Hardcover
€ 44
die normale Edition
- 25 farbige Kapiteltafeln
- Zweifarbsatz mit Randscholien
- Auslieferung zum Erscheinen
Eine Weltgeschichte von Tausch und Macht · Rahim Taghizadegan
Wer heute Morgen Kaffee getrunken hat, hat an einem Ritual teilgenommen, das mehr Menschen verband als jedes Konzil der Geschichte. Niemand hat es befohlen, und doch funktioniert es seit Jahrtausenden: der Tausch zum beiderseitigen Vorteil, das älteste Win-Win der Welt. Und zugleich die erste vollständige Übersicht über die ursprüngliche Österreichische Schule und ihre interessantesten Teile, interdisziplinär und praxisorientiert.

Zwei Jahrzehnte Forschung und Lehre am scholarium, verdichtet in einem Buch. Zum ersten Mal verbindet ein Band die ganze Tiefe und Breite der österreichischen Schule mit Lesbarkeit: die Theorie wird als Weltgeschichte erzählt, und sie mündet in Praxis. Klar denken, unternehmen, Vermögen führen, den Standort wählen, gut leben: der letzte Teil macht das Sehvermögen der Schule zum Werkzeug.
25 Kapitel · sechs Teile · 387 Seiten · 25 Kapiteltafeln · 202 Quellen · Randscholien
Gabe, Geld, Markt: die Ordnung, die entsteht, wo Fremde einander Angebote machen.
Tribut, Monopol, Krieg: die Macht, die vom Tausch lebt und ihn immer wieder erstickt.
Die Ideen, die beides begleiten: von der Verachtung des Händlers bis zur Wiener Einsicht.
Dreimal hat die Menschheit die Ordnung des Tauschs entdeckt: mit den Händen, mit dem Kopf, am bittersten im Verlust. Und dreimal vergisst sie wieder, weil das Vergessen in den Erfolg der Ordnung eingebaut ist. Der Prolog beginnt beim unsichtbaren Wunder des Alltags: Hunderte Kraftwerke, Millionen Verbraucher und eine einzige Zahl, die alle gemeinsam stabil halten, 50 Hertz, ohne Dirigenten.
Der Anfang des Buchs, frei zu lesen, gesetzt über dem Panorama des Schutzumschlags. Scrollen genügt.

Wer heute Morgen Kaffee getrunken hat, hat an einem Ritual teilgenommen, das mehr Menschen verband als jedes Konzil der Geschichte. Die Bohnen wuchsen an einem Hang in Äthiopien oder Kolumbien, gepflückt von Händen, die wir nie schütteln werden; sie wurden geröstet, verschifft, versichert, verzollt und gemahlen von Fremden, die einander so fremd sind wie uns. Der Strom, der das Wasser erhitzte, schwingt im europäischen Verbundnetz bei 50 Hertz: Hunderte Kraftwerke, tausende Techniker und Millionen Verbraucher halten diese eine Zahl gemeinsam stabil, in jeder Sekunde, ohne Dirigenten. Wie empfindlich das Kunststück ist, zeigt sich selten. 2019 sackte die Frequenz im europäischen Netz auf 49,8 Hertz, und die Fachleute hielten den Atem an; in Amerika genügten einmal ein Baum auf einer Leitung und ein Softwarefehler für einen Blackout mit Milliardenschaden. Wir bemerken von alledem nichts. Das Frühstück steht auf dem Tisch, so zuverlässig wie die Sonne aufgeht.
Die vollen Regale sind nur die Spitze des Wohlstands.
Frédéric Bastiat stand vor bald zwei Jahrhunderten staunend in Paris: eine Stadt voller Menschen, von denen kaum einer herstellen kann, was er täglich verbraucht, und doch hat jeder jeden Tag zu essen. Niemand befiehlt es, und niemand könnte es auch nur planen. Ein großer Supermarkt führt heute mehrere zehntausend Artikel, und hinter jedem einzelnen steht eine Kette von Vorleistungen, die kein Mensch überblickt: Saatgutzüchter und Frachtkapitäne, Verpackungschemiker und Versicherungsmathematiker, kooperierend über alle Grenzen, Sprachen und Feindschaften hinweg. Wer glaubt, die vollen Regale seien schon der Wohlstand, den man nur noch aufteilen müsste, übersieht diese Kette: Sichtbar ist die Spitze eines Eisbergs, dessen Masse unter der Wasserlinie treibt. Ein Wunder nennen wir gewöhnlich, was die Naturgesetze bricht. Dieses hier lässt die Naturgesetze unangetastet und bricht stattdessen die Gesetze unserer Anschauung: zu groß, zu fein verzweigt, zu alltäglich, um gesehen zu werden. Es gehört zu jener merkwürdigen Klasse von Dingen, die Adam Ferguson als Ergebnisse menschlichen Handelns beschrieb, die keinem menschlichen Entwurf entstammen.
Je kapitalistischer die Gesellschaft, desto fremder ist ihr das eigene Grundprinzip.
Darin liegt das Paradox, mit dem dieses Buch beginnt. Wir leben in der am dichtesten verflochtenen Tauschwelt aller Zeiten: Nie kooperierten mehr Fremde über größere Entfernungen in feinerer Arbeitsteilung. Zugleich verstehen wir diese Welt so schlecht wie kaum eine Generation vor uns. Je kapitalistischer eine Gesellschaft, desto weniger Menschen begreifen ihr Grundprinzip, desto mehr halten sie für selbstverständlich, was es nie war. Das Geld kommt aus dem Bankomaten wie der Strom aus der Steckdose; Krisen kommen scheinbar von außen, Erfolge auch. Für den Einzelnen bleibt die große Ordnung eine Black Box, und in die Deutungsnot strömen die Systembegriffe: «Kapitalismus» ist fast immer eine Abkürzung für das diffuse Gefühl, es gebe an der Welt etwas auszusetzen.
Wer den Markt verflucht, setzt seine Ordnung voraus.
