Hardcover
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die normale Edition
- 25 farbige Kapiteltafeln
- Zweifarbsatz mit Randscholien
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Eine Weltgeschichte von Tausch und Macht · Rahim Taghizadegan
Wer heute Morgen Kaffee getrunken hat, hat an einem Ritual teilgenommen, das mehr Menschen verband als jedes Konzil der Geschichte. Niemand hat es befohlen, und doch funktioniert es seit Jahrtausenden: der Tausch zum beiderseitigen Vorteil, das älteste Win-Win der Welt. Und zugleich die erste vollständige Übersicht über die ursprüngliche Österreichische Schule und ihre interessantesten Teile, interdisziplinär und praxisorientiert.
Hardcover € 44 · Audiobook € 19 · Bundle € 54

Zwei Jahrzehnte Forschung und Lehre am scholarium, verdichtet in einem Buch. Zum ersten Mal verbindet ein Band die ganze Tiefe und Breite der österreichischen Schule mit Lesbarkeit: die Theorie wird als Weltgeschichte erzählt, und sie mündet in Praxis. Klar denken, unternehmen, Vermögen führen, den Standort wählen, gut leben: der letzte Teil macht das Sehvermögen der Schule zum Werkzeug.
25 Kapitel · sechs Teile · 387 Seiten · 25 Kapiteltafeln · 202 Quellen · Randscholien
Gabe, Geld, Markt: die Ordnung, die entsteht, wo Fremde einander Angebote machen.
Tribut, Monopol, Krieg: die Macht, die vom Tausch lebt und ihn immer wieder erstickt.
Die Ideen, die beides begleiten: von der Verachtung des Händlers bis zur Wiener Einsicht.
Vieles in diesem Buch begann in den Scholien. Sie erscheinen weiterhin monatlich und kostenlos.
Dreimal hat die Menschheit die Ordnung des Tauschs entdeckt: mit den Händen, mit dem Kopf, am bittersten im Verlust. Und dreimal vergisst sie wieder, weil das Vergessen in den Erfolg der Ordnung eingebaut ist. Der Prolog beginnt beim unsichtbaren Wunder des Alltags: Hunderte Kraftwerke, Millionen Verbraucher und eine einzige Zahl, die alle gemeinsam stabil halten, 50 Hertz, ohne Dirigenten.
Der Prolog und der Anfang von Kapitel 1, frei zu lesen, gesetzt über dem Panorama des Schutzumschlags.
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Wer heute Morgen Kaffee getrunken hat, hat an einem Ritual teilgenommen, das mehr Menschen verband als jedes Konzil der Geschichte. Die Bohnen wuchsen an einem Hang in Äthiopien oder Kolumbien, gepflückt von Händen, die wir nie schütteln werden; sie wurden geröstet, verschifft, versichert, verzollt und gemahlen von Fremden, die einander so fremd sind wie uns. Der Strom, der das Wasser erhitzte, schwingt im europäischen Verbundnetz bei 50 Hertz: Hunderte Kraftwerke, tausende Techniker und Millionen Verbraucher halten diese eine Zahl gemeinsam stabil, in jeder Sekunde, ohne Dirigenten. Wie empfindlich das Kunststück ist, zeigt sich selten. 2019 sackte die Frequenz im europäischen Netz auf 49,8 Hertz, und die Fachleute hielten den Atem an; in Amerika genügten einmal ein Baum auf einer Leitung und ein Softwarefehler für einen Blackout mit Milliardenschaden. Wir bemerken von alledem nichts. Das Frühstück steht auf dem Tisch, so zuverlässig wie die Sonne aufgeht.
Die vollen Regale sind nur die Spitze des Wohlstands.
