Scholien 02/18
Persönliche Worte
Geschätzte Unterstützer und Leser,
vielen Dank für Ihre Geduld! Zum Ende des Jahres darf ich Ihnen wieder Scholien übersenden. Bitte behandeln Sie diese – wie immer – vertraulich. Es handelt sich um einen privaten Vorabdruck. Sie finden hierin einige Gedanken zu den gesellschaftlichen und kulturellen Folgen der aktuellen Nullzins-Ökonomie. Diese Gedanken werden sich auch in einem neuen Buch finden, das kommendes Jahr erscheint: Die Nullzins-Falle, mit meinen bewährten Ko-Autoren Ronald Stöferle und Mark Valek. Ich freue mich über Ihre Anregungen, die dann noch einfließen können (an: [email protected]).
Vor dem Thema Nullzins finden Sie noch einige kürzere Betrachtungen, die während der Reflexion im scholarium entstanden sind, vieles davon vorab als Kolumnen veröffentlicht.
Leider konnte ich bisher meine Absicht nicht einlösen, sofort alle Einsichten zu Papier zu bringen, die im scholarium so reich anfallen. Die Inspiration aus dem studium generale – die Möglichkeit, mit klugen Köpfen wirklich tief in die Fragen der Zeit einzudringen – ist noch größer als erwartet. Meine Fähigkeit, schriftlich das Tempo zu halten, ist hingegen leider weit geringer als erwartet. Vater und Autor zu sein, so merkte ich bereits an, ist ein Spagat. Der nächste Nachwuchs kündet sich schon an, und der erste gedeiht, dass es eine Freude ist.
So bleibt viel Erkanntes, Erfahrenes, Gelesenes und Bedachtes ohne Entsprechung in diesen Scholien, die eigentlich Randnotizen sein wollten. Wenn Ihnen diese kleinen Funken nicht ausreichen, führt derzeit kein Weg an einem studium generale in Wien vorbei, dort kann ich im kritischen Diskurs viel mehr mit Interessierten teilen.
Vielleicht sind Sie enttäuscht, nur noch so selten in den Genuss von Scholien zu kommen. Das habe ich abgesehen und darum allen Unterstützern Ihre gesamte Unterstützung als Guthaben gutgeschrieben. Sie können dieses frei nutzen: Beziehen Sie alte Scholien-Ausgaben, neue Bücher und antiquarische, digitale Aufzeichnungen oder buchen Sie Seminare, individuelle Vertiefungen und Vorträge.
Wenn es Ihnen ausreicht, zu wissen, dass Sie mit Ihrer Unterstützung einen der letzten Orte wirklich unabhängiger Erkenntnis ermöglichen, freue ich mich und danke für Ihr ungewöhnliches und bemerkenswertes Engagement.
Lassen Sie mich noch kurz zur Erinnerung festhalten, was wir im scholarium versuchen: Abseits der Gewaltstrukturen und inszenierten Täuschungen soll hier ein Ort der freien Erkenntnis gedeihen, nicht ideologisch, nicht missionarisch, sondern im freundschaftlichen Diskurs erkenntnisoffen. Wir tragen damit die abendländische Hoffnung weiter, dass die Vernunft Frieden stiften kann und die bessere Zukunft aus dem kritischen Abweichen kleiner Minderheiten erwächst. Gewiss, heute gibt es so viel kostenlosen "Content", Institute, Veranstaltungen. Wir wollen da nicht bloß unser Häuflein Information in den Äther blasen, sondern arbeiten geduldig und gewissenhaft an dem Aufbau einer Institution. Vielen Dank, dass Sie uns dabei helfen und auf diesem langen, mal harten, oft überraschenden, immer lehrreichen Weg begleiten.
Bitte erneuern Sie in diesem Sinne Ihre Unterstützung auf www.scholarium.at (wenn Ihnen das Guthaben nicht wichtig ist, dann gerne direkt auf unser Bankkonto IBAN AT27 2011 1827 1589 8503, BIC/SWIFT GIBAATWWXXX). Ohne regelmäßige Beiträge wie den Ihren gäbe es das scholarium nicht.
Wir drängen nicht sehr und schicken Ihnen selten Aufforderungen dieser Art, viele sind uns regelmäßig auch ohne Erinnerung treu. Einen Rechnungsversand oder ein Mahnwesen bemühen wir nicht – der Aufwand ist für unser kleines Team zu groß und wir hoffen auf Ihre Unterstützung auch ohne solche Nötigung. Lange Säumigkeit aber fällt uns auf und gelegentlich rufen wir uns dann in Erinnerung. Vielen Dank für Ihr Verständnis, Ihre Treue und Ihr Vertrauen.
Bitte wählen Sie die für Sie leistbare Unterstützungshöhe auf www.scholarium.at (siehe Innenumschlag) und die gewünschte Zahlungsart, um den Bestand des scholarium zu sichern.
Ich hoffe sehr, Sie bleiben uns weiter treu, und freue mich auf ein Wiedersehen oder Kennenlernen im scholarium. Die letzten Gelegenheiten dafür in diesem Semester sind am 1.12. (Seminar zu Religion und neuer Atheismus) und 12.12. (weihnachtlicher Salon zum Thema Nahrung). Im Februar bieten wir wieder das intensive einwöchige Orientierungscoaching an (für alle, die vor größeren Lebensentscheidungen stehen – Bildung, Karriere, Unternehmertum …). Im März schließlich beginnt das Sommersemester. Wir hoffen, Sie können sich bald zu einem Studium bei uns entschließen (ab zwei Monate, auch Teilzeit). Worauf warten Sie noch?
Herzlichst,
Rahim Taghizadegan
Wien, im November 2018
Politisches Morden
Der Meuchelmord am saudischen Journalisten Chaschougdschi führte zu einhelliger Empörung. Doch die zynische Frage liegt nahe, weshalb das Leben eines Menschen solche Aufmerksamkeit erhält, während die unzähligen Opfer des seit jeher brutalen saudischen Regimes nur ein Hintergrundrauschen darstellen, das nicht einmal von Waffenverkäufen abhält. Die Schieflage hat mehrere Gründe, einige davon sind berechtigt, andere zeigen tiefere Probleme auf.
Der einzelne, dessen Schicksal medial individualisiert wird, ist mental leichter zu erfassen – das Einzelschicksal erlaubt ein Hineinversetzen. Das Augenpaar eines Individuums ist das evolutionär angewöhnte Gegenüber, mit dem wir kommunizieren und interagieren können. Die unsichtbare Masse jedoch ist Gegenstand des abstrakten Politisierens. Diese psychische Heuristik, dem konkreten Einzelnen mehr Empathie beimessen zu können, ist berechtigt und kein moralischer Makel. Nur an einem individuellen Gegenüber können wir potenziell Lüge und Gewaltabsicht erkennen und die dialogische Reziprozität erfühlen, die Grundlage jedes echten Gewährens von Mitgefühl und Recht ist.
Aufgrund dieser Heuristik ist aber das Einzelschicksal auch für die politische Propaganda so problematisch. Den Opfern Gesichter zu geben ist das beste Widerstandsmittel gegen totalitäre Regime – und sei als Märtyrer das eigene Gesicht. Dies reißt die Maske von der Bestie Staat. Ihre legitimierte Gewaltsamkeit beruht heute immer mehr darauf, dass die Gewalt versteckt, verstreut und vergraben ist. Der größte Fehler am saudischen Auftragsmord ist aus dieser Perspektive, dass er an die Öffentlichkeit kam. Insbesondere westliche Staaten leben davon, dass der Zusammenhang zwischen Politik und Gewalt verschleiert wird. Darum bietet sich auch an, das Vorkommnis als faschistoiden Anschlag auf einen Demokraten zu deuten.
Schockierend ist der Mord an einem oppositionellen Kritiker. Dass höchste Kreise des türkischen Regimes sofort von der Verlobten informiert werden konnten, bestätigt allerdings die geopolitische Dimension – mit innenpolitischer Opposition hat diese wenig zu tun. Sie besteht im Gegensatz von zwei Spielarten des politischen Islamismus: Auf der einen Seite Muslimbrüder, welche die islamische Identität der Mehrheitsbevölkerung für eine Machterlangung durch Demographie nutzen und deshalb die Demokratie betonen. Auf der anderen Seite Pseudo-Wahabiten, die ein autoritäres Regime fundamentalistisch verbrämen – vor allem um gegen den populistischen Furor echter Fundamentalisten zu bestehen.
Wenn Interessen der Mehrheitsbevölkerung politisch gemolken werden sollen, dann geht es meist um Neid. Das unerschöpfliche Reservoir von Zu-kurz-gekommenen kann leicht gegen die extreme Bereicherung der saudischen Elite ausgespielt werden. Das zeigt das doppelte Dilemma des Modernisierers Muhammad bin Salman. Reformen lösen Dynamik und damit Begehrlichkeiten aus. Zwei Hauptfeinde können dabei gefährlich werden: Der Iran als potenzielle Schutzmacht der schiitischen Mehrheitsbevölkerung in den ölreichsten Regionen Saudi-Arabiens und die Muslimbrüder als “demokratische” Islamisten, die zuerst auf Gebärmütter und Minarette setzen und erst später auf Gewalt. Chaschougdschi, türkischer Herkunft, doch einst Teil der saudischen Elite, ist klar ersteren zuzurechnen. Sein Draht in die USA als prominenter Kolumnist war besonders heikel. Immerhin sind die USA nicht nur nötige Schutzmacht der Saud, sondern auch gemeinsam mit Israel Alliierte des Königshauses gegen den Iran.
Schockierend ist der Missbrauch einer diplomatischen Einrichtung. Dieser Missbrauch fand aber auch durch die verdeckte Überwachung statt, die das Delikt an die Öffentlichkeit brachte. Das bestätigt wiederum die geopolitische Problematik. Der türkische Neoosmanismus erhebt Anspruch auf die Führung der islamischen Welt, wobei die heutigen Hüter der heiligsten Stätten ein Hindernis sind.
Es war die Bereicherung der saudischen Elite, die zu einer paradoxen Modernisierung führte. Bin Salman ist nur die logische Konsequenz eines merkwürdigen Prozesses: Eine unduldsam puritanische Auslegung des Islam, die sich an der Zeit des Propheten orientiert und damit gewiss nicht „mittelalterlich“ ist, sondern wirklich fortschrittsfeindlich, stabilisierte die Herrschaftsallianz von Thron und Altar – der Ibn Saud und der Ibn Wahab. Die Stabilität der autokratischen Führung erlaubte ein pragmatisches Entwickeln der Ölreserven, die wiederum die Herrschaft nährten. Der entstandene Wohlstand schob die Elite innerhalb einer Generation in die Modernität nahezu unbeschränkter finanzieller und technischer Mittel, die heute die gesamte Welt greifbar machen – und endlose Konsumfreuden eröffnen.
Dass Modernisierung stets „Demokratie“ und „Menschenrechte“ bedeute, ist allerdings ein Missverständnis. Modern ist der Machiavellismus der Politik. Wirklicher Machiavellismus aber darf nicht den Fehler machen, als solcher erkennbar zu sein. Da hat Bin Salman wohl noch etwas Modernisierungsbedarf. Er könnte bei einem deutschen Modernisierer lernen: Friedrich der Große hatte einst sogar einen Anti-Machiavell verfasst – auch wenn der in Preußen niemals veröffentlicht werden durfte.
Schockierend ist schließlich stets der hinterhältige Mord – wohingegen dem Massenmord der Kriege meist ein ehrenhafter kriegerisches Element zugestanden wird. Dass Kriege allerdings nicht von Kriegern verursacht und in Kauf genommen werden, sondern von Politikern, wird dabei übersehen. Die politische Entscheidung, den Jemen zu bombardieren, wäre nur dann ehrenhafter, wenn die Entscheidungsträger ins Schlachtgetümmel vorausflögen. Das wäre aber sehr unmodern. Man fand so etwas allenfalls phasenweise im Kriegsfeudalismus und in der athenischen Kriegsdemokratie. Darum durften in letzterer auch nur jene mitbestimmen, die dann ihren Kopf hinhielten.
Die journalistische Empörung enthält so auch ein Element der Heuchelei: Die meisten Journalisten neigen heute dazu, politische Gewalt zu beschönigen und zu propagieren, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.
Methodologischer Individualismus
Der methodologische Individualismus der Wiener Schule der Ökonomik ist leicht misszuverstehen und fügt sich dann in einen der falschen Gegensätze unserer Zeit: das Soziale gegen das Individuum. Tatsächlich ging es Carl Menger darum, soziale Phänomene als emergente Ordnungen zu verstehen. Damit war er einer der Pioniere des Studiums komplexer Systeme. Die Implikationen dieses Ansatzes werden erst heute langsam verständlich.
Der erste Irrtum ist, den methodologischen Individualismus für einen normativen zu halten: für die moralische Höherstellung des Einzelnen und des Vereinzelten gegenüber den Beziehungen und der Gesellschaft. Manchmal ist diese Werthaltung als Gegengewicht zu all den überfrachteten Gemeinwohlphrasen nötig. Bernard de Mandeville hatte bereits in seiner „Bienenfabel“ erkannt: Der Allerschlechteste sogar für das Gemeinwohl tätig war! Damit meinte er, dass Intentionen, Phrasen und Ergebnisse selten zusammenpassen. Am meisten Gemeinwohlgeschwurbel ist von Zynikern und Naiven zu erwarten, solchen, die ihre schlechten Intentionen maskieren, und solchen, deren Handeln kaum jemals gute Ergebnisse zeigt, weil es der Realität widerspricht. Doch abgesehen von der allgegenwärtigen Pseudomoral des „virtue signaling“, der falschen Tugendsignale, ist die freiwillige Kooperation und Beziehung von Menschen höher zu bewerten als die Autarkie, denn letztere würde das menschliche Potenzial auf tiefstem Niveau verkümmern lassen. Bei aller Wertneutralität findet sich eher diese Werthaltung bei den meisten Vertretern der Wiener Schule; sogar Ludwig von Mises appelliert normativ überwiegend zugunsten des Erhalts des sozialen Kontextes der arbeitsteiligen Gesellschaft und nicht zugunsten des gesellschaftsfeindlichen Einzelgängers.
Der zweite Irrtum ist, die Robinson-Crusoe-Ökonomie, die aus didaktischen Gründen am Anfang vieler ökonomischer Darstellungen steht, für eine Blaupause der Gesellschaft zu halten. Sie ist der Anfangspunkt, eben das „In-dividuum“ – das unteilbare Element der ökonomischen Analyse. Der methodologische Individualismus konzentriert sich auf die Interaktionen zwischen Individuen. Die Wahrnehmung dieser kleinteiligeren Elemente einer Gesellschaft führt zum Erkennen von Vielfalt und Komplexität. Die historizistischen Kritiker der Wiener Schule erlagen diesen Irrtümern. Sie hielten den methodologischen Individualismus für einen Atomismus, der simplifiziert. Tatsächlich handelt es sich um eine organische Betrachtungsweise: Das Individuum ist eben nicht totes, homogenes Atom, sondern lebendiger Organismus, der eine Vielzahl unterschiedlicher Beziehungen zu anderen Organismen eingehen kann. Wirklich atomistisch sind der Kollektivismus der Historischen Schule und des Sozialismus. Anthropologen hatten in der Sowjetunion mit Erstaunen einen „homo sovieticus“ entdeckt – der Inbegriff des atomisierten Einzelnen ohne soziale Bindung. Ein ähnlich unsozialer Typus findet sich in China nach der maoistischen Kulturrevolution. Nicht nur politisch zerstört der Kollektivismus die Gesellschaft. Auch methodologisch führt er zu atomistischen Ergebnissen. Erst die moderne Physik machte das verständlich.
Bis heute hält sich der Trugschluss, Gesellschaften müssten als große Aggregate statistisch betrachtet werden, um ihrer Komplexität Rechnung zu tragen. Nur die Totale, die makroskopische, makroökonomische und weltpolitische Betrachtung könne die Irrtümer individualistischer Betrachtung auflösen. Diese Perspektive entspricht einer naiven Umlegung der frühen Erkenntnisse der Thermodynamik auf die Gesellschaft, ohne ihre jüngeren Erkenntnisse erkannt und verstanden zu haben.
Bei sehr simplen Systemen, die aus gleichartigen Teilchen aufgebaut sind, mittelt sich in der Tat die mikroskopische Ebene statistisch aus, so dass das System über makroskopische Größen wie Druck und Temperatur hinreichend gut beschrieben werden kann. Solche simplen Systeme nennt man „ergodisch“. Ergodizität bedeutet, dass ein Teilchen im Laufe der Zeit den gesamten Raum durchschreiten kann (genauer: den gesamten Phasenraum möglicher Zustände) oder eine Stelle des Raums im Laufe der Zeit von jedem Teilchen passiert wird. Es ist also irrelevant, ob man ein Teilchen die ganze Zeit beobachtet oder den gesamten Raum eine kurze Zeit: man kann vom Einzelnen auf das Ganze extrapolieren. Kollektive Phänomene dieser atomistischen Art sind weniger komplex als das Einzelelement.
Menschliche Gesellschaften sind nicht ergodisch. Ihr Komplexitätsgrad liegt noch über den komplexen nicht ergodischen Systemen der Naturwissenschaft, wie etwa turbulenten Strömungen. Komplexität entsteht durch die Unabhängigkeit und Vielfalt der konstituierenden Elemente eines Systems. Friedrich August von Hayek hatte das in seiner wegweisenden „Theorie komplexer Systeme“ bereits erkannt, als das naturwissenschaftliche Verständnis dieser Strukturen noch in den Kinderschuhen stand, und dabei die Einsichten von Carl Menger vertieft.
Individuen bringen dank ihrer Beziehungs- und Kooperationsfähigkeit Gemeinschaften und Gesellschaften hervor. Diese Fähigkeit ist zentral, doch Komplexität gebiert sie erst durch die Möglichkeit, sich der Kooperation zu enthalten und die Beziehung abzubrechen. Die Kollektivisten wünschen sich das kohärente Ziehen an einem Strang. Solche künstlich organisierten Gesellschaften sind jedoch atomistisch und fragil, da ihre Komplexität niedriger wird als die des Einzelnen: Die Masse ist dümmer als der Einzelne. Die „Weisheit der Masse“ tritt nur dann auf, wenn sie emergentes Phänomen der Weisheiten, Irrtümer, Heuristiken und Versuche der Einzelnen ist.
Nur die Perspektive auf die vielfältigen und unterschiedlichen Beziehungen zwischen einzelnen Menschen erkennt das wahrhaft Soziale. So überrascht es nicht, dass Menger und Mises ihre Disziplin lieber „Soziologie“ genannt hätten. Leider wurde der Begriff von asozialen Kollektivisten gekapert, die mit Statistiken und Fragebögen die atomistischen Teilchen herausfangen, von denen sie auf ihre ideologischen Wunschbilder extrapolieren können.
Erdogan: Das große Übel der Politik der kleineren Übel
Erdoğans Wahlsieg trotz dramatischer Wirtschaftslage und Geldentwertung mag erstaunen. Ist es die Sehnsucht der Türken nach einem Führer? „Reis“ – Führer – hieß schon der letztes Jahr erschienene Propagandafilm zu den Anfängen der Karriere Erdoğans. Doch diese Karriere ist weniger Führungserfolg als ein Lehrstück über die ernüchternden Wendungen der Politik. Erdoğan ist kein Fossil osmanischer Vergangenheit, sondern hat dem modernen Westen mehr zu verdanken, als ihm lieb ist.
Die moderne Türkei entstand als bewusster Bruch mit dem Osmanischen Reich. Mustafa Kemal, als „Atatürk“ zum Vater seiner kindlichen Untertanen erklärt, war über den wirtschaftlichen und technischen Rückstand der Türken erbost. Schuld daran, so seine Analyse, sei der Islam gewesen. Es gebe zwar viele Kulturen, aber nur eine Zivilisation: die europäisch-christliche! Diese imitierte Kemal auch äußerlich, indem er Fez und Kopftuch aus dem Straßenbild verbannte. Seine Aussagen über den Islam würden im heutigen Deutschland als Hetze gerichtlich verurteilt werden.
Leider imitierte Kemal, wie viele andere, den Westen zu einer Zeit, als die Basis des höheren Wohlstands und der höheren Innovationskraft in der Tiefe unsichtbaren kulturellen Kapitals unter den oberflächlichen Anhäufungen modernen Unsinns versunken war. Kemal kopierte Parteienherrschaft, Populismus, Laizismus, Interventionismus, Etatismus und Nationalismus als sechs Säulen seines Kemalismus. Das Resultat war eine militaristische Bürokratie, welche die Menschen durch hysterische Nationalpropaganda und Schulzwang gefügig hielt.
Durch Zentralisierung, Geldschöpfung und totalitäre Modernisierung wuchs der Gegensatz zwischen Stadt und Land. So ließen sich überzählige Männer aus dem hintersten Anatolien gerne in Deutschland und Österreich als „Gastarbeiter“ anwerben. Sie blieben als Zuwanderer, denn zunächst waren die Gehälter gut und später die Sozialleistungen. Doch der Kulturschock war allzu groß. Immerhin waren sie Modernisierungsflüchtlinge. Da die Zuwanderer fast ausschließlich aus der Unterschicht kamen, konnten sie als Ausländer nach dem Niedergang der osmanischen Identität nicht Kraft im aufgeblähten modernen Türkentum finden. Sie fühlten sich in Deutschland und Österreich als Verlierer.
Paradoxerweise entdeckten die Zuwanderer als Reaktion auf das Identitätsvakuum, besonders in der zweiten und dritten Generation, den Islam. Die westlichen Zuwanderer wurden so mit ihrem relativen Wohlstand zu einer wesentlichen Basis der Reislamisierung der Türkei. Auch heute erfährt Erdoğan in Deutschland und Österreich bei Türken mehr Zustimmung als daheim, die Deutschtürken sind seine Kernwählerschicht.
Anfangs war Erdoğan, was viele inzwischen vergessen haben, allerdings auch Hoffnungsträger liberaler und unternehmerischer Kräfte in der Türkei. Die Herrschaft der Kemalisten, die zum Militärputsch griffen, sobald die Wahlergebnisse nicht gefielen, war drückend. Als einzige mehrheitsfähige Alternative kamen konservative Kräfte infrage, die in der Türkei freilich islamisch sind. Erdoğan gab sich als moderater Reformer, der mehr Freiheit bringen würde. Neben der wachsenden Unterschicht vertrauten ihm auch städtische Gewerbetreibende und gebildete Frauen.
Ein wichtiger symbolpolitischer Sieg hatte die Ablösung der Kemalisten begleitet – und es war ausgerechnet ein Sieg im Namen der Freiheit. Zum Studium in die Städte zugewanderte junge Frauen stießen sich am strengen Kopftuchverbot. Wahrscheinlich ohnehin schon unter Druck ihrer traditionellen Familien, wollten sie nicht als Flittchen angesehen werden und hätten gerne den modernen „Look“ vermieden. Die Triebfeder ihres Begehrs war keine eigentlich religiöse. Ein offener Brief fand viel Zustimmung und viele Unterschriften. Darin forderten gebildete junge Türkinnen, die Karriere machen wollten, die Freiheit von staatlichen Kleidungsvorschriften. Das Kopftuchverbot sei einfach nicht mehr zeitgemäß.
Türkische Unternehmer hofften auf Befreiung von der nepotistischen Bürokratie, die planwirtschaftlich agierte. Erdoğan verkaufte sich als Kandidat der Öffnung der Türkei. Nach seinem ersten Wahlsieg stiegen die türkischen Börsenkurse dramatisch an. Er senkte die Inflation, verhandelte mit der EU und den Kurden. Der aggressive türkische Nationalismus wurde scheinbar gegen einen offenen und moderaten Islam getauscht. Die meisten Unternehmer hätten damit ganz gut leben können. Die aus dem Boden schießenden Moscheen störten nicht und bedeuteten neue Bauaufträge. Der politische Realismus hatte gesiegt, eine mehrheitsfähige Alternative zum Kemalismus war gefunden.
Der Islam als neue Basis nationaler Einheit schien auch ein Ende des Kurdenkonflikts zu erlauben, immerhin sind die meisten Kurden sunnitische Muslime. Erdoğan gewährte die Nutzung der kurdischen Sprache, sogar zwangsweise turkifizierte Ortsnamen wurden durch die älteren kurdischen ersetzt.
Warum dann der plötzliche Kurswandel? Der Türkei blieb die Aufnahme in die EU verwehrt. Der türkische Boom führte durch die globale Kreditblase zu weiterer Verzerrung. Der virulente Nationalismus schwand nicht, sondern suchte bloß ein neues Gefäß. Jeder Zentralstaat erfordert Einheit. Erdoğan hatte zwar dem Panturkismus abgeschworen, fand aber eine neue einende Erzählung im Neoosmanismus. Die in ihn gesetzten Hoffnungen, die breite Mehrheitszustimmung, die Größe der Türkei und der kreditgetriebene Wirtschaftsboom waren ihm zu Kopf gestiegen. Das ist das typische Muster des Etatismus: Jede positive Entwicklung wird dem Staat zugeschrieben, jede negative dessen Feinden. Als die Blase zu platzen begann, der Traum vom Befreier an der Macht, vom steuernden Wirtschaftsförderer, begann die Suche nach den Feinden. Am Ende bleibt der Staat das Gewaltmonopol, das sich durch ein Sinn- und Identitätsmonopol legitimieren muss.
Die Verfolgung Andersdenkender und die Erhebung über das Recht sind eher konsequente Entwicklung als überraschender Wandel. Das ist der Preis der Realpolitik, die auf Mehrheiten schielt, anstatt die kleinste Minderheit zu achten: das Individuum.
Eine marxistische Analyse des Marxismus
Anlässlich des Marx-Jubiläums ist es in Deutschland zu einer Pflichtübung geworden, in paradoxem und unpassendem Patriotismus den großen Deutschen zu würdigen. Jeder, dem etwas daran liegt, akademisch, medial oder politisch als seriös, zurechnungsfähig und moderat zu gelten, hat mit einem positiven Bezug zum „Vordenker“ und berühmtesten „Revolutionär“ aufzuwarten. Um auch diese Zeitschrift über jeden Verdacht zu erheben, sei also festgehalten: Es war nicht alles falsch bei Karl Marx. Ausgerechnet ein Element der marxistischen Analyse hilft, die postume Akklamation quer durch das vermeintlich bürgerliche Spektrum zu erklären.
Um das Pflichtlob des Meisters aus Trier aber gleich zu relativieren: Was nicht falsch war bei Marx, ist nicht von Marx. Seine Analyse übernahm ein Element gewisser bourgeoiser Vorläufer, denen er natürlich nicht Tribut zollen konnte – denn er setzte ja alles auf eine andere „Klasse“, die in historischem Determinismus die Bourgeoisie überwinden würde. So verbog er eine wichtige Einsicht zur deterministischen Formulierung: Das (gesellschaftliche) Sein bestimme über das Bewusstsein. In dieser Zuspitzung ist der Sachverhalt verfälscht, denn zum Glück gibt es im menschlichen Handeln keine Vorbestimmtheit. Doch die Essenz ist richtig: Für die meisten Menschen dienen Ideen, also Bewusstseinsinhalte, zur Rationalisierung und Legitimierung ihrer Interessen, also ihres gesellschaftlichen Daseins.
Diese Einsicht geht auf die großen französischen Liberalen Charles Dunoyer und Charles Comte zurück, die nur den Vornamen mit ihrem Plagiator gemein haben, sonst aber vormarxistische Antimarxisten waren. Was Marx als Klassenkampf deutet, ist der Interessengegensatz zwischen den Herrschenden und den Beherrschten. Wessen Bewusstsein dazu nicht willens und in der Lage ist, legitimierende Ideen der Herrschaft zu tragen, wird die Herrschaft früher oder später verlieren. Darum gibt es stets eine Konvergenz zwischen Herrschaft und den sie legitimierenden Ideen. Es ist der Klassengegensatz, der – so die spätere Analogie eines marxistischen Pragmatikers – nach der Position vor oder hinter den Gewehrläufen scheidet.
Weder die Würdigung von Marx noch die Kritik der Würdigung haben etwas mit den Verdiensten oder Mängeln des marxistischen Denkens zu tun. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten die marxistischen Ideen zu den vermeintlich siegreichen. Das half bei der Legitimierung zu Herrschaftsideen. Der Widerspruch zur Realität führte zwar zum Zusammenbruch der Planwirtschaften. Doch mit diesem Scheitern hielten dann nur noch die Naivsten und Zynischsten am klassischen Marxismus fest, all die durchaus klugen und wohlmeinenden Weggefährten, die im Marxismus ein Instrument der Infragestellung obsoleter und ungerechter Strukturen gesehen hatten, wachten auf. Damit wurde die marxistische Lyrik zum Refugium von Machtzynikern und ihren nützlichen Idioten.