Der Streit über dieses Etwas ist alt und dreht sich im Kreis. Albert Hirschman hat gezeigt, dass die Marktgesellschaft seit Jahrhunderten in drei rivalisierenden Deutungen gelesen wird: als zivilisierende Kraft, die Sitten verfeinert und Despoten zähmt; als zerstörerische Kraft, die alle Bindungen auflöst; und als schwache Kraft, die von moralischen Reserven zehrt, welche sie selbst nicht erneuern kann. Im 18. Jahrhundert galt die erste Lesart als Allgemeinwissen: Montesquieu erwartete vom Handel die Zähmung der Fürstenwillkür, ein Handelsschriftsteller jener Zeit schwärmte, der Kommerz mache den Stolzen geschmeidig und den Hochfahrenden dienstfertig, und Rousseau rebellierte gegen den Konsens. Bemerkenswert an diesem Dauerstreit ist weniger, wer recht behält, als was alle drei Lesarten stillschweigend voraussetzen: dass da eine Ordnung wirkt, die niemand gestiftet hat und die stärker ist als jede Absicht. Hermann Lübbe hat vermerkt, dass selbst unser feierlichstes Vokabular ökonomischer Herkunft ist: «Wert» war ein Begriff der Hauswirtschaft, lange bevor er in Katechismen und Sonntagsreden einzog, und die Volkskundler zählen weit über tausend deutsche Sprichwörter zum Geld, viermal so viele wie zum Leben, immerhin halb so viele wie zu Gott.
Die Sprache weiß längst, wovon alles abhängt; nur ihre Sprecher wissen es nicht.
Dabei stellen wir seit jeher die falsche Frage. Erklärungsbedürftig erscheint uns die Armut: Woher kommt das Elend, wer hat es verschuldet, wem nützt es? Doch die Armut hat die Gattung von Anbeginn begleitet, sie ist der Normalzustand. Armut erklärt sich von selbst.
Erklärungsbedürftig ist der Wohlstand.
Über den Wohlstand stimmen die Menschen mit den Füßen ab, nicht mit dem Mund.
In grober wirtschaftshistorischer Größenordnung entstanden rund 97 Prozent des gesamten materiellen Wohlstands der Menschheit in den letzten 0,01 Prozent ihrer Geschichte, in jener kurzen Phase globaler Arbeitsteilung, die wir Moderne nennen; noch das Versailles des Sonnenkönigs, der Legende nach mit über tausend Zimmern, kannte kein einziges Badezimmer im heutigen Sinn. Über den Wert dieser Ordnung haben die Menschen dabei längst abgestimmt, nur eben mit den Füßen statt mit dem Mund: Wo der Wohlstand nicht zu den Menschen kommt, wandern die Menschen zum Wohlstand. Jede Landflucht der Geschichte, jeder Treck in die Städte und an die Küsten ist eine demonstrierte Präferenz, eindeutiger als alle Umfragen, in denen dieselben Wanderer den «Kapitalismus» verwerfen. Was binnen weniger Generationen aus Subsistenz und Hunger eine Welt der vollen Regale machte, hat niemand erfunden und niemand befohlen. Es entstand, während alle mit anderem beschäftigt waren. Dieses Buch handelt davon, wie Menschen diese Ordnung entdeckten: zuerst mit den Händen, viel später mit dem Kopf, und immer wieder, am bittersten, im Verlust.
Thomas Hobbes hat die Doppelnatur des Menschen in zwei Sätze gefasst: «Der Mensch ist ein Gott für den Menschen, und: Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen; jener, wenn man die Bürger untereinander, dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht.» Innerhalb der eigenen Mauern Gott, jenseits davon Wolf: Diese Grenze ist älter als alle Staaten. Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte war der Fremde im Zweifel Feind; wer ohne Verwandtschaft, ohne gemeinsame Götter, ohne Bürgen vor dem Lager stand, war eine wandelnde Drohung. Solange es Menschen gibt, gab es friedlichen Tausch und mörderischen Konflikt, und die meiste Zeit blieben beide verwoben; die saubere Trennung von Handel und Gewalt, die unser heutiges Bild bestimmt, ist jünger und brüchiger, als sie scheint. Tomas Pueyo nennt Pax Mercatus den Frieden, den Herrscher entlang der Flüsse und Handelswege erzwangen: Mehr Friede bedeutete mehr Handel, mehr Handel mehr Reichtum und mehr Reichtum mehr Steuern. Neben die Hand, die ein Angebot hinhält, gehört darum von Anfang an die Faust, die droht und nimmt, und sie ist nicht weniger alt. Auch die Faust folgt einer eigenen Logik, die spätere Kapitel entfalten werden: einem Zyklus der Macht, der dem des Geldes auf verblüffende Weise gleicht. Wer das Wunder besingen will, muss seine Schattenseite mitsingen: Es wurde nie auf unschuldigem Boden vollbracht.
Lebendig nützt der Fremde mehr als tot.
Und doch geschah an den Rändern der Lager etwas, das die Weltgeschichte stärker verändert hat als alle Schlachten: Menschen legten Waren nieder, traten zurück und warteten. Der Tausch wurde zur ersten Technik, einen Fremden am Leben zu lassen, weil er lebendig nützlicher war als tot. Der Handel gehört zu den mächtigsten Friedenstechniken, die der Mensch je gefunden hat, verwandt mit dem Heiraten: Beide verwandeln den Fremden in einen Angehörigen, der eine über das gemeinsame Geschäft, das andere über die gemeinsame Sippe. Der Händler behandelt jeden Kunden gleich, welcher Herkunft und Gesinnung auch immer; diese Gleichgültigkeit empörte die Romantiker aller Epochen, und sie ist zugleich die stille Toleranzleistung des Tauschs. Auch das Geld, dem wir noch ausführlich begegnen werden, gehört in diese Reihe: Es stiftet Beziehungen, wo sonst keine wären, Beziehungen zwischen Fremden. Der Bruder muss keine Münze vorlegen; Geld braucht immer nur der Fremde. Georg Simmel hat es deshalb als Medium der Befreiung gerühmt: Es überwindet Standesschranken mühelos, mit einer Leichtigkeit, die den Wächtern der alten Ordnungen von jeher unheimlich war.
Die Griechen, die für fast alles ein Wort besaßen, haben dieser Verwandlungskraft ihr Hauptwort verweigert; ihr Verbum aber verrät alles. Katallattein heißt tauschen, Münzen wechseln, und es heißt zugleich versöhnen: vom Feind zum Freund machen. Nach diesem Verbum hat man die Marktordnung später benennen wollen, lange vergeblich. Durchgesetzt hat sich stattdessen ein Wort, das die falsche Annahme gleich im Namen trägt: «Ökonomie», die Führung der großen Hauswirtschaft, gedacht vom antiken Hausherrn her, der von oben Anweisungen gibt. Die Sprache selbst unterstellt der ungeplanten Ordnung einen Planer. So tief sitzt das Missverständnis, dass es im Namen der Wissenschaft wohnt, die es auflösen sollte.
