§Essay

Scholion zu einem Bitcoin-Roman

Tibor Fischers «My Bags Are Big», die Houellebecq-Frage und der Unterschied zwischen Bitcoin und Krypto

Rahim Taghizadegan · 10 Min. Lesezeit

Tibor Fischer stellt seinem neuen Roman einen lateinischen Vers voran: O quantum est in rebus inane, wie viel Leeres in den Dingen steckt, und er schreibt ihn Lucilius zu. Der Vers eröffnet die Satiren des Persius. Dass Persius ihn aus dem ersten Buch des Lucilius übernommen hat, wissen wir allein aus einem Scholion, der Randnotiz eines antiken Kommentators, der den Vers dem älteren Satiriker zurückgab. Fischer folgt also dem Rand gegen den Text. In einer Reihe, die sich Scholien nennt, weckt das Sympathie, und der geliehene Vers ist zugleich der genaueste Satz des Buches, das auf ihn folgt. Der Autor hat mir den Roman aus Budapest geschickt, mit dem Hinweis, er handle unter anderem von Bitcoin und könne mich unterhalten. Das erste stimmt zur Hälfte, und diese Hälfte ist der Gegenstand dieser Randnotiz.

Der Roman

Umschlag von Tibor Fischers Roman «My Bags Are Big»: zwei Geldsäcke mit dem Bitcoin-Zeichen vor dem Burj Khalifa auf türkisem Grund.
Zwei Säcke und ein Turm: der Umschlag von «My Bags Are Big».© Salt Publishing

«My Bags Are Big» ist im Februar bei Salt erschienen, einem kleinen Verlag in Norfolk; der Umschlag zeigt zwei Geldsäcke mit dem Bitcoin-Zeichen vor dem Burj Khalifa, den der Erzähler im Buch für das grösste Potenzsymbol der Welt hält. Fischer, 1959 als Sohn zweier ungarischer Basketballspieler geboren, die das Land 1956 verlassen hatten, stand 1992 mit «Under the Frog» auf der Shortlist des Booker-Preises, nachdem 62 Verlage das Manuskript abgelehnt hatten; Granta zählte ihn 1993 zu den 20 besten jungen britischen Schriftstellern, und «The Thought Gang» von 1994, die Geschichte eines Philosophen, der Banken ausraubt, gehört zu den komischsten Erfindungen jenes Jahrzehnts. Fischer kennt das Genre der Abrechnung von beiden Seiten: 2003 erledigte er Martin Amis' «Yellow Dog» mit einer Rezension, die bis heute zitiert wird und kurz vor dem Tag erschien, an dem sein eigener Roman zusammen mit dem von Amis in den Handel kam. Die Verlagsadresse des neuen Buches erzählt den Weg seither mit.

Der Erzähler Dan, 60, aus Catford in Südlondon, hat Tennisspieler um Rang 600 verwaltet, seine Mutter gepflegt, seine Frau begraben und 2016 in einem Café in Old Street eine Zwanzig-Pfund-Note in einen Bitcoin-Automaten geschoben, nachdem ein Fernsehprediger versprochen hatte, die Banken würden weinen. Heute lebt er in Dubai von seinen «bags», und die Handlung ist Gerüst für Abschweifungen: eine alte Liebe und deren Tochter, ein Krypto-Wal mit vergoldetem Safe, ein Gangster aus Catford mit einem rosa Felsbrocken, zuletzt ein Laptop voller Bitcoin, der vor Jahrzehnten in einem Pub für ein paar Pfund den Besitzer wechselte. Die Kapitel sind mit Kursen datiert, Bitcoin bei sechs Cent, bei 3000, bei 20'000, bei 30'000 Dollar; der Preis ist der Kalender dieses Lebens. Das Glücksrad dreht sich, niemand hat etwas verdient, alle behaupten es. Die britische Kritik hat die Pointen gezählt und war zufrieden; der Spectator nannte Fischer einen sehr britischen Houellebecq. Auf dem Umschlag bescheinigt der Philosoph Andrew M. Bailey dem Buch, der erste grosse Bitcoin-Roman zu sein, und Daniel Johnson hält es für den Krypto-Roman. Beide meinen dasselbe Buch, und der Unterschied zwischen ihren Sätzen ist der Unterschied, um den es hier geht.