Die ursprüngliche Essenz des Marxismus, nämlich die deterministische Prophezeiung, wurde ausgetauscht. Aus einer progressiven, modernistischen, technik- und industriefreundlichen Ökonomik wurde eine reaktionäre, romantisierende Ideologie. Nachdem sich letztlich die Marktwirtschaft in allen materialistischen Kategorien dem „wissenschaftlichen Materialismus“ als überlegen erwiesen hatte, setzte die postmaterialistische Wende im Marxismus ein – ein verzweifelter Versuch, Deutungshoheit und Herrschaftsanspruch zu wahren.
Der Neomarxismus ist nicht modern, sondern „postmodern“, er richtet sich gegen Aufklärung, Vernunft und Fortschritt. Zur Legitimierung benötigt er dazu Opfergruppen der Moderne, die sukzessive ideologisch bewirtschaftet werden, bei sinkenden Grenzerträgen: Beim einträglichsten Reservoir der Ressentiments beginnend, hat der Neomarxismus nun schon Dritte Welt, Natur, Frauen und Rassen durch. Die neuesten Opfergruppen werden immer kleiner und absurder, wodurch die Herrschaftslegitimierung ihren Bezug zur Bevölkerungsmehrheit zu verlieren droht. Das Ziel der neomarxistischen Herrschaftslegitimierung ist, gerade so viel Unmut zu adressieren, um die weltlichen Erlöser der politischen Klasse zu legitimieren, aber auch nicht allzu viel, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Möglichst unklare, aber wortreiche Analysen, möglichst leere Phrasen, möglichst große Allianzen sollen dabei helfen, die gerade nötige Grundstimmung alternativenloser Untertänigkeit durch billiges Opferdasein zu erzeugen.
Es war nicht alles falsch bei Marx. Von Marxisten hielt er selbst nicht viel. Doch die Würdiger und Gratulanten machen sich verdächtig, als Zyniker oder nützliche Idioten ein billiges, da mit keinen Nachteilen verbundenes Bekenntnis zur herrschenden Klasse abzugeben – ein augenzwinkernder Schulterschluss.
Gewiss waren ähnliche Bekenntnisse einst ein mutiges Erkennungszeichen von unbequemen, radikalen und revolutionären Charakteren. Sie lagen wohl in vielem falsch, doch ein Recht auf Irrtum ist jedem zuzugestehen. Die herrschende Klasse hat den Revolutionär appropriiert, und das Kokettieren mit diesem zeigt heute die ideologische Verlässlichkeit.
Die vormarxistische Klassentheorie unterschied nicht deterministisch nach Herkunft, sondern funktionell nach Beziehung zur Herrschaft. Der einzig universelle Klassenunterschied ist der zwischen Nutznießern und Leidtragenden der Gewalt, zwischen Geplünderten und Plünderern, zwischen Bürgern und Staatsapparat, zwischen denen, deren Angebote man ablehnen kann, und denen, die auf Kosten der anderen leben.
Verkommen zu einer der Legitimierungsideologien des totalen Staates, dient der Neomarxismus der Aufrechterhaltung der Fiktion, durch die alle versuchen, auf Kosten aller anderen zu leben. In der Realität geht das natürlich nicht gut, deshalb müssen die tatsächlichen Herrschafts- und Machtverhältnisse durch sophistische Rhetorik verschleiert werden. Die an sich berechtigte postmoderne Modernitäts- und Vernunftskepsis nach dem schrecklichen letzten Jahrhundert lieferte dafür den perfekten Schleier.
Eigenverantwortung und Freiheit
Eigenverantwortung ist einer jener großen Begriffe, die fast universell, unabhängig von der politischen Einstellung, als positiv angesehen werden. Wenn man den Begriff näher betrachtet, fällt allerdings auf, dass die zugeschriebenen Bedeutungen – wie so oft – diametral verschieden sind. Die eigene Verantwortung bezieht sich wohl zunächst auf die moderne Loslösung der individuellen Person von der Sippe. Eigenverantwortung ist damit die Gegenthese zur Sippenverantwortung, die Sippenhaftung und Rachekaskaden bedeutet. Doch die Überwindung der Sippe ist für den Menschen zunächst Verlust und schwere Herausforderung. Wie Friedrich August von Hayek erkannte, sind wir als Menschen evolutionär und instinktiv auf das Leben im engen Sippenverband ausgerichtet, und der Schritt zur modernen, offenen, beziehungsweise – nach Hayek – großen Gesellschaft fällt uns schwer. Daher wurde die reale Sippe nach und nach durch symbolische Sippen ersetzt.
Nach dem großen Glaubensverlust in die Brüderlichkeit und Hoffnung der Religion traten Ideologien die Nachfolge an. Mit ihren meist kollektivistischen Konzepten vermitteln Ideologien symbolische Sippenzugehörigkeiten, die ihre Kraft aus der Abgrenzung von anderen ziehen. Am stärksten legitimiert wurde dabei stets die konkreteste und größte Realisierung eines Sippenersatzes, die der Mensch bislang gefunden hat: der moderne Staat. Als Sippenersatz, der mit einer größeren Gesellschaft kompatibel ist, kann man dem Staat also durchaus eine gewisse Sippenbefreiung zusprechen.
Dieses Argument bemühte einer der verheerendsten Vertreter der insgesamt fast durchgehend schrecklichen deutschen Philosophenzunft: Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Der Staat sei die Verbindung von Liebe und Freiheit. Das klingt nach pathologischer Staatsvergötzung, doch, etwas anders formuliert, ist das abwegige Argument leider gar nicht so dumm. Das Manko der deutschen Philosophen war gewiss nicht mangelnde Intelligenz. Mit „Liebe“ ist die Sippenzuneigung gemeint, die der moderne Mensch vermisst, mit „Freiheit“ aber die Befreiung aus der damit stets verbundenen Sippenenge. Der moderne Staatsbürger darf sich als Teil einer Wir-Gemeinschaft fühlen, darf sich sogar von seinem Staat geliebt fühlen und noch mehr darf er diesen, „seinen“ Staat abgöttisch lieben. Doch dabei darf er sich in der anonymen Existenz des einen unter vielen austauschbaren Staatsgenossen „frei“ fühlen. Die Sippenverantwortung wird so zur Staatsbürgerverantwortung.
Da der Bürger als Steuerzahler, Kanonenfutter und Ausweisnummer ganz individuell geführt wird, fiel es nicht schwer, im Gegensatz zur Sippenverantwortung dann gleich von Eigenverantwortung zu sprechen. Der brave Bürger ist eigenverantwortlich steuerpflichtig, zeichnet eigenverantwortlich Staatsanleihen und lässt sich eigenverantwortlich an der Front erschießen, um seiner Sippe den nötigen Lebensraum zu erringen. Das ist gewiss ein sehr „eigenes“ Verständnis von Verantwortung und Freiheit, doch vermutlich ist es unterbewusst das vorrangige. Eigenverantwortung bezeichnet, wenn sie in Politikerreden und Predigten beschworen wird, eigentlich oft nur die leichte Regierbarkeit der Untertanen, die brave und vorauseilende Kooperation des Bürgers mit den Planern des Gemeinwohls. Die damit verbundene Ahnung, dass Eigenverantwortung gar nicht so bequem ist und nicht immer dem unmittelbarsten, kurzfristigsten Eigeninteresse entspricht, ist nicht so falsch. Das hat die Begriffstäuschung begünstigt.
Tatsächlich ist Verantwortung die notwendige und selten angenehme Gegenseite der Freiheit. Wer Freiheit außerhalb der engeren Sippe sucht, muss damit auch persönlichere Verantwortung als Bürde tragen – eben Eigenverantwortung. Mit Untertänigkeit hat dies nichts zu tun, vielmehr mit der Notwendigkeit einer Eigendisziplin, wenn man einer Fremddisziplin nicht folgen möchte. In den Worten Goethes: „Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht.“ Oder in den Worten Nietzsches: „Dem wird befohlen, der sich nicht selber gehorchen kann.“
Die Formulierung ist zu hart, die Essenz aber richtig. Individuelle Freiheit setzt die Fähigkeit und Bereitschaft der Eigenverantwortung voraus und ist daher an die Erreichung einer gewissen Reife gebunden. Einst waren wohl 18-Jährige zur Zeit der Reifeprüfung schon in der Regel volle Erwachsene, die volle Vertragsfähigkeit mit voller Haftung schultern konnten, heute sind oft 80-Jährige noch nicht aus dem kindischen Traum der verantwortungslosen Freiheit aufgewacht. Diese Scheinfreiheit nannten die alten Römer „licentia“ im Gegensatz zur echten „libertas“. Licentia bedeutet kindisches: „Ich kann tun und lassen, was ich will!“ Libertas bedeutet: Ich erfülle meine freiwillig eingegangene Pflicht. Diese Eigenverantwortung gestanden die Römer nur dem „pater familias“ zu; die Moderne beruht auf der Hoffnung, dass dieser Verantwortung jeder gewachsen sein könnte, um sich die individuelle Freiheit zu verdienen.
Die Sklaverei besteht nicht mehr, doch die Sklavenmentalität lässt sich nicht so einfach abschaffen. Es war der österreichische Psychologe Viktor Frankl, der vor der Einseitigkeit der falschen Freiheit warnte. Deshalb missfiel ihm, dem Freund der persönlichen Freiheit und Gegner des Totalitarismus, jedes einseitige Preisen der Freiheit als „Grundrecht“ und Forderung, die bedingungslos jedem zustünde. Er rief die Vereinigten Staaten dringlich dazu auf, analog zur Freiheitsstatue an der Westküste an der Ostküste doch eine Verantwortungsstatue zu errichten, um eine Schieflage zu vermeiden. Ist einer der Flügel lahm, bleibt der Freiheitstraum am Boden. Eigenverantwortung bedeutet, selbst die Konsequenzen nicht nur der eigenen Verpflichtungen und Versprechen zu tragen, sondern auch der eigenen Fehler und Irrtümer. Sonst verkommt der Menschheitstraum zur Kindheitsphantasie der „sturmfreien“ Bude, ohne Aufsicht, aber im Alles-inklusive-Paket elterlicher Ernährungs- und Reinigungskräfte. Eigenverantwortung kann nicht bloß bedeuten, Vater Staat in die Arme zu laufen, nachdem man dem leiblichen entwachsen ist.
Ein "Europa der Vaterländer"?
Eine alte politische Phrase geht aufs Neue um in Europa und steht symptomatisch für die wachsende Polarisierung. Für die einen selbstverständlich, für die anderen «rechtsextrem» – das «Europa der Vaterländer». Sie erklingt als alternative Vision für die Europäische Union aus den Visegrád-Staaten, aber auch aus der FPÖ, der AfD und gar der CSU.
Als Schöpfer der Phrase gilt Charles de Gaulle. Tatsächlich bestritt er heftig, jemals von «l’Europe des patries» gesprochen zu haben. Auf Deutsch ist der Gegensatz Staatenbund statt Bundesstaat etwas deutlicher und unverfänglicher. Tatsächlich favorisierte de Gaulle Ersteres und fürchtete, dass ausgerechnet der Beitritt der Briten die damalige EWG zu einem Bundesstaat nach amerikanischem Muster machen würde. Heute gilt der Brexit paradoxerweise als Rückkehr zum «Europa der Vaterländer».
De Gaulle hatte einst vor einem Regime «vaterlandsloser Technokraten» gewarnt. Sein Argument war pragmatisch: «Es ist nun einmal so, dass das Vaterland ein menschliches, gefühlsmäßiges Element darstellt und dass Europa nur auf Elemente der Handlungsfähigkeit, der Autorität, der Verantwortung aufgebaut werden kann.» Er schloss: «Außer dem Europa der Mythen, der Fantasie und des Scheins ist zurzeit kein anderes möglich als das der Staaten.»
Das französische Staatsverständnis kommt recht kühl und rationalistisch daher, damit kontrastiert es mit der Romantik, die im deutschen Raum so verhängnisvoll wütete und den Begriff des Vaterlands überdehnte. Nach de Gaulle besitzen allein die Nationalstaaten «das Recht und die Macht, sich gehorchen zu lassen».
Doch schon der Rationalismus der französischen Revolutionäre hatte seine mythisch-ersatzreligiöse Seite nur wortreich verhüllt. Korrekter müsste das gaullistische Argument lauten: Frankreich ist handlungsfähiger als die EU, weil sein Mythos an die Größe der Grande Nation gerade noch heranreicht.
Die Macht, sich gehorchen zu lassen, ist nicht allein rational zu konstruieren. Theodor Herzl, einer der Vordenker des modernen Nationalismus, drückte es romantischer aus als der nüchterne Franzose, als er sinngemäß zusammenfasste: Jede Nation sei von Schönheit, weil sie das Beste im Individuum mobilisiere – Loyalität, Enthusiasmus, Opferfreude und die Bereitschaft, für eine Idee zu sterben.
So schön wäre die EU auch gerne, doch ihre papiernen Kleider und ihr aufgetragenes Rouge haben nie ganz wettmachen können, was sie an natürlicher Attraktivität entbehrt. Deshalb bedienen sich ihre deutschen Werber eines Bluffs: Sie stellen den EU-Zentralismus als ideengeschichtliches Gegenteil des älteren Nationalismus dar. Denn dessen Reize sind heute in Deutschland verboten. Die Romanze mit der Nation hatte tragisch geendet, ihre Fratze sich als abgrundtief hässlich erwiesen.
Die wenig geliebte Union ist dabei, ihre letzten Sympathien zu verspielen. Die Reaktion darauf macht aufgrund des nach hinten losgehenden Bluffs nun auf kosmopolitische Beobachter den Eindruck eines plötzlichen Rückfalls in das Zeitalter des virulent aufbrechenden Nationalismus. Es ist jedoch eine Reaktion auf die Überdehnung der EU, die sich symptomatisch in der Schuldenkrise und der Migrationskrise zeigt, und kein Aufblühen des «Rechtsextremismus».
Helmut Kohl hatte einst den Euro als Endpunkt der Vision eines geeinten Europa gesehen. Deutsche haben es in der Hinsicht wohl besonders eilig, weil der EU-Supranationalismus die romantischen Sehnsüchte zu befriedigen versprach, für die das geplatzte Pseudo-Vaterland Großdeutschland nicht mehr herhalten konnte.
Der deutschen Tradition hätte ein ganz anderes Vaterlandsverständnis entsprochen, nämlich die unmittelbare lokale Nachbarschaft, in der die Vorväter begraben liegen. Der Dynamik der Moderne hielt dieser statische Bodenbezug aber nicht mehr stand, darum führte Ungeduld zur Überdehnung in absurde Boden- und Vaterlands-Analogien geopolitischer Dimension.
Es war letztlich der pragmatische Druck französischer Staatlichkeit, betrieben durch François Mitterrand, der ein übereiltes Opfern der D-Mark für die Interessen der Grande Nation erpresste. Seitdem identifiziert sich die französische Elite stärker mit der EU, sodass heute Emmanuel Macron in scheinbarem Gegensatz, aber hinsichtlich französischer Interessen in völliger Kontinuität zu de Gaulle und Mitterrand als Vorreiter der EU-Zentralisierung auftritt.
Es wurde der Endpunkt an den Anfang gesetzt: gemeinsame, politisch gesteuerte Währung ohne gemeinsame politische Steuerung von Wirtschaft und Finanzen. Die Sachzwänge hätten dann die weitere Einigung besorgen sollen. Tatsächlich sehen wir, wie die Sachzwänge heute die Uneinigkeit vergrößern, indem alternativlose Dynamiken zur Zuflucht in handlungsfähigere nationale Souveränität führen. Dasselbe geschieht bei der Massenmigration.
Die notwendige Uneinigkeit in der Schuldenkrise zwischen Schuldner- und Gläubigerstaaten hatte Angela Merkel als Repräsentantin deutscher Interessen in der internationalen Öffentlichkeit zu einer Hassfigur gemacht: Auf griechischen Titelseiten erschien sie in Nazimontur, generell musste sie für den Archetyp des kaltherzigen, überkorrekten Deutschen herhalten. Die Tochter eines sozialistischen Pastors drängte wohl vieles nach Wiedergutmachung dieser Schande, in solchem Geruch zu stehen, sodass der Syrienkrieg für eine Geste totaler Großherzigkeit gelegen kam.
Der moderne deutsche Universalismus muss sich die Kritik gefallen lassen, dass die Kosten kollektiviert werden und er häretisch überdehnt ist und die notwendig übergeordnete Tugend der «prudentia» übersieht. Unklug war es jedenfalls, die Folgen nicht abzusehen: die Sogwirkung an den EU-Außengrenzen und die praktische Unmöglichkeit, beruhend auf den Maßstäben von Formalismus, Ehrlichkeit und Gehorsamkeit deutscher Untertanen, unter afrikanischen und orientalischen Migranten zeitgerecht «Schutzwürdige» von den Millionen zu unterscheiden, die auch lieber in Deutschland versorgt würden, als sich daheim durchzuschlagen.
Die Massenmigration war doppeltes Symptom: für die Handlungsunfähigkeit der EU und für das Versagen der Staatlichkeit in ihrem De-Gaulle’schen Minimum: der Macht, sich gehorchen zu lassen. Nicht nur an den Grenzen kann das vermeintliche Gewaltmonopol nur noch wenig Gehorsam erzielen, auch im Inneren zeigt sich langsam eine Doppelstruktur des Gesetzesstaates: auf der einen Seite die braven Untertanen, die steuerlich geplündert werden und sich mit eingeschriebenen Briefen regieren lassen, auf der anderen Seite diejenigen, die das nicht ganz zu Unrecht für naiv halten und den Gesetzen entgehen oder sie ausnutzen. Die damit einhergehende Polarisierung steht erst ganz am Anfang. Deutschland zeigt wie die EU eine fragile Staatlichkeit: maximaler Etatismus bei minimaler Wehrfähigkeit.
Diese Symptome bieten perfekte Angriffsfläche für das politische Heimspiel. Im kleinen Österreich inszeniert sich die aufgrund der Migrationskrise an die Macht gekommene Regierung anlässlich der EU-Ratspräsidentschaft als Speerspitze eines «Europa, das schützt». Der polnische Vizepräsident des EU-Parlaments fordert explizit ein «Europa der Vaterländer».
Und der polnische Premier bestärkt, dass der Nationalstaat «ein Fels der Demokratie» sei. Wer diese Reaktion als antieuropäisch und ausländerfeindlich verunglimpft, gießt Wasser auf ihre Mühlen. Polen hat eineinhalb Millionen Migranten aufgenommen – aus der Ukraine. Und es gehört zu den Mythen der polnischen Nation, Europa drei Mal gerettet zu haben. Wie viel weniger Kraft hat da der Mythos, dass die EU nun Polen vor den Polen retten müsse.
Freiheit contra Demokratie
Wir sind es gewohnt, dass kein Politiker unsozial, undemokratisch oder illiberal erscheinen möchte. Die drei gegenteiligen Begriffe sind gewissermaßen sakrosankt. Für Freiheit, Demokratie und Solidarität einzutreten, ist zum Gemeinplatz geworden.
Diese rhetorische Einfachheit der Politik steht ganz ihrer praktischen Schwierigkeit entgegen, dem Bohren harter Bretter, nach Max Weber, die ja gerade deshalb so hart sind, weil sich hehre Prinzipien gegenseitig im Weg stehen und oft Kompromisse erfordern.
Vor mehr als zehn Jahren gab Fareed Zakaria in einem viel zitierten Artikel zu bedenken, dass Demokratie und Freiheit doch nicht so selbstverständlich Hand in Hand gehen. Liberaler Konstitutionalismus habe zwar den Boden für die moderne Demokratie bereitet, diese aber bereite keineswegs den Boden für Liberalität.
Bislang war die «illiberale Demokratie» ein skeptisches Fremdurteil geblieben. Nur wenige Politiker folgten ihm und zeigten gegen Freiheit oder gar Demokratie Flagge. Vor wenigen Jahren war der Schock gross, als ausgerechnet ein Politiker im Herzen Europas die Schmähung als positives Programm übernahm.
Viktor Orbán hatte in seiner Rede vor den Ungarn Rumäniens einen neuen ungarischen Staatsaufbau gepriesen, der auch die Ungarn außerhalb der nationalen Grenzen umfassen solle. Diese «organisierte Gemeinschaft» werde durch «illiberale Demokratie» gekennzeichnet sein, in der die kollektiven Interessen einer Ethnie über Individualinteressen gestellt werden sollten.
Liberalismus bedeute die Herrschaft der wenigen Starken; um die vielen Schwachen zu schützen, müsse man Abstriche bei der individuellen Freiheit in Kauf nehmen. Die aktuelle Massenmigration eignet sich bestens als Vorlage, um diesen Gegensatz deutlicher zu machen und die Polarisierung zu verschärfen. Dabei decken Begriffsverwirrungen auf beiden Seiten die eigentlichen Fragen zu.
Orbáns Position ist bei weitem nicht so absurd und hinterwäldlerisch, wie erregte Beobachter in der EU glauben machen. Die Gründerväter der USA waren zu einem ähnlichen Schluss gekommen: Freiheit und Demokratie sind manchmal Gegensätze. Doch sie entschieden für die Freiheit und hofften, dass es gelingen könnte, durch Konstitutionalismus die USA zu einer Republik zu machen, damals noch als Gegensatz zu einer Demokratie verstanden. Letztere könne nämlich nur in kleinstem Rahmen funktionieren, so glaubten die meisten historischen Denker. Orbán hingegen löst das Dilemma in die andere Richtung auf: Auf den «Liberalismus» wolle er gerne verzichten – die Freiheit akklamiert er aber dann doch, typisch Politiker.
«Liberal» freilich, das ist nur noch ein Etikett. Die «liberalen Demokratien» des Westens bilden sich gar viel auf ihre Liberalität ein, doch im Kern ist vom klassischen Liberalismus nicht viel übrig: Geblieben sind bloß Universalismus und Formalismus. Ersterer ist ein christliches Erbe, die Triebfeder der hoch entwickelten westlichen Vertrauenskultur. Doch heute ist er zu einer häretischen Übertreibung verkommen, einer unrealistischen Gleichheitsfantasie, hinter der sich zynische Interessen gut verstecken können.
Durch den Formalismus, der dem Rechtspositivismus stets anhaftete und ebenso gut Interessen verdeckt, wird der Universalismus in absurde Dimensionen aufgeblasen. Der formalistische Universalismus ist die letzte positive Norm der vermeintlichen Gerechtigkeit des westlichen Rechtsstaates. Wenn sie sich unter dem Druck der Realität auflöst, dann wird sich zeigen, wie hohl viele vermeintliche «Rechtsstaaten» heute sind.
Der klassisch liberale Staat wollte allen gleiche Freiheit und Mitbestimmung zugestehen. Das hätte in relativ homogenen Gesellschaften mit großer Vertrauensbasis gutgehen können. Tatsächlich wurden die Liberalen nach der Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts überall abgewählt. Der moderne westeuropäische Staat kann nur noch allen die gleichen Normen aufbürden, ohne zu ihrer Exekution fähig zu sein. Da der formale Universalismus jede Unterscheidung verbietet, müssen alle Bürger zunehmend wie Verbrecher oder Kleinkinder behandelt werden.
Wenn Orbán von «liberal» spricht, dann meint er Globalisierung, Finanzindustrie, kosmopolitische Eliten. Sein christlicher Calvinismus ist anti-universalistisch. Die Prädestinationslehre geht von Auserwählten der Gnade aus, die den anderen nicht einmal durch gute Taten offensteht. Die Nation der Ungarn als Gemeinschaft, die ausharren müsse, bis sich in wundersame Weise die Auserwähltheit in einer sündigen und feindlichen Welt zeigen werde, ist dann eine naheliegende Vorstellung.
Leider hat die sozialistische Erfahrung die Ungarn empfänglicher für einen solchen säkular-häretischen Nationalcalvinismus gemacht: Der Realsozialismus hat die gesamte Gesellschaft durch Misstrauen vergiftet. Wie ein Nebel hängt es nach, es zeigt sich in Eigenbrötelei. Doch Orbán ist nicht bloß ein «Rechter», der Liberale verachtet. Die pseudoliberalen politischen Eliten der EU hätten das gerne, als Rechtfertigung für ihre eigenen Interessen. Orbán ist eine Stimme gegen diese Eliten, und das kommt auch in anderen Ländern immer besser an. Für die Ungarn ist nationale Souveränität noch eine frische Errungenschaft, die sie nicht gerne aufgeben, schon gar nicht, wenn es um die subventionierte Massenmigration geht, die der formalistische Universalismus durchdrücken muss.
Die vermeintliche «Liberalität» der westeuropäischen Feuilletonisten und Politiker steht zunehmend für snobistischen Dünkel derjenigen, die moralische Überlegenheit («Offenheit») als Statussignal konsumieren, während andere die Kosten tragen.
Ihr Misstrauen gegenüber dem «kleinen Mann», dessen Wut durch politische Korrektheit, Nazikeule und Paternalismus in Schach gehalten werden soll, liefert der aufkommenden Gegenreaktion eine Steilvorlage. Diese «Liberalität» ist zutiefst antidemokratisch, denn ihre Proponenten schwingen sich zu den Erziehungsberechtigten der breiten Masse auf, für die sie insgeheim nur Verachtung empfinden. Dem kleinen Mann wird es zu bunt; er sehnt sich nach den grauen, aber einfacheren Zeiten zurück.
Die Reaktion ist gewiss gefährlich. C. G. Jung hatte einst gewarnt, dass über Nationalismus oder andere Ismen politisch organisierte Massen schwerfällige, dumme und amoralische Ungeheuer sind. Demokratie kann in Lynchjustiz ausarten. So sind denn auch Orbáns Beispiele nicht überzeugend. Er führte China, Türkei, Russland und Singapur als «illiberale» Modellstaaten an.
Der Unterschied zwischen ihnen könnte aber kaum grösser sein. Das kosmopolitische Singapur bietet grösste wirtschaftliche Freiheit und Rechtssicherheit durch britisch inspirierte Justiz. Lee Kuan Yew begründete die teils harten Strafen und Beschränkungen ausländischer Presse mit den Problemen eines multikulturellen Zwergstaates inmitten geopolitischer Bedrängnis.
Man muss seine Argumente nicht teilen, aber sie sind nachvollziehbar und keinerlei Nostalgie oder Nationalismus geschuldet. Die starke Position seiner Partei, der PAP, wurde nicht durch Ausschalten der Konkurrenz und Untergraben der Rechtssicherheit erreicht, sondern ist Erbe ihrer Pionierleistungen vor und nach der Unabhängigkeit.
Die Türkei hingegen ist ein ganz anderes Vorbild, die Bilanz der islamistischen und neoosmanischen Reaktion auf die einseitige und autoritäre Modernisierung der Kemalisten noch offen. Der sich als Speerspitze des Christentums gerierende Orbán folgt ausgerechnet eher diesem Modell und läuft damit Gefahr, die pseudoliberalen Geiferer zu bestätigen.
Was vom Iran zu erwarten ist
Der Iran weckt Hoffnungen und Ängste. Die Regionalmacht gilt Israel und Saudi-Arabien als grösste Bedrohung, mischt in Syrien und im Libanon militärisch mit und findet sich auf der «Achse der Bösen» als alter Intimfeind der USA. Zugleich ist das wirtschaftliche Potenzial des Landes groß, weite Teile der Bevölkerung wünschen sich eine Öffnung, und Besucher schwärmen von der Gastfreundschaft und der Aufgeschlossenheit der Iraner.
Die Entspannung nach dem Atomabkommen führte zu einem langsamen Rückbau der Sanktionen und zu einer Vervielfachung der Investitionen in das Land. Ist der Iran eine düstere, totalitäre Theokratie? Oder dank gut ausgebildeter, weltoffener Menschen eine der lukrativsten Anlageregionen der Welt? Beim Versuch einer Antwort zeigt sich die überraschende Komplexität des Landes. Beide Einordnungen sind im Kern richtig, doch beide übertrieben.
Die Islamische Republik Iran entstand auf der Grundlage einer schiitischen Häresie. Die «rote Schia» ersetzte die traditionell quietistische Richtung mit einer revolutionär-antiimperialistischen Ideologie. Die Schia – in der islamischen Welt abgesehen vom Iran stets verfolgte Minderheit – sollte symbolisches Bekenntnis aller Entrechteten und Verfolgten der Welt werden. Bestärkt wurde der antiimperialistische Verfolgungswahn durch den realen US-Interventionismus, als das aus Zynismus und Ahnungslosigkeit geborene Unheil begann, das den Nahen Osten auf Dauer zerrütten sollte.
Eine aktive Intervention der CIA förderte den Sturz einer gewählten, national orientierten Regierung und liess den Schah als westliche Marionette erscheinen. Gegen das autoritäre Schah-Regime erwies sich allein die verheerende Mischung aus Religion und Antiamerikanismus als stark genug. Als Saddam Hussein den nachrevolutionären Trubel ausnutzen wollte, um als damals noch US-gestützter Militärdiktator dem Iran Ölfelder abzuringen, entfaltete islamischer Fanatismus im Iran seine beeindruckende militärische Potenz. Im ungeheuren Blutbad des Iran-Irak-Kriegs wurde auch die iranische Opposition ausgeschaltet und die Macht der Politmullahs zementiert.
