht folgende Feststellungen:

Irgendwie ist bis 1800 eine ganz andere Gesellschaft entstanden, zumindest in manchen Teilen Europas. Die Kapitalerträge waren fast auf moderne Stände gefallen, der Arbeitseinsatz war viel höher als in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, die Leistungsprämien für Fertigkeiten sanken, die zwischenmenschlichen Gewaltraten gingen zurück, die Lese-, Schreib- und Rechenkompetenz stieg an. Länder wie England wurden auf zunehmend stereotype Weise auf allen Ebenen der Gesellschaft mittelständisch. (Clark 2007: 182)

Die Schrift nahm also eine immer wichtigere Rolle in Gesellschaft und Wirtschaft ein. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Fortpflanzung:

Lese-, Schreib- und Rechenkompetenz, die vorher irrelevant war, half nun dabei, wirtschaftlichen Erfolg in agrarischen vorindustriellen Volkswirtschaften zu erreichen. Und da der Fortpflanzungserfolg an den wirtschaftlichen Erfolg geknüpft war, wurde die Fertigkeit im Umgang mit Zahlen und Wörtern in seinem Gefolge nachgezogen. Geduld und harte Arbeit hatten in einer Gesellschaft mit großen Kapitalbeträgen eine neue Belohnung gefunden; daher wurden diese Charakteristika nun also auch bevorzugt. (Clark 2007: 185)

Vor der Industriellen Revolution schreibt Clark den Städten und der zunehmenden Urbanisierung eine paradoxe Rolle zu – ganz im Gegensatz zur direkt positiven Interpretation von Smith. Die Städte hätten die Sterberaten erhöht, was – so die etwas zynische Interpretation – im malthusianischen Zeitalter den Wohlstand pro Kopf (der Überlebenden) ansteigen ließ:

Bis 1800 waren die Niederlande und England die urbanisiertesten Länder Europas. Die Belege von Erblassern und aus Kirchenbüchern deuten darauf hin, dass hohe Urbanisierungsraten dabei halfen, die Fertilität unten zu halten und die Sterberaten in die Höhe zu treiben, was die hohen Einkommen aufrechterhielt. \[...\] Die Existenz Londons alleine trieb die Auflistung der Sterberate in England um zehn Prozent nach oben. (Clark 2007: 108)

Je größer also die Städte waren und je mehr Menschen dort im Vergleich zum Land lebten, desto weniger Kinder wurden geboren und desto mehr Leute starben. Da es somit in jenen urbanisierteren Gesellschaften weniger Menschen und demnach auch weniger Münder zu füttern gab, konnte ein höherer Lebensstandard erzielt werden. Die malthusianische Falle schnappte also nicht bzw. weniger stark zu – natürlich nur für die Überlebenden.

Auch die damaligen hygienischen Umstände waren von Bedeutung. Hierbei gab es deutliche Unterschiede zwischen Europa und Asien:

Die hohen Lebensstandards für Europäer im Vergleich zu Asiaten wurden auch durch einen anderen Faktor begünstigt, und zwar, dass über das vorindustrielle Zeitalter hinweg die Europäer – nach modernen Maßstäben wie auch jenen des vorindustriellen Chinas und Japans – ein schmutziges Volk waren, das in Dreck und Elend lebte. Die niedrigen Standards persönlicher und gemeinschaftlicher Hygiene sind im vorindustriellen Europa überall erkennbar. Tatsächlich hoben die Reisetagebücher europäischer Besucher in Japan zwischen 1543 und 1811 häufig die extreme Sauberkeit des Landes nach damaligen europäischen Maßstäben hervor. (Clark 2007: 108)

Da die Engländer also ein besonders schmutziges Volk waren, überlebten weniger von ihnen, als es in Asien der Fall war. Diejenigen, die allerdings überlebten, lebten auf höherem Niveau, da für sie mehr vom (wenn auch etwas ekeligen) Kuchen übrigblieb. Laut Clark hatte die Schmutzigkeit vor allem kulturelle Gründe und diese wirkten sich dann auch ökonomisch aus. Dies führt zu einer wunderbaren Veranschaulichung der auf Carl Menger zurückgehenden subjektiven Werttheorie der Wiener Schule – was für den einen wertvoller Dünger, ist für den anderen nur stinkender Mist:

Ein entscheidendes ökonomisches Problem für die Hygiene im vorindustriellen Europa war, dass die menschlichen Ausscheidungen kaum bzw. keinen Marktwert hatten, da es gesellschaftlich nicht akzeptiert war, sie als wertvolle Düngemittel, die sie für Ackerland und Garten gewesen wären, zu nutzen. Alan MacFarlane merkt an, dass „wo man in Japan Fäkaldünger zur Abgeltung der Miete nutzen konnte, musste man in England dafür zahlen, dass es weggeschafft wurde.“ Ihre Entsorgung war demnach ein wesentliches soziales Problem in Europa. \[...\] Im Gegensatz dazu waren in China und Japan menschliche Ausscheidungen, sowohl Urin als auch Fäkalien, wertvolles Eigentum, das Hauseigentümer an Landwirte verkauften und um deren Einsammlungsrechte verschiedene Gruppen konkurrierten. (Clark 2007: 109)

England hatte also schon Ende des 18. Jahrhunderts einen höheren Lebensstandard als andere Teile der Welt. Doch wie kam es in der Folge zum Ausbruch aus der malthusianischen Falle? Wie ist dieser enorme Zuwachs an materiellem Wohlstand zu erklären? Und warum geschah dies gerade auf einer kleinen Insel im Nordwesten Europas?

Für Gregory Clark sind vor allem zwei Faktoren verantwortlich, die zusammen für den dramatischen Wohlstandsgewinn sorgten: schnellere Produktivitätszuwächse gepaart mit einer damit allerdings nicht zusammenhängenden unerwarteten Bevölkerungsexplosion zwischen 1750 und 1870. Er kommt zu folgendem Schluss:

Großbritanniens Aufstieg zur Weltherrschaft war also eher ein Produkt der Schlafzimmerarbeiten britischer Arbeiter als ihrer Mühen in den Fabriken. Die englische Bevölkerung stieg von sechs Millionen in den 1740ern – nicht mehr als das mittelalterliche Maximum in den 1300er Jahren – auf zwanzig Millionen in den 1860ern, mehr als das Dreifache. Andere Länder in Europa erfuhren weit weniger starke Bevölkerungszuwächse. Die Franzosen wuchsen etwa während desselben Zeitraums nur von 21 auf 37 Millionen. Außerdem fügte die Ausdehnung der Vereinigten Staaten Richtung Westen beständig immer mehr landwirtschaftliche Ertragsflächen zur Weltwirtschaft hinzu. England wurde also von einem Land, dessen Fläche pro Person in den 1760ern ähnlich der seiner Handelspartner war, zu einem Land, das in den 1860ern signifikant weniger Fläche pro Person hatte als all seine Handelspartner. Die Bevölkerungsexplosion scheint in keiner Weise mit den Produktivitätsgewinnen in der Textil-, Dampf-, Eisenindustrie und der Landwirtschaft, die die Industrielle Revolution ausmachten, zusammenzuhängen. Zunächst einmal war das Wachstum der Bevölkerung schon lange, bevor es signifikante Produktivitätszuwächse in irgendeinem Sektor gab, in Gange. In den 1790ern war die Bevölkerungszahl bereits 37 Prozent höher als in den 1740ern. Deshalb sah Malthus, der in den 1790ern schrieb, nur ein Problem in der Überbevölkerung und keines im Bevölkerungswachstum, das durch wirtschaftliche Veränderungen getrieben war. Da die Sterblichkeit im Zeitraum der Industriellen Revolution nur wenig abnahm, ist der Großteil des Bevölkerungswachstum auf einen Anstieg der Fruchtbarkeit zurückzuführen. (Clark 2007: S. 241)

Die Fertilitätsrate in England stieg zwischen 1650 und 1800 um etwa 40 Prozent. Den Grund für das steigende Bevölkerungswachstum sieht Clark vor allem in einer größeren Heiratsbereitschaft der Frauen. So sank zum einen das Heiratsalter englischer Frauen (für etwa 20 Prozent Anstieg der Fertilitätsrate verantwortlich). Zum anderen nahm auch die Anzahl der Frauen ab, die nie in den Bund der Ehe eintraten (für 12 Prozent Anstieg verantwortlich). Noch 1650 war ein Fünftel der englischen Frauen unverheiratet; im frühen 18. Jahrhundert sank dieser Wert auf ein Zehntel. Darüber hinaus kam es auch zu mehr unehelichen Geburten (für fünf Prozent Anstieg verantwortlich).

Dieser Anstieg der Geburtenzahl hängt laut Clark allerdings nicht direkt mit den technologischen Fortschritten der Zeit zusammen. Er liefert dafür eine mögliche andere Erklärung:

Die Ursachen dieser Veränderungen in der Eheschließung scheinen nicht wirtschaftlicher Natur zu sein. Sie traten sowohl im Norden als auch im Süden Englands auf, obwohl der Norden im Zuge der Industriellen Revolution deutlich gewandelt wurde, und der Süden davon weitgehend unberührt blieb. Sie traten sowohl in Gemeinden auf, in denen landwirtschaftliche Beschäftigung vorherrschte, als auch in Gemeinden, die hauptsächlich mit Handel, Handwerk und Produktion beschäftigt waren \[...\]. Das einzige Merkmal dieses Zeitraums, das die frühere und häufigere Eheschließung erklären könnte, ist die Abnahme der Müttersterblichkeit. \[...\] Bis 1800 hatte das Sterberisiko bei einer Schwangerschaft um zwei Drittel \[im Vergleich zum 17. Jahrhundert\] abgenommen, auch wenn die Gesamtsterblichkeit nur leicht sank. (Clark 2007: 243)

Komplexe und Paradoxa

Gregory Clarks Wirtschaftsgeschichte unterscheidet sich deutlich von Fergusons Ausführungen – seine Darstellungen sind verwirrender, paradoxer, komplexer und politisch unkorrekter. Das spricht dafür, dass sie größeren Erkenntnisgewinn bieten. Auch Ferguson betont die Komplexität der Geschichte, interpretiert diese aber als Volatilität. So beschreibt er Zivilisationen als komplexe Systeme, die von scheinbarer Stabilität plötzlich in kritische Phasen übertreten können. Er bezieht sich dabei auch auf Carroll Quigley, der in einer Lebenszyklustheorie Zivilisationen einen Entwicklungsprozess durchlaufen sieht, der sieben Lebensalter aufweise: Vermischung, Reifung, Expansion, Konflikt, Universalreich, Verfall und Invasion. Ferguson schildert die krisenhaften Übergänge wie folgt:

Wie ich in diesem Buch zu zeigen versuchte, sind Zivilisationen und Kulturen höchst komplexe Systeme, die aus einer sehr hohen Zahl interagierender Komponenten bestehen, die asymmetrisch organisiert sind und damit eher einem namibischen Termitenhügel als einer ägyptischen Pyramide ähneln. Sie operieren „am Rande des Chaos“, wie es der Informatiker Christopher Langton ausdrückte. Solche Systeme arbeiten eine ganze Zeitlang scheinbar stabil und befinden sich allem Anschein nach in einem Gleichgewicht. In Wirklichkeit passen sie sich jedoch ständig an. Dann kommt jedoch der Punkt, an dem sie „in eine kritische Phase geraten“. Eine leichte Störung kann einen „Phasenübergang“ von einem „günstigen Gleichgewicht“ in eine Krise bewirken – ein einziges Sandkorn lässt dann eine scheinbar stabile Sandburg in sich zusammenstürzen. (Ferguson 2011: 441)

Der Untergang des Römischen Reiches etwa lief in dramatischer Schnelle ab:

In nur fünf Jahrzehnten ging die Einwohnerzahl der Stadt Rom um drei Viertel zurück. Archäologische Zeugnisse aus dem späten 5. Jahrhundert – ärmlichere Wohnbauten, primitivere Töpferwaren, weniger Münzen, kleinere Hausrinder – zeigen, dass der zivilisatorische Einfluss Roms im übrigen Westeuropa schnell schwand. Was ein Historiker das „Ende der Zivilisation“ nannte, trat tatsächlich innerhalb einer einzigen Generation ein. (Ferguson 2011: 430)

Auch andere Zivilisationen erlebten ähnlich schnelle Zusammenbrüche. Ferguson führt weitere Beispiele an:

Im Jahr 1530 beherrschten die Inka alles, was sie von ihren hochgelegenen Andenstädten aus sehen konnten. In weniger als einem Jahrzehnt hatten danach ausländische Invasoren mit ihren Pferden, ihrem Schießpulver und ihren tödlichen Krankheiten das gesamte Reich vollständig zerschlagen. Auch die Herrschaft der Ming-Dynastie in China brach Mitte des 17. Jahrhunderts mit außerordentlicher Geschwindigkeit zusammen. Auch hier dauerte der Übergang von einem Gleichgewichtszustand zur Anarchie wenig mehr als ein Jahrzehnt. Auf weitgehend ähnliche Weise legte die Dynastie der Bourbonen den Weg von ihrem letzten Triumph bis zu ihrem Untergang im Terror der Revolution mit erstaunlicher Geschwindigkeit zurück. Das Eingreifen der Franzosen auf der Seite der Aufständischen gegen die britische Kolonialherrschaft in Nordamerika schien in den 1770er Jahren eine gute Idee zu sein, brachte tatsächlich jedoch die französischen Finanzen endgültig in einen kritischen Zustand. Die Einberufung der Generalstände im Jahr 1789 löste eine politische Kettenreaktion aus, die zu einem solch schnellen Verfall der königlichen Legitimität führte, dass bereits vier Jahre später der König durch eine Guillotine enthauptet wurde, ein Hinrichtungsgerät, das seinerseits erst im Jahr 1791 erfunden worden war. Als die Jungtürken-Bewegung im Jahr 1908 an die Macht kam, schien das Osmanische Reich noch reformierbar zu sein. Als der letzte Sultan im Jahr 1922 Istanbul an Bord eines britischen Kriegsschiffs verließ, war es für immer verschwunden. Das japanische Imperium erreichte im Jahr 1942 nach Pearl Harbor seine größte territoriale Ausdehnung. Im Jahr 1945 existierte es bereits nicht mehr. Auch über dem britischen Empire ging die Sonne mit vergleichbarer Geschwindigkeit unter. Im Februar 1945 trat Premierminister Winston Churchill noch als einer der „Großen Drei“ auf der Weltbühne auf und entschied zusammen mit dem US-Präsidenten Franklin Roosevelt und dem Sowjetführer Joseph Stalin in Jalta über das Schicksal ganzer Nationen. Kaum war der Krieg zu Ende, fegten ihn die britischen Wähler aus dem Amt. In den darauffolgenden zwölf Jahren entließ das Vereinigte Königreich Burma, Ägypten, Ghana, Indien, Israel, Jordanien, Malaya, Pakistan, Ceylon und den Sudan in die Unabhängigkeit. Die Suezkrise von 1956 bewies, dass Großbritannien im Nahen Osten nichts mehr gegen den Willen der Vereinigten Staaten unternehmen konnte. Dies besiegelte das Ende des Empire. \[...\] Im Jahr 1500 lagen die zehn größten Städte der Welt fast alle noch im Osten, wobei Peking die bei weitem größte war (mehr als zehnmal so groß wie das kleine, mickrige London). Im Jahr 1900 lagen die größten Städte fast alle im Westen. Dabei war London viermal so groß wie Asiens größter urbaner Ballungsraum Tokio. Die Divergenz hatte auch eine geopolitische Dimension. Wir haben gesehen, dass die zehn europäischen Königreiche, die zu den Weltreichen der Moderne werden sollten, im Jahr 1500 ein Zwanzigstel der globalen Landoberfläche einnahmen, 16 Prozent der Weltbevölkerung beherbergten und für etwas mehr als 20 Prozent der globalen Produktionsmenge verantwortlich waren. Im Jahr 1913 beherrschten dieselben Länder, plus die Vereinigten Staaten, 58 Prozent der globalen Landfläche, 57 Prozent der Weltbevölkerung und erwirtschafteten 74 Prozent des globalen BIP – von dem nur 16 Prozent auf ihre überseeischen Besitzungen entfielen. Die Welt war in dieser Zeit durch eine ungeheure Kluft zwischen dem Westen und dem Rest gekennzeichnet, die auch in Theorien über eine Überlegenheit der weißen Rasse und zahlreichen formellen und informellen Hindernissen für Fortschritt und Entwicklung der Nicht-Weißen ihren Ausdruck fand. (Ferguson 2011: 445ff)

Die Dominanz des Abendlandes scheint nun ihrem Ende zuzugehen. Bis heute ist der Aufstieg unverstanden. In den letzten Scholien beschrieb ich den Zyklus des Übergangs von Phasen offenen Plünderns zu Phasen versteckten Plünderns – und retour. Alan MacFarlane geht in seinem Buch The Riddle of the Modern World, das sich dem Rätsel des abendländischen Aufstiegs widmet, so weit, den oben ausgeführten Plünderkreislauf noch paradoxer zu deuten – als eine Plünderbalance:

All das erinnert uns daran, dass alles an den Zusammenhängen und Balancen hängt. Zu wenig Raub kann genauso schlecht sein wie zu viel, zu viel Produktion kann Menschen genauso versklaven wie zu wenig. Die Größe des Menschen liegt, wie Pope erkannt hat, genau in seinen Widersprüchen, in den Spannungen seiner Natur und seiner Gesellschaft. Das Rätsel seines Erfolgs wird nicht dadurch gelöst, diese Spannungen zu beseitigen, sondern indem man ihnen gegenübertritt und sich an ihnen erfreut. Die puritanische Botschaft endlosen Kampfes im Innern des Menschen und zwischen Mensch und Natur ist ein Versuch, diese Botschaft zu erfassen. (MacFarlane 2000: 287)

MacFarlane bezieht sich dabei auf ein bekanntes Gedicht des englischen Dichters Alexander Pope aus dem Jahre 1732, das namensgebend für MacFarlanes Buch war:

Know then thyself, presume not God to scan,\ The proper study of mankind is man.\ Placed on this isthmus of a middle state,\ A being darkly wise, and rudely great: With too much knowledge for the sceptic side,\ With too much weakness for the stoic’s pride.\ He hangs between; in doubt to act, or rest;\ In doubt to deem himself a god, or beast;\ In doubt his mind or body to prefer;\ Born but to die, and reasoning but to err;\ Alike in ignorance, his reason such,\ Whether he thinks too little, or too much: Chaos of thought and passion, all confused;\ Still by himself abused, or disabused;\ Created half to rise, and half to fall;\ Great lord of all things, yet a prey to all;\ Sole judge of truth, in endless error hurl’d;\ The glory, jest, and riddle of the world!

(MacFarlance 2000: 1)

Erkenn Dich selbst, erforsch nicht Gottes Kraft!\ Der Mensch ist erstes Ziel der Wissenschaft.\ Er steht am Isthmus, ist ein Mittelding –\ an Größe grob, an Weisheit Däumeling.\ Für einen Skeptiker ist er zu klug,\ für einen Stoiker nicht stolz genug.\ Er hängt dazwischen, ist des Zweifels voll,\ ob er nun handeln oder nichts tun soll,\ ob er mehr Geist, mehr Leib, mehr Tier, mehr Gott.\ Im Denken irrt er, lebt nur für den Tod;\ bleibt ohne Wissen, bringt er auch ins Spiel\ Vernunft zu wenig oder gar zu viel.\ In ihm Gefühl und Geist als Chaos gärt,\ durch sich wird er getäuscht und aufgeklärt.\ Geschaffen für den Aufstieg und den Fall,\ Herr aller Dinge, Beute auch für all’.\ Der Wahrheitshüter, der dem Trug verfällt,\ der Stolz und Witz, das Rätsel dieser Welt!

(Pope 1993: 93)

Die Widersprüchlichkeit und Rätselhaftigkeit des Menschen ist eine wesentliche Erkenntnis realistischer Sozialwissenschaft, die nicht in einer Anmaßung von Wissen den Menschen zu einem Modellmenschen vereinfacht. MacFarlance beruft sich in seinem Werk auf Baron de Montesquieu, Adam Smith, Alexis de Tocqueville und Ernest Gellner – allesamt Vorläufer bzw. Weggefährten jener Denktradition, die im alten Österreich eine besondere Hochblüte erreichen sollte – das, was ich Anglo-Austrian Enlightenment nannte (Montesquieu beschrieb England, Tocqueville Amerika). MacFarlanes Vermutung, dass es auch zu wenig Plündern geben könnte, sieht auf den ersten Blick wie ein absurder etatistischer Denkfehler aus. Das Argument ähnelt dem Denkfehler des Gradualismus: Dabei wird ein ungerechtes Extrem zur Herleitung einer vermeintlich moderaten Position bemüht.

MacFarlane meint aber eigentlich anderes; er bezieht sich auf Montesquieus Feststellung, dass sich zu viel Wohlstand negativ auf die Moral auswirke, also eine gewisse Wohlstandsverwahrlosung oder Dekadenz einsetze. Laut Montesquieu seien deshalb auch liberalere Staaten weniger dauerhaft als despotischere:

Was freie Staaten eine kürzere Zeit bestehen lässt als andere, ist die Tatsache, dass sowohl die Unglücke als auch die Erfolge, die sie erfahren, fast immer dazu führen, dass sie ihre Freiheit verlieren. In einem Staat, in dem die Menschen unterworfen werden, bekräftigen Erfolge und Unglücke jedoch gleichermaßen ihre Knechtschaft. Eine weise Republik sollte nichts riskieren, das sie entweder Glück oder Unglück aussetzt. Das einzige Gut, nach dem sie streben sollte, ist die Aufrechterhaltung seines Zustands. Falls die Größe des Imperiums die Republik zerstört hat, hat die Größe der Stadt die Republik nicht weniger ruiniert. (Montesquieu 1734: 92)

Der Untergang des Römischen Reiches hätte demnach mit der zunehmenden Größe des Imperiums zu tun gehabt, die mit einem Verlust von Bürgergeist einhergegangen war:

Als die Herrschaft Roms auf Italien begrenzt war, konnte die Republik sich leicht aufrechterhalten. Ein Soldat war gleichermaßen auch ein Bürger. Jeder Konsul stellte eine Armee auf, und andere Bürger zogen ihrerseits wiederum unter seinem Nachfolger in den Krieg. Da die Anzahl der Truppen nicht übermäßig war, wurde darauf geachtet, dass nur Leute in die Miliz aufgenommen wurden, die genug Eigentum besaßen, um ein Interesse am Erhalt der Stadt zu haben. Schlussendlich war der Senat in der Lage, das Verhalten der Generäle zu überwachen und jedweden Gedanken an eine Verletzung ihrer Pflicht zu beseitigen. Aber als die Legionen die Alpen und das Meer überquerten, verloren die Krieger, die in den Ländern, die sie für die Dauer mehrerer Feldzüge unterwarfen, zurückgelassen werden mussten, allmählich ihren bürgerlichen Geist. Und die Generäle, die Armeen und Königtümer beseitigten, spürten ihre eigene Stärke und konnten nicht länger gehorchen. (Montesquieu 1734: 91)

Individualismus

Tocqueville war ähnlich skeptisch hinsichtlich des Materialismus wohlhabender Zivilisationen, in denen sich bald alles nur noch um den Komfort des Einzelnen drehe – was letztlich die Freiheit des Einzelnen bedrohe. Den modernen Individualismus hält er für einen Irrtum – obwohl er einer der größten Verteidiger individueller Freiheit war. Er wittert hinter dem Begriff eben ein neueres Phänomen des ausschließlichen Bezugs der Menschen auf sich selbst, der sich noch nicht einmal als Egoismus erkennt:

Der „Individualismus“ ist ein noch junger Ausdruck, der aus einer neuen Vorstellung hervorgegangen ist. Unsere Vorfahren kannten nur die Selbstsucht.

Die Selbstsucht ist eine leidenschaftliche und übersteigerte Liebe zu sich selber, die den Menschen dazu treibt, alles nur auf sich zu beziehen und sich selbst vor allem den Vorzug zu geben.

Der Individualismus ist ein überlegendes und friedfertiges Gefühl, das jeden Bürger drängt, sich von der Masse der Mitmenschen fernzuhalten und sich mit seiner Familie und seinen Freunden abzusondern; nachdem er sich eine kleine Gesellschaft für seinen Bedarf geschaffen hat, überlässt er die große Gesellschaft gern sich selbst.

