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Nach der Pandemie der Weltkrieg

10.03.2022

Als nüchterner und stoischer „Geschichtsschreiber des Niedergangs“ in der Tradition von Ludwig von Mises bin ich überrascht, wie nahe mir das Zeitgeschehen nun doch geht. Die Aussicht auf Atomkrieg in Europa wird aber kaum jemanden kaltlassen. Die Voraussicht hat leider, wie schon beim Pandemieinterventionismus, nur geringen Nutzen, wenn man nicht völlig frei von Verpflichtungen ist. […]

Als nüchterner und stoischer „Geschichtsschreiber des Niedergangs“ in der Tradition von Ludwig von Mises bin ich überrascht, wie nahe mir das Zeitgeschehen nun doch geht. Die Aussicht auf Atomkrieg in Europa wird aber kaum jemanden kaltlassen. Die Voraussicht hat leider, wie schon beim Pandemieinterventionismus, nur geringen Nutzen, wenn man nicht völlig frei von Verpflichtungen ist. Auf Englisch spricht man bei solcher Voraussicht des Zuschauers vom Zugunglück in Zeitlupe. Der Zusammenprall wirkt dann aber doch stets rasant.

Dass geopolitische Sachzwänge und demografischer Druck in Richtung eines Konfliktes zwischen Russland und USA auf europäischem Boden weisen, war lange klar. Gewiss ist die Geopolitik keine magische Kraft, die determiniert, sondern Ausdruck eines Grundproblems von Politik: die Monopolisierung von legitimierter Gewalt über territoriale Gebilde mit konstruierten Identitäten. Dass Putin die Teilung der Sowjetunion bedauert, ist bekannt.

Die Pandemie verbrachte Putin offenbar mit der Lektüre von Geschichtsbüchern. Lesen bildet! Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen! Lernen Sie Geschichte! Ich kann Kalendersprüche nicht leiden, auch wenn sie in Zeiten des Diskurses innerhalb von 144 Zeichen, als tiefe Philosophie gelten. Lesen ist überhaupt kein Wert für sich, vor allem wenn es schwindenden Kontakt zu realen Menschen bedeutet. Geschichte wiederum ist vorwiegend Glorifizierung von „Geopolitik“, welche reale Menschen weitgehend zulasten großer Narrative ausblendet.

Es kommt stets darauf an, was man liest. Am meisten schockiert mich, dass ich Putins Artikel vom Juli 2021 („On the Historical Unity of Russians and Ukrainians“) erst kürzlich gesehen und gelesen habe – ausgerechnet in jenem Moment, als die Kreml-Seite, auf der er geteilt wurde, durch Cyberangriffe im Zuge des aktuellen Weltkriegs offline ging. Ich versuche, das Tagesgeschehen zu meiden, was natürlich nicht gelingt. Bei so „spannenden Zeiten“, welche die Chinesen sich für ihre Feinde gewünscht haben, hat man stets die Sorge, etwas zu verpassen, das die eigene Existenz unmittelbar berührt. Und dann verpasst man doch stets das Wesentliche. Hätte die Armada von Journalisten, Experten, Welterklärern mit ihren willigen Verbreitern per like und share den Artikel eher in meinen Stream gespült, hätte ich nicht erst Gewissheit über die anstehende Invasion gehabt, als Putin sie Anfang Februar bei einer Pressekonferenz im Zitat eines Liedtextes subtil andeutete. Verblüffend, dass selbst diese Andeutung fast allen Journalisten entging.

Die Nachkriegsordnung beruht auf dem internationalen Konsens, künstliche Grenzen nicht mehr zu verschieben, um nicht einen Dominoeffekt auszulösen. Außerdem beruht sie auf der militärischen Macht der USA, als globaler Disziplinierer aufzutreten. Doch Kosovo-, Irak- und Afghanistan-Krieg zeigten, dass ihre Rolle nicht darauf beschränkt ist, Souveränitätsverletzungen zu bestrafen, sondern dass sie solche auch aus vermeintlich universalistischen Gründen selbst begeht. Dieser Universalismus ist nachvollziehbar, es handelt sich um säkularisiertes Christentum. Umso schwerer wiegen dann die Zweifel und bei manchen die Abscheu, wenn Heuchelei und gänzlich unchristliche Motive sichtbar werden.