Dabei war die Islamische Republik gar nie so islamisch, wie sie tat. Führende schiitische Geistliche kamen unter Hausarrest, Khomeini selbst und sein Nachfolger Khamenei sind politisch ernannte Ajatollahs. Der letzte schiitische «Papst», der von allen anderen Grossajatollahs als Quelle der Nachahmung anerkannte Husain Borujerdi, warnte: «Wir, die Geistlichkeit, sollen einen islamischen Staat gründen? … Wir wären hundertmal grössere Verbrecher als die, die jetzt an der Macht sind.» Khomeinis Lieblingsschüler, einige seiner Kinder und Enkel äusserten ebenso scharfe Kritik am Regime. Doch Khomeini gehört zu den Nationalheiligen, den Vorkämpfern nationalistischer Unabhängigkeit – die unerlässliche Legitimation von Regimes.
Auch die heutigen Reformer im Iran beziehen sich auf Khomeini, werden von seiner Familie und engsten Weggefährten unterstützt. Khomeini wurde nach seinem Tod zur Ikone – und die Einschätzungen gehen auseinander, ob der Nationalheilige geirrt hat und Irrtümer selbst noch erkannt haben könnte. Sowohl Reformer als auch Hardliner schreiben alle aktuellen Missstände manch schlechten und korrupten, namentlich nicht konkretisierten Nachfolgern Khomeinis zu.
Der politische Missbrauch der Religion und das miserable Resultat des Experiments «Islamischer Staat», das entgegen den Versprechungen weder Freiheit noch Wohlstand für die Masse brachte, führte zum Paradoxon, dass der Iran heute einer der säkularsten Staaten der Region ist. Immer mehr junge Menschen wenden sich vom Islam ab und haben für die Politmullahs nur Spott übrig. Als Gegenreaktion bestätigen sie dabei aber die schlimmsten Befürchtungen: Atheismus, Hedonismus und global-amerikanische Konsumkultur wirken umso attraktiver, da verpönt.
Die wirtschaftliche Öffnung wird über das verzerrte dollardominierte Geldsystem unserer Tage solche Gegensätze noch verstärken, da vor allem der hochskalierte Konsumismus begünstigt wird. Ohne Kenntnis der wirtschaftlichen Dynamiken wird das zu neuen antiamerikanischen und antiliberalen Schuldzuschreibungen führen. Darum bleibt die Öffnung des Irans ein Drahtseilakt, der von der Sehnsucht der Iraner nach Freiheit und Wohlstand getrieben ist, aus Angst der herrschenden Kräfte, zu denen auch die Reformer als notwendiges Ventil zählen, aber jederzeit abgewürgt werden könnte. Das macht Investitionen in den Iran zu einer hochriskanten Angelegenheit – aber ohne hohes Risiko gäbe es auch keine Rendite, da die grenzenlosen Geldmengen unserer Zeit schon alles abgegrast hätten.
Verstärkt wird das inneriranische Risiko nun aber durch Donald Trumps aus Obama-Opposition geborenen Antiiranismus, der sich perfekt in die neokonservative Achse mit Saudi-Arabien fügt und daher freie Bahn erhält. Trump bestätigt die alte iranische Sorge, von den USA stets verraten zu werden. Den Iran, nicht aber Saudi-Arabien in einem «Muslim Ban» zu inkludieren, der antiterroristisch legitimiert wird, zeigt eben genau die Mischung aus Ahnungslosigkeit und Zynismus.
Zum Glück haben sich im Iran die populistisch-antiamerikanischen Kräfte weitgehend totgelaufen. Sogar Khamenei ging bereits auf Distanz zu den Kräften um Ahmadinejad, um seine wackelige Legitimität nicht weiter zu gefährden. Letzterer hatte auf Umverteilungspopulismus gesetzt. Da dieser aber keinen Massenwohlstand generieren kann, gefährdete er die Regimegrundlagen, denn die iranische Wirtschaft ist heute in den Händen der steuerbefreiten Stiftungen der paramilitärischen Revolutionsgarden konzentriert und weist damit systemische und dramatische Ungleichheiten auf.
Die Aggressivität des schiitischen Islamismus nach Khomeini war weitgehend rhetorisch – die US- und Israelfeindschaft sollte die Führerschaft des Irans in der islamischen Welt unterstreichen, die lange von westlichen Vasallen dominiert war. Im Libanon konnte der Iran sogar den einzigen militärischen Erfolg des politischen Islams gegen Israel für sich beanspruchen – die Hisbollah bewegte mit iranischen Waffen und islamistischer Märtyrerideologie Israel zum Rückzug aus dem Südlibanon, das dieses als Pufferzone betrachtete. Seit der US-Interventionismus die iranische Dominanz paradoxerweise noch verstärkt hat, kam es zu einer saudischen Gegenreaktion, die wahhabitisch-sunnitischen Islamismus dem Vorbild des Irans folgend zur geopolitischen Einflussnahme mißbraucht.
Die meisten Opfer islamistischer Terrorakte sind heute Schiiten. Das drängt den schiitischen Islamismus zu einer konzilianteren und ökumenischeren Taktik. Die westliche Allianz (ALV 192.26 -0.61%) mit den Saudis ist für die Iraner unverständlich; sie haben nun einen Anreiz, sich als moderatere, berechenbarere, tolerantere Muslime darzustellen. Für drakonische, «hadithische» Strafen gilt im Iran de facto ein Moratorium, die Todesstrafe wird fast nur noch durch Hängen und überwiegend für Kapitaldelikte (Mord oder Vergewaltigung) vollzogen, wobei es die iranische Justiz den bei der Exekution anwesenden Angehörigen der Opfer erlaubt, dem Täter zu vergeben.
Vergebung wird auch der einzige Weg nach vorne für den Iran sein. Im Dilemma zwischen zynisch-ahnungslosem Westen und reaktionärem Islamismus könnte die iranische Identität aufgerieben werden. Im Iran könnte aber auch eine Synthese gelingen durch die Wiederentdeckung eines quietistischen Islams, der nicht fatalistisch ist, sondern Raum für bürgerliches Engagement lässt. Das wäre jedes Investitionsrisiko allemal wert.
EU zwischen Hybris und Reaktion
Mitten in einer grassierenden Vertrauenskrise drängen die Sachzwänge zu Entschlossenheit. Sonst drohen scharfe wirtschaftliche Korrekturen in einer Zeit, in der immer mehr Vermögenswerte auf Vertrauen beruhen.
Der französische Präsident stellt aus dem Elysée-Palast in aller Grandeur den Führungsanspruch, um Vertrauen durch konsequentes Umsetzen der vermeintlich europäischen Vision zu gewinnen.
Seine Ziele sind naheliegende Konsequenzen des Zentralisierungsprozesses, der gerne als Einigungsprozess verkauft wird. Steuervereinheitlichung, grösseres Budget, gemeinsame Armee, Minister, Abgeordnete und Universitäten – allesamt Wegmarken der Staatswerdung.
Gewiss steigert Zentralisierung kurzfristig die Entschlossenheit. Doch das Durchdrücken einer Vereinheitlichung ohne hinreichende Homogenität oder Kompetenz ist langfristig dem Vertrauen abträglich und wohl die eigentliche Ursache der Vertrauenskrise.
Wieso dem rhetorisch brillanten Franzosen und seiner Entourage hochrangiger Ökonomen gleich die Kompetenz absprechen? Ist die Courage des Vorpreschens nicht ein Hinweis auf diese, sollte man dem jungen Politiker nicht eine Chance geben? Erkenntnistheoretische Vorbehalte, nicht Missgunst widerspricht dem.
Selbst die heute von Ökonomen favorisierte empirische Statistik zeigt, dass die Trefferquote von Ökonomenprognosen systematisch schlechter ist als beim Würfeln. Je berühmter der Ökonom, desto geringer die Eintrittswahrscheinlichkeit seiner Prognosen.
Das Problem der Ökonomik ist ihr Subjekt, der Mensch. Der verhält sich nicht so berechenbar, wie er sollte, weshalb weite Teile der modernen Ökonomik damit befasst sind, den Menschen durch berechenbarere Modelle zu ersetzen.
Gerade Frankreich hat eine lange Tradition eines Hofstaats von Ökonomen. Hier zeigt die historische Erfahrung eine negative Selektion, die Hybris befördert: Die Staatsmacht sieht die eigene Kompetenz durch die vermeintliche Wissenschaftlichkeit der Ratgeber gesteigert, während sich die angezogenen Ökonomen durch die Machtnähe ebenfalls höherer Kompetenz wähnen.
Leider ist das Wort der Kompetenz im Französischen wie im Deutschen allzu zweideutig: Das Dürfen wird leicht mit dem Können verwechselt, die Zuständigkeit mit der Fähigkeit.
Die in diesem Hofstaate entstehenden und sich gegenseitig bestärkenden Visionen haben dann wenig mit seherischer Qualität zu tun, sondern mehr mit Selbstüberschätzung. Den heterogensten Erdteil mit einheitlichen Parametern zentral steuern zu wollen, ist Hinweis auf Hybris, auf die sehr europäische Verlockung mit sehr uneuropäischen Konsequenzen, die den Kontinent seit jeher in Spannung hält.
Die mangelnde Homogenität, die Vielfalt von Sprachen und Kulturen, von Mentalitäten und Geschichtsdeutungen, von Identitäten und Ideologien ist das, was Europa ausmacht. Seine historische Rolle war stets, verdichtetes Zukunftslabor ergebnisoffener Wagnisse von Wissenschaftlern, Künstlern, Unternehmern, Ingenieuren und Entdeckern zu sein.
In der Enge und der Härte gedieh die Kompetenz und mit ihr der Machbarkeitswahn, der so lange Positives hervorbrachte, bis er scheitern musste an der gegensätzlichen Hybris der Nachbarn und der Ohnmacht, niemals alle Kräfte des Kontinents einem Zweck unterordnen zu können.
Auch Europa sah den Massenwahn der Aufopferung für falsche und dumme Zwecke, doch im globalen Vergleich überwiegt das Mehr an positiver Energie den Schaden – eben dank der Heterogenität und des letztlichen Scheiterns aller bisherigen Zentralisierungsprojekte.
Ihre Intention ist oft gut und durchaus europäisch. Es sind faustische politische Wagnisse der Kräftemobilisierung. Der Gegensatz des forschen Vorandrängens einer tatkräftigen Union und der Reaktion nationalistischer Identitäten täuscht darüber hinweg, dass Macrons Vision in der Tradition des Nationalismus steht, sie konsequent fortführt, nicht negiert.
Die grossen Einigungsprojekte der europäischen Nationalismen, allen voran das französische, hatten durchaus positive Seiten und Folgen – wenngleich heute ausgerechnet die Zentralisierungsbefürworter einig sind, dass das Negative überwog. Das «souveräne, demokratische, vereinheitlichte Europa», das Macron prophezeit, wäre ein gesamteuropäischer Nationalstaat französischer Prägung.
Ein solcher EU-Nationalismus kann noch Begeisterung wecken bei einer kleinen, kosmopolitischen Elite und könnte damit durchaus Keim positiver kultureller und ökonomischer Schaffenskräfte sein.
Doch der Preis ist zu hoch, das Wagnis riskiert das Ende Europas, nicht durch Spaltung, sondern Vernichten der Spaltungsmöglichkeit, Reduktion des institutionellen Wettbewerbs und Überhandnehmen schlechter Anreize.
Eine Durchsetzung von Mindeststeuern verwandelt ganz Europa in eine Steuerwüste, in der Regionen mit geringerer Produktivität und geringerem institutionellen Vertrauen ökonomisch verdursten. Die vermeintliche Steuerharmonisierung harmonisiert also nicht, sondern trennt und ist Keim neuer Konflikte.
Das ist stets die Folge von Vereinheitlichung aus Hybris, die blind für das unberechenbare Reagieren der Menschen ist: An die Stelle wettbewerblicher, harmonischer Spaltung von Versuch und Irrtum tritt die künstliche, politisch verschärfte Spaltung entlang der Bruchlinien kollektiver Irrtümer.
Schon das Projekt Euro ist dieser Hybris zuzurechnen, der Wahnidee, ein politisches Ziel über Währungsschaffung und -steuerung zu erreichen und damit den Informationsträger eines gewichtigen Teils des globalen Wirtschaftskreislaufs von Kompetenz und Prognosen eines einzigen «Experten»-Hofstaats abhängig zu machen.
Besonders deutlich wird die Hybris in Macrons Vorschlag, eine «europäische Innovationsbehörde» zu schaffen. Ohne Wettbewerb keine Innovation, denn Genie und Wahnsinn lassen sich im Vorhinein nicht unterscheiden. Neue Behörden bedeuten stets neue Stellen für den Hofstaat, für die Nutzniesser der Macht, die Feinde jeder wirklichen, weil unbequemen und ungewissen Innovation.
Dem EU-Nationalismus droht, ausgerüstet mit eigener Armee, das Schicksal jedes Zentralisierungsprojekts, das die inneren Spaltungen und Verschiedenheiten überwindet – es stösst an die äusseren und nährt sich an ihnen, erkauft innere Einheit durch äussere Aggressivität.
Die Forderung nach einem gesamteuropäischen «procureur commercial», einem EU-Staatsanwalt für Handelsfragen, der andere Nationen auf eine fiktive Anklagebank rufen und dann auch gleich Sanktionen verhängen kann für Fehlverhalten «en matière sociale, environnementale ou fiscale», zeichnet den Weg für künftige Handelskriege, die leicht zu blutigeren Einsätzen der geforderten «drones européens» führen können. Die aufgezählten schwammigen Bereiche erlauben dafür Motive der Ideologie oder der politischen Profilierung.
Wenn das die Visionen sind, für die sich europäische Eliten beglückwünschen, ist dringend frischer Wind nötig durch institutionellen Wettbewerb – das bedeutet heilende Spaltung. Die Chancen für europäische Standorte steigen, die sich der Vereinheitlichung und der Steuerhybris entziehen, ohne die positiven Wagnisse und Offenheiten auszuschliessen, die Europa ausmachen.
Leider wird durch die ideengeschichtliche Fehldeutung der Zentralisten der Nationalismus, mit seinen protektionistischen, etatistischen und symbolpolitischen Aspekten, als Gegenentwurf missverstanden. Der tatsächliche Gegenentwurf zur EU-Hybris sind weltoffene Kleinräumigkeit und ergebnisoffener Wettbewerb. Doch mit solchen Visionen wäre eben kein Staat zu machen, der einen wachsenden Hofstaat nähren kann.
Amokbürger
Wir sind es gewohnt, unter großen Massen von Fremden zu leben. Dieses Nebeneinander ist von Vertrauen und friedlicher Kooperation geprägt. Das ist allerdings keineswegs selbstverständlich, vielmehr ein modernes Wunder. Das besonders dicht besiedelte Westeuropa war Vorläufer dieser freien Kooperation in großem Stil. Etwas weniger frei, dafür umso dichter wurde schon früher in Fernost kooperiert. In der Geschichte hatte es davor nur Zwangskooperation im großen Verband oder eben das Miteinander in der kleinen Sippe oder Horde gegeben. Mit der Verdichtung in den urbanen Kooperationszentren ging eine Verbürgerlichung der Menschen einher. Während der Adel noch länger Waffen trug, Duelle focht und Fehdehandschuhe um sich warf, trug der Bürger Werkzeug, flocht Verträge und mehrte Wohlstand. Dafür wurde er vielgeschmäht.
Mit dieser bürgerlichen Friedlichkeit änderten sich die Formen. Einst bezeichnete „Besteck“ das Lederfutteral, in dem ein scharfes Messer hing, mit dem man nicht nur Fleischstücke bei Tisch zerteilen konnte. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Besteck, wie auch seine Träger, immer harmloser: Die Gabel ersetzte die Spitze, und das Messer wurde runder und unschärfer. In Fernost ging man noch einen Schritt weiter: Das Messer bleibt gänzlich der Küche vorbehalten, bei Tisch begnügt man sich mit völlig harmlosen Holzstäbchen, um das vorgeschnittene Essen zum Mund führen. Die noch größere Dichte des Zusammenlebens hat die Menschen in Fernost wohl noch stärker domestiziert als die Europäer.
Das Unbehagen über Waffen ist ein Erbe der bürgerlichen Domestikation. In der Tat ist es ein positives Zeichen, wenn sich Menschen auch nachts und in den dichtesten und schäbigsten Vierteln waffenfrei bewegen. Doch das liegt nicht an den Waffen, diese sind nicht Träger von Dämonen, die friedliche Menschen zur Gewalt bewegen. Es handelt sich um eine kulturelle Entwicklung, die weder selbstverständlich, noch unumkehrbar ist.
Massaker gibt es, solange es Menschen gibt. Archäologen haben mittlerweile das Cliché vom noblen Wilden völlig widerlegt. Neu ist der Schock, dass abseits des Krieges, an den Zentren friedlicher Kooperation, inmitten der größten Vertrauenskulturen, plötzlich das Massaker hereinbrechen kann. Die erste Intuition sieht hier den Fremden am Werk und vermutet einen feigen Guerillakrieg. Leider ist es komplizierter. Die Bandbreite an Amokläufern wird immer größer. Die modernen Massaker, die Amokfahrten, das wahllose Abstechen, die Schulschießereien, treffen die bürgerliche Kultur ins Herz. Sie sind sowohl Symptom als auch Beschleuniger des gesellschaftlichen Vertrauensverlustes. Wer dem Nächsten nicht mehr trauen kann, wird zur friedlichen Kooperation unfähig. Die Alternative zur Kooperation ist allerdings noch mehr Gewalt – das Überwachen, Beschränken, Ausschalten des Nächsten, der nur mehr im furchteinflößenden Sinne nah ist, nämlich zu nah.
Durch die wachsende Bandbreite des Amokbürgers führt sich die Standardantwort des Angstbürgers gerade ad absurdum: Waffenverbote! In Großbritannien wird tatsächlich ein Küchenmesserverbot diskutiert. Dieses ist zwar verständlicher als die fast schon universelle Einschränkung des privaten Schusswaffenbesitzes. Schließlich erfolgen 45 Prozent der Morde durch Messer, davon wiederum 85 Prozent durch Küchenmesser. Die Reduktion auf die Kleinstfamilie, die Zunahme von Küchen und der steigende Wohlstand, der auch der kaum genutzten Singleküche ein „Profi“-Messerset beschert, hat tatsächlich die bürgerliche Besteckabrundung kompensiert. Doch dem Messerverbot müsste dann konsequent ein Autoverbot, ein Hundeverbot, ein Werkzeugverbot u.a. folgen. Da kann man den Bürger gleich präventiv in eine Zwangsjacke und Gummizelle packen. Für ein Autoverbot wäre immerhin noch die Öko-Fraktion zu gewinnen, bei Hunden und Werkzeugen kennen aber insbesondere Deutsche keinen Spaß. 290.000 haben eben eine Petition unterzeichnet, um den Kampfhund Chico zu schützen, der zwei Menschen totbiss.
Doch Sarkasmus löst das grundlegende Problem nicht. Großbritannien war bereits nach dem Dunblane-Massaker von 1996 Vorreiter in Sachen Schusswaffenverbot geworden. Das ist nachvollziehbar. Ein autochthoner, kreuzbraver Krämer und Pfadfindergruppenleiter hatte damals aus Wut über Pädophiliegerüchte 16 Kinder mit seinen legalen Waffen exekutiert. Doch nicht Entwaffnung schafft Bürger; die Kausalität ist umgekehrt.
Wo der Bürger kooperiert, benötigt er im Inneren keine Gewalt und kann auch ohne Waffe aus dem Haus. Doch diese bürgerliche Kooperation entwickelte sich hinter Stadtmauern. Vorbild der bürgerlichen Selbstverwaltung ist die waffentragende Miliz. Letztere ist auch der Ursprung der Demokratie im diesem meist positiven, aber sehr beschränkten Sinne. Die modernen Illusionen der totalen Demokratie, der totalen Gleichheit und der voraussetzungslosen „Rechte“ untergraben die Bürgerdisziplin und erweisen sich als völlig unfähig und ohnmächtig angesichts des Vertrauensverlustes und der blutigen Entbürgerlichung. Bürger kommen ohne Herrscher, ohne Zwangsjacken, ohne innere Gewalt aus, weil sie zur Verantwortung fähig sind, für ihre Freiheit gemeinsam Opfer bringen, die Form wahren und die Grenze respektieren. Die totalitäre Gleichheitsdoktrin kann nur allen oder niemandem Freiheit gewähren. Da sich – wie heute leider zweifelsfrei offenbart – nicht jeder der Disziplin der Freiheit würdig erweist, die auch bedeutet, den Nächsten nicht kaltblütig abzuschlachten, bleibt nur der Weg, allen die Freiheit zu nehmen. Der Bürger wird aber nicht dadurch sicherer, dass man ihm das Küchenmesser abnimmt. Er wird zum Kind.
Vielleicht müssen wir im urbanen Raum wirklich auf diese Stufe zurück. Erträglich wäre das aber nur mit einem individuellen Weg, sich des Bürgertums wieder würdig erweisen zu können. Dürfte man sich das Recht auf spitze Messer, schnelle Autos, eigene Risiken und all die anderen Zeichen der Erwachsenenreife, zumindest verdienen? Das würde allerdings der infantilen Gleichheit, die Ungleiches gleichbehandelt, allzu stark widerstreben.
Handel statt Krieg
Die mediale Aufmerksamkeitsbewirtschaftung benötigt Dramatik, darum ist wieder von Handelskriegen die Rede. Gewiss verdeutlicht das Wort reale politische Gesten. Doch am leichtfertigen Zündeln tragen Medien einen erheblichen Teil der Schuld, auch wenn Journalisten gerne auf einen ungeliebten Präsidenten verweisen. Das Wort vom Handelskrieg ist völlig falsch. Einst bezeichnete man so das zynische Versenken ziviler Schiffe, um «Feindvölkern» durch Embargos zu schaden. Davon sind wir zum Glück entfernt. Handel und Krieg sind Gegensätze, der Handelskrieg ein Oxymoron. Der französische Ökonom Frédéric Bastiat hatte im vorletzten Jahrhundert die Erkenntnis formuliert, dass entweder Güter die Grenzen passieren oder Soldaten.
Tatsächlich haben wir es heute mit Protektionismus zu tun, doch dieser ist keineswegs neu. Neu ist das Dilemma der Kommentatoren, den US-Präsidenten nicht für seinen Handelspopulismus beglückwünschen zu können. So färbt die Abneigung gegen Trump auf den Protektionismus ab und lässt den Freihandel in ungewohnt gutem medialen Licht erscheinen – eine glückliche Fügung in einer unglücklichen Debatte. Sonst ist Protektionismus stets die tiefe Sehnsucht aller Gesellschaftsplaner und Staatsapologeten, die vor allem als Welterklärer in den Medien vor der realen Welt Zuflucht suchen.
Präsident Trump muss seiner Kernwählerschicht, dem von Salonsozalisten verachteten Proletariat, etwas bieten. Protektionismus ist fast immer populär. Es geht um Schutz, um die «eigenen» Interessen des Wir-Kollektivs gegenüber den Fremden, und «hilft» dabei doch «der Wirtschaft». Die Irrtümer sind uralt und werden wohl nie verschwinden. Protektionismus ist ökonomisch stets kontraproduktive Symbolpolitik. Immerhin ist er nicht so dramatisch wie die andere innenpolitisch motivierte Aussenpolitik, der Krieg. Doch jede deutliche Einschränkung des Handels begünstigt den Krieg, da gemeinsame Interessen schwinden und die beschleunigte Verarmung, sofern ökonomische Erkenntnis weiter misslingt, zur Suche nach Schuldigen führt.
Die USA sind und bleiben Vorbild des Freihandels. Die EU, die sich gerne als Freihandelsbündnis tarnt, ist im Vergleich zu den USA ein Zollkartell. Die EU-Zölle auf amerikanische Autos sind viermal so hoch wie die amerikanischen Zölle, ganz zu schweigen vom berüchtigten Agrarprotektionismus der EU. China wird von der EU mit hunderten Klagen überzogen, um europäische Unternehmen vor «Dumping» zu schützen. Die Anreize gehen klar gegen den Freihandel, denn Zolleinnahmen wandern direkt ins EU-Budget. Der grösste Teil des europäischen Protektionismus wächst aber jenseits der Zölle. Sogenannte nichttarifäre Handelshemmnisse sind meist ideologisch verhüllte Diskriminierung ausländischer Produzenten, oft als Ergebnis von Industrielobbying.
Leider geben die USA dem Freihandel aber auch einen schlechten Namen, was Protektionisten in der EU und anderswo ermutigt. Bastiats Devise wurde teilweise auf den Kopf gestellt: Zuerst passieren Soldaten die Grenzen, dann dürfen die Güter passieren. Die zynische Geopolitik der Amerikaner setzte Handel immer schon mit hintergründigen Intentionen, als Druckmittel und Belohnung ein. Grundlage ist die Ausnützung des «privilège exorbitant» (Giscard d’Estaing) der Weltwährung Dollar. Trumps Vorwurf, durch schlechte Handelsbedingungen ausgenutzt zu werden, ist absurd. Manches Handelshemmnis ist Reaktion auf die ungünstigen Währungsbedingungen. Die globale Schieflage zugunsten des Dollar erklärt auch das US-Handelsbilanzdefizit. De facto exportieren die USA ihre eigene Währung anstelle von realen Gütern, was gewiss nicht zulasten des amerikanischen Wohlstandes geht – abgesehen davon, dass diese Form der Wertschöpfung weniger nachhaltig ist als ehrliche Güterproduktion und auch im Inland massive Verzerrungen der Wirtschaftsstruktur nach sich zieht. Diese Verzerrungen, wiewohl unverstanden, haben Teilen der traditionellen Arbeiterschaft und der unteren Mittelschicht die Laune verdorben und damit teilweise Trump zu seinem Wahlerfolg verholfen. Kein Wunder, dass er die monetäre Schieflage lieber übersieht und den Blick auf die Schieflage im Welthandel richtet, die allerdings Grossteils Symptom und nicht Ursache ist. Der vermeintliche «Handelskrieg» ist nur ein Schauplatz eines Währungskrieges.
Chinas «Dumping» ist dem monetären Entwertungswettbewerb geschuldet. Die chinesischen Machthaber haben erkannt, dass sich Marktanteile gegen die Dollarblase nur durch Mitblähen erringen lassen. Tatsächlich besteht die chinesische Wirtschaftspolitik in einer Enteignung der chinesischen Sparer zugunsten chinesischer Exporteure. Nicht die Zielländer der durch verzerrte Währungskurse künstlich vergünstigten Güter sind Opfer dieser Politik, wenngleich natürlich viele Produzenten unter dieser unfairen Konkurrenz erheblich leiden. Es war wieder Frédéric Bastiat, der die falsche Extrapolation von den Produzenten zu nationalen Kollektiven als verheerenden Irrtum enttarnte. In einer satirischen Schrift beschreibt er eine fiktive Petition der Kerzenmacher gegen die Sonne, die entschlossenen Protektionismus gegen deren «Dumping»-Licht fordern und vorrechnen, welche wirtschaftlichen Vorteile ihre Branche und die darin Beschäftigten aus nationaler Verdunklung des Tages ziehen könnten.
Ohne die Ersparnisse aufgrund der vergünstigten chinesischen Waren und der Folgevergünstigungen dank dieser scharfen Konkurrenz wären der amerikanische und der europäische Wohlstand schon längst viel geringer. In den letzten Jahrzehnten war es im Wesentlichen diese Vergünstigung, insbesondere technischer Güter, welche die Geldentwertung teilweise kompensierte. Gewiss ging das zulasten jener Produzenten, die dieser Konkurrenz nicht standhalten konnten. Doch jene innovativen Unternehmen, die Preisdruck aufgrund überlegener Qualität nicht so fürchten müssen, profitieren natürlich in einem Umfeld höheren Wohlstandes und höherer internationaler Arbeitsteilung, zumal auch die Kapitalgüterpreise dank günstigerer chinesischer Alternativen gesunken sind. Alibaba bietet vor allem Zugang zu einer Maschinenschatzkammer. Und dennoch verschob sich der komparative Vorteil Europas noch weiter in Richtung Maschinen und Hochtechnologie.
Durch überraschende Schonung der Europäer soll die EU nun auf Seite der USA gezogen werden, was vor allem geopolitisch motiviert ist. Dabei läuft man in Europa aber Gefahr, zum Kollateralschaden im Übergang zu einer multipolaren Weltordnung zu werden. Chinas Einführung des Terminhandels für Rohöl in Yuan ist ein weiteres Zeichen dieses Prozesses, der China, Russland und Iran als Block gegen amerikanische Weltordnungspläne positioniert.