Frédéric Bastiat stand vor bald zwei Jahrhunderten staunend in Paris: eine Stadt voller Menschen, von denen kaum einer herstellen kann, was er täglich verbraucht, und doch hat jeder jeden Tag zu essen. Niemand befiehlt es, und niemand könnte es auch nur planen. Ein großer Supermarkt führt heute mehrere zehntausend Artikel, und hinter jedem einzelnen steht eine Kette von Vorleistungen, die kein Mensch überblickt: Saatgutzüchter und Frachtkapitäne, Verpackungschemiker und Versicherungsmathematiker, kooperierend über alle Grenzen, Sprachen und Feindschaften hinweg. Wer glaubt, die vollen Regale seien schon der Wohlstand, den man nur noch aufteilen müsste, übersieht diese Kette: Sichtbar ist die Spitze eines Eisbergs, dessen Masse unter der Wasserlinie treibt. Ein Wunder nennen wir gewöhnlich, was die Naturgesetze bricht. Dieses hier lässt die Naturgesetze unangetastet und bricht stattdessen die Gesetze unserer Anschauung: zu groß, zu fein verzweigt, zu alltäglich, um gesehen zu werden. Es gehört zu jener merkwürdigen Klasse von Dingen, die Adam Ferguson als Ergebnisse menschlichen Handelns beschrieb, die keinem menschlichen Entwurf entstammen.
Je kapitalistischer die Gesellschaft, desto fremder ist ihr das eigene Grundprinzip.
Darin liegt das Paradox, mit dem dieses Buch beginnt. Wir leben in der am dichtesten verflochtenen Tauschwelt aller Zeiten: Nie kooperierten mehr Fremde über größere Entfernungen in feinerer Arbeitsteilung. Zugleich verstehen wir diese Welt so schlecht wie kaum eine Generation vor uns. Je kapitalistischer eine Gesellschaft, desto weniger Menschen begreifen ihr Grundprinzip, desto mehr halten sie für selbstverständlich, was es nie war. Das Geld kommt aus dem Bankomaten wie der Strom aus der Steckdose; Krisen kommen scheinbar von außen, Erfolge auch. Für den Einzelnen bleibt die große Ordnung eine Black Box, und in die Deutungsnot strömen die Systembegriffe: «Kapitalismus» ist fast immer eine Abkürzung für das diffuse Gefühl, es gebe an der Welt etwas auszusetzen.
Wer den Markt verflucht, setzt seine Ordnung voraus.
Der Streit über dieses Etwas ist alt und dreht sich im Kreis. Albert Hirschman hat gezeigt, dass die Marktgesellschaft seit Jahrhunderten in drei rivalisierenden Deutungen gelesen wird: als zivilisierende Kraft, die Sitten verfeinert und Despoten zähmt; als zerstörerische Kraft, die alle Bindungen auflöst; und als schwache Kraft, die von moralischen Reserven zehrt, welche sie selbst nicht erneuern kann. Im 18. Jahrhundert galt die erste Lesart als Allgemeinwissen: Montesquieu erwartete vom Handel die Zähmung der Fürstenwillkür, ein Handelsschriftsteller jener Zeit schwärmte, der Kommerz mache den Stolzen geschmeidig und den Hochfahrenden dienstfertig, und Rousseau rebellierte gegen den Konsens. Bemerkenswert an diesem Dauerstreit ist weniger, wer recht behält, als was alle drei Lesarten stillschweigend voraussetzen: dass da eine Ordnung wirkt, die niemand gestiftet hat und die stärker ist als jede Absicht. Hermann Lübbe hat vermerkt, dass selbst unser feierlichstes Vokabular ökonomischer Herkunft ist: «Wert» war ein Begriff der Hauswirtschaft, lange bevor er in Katechismen und Sonntagsreden einzog, und die Volkskundler zählen weit über tausend deutsche Sprichwörter zum Geld, viermal so viele wie zum Leben, immerhin halb so viele wie zu Gott.
Die Sprache weiß längst, wovon alles abhängt; nur ihre Sprecher wissen es nicht.
