Momentum statt Moment
Zwei Arten, das Abendland zu verteidigen, und warum beide es verfehlen: über Nostalgie, Besitzstand, Silicon Valley und die Kräfte, an die sich anknüpfen lässt
Edmund Burke schrieb 1790, als er die Königin von Frankreich vom Pöbel bedrängt sah: Das Zeitalter des Rittertums ist vorbei. Seither wurde dieser Satz in jeder Generation neu geschrieben, jedes Mal über einen anderen Verlust: den Glauben, die Stände, das Reich, die Bildung, zuletzt das Bargeld. Nüchtern betrachtet begleitet das Gefühl des Untergangs das Abendland schon überraschend lange. Auch der Kulturverlust nach dem Fall Roms war bedauerlich, aber nicht total, und eine Reform des späten Römischen Reiches wäre eine noch grössere Katastrophe gewesen.
Darum stellen sich zwei Fragen: Gibt es den Patienten überhaupt, der seit zweihundert Jahren stirbt? Und was wollen jene eigentlich retten, die sich zu seinen Rettern erklären?
Wer hat Limoges angezündet?
Am 17. Oktober 2026 brannte in Limoges das Rathaus von 1883 aus, und der Glockenturm stürzte ein. Bezahlt hat es ein Bürger: Ein kinderloser Rentier vermachte der Stadt 1875 sein Vermögen. Gebaut hat es die Stadt, nicht der Staat, der es heute betrauert. Die Menge, die es anzündete, protestierte gegen die Lebenshaltungskosten und verlangte vom Staat, was der Staat seit zwei Jahrhunderten verzehrt: das Kapital der Städte, Kontore und Werkstätten, das die Krone einsammelte und das Komitee weiterverteilte; solche Formen überdauern ihren Zweck lange, dann brennen sie. Wer das Feuer verstehen will, muss die Menge auseinandernehmen, die es gelegt hat.

Erstens: junge Männer mit niedriger Intelligenz und geringer Impulskontrolle, die nie pazifiziert wurden. Der therapeutische Staat behandelt sie als Ersatzkinder und Haustiere, vor allem durch seine Frauen, Beamten und Vereine. Regieren lassen sie sich nicht wie Franzosen einer Hochvertrauenskultur, die über Jahrhunderte ihre eigenen Gewalttäter und Impulsiven systematisch dezimiert hat.
Zweitens: Talahons, junge männliche Loser, die ihren mangelnden Status durch religiös rationalisierte Abneigung gegenüber der Wirtsbevölkerung kompensieren.
Drittens: die Antifa, ein einheimischer Todeskult. Bürgerkinder, die kaputt machen, was sie kaputtmacht. Kaputt macht sie alles, was als Massstab dienen und ihren Narzissmus kratzen könnte; die Eltern haben diesen Narzissmus genährt, das Bildungssystem hat ihn radikalisiert. Das ist hausgemachter Terrorismus, gedeckt von einer grossen Linkspartei, die weit weniger Anstoss erregt als andere, weil man sie intellektuell zu den Guten rechnet.
Viertens: die breite Masse normaler Franzosen, wie sie die ersten Gelbwesten prägte. Es sind Etatisten, die den Politikern sagen wollen, dass die Politiker ihren Job schlecht machen.
Das Rathaus hat die dritte Gruppe angezündet. Geplündert haben die zweite und die erste, missbraucht von der dritten, genährt und gerechtfertigt von der vierten. Die vierte trägt die Hauptverantwortung: für die falsche institutionelle Antwort auf die erste, aus genährter Naivität und falschem säkularisiertem Universalismus; für Import, Subvention und Ermächtigung der zweiten; für den Verfall ihrer wenigen eigenen Kinder zur dritten. Der Todeskult der dritten Gruppe ist eng verwandt mit dem Todestrieb der vierten: gesellschaftlicher Selbstmord, sichtbar in der Demographie.
Die fünfte Gruppe war nicht auf der Strasse: Handwerker, Unternehmer, Ingenieure, die Jungen, die in die Schweiz oder nach Dubai gehen. Sie hat das Rathaus bezahlt, sie zahlt heute, was die vier anderen sich teilen, sie schweigt, und sie geht. Jeder Weggang macht den Schalter leerer und die Menge lauter.