Das Schöne an echtem Freihandel ist, dass Konsumenten, Produzenten und Investoren all die kollektivistische Hybris der Geopolitik ausser Acht lassen können. Die wahre Grenzenlosigkeit friedlicher Arbeitsteilung ist der falschen Grenzenlosigkeit des militärischen Plattwalzens von Grenzen und der dadurch begünstigten und dann noch subventionierten Massenmigration weit überlegen. Europäer sollten gerade heute aufgrund ihrer Geschichte als Stimmen der Vernunft die Tore der internationalen Arbeitsteilung offen halten. Stattdessen übertreffen die Protektionismusgünstlinge der EU den US-Präsidenten noch weit in Sachen Grobheit: Für den angedrohten Strafzoll wurden Harley-Davidson-Motorräder auserkoren, in dümmstem Kollektivismus als Sündenbock stellvertretend für die amerikanische Identität. Dabei ist protektionistische Symbolpolitik stets ein Schuss ins eigene Bein – auf dem selben Niveau wie Diplomatenausweisungen.
Die Zinsintervention
Nahezu alle Religionen und moralischen Lehren stehen Zinsen skeptisch bis feindlich gegenüber. Könnte eine Gesellschaft, in der es endlich keinen Zins mehr gäbe, eine bessere Gesellschaft sein? Die Vermutung liegt nahe, dass ein Nullzins-Umfeld ein Zeitalter großzügigerer Mittelverfügung einläuten könnte. Ist der Nullzins also ein Attribut der vielersehnten “Abundanzökonomie” nach künstlicher Knappheit (post-scarcity economy)?
Die Vermutung enthält einen Kern Wahrheit, verkehrt aber Ursache und Wirkung. Tatsächlich wäre das Schwinden der Zinsen auf null Symptom eines beeindruckenden moralischen Wandels. Leider ist der aktuelle Nullzins eine Interventionsfolge und nicht Ausdruck geänderter Präferenzen der Menschen. Interventionen, die keine Einstellungsänderung auslösen, laufen ihren Intentionen entgegen – die Folgen sind oft paradox.
Ein Nullzins als realer Ausdruck geänderter Einstellungen wäre in der Tat ein Hinweis auf besondere Tugendhaftigkeit. Die nötigen Präferenzen würden sogar mit den christlichen Kardinaltugenden zusammenfallen. Das mag erklären, warum die gesellschaftlichen und kulturellen Folgen der Zinsintervention so leicht übersehen werden.
Ein Nullzins, der ohne Intervention entstünde, könnte Ausdruck einer extrem niedrigen Zeitpräferenz sein. Diese wäre denkbar, wenn die Menschen sich so sehr auf ein ewiges Leben ausrichten, dass sie kein Problem damit hätten, auf Konsum zugunsten einer Anlage mit längster Laufzeit zu verzichten. Eine solche Ausrichtung könnte als die Kardinaltugend des Glaubens interpretiert werden. In einer tiefgläubigen Gesellschaft ist es möglich, dass trotz Konsummangel große Mittel für Projekte aufgewandt werden, die über die Lebenszeit der einzelnen Menschen hinausreichen. Der mittelalterliche Kathedralenbau wäre ein Beispiel dafür. Weltliche Zwecke, die zeitlich näher liegen, würden hinter spirituelle Zwecke, die zeitloser sind, zurücktreten.
Wenn sich ein solcher Nullzins (oder Niedrigstzins) auch bei zwischenmenschlichen Schuldbeziehungen zeigte, die nicht Ausdruck spiritueller Zwecke sind, dann müsste eine andere Tugend in höchster Ausprägung dahinter stehen: die Nächstenliebe oder Caritas. Wenn es zum Selbstzweck wird, anderen Menschen unsere Ersparnisse zur Verfügung zu stellen, dann würden wir dies auch ohne Zinsforderung tun. Es würde uns dann mit mehr Freude füllen, wenn andere die Mittel nutzen, die wir aufgebracht, geschaffen und gespart haben, als sie für uns selbst in Anspruch zu nehmen.
Verbunden müssten diese zwei Tugenden noch mit der dritten sein, um auch die Risikokomponente des Zinses auf null zu halten: maximale Zuversicht in die günstige Entwicklung der Zukunft – Hoffnung. Nur ungetrübte Hoffnung tröstet über die Ungewissheit der Zukunft. Keinerlei Ausfälle zu erwarten, keinerlei Missbrauch und Schwund, würde es ermöglichen, mit einem Niedrigstzins auszukommen.
Glaube, Liebe, Hoffnung – hehre Tugenden, doch in ihrer höchsten Ausprägung sehr selten. Sie können als Ideale gelten, es ist aber wenig realistisch, eine Gesellschaft von ihnen abhängen zu lassen. Gesellschaft bedeutet das Miteinander von vielfältigen Fremden, was Skepsis, Zweifel, Ungewissheit und Misstrauen mit sich bringt. Wenn sich die Präferenz des eigenen Lebens gegenüber dem Fremden, Anderen und Ewigen, die Präferenz des zeitlich Näheren und Gewisseren gegenüber dem Ferneren und Ungewisseren nicht ausdrücken kann, verschwindet sie dadurch nicht, sondern wird noch paradox verstärkt. Erzwungener Glaube gebiert Heuchelei, erzwungene Liebe gebiert Hass, erzwungene Hoffnung gebiert Zweifel.
Der Nullzins der Gegenwart ist nicht Ausdruck geänderter Präferenzen der Menschen, nicht Ausdruck ihrer höheren Sparsamkeit, Askese, Nächstenliebe oder Transzendenz. Er ist Folge einer Intervention, bei der Guthaben geschaffen werden, bevor sie verdient wurden. Es handelt sich um das, was Ökonomen einen erzwungenen Höchstpreis nennen. Stellen wir uns vor, die Politik setzte einen Höchstpreis für Brot von null – das heißt, jeder Bäcker wird behördlich verpflichtet, sein Brot zu verschenken. Echte Freigebigkeit der Bäcker, die aus reiner Nächstenliebe nur für Gotteslohn backen, würde zwar als Symptom ebenso kostenloses Brot bedeuten. Doch in der Realität bedeutet erzwungene Freigebigkeit das glatte Gegenteil und hat paradoxe Folgen: zuerst verschwindet das Brot, dann verschwinden die Bäcker. Die Nächstenliebe der Bäcker, die zu Sklaven erklärt wurden, wird abnehmen, nicht wachsen. Brot wird teurer und knapper.
Ähnlich paradoxe Folgen zeigt der Nullzins. Je niedriger und näher auf null der Zins gedrückt wird, desto mehr Nachfrager von Ersparnissen gibt es und desto weniger Anbieter. Warteschlangen bilden sich bei der Ausgabestelle des kostenlosen Brotes, doch die Anbieter ziehen sich zurück. Der Brotmangel wird offensichtlich. Der Kapitalmangel im Nullzins jedoch nicht. Der Nachfrageüberhang wird durch Kreditschöpfung gedeckt. Die geschaffenen Guthaben haben tatsächlich Kaufkraft, sind von den älteren Guthaben durch nichts zu unterscheiden. Die Schuldner – heute allen voran der Staat, Großkonzerne und gehebelte Spekulanten – können damit Güter erwerben, ohne dass andere ihren Güterkonsum zuvor eingeschränkt haben. Gewiss werden die Kredite auch zum Teil produktiv eingesetzt, zur Produktion neuer Güter. Doch der größte Teil der heutigen Kreditverwendung ist unproduktiv.
Die ermöglichte Produktion wiederum folgt nicht mehr völlig den Präferenzen der Menschen. Die geschaffenen Guthaben sickern langsam in die reale Wirtschaft und hinterlassen eine Spur selektiver Verteuerung, wachsender Ungleichheit und vorübergehender Verzerrung. Bis die Kreditschöpfung stagniert, weil unerwartete Güterknappheiten zu Inflationsängsten und Zweifeln führen, und damit zu Leitzinserhöhungen, Bilanzverkürzungen, Liquidationen, Entlassungen. Die wirtschaftlichen Folgen sind klarer, die gesellschaftlichen und kulturellen aber gewichtiger und tiefgreifender.
Es ist schon ein Gemeinplatz, dass das heutige Finanzsystem von Vertrauen abhinge. Gemeint ist eigentlich die Umkehrung der Tugend der Hoffnung in einen unechten “Optimismus”. Dieser zeigt sich als Alternativenlosigkeit. Anstelle von Glückseligkeit als Ideal zufriedener Seelenruhe tritt eine Glückshektik, der Stress einer Lebensoptimierung. Kompensiert wird dieser “Optimismus” durch mediale Weltprobleme, die Modewellen folgen, und eine Grundstimmung der Krise als Hintergrundgeräusch. Diese negativen Stimmungslagen dienen der eigenen moralischen Erhebung über andere. Sie führen nie zu tiefgreifenden Lebensänderungen, sondern rationalisieren durch Schuldzuweisungen und Ablenkungen das eigene Mitläufertum.
Eng verbunden ist dieser “Optimismus” mit Hypermoral. Die Mittelverfügbarkeit ohne reale Freigebigkeit führt zu einer Umkehrung der Tugend der Liebe zu einem neuen Geltungskonsum von Tugend. Geltungskonsum ist ein ökonomischer Ausdruck, der Mittelverbrauch zur Erhöhung des eigenen Status bezeichnet. Wenn die Verbindung zwischen eigenem Handeln und Konsequenzen gelockert wird, kann man sich gut fühlen, ohne gut zu sein: Die Kosten der eigenen Tugendparolen lassen sich hinter der Mittelflut der Geldschöpfung immer leichter anderen umhängen. Dann wird die Großzügigkeit zur Phrase, für die andere die Rechnung zahlen.
Auch der Glaube kehrt sich unter dem Entwertungsdruck um: in einen Progressivismus – die Erwartung ständig steigender Wahlmöglichkeiten, die immer offen bleiben, weil für die getroffene Wahl keine Folgen und Einschränkungen zu tragen sind. “You can have your cake and eat it” – in Umkehrung des englischen Sprichworts: alles gleichzeitig zu haben, wird zur Verheißung. Der Glaube in den Fortschritt, der rein materiell verstanden wird, löst anderen Glauben ab – und wird gespiegelt durch utopische Nostalgie, die Sehnsucht nach einem fiktiven goldenen Zeitalter.
Dies soll keine Litanei sein. Niedrige oder hohe Zeitpräferenz, Freigebigkeit oder Misstrauen gegenüber Fremden, sowie Glaubenshaltungen sind persönliche Entscheidungen, deren Für und Wider hier nicht zur Debatte stehen. Es geht hier um die ökonomische Klärung gesellschaftlicher und kultureller Verdichtungen. Warum häufen sich manche Lebensstile und Grundhaltungen so deutlich? Gewiss könnte dahinter bloße Imitation oder Erkenntnis des individuell Befriedigenderen stehen. Und gewiss sind gesellschaftliche Dynamiken so komplex, dass monokausale Erklärungen stets falsch sind. Ursache und Wirkung sind nicht klar. Es wäre Unsinn, alles, was an einer modernen Gesellschaft Unbehagen bereitet, dem Finanzsystem zuzuschreiben. Kreditschöpfung bietet Vorteile, sonst hätte sie sich nicht durchgesetzt. Zudem wirkt die Kausalität auch in umgekehrte Richtung. Schumpeter hielt einmal fest: „Der Zustand des Geldwesens eines Volkes ist ein Symptom aller seiner Zustände“ [@schumpeterTheorieWirtschaftlichenEntwicklung1934: 1]. Das ist übertrieben, aber ein Hinweis darauf, dass sich das Finanzsystem nicht in einem luftleeren Raum entwickelt hat, völlig abseits der Präferenzen der Menschen.
Wirtschaftskultur unter dem Nullzins
Der große Vorzug des modernen Finanzsystems ist zugleich sein Makel: die Bereitstellung von Liquidität weit über die individuellen Sparentscheidungen der Menschen hinaus. Diese in der Tat aus dem Nichts geschaffene Liquidität ist gedeckt durch die Produktivitätsversprechen der Schuldner und den Marktwert ihrer Sicherheiten. In der Regel halten diese Versprechen und wirken zugleich motivierend. Zu leistende Kreditraten spornen zu lückenlosen Karrieren an.
Aufgrund der Verzerrungen des Konjunkturzyklus verdichten sich jedoch die Fälle, in denen Versprechen enttäuscht werden, zeitlich in krisenartigen Ent-Täuschungsphasen. Die große Angst der Schuldner vor der Arbeitslosigkeit drängt die Politik dann zur sofortigen Symptombekämpfung durch Bail-outs, Zinssenkungen, Subventionen. Die meiste Zeit läuft der Kreditprozess wie am Schnürchen. Doch seine gesellschaftlichen und kulturellen Folgen wirken geradliniger in eine Richtung als die ökonomischen, sind aber schwerer auszumachen – denn eine Wirtschaftskrise ist schon fast von definitorischer Klarheit: Kurse purzeln, rote Zahlen laufen durch die Fernsehticker.
Ohne Geldschöpfung wären Investitionen nur in dem Ausmaß möglich, in dem Menschen bewusst davor auf Konsum verzichtet haben. Höherer künftiger Konsum hätte also stets den Preis vorübergehender Konsumenthaltung. Je sparsamer die Menschen sind, desto höher die möglichen Investitionen und damit die Länge der Produktionsumwege, die zum Zwecke höherer Produktivität genommen werden. Es ist möglich, dass ohne Geldschöpfung die verfügbaren Ersparnisse weit niedriger wären, insbesondere wenn die Menschen gerne mehr konsumieren, aber dafür keine Opfer in Kauf zu nehmen bereit sind. Womöglich wäre mangels der Disziplinierung durch den Kreditdruck der materielle Wohlstand geringer. Diese Frage soll hier nicht weiter erörtert werden.
Der Nullzins stellt jedenfalls eine symbolische und ökonomische Schwelle der Geldschöpfung dar. Er bedeutet, dass die Geldschöpfung das Phänomen der Zeitpräferenz völlig überlagert hat – nicht bloß abgeschwächt. Im Nullzins-Umfeld erscheint die Zukunft materiell der Gegenwart gleichwertig – die Opportunitätskosten gegenwärtigen Konsums verschwinden. Diese Opportunitätskosten – versäumte Zinserlöse – helfen Menschen, ihre Zeitpräferenz niedrig zu halten.
Hohe Zeitpräferenz bedeutet Kurzfristigkeit. Diese ist nicht immer moralisch zweifelhaft – sie kann auch bedeuten, dass man bewusster im Moment lebt und die Sorgen Sorgen sein lassen kann. Doch Kurzfristigkeit hat eben Opportunitätskosten, mangelnde Vorsorge kann die Menschen in einem späteren Moment kalt erwischen. Gesellschaftlich bedeutet höhere Kurzfristigkeit geringere Kapitalbildung und damit geringeren materiellen Wohlstand. Wohlstand ist kein Selbstzweck, doch Armut ist keinesfalls moralisch höher zu bewerten.
Nullzins bedeutet eine Verstärkung der Kurzfristigkeit, doch paradoxerweise nicht in Richtung eines antimaterialistischen Genießens des Augenblicks. Schließlich macht ein Nullzins Geldschöpfung und damit den vorübergehenden Eindruck von Wohlstandsmehrung möglich, ohne dass dafür in der Gegenwart die Beschränkung der Ersparnisbildung nötig ist. Ohne Beschränkung bleibt die Geldschöpfung aber freilich nicht. Über das Anziehen der Güterpreise sorgt sie für ein “Zwangssparen”, allerdings nicht mehr nach den Präferenzen der Menschen, sondern entgegen diesen. Und unveränderte, bloß unterdrückte Präferenzen, drängen immer wieder an die Oberfläche.
Dieses "Zwangssparen" äußert sich in einem ungleichmäßigen Entwertungsdruck, der wie ein Gift die Wirtschaft durchdringt. Die wachsende Geldmenge bedeutet, dass jeder gesparte Geldbetrag zu einer immer kleineren Teilmenge aller verfügbaren Guthaben wird. Das muss nicht sofortige, notwendige und stetig geringere Kaufkraft bedeuten. Doch ein zumindest vorübergehender Entwertungsdruck ist unvermeidbar, insbesondere wenn die geschöpften Kredite produktiv oder konsumtiv eingesetzt werden – wie es die Intention der Geldschöpfung ist. Diese Entwertung erschwert das Sparen in seiner einfachsten Form: Horten.
Das Verdrängen des Hortens ist ebenso eine der historischen Intentionen der Geldschöpfung. Die Folge ist allerdings ein Druck, zu konsumieren, spekulieren oder zu investieren. Letzteres erfordert Unternehmertum, die seltene Gabe, die Zukunft nicht nur wie der Spekulant besser vorherzusehen als andere, sondern sie auch aktiv durch Veränderung der Produktionsstruktur mit hervorzubringen.
Solche Wagnisse misslingen den meisten. Damit bleibt neben Spekulation nur Konsum, der auf Kosten künftigen Konsums geht – im Nullzinsumfeld allerdings nur eingeschränkt zulasten des eigenen künftigen Konsums, vielmehr zulasten künftiger Konsummöglichkeiten späterer Generationen. Der Grund dafür ist, dass gegenwärtiger Konsum gewiss ist – was konsumiert wurde, kann nicht mehr entkonsumiert werden – künftige Produktivität aber ungewiss. Wenn Schulden nicht mehr bedient werden können, geht die Entschuldung immer auch zulasten eines Konsumverzichts von Gläubigern und anderen Nichtschuldnern. Kreditschöpfung, die voll durch künftige Produktivität gedeckt ist, mag wohlstandsmehrend sein. Da die Zukunft ungewiss ist, stellen Zinsen eine gewisse Vorsorge vor möglichen künftigen Produktivitätsmängeln dar. Bei einem Nullzins gibt es diese Ungewissheitsprämie nicht mehr – die Ungewissheit verschwindet aber nicht. Es kommt daher unvermeidlich zu einem Vorkonsum zulasten der Zukunft. Dieser zeigt sich allerdings schon in der Gegenwart im Entwertungsdruck bei Konsum und Vermögensanlage.
Der Konsum gewinnt dadurch eine merkwürdige Hektik und Ellenbogenorientierung. Es stellt sich die Stimmung ein: Lass es dir gut gehen, solange es noch geht – solange deine Euro noch Freuden kaufen können. Wird ein Gut für die breite Masse finanziell erreichbar, durch technischen Fortschritt und Skalierung, setzt eine Stampede ein. Man denke an die Schlachten in Einkaufszentren bei Abverkäufen, die gleichgerichteten Ströme des Massentourismus, die unglaublichen Skaleneffekte von Modegütern, insbesondere technischen Spielzeugen.
Jede Konsumausweitung, die nicht durch gestiegene Produktivität oder Nutzung von Ersparnissen geschieht, bedeutet eine Veränderung des Gewichts der Konsumentengruppen zu den weniger Produktiven und weniger Sparsamen. Diese Veränderung führt zu einer geänderten Kundenansprache durch die Unternehmen. Es wird immer lukrativer, den „Affektkonsum“ zu bedienen. So könnte man Konsum nennen, der schnell auf angesprochene und geweckte Gelüste folgt. Die am höchsten bewerteten Unternehmen der Zeit haben sich mittlerweile auf Affektkonsum spezialisiert, die sogenannten FAANGs: Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google. Ersteres und letzteres leben von der Bewirtschaftung kurzer Aufmerksamkeitsspannen. Es wachsen Filterblasen der Aufmerksamkeit, die für Werbung angezapft werden. Das ist kein Verbrechen; die damit hervorgebrachten kostenlosen Informationskanäle sind Wunder unserer Zeit. Niemand wird gezwungen, Aufmerksamkeit zu leisten und den Werbe-Versprechungen zu folgen. Letztere sind meist geradezu harmlos gegenüber den staatlich finanzierten und ehrenamtlichen Trollen und der Flut unbezahlter Likers und Sharers – die ungeprüft und ungelesen jeden Inhalt, der ihre Interessen und Irrtümer bekräftigt, teilen. Ein kritischer Blick auf die konkrete Werbung und ihre dauerhafte Rentabilität bestätigt aber die These, dass es sich immer mehr um Affektkonsum handelt: schnelle Angebote, die mit allen Registern psychischer Verknappung und Dringlichkeit arbeiten, aber am Ende oft zu „buyers’ remorse“, der Enttäuschung der Konsumenten führen, die das aber gar nicht realisieren, weil sie schon von neuen Freuden abgelenkt wurden.
Verpackung und Marketing gewinnen an Bedeutung. Unzählige „Dropshipper“ lassen die Einnahmen von Facebook und Google sprudeln. Diese bieten um knappe Aufmerksamkeit bequemer Konsumenten von Informations-Streams, denen sie Produkte, die andere ausdenken, fertigen, verpacken und versenden, um einen vielfachen Preis weiterverkaufen. Googeln würde reichen, um zu sehen, dass die Produkte direkt beim – in der Regel chinesischen – Hersteller um einen Bruchteil des Preises bezogen werden können, aber dazu ist einiger Aufwand nötig. Google lebt davon, dass es wesentlich bequemer ist, dem ersten Resultat einer Google-Suche nach dem nächstliegenden Begriff zu folgen, als das Suchvokabular zu variieren und viele Ergebnisse zu sichten.
Betrachten wir das Beispiel eines typischen Affektkonsum-Produkts: die sogenannten „Hoverboards“ [@bernsteinChinaMemefacturingFactories2015]. Mit dem Jubiläum des Kultfilms Zurück in die Zukunft hatte sich ein Marketing-Fenster geboten, um die Sehnsucht nach dem darin vorkommenden schwebenden Skateboard der Zukunft zu nutzen. Leider gibt die Technik ein solches noch nicht her (außer über leitenden Oberflächen), als wurde der Begriff schlicht umgedeutet: Zu einem gyroskopischen Rollbrett. Die Fertigung erfolgt hauptsächlich in Shenzhen, wo Tausende Mikroelektronikunternehmen darum konkurrieren, das letzte Modeprodukt zusammenzulöten. Die Produktionskosten liegen bei etwa 100€, doch die meiste Wertschöpfung passiert außerhalb Shenzhens in der virtuellen Realität der sozialen Streams. Superstars wie Wiz Khalifa und Kendall Jenner wurden zu frühen Nutzern, was die Zahlungsbereitschaft ihrer Netzgefolgschaft auf das Zehn- bis Zwanzigfache der Produktionskosten steigen ließ. Die selbstbalancierenden Gefährte sind der Inbegriff hoher Zeitpräferenz: sie sparen Schritte, die man dann im Fitnesszentrum am Stepper nachholen muss. Die Rationalisierung solcher Bequemlichkeiten durch gutaussehende Prominente erhöht ihren Wert – sie müssen dann nicht mehr peinlich sein, zumindest in der eigenen Filterblase.
Diese Form der E-Mobilität ist gewiss weder generell dumm, peinlich oder gar ein Verbrechen. Doch es geht darum, zu verstehen, warum gewisse Produkte heute Massenerfolg haben und immer ausgeprägteren Modezyklen folgen. Irgendwann macht der unternehmerische Wettbewerb die neue Mode für immer niedrigere Schichten leistbar, was eine große Leistung ist, aber zugleich die Coolness massiv senkt. Dumme Leute stoßen sich daran, wenn noch Dümmere dieselben Güter nutzen. Der Modetrend der Hoverboards ist schon vorbei, sich entzündende Batterien einer über ihre Möglichkeiten hinausskalierten Technik taten ihr Übriges dazu.
Der durch den Nullzins befeuerte Affektkonsum erklärt auch, warum Amazon heute nicht durch das größte Bücherangebot heraussticht, sondern durch die schnellste Lieferung und Amazon-Buttons – dem Konsum auf Knopfdruck von zuhause. Oder warum Apple nicht mehr den Fokus auf Werkzeuge für produktive Kreative legt, sondern auf Luxusuhren, goldene Gehäuse und Rapper-Kopfhörer. Netflix schließlich steht für die Kommerzialisierung des Binge-Watching – der Möglichkeit, sich in Marathonsitzungen ganze Sendestaffeln auf einmal reinzuziehen. Der hohe Cashflow durch die globale Skalierung erlaubt Amazon, Apple und Netflix auch höchste technische und kreative Qualität. Daran ist nichts auszusetzen. Nur die seltsame Verdichtung in Richtung Affektkonsum benötigt eine Erklärung.
Gewiss, dem Kapitalismus hat man immer schon die Manipulation der Konsumenten nachgesagt – das Wecken künstlicher Bedürfnisse. Diese Erklärung ist Unsinn. Das Wecken von Bedürfnissen, die nicht wirklich vorhanden oder drängend sind, ist viel zu teuer. Die Abneigung gegenüber dem „Kommerz“ ist oft eher Snobismus von Leuten, die auf Kosten der von ihnen verachteten Masse leben.
Der Nullzins stellt tatsächlich den Kapitalismus auf den Kopf – man sollte also eher von Konsumismus sprechen. Nullzins bedeutet, dass Konsum nicht auf Produktion folgt, sondern Produktion auf Konsum – wenn das Spätere dem Gegenwärtigen materiell gleichwertig ist, zieht jeder das Gegenwärtige vor. Gewiss motiviert dieser vorgezogene Konsum dann auch zur Produktion. Doch die Menschen können sich nicht in gleichem Ausmaß verschulden, da sie auch nicht in gleichem Ausmaß die Rückzahlung von Schulden erwirtschaften können.
Einen weiteren Hinweis auf den Nullzins-Konsumismus gibt die Bilanz von Fluglinien. Unternehmerischer Wettbewerb hat den einstigen Luxus der Fernreisen für alle erschwinglich gemacht. Das ist eine große Leistung. Dabei machten Unternehmer jedoch die Entdeckung, dass das Reisen gewissermaßen ein Ködergut des modernen Lifestyle-Konsumismus ist – was zur Quersubventionierung des Flugbetriebs führt. Soziale Kanäle auf Facebook, Instagram, Snapchat etc. besorgen kostenlos eine gewaltige Marketing-Armada des Reise-Lebensstils. Der Flug ist beim Reisen oft noch die geringste Ausgabe. Der Zugang zum Infinity-Pool für das perfekte Instagram-Foto, zum Mehrgangmenü für das Facebook-Posting und zum einzigartigen Erlebnis, nach dem gleichzeitig Milliarden Reisende heischen, bedeutet eine Kostenlawine – oder systematische Optimierung. Meilenprogramme, Hotelstatus, Rabattaktionen haben zu einer Gamification des Reisens geführt, bei der die vermeintlichen Gewinner eine wachsende Masse motivieren. Reisen wurde zu einer Art Pyramidenspiel.
Wenige wissen, dass Fluglinien heute oft mehr als die Hälfte ihrer Profite mit Meilenprogrammen machen. Klingt unlogisch, immerhin bieten die Meilen doch Geschenke. Ermöglicht werden diese Programme aber durch die eigentlichen Meilenkunden: Banken und Kreditkartenunternehmen. Diese zahlen im Schnitt zwei Cent pro Meile. Warum sie das tun? Die Meilen motivieren Konsumausgaben und damit Kreditaufnahme. Der Flug kann so billig sein, weil er als Ködergut eine Flut weiterer Ausgaben nach sich zieht und vor allem eine Flut an kundengetriebener Werbung für weitere Ausgaben. Jedes Instagram-Foto vom perfekten Sandstrand zieht neue Schichten in die Reisespirale: der panischen Suche nach Ablenkung, Erholung und vor allem Status durch einen globalen Touristenstrom.
Wie jedes Mittel ist Reisen weder an sich gut noch an sich schlecht. Interessant ist wieder die globale Verdichtung, die Züge eines Massenwahns gewinnt. Eine Welt der immer gleichen Terminals mit Kreditkartenwerbungen, Klitzersteinchen, Luxusuhren, Sportautos mag dem Durchschnittsbedürfnis, bloß nicht durchschnittlich zu sein, am besten entsprechen. Doch es kann kein Zufall sein, dass eine ökonomische Analyse des Nullzinses ebenso ein Überhandnehmen der Neureichen-Lebensweise erwarten lässt – womit dann auch die Neureichen-Ästhetik zur dominanten wird.
Der Grund ist einfach: Stehen Zins und reale Zeitpräferenz der Menschen in Beziehung zu einander, dann wirkt dieser als disziplinierende Schwelle. Wenn alle sparsam sind, ist der Vorkonsum günstig – wenn alle lieber die Gegenwart in vollen Zügen genießen, ist der Vorkonsum teuer. Das führt auch dazu, dass diejenigen am meisten Geld für den Konsum übrig haben, die am meisten gespart haben. Neureiche sind eben in aller Regel Nicht-lange-Reiche. Reich sein ist nämlich extrem teuer. Luxus- und Statusgüter wie Yachten und Anwesen können jährlich etwa zehn Prozent des Kaufpreises durch Personal- und Folgekosten verzehren.
Wenn die Sparsamsten die besten Zahler wären, würden Unternehmen und Werbung gewiss anders fokussieren als das beim Nullzins der Fall ist. Nullzins bedeutet, dass der Konsumkredit de facto zur zinslosen Ratenzahlung wird und damit nahezu jedem offen steht. Nullzins bedeutet, dass Staaten Konsumenten in größerem Ausmaß subventionieren können als Produzenten Steuern bezahlen. Nullzins bedeutet, dass Unternehmen Gehälter bezahlen können, bevor und ohne dass eine Nachfrage für ihre Güter da ist – oder jemand Ersparnisse für die Vorhersage künftiger Nachfrage riskiert. Ein Nullzins bedeutet also stets mehr Euro für heutigen Konsum als Zinsen, die näher an den realen Präferenzen der Menschen sind. Nullzins bedeutet Konsumismus und dieser könnte sich letztlich selbst verzehren.