Daniel und Dan

Houellebecq habe ich in den Scholien von 2009 und 2010 als späten Epigonen der französischen Tradition eines trotzigen Kults von Schiffbrüchigen beschrieben, mit der Warnung, seine Bücher seien Dokumente teilnehmender Beobachtung, die man gegen den Strich lesen müsse, weil ihr Nihilismus sonst auf die eigene Seele abfärbe. Schon in «Extension du domaine de la lutte» hatte er die Logik des Marktes auf das Liebesleben übertragen: Einige führen ein abwechslungsreiches Sexualleben, andere bleiben auf Einsamkeit beschränkt, und die Ausweitung der Kampfzone erzeugt ihre eigene Verelendung. Sein Daniel in «La possibilité d'une île», ein reicher Komiker, gesteht, Karriere und Vermögen auf der kommerziellen Ausbeutung niederer Instinkte errichtet zu haben, und erzählt von einem Punkt nach dem Ende der Zivilisation.

Fischers Dan ist die Spiegelfigur ohne Beichte: derselbe Vorname, dasselbe Vermögen aus dem Nichts, dieselbe Buchhaltung über Frauen, die er taxiert wie Positionen. Er hat die Kampfzone ein weiteres Mal ausgeweitet, auf das Geld, und nennt das Ergebnis Gerechtigkeit: Krypto sei der letzte Aufzug, in dem auch Nagelstudios, Taxifahrer und Faule eine Chance hätten, und ein Cartoon-Frosch, der über ein Wochenende zu einer Milliarde kam, trete die Ingenieure nieder, die jahrelang an brauchbaren Dingen gearbeitet hätten. Houellebecqs Erzähler leidet an der Ausweitung; Fischers geniesst sie. Dubai, wo nach Dans eigener Diagnose nichts die Kulissen hält, ist Houellebecqs Zeit nach dem Ende mit besserer Klimaanlage. Wo Daniel sich schuldig bekennt, gratuliert sich Dan zu seiner aufmerksamen Ahnungslosigkeit. Der Vergleich des Spectator schmeichelt dem Briten und tut dem Franzosen unrecht: Houellebecqs Verlierer verstehen den Markt, auf dem sie verlieren; Dan hat durch Zufall gewonnen und nennt den Zufall Arbeit.

Der Kurs als Kalender

Bitcoin ist für Finanzdienstleister und Regulatoren gleichermassen langweilig, weil sich in ihm die Abstraktion in reine Software vollzogen hat, ohne Betreiber und ohne Vorstand, den man einladen oder regulieren könnte. Darum wurde neben ihm «Krypto» errichtet, eine Inszenierung der Finanzwirtschaft mit Börsen, Tokens, Konferenzen und Kurstafeln, ein Metaverse der Spekulation, in dem sich Regulatoren, Finanziers und Influencer zu Hause fühlen. Ich habe diesen Unterschied im Essay über das Geld für Fremde ausführlicher beschrieben; hier genügt die Beobachtung, dass Fischers Roman ausschliesslich die zweite Welt kennt. Bitcoin kommt darin als Kurs vor, als Bag, als Fork, als Gegenstand technischer Analyse und als Zähler an der Wand einer Party im 60. Stock. Hayek fällt ein einziges Mal, als Wort im Verkaufsgespräch eines jungen Briten zwischen Staking und Metaverse, und Satoshi gilt der Runde als Mann, der vorhandene Teile zusammengesetzt hat.

Das Buch kennt sogar die Requisiten der Geldgeschichte, und es verwendet sie als Dekoration. In der Einfahrt des Chirurgen, der Dan zu Bitcoin brachte, liegt ein Rai-Stein von der Insel Yap, das Steingeld, mit dem jede Einführung in die Geldtheorie beginnt; im Roman ist er ein Krypto-Witz und ein Gartenschmuck. Dan selbst hält ein Säckchen Sceats, Silbermünzen aus dem frühen Mittelalter, als seine eigene Pointe bereit. Was der Wal in seinem vergoldeten Safe verwahrt, ist ein Comic aus seiner Kindheit: Gold aussen, Erinnerung innen, das ist die genaue Bauart von Krypto. Bitcoin ist umgekehrt gebaut, ohne Hülle, und darum für Dekorateure unbrauchbar. Der rosa Felsbrocken, den der Gangster als Raumschiffantrieb ausgibt, ist der Memecoin der Handlung: wertvoll, solange jemand die Geschichte glaubt, und der Geigerzähler schlägt nicht aus.