Die warme Nachbarschaft schenkt das Glück, den Wohlstand schenken die Fremden.
Die Katallaxie ist die Ordnung des Tauschs unter Fremden: die Fähigkeit, mit Unbekannten Spiele zu spielen, bei denen beide gewinnen. Ihr Kern ist unscheinbar wie alles Große: das Angebot, das man ablehnen kann. Wo Menschen einander Angebote machen statt Drohungen, weitet sich der Kreis derer, die füreinander keine Wölfe mehr sind, von der Sippe zum Stamm, vom Stamm zur Stadt, von der Stadt zu jenem Weltzusammenhang, der uns morgens den Kaffee bereitet. Die Romantiker aller Lager wenden ein, das Eigentliche seien doch die warmen Beziehungen der kleinen Gemeinschaft, die Nachbarschaft, das geteilte Brot. Sie haben ja recht, was das Glück betrifft; was den Wohlstand betrifft, irren sie um Größenordnungen: Die Sitten- und Vertrauensbeziehungen des Nahbereichs erklären geschätzt ein bis fünf Prozent unseres materiellen Auskommens, der große Rest kommt aus der arbeitsteiligen Kooperation mit Fremden, die wir nie kennenlernen werden. Diese Ausweitung ist die eigentliche Geschichte der Zivilisation, und sie verlief weder gerade noch friedlich noch unumkehrbar.
Wo keiner lenkt, erfindet das Auge einen Lenker.
Warum aber muss eine Ordnung, von der buchstäblich unser Frühstück abhängt, überhaupt entdeckt werden? Niemand muss die Sonne entdecken. Die Antwort beginnt bei unseren Sinnen. Wir erkennen Muster spontan, wenn sie uns einprogrammiert sind: Ein Gesicht in der Menge, eine Spur im Schnee, ein drohender Tonfall springen uns an, ohne dass wir suchen müssten. Geeicht wurde diese Mustererkennung in kleinen Gesellschaften, in Horden von einigen Dutzend Menschen, in denen jeder jeden kannte und jede Wirkung einen Urheber hatte. Ökonomische Muster sind anders gebaut: zu viele Glieder, zu lange Ketten, keine Absicht hinter dem Ergebnis. Der Glaube, ein Muster enthülle sich von selbst, wenn man nur lange genug hinschaut, ist ein Irrtum; manche Ordnungen bleiben dem bloßen Auge für immer verschlossen. Unsere Instinkte sind für eine Umwelt programmiert, in der wir nicht mehr leben. Darum sehen wir Gesichter in Wolken und übersehen die Ordnung im Supermarkt; darum vermuten wir hinter jeder Krise einen Täter und hinter jedem Preis eine Willkür. Die Verschwörungstheorie ist die ehrliche Auskunft eines Wahrnehmungsapparats, der Organisation unterstellt, wo keine ist. Was das bloße Auge nicht fasst, braucht Instrumente: Die Ordnung des Tauschs wurde erst sichtbar, wo Menschen Begriffe schliffen wie Linsen.
Zur kurzsichtigen Optik kommt eine tiefsitzende Arithmetik. In der Welt, in der unsere Intuitionen entstanden, war fast jedes Gut begrenzt: Was der eine aß, fehlte dem anderen. Die Nullsummen-Annahme ist deshalb unsere Voreinstellung, und sie macht den Tausch verdächtig, denn wo einer gewinnt, muss einer verloren haben. Dass beide gewinnen können, weil sie dasselbe verschieden bewerten, gehört zu den größten Einsichten der Geistesgeschichte und zugleich zu den unglaubwürdigsten: Sie widerspricht jedem Gefühl. Selbst die Spanienerdbeere im Februar, dieser kleine Triumph der Arbeitsteilung, gilt vielen als naturwidrig statt als Geschenk. Und seit jeher trifft der Verdacht den Boten. Die ersten sichtbaren Marktmenschen waren Fremde: wurzellos, wandelbar, schwer einzuordnen. Der Händler hat als Sprachrohr des Marktes ein ewiges Imageproblem; stets ist er der ungeliebte Botschafter unangenehmer Wahrheiten. Man hasst den Überbringer der Knappheit, weil man die Knappheit selbst nicht sehen kann.
Wer dem Wunder ein Gesicht malt, hat es schon verfehlt.
Die Unsichtbarkeit hat eine weitere psychologische Folge, auf die Heinz Dieter Kittsteiner aufmerksam gemacht hat. Gegen einen sichtbaren Feind empfindet man Furcht, und Furcht kann handeln: kämpfen oder fliehen. Die gesichtslose Ordnung dagegen erzeugt Angst, jenes Unbehagen ohne Gegenstand, das sich nirgends abarbeiten lässt und darum am Ich nagt. Also gibt man dem Unsichtbaren ein Gesicht, sobald es schmerzt: Aus anonymen Kapitalströmen werden «Heuschrecken», aus der unpersönlichen Ordnung wird ein Täter, den man bekämpfen kann. Die Personifizierung ist eine echte Erleichterung, denn nun lässt sich wieder fürchten statt ängstigen, anklagen statt verstehen. Ihr Preis ist hoch: Wer dem Wunder ein Gesicht malt, hat es schon verfehlt.
Begriffen wird die Ordnung erst, wenn sie bedroht ist.