Zwei Tage nach dem Brand sassen alle Gruppen in einer Fernsehsendung an einem Tisch, und die Sendung hat es nicht bemerkt. Eine Studentin von Eliteuniversitäten rechtfertigte die Plünderungen: «Ihr merkt nicht, was für ein Glück ihr habt, ihr habt etwas zu verlieren. Wir haben nichts zu verlieren.» Als Beleg nannte sie ihre Mutter, eine Englischlehrerin, vom Staat bezahlt: «Sie bildet die Zukunft dieses Landes.» Jeden Morgen gehe die Mutter mit einem Päckchen Kuchen in der Tasche aus dem Haus, weil sie sich die Kantine nicht leisten könne.
Die Mutter ist die vierte Gruppe: eine Lehrerin, die vom Ersatzvater Staat verlangt, dass er seinen Job macht. Die Tochter erbt diese Anspruchshaltung und wendet sie in Hass auf alles, was als Massstab dienen könnte. Auf Instagram posiert sie auf einem Boot vor einer griechischen Insel, darunter steht «Beach, me, me and only me»; im Fernsehen hat sie nichts zu verlieren. Die Tochter ist die dritte Gruppe in einer Person: der Narzissmus des verwöhnten Kindes, verheiratet mit dem Todestrieb. 1789 erfanden die Ideologen der Revolution der Königin die Brioche, und 2026 verlangt die Erbin dieser Ideologen die Brioche vom Staat, mit demselben Kuchenneid und derselben Kuchengier.
Ihr gegenüber sass eine Frau, die mit neun Jahren aus dem Kongo nach Frankreich kam. Drei Jahre lebte sie mit ihrem Vater auf zehn Quadratmetern, sie wuchs in einer Pariser Vorstadt auf, und heute beschäftigt sie 130 Menschen. In diesen Tagen muss sie ihre Leute beruhigen, weil diese Angst haben. Die Unternehmerin ist die fünfte Gruppe, die einzige, die produziert, was die anderen sich teilen. Wer nur die erste Gruppe und Rassenunruhen sieht, würde sie der ersten Gruppe zuordnen. Damit zeigt er, was er den anderen vorwirft: wenig Intelligenz und wenig Impulskontrolle, und das auf der Rechten.
Bislang pickt sich jeder eine Gruppe heraus. Wer nur die erste sieht, macht aus Limoges eine Rassenfrage, wer nur die zweite sieht, eine Islamfrage, wer nur die dritte sieht, eine ideologische Frage. Es sind aber sehr unterschiedliche Gruppen, die paradoxerweise zusammentreffen.
Die Rassenbrille ist die bequemste und erklärt am wenigsten. Dieselben Menschen, die in Lyon plündern, bauen in den Emiraten Wohlstand auf. Dubai ist zu neun Zehnteln von Zuwanderern bewohnt und sicherer als Paris, und Jordanien beherbergt Millionen Flüchtlinge, ohne dass ein Rathaus brennt. Es sind dieselben Menschen unter anderen Regeln, und dort wird niemand fürs Warten bezahlt.
Auch die Einheimischen konnten sich schon immer primatenhaft aufführen. Die Gefängnismassaker von 1792, die Massenertränkungen in Nantes und die verbrannten Dörfer der Vendée waren das Werk von Franzosen alten Stammes, mitten im Zeitalter der Aufklärung. Die Republik hat das alles nachträglich geschönt und feiert ihre Revolution bis heute als Nationalfeiertag. Den Dschungel muss man nicht importieren, es genügt, ihn zu erlauben. Wer einwendet, ohne Sicherheit gebe es keinen Markt, hat recht und widerlegt sich selbst: Sicherheit ist eine Institution und hat mit Rasse nichts zu tun. Botswana und Simbabwe sind Nachbarn, doch nur Botswana schützt das Eigentum, und nur Botswana gedeiht. Identitäre Merkmale zeigen den Kontext an, die Ursache erklären sie nicht. Die Zombies auf den Bahnhöfen unserer Städte haben jede Hautfarbe und jedes Geschlecht; sie sind Symptom, weder Ursache noch Urheber.