Die große internationale Ablehnung der russischen Invasion durch die allermeisten Nationalstaaten kommt aus dieser Sorge vor dem Dominoeffekt, der die relativ stabile Ordnung von Nationalstaaten gefährdet. Doch das Ende der Pax Americana wird sich nicht durch Symptombekämpfung und Empörung aufhalten lassen.

Die westliche Taktik besteht nun darin, die Kosten des Krieges für Putin so in die Höhe zu treiben, dass er in der Ukraine gestoppt oder für die Endkonfrontation mit der NATO hinreichend geschwächt wird. Dazu wird alles in die Waagschale geworfen, bis hin zum totalen Finanz- und Wirtschaftskrieg gegen alle Russen. Diese Taktik ist hoch gepokert und sie bereitet mir großes Unwohlsein. Der Iran zeigt, dass Sanktionen gegen Bürger kein wirksames Mittel des Regime-Umsturzes sind. In Russland könnten sie sogar die Zustimmung zu Putin vergrößern – je größer der Druck, desto größer der Bedarf an Beschützern und Erlösern.

Wir müssen diese Taktik wohl hinnehmen, denn sie ist nicht bloß der Plan einer kleinen Elite, sondern folgt dem Überlebenstrieb von europäischen Kernnationen als alternativlose Verzweiflungstat. Im dynamischeren Teil Europas, in dem sich am ehesten noch wehrfähige und vor allem wehrbereite junge Männer finden, dominiert die historische Einsicht, dass die Ukraine nur ein Zwischenhalt der ewigen Auseinandersetzung zwischen westlicher Freiheit und östlicher Repression ist. Die Sowjeterfahrung führte dort nicht nur zu stärker geistig verankerter Marktwirtschaft als im Westen, wo diese durch die Intellektuellen weitgehend abgelehnt wird, sondern auch zu stärkerer antirussischer Identitätsbehauptung.

Europa kann kaum neutral bleiben, wenn der aktuell in Identität und Dynamik gewichtigere Teil ein ungebremstes Russland als Existenzbedrohung ansieht. Die Ausdehnung der NATO ist zwar einerseits kalkuliertes Nachrücken der verbliebenen Weltmacht USA ins postsowjetische Vakuum, andererseits aber eigener Drang der ehemaligen Sowjetstaaten, die darin dringend nötigen Schutz ihrer Souveränität sehen, die ihnen eine selbstgewählte Westorientierung erlaubt.

Die Geschichte bestätigt diese Perspektive: Insbesondere die Städte in Polen und dem Baltikum gehören zum Kern der abendländischen Sphäre händlerischer Freistädte, die in Verteidigungsbünden den Flächenstaaten lange standhielten. Im Gegensatz dazu setzte sich im russischen Raum mit dem mehrfachen Massaker und der totalen Auslöschung des freien Nowgorods schon früh der despotische Flächenstaat völlig durch.

Diese wehrhafte Sorge vor Russland ist nachvollziehbar. Die geopolitischen Kalküle, welche die Ukraine als russischen Pufferstaat sehen, würden ein Halten russischer Aggression allenfalls in der Mitte Polens erwarten lassen, nach dem Erringen eines Korridors nach Kaliningrad würde es dann auch für das Baltikum eng werden.

Die Ausdehnung der NATO liefert gewiss einen Grund für russische Konfrontation, doch nicht die Ursache. Die aktuelle Eskalation sehe ich eher ausgelöst durch taktische Gelegenheit: Der Westen vermittelt im Osten ein Bild dekadenter Schwäche, so auch die Mehrheitswahrnehmung der Chinesen („Baizuo“) und Inder. Er ist nun durch die Pandemie geschwächt, tief gespalten und weist teilweise lachhaftes Spitzenpersonal auf. Wann, wenn nicht jetzt – insbesondere angesichts des demografischen Drucks, der Russland langfristig die jungen Männer ausgehen lässt?


Ein Teil des Textes ist leider nicht öffentlich zugänglich, da der Autor für Freunde schreibt und sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Intimität der alten Wiener Salons ist im scholarium Voraussetzung der Erkenntnis, die keinerlei Rücksicht auf Empfindlichkeiten nehmen kann. Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit, gerne laden wir Sie dazu ein.