Die Menschheit hat die Katallaxie dreimal entdeckt, und jede Entdeckung hat ihre eigene Geschichte. Die erste war praktisch: Seit der Frühgeschichte lebt die Gattung vom Tausch mit Fremden, vom Gabentausch, vom Schweigehandel an den Rändern der Territorien, vom Fernhandel über Entfernungen, die kein einzelner Händler je zurücklegte, lange bevor irgendjemand wusste, was da geschah. Die zweite war theoretisch und kam spät, selten und nur an besonderen Orten zustande: wo Muße auf Unternehmertum traf, wo Menschen zugleich Abstand vom Getriebe und Tuchfühlung mit ihm hatten. In den Beichtstühlen Salamancas, wo Beichtväter über die Verträge der Kaufleute urteilen mussten und dabei Preis und Zins begriffen; im Schottland der Aufklärung; am tiefsten und folgenreichsten im Wien des 19. Jahrhunderts, dessen Spur dieses Buch besonders aufmerksam verfolgt. Die dritte Entdeckung ist existenziell, und sie wiederholt sich: in den Krisen, in denen sichtbar wird, wovon alles abhing, wenn die Regale sich leeren, das Geld zerrinnt und die Fremden wieder zu Feinden werden. Die Reihenfolge ist bezeichnend. Die Praxis kam Jahrtausende vor der Theorie, und die Theorie kam fast immer zu spät: Begriffen wurde die Ordnung meist erst, wo sie schon bedroht war. Im bürokratischen Wien gedieh die Staatsskepsis, und während das Geldwesen zusammenbrach, machte die Geldtheorie große Fortschritte.
Den Wohlstand versteht am wenigsten, wer ihn genießt.
Und die Menschheit vergisst jede dieser Entdeckungen mit derselben Zuverlässigkeit, denn das Vergessen ist in den Erfolg der Ordnung eingebaut. Je höher der Kapitalstock, desto mehr Menschen leben als Angestellte ohne eigenes Kapital, entfremdet von der wirtschaftlichen Realität ihres Daseins; die Intellektuellen, die erst der Wohlstand sich leisten kann, verstehen seine Grundlagen am wenigsten. Die tragenden Regeln, allen voran der Respekt vor dem Eigentum, verdanken sich keiner Begründung: Man hat sie imitiert, weil ihre Befolger sichtbar gediehen, und eine Gesellschaft, die ihr Eigentum erst vernunftgemäß beweisen muss, ist schon dabei, es zu verlieren. Die Theorien schließlich überleben nach ihrer Brauchbarkeit für die Macht: Gefragt ist, was Eingriffe rechtfertigt, und so verschwinden die Einsichten in die ungeplante Ordnung regelmäßig in der Versenkung, während die Planungslehren Lehrstühle erhalten. Hirschman hat den scheinbaren Widerspruch seiner drei Lesarten am Ende selbst entschärft: Die moralische Basis der Marktgesellschaft wird gleichzeitig erschöpft und wieder aufgefüllt, so wenig ein Widerspruch, wie wenn ein Betrieb zugleich Einnahmen und Ausgaben hat. Allerdings läuft die Buchhaltung des Verstehens chronisch im Defizit. Und Lübbes Warnung steht daneben: Die alte Verachtung des Handels war vormodern, und wo sie sich modernisierte, wurde sie totalitär.
Das Hirn versteht die Faust meist besser als die Hand.
So entsteht der Zyklus, der sich durch die Weltgeschichte zieht: entdeckt, begriffen, vergessen, wiederentdeckt. Dieses Buch erzählt ihn von den Feuerstellen der Frühzeit bis zu den Rechenzentren der Gegenwart. Drei Fäden laufen durch die Erzählung: die tauschende Hand, die Angebote macht; die drohende Faust, die nimmt und Gehorsam verlangt; das deutende Hirn, das zwischen beiden schwankt und die Faust meist besser versteht als die Hand. Es ist die Geschichte der langsamen, immer wieder unterbrochenen Ausweitung jenes Radius, in dem Fremde einander Tauschpartner sind und keine Beute; sie führt über Tempel und Kontore, Beichtstühle und Börsen, über Münzverrufungen und Hyperinflationen zu den seltenen Orten, an denen Menschen die Ordnung, die sie lebten, auch begriffen. Dass die Einsicht ihre langen Durststrecken überlebte, verdankt sie stets Einzelnen, die den Faden über Kriege, Moden und Vergessensschübe hinweg weiterreichten; auch von dieser Stafette wird zu erzählen sein. Die Gegenwart ist die jüngste Probe dieser Geschichte: Es wird sich zeigen, dass man Bitcoin, die Anziehungskraft der freien Städte und die Wucht der Künstlichen Intelligenz ohne den langen Bogen nicht verstehen kann — und den langen Bogen nicht ohne sie.
Morgen früh werden Sie wieder vor dem Regal stehen oder die Kaffeemaschine einschalten, und nichts wird sich verändert haben außer vielleicht der Blick. Das genügt für den Anfang. Denn bevor diese Geschichte beginnen kann, bleibt die eine Frage, die ihr vorausliegt: Warum sehen wir das Wunder nicht, obwohl wir mittendrin stehen und von ihm leben? Mit fehlender Bildung hat das wenig zu tun, mit bösem Willen noch weniger; auch die Entdecker selbst haben die Einsicht immer wieder aus den Augen verloren. Die Antwort liegt tiefer als jede Theorie: in der Evolution unserer Wahrnehmung. Um sie zu finden, müssen wir dorthin zurück, wo unsere Augen geeicht und unsere Gefühle programmiert wurden — an die Lagerfeuer der kleinen Horde, zu Teilen und Neid, Rang und Gabe. Dort wartet das Erbe, das wir bis heute in uns tragen.

Bei den Buschleuten der Kalahari galt eine Regel, die jeden großen Jäger früher oder später einholte. Brachte ein Mann viel Fleisch ins Lager, das Tier groß, die Beute reich, so wurde er nicht gefeiert. Man spottete: das Wild sei mager, seine Mühe kaum der Rede wert. Der Feldforscher Richard Lee hat die Worte aufgezeichnet, mit denen die Bande das Herz des Jägers kühlte. Wer viel töte, halte sich bald für einen Häuptling und die anderen für seine Knechte, und aus solchem Stolz erwachse eines Tages Mord. Der Jäger stimmte ein. Er machte sich klein, schrieb die Beute dem Glück zu, überließ das Verteilen einem anderen. So blieb der Kreis, was er war: eine Gemeinschaft, in der niemand sich über die anderen erhob.
Wer darin nur die Missgunst kleiner Leute sieht, verkennt den Zweck. Hier wird Ordnung gehalten, und es ist die älteste Ordnung, die wir kennen. Über Zehntausende von Jahren hat sich unsere Wahrnehmung in solchen Kreisen von wenigen Dutzend geschult. Das Auge lernte, Gesichter zu lesen, Kränkungen, Schulden, die Verteilung des Fleisches: wer wie viel bekam, wer wem noch etwas schuldete. Es lernte nicht, einen Preis zu lesen. Unsere Sinne sind ein Organ der Kleingruppe. Darum bleibt die Ordnung, die heute Millionen Fremde ernährt, unseren Augen verborgen: das Werkzeug, das sie erfassen müsste, ist gebaut, um 30 Menschen zu überblicken, nicht 30 Millionen. Das Problem ist, dass unsere Instinkte auf eine Welt geeicht sind, die es längst nicht mehr gibt.