Was, wenn heutiger Konsum nicht mehr durch spätere Produktivität gedeckt werden kann? Bislang – in der Zeit vor dem Nullzins – hatte der Schuldendruck der bürgerlichen Existenz auf Pump auch zu bürgerlichen Karrieren geführt: Eine breite Masse von Menschen, die sich missmutig jeden Tag aus dem Bett quälen, ihre 40 Stunden ableisten, um dann am Wochenende im kreditfinanzierten Auto zwischen kreditfinanziertem Eigenheim und kreditfinanziertem Freizeittempel zu pendeln und einmal im Jahr den obligaten Alles-Inklusive-Urlaub einzuschieben. Dafür hatten sie sich missmutig durch eine Ausbildung gequält und später hinreichend Produktivität aufgebaut durch geduldige Karriere in einem Betrieb. Dieser Produktivitätsaufbau allerdings erfordert niedrigere Zeitpräferenz – und könnte im Nullzins immer weniger lohnend erscheinen.
Zudem zehrt der Affektkonsum an der Produktivität. Da der Preis eine der größten psychischen Schwellen des Konsums ist, waren Unternehmer findig genug, auf den Affekt zu reagieren und eine Revolution einzuläuten: der heißeste Preis ist der Preis null. So führt der Nullzins zum Nullpreis.
Technischer Fortschritt, globaler Wettbewerb, digitale Güter drücken den Preis – darüber ist nicht zu klagen, das bedeutet wachsenden Wohlstand. Der Nullpreis ist aber etwas anderes: er wird möglich durch die Quersubvention der Gegenwart auf Kosten der Zukunft. Das kostenlose Mobiltelefon bedeutet die Bindung an 24 Monate Gebühren – die dank Fortschritt und Wettbewerb dann über dem späteren Marktpreis liegen. Doch hohe Zeitpräferenz bedeutet Abdiskontierung der Zukunft: Es ist nicht dumm oder irrational, das zu tun, sondern eben Ausdruck einer Präferenz. Der Nullzins kommt dieser Präferenz nur in jeder Hinsicht entgegen und nährt und verstärkt sie. Der skeptische Erbsenzähler erspart sich womöglich kaum etwas, das kostenlose Mobiltelefon ist auch bei Bindung nicht übermäßig teuer – denn bei niedrigen Zinsen braucht es nicht viel, um vorzukonsumieren.
Die kostenlosen Plattformen kosten Aufmerksamkeit und Daten und verdienen an den Netzwerkeffekten des Massenkonsums. Sozialer Konsum ist meist Geltungskonsum – darum sind soziale Plattformen so prädestiniert dafür, die höchsten Werbeerlöse zu erzielen. Ein Nullzins erlaubt es, schon in der Gegenwart einen hohen Nutzen zu bieten, auch wenn die Erlöse erst in Zukunft kommen – sonst ließe sich kaum eine kostenlose Plattform schaffen, bei der die Menschen freiwillig ihre Aufmerksamkeit und Daten hinterlassen. Die neue Netzwerkökonomie ist ein kreditfinanzierter Wettlauf um Nutzermassen – statt Profitabilität werden zur Unternehmensbewertung heute „eye balls“ betrachtet, wachsende Massenaufmerksamkeit.
Weil der Affektkonsum heute mehr Aufmerksamkeit als Geld kostet, sind diese Kosten nicht so sichtbar. Es kommt noch eher und bei viel breiteren Massen zum Überkonsum. Süchte waren einst auf eine Minderheit begrenzt. Spielsüchtige, die Münze um Münze in einarmige Banditen fallen lassen, weil jeder Hebelzug zu einer Dopaminausschüttung führt, haben irgendwann keine Münzen und Freunde mehr. Der Einwurf von Aufmerksamkeit in die Automaten, die sich heute in jeder Hosentasche befinden, ist nicht so deutlich limitiert. Die Abhängigkeit von den digitalen Aufmerksamkeitsspiralen ist heute ein Massenphänomen, noch viel verbreiteter als die Massendrogen Alkohol und Tabak. Neurologisch handelt es sich eindeutig um Suchtphänomene – was aber nicht bedeutet, dass die Süchtigen arme Opfer sind. Die psychischen Belohnungen sind real und im Moment hochpräferierte Bequemlichkeiten. Es ist nur eine Frage des langfristigen Preises – der bei höher Zeitpräferenz aber irrelevant wird.
Eines muss aber bei dieser kritischen Betrachtung festgehalten werden: Ohne das Ventil der digitalen Süchte würde die Zeitpräferenz bei Nullzins dennoch ansteigen, nur potentiell verheerendere Kanäle finden. Da hohe Zeitpräferenz starkes Abdiskontieren der Zukunft bedeutet, korreliert sie nicht nur mit Süchten jeder Art, sondern auch mit Kriminalität. Gerade in einem formalistischen Gesetzesstaat sind die Konsequenzen für Straftaten oft weit in die Zukunft verschoben, wodurch sie bei hoher Zeitpräferenz jede Abschreckung verlieren. Das bedeutet nicht, dass mehr Menschen kriminell werden – nur, dass Kriminelle an der Kippe mehr und schwerere Delikte begehen.
Die Konsequenz eines übermäßigen Affektkonsums bei Nullpreis kann sinkende Produktivität sein. Was, wenn eines Tages die breite Masse mangels Aufmerksamkeit, Motivation, Beständigkeit und Geduld die Produktivität nicht mehr aufbringen kann, die als Sicherheit für die Schulden dient, die diese Möglichkeiten des Affektkonsums technisch und wirtschaftlich geschaffen haben? Dann würde sich der Konsumismus in der Tat selbst verzehren und auch ein Nullzins könnte keinen weiteren Vorauskonsum ermöglichen. Immerhin sollte auch beim Nullzins die Stammsumme wieder zurückgezahlt, das heißt erwirtschaftet werden. Konsumneigung alleine reicht für Konsum nicht aus, es benötigt auch Kaufkraft.
Nullzins bedeutet die stetige Verschiebung von Kaufkraft hin zu Konsumenten mit höherer Zeitpräferenz, darunter allen voran der Staat. Dessen Kaufkraft kann nicht beliebig durch Geldschöpfung erhöht werden, sondern ist letztlich durch die Produktivität der Bevölkerung gedeckt. Diese Produktivität leistet Steuern und zieht Devisen und andere Güter an. Der Zustrom an Devisen bestimmt schließlich die Wechselkurse, das heißt die Kaufkraft im internationalen Verhältnis.
Das Verzehren von Produktivität wäre ein Beispiel für Kapitalkonsum. Kapitalkonsum ist die notwendige Folge jeder Verzerrung der Produktionsstruktur durch einen Nullzins. Schwindende Produktivität durch Überkonsum ist ein gesellschaftliches Phänomen. Kapitalkonsum in Unternehmen kann damit eng verbunden sein. Das ist dann der Fall, wenn sich ein Unternehmen an Konsumenten ausrichtet, die nachhaltig nicht Konsumenten bleiben können. Ein Arzt, dessen Patienten an seiner Behandlung sterben, dem gehen bald die Patienten aus. Kapitalkonsum bedeutet kurzfristige Fehlproduktion, bei der die Fähigkeit zur nachhaltig nachgefragten Produktion schwindet.
Bill Gates münzte in einem Artikel von 1996 eine Phrase aus dem Zeitschriftengewerbe auf das junge Internet um und prophezeite: Content is king – Inhalt ist Trumpf! Seine Prognose: „Ich erwarte, dass das meiste wirkliche Geld, das im Internet verdient werden wird, mit Content zu verdienen ist, so wie es beim Rundfunk war.“ Diese Prognose kann man entweder als prophetisch oder als völlig an der Realität vorbei interpretieren, denn die tatsächliche Entwicklung zeigte zwar die Bedeutung von Inhalten, insbesondere Werbeinhalten, doch das große Geld machten und machen nicht Content-Produzenten, sondern die Content-Kanäle. Diese Kanalbetreiber profitieren vom Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Die Schwellen wurden immer niedriger, ein größeres Publikum zu erreichen – was natürlich für gewitzte Content-Produzenten auch ein großer Vorteil sein kann. Das Versprechen des Wettbewerbs um Aufmerksamkeit ist aber werbewirksam verstärkt, es lässt sich nicht immer einlösen. Durch den intensiven Wettbewerb um Aufmerksamkeit stumpfen die Kanäle nach und nach ab. Die Dosis muss erhöht werden und führt zu weiterem Abstumpfen – ein Teufelskreislauf, dem man nur in immer neue Kanäle entkommen kann. Die Aufmerksamkeit des modernen Konsumenten ist schon nahezu völlig kanalisiert, allenfalls die Virtuelle Realität könnte noch eine umfassendere Bespielung ermöglichen.
Dieser Teufelskreislauf verschiebt nach und nach die Gewichtung zwischen Produktion und Marketing. Die geforderte Frequenz, die Dichte und die Sinnesansprache, um die Aufmerksamkeit zu halten, werden tendenziell höher. Damit saugt der Aufmerksamkeitsbedarf potentiell Ressourcen an sich. Die riesigen Möglichkeiten der Publikumsansprache können als Lockmittel zu einer falschen Allokation des Marketings führen. Kleine Betriebe beginnen dann, als Content-Produzenten tätig zu werden, um Aufmerksamkeit für ihre eigentlichen Produkte zu erlangen.
Natürlich lässt sich Marketing und Produktion nicht wirklich trennen – die Kundenansprache ist Teil der Produktion bzw. ein Produkt, von dem die Kunden nicht wissen, ist eben kein fertiges Produkt, sondern bestenfalls halbfertig. Doch diese ökonomisch irrige Trennung erweist sich als psychologisch sinnvolle Unterscheidung, um Fehlallokationen zu vermeiden. Ressourcen sind knapp, darum bedeutet ein höherer Marketingaufwand einen geringeren Aufwand für Produktion und Entwicklung. Natürlich gibt es – und da liegt die realistische Ökonomik richtig – keine objektiven Gewichtungen. Produktion im Sinne der materiellen Fertigung ist nicht notwendigerweise der größte Beitrag zur Wertschöpfung. Doch wenn wir kurz den ökonomischen Irrtum augenzwinkernd beibehalten (und uns dessen bewusst sind), fällt doch eine extreme Verschiebung auf, die für kleine Produzenten notwendig würde, wenn sie sich auf die Gebote der Aufmerksamkeitsbewirtschaftung völlig einließen.
Die traditionelle Gewichtung zwischen Produktion und Marketing zeigt uns der Markttag auf: Landwirtschaftliche Produzenten begeben sich einen Halbtag in der Woche auf den Markt, die übrige Zeit ist der Produktion vorbehalten. Nach heutiger Gewichtung müssten sie sich wohl sechseinhalb Tage die Woche dem Marketing widmen und in einem Halbtag eilig ein paar Produktattrappen hervorbringen, die sie dann gut „vermarkten“. Je kleiner das Unternehmen, desto spürbarer die Aufwandsumleitung von Produktion und Entwicklung zum Marketing.
Kein Widerspruch ist die Aufwandsverschiebung zwischen Produktion und Marketing nur dann, wenn das Marketing selbst zum Produkt wird. Wenn Content, also interessanter Inhalt, Gegenstand des Marketings ist, sollte das eigentlich einen Vorteil für Content-Produzenten bedeuten. Leider geht dieses Kalkül nur dann einfach und offensichtlich auf, wenn der Gegenstand der Inhalte selbst Marketing ist. Ein Beispiel ist ein Newsletter über das Schreiben guter Newsletter. Dabei ist der Newsletter sowohl Marketing als auch Kostprobe weiterführender Produkte (digitale Bücher über die Kunst des Newsletterschreibens). Der Schuster kann nicht schnell mal einen Werbenewsletter für seine Kunden zusammenschustern, der Newsletterschreiber hingegen macht gar nichts anderes.
Ist das Produkt nicht selbst Marketing, sind wir beim Dilemma der Kostproben-Vermarktung. Ist die Kostprobe selbst etwas anderes als ein Vorgeschmack auf das Produkt, ist sie nicht so effektiv. Ein Schuster könnte Aufmerksamkeit für seine Schuhe generieren, indem er Artikel über das Wandern verfasst. Doch ein Wanderartikel ist ein anderes Produkt als ein Schuh, es gibt keinerlei Gewissheit, dass die Nachfrager des einen zum anderen „konvertieren“ – um die theologische Sprache des modernen Marketings zu bemühen. Die kostenlosen Wanderartikel konkurrieren mit den Produzenten kostenpflichtiger Wanderartikel, nicht mit anderen Schustern. Wenn es eine direkte Kostprobe sein sollte, dann konkurriert sie mit dem eigenen Produkt. Während beim Anbieter von Marketing-Produkten die Kostprobe zumindest einen Marketing-Wert für den Anbieter hat, ist der Nutzen verschenkter Kostproben für die Anbieter anderer Produkte nicht so offensichtlich. Der Schuster, der Schuhe als Kostprobe verschenkt, untergräbt den eigenen Schuhverkauf. Wenn er halbe, billige, eingeschränkte Schuhe als Kostproben anbietet, dann wiederum hätte er negative Werbewirkung: Die Kostproben könnten als repräsentativ für sein Produkt gelten. Ähnlich geht es dem Content-Produzenten, dessen Inhalte keine Marketing-Inhalte sind: Der kostenlose Kostprobeninhalt ist entweder eine verwässerte Fassung des kostenpflichtigen Inhalts, und der könnte den Produzenten „unter Wert“ verkaufen, oder er ist so gehaltvoll, dass er die Zahlungsbereitschaft für Inhalte schlechthin untergräbt – wenn es das Produkt schon kostenlos gibt, warum dafür bezahlen?
Die Marketing-Produkte haben hingegen einen Charakter, der an Pyramidenspiele erinnert. Die Versprechen lauten etwa so: „Lesen Sie meinen Blog darüber, wie sich mit Bloggen Geld verdienen lässt.“ – „Kaufen Sie mein eBook darüber, wie sich mit eBooks Geld verdienen lässt.“ Wenn die Kunden dann wiederum zu Produzenten von Marketing-Produkten werden, hat man es eigentlich mit einer Art Multilevel-Marketing zu tun. Viele digitale Produzenten leben von der Sehnsucht ihrer Kunden, ihren Lebensstil zu imitieren – den sie dazu natürlich werbewirksam übertreiben und hinausposaunen müssen. Der Frauenschwarm coacht Loser dabei, zu Frauenschwärmen zu werden – und fast alle dieser Coaches waren einmal Loser, die von anderen gecoacht wurden.
So mancher Schuster würde gewiss mehr Wertschöpfung dadurch leisten, zum Blogger oder Coach zu werden. Es gehört in einer dynamischen Welt dazu, eben nicht immer bei seinem Leisten zu bleiben. Doch die extreme Verschiebung der Gewichte ist auch ein Symptom des Nullzins.
So mancher Handwerker und Landwirt lebt dann eher von den Sehnsüchten der Menschen, die er mit Kursen und anderem Content bewirtschaftet, als von Handwerk oder Landwirtschaft. All das wäre wunderbar, wenn die Wirtschaftslage nachhaltig wäre. Doch nach der Korrektur der gegenwärtigen Verzerrungen könnte es zu viele Blogger und Coaches geben und zu wenige „Produzenten“ – im ökonomisch irrigen, aber psychologisch klaren Sinne. Vor allem wenn immer mehr Produzenten den Verlockungen der Aufmerksamkeitsökonomie folgen, ihren Leisten an den Nagel hängen und sich an die Produktion von kostenlosem Content machen. Gewiss könnte hier die Arbeitsteilung helfen – der Schuster aus unserem Beispiel könnte einen Blogger engagieren. Der massive Margendruck durch die künstlichen Skaleneffekte der verzerrten Wirtschaft lässt hierfür aber nicht viel Spielraum. Dann müsste der Mehrerlös aus der Aufmerksamkeitsbewirtschaftung nämlich noch die Steuer- und Gebührenlawine mitfinanzieren. Realistischerweise geht sich das nur aus, wenn die Gewichteverschiebung erst recht einsetzt: Dann bleibt der Schuster vielleicht mehr als einen Halbtag bei seinem Leisten, ihm werden aber nicht viel mehr von den Erlösen bleiben als die eines Halbtages: Da ist es viel realistischer, dass ein Blogger einen Schuster anstellt als umgekehrt – denn wenn das Aufmerksamkeitswagnis gelingt, dann ist es für die Dauer des Hypes der wesentliche Teil der Wertschöpfung. Wie so manche Crowdfundingkampagne zeigt, reicht vom realen Produkt auch eine werbewirksam fotografierte Attrappe – was symbolisch für die Gewichtsverschiebung steht. Nachhaltig kann dieses Ungleichgewicht freilich kaum sein, wenn bei immer mehr Produkten der größte Teil der Wertschöpfung in der Aufmerksamkeitsdurchdringung steckt.
Die Konzentration auf kurzfristigen Affektkonsum und Aufmerksamkeitsbewirtschaftung führen zu einer veränderten Wahrnehmung des Unternehmers. Einerseits werden die Unternehmer, die mit den am meisten skalierenden Unternehmen mit ihren global allgegenwärtigen Marken verbunden sind, zu Superstars. Andererseits nährt die Überdehnung alte Vorbehalte gegen das Unternehmertum.
Haben wir vielleicht schon Peak-Entrepreneurship erreicht? In Analogie an das imaginäre Peak-Oil, die falsche Prognose eines Förderklimax für Erdöl, könnte man so den Punkt bezeichnen, an dem mehr Unternehmertum nicht mehr at the margin den Grenznutzen der Menschen erhöht, sondern gar einen Grenzschaden verursacht. Das Erreichen dieses Punktes wäre freilich nicht alleine den Unternehmern vorzuwerfen, sondern vor allem den Urhebern der Marktverzerrungen.
Der aktuelle Hype um sogenannte Start-Ups zeigt, dass bei vielen Unternehmen potentiell bereits mehr Kapital aufgebraucht wird, als wertschöpfend aus den getätigten Investitionen erzeugt wird. Die meisten Start-Ups finden sich in rasch skalierbaren, konsumorientierten Märkten.
Konsum in einem noch nie da gewesenen Umfang wird möglich, da die Transaktionskosten aufgrund der digitalen Schnittstellen sowie marginalen Logistikkosten gegen Null tendieren (Bestellung per Mausklick). Zwar ist die Vermehrung von Konsumgütern eines der zentralen Merkmale des marktwirtschaftlichen Prozesses und Ausdruck von Wohlstand, in einem zunehmend verzerrten, inflationistischen Umfeld kann dies aber auch gefährlich sein. Breite Bevölkerungsschichten sind heute von einer Mentalität schnellen und ständigen Konsums geprägt und werden potenziell durch Angebote marginaler Grenz-Unternehmer zu weiterem Konsum – auf Kosten von nachhaltiger Ersparnisbildung – verleitet. Angesichts einer erodierenden Einkommensbasis, vor allem bei Jugendlichen, liegt der Schluss nahe, dass das gegenwärtige Konsumniveau nur auf Kosten des bestehenden Kapitalstocks gehen kann.
In der Hochkonjunktur des inflationsinduzierten Aufschwungs profitiert jedoch nicht nur der Konsumgüter-, sondern auch der Investitionsgütermarkt. Durch die künstliche Zinssenkung infolge der Geldmengenausweitung werden Unternehmer zu weiteren Investitionen verleitet. Aufgrund des Cantilloneffekts profitieren zunächst Produzenten, die nahe an der Geldschöpfung wirtschaften (Banken, Venture Capital, Bauwirtschaft und Industrie). Die zusätzliche Geldschöpfung wird in den kapitalintensiven Sektoren über das so genannte „Financial Engineering“ genutzt, um die Eigenkapitalrenditen der Unternehmen – im Wesentlichen durch Ausnutzung des Hebeleffektes – zu erhöhen.
Der Start-Up-Hype in der Investitionsgüterindustrie wurde durch Venture Capital-Unternehmen befeuert. Die dabei finanzierten Projekte werden in die innovativ klingenden Gruppen FinTech(Finanzindustrie), MedTech (Medizintechnik) oder CleanTech (erneuerbare Energien) eingeteilt.
2016 veröffentlichte das MIT eine Studie zur Wirtschaftlichkeit der Start-Up-Projekte[@gaddyVentureCapitalCleantech2017] im Bereich CleanTech und kam zu ernüchternden Ergebnissen. Zwischen 2006 und 2011 verloren die Investoren über 50 Prozent ihres kumuliert eingesetzten Kapitals von 25 Milliarden Dollar. In keinem der Unternehmen konnte eine positive Kapitalrendite erwirtschaftet werden. Die anderen Technikgruppen wurden nicht im Detail untersucht, sondern nur als Vergleich herangezogen, zeigten jedoch auch nur minimale Renditen, wenngleich der Kapitalverlust durch einige erfolgreiche Exits (Verkauf an multinationale Konzerne) im Schnitt verhindert werden konnte. Die Studie fasst die Gründe für das Scheitern der Projekte im Wesentlichen wie folgt zusammen:
- die extreme Kurzfristigkeit im Geschäftsmodell der Venture Capital-Unternehmen, deren Investitionszyklus vielfach bereits nach fünf Jahren einen Exit bedeutet. Die „Hardware“-intensiven – sprich kapitalintensiven und langfristigen – Güter des Anlagevermögens (Kraftwerke, Pumpspeicher etc.) binden Kapital jedoch auf einen deutlich längeren Durchrechnungszeitraum, wodurch eine renditegetriebene Skalierung binnen fünf Jahren vielfach unmöglich ist. Die Unternehmen scheiterten durchwegs, lange bevor die Techniken überhaupt eine erste Skalierung erlaubt hätten. - Die Technikunternehmen hatten ihr operatives Kerngeschäft in Sektoren mit minimalen Margen (Rohstoffgewinnung, Energieerzeugung), die nicht den geringsten Raum für unternehmerische Fehlkalkulationen ließen. - Es gab keine realistische Exit-Strategie, da große Industrieunternehmen in den entwickelten Technologien keine für ihr Geschäftsmodell relevanten Innovationen erkannten, die eine Akquisition gerechtfertigt hätten.
All dies führte zu einem miserablen Rendite-Risiko-Profil für Venture Capital-Unternehmen und hat den Finanzierungsmarkt für Hochrisikoinvestitionen im Bereich der Technik ausgetrocknet. Für die notwendige längerfristige Perspektive bei der Investition in Hardware, also Technik, die in die analoge Realität reicht, schlägt die Studie eine engere Kooperation zwischen Staat, nationalen Forschungseinrichtungen und Großunternehmen mit entsprechend großzügigen Förderungen vor, um die Renditeüberlegungen auf einen längeren Durchrechnungszeitraum zu verteilen.
Das ist ein weiterer Hinweis auf die verheerende Interventionsspirale, in der wir uns befinden. Die extreme Marktverzerrung durch staatliche Interventionen legitimiert weitere staatliche Interventionen. Das gewünschte Ziel kann dabei niemals erreicht werden. Die Empfehlungen, die offensichtlich den Interessen der Studienautoren entsprechen, würden natürlich die Zeitpräferenz noch weiter erhöhen und damit die Kurzfristigkeit. Wenn dieses staatlich angeschobene Unternehmertum dann weiterhin als Unternehmertum bezeichnet wird, wäre Peak-Entrepreneurship zweifellos überschritten. Spätestens dann brauchen wir einen neuen Begriff. Contrepreneurship würde sich anbieten:
Der Begriff [Entrepreneur] hatte das feudale Zeitalter überlebt, das Papiergeldzeitalter wird er aber womöglich nicht mehr überleben. Dann werden die Entrepreneure nur noch als Arbeitsplatzbewirtschafter, als Menschenwirte und Wirtschaftsräte, als Betriebsführer und Subventionsempfänger, als Funktionäre und Alibi der Politik gesehen, und die eigentlichen Träger der Ungewissheit, die Pioniere des Erahnten und Verdrängten, die Visionäre werden sich vielleicht eher als Contrepreneure verstanden fühlen. [@taghizadeganHeldenSchurkenVisionaere2016]
Der kapitalverzehrende „Unternehmer“ übt nur noch Arbitrage von der Zukunft in die Gegenwart aus – er wird zum Vorreiter des Vorkonsums. Dafür kanalisiert er Status, Drang nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und politischer Macht, Versprechungen von Profiten, Gehältern, Boni, Konsumgier und Zahlungsgeiz in Schleusen des Kapitalverzehrs, die private Renditen anschwemmen: „Unternehmer“-Gehälter, die aus einer burn rate finanziert werden und eigener Status als „serieller Unternehmer“, der für andere Projekte, Posten und politische Quereinstiege verwertet werden kann.
Ein Symptom dieses völlig verkehrten Unternehmerbildes ist es, wenn in einer deutschen Fernsehreihe über Unternehmensgründerinnen deren Erfolg daran gemessen wird, ein wie hohes Gehalt für sich sie gegenüber dem Kapitalgeber aushandeln können. Irgendwann bewahrheitet sich dann Schumpeters Prophezeiung über das Unternehmertum in Zeiten der Geldschöpfung:
Niemals ist der Unternehmer der Risikoträger. In unseren Beispielen ist das ganz klar. Hier kommt der Kreditgeber zu schaden, wenn die Sache mißlingt. Denn obgleich eventuelles Vermögen des Unternehmers haftet, so ist doch ein solcher Besitz nichts Wesentliches, wenngleich etwas Förderndes. Aber auch wenn der Unternehmer sich selbst aus früheren Unternehmergewinnen finanziert oder wenn er die Produktionsmittel seines "statischen" Betriebes beisteuert, trifft ihn das Risiko als Geldgeber oder als Güterbesitzer, nicht aber allzu Unternehmer. Die Übernahme des Risikos ist in keinem Falle ein Element der Unternehmerfunktion. Mag er auch seinen Ruf riskieren, die direkte ökonomische Verantwortung eines Mißerfolgs trifft ihn nie. [@schumpeterTheorieWirtschaftlichenEntwicklung1934: 217]
Diese Trennung von Kapital und Unternehmerfunktion kann es systematisch nur beim Nullzins geben. Sonst ist das Unternehmertum aufgrund des hohen Ungewissheit in der Regel auf Eigenkapitalfinanzierung angewiesen – die drei sprichwörtlichen F für Family, friends and fools (Familie, Freunde und Narren). Im Vorhinein betrachtet hat ein neues unternehmerisches Wagnis immer etwas „Narrisches“ an sich. Erst Unternehmen mit bestehendem Cashflow können zur Fremdkapitalfinanzierung übergehen. Der zu leistende Zins erfordert eine Mindestprofitabilität – außer natürlich der Zins ist null.
Das Gegenstück zum kapitalverzehrenden „Peak-Entrepreneur“ ist das Zombiunternehmen, das schon weiter oben erwähnt wurde. Der Begriff wurde von Caballero et al (2008) geprägt und auf die japanische Stagflation gemünzt. Definiert ist das Zombieunternehmen als eines, dessen Profitabilität nicht ausreicht, um die aufgenommenen Kredite zu bedienen. Man müsste folglich erwarten, dass es umso weniger Zombieunternehmen gibt, je niedriger der Zins ist. Dass das Gegenteil der Fall ist, belegt die Verzerrungen der Zinsintervention. Beim Nullzins bestehen Unternehmen fort, die sonst durch die Zinszahlungsdisziplin, die ja eine Disziplinierung der Gegenwart zugunsten der Zukunft ist, längst aufgelöst worden wären.
Beim Nullzins gibt es also ein Maximum an Zombieunternehmen: ein Maximum an Unternehmen, die nur deshalb fortbestehen, weil die Rentabilität alternativer Anlagen auf null gedrückt wird, bzw. durch die Geldentwertung sogar negativ ist. Damit bleiben Produktionsfaktoren in Verwendungen, die nicht mehr die optimalen sind in Hinsicht auf die Konsumentenpräferenzen. Das bedeutet Kapitalkonsum.