Dabei stellen wir seit jeher die falsche Frage. Erklärungsbedürftig erscheint uns die Armut: Woher kommt das Elend, wer hat es verschuldet, wem nützt es? Doch die Armut hat die Gattung von Anbeginn begleitet, sie ist der Normalzustand. Armut erklärt sich von selbst.
Erklärungsbedürftig ist der Wohlstand.
Über den Wohlstand stimmen die Menschen mit den Füßen ab, nicht mit dem Mund.
In grober wirtschaftshistorischer Größenordnung entstanden rund 97 Prozent des gesamten materiellen Wohlstands der Menschheit in den letzten 0,01 Prozent ihrer Geschichte, in jener kurzen Phase globaler Arbeitsteilung, die wir Moderne nennen; noch das Versailles des Sonnenkönigs, der Legende nach mit über tausend Zimmern, kannte kein einziges Badezimmer im heutigen Sinn. Über den Wert dieser Ordnung haben die Menschen dabei längst abgestimmt, nur eben mit den Füßen statt mit dem Mund: Wo der Wohlstand nicht zu den Menschen kommt, wandern die Menschen zum Wohlstand. Jede Landflucht der Geschichte, jeder Treck in die Städte und an die Küsten ist eine demonstrierte Präferenz, eindeutiger als alle Umfragen, in denen dieselben Wanderer den «Kapitalismus» verwerfen. Was binnen weniger Generationen aus Subsistenz und Hunger eine Welt der vollen Regale machte, hat niemand erfunden und niemand befohlen. Es entstand, während alle mit anderem beschäftigt waren. Dieses Buch handelt davon, wie Menschen diese Ordnung entdeckten: zuerst mit den Händen, viel später mit dem Kopf, und immer wieder, am bittersten, im Verlust.
Thomas Hobbes hat die Doppelnatur des Menschen in zwei Sätze gefasst: «Der Mensch ist ein Gott für den Menschen, und: Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen; jener, wenn man die Bürger untereinander, dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht.» Innerhalb der eigenen Mauern Gott, jenseits davon Wolf: Diese Grenze ist älter als alle Staaten. Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte war der Fremde im Zweifel Feind; wer ohne Verwandtschaft, ohne gemeinsame Götter, ohne Bürgen vor dem Lager stand, war eine wandelnde Drohung. Solange es Menschen gibt, gab es friedlichen Tausch und mörderischen Konflikt, und die meiste Zeit blieben beide verwoben; die saubere Trennung von Handel und Gewalt, die unser heutiges Bild bestimmt, ist jünger und brüchiger, als sie scheint. Neben die Hand, die ein Angebot hinhält, gehört darum von Anfang an die Faust, die droht und nimmt, und sie ist nicht weniger alt. Auch die Faust folgt einer eigenen Logik, die spätere Kapitel entfalten werden: einem Zyklus der Macht, der dem des Geldes auf verblüffende Weise gleicht. Wer das Wunder besingen will, muss seine Schattenseite mitsingen: Es wurde nie auf unschuldigem Boden vollbracht.
Lebendig nützt der Fremde mehr als tot.
Und doch geschah an den Rändern der Lager etwas, das die Weltgeschichte stärker verändert hat als alle Schlachten: Menschen legten Waren nieder, traten zurück und warteten. Der Tausch wurde zur ersten Technik, einen Fremden am Leben zu lassen, weil er lebendig nützlicher war als tot. Der Handel gehört zu den mächtigsten Friedenstechniken, die der Mensch je gefunden hat, verwandt mit dem Heiraten: Beide verwandeln den Fremden in einen Angehörigen, der eine über das gemeinsame Geschäft, das andere über die gemeinsame Sippe. Der Händler behandelt jeden Kunden gleich, welcher Herkunft und Gesinnung auch immer; diese Gleichgültigkeit empörte die Romantiker aller Epochen, und sie ist zugleich die stille Toleranzleistung des Tauschs. Auch das Geld, dem wir noch ausführlich begegnen werden, gehört in diese Reihe: Es stiftet Beziehungen, wo sonst keine wären, Beziehungen zwischen Fremden. Der Bruder muss keine Münze vorlegen; Geld braucht immer nur der Fremde. Georg Simmel hat es deshalb als Medium der Befreiung gerühmt: Es überwindet Standesschranken mühelos, mit einer Leichtigkeit, die den Wächtern der alten Ordnungen von jeher unheimlich war.