Die Selbstsucht entspringt einem blinden Trieb; der Individualismus geht mehr aus einem irrigen Urteil als einem entarteten Gefühl hervor. Er entspringt ebenso sehr den Mängeln des Geistes wie den Fehlern des Herzens. (Tocqueville 1840: 147f)

Individualismus ist bei Tocqueville eindeutig negativ konnotiert. Individualismus sei sogar schlechter als die Selbstsucht, da er auf einem Verstandesfehler beruht. Dieser Fehler bestehe offenbar in dem Missverständnis, dass der Rückzug ins Private im eigenen Interesse liege. Dem Individualismus (und der Selbstsucht) steht der „wohlverstandene Eigennutz“ gegenüber. Im „wohlverstandenen Eigennutz“ liege es auch, eine Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. Interessanterweise sollen das die Amerikaner selbst erkannt haben, wie Tocqueville in dem Kapitel „Wie die Amerikaner den Individualismus durch die Lehre vom wohlverstandenen Eigennutz bekämpfen“ ausführt:

In den Vereinigten Staaten sagt man kaum, die Tugend sei schön. Man versichert, dass sie nützlich ist, und man beweist es täglich. Die amerikanischen Moralisten behaupten nicht, dass man sich für seine Mitmenschen opfern müsse, weil dies eine große Tat sei; aber kühn erklären sie, dass solche Opfer für denjenigen, der sie auf sich nimmt, ebenso nötig seien wie für den, dem sie zugutekommen. (Tocqueville 1840: 180)

Das Vorurteil, wonach die Amerikaner weniger Sinn für die Gesellschaft hätten, weist Tocqueville daher zurück. Sie stehen, was die Eigennützigkeit angeht, den Franzosen um nichts nach. Tocquevilles Kritik am Individualismus ist daher alles andere als ein moralisierender Aufruf zu mehr Gemeinsinn. Eine gemäßigte Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen, sei vielmehr ein Teil des wohlverstandenen Eigeninteresses. Dem Eigeninteresse zu folgen, sei dabei nichts Unmoralisches, im Gegenteil, es könne sogar als ein Teil einer realistischen Moral angesehen werden:

Die Lehre vom wohlverstandenen Eigennutz löst keine großen Opfertaten aus, regt aber täglich zu kleinen Opfern an; für sich allein vermag sie den Menschen nicht zur Tugend zu führen; sie formt aber eine Menge Bürger, die ordentlich, mäßig, ausgeglichen, vorsorgend, selbstbeherrscht sind; und lenkt sie auch nicht unmittelbar durch den Willen zur Tugend, so führt sie durch Gewöhnung nahe an sie heran.

Gelangte die Lehre vom wohlverstandenen Eigennutz in der sittlichen Welt zu völliger Herrschaft, so wären die ungewöhnlichen Tugenden zweifellos seltener. Aber dann wäre, denke ich, auch die grobe Sittenverderbnis weniger verbreitet. Die Lehre vom wohlverstandenen Eigennutz hält vielleicht einige Menschen davon ab, sich hoch über den gewöhnlichen Stand der Menschheit zu erheben; eine große Zahl anderer aber, die unter diese Stufe herabsanken, treffen auf sie und halten sich an ihr fest. Im Hinblick auf wenige einzelne bedeutet sie ein Absinken. Betrachtet man die Gattung, ist es ein Emporheben.

Ich scheue mich nicht zu sagen, dass mir die Lehre vom wohlverstandenen Eigennutz von allen philosophischen Lehren den Bedürfnissen der Menschen unserer Zeit am besten angepasst scheint und dass ich darin die mächtigste Sicherung sehe, die ihnen gegen sich selbst bleibt. (Tocqueville 1840: 182)

Tocqueville ist einfach misszuverstehen, weil heute „Bürgergeist“ meist missverstanden wird: als lästiges Herumpolitisieren – Petitionen, Demos, Kampagnen, Kleinstparteien etc. Er kritisiert den Irrtum, die Freiheit als Konsumgut anzusehen, als eine komfortable Angelegenheit für die eigenen vier Wände. Gewiss ist es Essenz der Freiheit, in den eigenen vier Wänden sicher und frei zu sein, doch die Freiheit ist unbequem und mit Verantwortung verbunden.

Diese Verantwortung für die eigene Sicherheit und Freiheit (die, wie in den letzten Scholien ausgeführt, nicht im Widerspruch zueinander stehen, sondern einander bedingen) kann aus den Augen verloren gehen, wenn das Plündern in den Hintergrund tritt. Wenn die Beutetiere im Räuber-Beute-Problem die Angst vor den Raubtieren verlieren, weil sie deren Existenz vergessen haben, dann könnten sie eine besonders fette Beute abgeben, die nicht mehr durch die kurvigen Fluktuationen der Lotka-Volterra-Gleichungen beschrieben wird, sondern durch extrem kantige Diskontinuitäten: Katastrophen. Dieses Szenario habe ich als Gewaltzyklus beschrieben (und als literarisches Beispiel für Beute ohne Räuberkenntnis die Eloi erwähnt). Dabei habe ich aber die Möglichkeit ausgespart, dass ein gewisses Ausmaß an gewaltsamer Plünderung die nötige homöopathische Information sein könnte, die eine Gesellschaft zum langfristigen Bestehen benötige. Raubtiere halten Populationen gesund. Wäre es zynischer Darwinismus, diese Analogie auf menschliche Gesellschaften zu übertragen? Ließe sich damit Umverteilung legitimieren? Besonders schlaue, zynische Links-Etatisten argumentieren in der Tat, dass hohe Steuerquoten weniger effiziente und weniger innovative Unternehmen ausmerzen und dadurch die durchschnittliche Produktivität der Unternehmen erhöhen (sie formulieren es nur selten so klar).

Auf die erste Frage ist differenziert zu antworten: Zunächst darf es nur darum gehen, ob die Analogie eine reale Dynamik in menschlichen Gesellschaften beschreiben kann. Es muss dabei zwischen analytischer und normativer Perspektive dringend unterschieden werden – das ist die Wertneutralität der Wiener Schule. Aus den Paradoxa möglicher Plünderkreisläufe normative Empfehlungen abzuleiten, wäre ein Fehlschluss. Die Analyse kann aber zur Überprüfung normativer Annahmen und Schlüsse dienen.

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass es das Phänomen der Substitution gibt: Geschehen weniger Unfälle im Straßenverkehr, fahren die Menschen unvorsichtiger. Diese Feedback-Schleife führt – in ähnlicher Dynamik, wie sie die Lotka-Volterra-Gleichungen für Räuber- und Beutepopulationen zeigen – zu einer Annäherung der Unfallzahlen: Unter besonders chaotischen Verhältnissen („Straßenanarchie“) sind sie etwas niedriger als wir erwarten würden und unter besonders geregelten Verhältnissen (strenge Straßenverkehrsordnung als Alibi staatlicher Bereicherung) sind sie etwas höher als wir erwarten würden.

Die zweite Frage ist demnach klar zu verneinen: Analyse bedeutet nicht Legitimierung. Potentielle günstige Ergebnisse können ungerechte Handlungen nicht gerecht machen – das wäre kruder Konsequentialismus, der allerlei zynischen Gedankenspielen freie Bahn lässt. Zudem liegt noch eine analytische Unschärfe vor, die sich gerade daran zeigt, dass das steuerliche Plündern von den meisten Menschen nicht als solches erkannt wird. Ich nenne es versteckt, denn es benötigt deshalb kaum Gewalt. Der Begriff Plündern bezeichnet also zwei grundverschiedene Phänomene. Diese können am besten anhand ihrer zwei Idealtypen unterschieden werden: Beamte und Piraten. Erstere stehen für stationäres Banditentum, letztere für mobiles. Der Grund der Mobilität der letzteren ist allerdings, dass sie als Plünderer erkannt werden und ihnen die Menschen ausweichen – davonlaufen, ihr Vermögen verstecken, sich totstellen oder gar Widerstand leisten. Ein paar wenige leisten zwar auch den stationären Banditen Widerstand, doch sie scheitern an genau dem Denkfehler, den Tocqueville eigentlich meinte.

Widerstand

Die steigende Wut über die Verhältnisse weckt so manche Widerstandsgeister. Es brodelt, aber noch regt sich wenig. Der meiste Unmut lässt sich parteipolitisch kanalisieren. Sollte das nicht mehr gelingen, weil die Wahlergebnisse außerhalb des „Verfassungsbogens“ gedeutet werden oder die Politikverdrossenheit zu einer System­verdrossenheit wird, könnte die Frage des Widerstands und der Trennlinie zwischen legitimer und illegitimer Herrschaft wieder aktuell werden. Der sanfteste Wider­stand ist passiv und defensiv. Es ist der individuelle Ungehorsam, der sich weigert, in eine falsche Richtung hinterherzutrotten.

Henry David Thoreau beschrieb in seiner berühmten Schrift von 1849 eine Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. Diese Pflicht hat laut Thoreau den Preis, sich manchmal gegen Vermögensaufbau und weltlichen Erfolg entscheiden zu müssen:

Auch wenn ich mich mit dem freisinnigsten meiner Nachbarn unterhalte, stelle ich fest: was sie auch über die Bedeutung und den Ernst der Frage, über ihre Rücksicht auf die öffentliche Ruhe sagen mögen – die Sache läuft immer darauf hinaus, dass sie auf den Schutz der Regierung nicht verzichten wollen und sich vor den Folgen des Ungehorsams für ihr Eigentum und ihre Familie fürchten. Was mich betrifft, ich glaube nicht, dass ich mich je auf den Schutz des Staates verlassen werde. Wenn ich aber diese Staatsgewalt abweise, sobald sie mir die Steuerrechnung präsentiert, dann wird mir sofort mein Eigentum genommen, und ich und meine Kinder werden endlos gequält. Das ist hart. So wird es dem Menschen unmöglich gemacht, ehrlich zu leben und zugleich angenehm, was die äußeren Dinge anbetrifft. Es lohnt sich eben nicht, Eigentum zu erwerben, es würde sehr bald wieder verloren sein. Man muss irgendwo taglöhnern oder pachten, muss eine möglichst kleine Ernte ziehen und sie bald aufessen. Man muss für sich leben, sich nur auf sich selbst verlassen, immer das Bündel gepackt haben und bereit sein, fortzugehen, und nicht viele Geschäfte in Gang haben. Es kann einer auch in der Türkei reich werden, wenn er in jeder Hinsicht ein guter Untertan der türkischen Regierung sein will. Konfuzius sagte: „In einem Staat, der nach den Grundsätzen der Vernunft regiert wird, wird man sich für Elend und Armut schämen; in einem Staat, der nicht nach den Grundsätzen der Vernunft regiert wird, schämt man sich für Reichtum und Ruhm.“ Nein: solange ich nicht den Schutz des Staates Massachusetts in irgend­einem süd­lichen Hafen wünsche, wo meine Freiheit gefährdet ist, oder solange ich nicht darauf aus bin, mir hier durch friedliche Unternehmungen ein Verm­ögen aufzubauen, kann ich es mir leisten, dem Staat meine Loyalität und das Recht auf mein Eigentum und Leben zu verweigern. Mich kostet es in jeder Hinsicht weniger, die Strafe für Ungehorsam gegen den Staat an­zu­nehmen, als wenn ich gehorchen würde. Im zweiten Fall käme ich mir ärmer vor. (Thoreau 1849: 56ff)

Die US-amerikanische Autorin Claire Wolfe versuchte sich an dieser Problematik mit bitterernstem Hu­mor. Wolfe schrieb über die USA und für das dortige Publikum. Der Unterschied zur europäischen Lage liegt bloß in Nuancen, der Unterschied des Publikums aber ist beträchtlich. Sie schrieb für „libertäre Revolutionäre“. Für Wolfe sind die USA bereits am besten Wege zu einem „Faschismus“ – um das in den USA beliebte, aber etwas irreführende Etikett für einen militaristisch-autoritären Überwachungsstaat zu übernehmen. Bereits fast sprich­wörtlich ist Wolfes originelle Lagebeurteilung:

Amerika befindet sich auf jener ungünstigen Stufe. Es ist zu spät, um innerhalb des Systems zu wirken, aber zu früh, um die Arschlöcher zu erschießen. (Wolfe 2007)

Eine denkbar blöde Situation: An eine Revolution ist noch nicht zu denken, doch angehalten werden kann der Zug auch nicht mehr. Claire Wolfe bot als Hilfestellung dazu 101 Things to Do ’Til the Revolution bzw. in einer überarbeiteten Fassung „179 Dinge, die man vor der Revolution tun kann“. Der jüngere Titel gab die Losung aus: The Freedom Outlaw’s Handbook – in etwa: Handbuch für die Gesetzlosen der Freiheit.

Gesetzlos? Claire Wolfes Gedanke ist folgender: Wenn sich der Staat in Richtung Totalitarismus bewegt, werden Dinge wie Dissens, Eigeninitiative, private Laster und andere vollkommen rechtmäßige Aktivitäten zu gesetzlich verfolgten „Verbrechen“. Je totalitärer der Staat, desto mehr macht einen das Streben nach Freiheit zum Gesetzlosen. Wie bleibt man in einer solchen Situation bei Verstand und am Leben?

Jeder auf seine Weise. Claire Wolfe skizziert drei verschiedene Strategien für drei verschiedene Lebensentwürfe, die sie als die drei DisOrders bezeichnet. Erstens der „Agitator“ – jener risikobewusste Pionier, der das System offen kritisiert und herausfordert, Demonstrationen und Aktionismus organisiert und dafür sogar Haft in Kauf nimmt. Zweitens der „Geist“, der im Stillen Ungehorsam übt und Zweifel weckt. Hierbei legt Wolfe das Gewicht auf zwei Taktiken: jene der „aktiven Non-Kooperation“ und jene des Monkey-Wrenching, zu Deutsch: Sand ins Getriebe streuen. Drittens schließlich der „Maulwurf“, der innerhalb der konventionellen Strukturen agiert und diese Lage nützt, um jene außerhalb der Strukturen zu unterstützen oder gar Sabotage zu betreiben. Letzterer Lebensentwurf sei aufgrund der korrumpierenden Anreize des Systems allerdings etwas unwahrscheinlicher.

Sympathisch an der amerikanischen Tradition, in der Wolfe steht, ist der individualistische Ungehorsam, etwas bedenklich die Revolutionsrhetorik. Allfälliges europäisches Naserümpfen über solche Bedenklichkeit wird aber durch die Geschichte relativiert: Während die kontinentalen Revo­lutionen meist im Genozid endeten, war die amerikanische Revo­lution eigentlich eine anti­despotische „Konterrevolution“, wie Peter Drucker ausführt:

Die amerikanische Re­vo­lution beruhte auf Prinzipien, die völlig im Gegensatz zu jenen der \[kontinentalen\] Aufklärung und Französischen Re­vo­lution standen. Ihre Absicht und Folge war eine erfolgreiche Gegen­be­we­gung gegen den rationa­listischen Despo­ti­smus der Aufklärung \[…\]. Weit davon entfernt, eine Revolte gegen die alte Tyrannei des Feudalismus zu sein, war die amerikanische Revolution eine konservative Gegen­revolution im Namen der Freiheit gegen die neue Tyrannei des ratio­nalis­tischen Liberalismus und des aufgeklärten Des­po­tis­mus. (Drucker 1942: 15)

Wolfe beschrieb letztlich in weiten Teilen das, was der amerikanische Anarchist Samuel Edward Konkin III. Gegenökonomie (Counter-Economy) nannte. Seine Definition lautete wie folgt:

Die Gegenökonomie ist die Summe aller nicht­aggressiven mensch­lichen Handlungen, die durch den Staat verboten sind. Gegen­ökonomik ist das Studium der Gegen­ökonomie und ihrer Praktiken. Die Gegen­ökonomie umfasst den freien Markt, den Schwarz­markt, die „Unter­grund­wirt­schaft“, alle Akte zivilen und sozialen Ungehorsams, alle Akte verbotener Vereinigung \[…\] und alles sonstige, was der Staat zu irgendeiner Zeit an irgendeinem Ort zu verbieten, kontrollieren, regulieren, besteuern oder verzollen gedenkt. Die Gegenökonomie schließt alle staatlich genehmigten Handlungen (den „Weiß­markt“) und den „Rot­markt“ (nicht durch den Staat genehmigte Gewalt und Diebstahl) aus. (Konkin 1978)

Revolutionär wirkt hierbei nicht kollektive Gewalt, sondern indi­vi­duelle Gewaltlosigkeit. Die Gegenökonomie bietet eine mögliche Antwort auf Thoreaus Dilemma, es ist aber eine riskante und schwierige. Schließlich setzt das Wirtschaften Netzwerke voraus, was es doch inhärent politisch macht – und nach Gemeinschaften des Vertrauens sehnen lässt. Hier ist auch der Haken der Gegenökonomie: sie benötigt Vertrauen, weist aber keinen politischen Weg, solch Vertrauen zu stiften, ist also „ver­trauens­konsump­tiv“. Wolfes Weg, mit seiner augenzwinkernden Lynchrhetorik, drängt bei allem Individualismus ebenso zu Netz­werken, denn die Sandkörnchen im Getriebe geben bald frustriert auf, wenn sie sich nicht als ein Haufen fühlen können. Wirk­lichen Wider­stand entfalten dann meist nur Spinner, die sich in Sekten­gewiss­heiten einlullen und fiktiven Haufen zurechnen. Ihre Entfernung von der Realität lässt den Ungehorsam allerdings wirkungslos verpuffen.

Auf dem letzten „Ancap-Happening“, einer privat organisierten Veranstaltung für sogenannte „Anarchokapitalisten“ in Storkow bei Berlin, war der praktische Widerstand gegen den Staat eines der Themen. Der deutsche Schriftsteller und Rothbard-Schüler Stefan Blankertz erinnerte dabei an Samuel Konkin und lud zum Nachdenken über gegenökonomische Widerstandsakte ein. Wie einst schon Wolfe, aber ohne nähere Kenntnis der älteren amerikanischen Debatte dachten die Teilnehmer an Möglichkeiten, Sand ins Getriebe des Staates zu streuen. Dabei wurde der Begriff des „Staats-Trollens“ geboren. Sogleich zeigte sich aber das Verhängnis dieses Zugangs – er will Politik ohne Politik bewegen, wodurch sich die Sandkörner schnell einsam und ohnmächtig vorkommen. Die im Zuge der Politisierung des Diskurses wachsende Sehnsucht nach gegenseitiger Versicherung ging als Raunen durch den Saal: Rufe nach Netzwerken und Koordination wurden laut.

Natürlich ist es unmöglich, Individualisten alleine zum Zwecke der Organisation zu organisieren. Da müsste man ihnen schon mehr bieten: Gewissheiten, Gelder, Illusionen. Die übliche Entwicklung sieht eher so aus: drei „Libertäre“ gründen zwei Initiativen, die sich in kurzer Zeit in drei Lager spalten.

Das Problem: Es gibt keine Politik ohne Politik. Politik ist vom Begriff her noch nichts Schlechtes, sie verweist auf die anthropologische Konstante, dass Menschen Gemeinschaftswesen sind. Das gilt natürlich auch für die allermeisten „Anarchokapitalisten“, „Libertären“, „Objektivisten“ oder wie immer sich individualistische Ideologien benennen mögen. Politisch unfair ist es gewiss, dass sich kollektivistische Ideologien bei der Organisation und damit Durchsetzung ihrer Interessen leichter tun. Aber so ist die Realität. Dieser Nachteil ließe sich grundsätzlich kompensieren durch größere Realitätsnähe in anderen Bereichen. Kollektivistische Ideologien neigen auch eher zum Kollektivirrtum.

Wenn der Einzelne schwach ist, so kann er doch at the margin einen maßgeblichen Beitrag leisten. Der Ausschlag für die meisten Veränderungen wird at the margin getroffen. Dieser Marginalismus macht Hoffnung, dass Organisation von Mehrheiten nicht notwendig ist. Doch das einzelne Sandkorn der richtigen Tat geht nur dann leicht von der Hand, wenn es Teil einer Übung, einer guten Gewohnheit ist. Die Perspektive auf das einzelne Sandkorn als politische „Aktion“ hingegen entmutigt. Schnell erscheint es sinnlos ohne vorherige politische Gleichschaltung, die im selben Moment viele Körner zu einer Lawine macht. Aus demselben Grund ist Wolfes Versuch einer praktischen Anleitung für „Revolutionäre“ so enttäuschend. Man kann Hunderte potentielle Sandkörner identifizieren, doch jedes für sich ist lächerlich, vielleicht sogar peinlich. Dann bleibt es beim Trollen aus ohnmächtigem Trotz.

Das Trollen aus der Internetsprache verweist auf infantiles Verhalten. Natürlich, als politisches Druckmittel organisierter „Kampfposter“, könnte es politische Wirkung entfalten. Doch den Machtlosen fehlt eben per Definition die Macht für solche Kämpfe. Thoreaus Ungehorsam war gänzlich anders gemeint: Er steht für das prinzipienorientierte Individuum, dessen Ungehorsam nur die praktische Folge seiner Tugendhaftigkeit ist, der keine zu koordinierenden „Aktionen“ setzt, sondern mit bestem Wissen und Gewissen handelt. Er bedarf dazu keiner Organisation – seine Handlungen und Worte sind meist ignorierte Sandkörner, manchmal aber erweisen sie sich als Stein des Anstoßes und das Getriebe steht für einen Moment ratlos still. Dieser Ungehorsam hinterlässt Wirkung, weil er den Ungehorsam gar nicht als Selbstzweck anstrebt – in Thoreaus Schrift kommt dieses Wort auch kaum vor. Dieser Ungehorsam ist ungeplante Folge des Selber-Nachdenkens, Selber-Tuns und der Übernahme von Eigenverantwortung.

Natürlich ist auch nichts gegen Netzwerke einzuwenden. Doch Politik entsteht um öffentliche Güter. Auch in einem Gemeinwesen von Individualisten, von nüchternen Kaufleuten und verschrobenen Einzelgängern, gäbe es einen solchen politischen Kern. Die alten Händlernetzwerke zeigen uns das Beispiel eines solchen politischen Minimums: gegenseitige Haftung. Das Wort verweist schon auf die Härte und Unbequemlichkeit der Politik, auch jener Minimalpolitik im allerbesten Sinne. Manchmal wurde diese Härte von Einzelnen getragen, die sich als Märtyrer vor eine Gemeinschaft werfen und diese dadurch bilden. Manchmal trugen diese Bürde viele solidarisch. Oft griff man zur vermeintlichen Abkürzung auf Gewalt zurück, was den Ruf der Politik und der Revolutionen zu Recht ruiniert hat.

Zusammengefasst: Individualisten sollten keine Gemeingüter ohne Gemeingüter erwarten, keine wundersamen Nischen-Netzwerke, die alle akzeptieren und sich für alle sogleich lohnen, obwohl sie keine Massennachfrage nähren können. Das muss aber nicht zur Ohnmacht führen. Aufrechtes Verhalten, wie es sich für Nicht-Untertanen geziemt, macht gerade heute – at the margin – einen riesengroßen Unterschied. Nach außen und punktuell mag es wie „Trollen“ aussehen, von diesem unterscheidet es sich aber durch den Bezug auf eine Welt abseits der eigenen Launen und Laster. Prinzipienorientierter Ungehorsam dient der Gerechtigkeit, der Wahrheit, der Schönheit – „Trollen“ nur dem eigenen Streben nach Aufmerksamkeit und Selbstüberschätzung. Der ungehorsame Troll, der sich bloß durch Reibung an der Welt infantil behaupten und seiner selbst versichern will, benötigt praktische Tipps, Revolutionsrhetorik und Gemeinschaftsillusion. Der Mensch mit Rückgrat kann gar nicht anders, als ungehorsam zu sein, wenn sich die Gebote von der Gerechtigkeit und die Parolen von der Wahrheit entfernen.

Nichts anderes meinte Tocqueville mit dem Bürgergeist, der dem „Individualismus“, der in diesem Sinne schlicht feiger Opportunismus und konsumistisches Trittbrettfahren ist, entgegensteht. Natürlich beruht dieser Bürgergeist auf Individualität und individueller Freiheit – er nährt sie aber auch.