Diese innere Schwäche des Westens senkt natürlich auch die Bereitschaft, für Institutionen und Gebiete das Leben zu riskieren. Vor einer russischen Invasion würde ich europäische Staaten eher verlassen als verteidigen. Das mag eine Charakterschwäche sein oder Hinweis auf die mangelnde Verbundenheit des Zuwanderers, darum würde ich mich auch nicht laut der Fahnenflucht brüsten und tue das nur in dieser intimen Kommunikation.

Der Ukraine bin ich verbunden durch viele Aufenthalte, Projekte und Freundschaften. Sie ist in gewisser (aber nicht in jeder) Hinsicht das bessere Russland, ein weiterer Grund, der für Putin gegen ihre Souveränität spricht. Beistand ist angebracht und notwendig, die Zerstörungswut des Krieges ist bedrückend. Krieg ist Fortsetzung von Politik bis zum Äußersten, ist totale Politik.

Vielleicht schützen Ukrainer gerade heldenhaft unsere Freiheit, falls wir wirklich nur die Wahl zwischen Parteidemokratien unter amerikanischen Schutzschild und russischer Oberhoheit haben. Doch diese Freiheit ist so relativiert, dass mir mein Leben zugegebenermaßen mehr wert ist als das Fortbestehen der aktuellen Institutionen in den aktuellen Territorien, deren Freiheitsbezug oft nur noch rhetorisch ist. Ein neues Bündnis, in dem Frankreich und Deutschland, mit neuer Rüstungsanstrengung den schleichenden Ausfall der Amerikaner kompensieren könnten, etwa eine Wehr-EU mit EU-Armee, ist mir wenig geheuer und ich traue den politischen Institutionen nicht genügend, um mich auf solche Abenteuer einzulassen.

Das ist vielleicht zersetzender Individualismus, und ich setze ihn gewiss nicht absolut. Wer es anders sieht, möge andere Schlüsse für sich ziehen. Heuchelei setze ich aber moralisch weit tiefer an als offenen Egoismus. Es ist leicht, auf Twitter die Freiheit bis zum letzten Ukrainer zu verteidigen.

Der aktuelle Schulterschluss gegen Russland mag europäische Institutionen mit neuem Leben füllen. Die Dynamik der Empörungsspirale mit viel „virtue signalling“, die bis zum „Cancel“ von Netrebko, Dostojewski und russischer Medien geht, lässt mich aber eher Übles erwarten, so berechtigt die Empörung auch sein mag.

Natürlich ist die Empörung selektiv, denn aktuell gibt es unzählige Kriege in aller Welt mit viel Leid, doch auch gegen diese ungleiche Aufmerksamkeit würde ich mich nicht wenden: Kulturelle und geografische Nähe sowie die historisch wohlbegründete Panik unserer polnischen und baltischen Freunde lassen sich nicht durch „Whataboutism“ relativieren.

Jede Stützung der Ukraine verlängert den Krieg und erhöht damit die Opferzahl. Doch wir können leider nicht ausschließen, dass ein allzu schneller und billiger Sieg Russlands den Appetit des Bären steigert. Davon ist die Mehrheit der Ukrainer, Polen und Balten überzeugt, und die kennen Russland gewiss besser als andere.

Die pro-westliche Identität dieser Ukrainer ist anti-russisch. Das führt leider auf beiden Seiten ins Totale. Solche Identitätskonflikte nähren sich gegenseitig, und in solchen Überlebenskämpfen bleibt wenig Platz für Wahrheit oder Humanität. Ängste werden zur selbsterfüllenden Prophezeiung bis zum wechselseitigen Genozid. Die russische Kriegsbegründung des Schutzes pro-russischer Ukrainer wird jeden Tag wahrer und war schon davor nicht gänzlich aus der Luft gegriffen, wenn sie auch im Moment der Invasion unzureichend war, diese zu entschuldigen.