Die Griechen, die für fast alles ein Wort besaßen, haben dieser Verwandlungskraft ihr Hauptwort verweigert; ihr Verbum aber verrät alles. Katallattein heißt tauschen, Münzen wechseln, und es heißt zugleich versöhnen: vom Feind zum Freund machen. Nach diesem Verbum hat man die Marktordnung später benennen wollen, lange vergeblich. Durchgesetzt hat sich stattdessen ein Wort, das die falsche Annahme gleich im Namen trägt: «Ökonomie», die Führung der großen Hauswirtschaft, gedacht vom antiken Hausherrn her, der von oben Anweisungen gibt. Die Sprache selbst unterstellt der ungeplanten Ordnung einen Planer. So tief sitzt das Missverständnis, dass es im Namen der Wissenschaft wohnt, die es auflösen sollte.
Die warme Nachbarschaft schenkt das Glück, den Wohlstand schenken die Fremden.
Die Katallaxie ist die Ordnung des Tauschs unter Fremden: die Fähigkeit, mit Unbekannten Spiele zu spielen, bei denen beide gewinnen. Ihr Kern ist unscheinbar wie alles Große: das Angebot, das man ablehnen kann. Wo Menschen einander Angebote machen statt Drohungen, weitet sich der Kreis derer, die füreinander keine Wölfe mehr sind, von der Sippe zum Stamm, vom Stamm zur Stadt, von der Stadt zu jenem Weltzusammenhang, der uns morgens den Kaffee bereitet. Die Romantiker aller Lager wenden ein, das Eigentliche seien doch die warmen Beziehungen der kleinen Gemeinschaft, die Nachbarschaft, das geteilte Brot. Sie haben ja recht, was das Glück betrifft; was den Wohlstand betrifft, irren sie um Größenordnungen: Die Sitten- und Vertrauensbeziehungen des Nahbereichs erklären geschätzt ein bis fünf Prozent unseres materiellen Auskommens, der große Rest kommt aus der arbeitsteiligen Kooperation mit Fremden, die wir nie kennenlernen werden. Diese Ausweitung ist die eigentliche Geschichte der Zivilisation, und sie verlief weder gerade noch friedlich noch unumkehrbar.
Wo keiner lenkt, erfindet das Auge einen Lenker.
Warum aber muss eine Ordnung, von der buchstäblich unser Frühstück abhängt, überhaupt entdeckt werden? Niemand muss die Sonne entdecken. Die Antwort beginnt bei unseren Sinnen. Wir erkennen Muster spontan, wenn sie uns einprogrammiert sind: Ein Gesicht in der Menge, eine Spur im Schnee, ein drohender Tonfall springen uns an, ohne dass wir suchen müssten. Geeicht wurde diese Mustererkennung in kleinen Gesellschaften, in Horden von einigen Dutzend Menschen, in denen jeder jeden kannte und jede Wirkung einen Urheber hatte. Ökonomische Muster sind anders gebaut: zu viele Glieder, zu lange Ketten, keine Absicht hinter dem Ergebnis. Der Glaube, ein Muster enthülle sich von selbst, wenn man nur lange genug hinschaut, ist ein Irrtum; manche Ordnungen bleiben dem bloßen Auge für immer verschlossen. Unsere Instinkte sind für eine Umwelt programmiert, in der wir nicht mehr leben. Darum sehen wir Gesichter in Wolken und übersehen die Ordnung im Supermarkt; darum vermuten wir hinter jeder Krise einen Täter und hinter jedem Preis eine Willkür. Die Verschwörungstheorie ist die ehrliche Auskunft eines Wahrnehmungsapparats, der Organisation unterstellt, wo keine ist. Was das bloße Auge nicht fasst, braucht Instrumente: Die Ordnung des Tauschs wurde erst sichtbar, wo Menschen Begriffe schliffen wie Linsen.