Silk Road

Claire Wolfe bietet in ihrem Büchlein Piratenromantik gegen Bürokratenregime auf. Doch die historischen Outlaws hielten sich keineswegs streng an das Nicht-Aggressionsprinzip. Ragnar Danneskjöld, der Pirat aus Ayn Rands Atlas Shrugged, der ausschließlich Bürokraten und ihre Hehler plündert, ist literarische Fantasie – oder doch nicht ganz? Rand selbst missverstand eine literarische Vorlage für ihren Romanhelden und ließ jenen daher über sich sagen:

Ich bin hinter einem Mann her, den ich vernichten will. Er ist schon seit Jahrhunderten tot, aber ehe nicht die letzte Spur von ihm im Innern der Menschen ausgelöscht ist, werden wir nicht in einer anständigen Welt leben können. \[...\] Robin Hood. \[...\] Er war der Mann, der das, was er den Reichen raubte, den Armen gab. Ich dagegen bin der Mann, der das, was er den Armen raubt, den Reichen gibt – oder, um genau zu sein, der Mann der das, was er den diebischen Armen raubt, den produktiven Reichen zurückgibt.

\[...\] \[Ich habe\] nie ein privates Schiff gekapert und mich nie an Privateigentum vergriffen \[...\]. Ich habe auch nie ein Kriegsschiff gekapert – weil eine Kriegsflotte die Bürger, die sie bezahlt haben, vor Gewalt schützen soll, was die eigentliche Funktion einer Regierung ist. Aber ich habe jedes Schiff gekapert, das Plünderbeute geladen hatte und vor die Mündung meiner Kanonen kam. Jedes Hilfsschiff der Regierung, jedes Unterstützungsschiff, jedes Anleiheschiff, jedes Spendenschiff, jedes Schiff mit einer Ladung von Gütern, die einigen Menschen ohne Bezahlung und zum unverdienten Nutzen anderer gewaltsam weggenommen worden waren. Ich habe die Schiffe gekapert, die unter der Flagge der Idee segelten, die ich bekämpfte, der Idee, daß Bedürftigkeit ein heiliges Idol ist, das menschliche Opfer fordert; daß die Bedürftigkeit einiger Menschen das Fallbeil einer Guillotine ist, das über anderen hängt; daß wir alle mit unserer Arbeit, unseren Hoffnungen, unseren Plänen, unseren Anstrengungen dem Augenblick wehrlos ausgeliefert sind, in dem dieses Beil auf uns herabfällt; und daß das Ausmaß unseres Könnens das Ausmaß unserer Gefahr ist, so daß uns der Erfolg den Kopf kostet, während uns das Scheitern das Recht gibt, das Beil herabsausen zu lassen. Das ist das Ungeheuerliche, das Robin Hood als ein Ideal der Redlichkeit unsterblich gemacht hat. Es heißt, er habe gegen die räuberischen Herren gekämpft und die Beute denen wiedergegeben, denen man sie geraubt hatte, aber das ist nicht der Sinn der Legende, die lebendig geblieben ist. Man gedenkt seiner nicht als eines Kämpfers für das Eigentum, sondern als eines Kämpfers für die Bedürftigkeit, nicht als eines Verteidigers der Beraubten, sondern als eines Versorgers der Armen. Er gilt als der erste Mensch, der sich damit einen Heiligenschein der Tugend erwarb, daß er mit einem Reichtum, der ihm nicht gehörte, gute Werke tat; daß er Güter verschenkte, die er nicht geschaffen hatte; daß er andere für den Luxus seines Mitleids zahlen ließ. Er ist der Mensch, der zum Symbol der Idee geworden ist, daß Bedürftigkeit, nicht Leistung, die Quelle aller Rechte ist; daß wir nicht produzieren, sondern nur Bedürfnisse haben müssen; daß uns nicht das Verdiente, sondern das Unverdiente gehört. Er ist zur Rechtfertigung aller Mittelmäßigkeit geworden, die, unfähig, ihren Lebensunterhalt selber zu verdienen, die Macht fordern, über das Eigentum der Tüchtigen und Erfolgreichen zu verfügen, indem sie ihre Bereitschaft erklären, ihr Leben den Untüchtigen und Erfolglosen zu widmen, wenn sie dafür die Tüchtigen und Erfolgreichen ausplündern dürfen. Er ist diese schmutzigste aller Kreaturen – der doppelte Schmarotzer, der von den Wunden der Armen und vom Blut der Reichen lebt –, in der die Menschen ein moralisches Ideal zu sehen gelernt haben. Und dem verdanken wir eine Welt, in der ein Mensch, je mehr er produziert, desto mehr Rechte verliert, bis er, wenn seine Fähigkeit groß genug ist, zu einem rechtlosen Geschöpf wird, das man jedem, der Anspruch erhebt, zum Fraß hinwirft, während ein Mensch nur bedürftig zu sein braucht, um über Rechte, Prinzipien, Moral erhaben zu sein, um dort zu stehen, wo ihm alles erlaubt ist, sogar Raub und Mord. Wundern Sie sich, warum die Welt rings um uns zusammenbricht? Dagegen kämpfe ich \[...\]. Bis die Menschen lernen, daß von allen menschlichen Symbolen Robin Hood das unmoralischste und das hassenswerteste ist, wird es keine Gerechtigkeit auf der Erde geben und keine Möglichkeit des Überlebens für die Menschheit. \[...\]

In Wirklichkeit \[...\] bin ich ein Polizist. Ein Polizist hat die Pflicht, die Menschen vor Verbrechern zu schützen – Verbrecher sind jene, die sich gewaltsam des Reichtums bemächtigen. Es ist die Pflicht eines Polizisten, gestohlenes Eigentum aufzuspüren und es seinem Eigentümer zurückzugeben. Aber wenn Raub der Zweck des Gesetzes wird und die Aufgabe des Polizisten nicht mehr darin besteht, das Eigentum zu schützen, sondern den Raub des Eigentums – dann muß ein Außenseiter Polizist werden. (Rand 1957: 616f.)

Ich deute den Mythos von Robin Hood anders. Die Geschichten, die ich kenne, betonen den Widerstand gegen den tyrannischen Staat eines ungerechten Usurpators, den Widerstand der Besteuerten gegen die Plünderer. Freilich gibt es auch marxistische Deutungen von Robin Hood. Doch diesen zugrunde liegt die Klassentheorie, die davon ausgeht, dass der Staat von den Reichen kontrolliert wird, welche die Armen plündern. Im malthusianischen Zeitalter stimmte das auch meist. Daher das Missverständnis.

Auch rund um den norddeutschen Piraten Klaus Störtebeker gibt es ähnliche Mythen. Zunächst als gemeiner Krimineller behandelt, wurde er später heroisiert (in Hamburg steht gar eine Statue von ihm). Die Heroisierung ist wie bei Robin Hood mal freiheitlich-freibeuterisch, mal marxistisch – in jedem Fall wird er als Systemgegner klassifiziert. Doch was ist bzw. war das System? Störtebekers Geschichte ist verwoben mit der Politik der legitimierten Plünderer, die mit Handelssperren und Plünderfreibriefen (für Private unter Vertrag) intervenierten, um ihre Taschen zu füllen, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.

Der Pirat ist historisch enger mit dem Unternehmertypus verwandt als vielen heutigen Unternehmern und Marxisten lieb ist. Das zeige ich in meinem aktuellen Buch Helden, Schurken, Visionäre auf und folgere:

Der Pirat ist bis heute von einer Aura umgeben, die mehr ist als bloße Romantisierung des Verbrechens. Die meisten Seefahrervölker betrieben bis in die Neuzeit hinein Piraterie. Die Amerikaner folgten dem Beispiel der Briten, und selbst die Handelsmetropole New York war ein Piratennest. Solange es Menschen gibt, gab es friedlichen Tausch und mörderischen Konflikt. Doch die meiste Zeit blieben beide verwoben, und die schöne Auftrennung von Handel und Gewalt, die heute das Bild bestimmt, ist weniger beständig und klar als sie scheint. Manchmal sind bloß die Kosten der Gewalt diffus verteilt. Einst musste man sie direkter und unmittelbarer tragen.

Freilich ist Gewalt der große Gegenpol zu friedlichem Handel, Raub der Gegenpol zur Produktion. Die offene (damit oft ehrlichere) Gewalt der Vergangenheit als Hinweis für die Unmoral der Händler und Unternehmer heranzuziehen, ist ein klassischer Irrtum ideologischer Historiker. Einst war das menschliche Handeln in jedem Bereich näher an der Gewalt, zumal Täuschung und institutionelle Gewalt noch weniger ausgereift waren.

In Zeiten offenerer Gewalt sieht das Reisen gänzlich anders aus. Es wird nicht durch fehlende Visa, durch Boykotte, Sanktionen, Linien auf Karten aufgehalten, sondern durch die Gefahr, dass die Kommunikation mit den Fremden misslingt und diesen Raub einfacher und gewinnbringender als Handel scheint. Der Handelsreisende muss also gewappnet sein. Das Handelsschiff ist vom Piratenschiff nicht zu unterscheiden. Und ein Beruf alleine hebt selten die Moral, sodass diejenigen, die vorwiegend vom Handel leben, nicht unbedingt der Gewalt entsagen, wenn diese im Moment lohnender scheint. Bei stabilen, weit reichenden Handelsbeziehungen ist das kaum jemals der Fall. Doch im Dunkel der Geschichte boten sich gewiss solche Gelegenheiten, in denen der Händler an Waffen überlegen und der Fremde nicht kaufbereit war.

So darf es nicht überraschen, dass der Kaufmann, der Abenteurer und der Seeräuber manchmal ein und dieselbe Person waren. Die Entdeckungsfahrten hatten teils Handelsabsicht, teils Kolonialabsicht, teils Raubabsicht. In jedem Fall handelt es sich um ungewisse Projekte, und es erscheint naheliegend, sie als unternehmerisch zu bezeichnen. (Taghizadegan 2016: 14f)

Natürlich ist Unternehmertum etwas anderes als Plündern, doch je nach den Rahmenbedingungen nicht so sauber davon zu trennen. Es gibt allerdings eine Art des Plünderns, die unabhängig vom politischen Rahmen manchmal von randständigen Unternehmern als heilsam betrachtet wird. Die amerikanische Floskel There’s a sucker born every minute bezeichnet diese Geisteshaltung. Die Motivation besteht darin, to part a fool and his money – das Geld von Narren als „herrenloses“ Gut anzueignen.

Das widerspricht gewiss dem Nicht-Aggressionsprinzip, das Bestehen dieser Motivationslage bei einem bestimmten Unternehmertypus ist aber nicht zu leugnen. Insbesondere die Hacker sind nicht immer edle Ritter, sondern erliegen oft der Versuchung eines Scams, das heißt, durch einen Schwindel die teilweise atemberaubende Naivität von Menschen auszunutzen.

Heldenhafte Piraten, die nur Schurken ausrauben, sind selten. Etwas häufiger sind Piraten mit einem gewissen Ehrgefühl, die sich auf das Berauben von Schurken, Konkurrenten und Narren beschränken. Diese drei Kategorien machen das Plündern oft unwiderstehlich: Im ersten Fall sieht es nach einer guten Tat aus, im zweiten Fall nach freiwilligem Kampf Mann gegen Mann, im dritten Fall nach wichtiger Lektion. Dieser „pädagogische“ Raub mag ungewöhnlich klingen, ist aber gar nicht so selten – besonders in digitalen Welten, den freien (da nicht völlig regulierbaren) Ozeanen von heute.

Es ist kein Zufall, dass Ross William Ulbricht, der Betreiber der Schwarzhandelsplattform Silk Road (siehe Scholien 03/11, S. 173ff) das Pseudonym Dread Pirate Roberts wählte. Dessen Identität wurde gelüftet und er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Staat hatte die Herausforderung angenommen und mit voller Härte zurückgeschlagen. Schluchzend bat Ulbricht die Staatsschergen um Gnade, doch Richterin Katherine Forrest blieb kalt und betone die ideologische Bedeutung des Tribunals – das damit zu einer Hexenverbrennung am Scheiterhaufen der Religion des Etatismus erklärt wurde:

Die bekundete Absicht (von Silk Road) war es, über dem Gesetz zu stehen. In der Welt, die Sie im Lauf der Zeit erschaffen haben, gab es keine Demokratie. Sie waren der Kapitän des Schiffs, der „Dread Pirate Roberts.“ Die Entstehung und die Existenz von Silk Road fordern, dass ihr Schöpfer besser als das Gesetz dieses Landes sei. Das ist zutiefst verstörend, schrecklich fehlgeleitet und sehr gefährlich.

Der Staatsanwalt ergänzte in der Urteilsbegründung:

Das Gericht hat daher die Möglichkeit, eine klare Ansage an all jene zu senden, die versucht sind, seinem Beispiel zu folgen, nämlich, dass das Betreiben von illegalen Unternehmen ernste Konsequenzen zur Folge hat.

Offenbar war Ulbricht staatlichen Betrügern auf den Leim gegangen. Verdeckte Ermittler hatten sich als Drogenhändler und Auftragsmörder ausgegeben, um ihn herauszufordern. Seine piratische Ader ließ ihn der Verlockung erliegen, Schwindler, mit denen er ständig konfrontiert war, das Handwerk auf traditionelle Weise zu legen. Offenbar konnten ihn die staatlichen Schwindel-Auftragsmörder von ihrem Angebot überzeugen und ihn als Kunden werben. Er überwies ihnen Tausende Bitcoins (ein Millionenvermögen). Was machten die Staatsschergen damit? Sie bereicherten sich persönlich und übertrafen Ulbricht deutlich an krimineller Energie. Zumindest einer dieser verdeckten Ermittler stand vor Gericht, und für das Urteil lebenslanger Haft wurden die Verwürfe versuchter Mordaufträge nicht berücksichtigt. Das heißt, lebenslänglich gab es allein dafür, sich „democracy“ und „law“ nicht unterworfen zu haben. Später stellte sich auch heraus, dass der erste Diebstahl über \$350.000, den Ulbricht einem Mitarbeiter anlastete, nicht nur von einem räuberischen Ermittler begangen, sondern auch dem Mitarbeiter in die Schuhe geschoben worden war – woraufhin derselbe Ermittler die Liquidierung dieses Mitarbeiters nahelegte (er schilderte überzeugend die Gefahren für Ulbricht bei einem Verrat) und seine eigenen Mörderdienste anbot. Die Geschichte liest sich wie ein Krimi und wurde im Magazin Wired gekonnt nacherzählt (mit etwas zu vielen literarischen Ausschmückungen).

Gewiss, Ulbricht wanderte am schmalen Grat der Plünderversuchung. Vielleicht wäre er eines Tages der Verlockung erlegen, tatsächlich Konkurrenten auszuschalten und Kunden zu betrügen. Sein ehemaliger Kollege, dem er in der Verteidigung alles anlasten wollte, Mark Karpelès, konnte der Versuchung nicht widerstehen. Bevor ich dessen Gratwanderungen zwischen Unternehmensexpansion und Plünderzug schildere, soll noch ein aktuelleres Beispiel die Schmalheit des Grats deutlich machen, der Schwarz-/Weiß-Malerei nicht zulässt (nach Konkins nützlicher Diktion: Schwarz-/Weiß-/Rot-Malerei).

Ethereum & DAO

Ethereum ist eine Weiterentwicklung des Blockchain-Prinzips, auf dem Bitcoin basiert, bei der nicht nur Überweisungen auf ein dezentrales Rechnernetz aufgeteilt werden, sondern komplexere Anweisungen, die zusammen einen Turing-vollständigen virtuellen Rechner konstituieren. Turing-Vollständigkeit, nach dem genialen britischen Informatikpionier Alan Turing, bezeichnet universelle Programmierbarkeit. Ethereum befreit also gewissermaßen das Konzept eines Rechners von der materiellen Beschränkung und transzendiert es in ein dezentrales Netzwerk. Um sich gegen die unausweichlichen Attacken der digitalen Welt zu wappnen, ist für die Ausführung jeder Kommandozeile Ether notwendig – eine digitale Währung, die damit eher einer digitalen Ressource entspricht – im Gegensatz zu Bitcoin ist sie nicht mengenmäßig beschränkt und wird verbraucht. Wenn Bitcoin das Verhalten von Gold simuliert, so simuliert Ether das Verhalten von Erdöl.

Die meisten Attacken erfolgen durch „rohe“ digitale Gewalt, bei der die „Roboterarmeen“ unzähliger digitaler Anfragen und Anweisungen nach Lücken suchen und durch sie dringen. Dagegen soll Ether schützen, denn massenhafte Anweisungen werden teuer – die Kostenlosigkeit des Digitalen wird durch die Nutzung eines simulierten Brennstoffs eingeschränkt.

Ethereum ermöglicht es, algorithmische Anweisungen dezentral durchzuführen. Die meisten Verträge lassen sich als algorithmische Anweisungen interpretieren: wenn … dann. Die Perspektive von Ethereum ist es daher, Verträge aufsetzen zu können, die ohne Anwälte und Notare auskommen – von simplen Zahlungsanweisungen bis hin zu Wechseln, Treuhandkonten, Fonds und sogar vollständigen Unternehmen. Ein Unternehmen ist schließlich eine fiktive Person, die im Auftrag bestimmter Eigner handelt, die untereinander einen Vertrag geschlossen haben.

Solche dezentralen Unternehmensstrukturen werden als Digital Autonomous Organization (DAO) bezeichnet – wobei „autonom“ hier etwas irreführend ist. Es impliziert eine Menschenunabhängigkeit, statt „autonom“ ist aber „dezentral“ gemeint. Viele der Köpfe hinter Ethereum, allen voran der geniale junge Russe Vitalik Buterin, gaben als zwar nicht erstem, aber trendigstem „Autonomie“-Versuch mit dem wenig originellen und etwas anmaßenden Namen The DAO eine Bühne und hofften auf Großes. Großes geschah auch: Unzählige Ethereum-Nutzer schoben bereitwillig ihr Ether in den digitalen Kontrakt, bei dem es sich um einen dezentralen Fonds handelt. Insgesamt wurden Ether zum damaligen Gesamtwert von \$150 Millionen (!) eingesetzt – eine hohe, aber irreführende Summe. Jeder Anteilseigner bekam Stimmrechte – und nun sollten per Mehrheitsregime Anlageentscheidungen durchgeführt werden, deren erhoffte Dividenden dann aufgeteilt würden. Jeder Anteil kann aber zurückgelegt werden – eine „Spaltung“, die zur Rückzahlung der eingesetzten Ether führt. Außer man hat an einer Abstimmung teilgenommen und einer Anlage zugestimmt, dann bleibt der Anteil blockiert. Das ist ein offenkundiger Konstruktionsfehler, der schlechte Anreize setzt: Abstimmungen sind „teuer“, daher würde die Beteiligung eher gering sein und konzertierten Aktionen freie Bahn lassen – Plünderer könnten ihre Projekte durchdrücken und bräuchten relativ wenig Zustimmung. Solange man keiner Anlage zustimmt, ist das eingesetzte „Kapital“ eigentlich nur bis auf Abruf giral hinterlegt – womit die Dotierung mit \$150 Millionen streng genommen eine Zeitungsente war, ein Missverständnis, das bewusst zur PR ausgenutzt wurde.

Soweit, dass die verheerenden Anreize wirken konnten, kam es aber gar nicht. Ein technischer Konstruktionsfehler machte dem DAO sogleich den Garaus. Ein Hacker hatte erkannt, dass durch mehrfache Verkettung des vorgesehenen Abspaltungsprozesses, der das Abziehen von Ether erlaubt, der gesamte Fonds entleert werden kann. Er begann also fröhlich, die Ether abzusaugen – und zwar in einen Teilkontrakt, der für das Halten von Unternehmensanteilen gedacht war. Nach einer längeren Wartezeit könnte sich der Hacker dann aus diesem Teilkontrakt die Ether zur freien Verwendung abziehen.

Große Panik brach aus, der Etherkurs fiel auf die Hälfte – in Erwartung, dass der Hacker die geplünderten Ether auf den Markt werfen würde und die für die DAO-Anleger schmerzhafte Erfahrung Ethereum in Verruf bringen könnte. Im Moment wird alles versucht, dem Hacker das Handwerk zu legen – und es steht gar im Raum als letzte Konsequenz nicht nur den Kontrakt nachträglich manuell zu ändern, sondern sogar den gesamten Ethereum-Code – ein sogenannter hard fork. Diese Reaktion wäre einem digitalen bail out vergleichbar, da The DAO als too big too fail klassifiziert würde (immerhin fast 15 Prozent der gesamten Ethermenge lagen darin). In der Debatte um die weitere Vorgangsweise meldete sich der Hacker selbst mit einem hochinteressanten Argument zu Wort, das sein „Plündern“ relativiert und legitimiert – und die Gegenwehr als das eigentliche Plündern darstellt:

Ich habe den Code von „The DAO“ aufmerksam studiert und mich dazu entschieden, einzusteigen, nachdem ich entdeckt habe, dass Abspaltungen durch zusätzlichen Ether belohnt wird. Ich habe diese Eigenschaft ausgenutzt und einen rechtmäßigen Anspruch auf 3.641.694 Ether erworben; ich danke „The DAO“ für diese Belohnung. Meinem Verständnis nach beinhaltet der Code diese Eigenschaft, um Dezentralisierung und die Erschaffung von Sub-DAOs zu fördern.

Ich bin enttäuscht von denen, die den Gebrauch dieser zweckhaften Eigenschaft als „Diebstahl“ ansehen. Ich nutze diese explizit in den Code aufgenommene Eigenschaft gemäß der smart contract-Richtlinien und meine Anwälte haben mir versichert, dass mein Tun vollständig mit dem Straf- und Deliktrecht der Vereinigten Staaten vereinbar ist.

Ein softer oder harter fork käme einer Beschlagnahmung meines legitimen und rechtmäßigen Ethers gleich, den ich durch einen smart contract gesetzeskonform erworben habe. Ein fork würde ein für alle Mal das Vertrauen in Ethereum und überhaupt in das ganze Feld von smart contracts und der Blockchain Technologie ruinieren. Viele große Ethereum-Halter würden ihren Ether aufgeben und Entwickler, Wissenschaftler und Unternehmen würden Ethereum verlassen. Machen Sie keinen Fehler: Jeder fork, soft oder hart, wird Ethereum weiter beschädigen und seine Reputation und seine Attraktivität zerstören.

Ich behalte mir das Recht vor, gegen alle Komplizen eines illegitimen Diebstahls, des Einfrierens oder der Beschlagnahmung meines legitimen Ethers mithilfe sämtlicher legaler Maßnahmen vorzugehen und arbeite in dieser Hinsicht aktiv mit meinen Anwälten zusammen. Derartige Komplizen werden in Kürze Unterlassungsaufforderungen in ihren Briefkästen finden.

Ich hoffe, dieses Ereignis wird eine wertvolle Lektion für die Ethereum-Gemeinschaft sein und wünsche ihr alles Gute. \[...\]

Hochachtungsvoll,

„The Attacker“

Hier zeigt sich der Hackergeist in aller Klarheit. Die Geplünderten mögen dankbar sein für die Lektion, das Lehrgeld sei noch günstig. Wer „autonome“ Kontrakte eingeht, dürfe sich dann nicht über deren Autonomie beschweren – denn der Code sei der Vertragsinhalt auf Punkt und Beistrich. Wenn ein Hacker eine Lücke findet, dürfe er sie ausnutzen, denn sie sei offensichtlich Teil des Kontrakts.

Ein Denkfehler allerdings unterläuft dem Hacker: Er droht mit staatlichem Gesetz, das eben gelegentlich die Einschränkung buchstäblicher Vertragsinhalte zulässt – in Österreich unter dem anachronistischen Aufhänger „Sittlichkeit“, das US-Gesetz eher unter „Irreführung“.

Die Buchstabengläubigkeit ist bei programmierten Kontrakten inhärent nötig – winzige Zeichenunterschiede haben viel mehr Gewicht als in der Sprache, sind dadurch aber auch viel schwerer zu verstehen. Der Fall zeigt: Die erhoffte Unabhängigkeit von Anwälten und Notaren hat den Preis einer neuen Abhängigkeit von Programmierern und Hackern. Ich stimme dem Hacker zu, dass das Lehrgeld angemessen ist. Digitale Währungen verleiten zur Nachlässigkeit, große Summen bewegen sich per Mausklick, es fehlen Erfahrungen, Strukturen und die hohe Volatilität macht etwas wertblind. Aus Neugier hatte ich auch einige DAOs ­– die Anteile des „autonomen Fonds“ waren selbst wiederum handelbar wie eine Digitalwährung. Ich war aber absolut gewiss, dass die Sache scheitern würde, und spekulierte nur ein bisschen herum (mittels Trading ließ sich da bei Medienhype und darauffolgender Panik gut Geld verdienen). Unternehmerische Entscheidungen würde ich niemals der vermeintlichen „Weisheit der Masse“ überantworten. Der digitale Bereich ist leider sehr „vermasst“, die geringen materiellen aber hohen abstrakten Schwellen verstärken Hypes und machen den digitalen Raum zum idealen Spielfeld für Scammer.