Auch das Prinzip, das Bitcoin von allem anderen trennt, kommt vor, als Bonmot. Genie sei nur harte Arbeit, sagt Dan auf einer Party, Proof of Work. Der Arbeitsbeweis ist die Verbindung des Netzwerks mit der Wirklichkeit: verbrannte Energie, aufgewendete Zeit, Kosten, die niemand zurückholt. Im Roman wird er durchgehend durch einen Glücksbeweis ersetzt. Der Wal verdankt sein Vermögen einem Laptop aus dem Pub, Dan einer Zwanzig-Pfund-Note, der Frosch dem Wochenende zweier Halbnerds. Dan zieht die Folgerungen mit der Ehrlichkeit des Zynikers: Krypto sei inzwischen Aktienmarkt, Bitcoin habe einigen Menschen geholfen und der Menschheit nicht, das Problem an Krypto seien die Leute. Für Krypto stimmt jeder dieser Sätze; sie beschreiben, was der Bullenmarkt aus einem Geld gemacht hat, das für Fremde entworfen war, und sie verfehlen Bitcoin, weil Bitcoin auf niemandes gute Meinung angewiesen ist, auch nicht auf die seiner Halter.

Der Klappentext

Der Dissens der Klappentexter löst sich damit auf. Johnson hat recht, es ist der Krypto-Roman. Baileys Satz ist der Klappentext dazu, und er ist aufschlussreicher als jede Rezension. Andrew M. Bailey ist Mitautor von «Resistance Money», einer philosophischen Verteidigung von Bitcoin, und Senior Fellow eines Instituts, das Gesetzgeber in Bitcoin-Fragen berät. Ein Philosoph des Widerstandsgeldes bescheinigt einem Roman, in dem niemand irgendetwas widersteht, Grösse, weil das Wort auf dem Umschlag steht. Um diesen Satz zu schreiben, muss man das Buch nicht gelesen haben; man muss nur wissen, dass es mit Bitcoin zu tun hat und dass die eigene Szene einen Roman gebrauchen kann. Genau diesen Mechanismus habe ich im Bitcoin-Essay als die Krankheit unter den Symptomen beschrieben: Fast die gesamte Literatur über Bitcoin ist in einem einzigen Register geschrieben, dem der Selbstbestätigung, und der Autor wird von seinen Podcast-Gästen bestätigt, die zugleich seine Klappentexter sind. Nun schliesst sich der Kreis auf einem Buchumschlag, und er umschliesst ausgerechnet ein Buch, das die Szene der Lächerlichkeit preisgibt. Der Klappentexter hat es nicht bemerkt, und das ist die Bestätigung.

Was der Roman trotzdem weiss

Einmal funktioniert Bitcoin im Roman, und Fischer merkt es nicht. Der Gangster erzählt von einem Dealer, der vor seiner Verurteilung das Bargeld in Bitcoin steckte, weil die Polizei davon so viel verstand wie vom Busfahrplan von Jakarta an einem Sonntag; er sass drei Jahre ab, kam heraus und kaufte vom Ertrag ein Landhaus. Das ist die einzige Szene, in der Bitcoin tut, wofür es gebaut wurde: ein Vermögen halten, das keine Behörde beschlagnahmen und kein Verwahrer verlieren kann, ohne Erlaubnis und ohne Gegenpartei, über Jahre. Geld ist für Fremde, im Grenzfall für Feinde, und der Grenzfall ist im Buch ein Krimineller. Fischer verbucht die Anekdote unter Ganovenglück; sie ist die Stelle, an der der Roman von Bitcoin handelt, und sie ist eine halbe Seite lang.

Was der Roman sonst erfasst, ist die Wahrheit über den letzten Zyklus, gegen seine Absicht. Dan weiss, dass sein Vermögen von einer Zwanzig-Pfund-Note stammt und das des Wals von einem Laptop aus dem Pub; er hält das für die Wahrheit über Bitcoin, und es ist die Wahrheit über Krypto im Bullenmarkt. Dort stützen sich, wie ich im Bitcoin-Essay beschrieben und unlängst anlässlich einer Bitcoin-Treasury-Gesellschaft wiederholt habe, LARP und Grift gegenseitig: Die Aufrichtigen kaufen, was die Zyniker drucken, bis der Unterschied zu Fiat ein Rundungsfehler ist. Fischers Figuren sind die beiden Pole in Reinkultur, der Wal, der Memecoins pumpt und mit seinem Safe ein Ratespiel veranstaltet, und der Erzähler, der die steigende Kurve für die Abschaffung der Knappheit hielt und nun, müde und satt, auf seinen Bags sitzt wie ein Drache auf dem Gold. Der Roman spielt 2023, als der Kurs bei 30'000 Dollar stillstand, und erscheint in einem Bärenmarkt, deutlich unter dem Hoch des Vorjahres. Er ist eine der Ent-Täuschungen, die ich dem Bärenmarkt gewünscht habe, allerdings eine unfreiwillige: eine Momentaufnahme dessen, was der Zyklus aus Bitcoin gemacht hatte, aufgenommen von jemandem, der die Aufnahme für das Ganze hält.