Je mehr Zombieunternehmen es gibt, desto höher die Zahl an „Bullshit-Jobs“, wie es David Graeber formuliert. Er definiert diese wie folgt:
Ein Bullshit-Job ist eine Form der Beschäftigung, die so völlig sinnlos, unnötig oder schädlich ist, dass nicht einmal der Beschäftige ihre Existenz begründen kann, obwohl er sich – als Teil der Bedingungen der Beschäftigung – verpflichtet fühlt, vorzugeben, dass dem nicht so sei. [@graeberBullshitJobs2018: 27f]
Verbunden mit dem Entwertungsdruck, der zugleich Karrieredruck ist, führt die Sinnleere vieler Beschäftigungen zu burn out – was Humankapitalkonsum ist. Es ist der Dienst am Konsumenten, der Unternehmen ihren Sinn gibt. Nullzins begünstigt nicht nur übertriebene Konsumnähe – als Konsumaufdringlichkeit – sondern auch Konsumferne. Das ist das typische Muster der konjunkturzyklischen Verzerrung: die Mitte geht verloren, der extrem konsumnahe und der extrem konsumferne Bereich befinden sich im Aufschwung. Diese Konsumferne zeigt sich in der Finanzierung von Unternehmen, die weit von jedem Cashflow entfernt sind, deren Geschäftsmodell selbst noch in der Zukunft liegt – und vielleicht allein darin besteht, später als Unternehmen aufgekauft zu werden. Je ferner der Konsument, desto weniger ist ersichtlich, wofür die eigene Tätigkeit gut ist. Der Aufmerksamkeitsdruck führt zum schlampigen Umgang mit der Wahrheit, zum ständigen Schielen auf öffentlichen Eindruck, zum Pragmatismus der „hacks“ und Abkürzungen. Dann sorgt das Gewissen, das Viktor Frankl das Sinnorgan nannte, für ein leises Sinnlosigkeitsgefühl im Hinterkopf, für beißende Zweifel, die es schwer machen, mit den unvermeidlichen Frustration umzugehen. Burn out ist keine neuartige psychologische Erkrankung, sondern die normale Reaktion, wenn das Verhältnis von Stress zu empfundenem Sinn ungünstig hoch wird.
Zombieunternehmen florieren dort, wo die Kreditschöpfung zuerst in den Markt fließt: im staatlichen und staatsnahen Bereich, im Bankensektor, bei großen kreditfinanzierten Konzernen. Dass es sich um eine Interventionsfolge handelt, wird schon daran sichtbar, dass Zombieunternehmen Ämtern zu ähneln beginnen. Die meisten Ämter sind Paradebeispiele für Betriebe, die nicht bestehen würden, wenn die Kosten allein aus dem gestifteten Nutzen zu tragen wären. Darum führt der Nullzins zu einer Bürokratisierung der Wirtschaftsstruktur. Das machte Japan mit seiner schon lange sklerotischen Nullzins-Wirtschaft bereits vor.
Die Bürokratisierung ist eine Folge der Entmündigung des Konsumenten. Ludwig von Mises hatte die Marktwirtschaft einst als Dollardemokratie bezeichnet. Jeder Dollar, den ein Konsument ausgibt oder spart, ist ein Stimmzettel, der über die Produktionsstruktur entscheidet. Geldschöpfung bedeutet stets eine Verzerrung dieses Abstimmungsprozesses – genauso wie es bei manipulierten Wahlen geschieht: Aus dem Nichts werden neue Stimmzettel produziert und unbemerkt dem Prozess hinzugefügt. Es ist offensichtlich, dass heute nicht nur Konsum- und Sparentscheidungen über die Produktionsstruktur entscheiden. Politische und Finanzierungsentscheidungen haben massiv an Gewicht gewonnen. Ob, wie und wo ein neues Unternehmen operiert, liegt heute mehr an Kreditgewährung und Regulierungsauflagen als an den Entscheidungen kleiner Konsumenten und Sparer. Nullzins bedeutet den symbolischen Punkt der völligen Entkopplung der Finanzierung von den Entscheidungen der Sparer, was dann auch einhergeht mit der Entkopplung der Produktion von den Entscheidungen der Konsumenten. Eine Folge ist, dass wiederum Schumpeters düstere Analysen über den vermeintlichen „Kapitalismus“ prophetischer klingen:
Eisenbahnen sind nicht gebaut worden, weil irgendwelche Verbraucher die Initiative ergriffen haben und eine wirksame Nachfrage nach Eisenbahnen unter der Zurücksetzung von Postkutschen geschaffen haben. Ebenso wenig zeigten die Verbraucher von sich aus den Wunsch, elektrische Lampen oder kunstseidene Strümpfe zu besitzen, oder mit dem Auto oder im Flugzeug zu reisen, Rundfunk zu hören oder Kaugummi zu kauen. Es liegt offenbar kein Mangel an Realismus in dem Satz, dass die Mehrzahl von Veränderungen bei Verbrauchsgütern von Seiten der Produzenten den Verbrauchern aufgezwungen wurde, die in den meisten Fällen Widerstand gegen die Veränderung leisteten und durch eine raffinierte Reklamepsychotechnik erst erzogen werden mussten. [@schumpeterKonjunkturzyklenTheoretischeHistorische1961: 80]
Was er beschreibt, ist genau das Überwiegen der Reklame gegenüber der Fertigung, die wir oben aufgezeigt haben. Der Hintergrund ist die Umdrehung der marktwirtschaftlichen Logik: Wenn nicht mehr der Konsument über die Produktionsstruktur entscheidet, wird zuerst produziert, und dann ein Konsument gesucht – und ist er nicht willig, so braucht es Überzeugung. „Psychotechnik“ mag man es nennen, gewiss lassen angewandte Erkenntnisse des Neuromarketing Umsätze um zweistellige Prozentbeträge erhöhen. Doch wirklich ausschlaggebend sind meist zwei viel harmlosere Stellschrauben: Preis und Status. Die Kommunikation über den niedrigen Preis, womöglich gar den Nullpreis, ist ein typisches Phänomen der durch den Konsumenten „unbestellten Produktion“. Status wiederum nutzt das menschliche Verlangen nach Geltung durch das werbewirksame Einspannen von Prominenz und den Selbstverstärkungseffekten einer digital vernetzten Welt. Unternehmer, die nicht mehr Konsumenten dienen, sondern Kreditgebern, Entscheidungsträgern und dem eigenen Ego, fallen durch eine zynische Grundhaltung auf, die ausgerechnet die Manipulierbarkeit des Konsumenten betont. Je weniger dieser das Sagen hat, desto mehr brüstet sich das Marketing, ihm alles verkaufen zu können. Das moderne Zyniker-Marketing, das sich maßlos selbst überschätzt – da es eigentlich bloß Rationalisierung für eine Produktionsstruktur bietet, die reine Verzerrungsfolge ist – ist voll von Phrasen wie „a new sucker is born every day“: Jeden Tag werde ein neuer Idiot geboren, dem man wieder neuen Ramsch andrehen könne.
Traditionell sprach man von goodwill als immateriellem Unternehmenswert. Das bezeichnet den guten Willen der Kunden – woher auch die deutsche Kundschaft kommt, die Kunde, d.h. Nachricht, vom guten, zuverlässigen und ehrlichen Angebot eines Unternehmens. Diese Kundschaft bedeutete einen mühsam aufzubauenden Ruf, der in Generationen bemessen wurde. Die Jagd nach dem Affektkonsumenten, nach dem man den gesamten Globus abgrast, um schneller neue Abnehmer zu finden als alte Abnehmer verloren gehen, ist also auch ein Kennzeichen von Kapitalkonsum, bzw. der geringeren Kapitalorientierung einer Nullzins-Wirtschaft.
Bürokratische Zombieunternehmen zeigen stets wachsende Inkompetenz und verstärken damit die Verachtung für Hierarchien, die nun nicht mehr mit Kompetenz korrelieren. Die Marktdisziplin, durch Gunstentzug der Konsumenten oder Investoren bestraft zu werden, mindert das unvermeidliche principal-agent-Problem – dass die Interessen der Beschäftigten andere sind als die der Kunden und Eigentümer. In Zombieunternehmen werden für den Karriereaufsteig Verbindungen, Freundschaften und Charakterzüge wie intrigantes und dominantes Verhalten tendenziell wichtiger. Networking, meist auf Galas, bei denen Politiker gegen hohe Honorare Reden schwingen und Hände schütteln, gewinnt an Bedeutung. Kontakte werden wichtiger – diese bedeuten kurzfristige, direkte Reziprozität und sind ein weiterer Ausdruck hoher Zeitpräferenz.
Damit wird der Humankapitalaufbau zunehmend entwertet. Wenn Inkompetenz zur Norm wird, zahlt sich Kompetenz nicht mehr aus – oder wird gar irrelevant. Das schlägt sich in der Einstellung nieder, dass Zertifikate einen Anspruch auf gutbezahlte Jobs darstellen, ohne irgendeine Produktivität nachweisen zu müssen. Unter jungen Menschen polarisieren sich gerade zwei Einstellungen: einerseits jene, die hektisch Zertifikate und Zeilen im Lebenslauf sammeln, um diese dann gegen einen sicheren Job einzulösen, andererseits jene, die ohne Umweg sofortige Einkommen suchen und dafür alle digitalen Register ziehen – meist verzweifelte Versuche der „Monetisierung“.
Viele heutige Start-ups erscheinen nach klassischen Kriterien des Unternehmertums als Totgeburten, sie sind schon in der Wiege Zombieunternehmen. Es handelt sich meist um Budgets, die für gute Geschichten, gute Kontakte und richtig ausgefüllte Formulare gewährt werden. Diese Budgets werden dann konsumiert, während die hohen Wertversprechungen der Geldschöpfungsblähungen an den Börsen und bei den Unternehmenskäufen dazu motivieren, möglichst schnell Aufmerksamkeit einzusammeln. Gewiss gibt es hier grandiose, kreative, geniale Projekte. Doch die sichtbarsten, dichtesten, oft staatlich subventionierten „Cluster“ von Start-ups, wie etwa in Berlin, zeigen die merkwürdigen Facetten der Nullzinskultur in unübersehbarer Ausprägung: die Kurzfristigkeit, die Konsumorientierung bei gleichzeitiger Konsumentenferne, der Geltungskonsum des Repräsentationsaufwands und der Weltverbesserungsparolen, die Buzzwords und das ständige Networking, sowie die Nähe zur Politik. Wir erkennen auch die typische Polarisierung der Nullzinszeit: Unternehmertum wird einerseits überdehnt als Coolness-Faktor, als Lebensstil, als Weltrettung zum Nulltarif, andererseits immer negativer aufgeladen – als Sündenbock für all die Nullzinsfolgen: sinnleere Burn-Out-Maschinerie, heuchlerische Verheißung, Ramschvermarktung und Manipulation, zynische Rationalisierung steigender Ungleichheit und Bühne sadistischer, gewissenloser Vorgesetzter.
Die scharfen Worte zum Unternehmertum sollen hier das Augenmerk auf die Symptome richten, um das Muster dahinter deutlicher hervortreten zu lassen. Die Unternehmer zum Sündenbock der Nullzinsfalle zu machen, wäre das typische Neid-Verhalten, das überhaupt erst zur Zinsintervention führte. Die Unternehmer tragen auch in einer Nullzins-Wirtschaft die Hauptlast der Ungewissheit. Der Nullzins ist keine nachhaltige Form des Wirtschaftens und wird daher nicht ewig bestehen. Die Korrekturen treffen dann natürlich primär der Unternehmer, die diesen Druck weiterzugeben haben werden – keine dankbare Aufgabe.
Beim Nullzins greift die Wirtschaft auf die Zukunft vor – doch auch das ist kein Selbstläufer und kann mit mehr oder weniger Geschick und Genie geschehen. Die erfolgreichsten Unternehmer der heutigen Zeit leisten Großes dabei, im konsumnahen Bereich ein günstiges bis kostenloses Schlaraffenland der Unterhaltung und Massenversorgung zu bieten und im konsumfernen Bereich Wunder der Technik zu vollbringen. Diese Leistungen werden durch die Verzerrungen des Nullzins nicht gemindert – sondern entlastet von dem Verdacht, am Schwinden der Mitte die Hauptschuld zu tragen. Ohne Facebook, Amazon, Apple, Netflix, Google und all die anderen hochskalierten Netzwerk-Unternehmen der Gegenwart, würden wir dennoch in der Nullzinsfalle stecken, nur bei niedrigerem Lebensstandard. Es gälte sogar bei der negativsten Einschätzung dieser Unternehmen als Aufmerksamkeitssauger, dass man Kapital effizienter und weniger effizient konsumieren kann. Globaler Wettbewerb unter Nutzung der Regulierungs- und Steuerarbitrage erlaubt effizienteren Kapitalkonsum, sodass mehr Menschen mehr von der burn rate haben. Ohne Unternehmer würde diese nur einer kleinen Schar von Geldschöpfungsgünstlingen zugute kommen.
Auch die Anlagekultur unter dem Nullzins entspricht dem skizzierten Bild. Geldschöpfung unterminiert die Disziplinierung der Vermögensanlage: dass schlecht angelegtes Vermögen schwindet und demnach auch nicht mehr zur Anlage zur Verfügung steht. Unter dem Nullzins verschiebt sich das Gewicht vom smart money zum dumb money. Das ist nicht herablassend gemeint.
Jeder Mensch muss in gewissem Maße Anlage betreiben, da die Einkommensmöglichkeiten mit zunehmendem Alter schwinden. Die einfachste Möglichkeit für das Alter vorzusorgen ist Sparsamkeit, die sich in hortendem Sparen ausdrückt. Traditionell ist das die bevorzugte Sparform des „kleinen Mannes“: der sprichwörtliche Sparstrump oder das Sparschwein – heute in Form von Bankguthaben. Doch der lange Kampf gegen das Horten, der schließlich zum Nullzins führt (der dank der Entwertung de facto einem Schwundgeld entspricht), hintertreibt diese nach wie vor populärste Anlageform. Es kommt zur kalten Enteignung der Sparer, die keine Vermögenswerte angeschafft haben. Nullzins bedeutet stets negativer Realzins. Setzen wir eine durchschnittliche jährliche Geldmengenausweitung von zehn Prozent an, wie sie in Jahren des Aufschwungs die Regel ist, so vermindert sich das Verhältnis von Ersparnissen zur Gesamtgeldmenge in dreißig Jahren um 95 Prozent. Das muss nicht dieselbe Entwertung in Kaufkraft bedeuten. Wenn man die Vermögenswerte mit berücksichtigt, kommt man aber solchen Zahlen recht nahe. Langfristiges Sparen von Guthaben und Geldbeträgen ist bei einem Nullzins also unmöglich. Jeder ist dazu gezwungen, unter die Spekulanten und Investoren zu gehen.
Das schließlich ist die Bedeutung von dumb money. Es ist weniger eine Aussage über die durchschnittliche Intelligenz der Anleger als eine darüber, dass Massen von Menschen zur Anlage gedrängt werden, deren Profession dies nicht ist. Gewiss, man wird ihnen schnell Profis empfehlen. Doch leider ist die korrekte Antizipation der zyklischen Verzerrungen von Vermögenswertpreisen gar kein erlernbarer Beruf. Im Schnitt liegen die Professionellen deutlich schlechter als die sprichwörtlichen Affen – schlechter als der Durchschnitt der Märkte im Aufschwung.
Die schlechten Anreize und der Entwertungsdruck in Richtung Anlage machen dieses Feld zu einem Sumpf des Anlegerbetrugs in unterschiedlicher Ausprägung. Der sanfteste Betrug ist die vorgespielte Professionalität und Marktkenntnis durch Jargon, Zertifikate, Zahlen. Erfolgreiche Spekulation beruht viel mehr auf Intuition und Talent als auf Marktkenntnis.
Spekulation ist nichts Schlechtes – es ist der Versuch, künftige Preise zu antizipieren. Sie führt durch die Verschiedenartigkeit der Menschen eher zu Verringerung der Volatilität. Beim Nullzins allerdings vergrößert sie die Volatilität noch weiter, da nun nicht Spekulationstalent am Markt überwiegt, sondern Mitläufertum, Angst und Gier. Gute Spekulanten vergrößern zwar immer noch ihr angelegtes Vermögen und wirken dadurch als Korrektiv. Dazu nützen sie die Geldschöpfung – etwa durch Carry Trades. Anlageerfolg muss heute massiv gehebelt werden, um gegen die Geldmengenausweitung zu bestehen.
Das große Anlagegewicht verschiebt sich unter einem Nullzins zu den Entwertungsflüchtigen, die eigentlich bloß horten wollen. Sie horten dann anstelle von Geldscheinen und Guthaben Aktien, Anleihen und zunehmend Anteile an Indexfonds. Ein Indexfonds bedeutet, dass es zur Selbstverstärkung kommt: Alle kaufen das, was alle kaufen. Diese auf den ersten Blick dümmstmögliche Anlageform erweist sich unter dem Nullzins als klügste und bestmögliche. Allerdings sitzen damit auch immer mehr Anleger in der Nullzinsfalle: sie sind dem Konjunkturzyklus auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ihre Ersparnisse werden zwar im Aufschwung nicht entwertet, nehmen aber die Volatilität der Märkte mit, die nur etwas für trainierte Mägen ist. Der „kleine Mann“, der nun zur Börse gedrängt wird, wird vom Auf und Ab seekrank und sich spätestens in der nächsten Korrektur wieder scharf gegen die vermeintlich „ungezügelten Märkte“ richten. Mit Marktwirtschaft haben die Finanzmärkte unter einem Nullzins freilich kaum noch etwas gemein. Der Zins ist der wichtigste Preis echter Finanzmärkte – wenn er auf null gedrückt ist, kann also von einem Markt eigentlich keine Rede sein.
Jenen, die unter einem Nullzins klüger sein wollen als das dumb money, misslingt das in aller Regel. In einer digital vernetzten Welt unterschätzen die meisten die Zyklizität ihrer eigenen Meinungen – anders ausgedrückt: die Gleichschaltung bei Anlagehypes. Die Ströme des dumb money, das sich in der Rolle der Dummen aus Eitelkeit nicht gefallen will, bietet die schlechtesten denkbaren Anreize für Anlageempfehlungen. Eine Industrie an Börsenbriefen, Pyramidenspielen, Finanzblogs, streng geheimen Anlagetipps und „sicheren“ Investments wartet auf die Hybris derjenigen, die sich mit dem Index nicht abfinden wollen. Das überzählige Geld jagt um den Globus auf der Suche nach knappen Anlagemöglichkeiten. Dann kommt es zu so paradoxen Entwicklungen, wie dass das neo-osmanische Währungsdebakel unter Erdogan mehr japanische Anleger um Ersparnisse brachte als türkische. Letztere sind überwiegend in türkischen Immobilien als Eigenheim investiert, erstere kauften türkische Staatsanleihen – aus Flucht vor dem japanischen Nullzins in höhere Renditen.
Die Zinskritik, die den Nullzins philosophisch vorbereitete, stieß sich an dem Materialismus, der Gier und der Besessenheit von Geldvermehrung. Paradoxerweise verstärkt der Nullzins diese Phänomene. Die Geldentwertung führt zu einem Renditedruck, die geminderten Renditen führen zum Ausweichen auf Vermögenswerte, die ansteigenden Vermögenswertpreise verschärfen die Geldentwertung. Man kann Ersparnisse nicht mehr bloß liegen lassen und die Opportunitätskosten der Nichtanlage schießen in die Höhe. Guido Hülsmann beschreibt in seiner wegweisenden Analyse der Inflationskultur die Dynamik in einer Wirtschaft ohne Geldmengenausweitung als Kontrast. Ohne Geldschöpfung führt die die Kapitalvermehrung dazu, dass die Renditen der Anlagen sinken. Investition folgt dann der natürlichen wirtschaftlichen Dynamik eines abnehmenden Grenznutzens. Es lohnt sich nicht, alles und ständig „anzulegen“. Das ist günstig für die immateriellen Zwecke, denen finanzielle Mittel auch dienen können:
Wenn die Erträge aus Investitionen bereits niedrig sind, besteht kein großer Anreiz, irgendwelche zusätzliche Ersparnisse weiterhin zu investieren. Vielmehr werden diese Ersparnisse nun in immer größerem Umfang verschiedenen nichtkommerziellen Verwendungen zugeführt. Dazu zählen einerseits die Errichtung von privaten Bauwerken und die Finanzierung der Ausbildung der Nachkommen, andererseits aber auch altruistische Verwendungen im Mäzenatentum und zu karitativen Zwecken, Beteiligungen an städtischen Verschönerungsmaßnahmen u. v. a. m. [@hulsmannKriseInflationskulturGeld2014: 177]
Je niedriger der freiwillig gezahlte und geforderte Zins, desto niedriger die Gier. Doch Zwang und Täuschung kehren – wie meistens – die Kausalität völlig um. Je niedriger der erzwungene Zins, desto höher die Gier, die nun immer größere Wege nehmen muss und immer mehr Gesellschaftsbereiche durchdringt. Doch die Gier ist keinesfalls Ursache. Es ist zynisch, die Flucht der Menschen vor der Entwertung ihrer Ersparnisse als „Gier“ abzukanzeln. In der Folge sieht sie freilich nach Gier aus, legitimiert damit wirkliche Gier und verstärkt solche ungünstigen Charaktereigenschaften.
Auch bei einem Nullzins gibt es immer noch rentable, langfristig wertschaffende und sinnstiftende Unternehmen. Doch im Vergleich der Anlagemöglichkeiten tritt die Rentabilität in den Hintergrund. Das „value investing“ will entgegen solcher Schieflage unterbewertete Unternehmen identifizieren und zieht diese den Indexfonds und den Unternehmen, die auch alle anderen kaufen, vor. Dieser Zugang zur Anlage ist sympathisch: er schielt auf die missachteten underdogs, Unternehmen, die wirklich noch Werte schaffen und trotzdem vom Markt verachtet werden, weil sie aktuellen Anlagehypes nicht entsprechen.
Leider ist ein Nullzins der Punkt, an dem dieser sympathische Ansatz aufhört zu funktionieren. Fundamentalanalyse und technische Analyse sind beides für das dumb money zu aufwendige Prozesse. Letztere aber gewinnt durch die steigende Berechenbarkeit – nicht des Marktes, aber der Marktfolger. Astrologie schlägt Astronomie in Sachen praktischer Bedeutung, wenn die überwiegende Zahl der Raumfahrer an Horoskope glaubt oder sich so vorhersagbar verhält.
Je näher am Nullzins, desto mehr überwiegt bei der Anlage die sogenannte Rekognitionsheuristik [@gigerenzerBauchentscheidungenIntelligenzUnbewussten2007]. Die Menschen kaufen jene Vermögenswerte, die sie kennen. Und der gewichtigste Grund, einen Vermögenswert zu kennen, ist dessen „Performance“, der Anlageerfolg – der nun eine Horteignung bedeutet, da die Entwertung kompensiert werden kann. Alle Vermögenswerte, die knapper sind als die Geldmenge, zeigen steigende Preise. Das Ansteigen der Preise wird damit zur selbsterfüllenden Prophezeiung oder zum Netzwerkeffekt.
Die erwähnten FAANG-Unternehmen stehen also nicht nur für den Netzwerkeffekt einer digital vernetzten Masse von Nutzern, sondern zeigen dieselbe Selbstverstärkung auch bei der Anlage. Dass die Marken jeder kennt, ist dabei auch hier von Vorteil. Da die Aktien einzelner Titel, zu denen die Masse der Anleger konvergiert, knapper sind als die Geldmengen, steigen die Kurse. Lukrative Papiere erreichen dann höchste Marktgängigkeit.
Unter einem Nullzins beginnt sich Dummheit zu lohnen. Marktkenntnis hilft in verzerrten Märkten kaum weiter. Wer sich für schlauer hält als die Masse verpasst meist die Selbstverstärkungseffekte der Anlage. Gewiss wachsen auch die lukrativen Ausreisser kontrazyklischer Anlage – die schwarzen Schwäne. Die meiste Zeit sind diese unsichtbar, und Vorsicht drückt die Rendite.
Value Investing beruht darauf, dass auf den Märkten einerseits profitable Unternehmen manchmal unterbewertet sind, weil ihre Geschäftsmodelle unpopulär, ihre Branchen unter Druck, die Nachrichtenlage überschätzt sind. Anderseits müssen diese Unterbewertungen dann aber auch ausgeglichen werden. Beim Nullzins steigen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse laufend an, sodass Renditebringer immer teurer werden. Auch die Renditen von Unternehmen mit relativ niedrigem KGV sind unter dem Nullzinsdruck so niedrig, dass es keine Freude macht, die verbundene unternehmerische Ungewissheit zu tragen – immerhin kann sich die vermeintliche Unterbewertung ja auch stets als fundiert erweisen.
Das führt dazu, die value-Suche immer früher anzusetzen, was zum Drängen in den Bereich des Venture Capital führt. Denn wirklich unterbewertet kann nur sein, was außerhalb der Börsen der Masse der Anleger noch verwehrt bleibt. Vorschriften, die das dumb money vor unternehmerischen Wagnissen schützen sollen und private Investments nur bei hinreichendem Investorenstatus erlauben, verstärken die Ungleichheit der Nullzins-Wirtschaft noch weiter. Die wirklichen lukrativen Anlagen sind nur Vermögenden erlaubt. Doch die Vermögenswertinflation vergrößert auch hier die Massen und die Vorschriften werden nicht immer und überall so ernst genommen, sodass die Geldmengen durch alle Ritzen in den Venture-Bereich drängen. Die größte Ritze ist jene, durch die börsengelistete Unternehmen oder Fonds selbst abseits der Börse einkaufen und ihre Kredithebel für M&A-Beutezüge nutzen (Mergers and Acquisitions bezeichnen Unternehmensfusionen und -käufe). Das führt zu sensationellen Kursexplosionen von „Unicorns“, jungen Unternehmen, die schnell hohe Unternehmenswerte erreichen. Value Investing bedeutet dann nicht mehr, unterbewertete Profitabilität zu entdecken, sondern rechtzeitig in Unternehmen zu investieren, welche noch vor Nutzerhypes und der Aufmerksamkeit der globalen Großkonzerne stehen – für diese aber relevant sind. Das bedeutet in aller Regel das Erreichen schneller globaler Aufmerksamkeit und ist das glatte Gegenteil von Profitabilität.
Kredithebel in einem Nullzinsumfeld blasen auch minimale Profitabilität schließlich zu gigantischen Eigenkapitalrenditen auf. Es wird also für das Erzielen hohe Renditen immer wichtiger, groß zu sein, gute Kreditlinien zu haben und endlose Skalierungsmöglichkeiten. Das begünstigt Unternehmensfusionen. Diese erfolgen oft auf Kredit, welche dann in die Bilanz des erworbenen Unternehmens aufgenommen werden. In einem Nullzins-Umfeld zahlen immer mehr Unternehmen das Geld zurück, mit dem sie selbst gekauft wurden. Ein solcher Kauf wird nicht mehr von Individuen durchgeführt, die eigene Ersparnisse riskieren, weil sie unternehmerische Freude antreibt. Vielmehr erfolgt die Ablöse der Unternehmer-Eigentümer durch gesichtslose Fonds und Holdings, die eigentlich nur Vehikel der Kreditblase sind. Die Rückzahlung der Kredite mit denen die überhöhten Unternehmenspreise gezahlt werden, belastet dann die Unternehmen und bringt sie unter einen völlig geschäftsfremden Renditedruck. Diese Renditen, die bloß zu leistender Kreditdienst sind, haben nichts mehr mit höherer Qualität der Produkte, zufriedeneren Kunden oder produktiverem Personal zu tun. Es geht bloß um Effizienz im engsten möglichen Sinne: die Kreditraten aus der normalen Geschäftstätigkeit herauszupressen. Dazu ist dann ein Schar von jungen Unternehmensberatern nötig, die in jedem Unternehmen dasselbe tun: jeden Cent und jede Mitarbeiterminute tabellarisch zu erfassen, um so viel abzupressen wie möglich.
Der Nullzins macht es möglich, dass die Unternehmer eine an sich illiquide Sache – eben eine Kapitalstruktur, die mit ihnen selbst verbunden ist – liquidieren, indem sie künftige Erlöse schon heute aus ihrem Unternehmen abziehen. Die Verlockung der Millionensummen gegenwärtig und sofort einlösbarer Konsummittel wird in einer Nullzins-Wirtschaft immer größer. Am Ende bedeutet der Nullzins paradoxerweise das Verschwinden des Unternehmers, obwohl er eigentlich die massive Ausweitung des Unternehmertums ermöglichen sollte. Doch wenn grenzenloser Kredit anstelle unternehmerischen Eigenkapitals tritt, schwindet das unternehmerische Risiko – wie Schumpeter vorhergesagt hatte. In einer Zombiewirtschaft verkaufen Zombieunternehmen, die Zombiefonds gehören, Konsumfreuden an Zombiekonsumenten auf Kredit oder entwickeln Zombiekapitalstrukturen am Konsumenten vorbei.
Gesellschaftliche Folgen der Nullzins-Ökonomie
Der Blick auf die Wirtschaftskultur – die Kultur des Konsums, der Unternehmen und der Vermögensanlage – enthüllte schon besorgniserregende Muster. Doch auch unter einem Nullzins wirken Reste der Marktdisziplin. Die wirtschaftlichen Folgen sind daher noch abgemildert im Vergleich zu den weiteren gesellschaftlichen Folgen, wenngleich von diesen nicht zu trennen. Der globale Wettbewerb hemmt die Zombifizierung der Wirtschaft.