Absurd wird es, wenn österreichische und französische «Identitäre» aus den Krawallen Identität ableiten. Die jüngste Migrationswelle, der ihre «Remigration» gilt, hatte in Frankreich am wenigsten mit den Ausschreitungen zu tun. Sie ist ein Symptom der Probleme und facht diese weiter an, mehr nicht. Gewiss eint Franzosen und Österreicher kulturell im Schnitt mehr als Kongolesen und Syrer. Die deutlichste Identitätsüberlappung von Franzosen und modernen Österreichern ist aber ein tief verwurzelter Etatismus, wenn man von denselben T-Shirts aus Asien und einer für amerikanisches Social Media gelarpten «Identität» absieht. Und den Etatismus kann man nicht remigrieren.
Hinter den spontan angenommenen Identitätsvorwänden steht selten eine organisierte Gruppe, meist eine Stilrichtung von Trollen mit Meme-Kompetenz. Die Torwächter-Medien brauchen das Gespenst der «Identitären», und die Identitären brauchen die Medien. Ihre Gegenerzählung ist romantische Hoffnung, die Sehnsucht nach einer Welt, in der junge Männer als edle Ritter die fremden Feinde abwehren. Auch das ist ein Kostüm, und was das Abendland wirklich trug, war nie ein Kostüm.
Das Museum
Die erste Antwort führt ins Museum, denn sie will einen Zustand zurück, der nachweislich bestand: die katholische Geschlossenheit des Mittelalters, das Rittertum, das Deutschtum des Kaiserreichs oder ein anderes nationales Idyll. Welches, hängt vom Geburtsjahr und von der Konfession des Nostalgikers ab. Die Sehnsucht ist verständlich, denn der Mensch sehnt sich instinktiv nach der Sippe, nach der kleinen, geschlossenen Gemeinschaft, an die er evolutionär angepasst ist, und fast alle Gemeinschaften, die lange bestehen, haben einen sakralen Kern. Das Mittelalter wirkt aus der Ferne wie eine solche Gemeinschaft im Grossformat. Zurückholen lässt sich davon aber nichts, denn diese Zustände beruhten auf Voraussetzungen, die der Nostalgiker selbst nicht mehr teilt: auf einer Kirche, die Ehen und Erbgänge regelte, auf einem Adel, der vom Grundbesitz und vom Krieg lebte, auf einer Schriftkultur für wenige.
Was bleibt, ist das Kostüm, und nimmt man es ernst, wird daraus ein LARP, ein Rollenspiel, das nur noch die eigene Erlösung feiert. Die Reichsbürger sind die Karikatur davon: Sie spielen Staat, stellen Ausweise aus, gründen Räte und verleihen Orden. Die gepflegtere Form hält Vorträge über das Abendland, und wer sie nüchtern kommentiert, hat angeblich einen der letzten Helden des Abendlandes angeschüttet.
Das öffentliche Bekenntnis zu einer moralischeren Gruppe, ob zu den Rettern des Klimas oder zu denen des Abendlandes, korreliert leider negativ mit eigener Charakterstärke. Unsere Interessen nehmen den öffentlichen Moralismus nur allzu gern als Alibi für private Unmoral.
Die gebildetere Form verspricht, Europa aus seinem alten Erbe neu zu bauen, aus Antike und Christentum, und daraus eine Identität zu gewinnen, die dem Zerfall standhält. Das hat Erfolg, ist mir aber zu rückwärtsgewandt. Sie liest das Abendland mit Spengler als Organismus mit Lebensaltern, dessen Winter man würdig überstehen müsse. Mich interessiert weniger, wie man den Winter übersteht, als woher die Sommer kamen.
Welcher Moment?
Die Nostalgie hat noch ein zweites Problem, und es wiegt schwerer als das Kostüm: Sie findet den Moment nicht, zu dem sie zurück will. Der Niedergang des Abendlands kam in Schüben, und jede Blüte, die ein Konservativer heute beschwört, lag selbst schon in einem solchen Schub. Die Französische Revolution war ein Fehler, und ein Fehler war auch der französische Zentralismus, der ihr vorausging, sie nährte und von ihr verstärkt wurde, ebenso wie der preussische, der ihn kopierte. Die staatliche Theorie des Geldes wechselte 1789 bloss die Gewänder, vom Hermelin zum Komitee.