Ist der DAO-Hacker ein Plünderer? Sind es die Ethereum-Kuratoren? Eine schwierige Frage – die deutlichste Trennlinie zwischen Schwarz, Weiß und Rot ist Zwang. Ab wann ist Täuschung Zwang? Das Beispiel der Bitcoin-Handelsbörse MtGox zeigt ein Verhalten, das wir ebenfalls aus der realen Finanzwelt kennen. Dort ist es legitimierte, „weiße“ Praxis. Dennoch ist der Betreiber von MtGox nun in Haft. Ich halte sein Verhalten auch für „röter“ als das des DAO-Hackers. Die Übergänge sind aber fließend.

MtGox

Ein vor einiger Zeit veröffentlichter Bericht zeichnet den Untergang von MtGox nach. Dieses hatte Anfang 2014 Konkurs angemeldet, wodurch die unglücklichen Nutzer der einst größten Börse dieser Art sämtliche Handelswerte verloren. Der Betreiber hatte Sicherheitsdefizite von Bitcoin als Ausrede geltend gemacht, er sei selbst Opfer von raffinierten Kriminellen geworden. Aufgrund des digitalen Charakters dieser Währung sei ein unsichtbarer Bankraub möglich: das Entwenden aller Werte, ohne dass diese sichtbar verschwinden. Das wäre schon sehr nahe am perfekten Verbrechen – was wiederum Befürchtungen bestärkte, Digitalwährungen seien vor allem die Sache von Betrügern und noch schlimmeren Gaunern. Auf den Konkurs folgte ein scharfer Einbruch des Bitcoin-Kurses und viele wandten der Digitalwährung enttäuscht den Rücken zu. Ich war selbst als Bitcoin-Spekulant unmittelbar involviert und werde im Anschluss von meiner Erfahrung berichten. Früh hatte ich den Verdacht auf Teilreservehaltung geäußert und daher meine Guthaben von der Börse abgezogen.

Kim Nilsson von WizSec fasst den Bericht wie folgt zusammen:

Die meisten oder alle vermissten Bitcoins wurden ab Ende 2011 nach und nach direkt aus dem hot wallet von MtGox gestohlen. Infolge dessen operierte MtGox viele Jahr hindurch mit Teilreserven (ob wissentlich oder nicht) und der Bitcoin-Bestand war 2013 praktisch erschöpft. Eine bedeutende Zahl gestohlener Bitcoins wurden an verschiedenen Börsen platziert, darunter MtGox selbst, und wahrscheinlich gegen Bargeld verkauft (welche zu den damaligen Bitcoinkursen deutlich weniger wert gewesen wären als die Hunderten Millionen Dollar ihres Wertes zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs von MtGox).

Das hot wallet bezeichnet bei Bitcoins direkt mit dem Internet verbundene Guthaben, die damit freilich auch einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Der Gegensatz dazu ist ein cold wallet, das sogar aus einem Ausdruck auf Papier bestehen kann, wobei höhere Sicherheit – wie auch bei anderen Anlageformen – mit niedrigerer Liquidität einhergeht.

Teilreservehaltung resultiert aus der Erkenntnis, dass kaum jemals, außer im finalen Ansturm – dem bank run – ein größerer Teil der Anlagen behoben werden. Um Bitcoins zu handeln, muss man sie an der Börse platzieren, damit geht der Besitz über – ob damit auch das Eigentum übergeht, ist eine alte Streitfrage. Die Kunden der Börse sahen das freilich nicht so, sie gingen davon aus, dass ihre Guthaben auch in ihrer Verfügungsgewalt blieben und nicht zu ungewissen Anteilen einer allfälligen Konkursmasse würden. Intuitiv scheint das auch eine rechtmäßige Erwartung zu sein, deren bewusstes Hintergehen betrügerischen Charakter hat. Das wird in diesem Fall besonders deutlich: von der Vollreserve zur Teilreserve führt sukzessiver Diebstahl an den Guthaben. Dennoch hat MtGox hier kaum etwas anders gemacht als alle anderen Banken. Der wesentliche Unterschied ist nur: keine Liquidität durch die staatliche Zentralbank, keine Einlagensicherung durch den Staat. Dennoch zeigt sich, dass in einem neuen Markt mit großem Vertrauensproblem schlechte Anreize ganz ohne staatliche Intervention ausreichen, um kriminelle Energie zu entfachen. Nur ist der Schaden geringer, damit auch die Beute für die Kriminellen: Mark Karpelès konnte allenfalls für wenige Jahre dem japanischen Konsumismus frönen.

Diese Anreizproblematik, mitsamt der nun bestätigten Dynamik bei MtGox, schilderte ich bereits in meinem Buch Österreichische Schule für Anleger (das dieses Jahr in englischer Übersetzung erschien):

So lässt sich auch das Problem von Digitalwährungen erfassen, die vorwiegend Zeichengeld sind: Die Nachfragearten sind relativ instabil, wodurch die Volatilität groß ist. Achtung: Mit zunehmender Spekulation sinkt die Volatilität (wenn alles anderes gleich bleibt). Volatilität ist keine Folge der Spekulation, wie die meisten glauben, sondern plötzlicher Bewertungsunterschiede der Menschen (Moden, Hypes), insbesondere aber künstlicher Eingriffe und politischer Entscheidungen. Silk Road wurde – wie zu erwarten war – vom FBI geschlossen, und die Tauscherleichterung wird ebenso massiv politisch gestört. Der bislang stärkste Höhenflug von Bitcoins setzte ein, als Chinesen es als Zahlungsmittel erkannten, mit dem sie einfach und günstig die Kapitalverkehrskontrollen umgehen konnten. Die chinesische Regierung hat dies eine Weile geduldet, weil sie so anhand eines beschränkten „Experiments“ beobachten konnte, wie sich ein offenerer Kapitalverkehr auf die Volksrepublik auswirken würde. Beschränkt war das Experiment, weil die Schwelle zur Nutzung von Bitcoins relativ groß ist: Zunächst nutzt sie nur eine technikaffine Minderheit. Als das Experiment drohte, über seine kontrollierbare Beschränkung hinauszuwachsen, wurden die Interventionen stärker. Da Bitcoins die industrielle Nachfrage im Wesentlichen fehlt, ist es aus „österreichischer“ Sicht stärker durch künstliche Volatilität bedroht, die allenfalls durch massive Spekulationstätigkeit kompensiert werden könnte. Der letzte Kursabsturz folgte daher, als die größte Börse MtGox Auszahlungen stoppte und sich damit der Teilreservehaltung verdächtig machte.

Leider sind die Anreize nicht sonderlich gut; durch die politisch vergrößerten Risiken sind die Erstunternehmer oft eher windige Typen mit überhöhter Risikopräferenz, die Langfristigkeit und Ernsthaftigkeit vermissen lassen. Digitalwährungen bieten sich für den „österreichischen“ Investor als Spekulationsobjekt in geringem Ausmaß zur Portfolioergänzung an, nicht jedoch als Sparanlage. Investitionen in Unternehmen, die Dienstleistungen im Bereich der Zahlungsmittel bereitstellen, versprechen freilich einiges Potenzial – schließlich ist dieser Bereich durch ein Monopol und ein Kartell dominiert, entsprechend groß ist der Innovationsbedarf. Doch wie bei allen Investitionen setzen diese eine Marktkenntnis voraus. Wichtig zu beachten: Im digitalen Bereich ist antizyklisches Verhalten noch viel schwieriger, weil die Verstärkungseffekte so groß sind. Gerade jemand, der im Digitalen derart zu Hause ist, seriös über Investitionen nachdenken zu können, steckt wahrscheinlich besonders tief im digitalen Sumpf und wird laufend über all seine Geräte mit oft unbewussten Signalen bombardiert. In kaum einem Bereich kann man so schnell so viel Geld verlieren wie im digitalen: Bei einer Fehlinvestition bleibt noch nicht einmal der Schrottwert übrig. (Taghizadegan et al. 2014: 305f)

Ich selbst war wohl einer der ersten Österreicher, die Bitcoins erwarben. Das Thema Digitalwährungen haben wir im scholarium schon lange am Schirm. Bereits im Jänner 2009 war der Kryptowährungsexperte Ian Grigg, mit dem ich seit Anfang 2008 in Kontakt stand, einer der Vordenker der Blockchain-Technologie, im Institut für Wertewirtschaft zu Gast und unterrichtete uns über die Möglichkeiten, Herausforderungen und Entwicklungen.

Spekulative Absichten, die mich dem Kursstress aussetzen würden, erlaubt meine Berufung nicht, die Muße voraussetzt. Dennoch konnte ich mich freilich den Wogen nicht ganz entziehen. Als der Bitcoinkurs durch die Decke ging und meine kleine Einlage im Marktwert auf das Mehrhundertfache gestiegen war, setzte ich zum Verkauf an. Dieses Timing traf ich überraschend exakt, doch leider hatte ich auf die damals populärste Börse gesetzt: MtGox. Da ich tranchenweise abverkaufen wollte, musste ich dazu nach und nach meine Bitcoin-Bestände an die Börse übertragen. In der näheren Befassung mit diesem Unternehmen verließ mich aber bald das Vertrauen – leider exakt einen Tag zu spät. Die nun gemischten Guthaben von Euro und Bitcoin befanden sich in einer gefährlichen Falle. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die nötige Identitätsfeststellung (eine Vorsichtsmaßnahme gegen Geldwäsche, die sich als verheerende Unvorsichtsmaßnahme darstellte) so lange benötigen würde. Bis ein österreichisches Dokument in Japan akzeptiert war, das die Anschrift bestätigte, verging wertvolle Zeit. Damit überlagerten sich die Tranchen und sammelten sich dann doch bei der Börse. Dann kam Weihnachten dazwischen. Gerade noch rechtzeitig wurde mir seitens MtGox bestätigt, dass die Überweisung durch war und ich bald mit dem erwarteten Geldsegen rechnen konnte. Einen Tag später sperrte die Börse alle Guthaben. Die Überweisung war leider doch noch nicht durch – womöglich war eine Rückbestätigung nötig, für die nun freilich kein Finger mehr gerührt wurde.

Selbst bei geradezu prophetischem Timing liegt in unserer volatilen Welt oft nur ein Tag zwischen Reichtum und Totalverlust. Dabei ein ruhiges Gemüt zu bewahren, ist eine harte Prüfung. Darum empfehle ich solch spekulative Abenteuer nur mit relativ zum Vermögen kleinen Einsätzen. Mehrmals hatte ich innerlich bedauert, nicht höhere Beträge gesetzt zu haben als den symbolischen Neugierbetrag. So hatte ich zumindest ein Mehrfaches meiner kleinen Einlage retten können, also keinen Verlust realisiert außer dem Abschied vom kurzen Traum eines beachtlichen windfall gain.

Ich hoffe, treuen Scholienlesern ist es besser ergangen. Immerhin hatte ich bereits Anfang 2011, als Bitcoin bei einem Dollar notierte, meinen Lesern geraten, ein wenig Geld zu riskieren (höchstens ein paar Hunderter) – da ich vorsichtig skeptisch die Möglichkeit eines Höhenflugs erahnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass Bitcoin über lange Zeit unreguliertes Geld bleiben könnte, hielt ich für gering – aber hoch genug, um das Wagnis einzugehen. Ich hoffe, Sie haben eine meiner wenigen Anlageempfehlungen nicht verpasst, die einen seltenen 1000-Bagger bedeutete.

Ein großer Verlag drängt mich nun, einen Anlagenewsletter herauszugeben. Wenn Sie Österreichische Schule für Anleger gelesen haben, wissen Sie aber, dass mein Plündertrieb nicht allzu ausgeprägt ist. Ich halte Anlegernewsletter für Scams (Schwindel).

Der Grat zwischen Schwindel und attraktiver Dienstleistung ist eben manchmal sehr schmal. Schwindel ist gewiss eine Übertreibung, die allzu paternalistisch verstanden werden könnte – ein gewisser Wert muss für freiwillige Zahlungsbereitschaft gegeben sein. Genauso übertrieben ist aber auch die Preisung jedes Produkts und jeder Dienstleistung – bloß deshalb, weil sie auf freiwillige Zahler stoßen. Narren muss man zu ihrem Schaden nicht zwingen.

Für diesen schmalen Grat ist ironischerweise auch jenes Produkt ein weiteres gutes Beispiel, dem die erwähnte Bitcoinbörse ihren Namen verdankt. Sie wurde nämlich auf der Grundlage einer Tauschplattform errichtet, die MTG (daher MTGox – x für Exchange) gewidmet war. MTG steht für Magic The Gathering, eine unternehmerisch geniale Kombination aus Sammelkartensystem und Fantasy-Kartenspiel. Sammelkartensysteme funktionieren durch künstliche Verknappung, der Spielaspekt hebt die Anreize zum Kartenerwerb durch eine künstliche Wettbewerbssituation. Die Kunden des Spiels erwerben Pakete von Karten, die wie Lose funktionieren: Der Inhalt ist unbekannt, seltenere Karten sind mit weniger seltenen gemischt – wodurch noch die Anreize eines Glückspiels hinzukommen. Da sie Basis eines Gesellschaftsspiels sind, werden die Karten zu einem Netzwerkgut: Je mehr mitmachen, desto wertvoller – mit Anreizen zur Neukundenwerbung, die eine Mitspielerwerbung ist. Diese geschickte Anreizoptimierung führt dazu, dass mittlerweile mehr als 20 Millionen Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, Hunderte Euro pro Monat ausgeben, um das Spiel zu spielen – was das Unternehmen hochprofitabel macht. Es wurde vom Spielkonzern Hasbro aufgekauft, der nun Milliarden damit verdient.

Die seltenste Karte des Spiels wird zu einem Preis von 25.000€ auf Tauschplattformen wie ehemals MtGox gelistet. Warum sollte jemand so viel für eine kleine, bedruckte Spielkarte bezahlen? Warum wird sie nicht gefälscht? Natürlich gibt es Fälschungsversuche, aber seltene Spielkarten dieser Art haben geringe Absatzfähigkeit. Daher eignen sie sich nicht als Wertanlage. Geringe Absatzfähigkeit bedeutet geringe Liquidität, das heißt, der Preisverfall bei Mengenerhöhung ist extrem hoch. Die „Preise“ auf solchen Tauschplattformen sind daher irreführend. Die extreme Volatilität verführt auch zu geringer Deckung – wie auch später, als MtGox zur Bitcoin-Börse geworden war.

Ist Magic The Gathering ein geschickter Raubzug, der das Taschengeld von Kindern mittels Ausnutzung psychologischer Effekte an sich rafft? Manche Eltern rationalisieren diese Ausgaben damit, dass MTG ein gutes Substitut für die digitalen „anti-sozialen“ Medien sei. Immerhin schafft das Spiel einen sozialen Kontext in der analogen Welt, bei dem die Spieler einige Fertigkeiten üben können. MTG ist nach Konkins Maßstab klar „weiß“. Ist es „röter“ als das teilweise „schwarze“ Börsennachfolgeprojekt? Ist es ein Beispiel für die Macht von Marktangeboten?

Marktmacht

Immer mehr Menschen fühlen sich als ohnmächtige Rädchen in einem großen Getriebe. Weil sie sich in einer Marktwirtschaft oder im Kapitalismus wähnen, deuten sie dieses Gefühl als eine Übermacht der Märkte. In der Tat scheint es so, als ob die erratische Marktlage eher über die Zukunft der Menschen entscheidet als diese selbst. Es sind im Wesentlichen drei Charakteristika von Märkten, die diesen Eindruck von Macht vermitteln. Sie beginnen allesamt mit A und man könnte sie passenderweise das Triple-A der Märkte nennen: Abhängigkeit, Anonymität und Attraktivität.

Der Mensch kommt als abhängiges Wesen auf die Welt. Die Dinge, die er braucht und will, hat und erreicht er nicht selbst. Zum Glück ist das Kleinkind im Regelfall von Menschen umgeben, die dessen Ziele teilen, die sich über dessen Freude freuen und die dessen Schmerz schmerzt. Unsere Instinkte sind auf dieses Ideal ausgerichtet, wir suchen es in Familie und Freundschaft: diese Einigkeit in den Zielen, die einem gemeinsamen Willen zu unseren Gunsten entspricht.

Bald merken wir zu unserem Unbehagen, dass nicht alle Menschen unsere Ziele teilen und nicht für alle unser Wohlergehen Selbstzweck ist. Wir stoßen auf Konflikte, bei denen es nicht ausreicht, etwas zu wollen, um es auch zu erlangen, weil uns ein fremder Wille widerstrebt. Das Spielzeug des Spielgefährten könnten wir uns durch Zwang aneignen, doch dann ist es meist mit dem Spiel und dem Spaß vorbei.

Besser ist es, wenn die anderen uns das selbst übergeben, was wir wollen und brauchen. Um sie dazu zu bewegen, gibt es nur zwei Wege: Wir können Zwang androhen – das könnte man ein Zwangsversprechen nennen. Die Fähigkeit, durch Zwangsversprechen gegen den Willen von Menschen etwas zu bewirken, kann man Macht nennen – das entspricht in etwa der Definition des Begriffs durch Max Weber.

Der zweite Weg verläuft parallel aber gegenteilig: Statt einem „Wenn nicht … dann!“ kommunizieren wir ein „Wenn … dann“. Es handelt sich dabei um ein Wertversprechen: Wir bieten etwas an, das ein Mittel für des Nächsten Ziele sein könnte.

Letzterer Weg ist der Weg der Märkte. Das Wort ist abgeleitet von lateinisch merx – das Gut, allerdings auch im Sinne einer Gnade. Derselbe Stamm liegt französisch merci und englisch mercy zugrunde. Mercedes ist der Plural; die Automarke ist nach dem spanischen Vornamen benannt, und dieser verweist auf die gnadenreiche und hochbedankte Jungfrau Maria.

Es geht also um dankenswerte Gegenleistungen, welche die strenge Reziprozität von Märkten ausmachen. Je mehr wir uns auf diese Reziprozität einlassen, desto größer die Arbeitsteilung und damit die wechselseitige Abhängigkeit. Die Fähigkeit, sich durch Wertversprechen zu Dank und damit zu Gegenleistung zu verpflichten, erscheint analog zur Macht. Doch denselben Begriff zu verwenden, überdehnt die Analogie. Besser ist es, für diese Fähigkeit geglaubter und damit in der Regel gedeckter Wertversprechen den Begriff Vermögen einzusetzen.

Haben Vermögende große Macht? Vermögen und Macht sind etymologisch nahe beieinander, und die Parallelität ist deutlich, doch der Unterschied doch ein ganz grundsätzlicher. Es ist der Unterschied zwischen Angeboten, die man ablehnen kann, und – frei nach dem Film „Der Pate“ – Angeboten, die man nicht ablehnen kann. Die Frage „Schwarztee oder Grüntee?“ hat offensichtlich eine andere Qualität als die Frage „Geld oder Leben?“.

Die Abhängigkeit von anderen ist umso schmerzvoller aufgrund der Anonymität von Märkten. Immerhin sind wir nicht mehr von einzelnen abhängig, sondern von austauschbaren Fremden. Wenn wir gastfreundschaftlich verkehren und uns ein Glas gegen den Durst gereicht wird, würden wir jede Geldforderung bei der Verabschiedung als unverschämt empfinden. Im Fremdenverkehr aber müssen wir fast überall zahlen, und dieses Müssen wird manchmal als Machtbeweis interpretiert – als Abhängigkeit gegenüber jenen, die Macht über uns haben, weil sie über das verfügen, was wir brauchen und wollen.

Tatsächlich hat dies nichts mit Macht zu tun, viel mehr mit Fremdheit und Anonymität. Es ist sehr unwahrscheinlich, Menschen, die wir als Tauschpartner treffen, in einer Situation wiederzusehen und wiederzuerkennen, in der wir ihnen einen Gefallen erweisen können. Darum reicht die lose Reziprozität der Gastfreundschaft unter Fremden nicht aus. Zum Tausch ist strenge und unmittelbare Reziprozität nötig. Wollen wir einen Gefallen, müssen wir einen gewissen und unmittelbaren Gegengefallen leisten. Darum sagte man auf Latein mercedem solvere für bezahlen: Das Gut – die Dankbarkeit – muss ausgelöst werden.

Dank der Ökonomie des abnehmenden Grenznutzens unterscheidet sich die Bewertung von Gefallen und Gegengefallen gerade genug, um den Tausch auch unter Fremden zu einer für beide Seiten vorteilhaften Angelegenheit zu machen. Diese Reziprozität der Märkte fördert die Arbeitsteilung. Das bedeutet aber auch, dass wir mit steigendem Wohlstand dank steigender Arbeitsteilung in steigendem Maße von anonymen Fremden abhängig werden. Psychisch verstärkt die Fremdheit und Anonymität das unangenehme Gefühl der Abhängigkeit, ökonomisch mildert es aber deren Folge: Wir sind dank Märkten eben selten von konkreten Einzelnen abhängig, sondern von einem anonymen Netzwerk, in dem die meisten Anbieter und Nachfrager ausgetauscht werden können, ohne dass es uns besonders schmerzen würde.

Gewiss sinkt mit der Arbeitsteilung die Fähigkeit zur Autarkie und steigt damit die Abhängigkeit von Fremden. Die damit wachsende Angst steht wohl hinter dem Begriff der „Entfremdung“. Diese ist eine notwendige Folge höherer Arbeitsteilung. Es ist nicht völlig gewiss, dass dieser Weg steigender Entfremdung immer der beste ist. Doch er wurde den Menschen nicht aufgezwungen. Entfremdung ist der „Trade-off“ steigenden Wohlstands – und diese Wohlstandssteigerung wird gemeinhin unterschätzt. Tatsächlich wurden 97 Prozent des gesamten materiellen Wohlstands in den letzten 0,01 Prozent der Menschheitsgeschichte geschaffen, in jener kurzen Phase globaler Arbeitsteilung.

Den größten Teil ihrer Geschichte hat die Menschheit allerdings unter nicht „entfremdeten“ Bedingungen verbracht, im engen Kontext der Sippe, in der wir mit indirekter und ungenauer Reziprozität auskommen. Am Beginn der modernen Hochphase der Arbeitsteilung und damit Fremdabhängigkeit kam daher der politische Kampfbegriff der „Brüderlichkeit“ auf, der die Sehnsucht nach dem Gegenteil von Entfremdung ausdrückt. Fast alle Utopien und Ideologien drehen sich um das Unwohlsein des Menschen unter Bedingungen der Entfremdung. Der Mensch sehnt sich kraft seiner Urinstinkte nach jener kindlichen Erfahrung der völligen Zielübereinstimmung zurück. Hier liegt die einzige Alternative zur Marktgesellschaft: die Gemeinschaft, in der die grundlegenden Ziele geteilt werden.

Es gab zwei historische Experimentierfelder für solche Gemeinschaften, in denen weder Zwang noch entfremdende anonyme Reziprozität nötig sind, um Koordination zu erreichen: die USA und Israel. Die Erfahrungen in beiden Regionen zeigen, dass kaum eine Gemeinschaft überlebt, wenn nicht aufgrund strenger, homogener Religiosität Zielübereinstimmung aufrecht erhalten werden kann. Bis auf wenige Ausnahmen haben sich alle amerikanischen Kommunen innerhalb einer Generation aufgelöst; und die wenigen Kibbuzim, die nicht zu Unternehmen oder losen Siedlungsgenossenschaften wurden, sind glaubensstrenge Siedlergemeinschaften.

Die Auflösungstendenzen von Gemeinschaften werden durch die Marktkonkurrenz verschärft – denn Märkte sind durch eine dritte Eigenschaft gekennzeichnet: Attraktivität. Das Warenangebot ist verlockend, und diese Attraktion wird oft als Macht interpretiert. Doch diese Interpretation setzt ein übertrieben negatives Menschenbild voraus. Das zeigt sich an historischen Versuchen, Frauen vor dieser „Marktmacht“ zu schützen. Als im 19. Jahrhundert Kaufhäuser in den großen Städten errichtet wurden, schimpften Beobachter darüber, dass hier Frauen ohne Begleitung des Ehemanns verkehrten. Die Einrichtungen wurden manchmal Bordellen gleichgesetzt. Hinter dieser Perspektive steht freilich Frauenfeindlichkeit, die Wahrnehmung des „schwachen Geschlechts“ als verantwortungsunfähig.