Diese Fehlpassung hat in Österreich nicht nur Ökonomen beschäftigt. Neben Menger und Mises gehört hierher ein zweiter Strang: die vergleichende Verhaltensforschung von Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Lorenz sah Aggression nicht als moralisches Rätsel, sondern als alten, oft arterhaltenden Instinkt, der gefährlich wird, sobald Waffen und Technik seine Hemmungen überholen. Eibl-Eibesfeldt verfolgte denselben Befund bis in die Falle des Kurzzeitdenkens: Programme der Kleingruppe, Indoktrinierbarkeit, Loyalität und Feindmarkierung wirken in Gesellschaften weiter, deren Werkzeuge längst planetarisch geworden sind. Die Ethologie liefert damit die thymologische Tiefenschicht der Ökonomik, die Schicht der Gemütsregungen, aus denen das menschliche Werten entspringt: Der Mensch ist nicht falsch, er ist nur älter als seine Ordnung.
Das Moralischste an einer Gruppe ist oft die Bedrohung durch eine andere.
Die Bande, die das Herz des Jägers kühlt, ist nach innen sanft. Wir sind gezähmte Tiere, stubenrein bis in die Gene, und Richard Wrangham hat gezeigt, wie diese Zähmung zustande kam: über die Selektionskraft der Hinrichtung. Banden bewaffneter Jäger töteten über Generationen die übermäßig dominanten, jähzornigen Männer und senkten so die Reizbarkeit der Art. Im Alltag wurden wir verträglich wie kein anderer Menschenaffe. Diese Friedfertigkeit hat allerdings eine Kehrseite, und sie sitzt in derselben Architektur. Geringe Aggression im Innern, hohe Aggression nach außen: Wrangham nennt es das Paradox der Güte. Der Kreis des Teilens hatte einen scharfen Rand. Jenseits davon stand der Fremde, und der Fremde war der Feind. Das Wir braucht immer ein Nicht-Wir. Was uns nach innen solidarisch machte, kam aus der Konkurrenz nach außen: das Moralischste an einer Gruppe ist oft die Bedrohung durch eine andere.
Die wärmste Schar wirft den längsten Speer.
Die Anlage zur Kooperation ist gestaffelt und älter als jede Tugendlehre. Zuerst sorgt der Körper für sich, dann für die Nachkommen, dann erst greift die Gegenseitigkeit, die fremde Hände einbindet. Auf der obersten Stufe steht der soziale Aufwand, das Geben und Zurückbekommen über die Zeit. Geprägt wurde diese Staffel an der Großwildjagd, wo viele in dieselbe Richtung laufen mussten, damit das Treiben gelang. Daraus stammt das Mitläufertum und die Sehnsucht nach dem Wir, jene Lust, in einer geschlossenen Schar aufzugehen, die bis heute jede Fahne, jede Mannschaft, jede Bewegung nährt. Das Wir aber kennt seinen Preis: es lebt von der Abgrenzung. Eine Gruppe, die nach innen am dichtesten zusammenhält, richtet ihre geballte Kraft am leichtesten nach außen. Die wärmste Gemeinschaft und der härteste Krieg entspringen derselben Wurzel.
Wie scharf dieser Rand war, lässt sich an einer nüchternen Überlegung ermessen. Im Naturzustand ist der Nachbar, mit dem einen kein Tausch verbindet, schlicht der im Weg. Sein Grund, sein Vorrat, die Seinen gehören dem Stärkeren, sobald der Zugriff sich lohnt. Dass dennoch wenig gemordet wurde, lag selten an der Moral und meist am Risiko: der andere wehrt sich, und ein Speer trifft auch den Angreifer. Wo der Vorteil groß und die Gefahr klein schien, fiel die Hemmung. Die Archäologie kennt keine Idylle friedlich nebeneinander lebender Stämme; sie kennt Massengräber. Der edle Wilde ist eine Erfindung durch Weglassen. Innerhalb des Kreises galt das Gebot, einander nicht zu töten und das Fleisch zu teilen. Außerhalb galt es nicht. Genau diese Grenze ist es, an der die ganze spätere Geschichte arbeitet.
Geteilt wurde ohnehin, weil sich das Großtier nicht aufbewahren ließ. Eine große Beute, ein erlegtes Mammut, ist das älteste öffentliche Gut der Geschichte, wie Matt Ridley bemerkt hat: man teilt sie, weil man sie weder verteidigen noch horten kann, ehe sie verdirbt. Wer heute satt ist und morgen wieder hungert, lebt vernünftig in den Tag. Solange die Zukunft ungewiss blieb und der Vorrat verrottete, war hohe Zeitvorliebe das vernünftigere Überlebensprogramm; wer sie für einen Charakterfehler hält, misst die alte Welt mit den Maßstäben der neuen. Das Horten, jenes mühsame Zusammenspiel von Konsumverzicht und kluger Wertsicherung, ist die seltene Kulturleistung, die am Beginn der Zivilisation steht. Sie läuft der Veranlagung zuwider. Vorausschauend zu wirtschaften muss erst gelernt werden, und die meisten Gesellschaften haben es nie recht gelernt. Das Kind, das die zweite Süßigkeit nicht abwarten kann, zeigt die ältere Schicht des Menschen: zuerst kommt das Fressen, dann die Moral.
Dem Neider gilt dein Verlust mehr als sein Gewinn.