Und doch folgte auf die Zentralisierung das grösste Wachstum, das der Kontinent je gesehen hat, und an diesem Paradox scheitert die Nostalgie. Grössere Räume geben dem Kapital Platz: ein Recht statt dreihundert, ein Markt statt dreissig Zollgrenzen. Was sich auf diesem Raum entfaltete, war allerdings die Ernte einer Freiheit, die vorher gewachsen war. Der Apparat, der diese Ernte einbrachte, war jung, und das meiste an ihm war gestohlen. Banken, Kredit, Wechsel, Buchführung und Börsen, die Werkzeuge, mit denen nun der König hantierte, waren in den Städten entstanden, unter Kaufleuten, die einander Rechenschaft schuldeten. Überall hatte der Zentralstaat diese innovativen Kerne aufgesogen und für den Krieg nutzbar gemacht. In meinem neuen Buch Win-Win nenne ich diesen Vorgang die Gefangennahme der Katallaxie. In königlichen Händen glühte der Funke noch eine Weile hell. Die Früchte der Freiheit werden in Phasen steigender Unfreiheit geerntet.
La grande nation hat als Nation Kapital konsumiert, das lange zuvor aufgebaut worden war. Zentralismus erzeugt Hybris, parasitäre Pseudoeliten und ein Too big to fail, das die Sonnenkönige weit übertrifft. Im Nachkriegseuropa wurden die nächste und die übernächste Generation systematisch ausgeplündert, besonders in den angeblich strukturstarken Staaten Österreich und Deutschland. Wer nur die Korrelation sieht, hält den Zentralismus für die Ursache des Wohlstands, und so entsteht die Legende vom starken Staat, der das Land gross gemacht habe, obwohl die Kausalität fast immer umgekehrt läuft.
Am deutschen Wirtschaftswunder lässt sich das besichtigen: Man hält den Kredit für den Grund der Produktivitätsexplosion, dabei war nur die sichtbare Kapitalstruktur zerstört. Die unsichtbare war intakt geblieben: Fähigkeiten, Mentalität, Beziehungen, das Myzel unter dem verbrannten Waldboden, aus dem die Schwammerln schiessen, sobald man sie lässt. Kapital und Kontext erklären mehr als Politik.
Darum gibt es den Moment nicht, zu dem man zurückkehren könnte. Das Kaiserreich, das die einen vermissen, erntete, was die Städte gesät hatten. Das Mittelalter, das die anderen vermissen, war selbst die Ernte einer Freiheit, die nach dem Zerfall der römischen Zentralgewalt gewachsen war. Jeder Moment, den man zurückholen wollte, ist eine Ernte, und Ernten lassen sich nicht wiederholen, wohl aber die Saat.
Die Nation gehört zu diesen Momenten, und sie ist der jüngste. Wer einwendet, die französische Nation sei mit Jeanne d'Arc geboren und der Nationalismus sei nicht der Staat, wiederholt unwissentlich eine Schullegende. Erst 1841 machte ein Historiker der Republik Jeanne zum Ursprung des Nationalgefühls, und die Staatsschule brachte es Millionen Kindern bei. Davor war Jeanne die Heldin von Orléans, das ihren Sieg seit 1429 jedes Jahr feiert: Lokalstolz, Bindung an Ort und Angehörige, der natürliche Patriotismus, der keinen Staat braucht. Für den Rest des Königreichs war sie nichts. Franzosen nahmen sie gefangen und verkauften sie an die Engländer, französische Kleriker verurteilten sie, Voltaire machte aus ihr eine Zote. Jeanne selbst kannte keine Nation; sie kannte einen König, den sie krönen lassen wollte, und ein Königreich, das diesem König gehörte.
Die Nation kam später, und sie kam vom Staat. 1794 stellte ein Bericht an das Revolutionsparlament fest, dass von 28 Millionen Franzosen höchstens drei Millionen richtig Französisch sprachen und sechs Millionen gar nicht. Schon im Titel verlangte der Bericht, die Mundarten zu vernichten. Dann kamen die Wehrpflicht, die Schulpflicht von 1882, der Krieg und zuletzt das Gesetz von 1920, das Jeanne einen nationalen Festtag gab, im Jahr ihrer Heiligsprechung.
Patriotismus ist natürlich; Nationalismus ist die Doktrin, dass Volk und Staat zusammenfallen müssen, und es brauchte den Staat, um dieses Volk erst herzustellen. Wer den Nationalismus vom Staat trennt, trennt die Liturgie von der Kirche.