Was dem Roman fehlt, ist die Erinnerung, die seinem Autor am nächsten liegt. Fischers Eltern verliessen Ungarn 1956; wer dort 1946 erwachsen war, hat das Ende des Pengő erlebt, die schnellste Geldentwertung der Geschichte, bei der sich die Preise zuletzt binnen Stunden verdoppelten. Dans Vater führte in Catford ein Wettbüro und trug einen Totschläger in der Tasche; in jedem Jahr seines Lebens nahm ihm ein Dritter einen Teil dessen, was er zurückgelegt hatte, ohne Machete und ohne dass daraus eine Anekdote wurde. Das ist das Verbrechen, in dem der Roman spielt und das er nie erwähnt. Bitcoin ist das erste Geld, dessen Menge niemand vermehren kann, auch kein Bergwerk; Fischer gibt dieser Tatsache einen Satz, etwas aus dem Nichts, es hätte nicht geschehen dürfen, und dann geht Dan zu den Canapés, wie er von jedem Gedanken zu den Canapés geht. Ein Bitcoin-Roman, in dem die Inflation nicht vorkommt, ist ein Roman über ein Kasino, das in einer Münzstätte spielt, und die Münzstätte wurde gestrichen, weil sie langweilig war.

Das Glücksrad ist die einzige Theorie des Buches, und für Krypto stimmt sie: Wer im Bullenmarkt reich wurde, wurde es zumeist durch Zufall und hält den Zufall seither für Verdienst. Dans Lebensbilanz lautet, man könne nicht gewinnen, nur lange das Verlieren vermeiden; es ist die Bilanz eines Mannes, der sein Leben in Nullsummenspielen verbracht hat, auf dem Tennisplatz, im Wettbüro seines Vaters, in Dubai, und der das eine Positivsummenspiel, in das er hineingestolpert ist, für eine Lotterie hält. Der Tausch ist die andere Weltgeschichte, und sie kommt in diesem Buch so wenig vor wie die Inflation. Bitcoin fragt weder nach dem Verdienst noch nach dem Glück seiner Halter, auch nicht nach Klappentext oder Roman; es ist die einzige Institution im Buch, die auf niemandes gute Meinung angewiesen ist, und wirkt darin deshalb so langweilig, wie ein Arbeitsbeweis unter Glücksrittern wirken muss. Dan sagt es beinahe selbst: Langweilig hat seinen Nutzen. Er wusste bloss nicht, welchen. Immerhin hat Fischer, wie Persius, den besten Satz von einem Älteren geliehen. Leider blieb es bei diesem einen.

Quellenhinweis

Tibor Fischer, My Bags Are Big, Salt Publishing, Cromer 2026, ISBN 978-1-78463-385-1; Umschlagtexte von Andrew M. Bailey, Daniel Johnson und Michael Hofmann. Umschlagbild: Salt Publishing, aus dem vom Autor übersandten Leseexemplar. Rezensionen: Ian Sansom, The Spectator, März 2026; Houman Barekat, The Guardian, 28. Februar 2026; Kyle Wyatt, Times Literary Supplement. Zur Biographie: Hungarian Review, Autorenprofil; Granta 1993; The Daily Telegraph, Rezension zu Martin Amis' «Yellow Dog», 2003. Persius, Saturae 1,1; das antike Scholion vermerkt: hunc versum de Lucili primo transtulit. Michel Houellebecq: Scholien 03/2009 und 01/2010 (Institut für Wertewirtschaft); Extension du domaine de la lutte (1994); La possibilité d'une île (2005). Andrew M. Bailey, Bradley Rettler, Craig Warmke: Resistance Money, Routledge 2024. Bitcoin und Krypto: «FTX: Regulierungsillusionen und Finanzblähungen», Finanz und Wirtschaft; «Geld ist für Fremde», scholarium.at, 2026. Pengő: Preisverdoppelung zuletzt etwa alle 15 Stunden, Juli 1946. Bitcoin-Kurs: Hoch 126'198 USD am 6. Oktober 2025; 79'524 USD am 9. September 2026.

Rahim Taghizadegan ist der letzte österreichische Vertreter der Österreichischen Schule in direkter Tradition, Unternehmer, Autor von mehr als fünfzehn Büchern, Hochschuldozent und Gründer von scholarium, citadel.garden und deedsats.

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