Tatsächlich hatten die Frauen eine weit größere „Macht“ über die Kaufhäuser als umgekehrt, das zeigt sich an deren Ausgestaltung. Die ästhetischen Innovationen der alten Kaufhäuser und ein Warenangebot, das auf Qualität und Vielfalt Wert legte, folgten den Versuchen der Kaufhausunternehmer, dem weiblichen Publikum zu gefallen. Mit heutigen Shopping-Malls hatten die ursprünglichen Kaufhäuser wenig zu tun. Sie boten das Beste der damaligen Zeit, weil die Damen von Welt Geschmack und Würde zeigten, nicht das Schlechteste, um wehrlos kaufsüchtige Frauen auszunehmen. Die heutige Perspektive ist nur deshalb weniger sexistisch, weil sie Männer und Frauen gleichermaßen als verantwortungsunfähig betrachtet.

Diese Perspektive, die der Attraktivität „Macht“ zuschreibt, nimmt eine naheliegende Analogie zu ernst. Diese Analogie findet sich auch im Umgang der Geschlechter, wenn wir von den „Waffen einer Frau“ sprechen. Analogien nähren Humor und Beispiele, dürfen aber nicht mit der Realität verwechselt werden. Weibliche Reize haben genauso wenig mit Mordinstrumenten zu tun wie ein attraktives Warenangebot mit Macht.

Der Versuch, die Menschen vor der scheinbaren „Macht“ von Verlockungen zu schützen, bedeutet stets eine Einschränkung ihrer Freiheit. Dies zeigt sich bei all den Versuchen, weibliche Reize zu unterbinden, aber auch bei paternalistischem Schutz vor Märkten. Im alten Rom etwa räumte ein Senatsbeschluss den Frauen ein erweitertes Rücktrittsrecht bei Geschäften an der Türschwelle ein. Argumentiert wurde damit, dass man Frauen vor Hausierern schützen müsse, die sie mit betörenden Waren um den Verstand brächten. Die Folge war natürlich, dass Frauen nicht mehr als vollwertige Tauschpartner behandelt wurden, da ihre Vertragsfähigkeit eingeschränkt war. Die vor dem Markt „geschützten“ Frauen wurden entrechtet.

Doch bedienen sich heute nicht Marktakteure der Politik und zwingen damit ihre Vorstellungen auf? Die großen Aufwände von Unternehmen für Lobbying werden gemeinhin als Hinweis auf steigende „Marktmacht“ interpretiert. Tatsächlich ist Korruption im Sinne von Versuchen, Vermögen als Lockmittel zur Regelumgehung einzusetzen, besonders virulent in Ländern, in denen eine Übermacht des Zwanges besteht, nicht der Märkte. Auch in den vermeintlichen Marktwirtschaften korreliert der Aufwand für Lobbying mit der Politiknähe und damit Marktferne von Unternehmen.

Im Gegensatz zu den Public Relations wird Lobbying euphemistisch als Public Affairs bezeichnet. Dieser Begriff deutet auf die Affären hin, bei denen big business und big government ein Techtelmechtel eingehen und Bastarde gebären, die weder Unternehmen im eigentlichen Sinne noch rein politische Gruppierungen sind.

Zweifellos besteht zwischen Macht und Vermögen eine gewisse Anziehungskraft. Vermögende suchen Geltung, die ihnen eine Marktgesellschaft nicht ausreichend gewährt – Märkte bieten niemals dauerhafte Vorrechte. Machthaber hingegen bedürfen endloser wirtschaftlicher Mittel, denn Machterhalt ist sehr teuer. Das Ziel des meisten Lobbyings ist gesteuerte Regulierung, nicht Deregulierung. Der mächtigste Teil der „Wirtschaft“ hat mit Märkten am allerwenigsten zu tun, es ist der am stärksten regulierte Sektor mit engstem Verhältnis zur Politik: das Bankwesen.

Letztlich ist es auch das Finanzsystem, das die steigende Ohnmacht gegenüber der vermeintlichen Übermacht der Märkte erklärt. Die Pyramide reziproker Abhängigkeiten, die uns in unerreichte Höhen materiellen Wohlstands emporhob, fühlt sich deshalb so wackelig an, weil ihr Fundament ausgehöhlt ist – sie ist heute nur noch auf Sand gebaut. Die Tauschmittel und Wertträger, auf denen die Pyramide steht, haben immer weniger mit Angeboten zu tun, die man ablehnen kann. Ihre Wertgrundlage ist Zwang. Dieser Zwang war bislang für die meisten unsichtbar und dringt nun langsam an die Oberfläche. Die Politik erscheint deshalb machtlos, weil ihr die Option billiger Macht verloren geht. Diese war immer schon Fiktion, denn Macht kann es ohne Zwang nicht geben. Immer panischere Zwangsmittel werden nun herbeigeschrieben und verordnet, von Reichsfluchtsteuer bis Bargeldverbot, von absoluter Überwachung bis Teilenteignung. Mit „Marktmacht“ hat all dies nichts zu tun, auch nicht mit politischer Machtlosigkeit, sondern nur mit der Notwendigkeit, die politische Machtanmaßung wieder durch offenen Zwang zu decken. Vor Zwang fürchten sich Menschen zu Recht, er entmenschlicht uns. Vor Vermögenden, vor den Verlockungen eines Waren- und Dienstleistungsangebots, vor den Angeboten Fremder müssen wir uns nicht fürchten. Über manche Vermögende dürfen wir zu Recht lachen, und nicht alle angebotenen Verlockungen tun uns gut. Dies entscheiden zu können, unterscheidet Erwachsene von Kindern; dies entscheiden zu dürfen, unterscheidet Freie von Sklaven.

Das hydraulische System

Hier liegt auch die Unterscheidungslinie zwischen den zwei Formen des Plünderns: Sklaven, Unfreie, Untertanen werden systematisch und stationär ausgesaugt. Der dynamische Raub hingegen hat weniger Systematik und etabliert keine Herrschaftsstruktur. Der Pirat versucht sein Glück, wenn der Unachtsame Lücken in der Deckung lässt. Das Lehrgeld solcher Plünderung erhöht die Immunität vor weiterer Plünderung. Aus systematischer und legitimierter Ausbeutung hingegen lässt sich kaum etwas lernen. Das Plündern von Piraten ist, auch wenn es gewiss nicht immer so ehrenvoll wie die romantischen Darstellungen war und ist, ein grundlegend anderes Phänomen als die systematische Plünderung durch Machtstrukturen. Letztere beruhen auf weitreichenden Drohkulissen und Versorgungskanälen. Der Pirat kann nur mit gedeckten Drohungen handeln und muss die vollen Kosten seiner Raubzüge tragen. Darum ist mit ihm auch eher ein Handel zu treiben – und die Gewalt kann gänzlich verschwinden. Die großen Händler des bürgerlichen Zeitalters mögen Piraten als Vorfahren gehabt haben, sie entdeckten aber den friedlichen Handel, die absolute Ehrbarkeit und den höchsten Kundenrespekt als gewinnbringendste Strategien. Das Einschlafen des Piratengeists führte allerdings auch, ganz im Sinne der Warnungen von Montesquieu und Tocqueville, zum Verschlafen der schrittweisen Ablösung des bürgerlichen Zeitalters durch das Papiergeldzeitalter – und das teilweise Kooptieren des Unternehmertums für die Tributkanäle des stationären Banditentums.

Gemeint ist natürlich der Staat. Dieser wird im agrarischen Zeitalter geboren aus dem Kollektivismus von Zentralwirtschaften, die aus der Kontrolle der Bewässerungssysteme hervorgehen. Eng verbunden ist der Staat mit der Zentralisierung der Vorräte in Magazinen, wie sie insbesondere in Ägypten und Sumer fortschritt. Die Magazinverwaltung in der Agrargesellschaft schuf Anreize, die zu einem Wettbewerb um Status- statt um Produktionsvorteile führten. Ernest Gellner erkannte diesen hochinteressanten Zusammenhang:

Agrargesellschaften sind Systeme zur Nahrungsmittelproduktion und -speicherung. Die Silos oder Lager sind bewacht, und der Inhalt wird nur gemäß der aufgezwungenen Anrechte der Mitglieder verteilt. In Nordafrika war der lokale Name für den Staat „Makhzen“, ein Wort mit derselben Wurzel wie Lager, Magazin. \[...\] In dieser Situation besteht die richtige Strategie für jedes Individuum darin, intensiv mit der eigenen Position oder dem eigenen Rang in der sozialen Ordnung beschäftigt zu sein, und nicht mit der Verbesserung des Ertrags. Es sind dein soziales Ansehen, dein Stand und deine Anrechte, die dein Schicksal bestimmen. Zusätzlicher Ertrag wird wahrscheinlich nur Plünderung oder Besteuerung anziehen. \[...\] Viel öfter führt der Weg von der Macht zum Reichtum als vom Reichtum zur Macht. Im mittelalterlichen Spanien bestätigt ein Sprichwort, dass der Krieg sowohl ein schnellerer als auch ein ehrenhafterer Weg zu Reichtümern ist als Handel. (Gellner 1997: 19)

Ricardo Duchesne nennt diese etatistische Ordnung ein hydraulisches System – nach den Schleusenanlagen, die zentralistische Bewässerungskontrolle ermöglichten. Das entstehende Steuersystem ist zweiseitig: Die Überschüsse der Landwirte gehen in Richtung der Magazine, und von den Magazinen gehen Rationen in Richtung der Bedürftigen. Leider führt die Zentralisierung und Konzentration der Überschüsse zu steigender Abhängigkeit. Die historische Funktion der Steuern in diesem Bewirtschaftungssystem liegt darin, die Ersparnisse der Menschen dem Staat zuzuführen und Zuteilungen zurückfließen zu lassen. Diese Form der Plünderung ist bequemer als Piraterie, aber langfristig verheerender: Sie zwingt die Menschen zur schrittweisen Selbstversklavung. Systeme dieser Art unterscheiden sich von mobilen Banditen dadurch, dass sie geben, bevor sie nehmen. Das gibt der Plünderung eine freundliche Fassade. Die Schleusen werden geöffnet, die Felder bewässert, und die dankbaren Untertanen dürfen säen, ernten, abliefern.

Für Duchesne erklärt der Einfluss dieser hydraulischen Systeme Kulturunterschiede, die bis heute von Bedeutung sind. Die Unterscheidung zwischen Abendland und Morgenland fände hier ihre überraschende Erklärung. Die Indogermanen, die aus der pontischen Steppe auszogen, stießen bei ihren Wanderungen gen Süden und Osten auf ganz andere Verhältnisse als bei ihren Wanderungen der untergehenden Sonne entgegen. Im Indus­tal, später im Zweistromland und im Lande des Nils waren bereits etablierte hydraulische Systeme an der Macht, als die indoeuropäischen Raubritter eintrafen. Diese Systeme beherrschten relativ große Bevölkerungen ausgehend von städtischen Ballungszentren.

Duchesne beschreibt den Einfluss der despotischen Hydraulik auf die Raubritter, welche die Macht an sich rissen – aber eher an die Macht gerissen und von dieser aufgesogen wurden:

Die Indogermanischsprachigen, die ins Industal einrückten, kamen in ein Gebiet, das bereits von einer zivilisierten Kultur (bekannt als „Harappa-Kultur“) bewohnt war, und als die Arier weiter in den Ganges um Banaras eindrangen, „gaben sie \[…\] ihre Hirtengewohnheiten auf und gewöhnten sich an ein landwirtschaftliches Leben“ \[...\]. \[D\]ie Hirtenvölker, die ins Land des Iran einzogen, kamen unter dem Einfluss eines hydraulischen Systems der Landwirtschaft und einer Form „despotischer“ Herrschaft, der es an einer unabhängigen, auf privatem Eigentum basierten Aristokratie mangelte, zu Fall. (Duchesne 2011: 379)

Hier liegt für die Duchesne die Erklärung dafür, warum Jahrtausende später das Abendland das Morgenland an Wohlstand, Wissen und Macht überholte. Das mag bizarr scheinen, doch Folgewirkungen dieser Art sind nicht unplausibel. Während die Indoeuropäer im Abendland eher kleinräumige Siedlungen vorfanden, stießen sie im Morgenland auf Zivilisationen, die in Systemen lebten – und ohne diese Systeme gar nicht in diesen Zusammenballungen hätten überleben können. Daher war der indoeuropäische Einfluss im Abendland wesentlich größer als im Morgenland:

Im Gegensatz zu den radikalen Umwälzungen, die wir in Europa sahen, wurden die indoeuropäischen Invasoren, die nach Anatolien, Syrien und Mesopotamien kamen, letztlich an die deutlich höher entwickelten Zivilisationen dieser Region angepasst. (Duchesne 2011: 377)

Einen beispielhaften Unterschied zwischen den Indoeuropäern, die sich im Abendland niederließen, und jenen, die in Persien und Indien siedelten, sieht Duchesne in der orientalischen Tradition der Proskynese, des Kniefalls vor dem König:

Obwohl es stimmt, dass in Persien, wie auch in Indien, eine epische Literatur (Schāhnāme) mit heroischen Charakteren entstand, die den aristokratischen Einfluss der „arischen“ Krieger widerspiegelt, sollten wir die spezifisch orientalische, wie auch persische, Praxis der Proskynese nicht unterschätzen, des Kniefalls vor dem Großkönig, der von allen Untertanen und Fremden verlangt wurde. (Duchesne 2011: 380)

Das Niederwerfen vor dem Zentrum des Systems steht symbolisch für dessen Pyramidenstruktur – eine stark abgestufte Rangordnung, die einer Zuteilungsreihenfolge entspricht. Im buchstäblichsten Sinne hydraulisch (wasserleitend) war das alte Ägypten; und es überrascht nicht, dass die Pyramide als Herrschaftssymbol dort am sichtbarsten wurde. Im hydraulischen System steht und fällt die Existenz mit der Nähe zum Zuteilungszentrum. Das knickt das Rückgrat und begünstigt die Unterwürfigkeit. Das Niederwerfen ist dabei gar nicht so sehr der konkreten Person des vermeintlichen Machthabers – dem Pharao – gewidmet, sondern der nährenden Quelle, die alles an sich saugt. Der Pharao selbst ist Symbol – eine „Gottheit“. In despotischen Ordnungen ist es völlig gleich, wer am Thron sitzt; es kann auch ein Kind sein. Darum ist es ein schwerwiegender moderner Irrtum, die Despotie mit der Alleinherrschaft gleichzusetzen. Es ist eine Systemherrschaft, die den Einzelnen nicht benötigt. Der Pharao kann auch bloß eine Idee sein, vor der sich alle niederwerfen, um auf den Stufen der despotischen Nahrungspyramide höher zu steigen. Hydraulische System benötigen Funktionäre, verlässliche Schleusenwärter, die selbst keine Senken oder Pole bilden, sondern sich mit höherem Status und damit größerer Nähe zur systemischen Plünderung zufriedengeben – anstatt selbst zu plündern. Funktionäre sind das Gegenteil von Piraten.

Vielleicht hat der treue Leser die Analogien schon erkannt. Das Papiergeld-Zeitalter ist eine despotische Phase. Gesteuerte Schleusen regulieren die Flutung der Wirtschaftsfelder mit Liquidität. Dort wachsen steuertragende Pflanzen – Jobs genannt. Am Thron sitzt ein systemlegitimierendes Ideenkonvolut; wer sich vor diesen Ideen niederwirft und keine eigenen Ideen hat, kann in der Pyramide aufsteigen. Ökonomisch wird die Pyramidenstruktur durch den Cantilloneffekt gebildet – der ähnlich wie eine Schleusenwirtschaft funktioniert: Je weiter weg von der Schleuse, desto mehr Wasser aus den Kanälen ist bereits verdunstet.

China

Ein historisches Zentrum hydraulisch-despotisch-proskynetischer Regierung war China. Wie in allen Regimen dieser Art, war die Herrscherschicht stets drauf bedacht, mögliche Konkurrenten unten zu halten oder auszuschalten. Nun brauchte man aber dennoch Funktionäre in der Verwaltung oder anderswo. Da bot es sich an, Leute zu beordern, die sich selbst keine Hoffnungen auf eine eigene Dynastie mehr machen konnten. Leute also, denen buchstäblich die Eier fehlten, um die Machthaber zu stürzen: Eunuchen. Diese sind die perfekten Funktionäre für hydraulische Systeme.

Duchesne macht auf einen wesentlichen Unterschied zwischen Lehnsherr und Vasallen auf der einen Seite sowie Herrscher und Funktionären auf der anderen Seite aufmerksam, der einen wesentlichen Beitrag zu einer Erklärung unterschiedlicher Entwicklungen zwischen Abend- und Morgenland geben könnte:

So wie ich es sehe, war der Lehensverband zwischen Herr und Vasall ein vertragsbasiertes Verhältnis, das zwischen zwei Männern eingegangen wurde, die ein intrinsisches Gespür ihres adligen Standes hatten. Während das Vasallentum eine Beziehung war, die ihren Ursprung in einer Armee freier Krieger mit einem heroischen Ehrgefühl hatte, war der Patrimonialismus eine Beziehung, die ihren Ursprung im Bedarf des Herrschers hatte, persönliche Diener und persönliche Vertreter des Staates zu bekommen. Während der Herr willkürlich dem Vasallen keine Pflichten auferlegen konnte, war der patrimoniale Herrscher prinzipiell in einer Position, die „Rechte“, die er Amtsinhabern eingeräumt hatte, zurückzuziehen. Während das Verhältnis zwischen Herr und Vasall für beide Parteien bindend war, in dem es einem Ehrenkodex folgte, der persönliche Treue und Stolz des adligen Standes umfasste, folgte das patrimoniale Verhältnis einem Schema, demzufolge das Wohlergehen der Amtsträger vom Herrscher abhing. Deshalb kam es zur weitverbreiteten Praxis unter patrimonialen Herrschern in der östlichen Welt, Leute niedriger sozialer Herkunft zu rekrutieren und zu Staatsfunktionären auszubilden (Sklaven, Leibeigene, Coloni und Eunuchen, die keine eigenen familiären oder lokalen Verbindungen besaßen, sondern stattdessen völlig vom Herrscher abhängig waren). (Duchesne 2011: 469)

Der europäische Feudalismus hatte also eher vertragsähnliche Ursprünge und erleichterte womöglich das Entstehen der vertragsbasierten bürgerlichen Kultur. Der Gegensatz zur Herrschaftsteilung ist die Zentralisierung, die nur machtlose Untergebene dulden kann, die nicht in beidseitiger Vertragsbeziehung, sondern nur in einseitiger Abhängigkeitsbeziehung stehen. Ernest Gellner macht darauf aufmerksam, dass es eine gängige politische Praxis von Despoten war, abhängige und machtlose Gruppen zu protegieren. Diese Praxis hat in der Geschichte oft den Keim von Genoziden gesät, dann nämlich, wenn die Mehrheitsbevölkerung neidisch wird und den Verdacht wittert, dass die vom Herrscher auserwählte Minderheit sich ungerechtfertigt und auf ihre Kosten bereicherte. So geschehen z.B. bei der Judenverfolgung der Nazis oder beim immer noch aktuellen Massenmord an den Armeniern.

Es existiert ein politisches Mittel, das dem Herrscher eine fügsame aride steuerpflichtige Stadt verschafft, und auch noch sicherstellt, dass sie, selbst wenn sie floriert, keine Gefahr für ihn sein kann. Warum nicht solche Rechte \[Handels- und Rechtsprivilegien\] nur ethnischen, sprachlichen oder religiösen Minderheiten gewähren, bevorzugt solchen, die mit einem Stigma gezeichnet und deshalb von politischen Ambitionen ausgeschlossen sind, und auf die man sich dahingehend verlassen kann, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach königlichen Schutzes bedürfen? (Gellner 1987: 22)

Ein bekannter Eunuch war der Seefahrer Cheng-ho, der aber beileibe kein Einzelfall war. Für Ricardo Duchesne liegt hier eine mögliche – politisch unkorrekte – Erklärung für die letztlich großen Unterschiede an Entdeckergeist zwischen Abendland und Morgenland. In hydraulischen Systemen gibt es keinen unabhängigen Adel, keine Führungsschicht, die im Wettbewerb steht, sondern es regiert eine gleichmachende Mentalität des Systemerhalts. Obwohl die technischen Fortschritte der Chinesen, auch bei ihrer Seeflotte, beeindruckend waren, fielen sie plötzlich zurück. Die Anreize waren schlicht andere:

Das Tributsystem \[der Chinesen\] umfasste einen Austausch von Geschenken, worin Chinas gütige kulturelle Überlegenheit über ihre Nachbarn bestätigt wurde. Es gab keine Anstrengungen, ein maritimes Imperium aufzubauen, neue Handelsstützpunkte zu etablieren oder militärisch zu expandieren. Cheng-ho war offenkundig ein talentierter Mann, aber er war kein Abenteurer, kein Unternehmer und kein Eroberer. Er war \[…\] ein Eunuch. Es gab Tausende Eunuchen im kaiserlichen Haushalt der Ming-Dynastie; das heißt, Männer, die in jungem Alter kastriert wurden, um sie in einem fügsamen Status zu belassen, als vertraute Gegengewichte zu den Ambitionen einer meritokratischen konfuzianischen Elite. (Duchesne 2011: 188)

Cheng-ho, der in den 1430er Jahren starb, wurde aber nicht nur die Möglichkeit genommen, Nachkommen zu zeugen. Nach seinem Tod sollte jede Erinnerung an ihn verschwinden. So wurden die Aufzeichnungen über seine Expeditionen vernichtet. Dies lag allerdings nicht an ihm persönlich, sondern an der Sorge der despotischen Herrscher, die Seefahrt könnte durch Handelsbeziehungen und Expansionen ihre Machterhaltung gefährden. Sie erließen deshalb das Haijin-Verbot, das die Seefahrt endgültig untersagte. Niall Ferguson beschreibt, dass ab dem Jahr 1500 jedem, der ein Schiff mit mehr als zwei Masten baute, die Todesstrafe drohte. Ab 1551 galt es dann sogar als Verbrechen, auf einem solchen Schiff mitzusegeln.