Darum rettet der nationale Patriotismus niemanden vor dem Etatismus; er ist dessen Ursprungsform. Die Nation wurde 1789 geboren, mit dem Komitee, der Wehrpflicht und der Steuer für alle. Die «patriotische» Rechte lebt heute vom selben Nullsummenspiel wie die Linke: Sie versorgt die Eigenen gegen die Anderen, mit dem Geld einer Maschine, die nichts produziert. Ohne diese Maschine hätte die Rechte nichts zu versprechen. Die Nation ist die einzige Ernte, die der Staat selbst gesät hat, und eine Rückkehr zu ihr bringt nichts zurück.
Die Erschlaffung
Über den letzten Schub erzählt die Rechte eine Legende, die so bequem ist wie die der Linken: Der Niedergang sei das Werk einer Verschwörung, der Marsch durch die Institutionen, die Umerziehung, ein Plan. Wie alle Verschwörungstheorien überschätzt diese Legende, was politische Eingriffe vermögen, und um eine Kultur zu erschöpfen, braucht es keine Verschwörung.
Das Abendland erschlaffte nach einer zu grossen, neurotischen Überanspannung. Ein durch Zentralisierung aufgeblasener Nationalstolz wurde von nationalen Katastrophen gekränkt und in Deutschland schliesslich zu reinem Etatismus sublimiert. Die Nationen führten zwei Weltkriege mit aller Technik und allem Pathos, das sie aufgestaut hatten, und hinterliessen Völker, die von sich selbst nichts mehr wissen wollten, und Eliten, die es am wenigsten wollten.
Der Verrat der Eliten ging der Erschlaffung voraus und begleitete sie. Wer führen sollte, verwaltete; wer lehren sollte, belehrte; wer Vermögen über Generationen halten sollte, verkonsumierte es. Mit dem Vermögen verbrauchten die Eliten auch das Vertrauen in die Institutionen, schamlos, für Geltungstugend, Prestige, Belehrung und Bereicherung, bis ein wachsender Teil der Bevölkerung dieses Vertrauen zu Recht verlor.
In das Vakuum trat die säkulare Ersatzreligion des Etatismus: Erlösung durch den Staat, Heil im kollektiven Wir. In gefallenen Nationen würgt sie alles ab, was aus dem trostlosen Grau kafkaesker Funktionäre herausragt.
Die grössere Schuld daran tragen paradoxerweise die vermeintlich Konservativen und Rechten. Die Linke hat ihren Etatismus nie verborgen. Die Rechte lieferte ihm die bessere Rechtfertigung, Vaterland, Ordnung, Tradition und Sicherheit, und gab der Erschlaffung damit ein gutes Gewissen. Der Ökonom Werner Sombart warf dem Bürger vor, er erschlaffe, sobald er wie ein Adliger leben wolle. Genau das geschah, nur bestand der neue Adel aus Funktionären. Ein Apparat nährte sich parasitär an den Institutionen und verkonsumierte schleichend ihr kulturelles Kapital, und die Konservativen nannten das Bewahren.
Wohlstandsverwahrlosung zeigt sich in der Suche nach Scheinproblemen aus existenzieller Langeweile, im Zehren von Unverdientem und Unverstandenem, in hoher Anspruchshaltung bei geringem Leistungsdruck, in diesseitigen Ersatzreligionen, in Geltungstugend und vor allem in einem Polster, das von der Realität trennt. Das LARP ist eine Spielart davon, das Wohlgefühl in der Tradition eine zweite, der Statuskonsum die dritte. Anspruchshaltung führt zu Statusgier, und die typischen Minderwertigkeitskomplexe leistungslos Wohlhabender suchen Anerkennung durch Geltungstugend, um einen Status zu rechtfertigen, den sie unbewusst als parasitär empfinden.
Hierher gehört auch die subventionierte Massenmigration in den Wohlfahrtsstaat, und zwar als letztes Symptom. Sie wurde unter der Flüchtlingslüge geführt und ist heute der Zündstoff jeder Debatte. Kulturzerstörung verläuft nicht linear: Sie bleibt lange unsichtbar und zeigt sich spät, dann auf einmal. Diese Massenmigration ist die Kulmination realitätsferner Naivität, blinden Formalismus und des Konsums von Status und Einkommen im therapeutischen Staat. Wer in ihr die Ursache sieht, verwechselt den Fieberschub mit der Krankheit. Darum ist die Nostalgie selbst ein Teil des Niedergangs, den sie beklagt.