Was den hervorragenden Jäger kleinhält, hat einen Namen, und es ist die mächtigste soziale Kraft der Kleingruppe. Helmut Schoeck hat ihr die beste Studie gewidmet und den Neid zur verborgenen Achse aller Gesellschaft erklärt. Sein Satz kehrt die fromme Vorstellung um, der Neid sei bloß ein Laster: «Der Mensch ist ein neidisches Lebewesen, das ohne die daraus folgenden sozialen Hemmungen beim Beneideten nicht in der Lage gewesen wäre, die sozialen Systeme zu entwickeln, deren wir uns auch in den modernen Gesellschaften zu bedienen haben.» Der reine Neider will nicht haben, was der andere hat; er will, dass der andere es verliert. Darum ist er unversöhnlich: auch erzwungene Gleichheit stillt ihn nicht, denn wo keine Güter mehr neidbar sind, richtet sich der böse Blick gegen die Person. Schoeck sah im Privateigentum daher eine Schutzwand. Der Zaun um den Garten des Nachbarn beendet den ewigen Vergleich: sein Beet ist größer, doch da ist der Zaun, und es bleibt nicht alles Verhandlungssache. René Girard hat denselben Mechanismus von der anderen Seite beschrieben: das Begehren ist ansteckend, der Mensch will, was er den anderen begehren sieht, und der Vergleich entzündet die Rivalität. Die Privatsphäre wirkt darum als Schild gegen den Neid, weil das Verborgene kein nachgeahmtes Verlangen weckt.
Wer Verschwendung feiert, bleibt arm mit Anstand.
Man hat den Egalitarismus der Frühzeit oft mit Gleichheitsliebe verwechselt. Die genauere Beobachtung zeigt etwas Kühleres. Schon das Ultimatumspiel bringt es ans Licht. Ein Spieler teilt eine Summe auf, der andere kann die Teilung annehmen oder das Ganze platzen lassen. Bestraft wird die als unfair empfundene Zuteilung, sogar unter eigenem Verlust; gleiche Ergebnisse an sich lassen die Spieler kalt. Nur das ganz kleine Kind hält allein die Gleichverteilung für gerecht; Reifung heißt lernen, dass Angemessenheit und Gegenseitigkeit zählen. Auch die vermeintlich egalitären Stämme führen im Kopf genaue Leistungskonten. Wo dieses Maß kippt und der Vergleich zur einzigen Währung wird, entstehen kulturelle Sackgassen. Der Potlatsch der nordwestamerikanischen Indianer, der Wettbewerb im Verschwenden und Zerstören eigener Güter zur Wahrung des Status, ist eine solche Sackgasse: rituelle Neidvermeidung, die jede Ansammlung von Kapital verhindert. Eine Gesellschaft, die so verfährt, bleibt arm, und sie bleibt es mit gutem Gewissen.
Der Neid trifft den Händler härter als den Räuber, denn dessen Reichtum durchschaut niemand.
Der Neid braucht allerdings Nähe und Vergleichbarkeit. Man beneidet nur, mit wem man sich messen kann. Auf den erfolgreichen Plünderer ist allenfalls der ebenso brutale Konkurrent neidisch; auf den erfolgreichen Händler aber ist es potenziell jedermann. Das ist eine der unheimlichsten Asymmetrien der Geschichte: der Neid trifft den Händler härter als den Räuber. Der Räuber nimmt sichtbar, mit vorgehaltener Waffe, und bleibt im vertrauten Drehbuch der Gewalt. Der Händler wird wohlhabend auf eine Weise, die man nicht durchschaut, ohne jemandem die Faust zu zeigen, und gerade das macht ihn verdächtig. Sein Reichtum gehorcht nicht der Statushierarchie der Gruppe. Unscheinbare Menschen werden plötzlich wirtschaftlich mächtig, und das missfällt. Das eigentliche Hemmnis des Wohlstands ist deshalb nie der Neider allein, sondern die Angst der Tüchtigen vor dem Neid: die Vorsicht dessen, der lieber kleiner baut, als den bösen Blick auf sich zu ziehen.
Diese Asymmetrie hat eine finstere Geschichte. Der Hass auf den erfolgreichen Händler verbündet sich quer durch die Jahrtausende mit dem Erfolg, nicht mit der Herkunft. Erfolgreiche Handelsminderheiten ziehen ihn überall auf sich, von den Juden Europas über die Auslandschinesen bis zu Armeniern und Libanesen: wohlhabend auf eine Weise, die man nicht versteht, abgesondert durch eigene, kostspielige Regeln. Der wurzellose, bewegliche, fungible Händler ist der erste sichtbare Marktmensch, und er trägt von Anbeginn einen moralischen Makel. Dass man den Judenhass den Sozialismus der dummen Kerle genannt hat, trifft die Sache genau: er lenkt den Neid auf die Elite und den Argwohn gegen die fremde Minderheit in eine gemeinsame Bahn. Die Verfolgung erfolgreicher Minderheiten ist deshalb selten ein Projekt der Herrschenden allein. Sie ist meist ein Mehrheitsprojekt, getragen von vielen, die im Erfolg des Nachbarn einen Diebstahl an sich selbst zu erkennen glauben.
Geld braucht der Fremde, der Bruder borgt frei.
Neben der Moral des Kreises steht eine zweite, jüngere und kältere. Sie regelt den Umgang mit dem, der nicht dazugehört. Im Innern der Sippe braucht es kein Geld: der Bruder muss keine Münze vorlegen, ehe man ihm hilft. Geld braucht immer nur der Fremde. Es ist die Eintrittskarte in eine Zusammenarbeit ohne Verwandtschaft, ohne gemeinsame Geschichte, ohne Liebe. An ihm zeigt sich der Kern dieser anderen Moral: der Händler macht ein Angebot, das man ablehnen kann, und er behandelt jeden Kunden gleich. Darin liegt eine Toleranzleistung, die der Kleingruppe fremd ist. Adam Smith hat früh gesehen, dass Wohlwollen keine große Gesellschaft trägt, weil wir unrettbar zugunsten der Unsrigen voreingenommen sind; eine Ordnung des bloßen Wohlwollens versänke im Nepotismus. Unter Fremden, so liest es Matt Ridley bei Smith, ist die unsichtbare Hand des Marktes gerechter als die Barmherzigkeit, die immer nur den Nächsten kennt. Arnold Gehlen zog daraus den schärfsten Schluss über die Familie: «alles, was Größe hat: Staat, Religion, Künste, Wissenschaften wurde außerhalb ihres Bereiches hochgezogen, und selbst die Wirtschaft nahm erst große Dimensionen an, als sie sich aus ihrem Verbande gelöst hatte.»
Zwei, die sich nie sahen, gehen reicher auseinander, als sie kamen.