Auch Jared Diamond sieht hier eine wesentliche Weichenstellung für den Rückfall des Ostens gegenüber dem Westen. Diamond hatte 1997 mit seinem Buch Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies (auf Deutsch: Arm und Reich – Die Schicksale menschlicher Gesellschaften), für das er den Pulitzer-Preis erhielt, viel Aufmerksamkeit gewonnen. Laut Diamond hatte der 1432 neu an die Macht gekommene chinesische Kaiser die Seefahrt als eine Geldverschwendung angesehen. Diamond zeichnete in einer Rede aus dem Jahr 1999 die Entwicklungen nach und unterstrich die Folgenschwere dieses Verbots:

China war in der frühen Renaissance weltweit führend in Sachen Innovation und Technologie. \[...\] Ab dem Jahr 1400 hatte China mit Abstand die besten, größten und meisten seetüchtigen Schiffe auf der Welt. Zwischen 1405 und 1432 entsendeten die Chinesen sieben seetüchtige Flotten, die sogenannten Schatzflotten. Diese Flotten umfassten Hunderte von Schiffen; sie hatten Gesamtbesatzungen von 20.000 Männern; jedes dieser Schiffe stellte die winzigen Schiffe von Kolumbus in den Schatten; und diese riesigen Flotten segelten von China nach Indonesien, nach Indien, nach Arabien, an die Ostküste Afrikas und die Ostküste Afrikas hinunter. Es sah so aus, als ob die Chinesen kurz davorstanden, das Kap der Guten Hoffnung zu umrunden, die Westküste Afrikas hinaufzufahren und Europa zu kolonisieren. (Diamond 1999)

Weshalb aber konnte eine einzelne Entscheidung eines Kaisers derart schwerwiegende Folgen haben und letztlich dafür sorgen, dass die Europäer den Chinesen den Rang ablaufen sollten – und man in Amerika heutzutage den Kolumbus-Tag und nicht den Cheng-ho-Tag feiert? Laut Diamond war dies die notwendige Folge der politischen Zentralisierung:

Diese Aufgabe der Flotten in China war endgültig, weil China unter einem Kaiser vereinigt war. Als dieser eine Kaiser den Befehl ausgab, die Schiffswerften zu demontieren und die Entsendung der Schiffe einzustellen, bezog sich dieser Befehl auf ganz China und Chinas Tradition, seetüchtige Schiffe zu bauen, ging verloren aufgrund der Entscheidung einer einzelnen Person. (Diamond 1999)

Im Gegensatz dazu klapperte der Genuese Kolumbus einen europäischen Machthaber nach dem anderen ab, mit dem Ziel, eine seetüchtige Flotte über den Atlantik zu segeln – was damals von vielen als wahnwitzige Idee abgetan wurde. Nachdem er es vergeblich in Italien, Frankreich, Portugal und Spanien versucht hatte, willigte schließlich beim zweiten Versuch das spanische Königshaus ein und stattete ihn mit drei kleinen Schiffen aus. Diamond identifizierte diesen Standort- und Systemwettbewerb als entscheidenden Vorteil der Europäer:

Da Europa in der Renaissance in 2.000 Fürstentümer aufgeteilt war, war es nie der Fall, dass es einen Idioten gab, der über ganz Europa herrschte und eine gesamte Technologie abschaffen konnte. (Diamond 1999)

Diamond liefert als Geograph auch eine Erklärung für den historischen Dezentralismus, der hinter der Erfolgsgeschichte des Abendlandes stehe:

Die Antwort ist Geographie. Schauen Sie sich nur eine Karte von China und eine von Europa an. China hat eine glatte Küstenlinie. Europa hat eine eingebuchtete Küstenlinie, und jede große Ausbuchtung ist eine Halbinsel, die ein unabhängiges Land, eine unabhängige ethnische Gruppe und ein unabhängiges Experiment darin wurde, eine Gesellschaft aufzubauen: insbesondere die griechische Halbinsel, Italien, die iberische Halbinsel, Dänemark und Norwegen bzw. Schweden. Europa hatte zwei große Inseln, die wichtige unabhängige Gesellschaften wurden: Großbritannien und Irland. Während China keine Insel hatte, die groß genug war, eine unabhängige Gesellschaft zu werden, bis zum modernen Aufkommen Taiwans. Europa ist durchschnitten von Gebirgszügen, die es in verschiedene Fürstentümer aufteilten: die Alpen, die Pyrenäen, die Karpaten – China hat keine Gebirgszüge, die es durchschneiden. In Europa fließen große Flüsse strahlenförmig – der Rhein, die Rhone, die Donau und die Elbe – und sie vereinen Europa nicht. In China fließen die beiden großen Flüsse parallel zueinander, sind getrennt durch tiefliegendes Land und wurden schnell durch Kanäle verbunden. Aus diesen geographischen Gründen wurde China 221 v. Chr. vereinigt und ist seitdem die meiste Zeit geeint geblieben, wohingegen Europa aus geographischen Gründen noch nie vereinigt wurde. Augustus schaffte es nicht, Karl der Große schaffte es nicht, und Napoleon und Hitler konnten Europa auch nicht vereinen. Bis heute hat die Europäische Union Schwierigkeiten, für Einheit in Europa zu sorgen. (Diamond 1999)

Diese Schwierigkeiten sind mit Sicherheit seit dem Jahr 1999, aus der diese Rede ist, noch größer geworden. Diamond machte also die geographischen Gegebenheiten für die Kleinräumigkeit Europas verantwortlich. Diese begünstigten den wachstums- und wohlstandsfördernden Wettbewerb. Diamond verwirft damit genetische und kulturelle Erklärungen, wie sie Gregory Clark und Ricardo Duchesne anführen.

China scheint nun – spät aber doch – ordentlich aufzuholen. Die Wohlstandsentwicklung ist beeindruckend. China als sozialistische Diktatur und Deutschland als kapitalistische Demokratie zu bezeichnen, ist eine absurde Verdrehung der Realität – diese hat sich, wie immer, schneller geändert als die Begriffe.

Dass China kapitalistischer sein könnte, wird schon gemeinhin geschluckt – doch könnte China auch demokratischer sein als Deutschland? Diese Vorstellung scheint grotesk. Meine treuen Leser sind Grotesken von mir gewohnt, die sich bei näherem Hinsehen als realistische Paradoxa erweisen. Ich möchte diese Behauptung wagen: Nach der ursprünglichen Bedeutung von Demokratie, nämlich Souveränität kleiner Einheiten mit Selbstregierung, ohne abgeschlossene und gefürchtete Herrschaftsklasse, gibt es einige Hinweise darauf, dass Deutschland mittlerweile undemokratischer als China ist. In China gibt es im Schnitt mehr als hundert Aufstände pro Tag, über die in den Medien nicht berichtet wird. Diese Aufstände erfolgen meist auf Gemeindeebene, wenn der Bevölkerung etwas am Verhalten der örtlichen Kader nicht passt. Diese Kader sind mittlerweile recht zurückhaltend und wagen es nicht, Aufstände dieser Art mit Massenmord niederzuschlagen. Die chinesische Exekutive ist weit von der militarisierten Polizei entfernt, die ausgehend von den USA nun auch in Europa – gestützt auf die Terrorbedrohung – offener in Erscheinung tritt. Wenn chinesische Kader Macht zeigen können, ohne dabei viel zu befürchten, tun sie das noch mit Freude. Sie verhalten sich ganz klassisch wie Schleusenwärter hydraulischer Systeme; Entscheidungen müssen die Pyramide hocheskaliert werden und an jeder Stufe kann durch Verzögerung Macht bewiesen werden. Doch wenn es hart auf hart kommt, weichen sie eher zurück. Chinesische Polizei zeigt ein verhältnismäßig sanftes Auftreten. Schusswaffengebrauch wird fast immer vermieden, auch der Gebrauch von Taser oder Pfefferspray.

Einspruch: Sind Aufstände nicht eher ein Zeichen mangelnder Demokratie? Nur im modernen Sinne von Demokratie, der Kanalisierung von Unmut durch Wahlen. Dabei handelt es sich um das glatte Gegenteil der historischen Begriffsbedeutung. Wahlen und demnach auch anonyme Stimmenabgabe bei Referenden hielten die antiken Griechen für undemokratisch. Doch darauf dürfen sich Bremainer nicht berufen: Eine ferne Tyrannis, bei der die Autonomie (das griechische Wort für „Selbstbestimmung über die Gesetze“) abgegeben ist, wäre als das Ende der Demokratie angesehen worden und hätte nicht zu braven Referenden geführt, sondern zur Volkserhebung.

Und eben in dieser Hinsicht ist China demokratischer: Nach dem ungesühnten Völkermord des Maoismus entsteht langsam wieder ein Bürgertum, das nicht so sehr nach Wahlen und Parteienvielfalt drängt, sondern nach Recht und Wohlstand. Die meisten Unruhen erfolgen als Reaktion auf wahrgenommenes Unrecht. Das märtyrerhafte Ausharren von stolzen Chinesen gegen Räumungsbescheide, Verfügungen und Bürokratenwillkür ist ein starkes Zeichen für Bürgersinn und Rechtsordnung. Bürgersinn und Rechtsordnung haben mit der ursprünglichen Idee von Demokratie viel mehr gemein als jene Untugenden, in denen das moderne Deutschland heute voranschreitet und sich dabei selbstgefällig als leuchtendes Beispiel für eine Demokratie sieht: Blockwartmentalität und Formalismus.

Einspruch: In China gibt es keinen Rechtsstaat, es herrscht Korruption und Willkür. Dieser Einspruch folgt aus dem formalistischen Missverständnis des Gesetzesstaates, das ich weiter oben bereits analysierte. Es steht außer Zweifel, dass China prototypisch für eine despotische Unrechtsherrschaft war und ist. Die dramatische Entwicklung der letzten Jahrzehnte führte allerdings zu einem Wandel: In weiten Teilen des Landes ist es weiterhin Usus, jene Menschen, die sich der – zunehmend wirtschaftlichen – Entwicklung widersetzen, in Arbeits- und Umerziehungslager zu stecken. Allerdings wandelt sich die Belegschaft dieser Lager, und in den städtischen, kapitalistischeren Teilen Chinas ändert sich das System völlig.

Einerseits erfüllen diese Lager, die von westlichen Beobachtern für Gefängnisse gehalten werden, denselben Zweck wie die Arbeitslager des rapide industrialisierenden Englands des 19. Jahrhunderts. Um die sozialen Spannungen unter Kontrolle zu halten, wurden Arbeitsunwillige, Störenfriede, Undisziplinierte, Vagabunden eingesperrt. Ähnliches scheint in China zu geschehen; dafür werden weniger Andersdenkende eingesperrt. Trotz des Fortbestehens unzähliger Lager dieser Art, in denen harte Arbeit unter schweren Bedingungen disziplinieren soll, ist der Anteil an Lagerinsassen nur ein Bruchteil der amerikanischen Gefängnispopulation. In den städtischen kosmopolitischen Zentren hält sich die chinesische Justiz ebenso wie die chinesische Exekutive eher zurück. Sie präferiert Vergleiche zwischen Streitparteien und Diversion. Der chinesische Staat scheint zu versuchen, Gefängnisstrafen nach Möglichkeit zu minimieren. Das hat wenig mit Ideologie und viel mit Pragmatismus zu tun. Gefängnis ist die teuerste und wirkungsloseste Form von Strafe. Dafür gibt es eine noch immer recht hohe Zahl an Exekutionen, überwiegend per Giftspritze; vor allem bei Kapitalverbrechen und Drogenschmuggel.

Trotz der unbestritten despotischen Grundstruktur ist in den kapitalistischen Zentren Chinas kaum noch Angst vor dem Staat zu spüren. Die Herrschaftslast ist relativ gering. Einkommensteuer wird kaum erhoben; die recht hohen Sozialabgaben von offiziell 42 Prozent sind leicht zu umgehen. Kaum jemand gibt eine individuelle Steuererklärung ab.

Ein Unternehmer in Shanghai, der keinerlei Sozialabgaben zahlt und praktisch steuerfrei wirtschaftet, erzählte mir, dass ihn eine Mitarbeiterin aus Rache beim Finanzamt verpfiffen hatte. Daraufhin wurde ihm eine Strafe von ca. 10.000€ aufgebrummt. Doch der zuständige Beamte ließ mit sich sprechen und setzte die Strafe letztlich nach eigenem Ermessen auf bloß ein Viertel der geforderten Summe herab. Dieses Auskommen bedroht der aktuelle Kampf gegen Korruption. Diese Art von Korruption, die ein Aufweichen von Regeln bedeutet, ob aus freiem Ermessen oder nach Einfordern von „Gegenleistungen“, ist ein wichtiges Ventil. Womöglich brachte der Kampf gegen Korruption die chinesische Wirtschaft ins Taumeln, denn es setzte einen Prozess in Gange, bei dem ein neues Gleichgewicht zwischen Regeln und Freiräumen gefunden werden muss.

Einspruch: China zensiert die „sozialen“ Medien und verfolgt Intellektuelle. Derzeit sind in der Tat etwa 2700 Webseiten gesperrt. Ich hatte allerdings nie ein Problem irgendeine Seite in China aufzurufen, weitverbreitete VPN-Anbieter machen das möglich. Die chinesischen Sperren scheinen einen anderen Grund zu haben als Zensur. Während in Deutschland unzählige Beamte im Einsatz sind, um Nachrichten auf „sozialen“ Medien zu kontrollieren und zu zensieren und Seiten auf Google sperren zu lassen, mischen sich die chinesischen Autoritäten relativ wenig in private Postings ein. Es scheint darum zu gehen, eine Schwelle zugunsten chinesischer Plattformen zu erhalten. Die chinesische „Zensur“ hat also das Ziel, die Datenerhebung des amerikanischen NSA zu erschweren. Deshalb werden überwiegend Plattformen gesperrt, nicht einzelne Inhalte. Chinesen versichern mir: Sie dürfen über alles reden und chatten, was sie wollen. Eine kleine Ausnahme gibt es nur, die zeigt, dass die Zensur nichts mit Ideologie zu tun hat: Während die Schriften von Mises frei reproduziert und diskutiert werden dürfen – es gibt sogar eine liberale Denkfabrik innerhalb der verbotenen Stadt in Peking – ist eine Diskussion von Marx nicht gern gesehen. Ein Chinese, der in Shanghai eine Konferenz über die Österreichische Schule organisierte, bekam danach einen Anruf von der Polizei. Als er diesen versicherte, es sei nicht um Marxismus gegangen, wurde er nicht weiter belästigt. Der Grund liegt darin, dass die Legitimität von Staatsapparat und Parteiherrschaft auf der freien Interpretation von Marx liegt – und dieser ganz pragmatisch in sein Gegenteil umgedeutet werden muss. Freilich gibt es noch eine Zensur gegen unliebsame Intellektuelle, dabei geht es aber nicht um die konkreten Inhalte, sondern um die Personen selbst als Symbolfiguren eines potentiellen Widerstands und Untergrabens der Herrschaftslegitimität. Zudem wird alles, was nach ideologischer und religiöser Agitation aussieht, nicht gerne gesehen – denn die Sorge vor Destabilisierung ist groß.

Die pragmatische chinesische Politik zeigt sich auch bei der Filmindustrie. Diese boomt aktuell im Land. Dabei wird Piraterie nur bei chinesischen Filmen bekämpft, ausländische Filme können frei kopiert und geteilt werden. In Kinos gibt es protektionistische Vorschriften darüber, wie viele ausländische Filme gezeigt werden dürfen.

Einspruch: Die Demonstrationen in Hongkong für Demokratie zeigen, wie undemokratisch China ist. Occupy Hongkong, die Organisation hinter den Demonstrationen im letzten Jahr, wurde durch Universitätsangehörige begründet und bald von den Anführern von Studentenvereinigungen übernommen. Bei Letzteren handelt es sich um klassische Berufspolitiker am Anfang ihrer Karriere, die Anreize haben, derzeitige Politiker aus dem Weg zu räumen. Die Ideologie hinter der Bewegung ist westlich-sozialdemokratisch. Natürlich ist die Sorge in Hongkong berechtigt, das britische Erbe unter chinesischer Oberhoheit zu verlieren. Doch das heutige Großbritannien ist – trotz Brexit – vom britischen Empire weiter entfernt als das heutige China. Anglo-amerikanische democracy hat mit der Sonderrolle Hongkongs absolut nichts zu tun. Die Mehrheit der Bewohner Hongkongs ahnen, so versichert mir einer der kundigsten Beobachter vor Ort, dass Massendemokratie das Wirtschaftswunder Hongkongs zerstören würde. Es fehlen ihnen bloß die Argumente, weil die Begriffe völlig verdreht sind.

Die leicht steigenden Spannungen in Hongkong, die vor allem junge Menschen auf die Straßen trieben, haben ganz andere Gründe. Sogar Mao hielt am Sonderstatus Hongkongs fest, da er den Wert eines Handelszentrums erkannte. Nun aber haben die Festlandchinesen den Eindruck, „Kapitalismus“ besser zu beherrschen als die Briten. Deshalb ist die Anerkennung für Hongkong etwas gesunken, und das spüren die Menschen. Dabei übersieht die Partei freilich, dass der große Vorteil Hongkongs in der Kombination von common law, geringem Interventionismus und kosmopolitischer Orientierung liegt. Es handelt sich dabei um ein gewisses kulturelles Erbgut, das sich nicht einfach kopieren lässt. Hongkong galt den Chinesen stets als kulturell rückständig, denn es war unternehmerisch-bürgerlich dominiert – mit wenigen Intellektuellen. Die Kultur, die das bürgerliche Unternehmertum Großbritanniens nährte, gibt es nicht mehr – auch für Hongkong gab es keinen Nachschub mehr. So blieben nur die materialistischen Reste dieser Kultur; das können die Festlandchinesen nun in der Tat ebenso gut. Ob das aber ausreicht, wird sich noch weisen. Jedenfalls schwindet die Sonderrolle Hongkongs nicht unter chinesischem Zwang, doch sie schwindet. Zu Grabe tragen werden sie genau jene Studenten, die auf Konfrontation zu China gehen, weil sie das Schwinden dieser Sonderrolle mangelnder democracy zuschreiben und dabei falsch ideologisieren.

Leider hat das Abendland nur die Universität in ihrer etatistischen Zerrform exportieren können, weil sie den Anreizen von despotischen Status-Gesellschaften entgegenkommt und daher zum globalen Erfolgsmodell wurde. Die viel wichtigeren schottischen und Wiener Salons und Werkstätten schwanden, bevor sie Beispiel geben konnten.

Der letzte Vorteil Hongkongs ist sein Rechtssystem. Da dieses aber nicht einmal mehr Briten verstehen und wertschätzen, wird es wohl nicht überdauern – es sei denn, in China bildet sich eine bürgerliche Kultur heraus, die es verstehen und nähren könnte. Ohne Bürgertum wird Hongkong gegenüber dem Festland ununterscheidbar werden. Und das bedeutet: ein auswechselbarer Standort für die chinesische Blasenwirtschaft zu sein. Der wachsende Unmut der jungen Menschen in Hongkong gründet im Wesentlichen auf der importierten Inflation. Hongkong droht von einer Quelle zu einer Senke zu werden und im Cantillon­effekt abzusteigen. Die Dimension der chinesischen Blasenwirtschaft zeigt sich in Shanghai, das früher in das moderne chinesische Blasenwunder integriert wurde: In den letzten Jahren haben sich die Mietkosten verdreifacht, die durchschnittlichen Gehälter aber vervierfacht (ungefähr geschätzt nach anekdotischen Berichten vor Ort). Die Wohlstandszunahme in Shanghai ist gigantisch: Einst war der Wohlstand in den Ausländerghettos der britischen Handelsmetropole konzentriert, und die Chinesen waren Kulis, deren Armut und mangelnde Produktivität ins Auge fiel. Heute ist der Wohlstand genuin chinesisch, die Stadt ein Weltwunder – bald 25 Millionen Menschen leben in beeindruckender Ordnung und Funktionalität dicht nebeneinander, mehr als dreimal so viele wie in Hongkong. Die boomende Blasenwirtschaft zieht immer Menschen an, die Immobilienpreisexplosion treibt sie nach außen – dies ist ein beständiger Druck, der die Menschen gehörig auf Trab hält.

In Hongkong ist der Druck auf junge Menschen noch ein wenig größer, weil der Raum beschränkter ist, und mehr Liquidität vom Festland hineinströmt als durch eigene Wertschöpfung kompensiert werden kann. Ich habe dazu keine Daten, aber wahrscheinlich sind die Verhältnisse umgekehrt zu denen von Shanghai: Vervierfachung der Mieten und Verdreifachung der Gehälter. Kein Wunder, dass die Generation Y revoltiert. Sie weiß nur nicht, warum. Am einfachsten ist es da, der westlichen Erzählung zu folgen und der Elterngeneration mangelnde democracy vorzuwerfen. Wenn das Bürgertum Hongkongs nicht aufwacht, ehe es von der Blasenwirtschaft aufgesogen wird, dann könnte Hongkong zum Zentrum einer Sozialdemokratisierung Chinas werden. Im Gegensatz zu den Idealen und Vorstellungen der historischen Sozialdemokratie handelt es sich dabei um eine politische Allianz zwischen Finanzinteressen und akademischem Proletariat (das mit der historischen Vorstellung eines Arbeiterproletariats nichts zu tun hat). In seiner ganzen kriminellen Energie zeigt sich diese Verkehrung der sozialdemokratischen Tradition in kaltblütigen Verbrechernaturen wie Hillary Clinton.

Ähnliches geschah in Taiwan, von dem man sich eigentlich die wirtschaftliche und kulturelle Führung erwartet hätte. Nach Taiwan flüchtete die alte chinesische Kultur vor dem maoistischen Wahnsinn. Tatsächlich entwickelte sich Taiwan dann auch in beeindruckender Weise. Doch mit zunehmendem Wohlstand verfiel es eben der Sozialdemokratisierung und befindet sich nun im Vergleich zu China am Abstieg. Der Grund für diese Entwicklung liegt nicht nur (wohl aber auch) im wachsenden Wohlstand, wie Montesquieu vermutet hätte. Der Boden war dafür von Anfang an bereitet: Nach Taiwan waren 500.000 Intellektuelle und 1.500.000 Soldaten vom Festland geflüchtet. Letztere entstammten der Unterschicht, erstere der Oberschicht – was fehlte war die Mittelschicht. Wachsender Wohlstand ohne Bürgersinn – das ist die genauere Essenz der Warnungen von Montesquieu und Tocqueville – führt nahezu unweigerlich zur Wohlstandsverwahrlosung. Die junge Generation wächst wohlbehütet in einem Kokon auf, der sie von der Realität entfremdet, wodurch sie dann für Illusionen besonders empfänglich sind, wenn diese positive Konsequenzen für sie zeigen: unverdienter Stolz, Karrieremöglichkeiten, Anerkennung.

Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas folgte leider dem amerikanischen Vorbild, ohne es eigentlich nötig zu haben. Die Blasenwirtschaft des Papiergeldzeitalters entspricht – wie bereits angemerkt – in verblüffender Weise den Mechanismen des hydraulisch-despotischen Systems. Das moderne Finanzsystem, jene immaterielle Schleusenwirtschaft, war die Krönung des europäischen Plünderwettbewerbs und damit sein Abschluss. Die lernfähigen Chinesen adaptierten das System und fanden sich darin erstaunlich schnell zurecht – es entspricht den asiatischen Intuitionen. Nur wenige verstehen, was sie antreibt. Die Geschichte gibt uns einen Schlüssel zum Verständnis.

Niall Ferguson sprach von Chimerika (siehe Scholien 02/12, S. 96ff), als er die Schieflage zwischen China und Amerika beschrieb. De facto wird der amerikanische Wohlstand heute durch chinesische Sparer und Produzenten erwirtschaftet. Diese Schieflage wird durch das chinesische Regime mittels eines Wechselkurses, der nicht der Marktrealität entspricht, und mittels Kapitalverkehrsbeschränkung aufrechterhalten. Einige Chinesen versuchen letzterem via Bitcoin zu entkommen – neben dem Drogenhandel treibt vor allem chinesische Nachfrage die Kurssteigerungen der Digitalwährung. Ein chinesischer Unternehmer erzählte mir, dass er jedes Monat Bitcoins im Wert von €100.000 kaufen würde, um sie gegen Devisen im Ausland zu verkaufen.

Warum halten die Chinesen an dieser Schieflage fest, die einer Enteignung ihrer Sparer gleichkommt? Weil sie der Logik des hydraulischen Systems folgen. Dieses sieht vor, aus dem Zentrum Zuteilungen an die Peripherie durchzuführen, um diese zu befrieden und vom Zentrum abhängig zu machen. Das Zentrum der Welt ist natürlich das Reich der Mitte. Das ist die langfristige Perspektive Chinas, die in Jahrtausenden zu messen ist. Es geht darum das Reich wieder in die Mitte zu rücken und damit die kosmische Ordnung wiederherzustellen.

Wie oben zitiert, geht das despotische System mit einem Tributsystem einher. Diese Tribute verlaufen aber zunächst genau umgekehrt als man erwarten sollte und verwirren daher. Den nomadischen Plünderern an seinen Grenzen widersetzte sich das chinesische Reich nicht durch Gegenplünderung, sondern durch Geschenke. Im Gegenzug war nur Anerkennung gefordert und der Beginn eines Güterstroms. Irgendwann, so die Hoffnung, würden die Plünderer Teil des Systems werden, weil es ihnen nutzt, und ihre Plünderüberschüsse würden ans Zentrum zurückwandern.

Das ist die Logik des hydraulischen Systems: Eine bewusste Schieflage verbreitert die Pyramidenbasis. Wasser, Saat- und andere Güter, heute Kredit und Liquidität, fließen in neue Basen vor, schaffen Abhängigkeit und stiften Anerkennung. Hydraulische Systeme, ganz besonders moderne Finanzsysteme entsprechen Pyramidenspielen. Solange das System expandiert, kooptiert es neue Pyramidenstufen, die auf weitere, lukrative, noch tiefere Stufen hoffen können. Einst schickte China seine Kulturgüter in die Welt, um Silberströme ins Zentrum in Gang zu setzen. Das klingt nach Welthandel, hatte aber eine andere, weniger wettbewerbliche Logik. Später sollten Devisenströme in Gang gesetzt werden.

Die Logik des Tributsystems erklärt auch die aktuellen wirtschaftlichen Bemühungen der chinesischen Führung. Das große Projekt der neuen Seidenstraße ist ein Infrastrukturprojekt gigantischen Ausmaßes. Dabei werden von der Mitte der Welt ausgehend Bahnverbindungen aufgebaut. Diese Verbindungen sind nach aktueller Lage völlig unwirtschaftlich. Der Transport per Bahn ist zwar etwa ein Drittel schneller als per Schiff, kostet aber das Zehnfache. Die Exporteure, die ihre Güter über die Schiene vertreiben sollen, werden daher – zusätzlich zum verzerrten Wechselkurs – subventioniert. Was nach volkswirtschaftlichem Irrsinn klingt, hat historische Methode. Die Schienen entsprechen den Kanälen eines hydraulischen Systems. Wenn die Deindustrialisierung des Westens voranschreitet, werden vielleicht eines Tages die meisten Güter wie die Sonne aus dem Osten kommen. Doch was fließt dann zurück? Silber wird es nicht sein. Es werden Eigentumstitel sein.