Der Besitzstand
Die zweite Antwort ist leiser und verbreiteter; sie verteidigt, was ist: die Institutionen, Verfahren und Besitzstände in ihrem jetzigen Zustand, also die Universität, die Verfassung, die Sozialversicherung und die Währung. Konservativ nennt sich das, und es ist die Haltung fast aller Parteien, die heute regieren. Die Welt verändert sich, und wer ein System zum Ende der Geschichte erklärt, dient den Interessen des Status quo.
Schlimmer noch als die Romantisierung der Vergangenheit ist die Romantisierung der Gegenwart, denn diese Blindheit führt viel unmittelbarer ins Verhängnis als jede falsche Nostalgie. Die Formen, die der Besitzstandswahrer verteidigt, haben ihren Zweck häufig längst an andere abgegeben. Die Universität trägt den Namen der Korporation von Bologna und ist doch eine Behörde. Das Vertrauen in akademische Autoritäten wurde zur Buchstabensuppe unzähliger technokratischer Behörden, Institute und NGOs eingekocht. Was bleibt, sind staatliche Beamtenfabriken und private Titelfabriken, ein Cargokult der Bildung, der die Form bewahrt und das Ethos verloren hat. Wo die Marktrealität nicht mehr selektiert, muss das Zertifikat es vortäuschen.
Die Zentralbank gilt als Hüterin des Geldes und tut, was schon die Amsterdamer Wechselbank heimlich tat: Sie leiht das Geld ihrer Einleger dem Staat. Selbst Adam Smith hielt das Geld der Amsterdamer Bank noch für vollständig durch Münzen gedeckt. Wo heute Zentralbanken und Geschäftsbanken das Geld als Privileg herstellen, lässt sich das Vertrauensproblem nur noch mit PR-Bluffs überdecken. Eine Institution kann ihren Namen behalten und ihre innere Selbständigkeit verlieren, und wer sie dann unverändert bewahrt, bewahrt die Hülle und nennt es Treue.
Die neue Welt
In Europa macht nur noch die Vergangenheit stolz. In den USA gibt es trotz ebenso massiven Staatsversagens noch lebendige Pole der Dynamik, und dort gibt es auch eine dritte Antwort, die nicht von Konservativen kommt. Wo das Abendland heute am ehesten so aussieht, wie seine Verteidiger es beschreiben, trägt es weder Krone noch Kreuz: Es sitzt im Silicon Valley und in Manhattan. In den Vereinigten Staaten haben zwei Kraftzentren überlebt, das unternehmerische an der Westküste und das finanzielle an der Ostküste. Beide sind leider eng mit dem Staat verwoben, haben aber genug Kraft für neue Autonomie. Beide wuchsen zuerst auf dem Boden der staatlichen Kriegswirtschaft, doch unternehmerische Kreativität schuf daraus überwiegend zivilen Nutzen.
Vergleicht man Silicon Valley mit Stuttgart oder Manhattan mit Frankfurt, lässt sich der amerikanische Erfolg kaum kleinreden. In Deutschland hält die Work-Life-Balance Einzug, die gelangweilte Mussesuche nichtsnutziger Erben. Die Minderheit produktiver Amerikaner zeigt dagegen schon in jungen Jahren eine hemdsärmelige Tüchtigkeit, die in Europa das demographische Nadelöhr nicht zu überleben scheint.
Warum knüpfe ich dennoch nicht dort an? Weil beiden Eliten fehlt, was den Erfolg erst dauerhaft macht: Prinzipien und kulturelle Tiefe. Am schlimmsten ist das staatlich begünstigte organisierte Verbrechen an der Wall Street, bei dem Anwälte, Regulatoren und grosse Finanzunternehmen an Kartellen teilhaben und einen grossen Teil der Finanzierungsgewinne in die eigene Tasche stecken.