Worin der Unterschied liegt, lässt sich an einer einzigen Größe fassen: am Vertrauen, das jede der beiden Moralen trägt. Die Ur-Sippe verheißt völliges Vertrauen, weil jeder jeden kennt und über jeden tratscht; einen Trittbrettfahrer gibt es kaum, doch der Preis ist ein lähmendes Vertrauen, das überwachen und sanktionieren muss. Erst in der großen Gesellschaft gibt es ein anderes, ein aktivierendes Vertrauen, das die Kooperation zwischen Fremden ermöglicht und Individualität zulässt. Und hier kippt die Rechnung, an der das Auge der Kleingruppe scheitert. Im Kreis war der Zugang zum Fleisch endlich, und was der eine mehr nahm, fehlte dem anderen: jede Begegnung trug den Verdacht des Win-Lose in sich, weil der Gewinn des einen der Verlust des anderen war. Das aktivierende Vertrauen kehrt diese Lage um. Es macht beidseitig profitable Beziehungen zwischen Fremden möglich, wo sonst die Nullsumme regiert: zwei, die sich nie sahen, gehen reicher auseinander, als sie kamen. Auf dieser Umkehr ruht fast alles, wovon wir leben.
Vertrauen ist daher das unsichtbarste Kapital der großen Gesellschaft, gewachsen über Generationen und in keiner Bilanz verzeichnet. Sein Vorrat entscheidet, wie weit der Kreis der Kooperation reicht. Francis Fukuyama hat die Gesellschaften danach geschieden, ob sie wenig Vertrauen aufbringen oder viel: Wo es allein der Blutsverwandtschaft gilt, bleibt der Betrieb klein und familiär, und das Große muss der Staat erzwingen. Wo es Fremde umfasst, können Eigentum und Leitung sich trennen und Strukturen mittlerer Größe über Generationen tragen. Hohes Vertrauen an sich ist dabei nicht das Seltene. Selten ist das Hochvertrauen unter Nichtverwandten: jener Radius, der über die Sippe hinauswächst, ohne die Wärme der Sippe nachzuahmen. Geweitet hat ihn allerdings keine Predigt der Nächstenliebe, sondern eine kühlere Geste. Wer dem Fremden ein Angebot macht, das dieser ablehnen darf, behandelt ihn als Partner, ohne ihn lieben zu müssen. Davon, wie diese Geste den Feind zum Freund verwandelt, handelt das nächste Kapitel.
Der Händler bezahlt diese Stellung mit einem ewigen Imageproblem. Er ist das Sprachrohr eines Marktes, der nichts anderes ist als das Telekommunikationssystem der Vorlieben unzähliger Fremder, und als solcher bringt er Botschaften, die niemand gern hört. Steigt ein Preis, so verkündet er eine Knappheit, die er nicht verschuldet hat; der Bote haftet für die Nachricht. Dabei urteilt der Preis nicht über den Wert eines Menschen; er weist nur auf das Handeln der anderen, ein Signal, dem man folgen oder das man ablehnen kann. Das Auge der Kleingruppe liest darin trotzdem eine Anmaßung. Es sucht hinter dem Preis den Schuldigen, wie es hinter dem reicheren Feld des Nachbarn einst die Zauberei suchte, und findet im Kaufmann den nächstbesten.
Das Vertrauen zum Fremden ist die Ausnahme, das Misstrauen der Normalfall.
Die Zivilisation besteht nicht darin, die eine Moral durch die andere zu ersetzen. Sie besteht in der schwierigen Kunst, beide zu behalten und jede an ihren Ort zu stellen: Liebe und Teilen im Innern, faires Angebot nach außen. Die Barbarei beginnt, wo man sie verwechselt. Wer die kühle Rechnung des Marktes in die Familie trägt, zerstört das Heim; wer das warme Teilen der Sippe zum Gesetz der Millionen macht, zerstört den Wohlstand. Beide Verwechslungen sind verbreitet, und die zweite hat im letzten Jahrhundert die meisten Menschen getötet. Joseph Henrich hat beschrieben, wie der Westen überhaupt erst sonderbar genug wurde, um Fremden zu trauen. Eine Strömung des Christentums sprengte die Klannetzwerke Europas, löste die alten Verwandtschaftsbindungen und schuf damit den Menschen, der den Nepotismus für falsch hält und sich an unpersönliche Regeln bindet. Das Entscheidende war die Verinnerlichung eines Aufpassers. Wo die Sippe über Scham regiert, über Gesichtsverlust und den Blick der Nächsten, trägt der sonderbare Westmensch das Gewissen in sich, das auch ohne Zuschauer mahnt. Dieser innere Wächter macht den Fremden berechenbar und das Geschäft mit ihm möglich; er hat seinen Preis in Neurosen und einer Anspannung, die für nichts zu arbeiten scheint. Der größte Teil der Menschheit lebt bis heute anders, in Scham und Sippentreue, und empfindet das Misstrauen gegen den Fremden als das Natürliche. Es ist das Natürliche. Die Moral der Fremden ist die seltene Ausnahme, die der Erklärung bedarf; den Normalfall bildet das Misstrauen, das keine böse Macht erst stiften musste.
Der Fremde war erst Feind, dann Partner, nie Verlust.
Hier vollzieht sich ein Sprung der Größenordnung, den das Auge der Kleingruppe nicht mitmacht. Erklärungsbedürftig ist der Wohlstand, sobald man ihn gegen die lange Normalität der Sippe hält. Was die wärmende Solidarität des geschlossenen Kreises zu ihm beitrug, ist daneben verschwindend; fast alles, wovon wir leben, kommt aus der arbeitsteiligen Kooperation mit Menschen, die wir nie sehen und nie lieben werden. Die landläufige Erzählung kehrt das um: der Markt habe eine ursprüngliche Solidarität verdorben, der Eigennutz sei ein Sündenfall. So fühlt es sich an. In Wahrheit war die Reihenfolge umgekehrt. Die Solidarität war von Anfang an die Moral des geschlossenen Kreises, verschwistert mit dem Speer, der nach außen zeigte. Die Zusammenarbeit mit dem Fremden ist die späte, unwahrscheinliche Errungenschaft, dem Menschen gegen seinen Familiensinn abgerungen. Sie hat kein goldenes Zeitalter hinter sich, das sie zerstört hätte. Sie hatte einen Feind vor sich, den sie langsam in einen Partner verwandelte.
Was bei dreißig stimmt, verheert Millionen.