Guido Hülsmann erklärte gut den Unterschied zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Da Unternehmen gekauft und verkauft werden können, wirkt die Marktdisziplin auch bei völliger Abdiskontierung der Zukunft zugunsten der Gegenwart tiefer in die Unternehmen hinein:
Anders als Familien, als die meisten Vereine und als der Staat haben sie einen Marktpreis, und dieser Preis spiegelt bereits in der Gegenwart die zukünftige Entwicklung des Unternehmens wider, wie sie von den potenziellen Käufern erwartet wird. Eine übertrieben kurzfristige Firmenpolitik macht sich daher nicht erst in der Zukunft bemerkbar, sondern belastet bereits in der Gegenwart das Vermögen der Eigentümer. Außerhalb der Firmen liegen die Dinge bekanntermaßen anders. Die falsche Wahl eines Ehepartners schlägt sich nicht bereits im Hier und Jetzt in den Einkommens- und Vermögensverhältnissen nieder. Ähnliches gilt von einer falschen Aufgabenteilung innerhalb der Familie, falscher Wahl der Freizeitaktivitäten, falscher Kindererziehung, falscher Schulwahl, falschem Umgang usw. Gewiss, was eine richtige oder falsche Wahl ist, bestimmt sich im Familienleben nicht (oder höchstens zum Teil) danach, ob dadurch Einkommen und Vermögen wachsen. Das ist ja gerade einer der wichtigsten Unterschiede zwischen einer Familie und einer Firma. Der springende Punkt liegt vielmehr darin, dass es für Firmen einen eindeutigen Fehlermeldemechanismus gibt, durch den falsche Entscheidungen recht rasch bekannt werden, auch wenn diese Entscheidungen ihre Folgen erst in der Zukunft entfalten werden. Familien haben so etwas nicht. [@hulsmannKriseInflationskulturGeld2014: 176]
Weil der Nullzins hohe Zeitpräferenz materiell belohnt, verstärkt er diese Neigung und führt zu entsprechender Übertreibung. Der wirtschaftliche Produktionsprozess ist nicht nur eine Analogie zu gesellschaftlichen Phänomen, sondern eng mit diesen verbunden. Böhm von Bawerk illustrierte den Kapitalaufbau als das Beschreiten von Umwegen – im Gegensatz zu Abkürzungen. Menschen beschreiten Umwege, weil sie erwarten können, dass manche davon langfristig zielführender sind. Der Begriff “Umweg” zeigt aber die Schwierigkeit auf. Intuitiv würde man ihn in einem klar negativen Sinne verstehen: Umwege bezeichnen in der Regel unnötige, ärgerliche, zeitraubende Pfade, die aus Unkenntnis und mangelnder Orientierung eingeschlagen werden. Gelegentlich kann der Weg das Ziel sein, doch das meint Böhm von Bawerk nicht. Der Begriff “Umweg” ist deshalb angebracht, weil die Verlängerung des Produktionsprozesses im Vorhinein ungewiss und unangenehm ist. Erst im Nachhinein erweisen sich manche Kapitalstrukturen als produktiv, andere erweisen sich als teure Fehler. Da aber Ungewissheit eine fundamentale Bedingung menschlichen Handelns ist, führt kein Weg am Schultern dieser Ungewissheit vorbei. Man kann im Dunkeln einfach darauf losgehen, der Nase nach und schnellen Schrittes. Oder man gewöhnt erst die Augen an die Dunkelheit, tastet sich langsam voran, wählt nicht den kürzest möglichen, sondern den unter den Bedingungen sinnvollsten Weg – etwa den Weg zu einem weiter entfernten Punkt, von dem aus die Orientierung leichter ist. Die Dunkelheit aber drängt zur Hast, doch die überhastete Flucht ist selten die zielführende. Der Mensch ist evolutorisch ausgelegt auf Angst vor dem Ungewissen und Energiegeiz.
Energiegeiz bedeutet die Sparsamkeit bei der Verausgabung körperlicher und geistiger Energie. Unser Hirn ist ein mächtiges Organ, konsumiert aber auch einen entsprechend hohen Anteil der verfügbaren Energie. Die Energiebilanz ist nur dann positiv, wenn unser Hirn uns hilft, energiesparendere Wege zu beschreiten – Abkürzungen zu finden. Diese Disposition zur Faulheit ist eine wichtige Triebkraft geistiger Innovation: Menschen sind unglaublich kreativ dabei, Auswege, Ausreden und Notlösungen zu finden. Leider reicht diese Kreativität für die wirtschaftliche, kulturelle und technische Innovation ab einem gewissen Niveau nicht mehr aus: mit Auswegen, Ausreden und Abkürzungen kommt man nicht sehr weit. Die Fähigkeit zum Umweg, zur Selbstdisziplin und Langfristigkeit ist eine Kulturleistung, wie Böhm von Bawerk erkannte:
Die Sorge für die Zukunft stellt eben nicht unbeträchtliche Anforderungen an die geistige und ein wenig auch an die moralische Kraft […] [@bohm-bawerkPositiveTheorieKapitales1889: 434].
Schon die Gesellschaft ist damit eine Kulturleistung. Die Kooperation von Menschen über Sippengrenzen hinaus erfordert Umwege: den kurzfristigen, direkten Eigennutzen zugunsten eines langfristigen, indirekten Nutzens in der Hintergrund zu stellen, Vertrauen aufzubringen und zu verdienen, Regeln zu folgen und sich an Abmachungen zu halten. Wo Bereitschaft und Fähigkeit dazu fehlt, kann nur Zwang zur Kooperation von vielen Menschen führen – die zwangsweise Organisation ist aber instabiler und schränkt das Potential erheblich ein.
Die freiwilligen Kooperationsfähigkeiten bilden Institutionen: so nennt man stabile Muster menschlicher Beziehungen. Diese Institutionen kann man als kulturelles und soziales Kapital bezeichnen. Die Analogie hält, denn es sind ähnliche psychologische Schwelle zu überwinden, der Aufbau ist ein ähnlich langwieriger Prozess des Einschlagens von Umwegen, deren Nutzen ungewiss ist und in Zukunft liegt, und es ist eine ähnlich komplexe Struktur unterschiedlicher Elemente, die nicht einfach summiert werden kann, aber doch schichtenweise wächst. Böhm von Bawerk zog zur Illustration das Baumwachstum heran mit den Jahresringen: nur die äußerste Schicht ist sichtbar, die Erneuerung kommt von innen und ist ein dynamischer, lebendiger Prozess, der Energie erfordert. Der überwiegende Teil der Kapitalstruktur ist unsichtbar. Das macht auch das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Krieg etwas verständlicher: die äußersten Schichten waren in Schutt und Asche gelegt, doch das hinderte den überwiegenden Teil tiefer liegenden Kapitals nicht daran, große Produktivität zu entfalten, nachdem der Freiraum dafür errungen war. Diese tiefer liegenden Schichten bestehen aus Kenntnissen, Fertigkeiten, Beziehungen, Gewohnheiten, Ideen und Verlässlichkeiten. Je tiefer man also in die Wirtschaft blickt, desto mehr wird die Gesellschaft sichtbar – es gibt keinen losgelösten künstlichen Raum der „Wirtschaftlichkeit“, in der ein homo oeconomicus wirkt. Reale Menschen haben Kulturen, Familien, Bedenken, Hoffnungen, Sehnsüchte, Glaubensinhalte und Identitäten. Daher wirkt auch jede Intervention in der Wirtschaft unvermeidlich in die Gesellschaft hinein.
Ein Nullzins untergräbt nicht generell die Disziplin. Er erlaubt Vorauskonsum in größerem Maße, entbindet aber natürlich nicht davon, dann in Nachleistung zu gehen. Der Nullzins erhöht die Zahl an Schuldnern und verstärkt damit die Rückzahlungsdisziplin. Diese Disziplin ist aber eine andere als jene, die den Kapitalaufbau möglich macht. Die Schuldnerdisziplin ist eine Angestelltendisziplin. Die Raten erfordern möglichst stabiles, offziell ausgewiesenes und daher voll versteuertes Einkommen. Die meisten und besten Angebote des Vorkonsums finden sich bei den Gütern, welche die meisten Angestellten erstreben: Eigenheim, Auto, sodann Einrichtung mitsamt Großbildfernseher. Wenn es die dargestellten Nebengeschäfte zwischen Fluglinien, Hotelketten, Kreditkartenfirmen und Banken nicht gäbe und der Staat nicht teilweise für die unmündigen Untertanen „Urlaubsgelder“ festsetzte (in Österreich hat das Jahr für Angestellte daher 14 Monate), dann würde wohl auch die Ratenzahlung für den Jahresurlaub die Regel sein.
Die Angestelltendisziplin wird durch die größeren Möglichkeiten zum Vorkonsum belohnt, der zugleich diese Disziplin kompensiert und erträglich macht. Der menschliche Energiegeiz ist mit einer Energiegier gekoppelt. Unsere kalorischen Bedürfnisse drängen zu schnellen Energiebringern, das macht Süßigkeiten, Fast food, Limonaden so unwiderstehlich. Der Nullzins belohnt die Schuldnerdisziplin mit schnellen Konsumfreuden, führt dabei aber zu einer ungesunden Überdehnung. Da die Konsummöglichkeiten nicht Folge von zuvor aufgebauten Gewohnheiten sind, sondern die Disziplin durch den Schuldendruck nachträglich erzielt wird, gerät die Durchschnittsexistenz in eine unangenehme Spannung, so als ob Phasen des Aushungerns mit Phasen der Völlerei überlagert sind.
Die Fähigkeit, in einem Unternehmen auch als Nicht-Eigentümer, als weisungsempfangender Angestellter produktiv mitzuwirken, ist eine Kulturleistung. Dass diese Fähigkeit in Westeuropa stärker ausgeprägt ist als anderswo, gehört zum relativ hohen kulturellen Kapital dieser Region. Doch wenn es nicht mehr die guten Gewohnheiten verlässlicher Kooperationsfreude sind, sondern überwiegend der Schuldendruck motiviert, im „Bullshit-Job“ auszuhalten, dann schwindet mit dem kulturellen Kapital langsam und unbemerkt auch das Produktivitätspotential. Die schulden- und nicht mehr eigenmotivierte Angestelltendisziplin verkommt zu materialistischem Mitläufertum. Der künstliche Konsumboom erweist sich als Pyramidenspiel, das zu panischer Konsumhetze führt, um bei einem doppelten Entwertungsdruck mitzuhalten: den steigenden Statusgütern der Nachbarn und den sinkenden Reallöhnen. Die Notwendigkeit, dass es heute zwei Vollzeiteinkommen braucht, um den Kreditdruck eines kleinen bürgerlichen Haushalts irgendwie zu stemmen, wird dann leicht als „Emanzipation“ der Frau rationalisiert. Die mangelnde Zeit für die eigenen Kinder wird mit der Möglichkeit zusätzlichen Statuskonsums kompensiert – dadurch werden Kinder immer teurer, bis man sie ganz weglässt.
Das immer angespanntere Geschlechterverhältnis und Fragen der Familienführung werden zu ressentimentgeladenen Tabus der politischen Korrektheit. Diese setzt ihren Siegeszug gerade aufgrund der zunehmenden Angestelltendisziplin durch. Diese Mitläuferdisziplin zeigt sich als Feigheit in allen Bereichen. Ein falsches Wort kann den Job kosten, und das die Existenz.
Der Mitläuferdruck verstärkt nicht nur die Polarisierung, sondern hat auch überraschende ästhetische Folgen. Zur Kompensation des Mitläuferdrucks sehen viele ein Ventil in Ausdrucksformen, die man Devianzsymbole nennen könnte. Diese Symbole sind zugleich Ausdruck hoher Zeitpräferenz, was ideal zum Nullzinsumfeld passt. Tätowierungen, einst Markierungen von Gruppen am Rande der Gesellschaft, werden zum Massenphänomen in der Mitte der Gesellschaft. Natürlich steht es jedem frei, seinen Körper zu schmücken und für manche mag es sich um authentische künstlerische Ausdruckformen ihrer Identität handeln. Doch wenn Randphänomene in die Mitte rücken, hat das selten viel mit gewandelten künstlerischen Vorlieben zu tun. Die Tätowierung kompensiert als Devianzsymbol die eigene Mitläuferexistenz – dann darf sich auch der kleine Schuldknecht als Rebell fühlen. Dieses Gefühl wird vorauskonsumiert, der Körper trägt die Zeichen dann ein Leben lang – ein Hinweis auf das Abdiskontieren der Zukunft. Das ist keine normative Abwertung der Tätowierung, nur ein Fingerzeig auf merkwürdige Verdichtungen: die Devianzspießer.
Ähnliche Phänomene zeigen sich bei der Kleidung. Immer mehr Elemente aus Randgruppen der Gesellschaft wandern in die Mode der Mitte der Gesellschaft. „Lässigkeit“ und Bequemlichkeit oder Marken und Slogans dominieren bei der Kleidungswahl. Anne Hollander analysierte in ihrer großen modegeschichtlichen Darstellung:
>Eine Menschenmenge von Erwachsenen in einem Museum oder Park sieht heute aus wie ein Schulausflug. Jeder trägt die gleichen bunten Reißverschlussjacken, Pullover, Hosen und Hemden, die von Kindern getragen werden – die traditioneller Arbeitskleidung gleichen, außer, dass sie in fröhlichen Farben hergestellt werden. […] Die einfarbigen Jumpsuits und Sweatsuits für Erwachsene, zusammen mit den bunten kleinen Turnhosen und T-Shirts, erinnern an die Strampelhosen und Spielanzüge, die einst von Säuglingen beiderlei Geschlechts getragen wurden. Es sind Kostüme, die absolute körperliche Freiheit und keine Verantwortung außerhalb des Selbst bedeuten, ohne dass man der ursprünglichen Funktion des Kleidungsstücks gerecht werden muss. […] Eine solche Kleidung drückt zudem stark die Freiheit von der Last der Sexualität bei Erwachsenen aus. Dieses schließlich scheint das ausgeprägteste Motiv zu sein, das der Tendenz von Männern und Frauen zugrunde liegt, sich in Versionen von Sandkasten-, Parodiejagd- oder Parodiearbeitsbekleidung genau gleich zu kleiden. […] Inzwischen kann ein umgekehrter Stil der Kinderromantik gelegentlich dazu führen, dass eine Mutter, die Jeans, Stiefel und Windjacke trägt, Hand in Hand mit einem kleinen Mädchen geht, das ein bauschiges Samtkleid mit Spitzenkragen und zierlichen Lackschuhen trägt; aber zum größten Teil wird die ganze Familie von der Oma bis zum Dreijährigen in der Freizeit genau gleich gekleidet sein, immer bereit, am Spielplatz zu spielen. [@hollanderSexSuits1995: 171f]
Infantilisierung ist ein weiterer Aspekt künstlich erhöhter Zeitpräferenz. Wie die berühmten Marshmallow-Experimente zeigen[@mischelDelayGratificationChildren1989], findet im Zuge des Älterwerdens von Kindern eine entwicklungspsychologische Absenkung der Zeitpräferenz statt. Diese zeigt sich in der wachsenden Fähigkeit, mit anderen zu kooperieren, zu teilen, Geduld zu üben und Frustrationstoleranz aufzubauen. Die Vorzüge bequemerer oder angepassterer Kleidung (oder bei entsprechendem Wetter gar keiner) sind unmittelbar zu spüren, die möglichen Vorteile aufwendigerer Garderobe ungewisser und weiter entfernt. Aus persönlichem Abwägen mal für Bequemeres zu entscheiden, mal für Angepassteres, mal für Originelleres und mal für Aufwändigeres – das wäre weder ungewöhnlich, noch zu kritisieren. Merkwürdig ist die Häufung, sodass das Bequemere zugleich das Angepasstere wird – heute fällt man eher als Krawattenträger auf, denn als Sportschuhträger. Diese Verdichtung ist ein gesellschaftlicher Trend – und es wird kein Zufall sein, dass auch hier der Trend in Richtung des kurzfristig Angenehmeren geht zulasten der gegensätzlichen Mühen, Tradition zu pflegen (nicht billige Imitate aus dem Trachtendiskonter) oder Individualität zu wagen. Dieser Gegensatz zeigt, dass es überhaupt nicht um den Gegensatz zwischen konservativ und progressiv geht. Es geht auch nicht um die Kritik individueller Vorlieben und Geschmäcker.
Es ist allerdings zuzugeben, dass die Erhöhung der Zeitpräferenz moralische Implikationen hat, die eindeutig negativ sind. Ein großer Teil des vermeintlichen Altruismus ist die Fähigkeit und Bereitschaft zu langfristiger orientiertem Handeln. Nahezu jede als moralisch gut bewertete Charaktereigenschaft kann positive Folgen für das Individuum selbst haben – also dem Eigennutzen dienen –, doch sind diese Folgen selten unmittelbar oder gewiss. Ehrlichkeit rentiert sich – aber nur bei öfter wiederholten Kooperationen über einen längeren Zeitraum.
Unmoralisches Verhalten ist demzufolge oft nur besonders kurzfristiges Verhalten, selten wirklich böses Verhalten. Die wenigsten Lügner haben Freude an der Lüge, sie nutzen sie bloß als Abkürzung, um eigene Ziele eher zu erreichen oder Nachteilen aus dem Weg zu gehen.
Im Extremfall schließlich gelangen wir zu kriminellem Verhalten. Die wenigsten Kriminellen sind wirklich böse. Impulsivität, niedrigere Abstraktionsfähigkeit, geringere Stabilität im Leben korrelieren mit einer starken Abdiskontierung der Zukunft. Der Raub, der für einen schnellen, kleinen Wohlstandsgewinn das Risiko künftiger Haft und sozialer Ausgrenzung in Kauf nimmt, ist das Paradebeispiel großer Kurzfristigkeit im Handeln. Dabei zeigen die meisten Kriminellen durchaus die Rationalität, gegenwärtigen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen: Sie suchen sich leichte Opfer und gute Gelegenheiten.
Gewiss wäre es ein übertriebener Schluss, nun den Nullzins für eine mögliche Steigerung der Kriminalität verantwortlich zu machen. Doch besteht das reale Problem, dass eine Eingewöhnung auf Vorkonsum durchaus zu mangelnder Zurückhaltung vor kriminellen Abkürzungen führen könnte, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse einmal schwieriger werden und große Massen durch längere Arbeitslosigkeit völlig aus der Kreditwürdigkeit fallen. Die Erfahrung zeigt, dass der unmittelbare Kreditkonsum, wie er etwa in den USA über Kreditkarten im eigentlichen Sinne einer breiten Masse möglich ist, auch bei Wirtschaftskrisen nicht extrem einbricht. Das wird meist positiv interpretiert als Grundsolidität dieses Alltagskonsums, könnte aber schlicht ein Hinweis auf die Unfähigkeit zur Konsumeinschränkung sein. Diese mangelnde Bereitschaft zur Konsumeinschränkung mobilisiert letzte Ressourcen: es kommt zum Liquidemachen versteckter Vermögenswerte, zu Umschuldung, zur Nutzung von Beziehungen und kreativen Abkürzungen. Bei einer längeren Wirtschaftskrise könnte dieser Mobilisierungsdruck allerdings auch kriminelle Energien aufbringen. Die bei den erwähnten Devianzsymbolen, der Mode und Popkultur unübersehbaren Referenzen zur Straßenkriminalität könnten ein vorauseilendes Kokettieren mit dieser letzten Konsequenz kurzfristigen Verhaltens sein – und damit eine Rationalisierung im Vorhinein.
Hoher Wohlstand steht gemeinhin im Verdacht, durch die existenzielle Entlastung junger Menschen diese zu verderben. Wie heißt es so schön nach Bismarck: Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt. Die Entlastung ist gewiss ein Problem, doch diese hat gar nicht so viel mit dem Wohlstand zu tun, sondern mit der Art, wie man an diesen gelangt. Tatsächlich belastet Wohlstand, da haben Asketen recht. In einer dynamischen Welt ist Wohlstand kein statischer Zustand, sondern bezeichnet die Möglichkeit, hohe Einkommen zu erzielen. Diese Einkommen können aus Veranlagung liquider Mittel kommen. Ohne Geldmengenausweitung wäre aber entweder das unternehmerische Element der Veranlagung sichtbarer, oder zumindest die Mühe des Aufbaus dieser Ersparnisse. Das „Verkommen“ der Wohlhabenden ist vorwiegend bei gewissen Neureichen zu beobachten, jenen, denen in kurzer Zeit hohe Summen bei geringer Eigenleistung zugeflossen sind. Ein Nullzins senkt die Zeit des Kapitalaufbaus, erhöht die „windfall gains“, die Zufallsgewinne durch Vermögenspreisinflation, und verschiebt damit das Gewicht generell in Richtung Neureiche. Diese sind selbst nicht in ihren Wohlstand eingewöhnt und verabsäumen es daher, die nötige Eingewöhnung an ihre Kinder weiterzugeben. Wer langfristig wohlhabend sein möchte, muss sich vor der Konsumverlockung des hohen Wohlstands hüten und diesen behutsam in eine Kapitalstruktur umbauen. Wissen und Erfahrung sind dabei wesentliche Elemente, wodurch dieser Aufbau viele Generationen übergreifen kann. Dann sollte eigentlich jede folgende Generation besser dabei werden, Wohlstand aufzubauen. Da sich die Welt unvorhersehbar verändert, wird irgendwann trotzdem in jeder Generationenfolge der Wohlstand dahin sein. Das ist aber keine Folge des Erbens, sondern schlicht der wachsenden Ungewissheit mit Fortlauf der Zeit.
Die wirklich dramatische Entlastung ist die von den Konsequenzen des eigenen Handelns. Hoher Wohlstand kann zwar als Kokon dienen, sodass man aus eigenen Fehlern weniger lernt. Zugleich erhöht sich aber auch die Tragweite von Fehlern. Viele Lottogewinner enden unglücklicher und ärmer als vor dem Gewinn. Viele Stars, deren Ruhm schnellen Reichtum bringt, enden in Süchten und Psychosen. Hier zeigen aber schlechte Entscheidungen bittere Folgen, aus denen man lernen kann, ob als Betroffener oder Beobachter. Wohlstand, der langsam über viele richtige Entscheidungen aufgebaut wurde, mindert nicht die Entscheidungsfähigkeit und die Fähigkeit, von eigenen Fehlern und denen anderer zu lernen.
Ein wesentliches Disziplinierungsinstrument, das aus Fehlern Lektionen macht, ist die Knappheit von Geld: Schlecht ausgegebenes oder angelegtes Geld wandert zu jenen, die es besser ausgeben oder anlegen. Dass Geld auf diese Weise ungehindert wandern kann, erhöht die soziale Mobilität. Das mindert die statische Ungleichheit durch dynamische Gleichheit der Möglichkeiten, mit besseren Entscheidungen mehr Geld zu akkumulieren.
Geldschöpfung mindert diese Disziplin. Grenzenlose Verschuldungsmöglichkeit führt zu unendlich tiefen Taschen. Tiefe Taschen schieben Lektionen hinaus, indem sie es möglich machen, ewig versunkenen Kosten anzuhängen – „gutem Geld schlechtes Geld nachzuwerfen“. Das ist die Essenz des „too big too fail“, der staatlichen Rettung von Banken, Fonds und Konzernen. Die Mittel dafür werden bei einem Nullzins praktisch unbeschränkt. So kann sich das Scheitern in ineinander verschachtelten Kokons einnisten: Der schuldenfinanzierte Konzern, der überwiegend einem schuldenfinanzierten Fonds gehört, der an einer schuldenfinanzierten Bank hängt – alle finden im schuldenfinanzierten Staat den letzten Entlaster. Diese wirtschaftlichen Strukturen führen dazu, dass über die damit möglichen Positionen das Prinzip des konsequenzenlosen Handelns tief in die Gesellschaft einsickert. Dieses Grundübel bezeichnet Nassim N. Taleb in seiner scharfen Gesellschaftskritik als „no skin in the game“. Immer mehr Menschen sind in Funktionen, in denen sie vor den Folgen ihres Handeln isoliert sind. Das begünstigt Verantwortungslosigkeit und mangelnde Lernfähigkeit.
Folgen sind in der Regel langfristig – somit wird die Kurzfristigkeit weiter verstärkt. Kurzfristige Vorteile fallen dem einzelnen zu, während die längerfristigen Kosten von der Allgemeinheit getragen werden. Der Nullzins entlastet die Gegenwart auf Kosten der Zukunft. Immer mehr Jobs und Funktionen sind vorfinanziert – das heißt sie werden noch nicht durch die Anerkennung realer Wertschöpfung getragen. Bei einem Nullzins ist theoretisch ewig Zeit, zu dieser Wertschöpfung zu gelangen. Das bedeutet, immer mehr Menschen wirken an Stellen, die aktuell konsumtiv sind – überwiegend Mittel aufbrauchen. Reale Kompetenz wird damit etwas weniger wichtig, relevanter ist der Zugang zu diesen Stellen. Die Stundung der Wertschöpfung hüllt die Werkenden in Kokons ohne Marktdisziplin. Jobs werden zu Ansprüchen auf eine dieser vorfinanzierten Stellen. Das hat dramatische Auswirkungen auf die Einstellungen, insbesondere der jungen Menschen.
Ein gesellschaftlicher Trend scheint mit diesen wirtschaftlichen Veränderungen eng verbunden zu sein. Unter Jugendlichen nimmt der Narzissmus in besorgniserregendem Maße zu, wie die Psychologen Twenge und Campbell diagnostizieren:
In den Daten von 37.000 Studenten nahmen die narzisstischen Persönlichkeitsmerkmale von den 1980er Jahren bis heute genauso schnell zu wie die Fettleibigkeit, wobei die Veränderung bei Frauen besonders ausgeprägt war. Der Anstieg des Narzissmus beschleunigt sich, wobei die Werte in den 2000er Jahren schneller steigen als in den vorangegangenen Jahrzehnten. Bis 2006 wies einer von vier Studenten die Mehrzahl der Punkte eines Standardmaßes für narzisstische Eigenschaften auf. Auch die Narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPD), die schwerwiegendere, klinisch diagnostizierte Version des Charakterzugs, ist weitaus häufiger als man dachte. Fast jeder Zehnte Amerikaner in den Zwanzigern und jeder Sechzehnte bei Betrachtung aller Altersgruppen hat die Symptome der NPD erlebt. [@twengeNarcissismEpidemicLiving2014: 4]
Narzissmus ist übertriebene Voreingenommenheit von sich selbst, die blind gegenüber eigenen Schwächen macht. Narzisstische Menschen fühlen sich meist gut. Ihr Selbstwertgefühl ist übertrieben hoch. Das führt zu Fehlentscheidungen und Fehlverhalten mit langfristigen Kosten. Eine Überbewertung der Gegenwart begünstigt Narzissmus, da dann diese Kosten aus dem Blickfeld rücken. Übertriebenes Selbstwertgefühl ist die Folge einer Abschirmung von den Folgen des eigenen Handelns. Dieses ist auf eine Überbehütung zurückzuführen.
Diese Form der Entlastung hat nur wenig mit Wohlstand zu tun. Die Überbehütung erfolgt einerseits im Elternhaus. Eine der Ursachen dafür ist demographisch: Man bekommt immer später immer weniger Kinder. Dadurch hängen die Eltern immer mehr an ihren Einzelkindern – das Phänomen der Helikoptereltern. Letztere kompensieren die eigene Sinnleere. Was sie im Leben nicht erreichen konnten, weil Schulden- und Karrieredruck wenig Platz ließen, sollen nun die Kinder ausleben. Diesen müssen alle Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, in völliger Entlastung sollen sie völlige Wahlfreiheit erleben. Das ist sympathisch und nachvollziehbar, aber führt zu mangelnder Orientierung.
Andererseits wird die Überbehütung in den Bildungseinrichtungen und oft auch an den Arbeitsplätzen fortgesetzt. Die erwähnten Kokons führen dazu, dass die jungen Menschen weniger Widerstand spüren und weniger Kritik ausgesetzt sind. Wenn sie diese erstmals erleben, können sie kaum damit umgehen. Immer mehr Arbeitsplätze entstehen im „geschützten Bereich“. Geschützt ist dieser durch Vorfinanzierung vor direkten Marktkonsequenzen, von Kundengunst oder Kundenverlust. Die dortigen Bullshit-Jobs werden durch Bullshit-Ausbildungen vorbereitet, die im Wesentlichen Rationalisierungen der eigenen Karriere darstellen. Das gute Gefühl geht auf Kosten steigender Realitätsblindheit und Kritikunfähigkeit. Twenge und Campbell selbst erkennen in ihrer Studie des Narzissmus den engen Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Sie analysieren wie folgt:
Die Inflation der Kredite führt zu einer Inflation des Selbstbildes und hilft der Narzissmus-Epidemie, sich weit und breit zu verbreiten. Nimm eine Kultur, die Selbstbewunderung und materielle Güter fördert, füge die Fähigkeit hinzu, diese Selbstbewunderung zu verwirklichen, indem du Dinge kaufst, die du dir nicht wirklich leisten kannst, und viele Menschen leben die narzisstische Illusion, dass sie reich, erfolgreich und besonders sind. Im Jahr 2005 gaben die Amerikaner zum ersten Mal seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren mehr aus, als sie verdienten. Amerikaner sehen Menschen mit schicken Autos und Klamotten und nehmen an, dass sie reich sein müssen. In Wirklichkeit ist es oft sicherer anzunehmen, dass sie verschuldet sind. Die Kreditklemme, die die Wirtschaft in den späten 2000er Jahren lahm legte, ist letztlich der Konflikt zwischen dem Lustprinzip und dem Realitätsprinzip. Narzissmus arbeitet nach dem Lustprinzip – er sieht toll aus und bekommt, was er will, aber er schadet langfristig anderen Menschen und sogar dem Selbst. [@twengeNarcissismEpidemicLiving2014: 89f])
Sie weisen auch auf den interessanten Umstand hin, dass Narzissten im Bullenmarkt bessere Anleger sind. Damit belohnt der Nullzinsboom den Narzissmus: Das übertriebene Selbstwertgefühl erleichtert den Fokus auf die Gegenwart. Dennoch bleibt Narzissmus eine Form von Kapitalkonsum: Ein gutes Gefühl wird konsumiert zulasten der Selbsterkenntnis, der Realitätseinschätzung, der Verlässlichkeit, der Bereitschaft, einen bescheidenen Beitrag zu leisten. Immer mehr Menschen wollen Aufmerksamkeit und Anerkennung im Voraus – nicht als spätes Verdienst.