Die Technoelite der anderen Küste zeigt den Typus in Reinform: Unternehmer von erstaunlicher Umsetzungskraft und Reichweite, deren Persönlichkeit zur Marke geworden ist. Jede Position vertreten sie nur so lange, wie sie dem nächsten Vorhaben nützt, auch beim Geld, bei der Meinungsfreiheit und beim Staat. Das nennt sich pragmatisch, hat aber wenig mit Ideologie und viel mit dem Pragmatismus der Macht zu tun. Pragmatische Unternehmer scheuen die Theorie und suchen zu Recht nach Abkürzungen. In Zeiten geopolitischer Umschwünge wird das gefährlich, denn die stärkste Kraft im Raum ist in Washington wie in New York der militärisch-industrielle Finanzkomplex aus Rüstung, Staatsschuld und Zentralbankgeld. So stützen die beweglichsten Männer der Welt am Ende denselben Status quo wie die trägsten Beamten Europas. Das Paradox gibt es auch in der Gegenrichtung. Neville Roy Singham ist ein antiamerikanischer Amerikaner, der mit seiner Softwarefirma reich wurde. Von Schanghai aus finanziert er ein Netzwerk von Gruppen und Medien, die laut New York Times die Linie Pekings verbreiten, und eines dieser Medien trommelte auch für die französischen Proteste.
Kulturell ist diese Elite flach: Sie kennt die Geschichte der Formen nicht, die sie benutzt, und hält Aktiengesellschaft, Börse und Risikokapitalfonds für Erfindungen ihrer Generation. Auch in den USA haben Gedankenviren und Bullshit-Jobs den Erfindergeist der Pioniere gebrochen; sie halten viele im Hamsterrad von Berufen, die keinen Wert schaffen. Und eine künstliche Beschleunigung ist immer heikel, denn sie erzeugt ideologische Gegenreaktionen.
Das Momentum
Was alle drei verfehlen, ist eine Unterscheidung: zwischen den Formen, die eine Zeit hervorgebracht hat, und den Kräften, die sie hervorbrachten. Die Formen sind datierbar und sterblich: Die selbstverwaltete Stadt entstand im 12. Jahrhundert in Oberitalien, die doppelte Buchführung um 1300 in Italien, die Börse in Brügge und Antwerpen, die Aktiengesellschaft 1602 in Amsterdam, die Universität als Korporation in Bologna und Paris, der Salon in Paris, Berlin und Wien. Keine dieser Formen lässt sich zurückholen, und keine muss es. Die Kräfte, die sie hervorbrachten, wirkten zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Bereichen, nie alle zugleich und nirgends vollständig. Benennen lassen sie sich trotzdem: Autonomie und Dezentralität, Vernunftorientierung, die Lösung des Einzelnen aus der Sippe, eine Kultur hohen Vertrauens über Familie und Bekannte hinaus, kultureller Ehrgeiz, Abenteuertum und Unternehmertum, Erfindungsreichtum und Hochtechnologie, Individualismus und gutes Geld.
Wer darin ein Wesen des Abendlandes sucht, das man besitzen könnte wie eine Reliquie, wird enttäuscht. Jede dieser Kräfte gab es auch anderswo: Händler in Babylon, Erfinder in China, Gelehrte in Bagdad. Was Europa unterschied, war das Zusammenspiel, in dem sich die Kräfte über Jahrhunderte gegenseitig Formen gaben, die sie überdauern liessen. Dieses Zusammenspiel ist ein Momentum, ein Schwung, und an einen Schwung knüpft man anders an als an einen Moment in der Zeit.
Zwei dieser Kräfte sind heute so vergessen, dass man sie erklären muss. Wie der Anthropologe Joseph Henrich gezeigt hat, zerschlug die Kirche mit ihren Ehe- und Familienregeln über Jahrhunderte die alten Sippenverbände. Sie verbot die Vetternehe bis in entfernte Grade, schaffte Polygamie und Adoption ab und machte das öffentliche Ja-Wort zur Pflicht. So lernte der Westen überhaupt erst, Fremden zu trauen, mit Universalismus statt Clangebundenheit, geringerer Zeitpräferenz und einem stärkeren Gewissen samt Schuldgefühlen. Einander feindliche Sippen tauschen leider viel zu wenig, um je die Schwelle zum Wohlstand zu überschreiten. Wer heute Clans importiert oder im eigenen Land die Sippenlogik der Parteien pflegt, löst diese Leistung wieder auf.