Zur kurzsichtigen Optik kommt eine tiefsitzende Arithmetik. In der Welt, in der unsere Intuitionen entstanden, war fast jedes Gut begrenzt: Was der eine aß, fehlte dem anderen. Die Nullsummen-Annahme ist deshalb unsere Voreinstellung, und sie macht den Tausch verdächtig, denn wo einer gewinnt, muss einer verloren haben. Dass beide gewinnen können, weil sie dasselbe verschieden bewerten, gehört zu den größten Einsichten der Geistesgeschichte und zugleich zu den unglaubwürdigsten: Sie widerspricht jedem Gefühl. Selbst die Spanienerdbeere im Februar, dieser kleine Triumph der Arbeitsteilung, gilt vielen als naturwidrig statt als Geschenk. Und seit jeher trifft der Verdacht den Boten. Die ersten sichtbaren Marktmenschen waren Fremde: wurzellos, wandelbar, schwer einzuordnen. Der Händler hat als Sprachrohr des Marktes ein ewiges Imageproblem; stets ist er der ungeliebte Botschafter unangenehmer Wahrheiten. Man hasst den Überbringer der Knappheit, weil man die Knappheit selbst nicht sehen kann.
Wer dem Wunder ein Gesicht malt, hat es schon verfehlt.
Die Unsichtbarkeit hat eine weitere psychologische Folge, auf die Heinz Dieter Kittsteiner aufmerksam gemacht hat. Gegen einen sichtbaren Feind empfindet man Furcht, und Furcht kann handeln: kämpfen oder fliehen. Die gesichtslose Ordnung dagegen erzeugt Angst, jenes Unbehagen ohne Gegenstand, das sich nirgends abarbeiten lässt und darum am Ich nagt. Also gibt man dem Unsichtbaren ein Gesicht, sobald es schmerzt: Aus anonymen Kapitalströmen werden «Heuschrecken», aus der unpersönlichen Ordnung wird ein Täter, den man bekämpfen kann. Die Personifizierung ist eine echte Erleichterung, denn nun lässt sich wieder fürchten statt ängstigen, anklagen statt verstehen. Ihr Preis ist hoch: Wer dem Wunder ein Gesicht malt, hat es schon verfehlt.
Begriffen wird die Ordnung erst, wenn sie bedroht ist.
Die Menschheit hat die Katallaxie dreimal entdeckt, und jede Entdeckung hat ihre eigene Geschichte. Die erste war praktisch: Seit der Frühgeschichte lebt die Gattung vom Tausch mit Fremden, vom Gabentausch, vom Schweigehandel an den Rändern der Territorien, vom Fernhandel über Entfernungen, die kein einzelner Händler je zurücklegte, lange bevor irgendjemand wusste, was da geschah. Die zweite war theoretisch und kam spät, selten und nur an besonderen Orten zustande: wo Muße auf Unternehmertum traf, wo Menschen zugleich Abstand vom Getriebe und Tuchfühlung mit ihm hatten. In den Beichtstühlen Salamancas, wo Beichtväter über die Verträge der Kaufleute urteilen mussten und dabei Preis und Zins begriffen; im Schottland der Aufklärung; am tiefsten und folgenreichsten im Wien des 19. Jahrhunderts, dessen Spur dieses Buch besonders aufmerksam verfolgt. Die dritte Entdeckung ist existenziell, und sie wiederholt sich: in den Krisen, in denen sichtbar wird, wovon alles abhing, wenn die Regale sich leeren, das Geld zerrinnt und die Fremden wieder zu Feinden werden. Die Reihenfolge ist bezeichnend. Die Praxis kam Jahrtausende vor der Theorie, und die Theorie kam fast immer zu spät: Begriffen wurde die Ordnung meist erst, wo sie schon bedroht war. Im bürokratischen Wien gedieh die Staatsskepsis, und während das Geldwesen zusammenbrach, machte die Geldtheorie große Fortschritte.