Chinesische Investoren gelten bislang als sehr angenehm. Sie ändern die Unternehmenskultur nicht. Die eines Tages unvermeidliche Wechselkursanpassung würde diesen Eigentumsübertrag beschleunigen. Dann würde das Reich wahrlich in der Weltmitte stehen. Die Wechselkursanpassung würde im Westen wohl zum krisenhaften Ausfall von Krediten führen. Die Sicherheiten – Unternehmen, Immobilien, Patente – wanderten an die Banken, doch diese könnten sie aufgrund sinkender Absatzfähigkeit nicht verwerten. Sollten die Chinesen dann als lender of very last ressort günstig einspringen können? Wäre das der Beginn einer chinesischen Leitwährung? Nach dem Abschreiben der Dollar- und Euro-Schulden würde dann ein neues Papiergeldzeitalter unter chinesischer Ägide beginnen?

Die chinesische Bevölkerung ist von der Idee ganz Feuer und Flamme. In vielen Gesprächen mit Chinesen vernahm ich die Einschätzung, dass sie erst ganz am Anfang der wundervollen Möglichkeiten der Finanzalchemie stehen und sie gerne noch selbst voll ausschöpfen würden. Die Frage ist nur, ob das gelingen kann.

Ich glaube nicht. Es droht die Falle des mittleren Einkommens. Die pyramidalen Statussysteme kanalisieren menschliche Kreativität und Schaffenskraft nur unzureichend, sie wirken letztlich lähmend. Auf der einen Seite wächst die Gleichschaltung, auf der anderen Seite regt sich Widerstand. Auf den unteren Stufen der Pyramide lassen sich die Störenfriede durch Konsumversprechen nicht ewig ruhighalten, und dem System fehlt letztlich die Energie und Kraft, die Kosten der Machtausübung zu tragen. Auf den höheren Stufen der Pyramide führt der unverdient wachsende Status zur Selbstüberschätzung der Eliten, der sie in eine Parallelwelt führt. Die einen neigen zu rücksichtsloser Bereicherung und zu Zynismus, die anderen zu realitätsfremder Naivität.

Ein aktuelles Beispiel dafür, wie Statusgier oben und Statusungeduld unten die gemächliche Ausbreitung einer Blasenwirtschaft stören, ist die Türkei. Mitten in der kreditgenährten Hausse greift neoosmanischer Größenwahn um sich, mitsamt proskynetischer Anmaßung.

Türkei

Viele unternehmerisch eingestellte Türken hatten große Hoffnungen in das Aufbrechen der kemalistischen Erstarrung durch die AKP gesetzt. Deren islamische Neuorientierung in einem säkularen Staat, dessen Gründer sogar scharf antiislamische Positionen bezogen hatte, nährte die Hoffnung, religiöse Überzeugung und Loyalität könnten die Kraft bieten, verkrustete Strukturen aufzubrechen. Eine ähnliche Hoffnung hatte einst iranische Geschäftsleute zur Unterstützung der Islamischen Revolution bewogen.

Beide Länder befanden sich in der „Falle des mittleren Einkommens“, wie Ökonomen sagen. Sie hatten sich dem Westen gegenüber geöffnet und hatten einiges Aufholwachstum aufzuweisen. Doch die Wirtschaftskraft und damit leider verbundene Vorstellungen nationaler Größe schienen dem westlichen Vorbild nicht näher zu kommen, sondern in ewigem Abstand hinterherzuhinken. Um diesen wahrgenommenen Abstand zu schmälern, boten und bieten sich der Politik drei Interventionsmöglichkeiten an, die alle das Wachstum beschleunigen können, aber langfristig einen hohen Preis nach sich ziehen. Die ursprünglich religiöse Motivation kann sich dann als Pakt mit dem Teufel erweisen.

Die mögliche Wachstumsbeschleunigung durch die iranische Revolution (1979) hatte sich noch gar nicht einstellen können, da machte ihr schon die Geopolitik einen Strich durch die Rechnung. Der Islamischen Republik wurde kurz nach ihrer Geburt ein Krieg von außen aufgezwungen, der die totalitären Aspekte ihrer Ideologie verstärkte. Erst nach großem Blutzoll konnte Irans Wirtschaft wieder in die Gänge kommen. Sie liegt im Nahen Osten, inmitten der instabilsten Weltregion.

Die Türkei hatte da weitaus günstigere Karten: als Teil der Nato in den Westen integriert mit direktem Zugang zu europäischen Märkten, die inneren Konflikte scheinbar befriedet und die Grenzen sicher. Während sich das iranische Wirtschaftswachstum über den langen Zeitraum seit dem Ende des Iran-Irak-Krieges (1988) bis heute gemächlich und vom Westen bis zum Atomabkommen weitgehend ignoriert entwickelte, fiel der türkischen AKP ein international beachteter, rapider Wirtschaftsboom in den Schoß. Hinter beiden Entwicklungen stehen aber die gleichen Interventionen.

Erstens eine Niedrigzinspolitik, die heute zwar nach einem westlichen Modell aussieht, aber islamisch legitimiert werden kann. In beiden Fällen, im Iran wie in der Türkei, trügt die selektive Auslegung des Islams: Das Wucherverbot, das Arme in Notlagen schützen soll, begünstigt als missverstandene Niedrig- und Nullzinspolitik das Aufblähen der Vermögenswerte der Reichen. In Nordteheran und Istanbul steht der Luxus westlichen Vorbildern in nichts nach, während die Kluft zu Baluchistan und Ostanatolien immer größer wird.

Ohne Interventionen sind niedrige Zinsen die Folge von Kapitalbildung und Stabilität. Durch politische Intervention lässt sich diese Kausalität eine Weile umdrehen: Künstlich abgesenkte Zinsen, bei denen anstelle realer Ersparnisse eine Ausweitung staatlicher Schuldtitel und damit der Geldmenge steht, begünstigen kapitalintensive Unternehmen und ermöglichen es, Stabilität durch staatliche Transfers zu erkaufen, die das direkt durch Steuern finanzierbare Niveau übersteigen. Die iranische Wirtschaftsdynamik war daher stets durch massive Inflation begleitet, die wiederum zur Aufrechterhaltung der Stabilität eine Subventionierung derjenigen nötig machte, deren Löhne nicht mit dem Entwertungsdruck mithalten können. In der Türkei konnte die Inflation zwar zunächst rückgestaut und die Währung stabilisiert werden, das lag aber an der besseren Einbettung der Türkei in die westliche Inflationierungspolitik und an der Kreditmengenausweitung im privaten Sektor, die neu entstandene Freiräume ohne staatliches Zutun fluten konnte. Diese Freiräume sind Folge des zweiten Interventionsbereichs – wobei diese Auflistung nicht chronologisch ist, sondern sich nach Gewicht richtet.

Im Iran wie auch in der Türkei führte die Reislamisierung zu einer Reduktion von Wettbewerbshürden, die in orientalischen Gesellschaften aufgrund des Gewichts familiärer Beziehungen allgegenwärtig sind: Korruption und Nepotismus. Dazu braucht es ein einendes Element jenseits der Sippen und neue Loyalitäten, die stärker sind als die etablierten Netzwerke der Staatsbürokratie als Versorgungssystem. Dies bietet der Islamismus, der im Iran als einzige antistaatliche Bewegung dem Geheimdienst des Schahs widerstehen und in der Türkei sogar den „tiefen Staat“ der Kemalisten durch noch tiefere, zunächst zivilgesellschaftliche Strukturen untergraben konnte.

Dieses Aufbrechen bestehender Strukturen schafft neue wirtschaftliche Freiräume – so lange, bis die neu entstehenden Strukturen wieder mehr Freiräume abwürgen. Im Iran entstand ein riesiger Sektor formal islamistischer Strukturen, die weder rein staatlich noch rein privat sind. Ihr Fungieren als wirtschaftliche „Gatekeepers“ führte zu wachsendem Pragmatismus, zumal diese „tiefe Wirtschaft“ nicht monolithisch ist. Das mag durch wirtschaftliche Anreize die periodischen Öffnungsschübe der Islamischen Republik teilweise erklären. In der Türkei scheinen die neuen Strukturen aufgrund des Präsidialsystems monolithischer zu sein – die Gunst der Regierungspartei AKP wird zunehmend zur Voraussetzung wirtschaftlichen Erfolgs.

Der dritte Interventionsbereich ist geopolitischer Natur. Eine Reislamisierung transzendiert stets den nationalstaatlichen Rahmen und eröffnet damit neue politische Verbindungen und, in der Folge, neue Märkte. Der schiitische Islamismus des Irans begründete eine subtile geopolitische Strategie, die die steigende Instabilität der Region aufgrund des verfehlten US-Interventionismus in wachsenden Einfluss auf Nachbarstaaten ummünzen konnte. Die Türkei unter Erdogan verfolgt eine ähnliche Strategie mit einem kleinen, aber gewichtigen Unterschied. Die Türkei versteht sich zunehmend als sunnitische Vormacht, die sich einen riskanten Interventionismus leistet, um aus den Trümmern des Nahen Ostens eine neo-osmanische Ordnung aufzuziehen.

Während der schiitische Interventionismus defensiver vorgehen muss, da außerhalb des Irans die Schiiten fast überall in der Minderheit sind, ist der sunnitische Islamismus offensiver. Der iranische Imperialismus benötigte die Feinde Israel und USA als Popanz, während der türkische Imperialismus realere Bedrohungen in Kauf nehmen muss, um einigend wirken zu können. Das macht neo-osmanischen Imperialismus potenziell viel kostspieliger als neo-safawidischen. Wiewohl geopolitisches Ausgreifen neue Märkte erschließt, verschließt es zugleich andere – durch die wachsenden Antagonismen manchmal schneller und nachhaltiger. Der Iran litt und leidet nach wie vor unter westlichen Sanktionen, so wie die Türkei empfindlich von russischen Sanktionen getroffen wurde.

Wie einst die iranischen Bazaris beginnen türkische Geschäftsleute nach und nach den eingegangenen Pakt zu bedauern. Das türkische Wirtschaftswunder untergräbt sich selbst – im ewigen Teufelskreis der „Falle des mittleren Einkommens“. Lockere Geldpolitik verstärkt soziale Gegensätze, die noch hemmungslosere Geldpolitik legitimieren. Wirtschaftswachstum nährt Stolz, der aggressive geopolitische Abenteuer legitimiert. Und die Einigungsbewegung des politischen Islamismus spaltet. Während sich das Blatt für den Iran wenden könnte, verspielt die Türkei ihre guten Karten. Die Folgen sind Verlust von Märkten, Rechtsunsicherheit und Instabilität. Aus der Falle des Teufelskreises kann nur kultureller Wandel führen.

Ruhm und Ehre

Die Agrargesellschaft ist von einem tendenziell unproduktiven Kult der Ehre dominiert. Dieser scheint eine Folge der Magazinverwaltung zu sein. Ernest Gellner schildert das seiner Ansicht nach „charakteristische Wertesystem der Agrargesellschaft“ wie folgt:

Allgemein gesagt verachten sie die Arbeit und schätzen die Ehre. Was ist Ehre? Eine empfindliche Sensitivität für den eigenen Status gemischt mit einem Kult der Aggressivität und einer Kompetenz in Zwangsausübung und Einschüchterung. Diese Werte sind tendenziell die dominanten Werte der herrschenden Schicht der Agrargesellschaft. Im Allgemeinen konstituieren sie einen „Adel“, wobei der Begriff charakteristischerweise zweierlei bezeichnen kann, einerseits die Mitgliedschaft zu einer Statusgruppe und andererseits den Besitz und die Darstellung von Werten, die man als „Ehre“ zusammenfassen könnte. Immer wieder sind diese gewissermaßen „roten“ Werte in verschiedener Weise mit den „schwarzen“ Werten der intellektuellen Elite kombiniert. Der Zwang, der Agrargesellschaften dominiert, erfordert einen Zusammenhalt, der wiederum von Prinzipien der Legitimierung der Zwangsausübung abhängt – man muss wissen, mit wem man sich zusammentun soll. Zwang wird am besten ausgeübt, wenn die Gruppe derjenigen, die den Zwang verüben, klar definiert ist und einen hohen Zusammenhalt hat, und wenn ihre interne Autoritätsstruktur klar ist. Die rituelle und lehrmäßige Erhaltung dieser Prinzipien der Legitimität von Mitgliedschaft und Führerschaft erfordert außerdem Spezialisten – nämlich Priester oder Kleriker der ein oder anderen Art – und in diesem Sinne tendieren die Schwarzen in der agrarischen Welt dazu, Macht und Autorität mit den Roten zu teilen. (Gellner 1997: 19)

Lassen wir uns von den Farben nicht verwirren: Rot ist genauso gemeint wie bei Konkin, schwarz aber meint die Klasse der Deuter, Priester und Intellektuellen. Gellner prägt hier denselben Gegensatz wie Ayn Rand, wenn sie in ihrem – eben erst in deutscher Übersetzung erschienenen – Werk Für den neuen Intellektuellen Häuptlinge und Geisterbeschwörer als Grundtypen der Herrschaft interpretiert (siehe Scholien 04/14, S. 6ff).

Die Aufklärung hat zwar die Bedeutung der Ehre in Agrargesellschaften richtig erkannt, aber nur als menschliche Dummheit verbucht, ohne ihre innere Logik zu verstehen:

Die Aufklärung hat die grundlegenden Eigenarten der Welt, die sie ablehnt, richtig erkannt; sie hat sich geirrt in der Annahme, dass diese Welt – und die Unterdrückung und der Aberglaube, die in ihr existierten – einfach die Frucht menschlicher Dummheit waren, fehlender Aufklärung. Das Erwürgen der Monarchen mit den Gedärmen der Priester, so stark dieses Bild auch sein mag, würde für sich genommen die agrarische Welt, ihr System der Werte und Illusionen nicht beenden. Dieses System ist verwurzelt in der Logik der agrarischen Welt und nicht in menschlicher Dummheit oder zumindest nicht in Dummheit allein. (Gellner 1997: 19)

Sowohl in der Türkei als auch in China spielt Ehre und potentieller Ehrverlust eine große Rolle. In beiden Weltregionen hat die Ehre einen stark kollektivistischen Bezug, ist also „agrarisch“ im Sinne Gellners, auf den Status bezogen. Und in beiden Weltregionen wächst die Aggressivität, die durch wahrgenommene Ehrenkränkungen ausgelöst wird. Beide Regime gehaben sich aktuell autoritärer, was auf wachsende Unruhe durch Statusverunsicherungen im hydraulischen System hinweist (zur Erinnerung: „hydraulisch“ dient uns als schöne Analogie nach dem historischen Vorbild despotischer Herrschaft, Ägypten, in dem zentralistische Kanalbewässerung und Vorratshaltung das politische System rund um ein symbolisches Zentrum schufen: den Pharao – an dessen Stelle auch ein Kalif, eine Partei oder eine Religion bzw. Ideologie stehen kann).

Es gibt auch einen anderen Ehrbegriff, der hier als Kontrast dienen kann und – so die These von Duchesne – den entscheidenden kulturellen Unterschied zwischen Abendland und Morgenland bildet. Diesen Ehrbegriff nennt Duchesne „megalo­thymisch“. Das erinnert an den Begriff „thymotisch“, den Sloterdijk verwendet (siehe Scholien 04/12, S. 134ff) und es ist auch dasselbe damit gemeint. Es handelt sich um individuelles Streben nach Ruhm.

Den Unterschied zwischen megalothymischer und agrarischer Ehre – kurz Ruhm oder Ehre (in Scholien 04/12 kontrastierte ich Stolz und Scham) – wird anhand der Reaktion auf Beleidigungen erkennbar. Agrarische Ehrenrühungen beziehen sich auf Sippe und Kollektiv: Herabwürdigung der Eltern und Familie, der Herkunft, der Nation, der Religion. „Alder, ich ficke deine Mutter“ ist eine vulgäre Herabsetzung des Gegenübers auf eine niedrigere Stufe der Gesellschaftspyramide. Die Phrase ist in einem nicht-despotischen Kontext völlig absurd. Megalothymische Ehrenrührungen beziehen sich auf individuelle Leistungen und Errungenschaften, die lächerlich gemacht werden. Jeweils inkompatible Ehrenrührungen lassen kalt. Junge Männer mit agrarischem Ehrgefühl haben kein Problem, als Versager hingestellt zu werden, wenn nur ihr Status unberührt bleibt. Mangelnde Leistung ist nicht ehrenrührig, nur mangelnde Anerkennung des Status.

Ein anderer Indikator für die Unterscheidung der Ehrbegriffe ist die Frage, ob der Bezug von Sozialhilfe als peinlich angesehen wird, oder nicht. In despotischen Ordnungen werden Transfers ans Anspruch angesehen, die aus dem Status einer entsprechenden Pyramidenstufe resultieren. Hieraus können wir einerseits ablesen, dass sich der Westen rapide einer despotischen Ordnung annähert. Andererseits sollte nun nicht mehr überraschen, warum Zuwanderer aus Asien und dem Maghreb im Umgang mit Sozialbürokraten ein forderndes und herrisches Verhalten an den Tag legen. Das ist kein charakterlicher Fehler, sondern kulturelles Symptom. Damit sind diese Zuwanderer wohl besser für das System, das sich nun im Westen ausformt, adaptiert; sie würden auch als Sozialfunktionäre wahrscheinlich bessere Arbeit leisten.

Dass es hier im Verhalten deutliche kulturelle Unterschiede gibt, erkannte bereits Murray Rothbard. So schrieb er in For a New Liberty über albanische und polnische Einwanderer in den 1970er Jahren:

Albano-Amerikaner sind eine extrem arme Gruppe, und in New York sind sie fast ausnahmslos Slumbewohner. \[...\] Trotzdem lebt kein einziger Albano-Amerikaner von Sozialhilfe. Warum? Wegen ihres Stolzes und ihrer Unabhängigkeit. So wie es eine ihrer Führungspersonen verkündet: „Albaner betteln nicht, und für Albaner ist das Beziehen von Sozialhilfe, als ob man auf der Straße betteln würde.“

Ein ähnlicher Fall ist die verfallende, verarmte, großteils polnisch-amerikanisch und fast komplett katholische Gemeinde Northsides in Brooklyn, New York. Trotz ihres geringen Einkommens, Verschandelung sowie alter und zerfallender Wohnungen in diesem Gebiet, gibt es praktisch keine Sozialhilfeempfänger in dieser 15.000-Personen-Gemeinde. Warum? Rudolph J. Stobierski, Präsident des Northsider Gemeindeentwicklungsrates, liefert die Antwort: „Sie betrachten Sozialhilfe als Beleidigung.“ (Rothbard 2006: 187)

Die „megalothymische“ Einstellung sei laut Duchesne der Hintergrund einer besonderen abendländischen Unruhe, dem Streben nach Ruhm und Leistung. Er liefert auch eine Erklärung für diese Einstellung: das indoeuropäische Erbe nomadischer Reiterstämme, das im Westen nicht im Sumpf eines hydraulischen Systems aufgesogen worden wäre. Die militärisch überlegenen Raubritter hätten eine egalitäre Aristokratie gebildet, in der ein wettbewerblicher Geist vorherrschte:

Der Ursprung der „ruhelosen“ Kreativität des Westens und ihres freiheitsliebenden Geistes sollte auf die aristokratische Kriegerkultur des indoeuropäischen Sprachraums zurückgeführt werden. Die Indoeuropäer waren eine auf besondere Weise auf Viehzucht, Reitkunst und Mobilität ausgerichtete Kultur, die durch einen Geist des aristokratischen Egalitarismus geleitet wurde. \[...\] Die ursprüngliche Basis der Besonderheit des Westens waren der individualistischen Ethos und die Konflikte. Für die Indoeuropäer bestand das höchste Ideal darin, durch heldenhafte Taten Ehre und Prestige zu erlangen. (Duchesne 2011: x)

Diese Unterschiede der Einstellung führten auch zu einer anderen Wirtschaftsform, da Güter eine leicht andere Funktion erfüllen. Für den megalothymischen Geist sind Güter oft Prestigegüter, für den agrarischen Geist sind sie Statusgüter. Das klingt ähnlich, ist aber psychologisch verschieden. Im ökonomischen Begriff des Geltungskonsums (siehe Scholien 02/11, S. 36ff) sind also eigentlich zwei Phänomene vermengt.

Prestigegüter fungieren als Indikatoren individueller Errungenschaften, Statusgüter als Indikatoren einer Statuszugehörigkeit. Prestigegüter spielten eine besondere Rolle in der indoeuropäischen Kultur:

Alle indoeuropäischen Kulturen, von den „frühen“ Zeiten des fünften Jahrhunderts an, haben das Auftreten von Kriegern erlebt, die ihr Ansehen und ihren Wohlstand durch „prunkvolle“ Kleider demonstrieren wollten; zum Beispiel mit langen oder mehreren Gürteln und Halsketten aus Kupferperlen, Kupferringen, spiralförmigen Kupferarmreifen, Goldverzierungen an Speeren und Lanzen – mit Stilvariationen, je nach Ort und Zeit, aber immer hinweisend auf eine „individualisierende Ideologie“ \[…\].

In individualistischen Stammesfürstentümern wurde ein größerer Wert auf persönlichen Status und Prestige gelegt, mit einer deutlicheren (ich würde sagen: auffälligen) Unterscheidung zwischen Eliten und einfachen Leuten. (Duchesne 2011: 390f)

Duchesne bezieht sich im Folgenden auf Timothy Earle (How Chiefs Come to Power, 1997):

Das Ansammeln von Prestigegütern war kein Mittel zur Erlangung eines Status. Der Besitz von luxuriösen Waffen und Gegenständen symbolisierte vielmehr, dass man bereits einen hohen kriegerischen Status erlangt hatte. In den Worten von Earle: „der Mann wurde an seinen persönlichen Kleidern und Waffen gemessen, um für die Geschichten des Heldenmuts gefürchtet und respektiert zu werden, die diese Gegenstände anzeigen.“ (Duchesne 2011: 393ff)

Prestigegütern fungierten andererseits als „politische Währung“, d.h. als Mittel zur Machtausweitung:

Earle definiert „wealth finance“ als den Gebrauch von Prestigegütern als politische Währung, die dazu verwendet wird, Gefolgsleute zu belohnen und den eigenen Status zu verbessern. Es ist eine Wirtschaftsform, in der Eliten versuchen, den Handel von Prestigegütern zu monopolisieren, indem sie Konkurrenten einschüchtern oder Handelsrouten beherrschen. \[...\] Es handelt sich um eine mobile Ökonomie, in der höchst wertvolle Objekte leicht über lange Distanzen transportiert und für die Bemühungen in Bezug auf obligatorische Beziehungen über weite Flächen hinweg gebraucht werden (durch das Schenken von Prestigegütern). Gleichzeitig ist es eine Wirtschaftsform, in der es schwierig ist, zentralisierte Kontrolle zu haben, weshalb man viele „dezentralisierte“ Herrscher findet, die um die Kontrolle von Handelsverbindungen konkurrieren. (Duchesne 2011: 393ff)

Berserker

Der Konflikt zwischen Volk und Elite begleitet das Abendland also schon seit grauester Vorzeit. Das Abendland zeichnete sich vielleicht gerade dadurch aus, relativ schwer beherrschbar zu sein. Die Indoeuropäer waren gewiss keine mythischen Übermenschen. Esoterische Deutungen haben dazu geführt, dass Argumente wie jene von Duchesne heute im akademischen und medialen Betrieb absolute Tabus sind – damit aber Lücken schaffen, die erst recht wieder Mythen nähren.