Die zweite ist die Hochvertrauenskultur, wie sie sich in den Alpen mit besonders niedriger Zeitpräferenz entwickelte. Sie macht Verträge mit Unbekannten möglich, die Aktiengesellschaft ebenso wie die Versicherung. Zugleich ist sie die gefährlichste dieser Kräfte, denn ihre Kehrseite ist die Blockwartmentalität. Hochvertrauenskulturen wie Deutschland und Japan brachten auch den bisher höchsten Grad an gesellschaftlich organisiertem Bösen hervor, weil Vertrauen ohne Vernunftorientierung zur Gefolgschaft wird.
Apollinisch und heroisch
Die Verteidiger des Abendlandes erinnern sich meist an seine fromme und bewahrende Seite, an Kloster, Dom und Ordnung. Das Erbe hat allerdings zwei weitere Gesichter, die in dieser Erinnerung fehlen. Das eine nannte Nietzsche das Apollinische, als Gegenpol zum Dionysischen: Mass, Form und Klarheit, der Wille, den Dingen Gestalt zu geben. Dieser Wille brachte die griechische Plastik hervor, aber auch die Buchführung der Florentiner und die Beweisführung der Scholastiker.
Das andere ist das Heroische: der Aufbruch des Einzelnen, der etwas wagt und dafür einsteht. Mit dem Heroismus ist Vorsicht geboten, denn die vermeintlich heroischen Geschichtsveränderer sind in aller Regel apokalyptische Reiter, die noch mehr Menschen über Abgründe jagen, die sie nicht und nicht anerkennen wollen. Gemeint ist hier ein anderer Held, der risikofreudige Überseehändler, der im ganz gewöhnlichen Warenhandel dasselbe erreichen wollte, was seine Väter und Brüder mit Goldsuche, Alchemie und Raubrittertum versucht hatten. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto näher steht der Abenteurer der Gewalt. Er setzt sein eigenes Gesetz, wenn nötig mit dem Schwert, und so überrascht es nicht, dass Kaufmann, Abenteurer und Seeräuber manchmal ein und dieselbe Person waren. Aus dem Geist des Freibeuters wurde der Geist des Kaufmanns. Die Investoren der Handelskompanien waren am Erfolg der Fahrt beteiligt, und auf Englisch hiessen sie damals adventurers.
Der Massstab ist die Haftung: Der Milizbürger, der mit der Waffe abstimmt, und der Unternehmer, der die Ungewissheit trägt, haften; der Funktionär, der verordnet, und der Gläubiger, der am Zins verdient, haften nicht. Selbständigkeit hat wenig Heroisches an sich, die meiste Zeit war sie ein ganz selbstverständlicher Teil des menschlichen Lebens. Dieser Held gründet, entdeckt, erfindet, führt ein Haus über Generationen und widerspricht einer Autorität, wenn er es besser weiss.
Ihn hat es überall gegeben; das Abendländische ist, dass bestimmte Institutionen ihm Dauer, Würde und Freiheit gaben. Die wirklich grossen und dauerhaften Unternehmen trug oft eine nüchterne Disziplin, solange die Politik sie nicht überdehnte. Kapital ohne Kultur verliert die Richtung, und Kultur ohne Kapital verliert die Mittel; der Techno-Milliardär zeigt das eine, der Konservative das andere.
Anknüpfen
Wer wieder anknüpfen will, muss eine Arbeit leisten, die keiner der drei Wege leistet: die Kräfte erkennen, die einst fruchtbar waren, prüfen, wo sie heute wirken, und ihnen dort eine Form geben, die trägt. Solche Formen sind Unternehmen, Orte, Institutionen und Vermögen, die ihre Gründer überdauern. Ein Programm braucht es dafür nicht; in Programmen verteidigt sich ein Moment gegen die Zeit. Was Generationen überdauert, hat den Härtetest der Realität bestanden. Das ist weniger spektakulär als ein Kreuzzug und weniger aufregend als ein Börsengang. Immerhin ist es das Einzige, was in der Geschichte des Abendlandes je funktioniert hat.
Das Rathaus von 1883 holt niemand zurück. Die Kräfte, die es bauten, schon.
Rahim Taghizadegan ist der letzte österreichische Vertreter der Österreichischen Schule in direkter Tradition, Unternehmer, Autor von mehr als fünfzehn Büchern, Hochschuldozent und Gründer von scholarium, citadel.garden und deedsats.
Scholien per E-Mail · seit 2009
Scholien. Monatliche Randglossen von Rahim Taghizadegan zur Gegenwart, geschrieben im Modus der Wiener Schule.
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