Den Wohlstand versteht am wenigsten, wer ihn genießt.
Und die Menschheit vergisst jede dieser Entdeckungen mit derselben Zuverlässigkeit, denn das Vergessen ist in den Erfolg der Ordnung eingebaut. Je höher der Kapitalstock, desto mehr Menschen leben als Angestellte ohne eigenes Kapital, entfremdet von der wirtschaftlichen Realität ihres Daseins; die Intellektuellen, die erst der Wohlstand sich leisten kann, verstehen seine Grundlagen am wenigsten. Die tragenden Regeln, allen voran der Respekt vor dem Eigentum, verdanken sich keiner Begründung: Man hat sie imitiert, weil ihre Befolger sichtbar gediehen, und eine Gesellschaft, die ihr Eigentum erst vernunftgemäß beweisen muss, ist schon dabei, es zu verlieren. Die Theorien schließlich überleben nach ihrer Brauchbarkeit für die Macht: Gefragt ist, was Eingriffe rechtfertigt, und so verschwinden die Einsichten in die ungeplante Ordnung regelmäßig in der Versenkung, während die Planungslehren Lehrstühle erhalten. Hirschman hat den scheinbaren Widerspruch seiner drei Lesarten am Ende selbst entschärft: Die moralische Basis der Marktgesellschaft wird gleichzeitig erschöpft und wieder aufgefüllt, so wenig ein Widerspruch, wie wenn ein Betrieb zugleich Einnahmen und Ausgaben hat. Allerdings läuft die Buchhaltung des Verstehens chronisch im Defizit. Und Lübbes Warnung steht daneben: Die alte Verachtung des Handels war vormodern, und wo sie sich modernisierte, wurde sie totalitär.
Das Hirn versteht die Faust meist besser als die Hand.
So entsteht der Zyklus, der sich durch die Weltgeschichte zieht: entdeckt, begriffen, vergessen, wiederentdeckt. Dieses Buch erzählt ihn von den Feuerstellen der Frühzeit bis zu den Rechenzentren der Gegenwart. Drei Fäden laufen durch die Erzählung: die tauschende Hand, die Angebote macht; die drohende Faust, die nimmt und Gehorsam verlangt; das deutende Hirn, das zwischen beiden schwankt und die Faust meist besser versteht als die Hand. Es ist die Geschichte der langsamen, immer wieder unterbrochenen Ausweitung jenes Radius, in dem Fremde einander Tauschpartner sind und keine Beute; sie führt über Tempel und Kontore, Beichtstühle und Börsen, über Münzverrufungen und Hyperinflationen zu den seltenen Orten, an denen Menschen die Ordnung, die sie lebten, auch begriffen. Dass die Einsicht ihre langen Durststrecken überlebte, verdankt sie stets Einzelnen, die den Faden über Kriege, Moden und Vergessensschübe hinweg weiterreichten; auch von dieser Stafette wird zu erzählen sein. Die Gegenwart ist die jüngste Probe dieser Geschichte: Es wird sich zeigen, dass man Bitcoin, die Anziehungskraft der freien Städte und die Wucht der Künstlichen Intelligenz ohne den langen Bogen nicht verstehen kann — und den langen Bogen nicht ohne sie.