Damit lässt sich beantworten, warum eine bestimmte Sehnsucht in jeder Generation wiederkehrt und sich nie als widerlegt empfindet. Der sozialistische Instinkt ist der Instinkt der Kleingruppe, ausgedehnt auf Millionen. Er fühlt sich richtig an, weil er richtig ist, für 30 Menschen. Das Fleisch teilen, keinen sich über die anderen erheben lassen, den Hervorstechenden auf Maß zurückschneiden: in dieser Moral sind wir Menschen geworden. Da haben die alten Gemeinschaftssucher recht, und man soll es ihnen zugestehen: die Sehnsucht nach dem Wir ist die legitimste und tiefste, die wir kennen. Der Wahnsinn des letzten Jahrhunderts war kein geheimer Plan kleiner Eliten, sondern Massenwahn aus eben dieser Sehnsucht nach Gemeinschaft. Wer hier irrt, irrt nicht im Gefühl. Er irrt in der Reichweite, die er ihm zutraut: was im Kreis von 30 stimmt, wird zur Verheerung, sobald man es auf 30 Millionen legt. In der Bande stimmte diese Rechnung noch: Was der eine mehr nahm, fehlte dem anderen. Die Ahnung, der Wohlstand sei ein fester Kuchen, den man gerecht zerteilen müsse, traf damals zu. Für die große Gesellschaft, in der die Güter durch Kooperation wachsen, trifft sie nicht mehr zu. Die Intuition weiß das nicht. Also wittert sie im Kaufmann den Schmarotzer, im Horter den Verdächtigen, in der Gleichheit die Gerechtigkeit.
Die Hand nimmt die Frucht, die der Kopf verurteilt.
Diese Blindheit ist kein Vorrecht der Ungebildeten. Vier von fünf, die im Februar Erdbeeren aus Spanien essen, finden den Vorgang im selben Atemzug irgendwie krank: Nutznießer einer Weltarbeitsteilung ohne jedes Bewusstsein dessen, was sie nährt. Die Hand greift nach der Frucht, der Kopf verurteilt die Ordnung, die sie herbeischafft, und beides geschieht im selben Menschen, ohne dass er den Widerspruch bemerkt. So tief sitzt das Erbe, dass der Profiteur der Katallaxie ihr ehrlichster Ankläger sein kann. Mit Dummheit hat das nichts zu tun. Was hier wirkt, ist eine Fehlpassung: ein Sensorium für die kleine Welt, eingesetzt in der großen.
Dass die Anlage sich nicht als Anlage zu erkennen gibt, gehört zu ihrer Wirkung. Von den Instinkten her sind wir geborene Selbst- und Fremdtäuscher, beim Täuschen geübter als bei der Erkenntnis, und die beste Lüge ist die, die der Lügner selbst glaubt. Die Vernunft rationalisiert öfter, als dass sie der reinen Einsicht dient. Darum gibt sich die Moral der Kleingruppe nie als das aus, was sie ist. Sie erscheint als die Gerechtigkeit schlechthin. Der Neid nennt sich Solidarität, die Nullsummen-Ahnung nennt sich Kapitalismuskritik, die Angst vor dem Hervorstechenden nennt sich Gleichheit. Wer so empfindet, erkennt in sich den guten Menschen und nirgends den Erben der Steinzeit. Und es kostet mehr Mühe, als die meisten aufbringen wollen, im eigenen sittlichen Empfinden die alte Stimme der Bande wiederzuerkennen.
Wir tragen die Bande in uns. Wir sind gezähmte Affen, die die Welt noch mit dem Auge der Kleingruppe lesen, und keine Aufklärung wird uns dieses Auge nehmen. Im Kern bleiben wir tribalistisch. Darin liegt die Falle, der dieses Buch durch die ganze Geschichte nachgeht: jeder Versuch, die große Gesellschaft so warm zu machen wie die Bande, endet damit, dass er zerstört, was die Millionen ernährt. Ein Heilmittel gibt es nicht, nur das Wissen um die eigene Anlage. Der handelnde Einzelne kann wenig mehr, als sie an sich selbst zu kennen, ehe er über den Kaufmann, den Reichen, den Fremden urteilt. Denn die Bande hatte einen Rand, und am Rand stand der Feind. Die lange Geschichte, die nun folgt, ist die Geschichte dessen, was an diesem Rand geschieht: jenes Augenblicks, in dem zwei Fremde den Speer sinken lassen und einander etwas hinhalten, das der andere ablehnen darf. Mit dieser Geste, älter als jeder Staat und fremder, als sie aussieht, beginnt die Verwandlung des Feindes in den Freund.
Hier endet die Leseprobe
Es folgen 24 weitere Kapitel: die ganze Weltgeschichte von Tausch und Macht, im Zweifarbsatz mit Randscholien und allen 25 Kapiteltafeln.
€ 44
die normale Edition
€ 19
die vollständige Lesung · digital · Vorbestellung
€ 54
Hardcover + Audiobook · statt € 63 einzeln
Ein E-Book gibt es bewusst nicht: die farbigen Kapiteltafeln und der Satz leben im gedruckten Buch, die Stimme im Audiobook. Die englische Ausgabe erscheint zeitgleich. Die Buchbestellungen sind Vorbestellungen; die Auslieferung folgt zum Erscheinen.
Der Salonsitz 144 ist ein unbefristetes Teilnahme- und Zugangsrecht zum scholarium-Salon: nach vollständiger Bezahlung frei übertragbar und weiterverkaufbar, ohne jährliche Erneuerung. Wer ihn erwirbt, kauft den Zugang zum Kreis; das Buch tritt als Gabe hinzu.
Jeder der 144 Ersterwerber erhält zum Erscheinen als Gründungsgabe eine signierte, handnummerierte Katallaxie-Edition von «Win-Win» samt Audiobook. Die Gründungsgabe wird einmal an den Ersterwerber ausgegeben.
CHF 1.440
einmaliger Erwerb · kein Abonnement
Titelei, Inhaltsverzeichnis, der vollständige Prolog und zwei Kapitelbilder: genug, um zu sehen, worum es geht. Die PDF gibt es gegen Eintrag in die Scholien, unseren Newsletter; der Download erscheint direkt danach.
Ohne Eintrag: die Leseprobe direkt hier auf der Seite lesen
Fragen zur Bestellung? [email protected]