Ausblick

- Die phänomenale globale Wohlstandsmehrung nach dem Zweiten Weltkrieg kommt jetzt definitiv zum Ende. Armut, Hunger und Konflikte werden zunehmen. - Bei Auswanderung aus Europa ist die Gefährdung durch Hungerrevolten, weiter wachsende Ungleichheit und geopolitische Eskalationen in anderen Erdteilen zu bedenken. - Der Hauptprofiteur der Eskalation ist China, das aber als Auswanderungsziel und Investitionsort leider nicht infrage kommt. Die chinesische und russische Wirtschaft sind kaum komplementär, für Russland und China kann der Westen daher zum Glück noch nicht völlig substituiert werden. - In extremen Krisenszenarien ist das Umfeld wichtig und alles, was Unabhängigkeit bei Grundbedürfnissen erhöht – Askese, Selbstversorgung oder klimatische Begünstigung, vor allem aber auch Liquidität. - Relativ liquide Werte sind Dollar, Gold in kleinerer Stückelung, Bitcoin. - Ein Leben als digitaler Nomade ist kein Allheilmittel, Mobilität kann Vorteil und Nachteil sein. Wenn Ausdruck geringer Bedürfnisse, hoher Flexibilität und unternehmerischer Gesinnung, dann empfehlenswert. Wenn Ausdruck von Geltungskonsum, Ratlosigkeit, Fluchtinstinkt, dann nicht empfehlenswert als Krisenreaktion. - Krisen sind ein Anlass, das eigene Leben in Ordnung zu bringen. Das kann das Lösen von Bindungen sein an Orten, an denen man sich nicht mehr sicher fühlt, die Auflösung von Immobilien und Unternehmungen zugunsten höherer Liquidität. Oder im Gegenteil, „doubling down“, Bindungen und Resilienz erhöhen, wenn der Ort und insbesondere das Umfeld hinreichend gut erscheint. - Was optimale Orte sind, lässt sich im Vorhinein nur schwer beantworten. Im Zuge der Pandemie haben sich schone einige Top-Destinationen überraschend völlig umgedreht. - So sehr es wieder endogene Gründe für Krieg, dominanten Narrativ und Reaktionen gibt, wird der Anlass, wie die Pandemie, missbraucht, um technokratische Agenden zu befördern. Krieg ist das Heil des Staates, genauer des Etatismus. Etatismus ist die Vergötzung von zentralisierter Entscheidung durch formal legitimierte Amstwalter, die sich vor allem darin von anderen Menschen unterscheiden, dass sie kaum Konsequenzen für schädliche Entscheidungen zu tragen haben. Die größte Bedrohung für das Abendland ist weiterhin eine innere. - Das erste Opfer des Krieges ist stets die Wahrheit. Bitte bleiben Sie neutral im Informationskrieg, lassen Sie sich nicht für Propaganda einspannen, indem Sie Nachrichtenfetzen zum Tagesgeschehen, die in große Narrative eingebettet sind, weiterverbreiten. Spaltung ist aktuell sowohl eine natürliche und unvermeidbare Dynamik, als auch eine bewusste Taktik des „Gaslighting“. - Extreme Umbrüche bieten neue Gelegenheiten, aber für die meisten zu viel Ungewissheit, um diese Gelegenheiten zu nutzen. Der Realitätsschub ist positiv und einer der wenigen Lichtblicke. Die große Ent-Täuschung im Westen geht weiter. - Einige (leider nur kleine) Lichtblicke: - Die russische Wirtschaft ist relativ klein, nach dem Dollar-BIP nur zwei Prozent der Weltwirtschaft. Gemessen in Realwerten (Energie, Rohstoffe, Weizen), sieht es leider anders aus, da liegt sie eher bei zehn Prozent der Weltwirtschaft. - Putins Handeln ist rational erklärbar und war für Geopolitiker absehbar, daher noch kein Hinweis auf Irrationalität, was weit schlimmer wäre. - China hat Taiwan noch nicht angegriffen. - Das Fiat-Geldsystem mit seinen Schuldenpyramiden erfährt einen Dämpfer, Gold-Contrarians können wieder etwas aufatmen. - Die Anreize für reale Produktion im Westen steigen wieder, insbesondere in Landwirtschaft und Energiewirtschaft. - Die Anreize für das Mindern von ideologischer Energiesabotage (ESG etc.), Steuern, Regulierung, politischen Geltungskonsums im Westen steigen aufgrund massiv zunehmenden Leidensdrucks.

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