Morgen früh werden Sie wieder vor dem Regal stehen oder die Kaffeemaschine einschalten, und nichts wird sich verändert haben außer vielleicht der Blick. Das genügt für den Anfang. Denn bevor diese Geschichte beginnen kann, bleibt die eine Frage, die ihr vorausliegt: Warum sehen wir das Wunder nicht, obwohl wir mittendrin stehen und von ihm leben? Mit fehlender Bildung hat das wenig zu tun, mit bösem Willen noch weniger; auch die Entdecker selbst haben die Einsicht immer wieder aus den Augen verloren. Die Antwort liegt tiefer als jede Theorie: in der Evolution unserer Wahrnehmung. Um sie zu finden, müssen wir dorthin zurück, wo unsere Augen geeicht und unsere Gefühle programmiert wurden — an die Lagerfeuer der kleinen Horde, zu Teilen und Neid, Rang und Gabe. Dort wartet das Erbe, das wir bis heute in uns tragen.

Bei den Buschleuten der Kalahari galt eine Regel, die jeden großen Jäger früher oder später einholte. Brachte ein Mann viel Fleisch ins Lager, das Tier groß, die Beute reich, so wurde er nicht gefeiert. Man spottete: das Wild sei mager, seine Mühe kaum der Rede wert. Der Feldforscher Richard Lee hat die Worte aufgezeichnet, mit denen die Bande das Herz des Jägers kühlte. Wer viel töte, halte sich bald für einen Häuptling und die anderen für seine Knechte, und aus solchem Stolz erwachse eines Tages Mord. Der Jäger stimmte ein. Er machte sich klein, schrieb die Beute dem Glück zu, überließ das Verteilen einem anderen. So blieb der Kreis, was er war: eine Gemeinschaft, in der niemand sich über die anderen erhob.
Wer darin nur die Missgunst kleiner Leute sieht, verkennt den Zweck. Hier wird Ordnung gehalten, und es ist die älteste Ordnung, die wir kennen. Über Zehntausende von Jahren hat sich unsere Wahrnehmung in solchen Kreisen von wenigen Dutzend geschult. Das Auge lernte, Gesichter zu lesen, Kränkungen, Schulden, die Verteilung des Fleisches: wer wie viel bekam, wer wem noch etwas schuldete. Es lernte nicht, einen Preis zu lesen. Unsere Sinne sind ein Organ der Kleingruppe. Darum bleibt die Ordnung, die heute Millionen Fremde ernährt, unseren Augen verborgen: das Werkzeug, das sie erfassen müsste, ist gebaut, um 30 Menschen zu überblicken, nicht 30 Millionen. Das Problem ist, dass unsere Instinkte auf eine Welt geeicht sind, die es längst nicht mehr gibt.
So beginnt Kapitel 1
Die grosse Leseprobe als PDF führt weiter: Titelei, Inhaltsverzeichnis, der Prolog und die ersten zwei Kapitel mit ihren Kapiteltafeln. Danach folgen 23 weitere Kapitel im Buch.
Und wer das Gespräch zum Buch sucht: der Salonsitz 144
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Auf eigener Stufe: der Salonsitz 144 · einmalig · übertragbar · mit signierter Katallaxie-Edition als Gründungsgabe.
Ein E-Book gibt es bewusst nicht: die farbigen Kapiteltafeln und der Satz leben im gedruckten Buch, die Stimme im Audiobook. Die englische Ausgabe erscheint zeitgleich. Die Buchbestellungen sind Vorbestellungen; die Auslieferung folgt zum Erscheinen.
Der Salonsitz 144 ist ein unbefristetes Teilnahme- und Zugangsrecht zum scholarium-Salon: nach vollständiger Bezahlung frei übertragbar und weiterverkaufbar, ohne jährliche Erneuerung. Wer ihn erwirbt, kauft den Zugang zum Kreis; das Buch tritt als Gabe hinzu.
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Titelei, Inhaltsverzeichnis, der vollständige Prolog und die ersten zwei Kapitel mit ihren Kapiteltafeln: rund vierzig gesetzte Buchseiten. Die PDF gibt es gegen Eintrag in die Scholien, unseren Newsletter; der Download erscheint direkt danach.
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