Der Vorteil Europas mag darin gelegen haben, relativ unterentwickelt gewesen zu sein, als die Plünderer kamen – diese sich also nicht festfressen konnten. Die militärische Überlegenheit der Indoeuropäer steht jedenfalls außer Zweifel. Das faszinierende Gebiet der Spracharchäologie, deren Stand das schwierige, aber interessante Werk von David Anthony The Horse, the Wheel, and Language zusammenfasst, gibt einen guten Einblick: Die nomadischen Stämme, auf die unsere Sprache zurückgeht, verfügten über Pferde und Streitwägen – damals das Äquivalent von Panzern, gegen die Bauern mit Mistgabeln keine Chance hatten. Die militärische Überlegenheit hatte aber auch persönliche Gründe: Der Lebensstil von Hirten unterscheidet sich von dem der Ackerbauern durch eine größere Vertrautheit mit Gewalt. Duchesne führt dazu den Kriegshistoriker John Keegan als Kronzeugen an. Dieser liefert das plausible Argument, dass junge Hirten von klein auf lernen, Vieh umzubringen. Hirten sind also mit Gewaltherrschaft viel vertrauter – beim Plündern von Ackerbauern hätten sie diese kaltblütig als Herden betrachtet. Zudem, so Duchesne, setze das Hirtenleben in der weiten Steppe mehr Aggressivität voraus:

Der ökonomische Lebensstil der indoeuropäischen Viehhirten umfasste heftige Konkurrenz um Weiderechte für bestimmte Gebiete, ständige Alarmbereitschaft für die Verteidigung des eigenen tragbaren Vermögens und einen Hang zur Expansion – in einer Welt, in der konkurrierende Hirten jederzeit motiviert waren, neues Weideland zu suchen und in der Versuchung standen, das bewegliche Vermögen (Vieh) ihrer Nachbarn einzusammeln. Dieses Leben erforderte nicht nur die Fähigkeiten eines Schlächters, sondern ein Leben voller Reitkunst und Waffen (Konflikte, Überfälle, Gewalt), das gewisse mentale Dispositionen hervorbrachte, wie z.B. Aggressivität und Individualismus, insofern, als dass jedes Individuum in dieser männerorientierten Atmosphäre nicht nur ein Hirte, sondern auch ein Krieger sein musste. (Duchesne 2011: 372)

David Anthony bestätigt diese Perspektive:

Da Vieh und Schafe, im Gegensatz zu Getreideernten, einfach gestohlen werden können, hatten Viehhalter immer schon ein Problem mit Dieben, das oft zu Konflikten und Krieg führte. Unter diesen Umständen tendierten Brüder dazu, in gegenseitiger Nähe zu bleiben. \[...\] Tierzucht rief außerdem völlig neue Arten von politischer Macht und Prestige hervor, dadurch, dass sie aufwändige öffentliche Opferungen und Schenkungen von Tieren ermöglichte. Die Verbindung zwischen Tieren, Brüdern und Macht war die Grundlage, auf der neue Formen der männer-orientierten Rituale und Politik in den Gesellschaften des indoeuropäischen Sprachraums entwickelt wurden. Das ist der Grund, warum Kühe (und Brüder) einen so zentralen Platz innerhalb der indoeuropäischen Mythen über die Entstehung der Welt einnehmen. (Anthony 2010, 137f)

Diese Geltungsaggression von Steppenhirten hätte den Kriegergeist der späteren europäischen Herrschaftsschicht genährt. Da dieser Geist in Europa weniger durch despotische Verfettung erschlaffte, liege hier auch der Grund für die lange militärische Überlegenheit des Westens. In allen indoeuropäischen Kulturen fänden sich Hinweise auf sogenannte „Berserker“ – individuelle Wutkrieger, die auf volles Risiko gehen. Duchesne zitiert dabei ausführlich aus einem wissenschaftlichen Artikel von Michael Speidel:

ein herausragendes Merkmal indoeuropäischer Kultur“ war eine „berserkerhafte“ Art des Kämpfens, in der einzelne Krieger ihre Rüstung oder Kleidung in Sichtweite des Feindes wegwarfen, „ihre völlige Furchtlosigkeit demonstrierten“, brüllend vorpreschten und „in einem Zustand tranceartiger Rage unkontrolliert wüteten.“ \[...\] Speidel zitiert zahlreiche Primärquellen, einschließlich römischer Schriftsteller, mythologischer Geschichten und Sagen, die zeigen, dass diese Art des Kämpfens – „nackt, schreiend, barfüßig, mit wallendem Haar und oft im Kampf Mann gegen Mann“ – „der Liebe zum Ruhm“ galt und „aus Kühnheit“ bestand. Je weniger geschützt der Körper war und je größer die Fähigkeit, Schmerz auszuhalten und seinen „Eigenwillen“ ungebrochen aufrechtzuhalten, desto heldenhafter und menschlicher war der Kämpfer in den Augen seiner Standesgenossen. \[...\] Dieser psychologische Zustand des Kämpfens – das wilde, bestienartige Aufjaulen und die „stürmische Widerspenstigkeit“ – trieb die Individualität und Einzigartigkeit des Kriegers auf die Spitze. \[...\]\ Griechische Hopliten, mazedonische Phalangen und römische Legionäre haben den geistigen Zustand des Berserkers nicht ausgerottet, sondern vielmehr seine exzessiven, unorganisierten und „barbarischen“ Impulse sublimiert, hin zu einer weitaus effektiveren, disziplinierteren Art der Kriegsführung, welche Abendländer zu „den tödlichsten Soldaten in der Kulturgeschichte“ machen sollte. (Duchesne 2011: 368ff)

Europäische Exzellenz sei schließlich auch auf anderen als auf militärischen Gebieten auf die Sublimierung individualistischen Beserkertums zurückzuführen – heute würden wir auf englisch sagen: Freaks. Duchesne geht explizit auf die Künste der Griechen und deren wettbewerbliches Umfeld ein:

Die letztliche Grundlage bürgerlichen und kulturellen Lebens in Griechenland war der aristokratische Ethos des Individualismus und der wettbewerbsorientierten Auseinandersetzungen, welcher die indoeuropäische Kultur durchzog. Ionische Literatur war alles andere als eine Welt voller Berserker, aber sie war dennoch von der gleichen wettbewerblichen Intensität geprägt. Neue Werke aus dem Drama, der Philosophie und der Musik wurden in der Ichform dargelegt als ein gegnerischer oder athletischer Wettkampf im Streben nach Wahrheit. \[...\] Die Suche nach der Wahrheit war ein allgemeiner Wettbewerb, in dem jeder Philosoph um intellektuelles Prestige in einem polemischen Ton stritt, der danach trachtete, die Theorien der anderen zu diskreditieren, während man die eigenen förderte. \[...\] Jeder Künstler und Intellektuelle war durch eine Sehnsucht nach Originalität und Ruhm getrieben. (Duchesne 2011: 452)

Könnte hier eine kulturelle Wurzel des Unternehmertums liegen? Ist der Typus des Unternehmers deshalb historisch so eng mit dem des Kriegers und Piraten verwandt? Wenn der Krieg nicht mehr nötig ist, weil andere Wege erfolgreicher scheinen, werden die wilden Krieger dann zu Unternehmern und Wissenschaftlern? Hat das doppelte deutsche Wirtschaftswunder hier einen kulturellen Kern: das Wirtschaftswunder vor den Weltkriegen und jenes danach?

Universitätsprestige

Dass die wissenschaftliche und kulturelle Dominanz Europas eng mit einem wettbewerblichen Geist verbunden war, scheint offensichtlich. Ob dieser nun kulturell oder geographisch verstärkt wurde, ist wohl kaum völlig aufzuklären. Es bietet sich allerdings eine neue Perspektive auf eine der wichtigsten abendländischen Institutionen: die Universität. An dieser lässt sich auch der Übergang vom Prestigegut zum Statusgut nachzeichnen, sowie vom Dezentralismus zum Despotismus.

Die Universität entstand in Norditalien und Frankreich aus zwei konträren Traditionen heraus. Das Klima des Italiens der reichen Bürgerstädte war ideal für diese Institution, weil hier eine Orientierung des Adels am wirtschaftenden Bürgertum einsetzte. Damit wurde Vertragsrecht wichtiger als Fecht- und Reitunterricht (die Bedeutung des Reitens bei der Elitenausbildung könnte übrigens indoeuropäisches Erbe sein). Rechtswissenschaft wurde zu einem Ersatz für Herrschaftswissen und Herrschaftsübung. In Bologna entstand die erste Studentenuniversität (siehe Scholien 06/10, S. 133). Doch die urbane, bürgerliche Orientierung minderte keineswegs den wettbewerblichen Geist. In der nahen Toskana bauten adelige Familien die ersten Wolkenkratzer, nur zum Zweck, die anderen zu übertrumpfen. Bis heute stehen diese eindrücklichen Baudenkmäler in San Gimignano. Zum großen Teil waren die Städte nicht nur Märkte, sondern auch militärische Befestigungsanlagen – so auch das eingangs erwähnte Volterra, das auf die Etrusker zurückgeht.

Das Klima Frankreichs hingegen war durch einen besonders wettbewerblichen Geist im Klerus geprägt. Der Konflikt zwischen Kirche und Staat war virulent, sodass es Schübe klerikaler Autonomie gab, sowie Schübe politischer Intervention – bis zur Installation von Gegenpäpsten. Während Norditalien die Geburtsstätte der juridischen Fakultät war, war Frankreich die Geburtsstätte der theologischen Fakultät, aus der in der säkulareren Neuzeit die philosophische Fakultät hervorging.

Als es in Italien und Frankreich schon Universitäten gab, entdeckten auch die deutschen Fürsten die Universität und erkannten ihren Charakter als Prestigegut. Der einsetzende Wettbewerb führte als Nebenprodukt zu Phasen wissenschaftlicher Freiheit und universitärer Autonomie, die einen großen Beitrag zum wissenschaftlichen und kulturellen Vorsprung des Abendlands leisteten.

Die alten Universitäten müssen wir uns wie die Weinkeller der Fürsten vorstellen, nur dass ihnen die Universitäten etwas weniger wichtig waren und mit deutlich geringeren Mitteln bedacht wurden. Das war das Glück der Universitäten. Die Fürsten lockten Gelehrte wie gute Jahrgangsweine für ihre Sammlung an. Im Gegenzug boten sie Privilegien – eine gewisse Autonomie, vor allem Steuerfreiheit und Rechtsfreiheit. Die Universitäten mussten im Rahmen dieser Autonomie weitgehend selbst wirtschaften, was sehr förderlich für ihren Realismus war. Sie wussten ihr Prestige gut einzusetzen und lockten zahlungskräftige, junge Adelige durch geschickte Preisdifferenzierung. Es gab damals im Auditorium Ehrenplätze, die Studentenschaft war stark differenziert. Diese unegalitäre Unterscheidung erlaubte es allerdings auch, ganz ohne staatliche Zuschüsse einer überraschend großen Zahl an mittellosen Studenten (pauperes) ein Studium zu finanzieren.

Als der nationale Stolz in den deutschen Ländern überhandnahm, wurde das Prestigeprojekt der Fürsten wiederentdeckt und als Einheitsmodell forciert. Ganz so, als könnte man den Wein aller Weinkeller zusammenleeren, um daraus den weltbesten Cuvée in riesigen Mengen zu erzeugen. Doch der nationale Wettbewerb mobilisierte auch Reserven. Die Universität wurde zu einem staatlichen Prestigegut – stieg damit aber mit abnehmendem Wettbewerb zum Statusgut herab. Erinnern wir uns: Das Prestigegut ist qualitativ, das Statusgut quantitativ; das Prestigegut markiert gewürdigte Errungenschaft – den Inhalt, das Statusgut markiert das Einfordern von Anerkennung – die Form.

Nach dem Niedergang des italienischen Bürgertums im Zeitalter der Nationalstaaten standen sich schließlich das deutsche und das französische Universitätsmodell gegenüber. Frankreich war moderner, geeinigter. Deutschland hatte noch einen wettbewerblicheren Kern. Damit war aber auch die deutsche Universitätslandschaft lebendiger und frischer. Diese Lebendigkeit, die in einem Aufbäumen des deutschen Nationalethos noch deutlicher hervortrat, begründet den Mythos der Humboldtschen Universität.

Die deutsche Universität war tatsächlich ein Erfolgsmodell, das schließlich weltweilt kopiert wurde – auch in Frankreich. Dabei verlor man aber die Voraussetzungen und Ziele aus dem Auge. Die deutsche Universität führte zu einer revolutionären Wissensexplosion, vor allem in den empirischen Wissenschaften. Der Grund dafür waren mehrere Neuerungen.

Erstens wurde Wissenschaft als kollektive Anstrengung interpretiert und systematisch durchgeführt. Die moderne deutsche Universität wurde zu einer Forschungsfabrik. Junge Akademiker wurden dazu als Personal eingespannt. Der Titel „Privatdozent“ wurde eingeführt, der als Flaschenhals wissenschaftliche Idealisten mit besonderer Prestigesehnsucht selektierte. Privatdozent bedeutet: Die wissenschaftlich fruchtbarsten Jahre ihres Lebens müssen junge Akademiker in prekären Verhältnissen verbringen und ihre Eignung und vor allem Loyalität zur Universität beweisen – keine feste Anstellung, das Balancieren von Projekt zu Projekt.

Dieser geldsparende Modus ist nur mit einer fetten Karotte großen Prestiges durchführbar. Das Prestige und damit verbundene Ethos wurde an der deutschen Universität durch besonders große Autonomie der Professoren gemehrt. Eine Ethos-Elite hochangesehener Professoren nährte das vielfach überzogene Bildungsprestige in der deutschen Gesellschaft, das bis heute andauert.

Vermutlich war für dieses Prestige der Privatgelehrte Alexander von Humboldt wichtiger als sein Bruder Wilhelm, der Universitätsbeamte. Walter Rüegg dokumentiert in seiner epochalen Universitätsgeschichte:

Besonders mit seinen Vorlesungen in Berlin in den 1820er Jahren entfachte er unter der Bevölkerung neues Interesse für die Naturwissenschaften, was schon bald zu einer deutschen Vorherrschaft in vielen Feldern führte, nicht zuletzt in den biologischen Bereichen. Im hohen Alter – er wurde 90 Jahre alt – wurde \[Alexander von\] Humboldt eine Symbolfigur der Naturwissenschaften für ganz Europa, vergleichbar mit Albert Einstein (1879–1955) ein Jahrhundert später. In seinem gewaltigen Werk Kosmos (1845–1862) beschrieb Humboldt die Welt als ein großes Ganzes, das Gesetzen universeller Harmonie unterliege, eine Idee, die er mit der deutschen Naturphilosophie teilte, obwohl er sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit auf Beobachtung und empirische Fakten stützte. (Rüegg 2004: 520f)

Die Professoren bildeten aber einen wichtigen Teil der deutschen Leistungselite. Die deutsche Universität brachte in ihrer besten Zeit weniger Philosophen, auch weniger Philodoxen, hervor, sondern vor allem Philologen. Diese dritte Kategorie sind historisch-linguistisch fokussierte Erbsenzähler der Wissenschaft, die in ihren Bereichen als Spezialisten durch Detailschärfe Großes leisten. Gefährlich ist bloß die Umlegung ihres kollektivistisch-empirischen Zugangs auf andere Wissensbereiche und vor allem auf gesellschaftliche Fragen. Dieser Gegensatz sollte später zum Methodenstreit mit der Wiener Schule führen.

Das französische Universitätssystem war, nachdem die Kirche enteignet und der Etatismus zur neuen Staatsreligion erhoben wurde, bloßes Instrument eines zentralistischen Herrschaftssystems. Damit war und ist es aber auch ehrlicher. Es ähnelt einem Mandarinsystem despotischer Reiche. Dabei sind die Ämter nicht Errungenschaften, sondern Statusindikatoren. Ein Amt bringt Einkommen, der Zugang zum Amt ist demnach ein Privileg.

Die französische Universität ist ein Amtszugangsfilter. Daher ist der Unterricht kostenlos, aber die Zertifikate sind teuer. Das entspricht einem ehrlichen (wenngleich nicht mehr ganz bewussten) Anerkennen des jeweiligen Wertes oder Unwertes. Wertvoll ist nicht das bulimische Lernen für Prüfungen, sondern das Zeugnis. Dieses ist ein Zertifikat für das Bestehen eines Concours.

Concours bedeutet: Wettlauf um eine quantitativ begrenzte Zahl von Posten. Die internationalen Organisationen funktionieren nach diesem französisch-despotischen Modell. Wenn es Posten zu vergeben gibt, wird geprüft. Das Resultat ist im eigentlichen Sinn keine Note als individuelles Maß, sondern eine Reihung. Das konkrete Wissen, das bei der Prüfung gefordert wird, ist weniger relevant als der künstliche Filter, der durch Prüfungsaufgaben geschaffen wird.

Unter dem Eindruck des deutschen Erfolgsmodells wurde das französische Modell unehrlicher und es kam zur europäischen Vermengung der Systeme. Die Bologna-Reform, absurderweise nach der Geburtsstadt der autonomen anti-despotischen Studentenuniversität benannt, war die logische Folge der Herausbildung einer europäischen Herrschaftskaste im Rahmen eines hydraulisch-despotischen Systems. Ein Mandarinsystem kann bei qualitativem Wettbewerb nicht funktionieren, es braucht quantitative Kontingente und Vergleichbarkeit. Damit nähern sich Universitätsabschlüsse einem Concours-System an.

Leider fehlt bloß die Ehrlichkeit. Ein Concours ist insofern ehrlich, weil er limitiert ist. Er lässt nur so viele bestehen, wie es verfügbare Posten gibt. Ein Concourssystem, das als Universitätssystem maskiert ist, führt notwendigerweise zu akademischem Proletariat: Universitätsabgänger ohne Posten, aber mit hohem Statusgefühl. Das schafft gefährliche, nämlich nicht wettbewerbliche, sondern pyramidale Unruhe. Die deutsche Universität ging an ihrem eigenen Erfolg zugrunde, dokumentiert Rüegg:

Die neuen Studenten, die mit geringerer Wahrscheinlichkeit als früher aus der gebildeten Mittelschicht kamen, hatten eine pragmatische Sichtweise. Sie studierten, um sich eines Tages ihren Lebensunterhalt zu verdienen (Brotstudenten), weshalb sie wenig Sympathie für die Humboldtschen Bildungsideale hatten und stattdessen eher nach einer Ausbildung für eine bestimmte Karriere suchten. Dies führte zu häufigen Missverständnissen mit den Professoren, welche sich immer mehr in ihren jeweiligen Fachgebieten spezialisierten und weiter von der vorhandenen Gesellschaft entfernten. Einige der Professoren suchten Zuflucht in einer tiefgreifenden Sehnsucht nach einem verlorenen Deutschland. \[…\] Außerdem bedeutete die Liberalisierung des Zugangs zu den Professionen, dass die Zahl der Rechts-, Medizin-, Geistes- und Naturwissenschaftsstudenten an einem bestimmten Punkt der Wachstumskurve anfing, den voraussichtlichen Bedarf zu übersteigen. Zur Jahrhundertwende ermöglichte die Flexibilität des deutschen Systems, mit der Überproduktion an Absolventen fertig zu werden, ohne auf Zwang zurückgreifen zu müssen. Die Krise kam jedoch in schärferer Form in der Weimarer Republik wieder auf. (Rüegg 2004, 57ff)

Zur mittelalterlichen Universität gab es zwar auch keine Zugangsbeschränkungen. Doch sie spielte auch eine gänzlich andere Rolle, und darf nicht mit dem asiatischen Mandarinsystem, der deutschen Forschungsfabrik oder der modernen Massenuniversität verwechselt werden. Rainer Schwinges verweist in seinen aufschlussreichen Studien zur deutschen Universitätsgeschichte auf die typischen Studenten der alten Universität:

Im Gegensatz etwa zu den süd- und westeuropäischen Juristen-Zentren rekrutierten die deutschen Universitäten ihre Besucher zu 80, manche zu 90 und mehr Prozent als Artisten, waren also fast reine Artistenschulen, wie Wien zum Beispiel mit ca. 85 Prozent; die Restprozente fielen zum größeren Teil noch auf Juristen, zum kleineren auf Theologen und auf verschwindend wenige Mediziner. Man darf dies in keiner Diskussion um die Wirkung und Leistung der Universität und der gelehrten Tätigkeiten außer Acht lassen, denn die Unterschiede wurden auch von Akzeptanzproblemen in Universität und Gesellschaft begleitet. \[…\]

Es waren nicht die mit heutigen Studenten in etwa vergleichbaren Juristen, Theologen und mit großen Einschränkungen auch Mediziner, die die Frequenz der alten deutschen Hochschulen bestimmt haben. Maßgebend waren vielmehr jene 80 bis 90 Prozent der Universitätsbesucher, die als Artisten nur in einem sehr elementaren Sinne als Studenten gelten können. Sie unterschieden sich von Lateinschülern im Grunde nur dadurch, dass sie eine Hohe Schule und Artistische (später Philosophische) Fakultät besuchten und damit die Möglichkeit erhielten, einen akademischen Grad zu erwerben: meistens den baccalaureus und in wesentlich geringerem Umfang den magister artium. Auf dieses Niveau der Universitätsbesucher, das wohl weitestgehend den Bedürfnissen der traditionalen Gesellschaft vorreformatorischer Zeit angemessen war, ist zu achten, wenn von Wachstum und erst recht von Bedarf die Rede ist. (Schwinges 2008: 79, 101f)

Die Studenten der Artistenfakultät waren in der Regel jugendliche 14- bis 16-jährige Burschen. Doch die mittelalterliche Universität ließ Studenten jeden Alters zu; unter den Artes-Studenten befanden sich daher auch ältere Kleriker, Lehrer oder Notare, die bereits im Berufsleben gestanden hatten. Schwinges schreibt hinsichtlich des Zugangs:

Praktisch gab es weder Zulassungsbeschränkungen noch besondere Berechtigungen. Selbst Illegitimität war kein Problem, solange man nicht zum Magister artium oder höher promoviert werden wollte. Auch der Universitätsbesuch im engeren Sinne als Studentenexistenz war an keinerlei Vorbedingungen geknüpft – weder an schulische Vorbildung oder einen gewissen Bildungsstandard noch an eine bestimmte soziale, sprachliche oder räumliche Herkunft. Das lag zum einen daran, dass das Mittelalter kein aufeinander bezogenes Bildungssystem kannte, zum anderen aber und wesentlicher am eigenartigen Erscheinungsbild der Universität dieser Zeit als einer nicht wie später im Laufe der frühen Neuzeit immer mehr anstaltlich organisierten, sondern eher personenverbandlich organisierten Gemeinschaft – ganz im Sinne der geschworenen universitas. (Schwinges 2008: 65)

Tatsächlich war die alte Universität also eine Mischung aus Gymnasium und Volkshochschule, die vom Prestige der Herrschaftsfakultäten Theologie und Jus zehrte – die allerdings nur die wenigsten Studenten belegten. Die große Mehrheit der Besucher war auf nützliche Bildung aus. Diese bestand primär im Studium der damaligen Lingua franca Latein, und darauf beruhenden schriftlichen und argumentativen Fertigkeiten. Auf heutige Verhältnisse übertragen würde das etwa dem Lehrplan entsprechen, den Eltern in den letzten völlig privaten Bildungsmärkten vorwiegend nachfragen – nämlich in unterentwickelten Slums, in denen weder Prestige noch Steuern zu holen sind und daher weder Staat noch Blasenökonomik hineinreichen. Die Lehrpläne dieser Privatschulen enthalten vor allem Englisch und Informatik.

Das Prestige der Universität zehrt noch von der unglaublichen wissenschaftlichen und kulturellen Blüte des Abendlandes. Die Humboldtsche Universität war ein Symptom der Blüte, bei der aber bald Blüte und Wurzel verwechselt wurden. Der deutsche Dezentralismus und die wettbewerbliche Ausrichtung der alten Eliten, auch wenn sie oft launige, rüpelhafte Plünderer waren, standen hinter der Vielfalt, die diese Blüten nährte. Der Nationalstolz verkam bald zur Gier nach unverdientem Status und Privilegien – und so entstand hinter deutscher Fassade ein despotisches System, bei dem sich dumme Mitläufer als Ritter, Arier und Helden fühlen durften. Doch der Prozess war noch lange nicht zu Ende.

Der Stolz auf Europa, seine Kultur, seinen Reichtum, seine Institutionen bildet eine neue Fassade. Heute fühlen sich dumme Mitläufer als Humanisten und Widerstandskämpfer, als Wahrheitsvermittler und Lügenaufdecker, als verantwortungsbewusste Bürger. Doch Begriffe sind beliebig austauschbar. Das Abendland geht schon seit seinen dunklen Anfängen fast pausenlos unter. Wenn es damit einmal aufhört, sich alle brav in der Mitte sammeln und alles funktioniert, wie es soll, sodass es nur noch Funktionäre gibt, die sich gegenseitig verwalten, dann wird der Untergang endlich an sein Ende kommen – und mit ihm das Abendland.

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Dieser ältere Scholien-Text bleibt frei unter seinem ursprünglichen Link erreichbar.

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