Das ist in einer Zeit der Entwertung nachvollziehbar. Es wäre also völlig verfehlt, jungen Menschen heute die Leviten zu lesen. Ihre Einstellung ist näher an der verzerrten Realität der Gegenwart als die ihrer Eltern. Sie erkennen unbewusst das eine Phase des Kapitalkonsums eine Zeit des Vordrängens ist, denn sonst geht man leer aus. Was als Narzissmus diagnostiziert wird, könnte also durchaus nur die nüchterne Reaktion auf die wirtschaftlichen Verhältnisse sein. Aufmerksamkeit wird zu einer immer wichtigeren Währung und das Streben nach Aufmerksamkeit damit zu einem funktionellen Karriereweg.
Verbunden ist damit auch der zunehmende Materialismus. Wenn junge Menschen möglichst hohe und stabile Gehälter als Selbstzweck erstreben, ist das womöglich eine pragmatische Reaktion auf die Geldentwertung. Es kommt zu einer Lebenslaufhektik, bei der möglichst schnell möglichst viele Zeilen im Lebenslauf erworben werden. Tatsächlich erworbene Kenntnisse treten in den Hintergrund. Wohl auch, weil diese Kenntnisse in vielen Positionen immer weniger relevant werden. Gelernt wird ohnehin alles Wesentlich am Arbeitsplatz. Die feste Anstellung bei festem und ausreichend hohem Gehalt wird so zur Voraussetzung des Erwerbs relevanter Kenntnisse – eine völlige Umkehrung der Reihenfolge, die nur durch Vorfinanzierung erklärbar ist. Der Gegensatz dazu ist nämlich Vorleistung, und deren Notwendigkeit schwindet beim Nullzins.
Anstelle des verdienten Erfolgs tritt das Bedürfnis nach sofortiger Geltung. Viele Jugendliche träumen davon, „entdeckt“ zu werden. Superstar zu sein, wird zum Berufswunsch – allerdings ohne Leistung. Auch Prominenz ist heute oft kreditartige Vorausbekanntheit – und hängst immer öfter am Zugang zu Aufmerksamkeitskartellen. Durchschnittliche bis unterdurchschnittliche Menschen mit großem Aufmerksamkeitsbedürfnis schaffen es immer öfter, zur Belustigung der Maße „entdeckt“ zu werden. Oder die Prominenz fällt mühelos denen zu, die an die vorfinanzierten Medienjobs mit direktem Öffentlichkeitskontakt gelangt sind. Nachrichtenableser aus dem staatlichen Rundfunk können dann zu den Vorzeigeintellektuellen eines Landes mit der größten Twitter-Reichweite werden, wenn sich Aufmerksamkeit noch mit zeitgeistigen Positionen verbindet, die es in besonders reichweitenstarke Filterblasen schaffen. Die öffentliche Bekanntheit lässt sich dann in materiellen Erfolg ummünzen, durch Buchveröffentlichungen – immer öfter von Ghostwritern der Verlage geschrieben –, Musik – die andere komponieren, einspielen und zurechtmischen – oder bezahlte Auftritte – zur Aufhübschung von Konzernevents, in den zunehmenden Fernsehsendungen der B-Prominenz oder gleich in der Politik.
Die schleichende Trennung von Leistung, Kenntnissen, Fertigkeiten und Erfolg führt zur Abwertung ersterer. Besonders deutlich werden diese Entwicklungen im Bildungsbereich. Dort geht heute Niveausenkung paradoxerweise mit steigendem Druck einher. Die Studenten befinden sich in einem Zertifikatewettlauf, bei dem Inhalte völlig sekundär werden. Noch nie wurde so viel Geld für „Bildung“ ausgegeben wie heute, und doch war die Enttäuschung noch nie so groß über die Bildungsergebnisse.
Der Nullzins erlaubt die schuldenfinanzierte Bildung in fast beliebig hohem Ausmaß, während die erwartete Produktivitätssteigerung immer weiter in der Zukunft liegen kann. Mangels Zins werden auch die fernsten Ergebnisse gleich behandelt wie gegenwärtige, wodurch sie so weit in Ferne rücken, dass sie unüberprüfbar werden. Die Schuldenfinanzierung der Bildung erfolgt entweder privat, wie in den USA, oder staatlich wie in Europa. Doch die Trennung von privat und Staat schwindet beim Nullzins. Ob die Bildung durch direkte Transfers, direkte Institutionenfinanzierung, Subventionierung von Krediten oder schlicht Vergünstigung von Krediten durch Geldschöpfung und Zinsintervention erfolgt, ist für das Ergebnis relativ unerheblich. Die Folge ist jedenfalls immer geringere Rechenschaft der Bildungsinstitutionen, auch dort wo sie privat sind und im Wettbewerb stehen.
Bildung als Element individueller Kapitalbildung wird durch Nullzins und Verzerrung der Kapitalstrukturen besonders stark verändert. Eine Zertifikateinflation entwertet Abschlüsse und erhöht zugleich den Druck – völlig analog zur Geldmengeninflation. Tatsächlich sind die Bildungsausgaben in den USA der stärkste Treiber der Teuerung.
Die Kausalität ist aber umgekehrt: Nicht Bildung treibt Inflation, sondern Inflation bläht Bildung auf. Moderne Ausbildung ist ein Kapitalersatz, genauso wie der geschaffene Kredit. Wo die Verbindung zwischen Kredit und Bildung eine direkte ist, wie etwa in den USA, wird die Dynamik offensichtlich. In anderen Staaten ist die Kostenexplosion in Budgets versteckt. Damit ist sie weniger sichtbar, da die direkte Intuition genau gegenläufig ist: Aufgrund des Entwertungsdrucks überwiegt im Bildungsbereich ein ständiger Eindruck zu knapper Mittel. In Europa haben viele den Eindruck, dass die Bildung „zu Tode gespart“ wird. Zugleich sind Bildungsausgaben quer durch alle politischen Lager sakrosankt.
Wo es noch einen Wettbewerb durch private Bildungsanbieter gibt, sind diese meist akkreditierte Zertifikateanbieter. Ihre Kunden sind die Zertifikateerwerber. Viele dieser Anbieter sind heute im Besitz von Fonds. Ihre kurzfristige Kundenorientierung führt zu einem laufenden Druck der Niveauabsenkung. Am liebsten wäre den „Kunden“, die fern jeder Kostenwahrheit nachfragen, der Erhalt der Zertifikate direkt per App auf das Mobiltelefon – möglichst ohne Mühe. Daher florieren Anbieter des Fernunterrichts. Der Unterricht ist durch den Zertifikatedruck aber völlig entwertet – sodass große Universitäten ihre Kurse bereits kostenlos ins Netz stellen. Sie wissen, dass sie ihr Geld durch Verkauf von Zertifikaten verdienen, nicht durch Bildung – deren Resultate nicht beliebig skalierbar und quantifizierbar sind. Entscheidend ist der Markenwert der Bildungsanbieter, dafür wird ohne Hemmnisse das historische Kapital von bestimmten Standorten konsumiert. Amerikanische Eliteuniversitäten „investieren“ vor allem in Sportler und die nötigen Sportanlagen, sowie in einen prunkvollen Campus. In Europa ist der Kapitalkonsum versteckter, greift aber weiter: Standorte mit großer Geschichte werden entsprechend gemolken – Wien bietet sich etwa besonders für die Bewirtschaftung der Fachrichtungen Musik und Psychologie an. Tatsächlich wird in Wien klassische Musik politisch benachteiligt, und die alten Säle werden nur noch von Weißhaarigen und asiatischen Touristen gefüllt, während die psychologischen Traditionen wie andere wissenschaftliche Schulen die Emigration antreten mussten.
Zertifikate werden zum Geltungskonsum – ein weiterer Grund, warum Bildung so eine Kostenexplosion zeigt. Nassim Taleb erkannte völlig richtig, welche Dynamik hinter dem anhaltenden Markenwert der bekanntesten Universitäten führt, die wie die bekanntesten Börsentitel durch die Rekognitionsheuristik Gewinner der Nullzinsentwertung sind:
Eliteuniversitäten haben ja mittlerweile in den Augen der neuen asiatischen und amerikanischen Oberschicht den Status von Luxusgütern. Harvard ist wie eine Tasche von Louis Vuitton oder eine Uhr von Cartier. Es wird ein gewaltiger Druck auf Mittelschichteltern ausgeübt, die immer größere Anteile ihres Ersparten indiese Institutionen schaufeln und ihr Geld Verwaltern, Immobilienhändlern, Professoren und anderen Vermittlern übertragen. In den Vereinigten Staaten findet eine Akkumulation von Studienkrediten statt, die automatisch auf diese Rentenabschöpfer übergehen. In gewisser Hinsicht ähnelt es einer Erpressung: Man braucht den Abschluss von einer namhaften Universität, um im Leben weiterzukommen; dabei wissen wir, dass die Gesellschaft insgesamt keine Fortschritte macht, die auf das organisierte Bildungssystem zurückzuführen wären. [@talebAntifragilitaetAnleitungFuer2013: 303]
Kurzfristigkeit, verbunden mit dem Erfolgsdruck, führt dazu, dass Studenten kaum noch inhaltliches Interesse in Vorlesungen zeigen. Die häufigste Frage, die man von ihnen zu hören bekommt, lautet: Kommt das zur Prüfung? Insbesondere in den Massenstudien geht es um das Belegen möglichst vieler Multiple-Choice-Prüfungen in möglichst kurzer Zeit. Dieses Bulimie-Lernen führt dazu, dass Studien keine langfristig nachweisbaren Inhalte mehr vermitteln, nur kurzfristig wertvolle Abschlüsse. Massenstudien sind solche, die besonders gute Kompetenzfassaden vermitteln, etwa Wirtschaftsabschlüsse – denn „Wirtschaft“ hat ja wohl immerhin etwas mit Wirtschaft zu tun und berechtigt zu Arbeitsplätzen. Da das Lernen ohnehin im Job erfolgt, fällt der Bluff nicht auf. Für die Unternehmen ist es ein ausgelagerter Filter, für den sie nichts bezahlen müssen: Zertifikate dokumentieren die Fähigkeit der Studenten, eine gewisse Alphabetisierung, Disziplin, Unterordnungsbereitschaft und Angestelltengesinnung mitzubringen. Das ist nicht viel, da es aber ein kostenloser Indikator ist, greift man im Nullzinsumfeld gerne darauf zurück. Insbesondere in den HR-Abteilungen großer Konzerne, die rein formalistisch operieren.
Da der Abschluss immer mehr jungen Leuten offensteht, sind oberhalb der Grundmotivation, sich durch die Prüfungen zu quälen, Kompetenz- und Fleißunterschiede zunehmend irrelevant. Das schlägt sich in einer lockeren Studentenkultur nieder, in der Konsum besonders wichtig ist. Subventionierte Auslandssemester dienen vorwiegend dem Feiern unter hohem Alkoholkonsum. Obwohl sie Dauerstress empfinden, wenden Studenten heute durchschnittlich gerade 14 Stunden pro Woche für das Studieren im engeren und eigentlichen Sinne auf [@caplanCaseEducationWhy2018: 65].
Die Evaluierung der Vortragenden durch die Studenten ist mittlerweile relevanter als die Evaluierung der Studenten durch die Vortragenden. Erstere kann Karrieren beenden, bei letzterer ist besonders bei privaten Zertifikatefabriken der Druck groß, möglichst alle Studenten am Ende durchzulassen – immerhin bezahlen sie dafür. Professoren stehen dabei im Weg. Der Trend geht in Richtung von abhängigen Jungakademikern, die von Projekt zu Projekt hechten und möglichst nicht viel Zeit an einem Ort verbringen sollen. Strenges Prüfen können sich nur noch ältere Professoren leisten, und diese werden dann gerne durch politische Korrektheit aus dem Weg geräumt.
Hier ist eine der Triebkräfte auszumachen, die zum Ende der Gedankenfreiheit an der Universität geführt haben. Besonders ausgeprägt ist diese Entwicklung in den USA, aber auch Europa steht kaum nach. Ein enger Korridor zulässigen Denkens errichtet heute „safe spaces“, Räume der kritiklosen Behaglichkeit, um die Studenten. Das ist eine weitere Ausprägung der oben geschilderten Kokons. Doch dieser Kokon ist nur nach ihnen watteweich, nach außen ist er erstaunlich antagonistisch. An manchem Campus werden Diskussion durch bürgerkriegsartige Ausschreitungen verhindert. Immer mehr akademische Karrieren enden heute am Überschreiten der engen Grenzen der politischen Korrektheit. Studenten zeigen ihre Professoren an, gegen die dann durch den sogenannten Mittelbau, die universitären Verwaltungsbeamten ermittelt wird. Die aggressive Verletzlichkeit der jungen Menschen ist Folge ihres Narzissmus – doch warum kann sich dieser so ungestört ausbreiten?
Der Grund ist einerseits das Missverständnis vieler Professoren ihrer eigenen Funktion. Viele hängen noch einem alten Ethos nach, der die Universität mit einem Ort des freien Diskurses, der elitären Auswahl und der Forderung und Erziehung junger Menschen verwechselt. Das entspricht nicht mehr der Realität. Professoren, die sich in ihren Äußerungen nicht an den Grundkonsens der politischen Korrektheit halten können, halten sich meistens auch nicht an den Grundkonsens der erleichterten Zertifikatsvergabe. Kurzfristig betrachtet zeigen sie dadurch ihre Feindschaft gegenüber den Studenten, die ja eigentlich Zertifikatekunden sind und ohnehin unter den steigenden Kosten bei sinkendem Wert dieser Güter leiden. Die mangelnde „Kundenorientierung“ ihrer Professoren behagt ihnen nicht, und es ist völlig rational und pragmatisch, dass solche Professoren dann auch nicht auf die Freundschaft ihrer Studenten zählen können. Ohne Freundschaft aber fehlt die Intimität des wirklich kritischen, ergebnisoffenen und kontroversen Diskurses. Der Geist der Feindschaft ist nicht die Schuld der Studenten, sondern die institutionelle Folge der Zweckentfremdung der Universität zu einem Mittel hochskalierter Zertifikateproduktion.
Insbesondere bei Universitäten, die staatliche Ämter oder private Konzerne sind, zeigt sich dasselbe Muster der Bürokratisierung wie in allen anderen Bereichen. Der wachsende Mittelbau sucht sinnvolle Aufgaben. Diese rationalisiert man sich in der Vermittlung zwischen Studenten und Professoren, dem Aufrechterhalten formaler Prozeduren und der Ordnungsmäßigkeit des Betriebs. Das lässt politisch korrekte Befindlichkeiten zu einer kafkaesken Gremienbeschäftigung eskalieren, ganz ohne böse Absicht oder Ideologie. Die Zunahme der politischen Korrektheit ist also eigentlich keine Folge der zunehmenden Bedeutung von Ideologie, sondern eher des Gegenteils: Mitläufertum unter dem Nullzins, der kurzfristige Vorteile für bestimmte Gruppen von den langfristigen Folgen und den sozialen Kosten trennt. Dass Studenten heute an den Universitäten weiter infantilisiert werden, indem sie immer mehr Zeit in Kokons fernab der Realität nach schulischen Lehrplänen verbringen, die global gleichgeschaltet sind, anstatt eine Phase der Reifung durchzumachen, bleibt kurzfristig folgenlos, wenn sie dann einfach in die Kokons der Jobs im geschützten Bereich weitergereicht werden – Jobs, in denen aktuelle Wertschöpfung und Vorleistung keine Rolle mehr spielen.
Wachsendes Mitläufertum, wachsender Anpassungsdruck und schwindender Sinn führen zu entsprechenden Gegenreaktionen. Zeiten großer Geldmengenausweitung sind stets Zeiten revolutionärer Aussteiger. So gewannen in der Weimarer Republik sogenannte „Inflationsheilige“ immer mehr Anhänger. Diese predigten die Abkehr von der bürgerlichen Gesellschaft, die dem Entwertungsdruck ohnehin kaum standhalten konnte. Bequeme Kleidung bis Nacktheit, Gesundheitskult, Vegetarismus, Barfußlaufen, reduzierte Körperhygiene, asketische Reduktion, Hinterfragen der Sexualmoral, Nomadentum und viele andere Facetten dieser Gurus wirken erstaunlich aktuell. Diese vermeintlichen Heiligen waren aber in der Tat Abkürzungsheilige, sie wählten die einfachsten und schnellsten Wege, Eindruck zu schinden und Aufmerksamkeit zu erzielen. Überhaupt nicht heiligenhaft war ihre ausgeprägte Egozentrik, der typische Narzissmus der Gurus, ihre Unduldsamkeit, ihr blinder Aktionismus und das Ausnutzen schwacher Naturen.
Die Sehnsucht nach der Abkehr vom sinnleeren Wettlauf um die Insignien bürgerlicher Existenz ist auch heute groß. Wenn das Eigenheim unleistbar scheint, weil die Vermögenswerte schneller steigen als die Einkommen, wächst die Sehnsucht nach dem einfachen Leben, dem Tauschen und Teilen, der „sharing economy“. Entsprechend reagiert auch die Wirtschaft darauf und erleichtert den Zugang zum Erlebnis anstelle des Eigentums: der kurzfristigen Miete von Wohnungen über Airbnb, der schnellen Fahrt mit einem Uber, der Nutzung eines Sportwagens über das Wochenende oder dem Konsum von arrangierten Erlebnispaketen, die möglichst viel Luxus in möglichst wenig Zeit packen. Aber auch das Bespielen der Sehnsucht nach dem einfachen Leben ist mittlerweile eine große Industrie. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in der Endphase der griechischen Zivilisation, als der Kapitalkonsum am größten war, die philosophische Schule der Kyniker den größten Andrang genoss: Diogenes predigte das einfache Leben wie ein Hund in der Tonne.
Wirklich asketische Lebensstile weisen allerdings steigende Opportunitätskosten auf. Darum bleibt es meist bei der konsumtiven Askese auf Zeit, als teure Fastenkur, als alternatives Hobby, als Gärtnern in der Freizeit unter massivem Einsatz der Konsumgüter aus den Baumärkten, die geschickt als Kapitalgüter verpackt sind. Das antibürgerliche Mitläufertum, die Systemkritik als Pose ohne Konsequenz, das kennzeichnet die vielzitierten Bobos: Bourgeois-Bohèmien. Das bedeutet, sich als künstlerischer Asket, als Revolutionär und Ästhet gefallen, ohne auf die Bequemlichkeiten bürgerlichen Wohlstands und bürgerlicher Stabilität zu verzichten. Für sie ist selbst die Konsumkritik ein Konsumgut. Antikapitalismus wird mit großem kommerziellem Erfolg unter die Leute gebracht.
Bohémien bezeichnet aber eben auch eine ästhetische Reaktion. Der Faible für das Handwerk, die Verdächtigung des Kommerzes, das Aufkommen von Retro-Moden – all dies sind kleine Aufstände gegen die wahrgenommene Hässlichkeit der modernen Welt. Nun scheint gerade das Schöne eine Geschmacksfrage zu sein. Dennoch fällt wieder eine Verdichtung auf, die merkwürdig ist. Obwohl gigantische Summen in die Baubranche fließen, ist den meisten modernen Bauten anzusehen, dass sie reine Zweckbauten sind. Das scheint merkwürdig. Gewiss, Beschränkung kann ästhetisch sein, weil sie diszipliniert und dazu führt, knappe Mittel optimal einzusehen. Doch scheint der Spardruck heute größer zu sein. Dieser Gegensatz ist typisch für die Nullzinswirtschaft. Es handelt sich um die Kapitalknappheit, die hinter der Kreditfülle verborgen ist. Liquide Mittel finden sich unter einem ständigen Entwertungsdruck und wachsenden Opportunitätskosten. Jedes nicht bei maximaler Rendite veranlagte Geld verliert dramatisch an Wert. Bei Gütern und Dienstleistungen muss also maximale Zahlungsbereitschaft mit minimalen Kosten verbunden werden. Das führt zu oft enttäuschenden Kompromissen. Schönheit hat allenfalls in billigen Fassaden Platz, in hochskalierten Kopien, in der Verwertung vergangener Muster.
Die „kritischen Konsumenten“ der Nullzinszeit werden zurecht immer misstrauischer. Ihr Biofleisch ist Massenware, ihr Fair-Trade-Kaffee schließt jene kleinen Lieferanten aus, welche die hohen Kosten des Etiketts nicht zahlen können, ihr Craftbeer ist ein Massentrend aus den USA. Jugendsprache, hippe Musik, Weltverbesserungsrhetorik hübschen die Produkte auf, die ihre Sehnsucht nach dem Schönen und Guten hochskaliert befriedigen sollen.
Schönheit ist immer riskant, denn der Grat zum Kitsch ist schmal. Schönheit ist knapp. Schönheit drückt kurzfristig die Rendite. In einer Zeit, in der das Häuserbauen schon den meisten Einkommen entrückt ist, will man ans Bauen schöner Häuser gar nicht mehr denken. Der Nullzins führt zum maximalen Fokus auf Nominalwerte. Im Zusammenspiel mit einer falschen Art der Bilanzierung, die sich leider durchgesetzt hat, rechnen alle in „Marktwerten“ – ohne die unterschiedliche Liquidität der Güter zu betrachten. Schönheit hat kurzfristig kaum einen Einfluss auf diese Nominalbeträge. So gibt es einen Tendenz dahin, nur noch in das zu „investieren“, was unmittelbar den fiktiven Marktwert erhöht, und alles andere „einzusparen“.
Freilich ist die Nostalgie für die Formen der Vergangenheit selbst wieder Reaktion auf die Verzerrungen der Gegenwart und übertrieben. Die Umsetzung dieser Formen ist heute teurer, weil sie die Neu-Inszenierung einer vergangenen Welt bedeutet – und da ist der Aufwand immer höher. Diese Formen entsprachen mehr dem menschlichen Maß, das macht sie in einer Zeit der Überdehnung attraktiv. Doch die Nostalgie darf nicht vergessen lassen, dass kaum jemand freiwillig den materiellen Wohlstand aufgeben würde, der erst jenseits der Vergangenheit kleiner Bauern und Handwerker möglich wurde.
Warum aber findet sich in modernen Formen so wenig Schönheit? Warum hat alles eine so karge Anmutung? Ein Aphorismus von Nicolás Gómez Dávila gibt eine mögliche Antwort:
Wenn wir wollen, dass etwas Bestand hat, sorgen wir für Schönheit, nicht für Effizienz [@davilaEscoliosTextoImplicito1977].
Die aufgrund des Entwertungsdrucks nötige Effizienz ist eine kurzfristige: Es handelt sich um den Zeitdruck, die gegenwärtig möglichen Renditen maximal zu erhöhen. Individueller Kapitalaufbau fließt immer mehr in anonyme, pragmatische Veranlagungen und mit der persönlichen Komponente schwindet auch die Ästhetik. Das hat zu einer Verschiebung künstlerischer Anstrengung geführt.
Die Ringstraßenbauten in Wien waren einst ebenso Kapitalanlage vermögender Schichten. Dennoch unterscheiden sie sich fundamental von den heutigen Wiener Immobilienprojekten, obwohl schon damals eine gewisse Angleichung durch Kreditausweitung stattfand – aber eben noch weit weg von einem Nullzins. Personalisierung, zeitlose Schönheit, Originalität findet sich heute eher im Bereich der Konsumgüter als im Bereich der Kapitalgüter. Dadurch verschiebt sich die Ästhetik aus dem öffentlichen in den privaten und virtuellen Raum. Die handwerkliche Qualität bei der künstlerischen Gestaltung heutiger Fernsehserien, Computerspiele und virtueller Welten hält vergangenes Niveau oder übertrifft es noch.
Doch der digitale Raum, in den heute so vieles – auch aufgrund des Drucks in der analogen Realität – ausweicht, ist weniger zeitlos und stärker fragmentiert. Wer nicht völlig in die virtuelle Realität abdankt, findet sich so zerrissen zwischen einer immer hässlicheren analogen Welt und immer widersprüchlicheren Versprechen und Deutungen in der digitalen. Am Ende steht das sogenannte Cocooning – nicht zufällig in Japan als Hikikomori am ausgeprägtesten. Gemeint ist damit der Rückzug aus der realen Welt, meist zugunsten einer eingeigelten Existenz vor dem Heim-PC. In Japan spielt Scham eine größere Rolle; das erklärt den Widerspruch zwischen Hikikomori und Narzissmus, wobei ersteres meist mit niedrigerem Selbstwertgefühl, letzteres mit überhöhtem verbunden ist. Wie kann beides Nullzinsfolge sein? Dazu muss in Erinnerung gerufen werden, dass diese Analyse Phänomene nicht monokausal deuten will, sondern nur bemerkenswerte Häufungen von Phänomenen betrachtet. Die sich häufenden Phänomene können durchaus gegensätzlich sein – und sind es auch oft, wie die bisherige Analyse zeigte.
Politische Auswirkungen der Nullzins-Ökonomie
Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wirkungen des Nullzins sind dadurch beschränkt, dass das Ausmaß der Kreditnahme begrenzt ist. Selbst bei einem Nullzins ist ja Rückzahlung nötig, was eine gewisse Kreditwürdigkeit voraussetzt. Das Drücken des Zinses unter den Marktzins führt sogar zur Kreditknappheit für viele potentielle Kreditnehmer. Konsumkredite stehen zwar sehr breiten Kreisen zur Verfügung, aber Produktivkredite bekommen nur noch jene, die sie eigentlich nicht brauchen. Die Schwierigkeit, unter einem Nullzins noch qualifizierte Kreditnehmer zu finden, ist eine der wesentlichen Beschränkungen der Geldmengenausweitung, sodass auch unter einem Nullzins deflationäre Kräfte wirken können.
Es gibt nur einen nahezu unbeschränkten Kreditnehmer, dessen Bonität nicht an ihm selbst, sondern seinen Geldgebern hängt: der Staat. Dieser ist gewissermaßen der „spender of last ressort“, der letzte verfügbare Ausgeber und Kreditnehmer, wenn alle anderen schon illiquide sind. Nullzins bedeutet also durch die unterschiedliche Kreditaufnahmefähigkeit stets eine Verschiebung von Vermögenswerten in Richtung Staat. Dieser inhärente Etatismus ist die wohl schlimmste Folge eines Nullzins. Die paradoxen Dynamiken des Nullzinses führen nämlich zugleich zu einer stärkeren Legitimierung des Staates. Er tritt als Lückenfüller auf, wenn Private scheinbar versagen. Es kommt ihm zugute, dass ein immer größerer Teil der Wirtschaft nicht mehr der Marktdisziplin unterliegt und daher das Versagen zunimmt, das dann als „Marktversagen“ gedeutet wird.
Staat ist monopolisierte Gewalt. Die Ausdehnung des Staates bedeutet trotz aller Bekenntnisse zu Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten immer Ausweitung des Bereichs der Gewalt zulasten des Bereichs des Vertrags und der freiwilligen Kooperation. Wird die freiwillige Kooperation verdrängt, so führt dies wiederum zu einer selbstverstärkten Legitimierung staatlichen Zwangs. Die unter dem Nullzins grassierende Kurzfristigkeit und der Anlagedruck, der wenig Platz für wirklich karitatives und nachhaltiges gesellschaftliches und kulturelles Engagement lässt, stärken die Rufe nach dem Staat, der immer mehr gesellschaftliche Aufgaben übernimmt und scheinbar auch übernehmen muss.
Doch natürlich ist ein Staat, der überwiegend schuldenfinanziert ist, keineswegs weniger kurzfristig als es die privaten Akteure sind, die er ersetzen möchte. Ganz im Gegenteil führen die kurzen Legislaturperioden, die mangelnde Möglichkeit realen Kapitalaufbaus durch Politiker und die Polarisierung zu einem noch gravierenderen Kapitalkonsum. Die Opportunitätskosten einer materialistischen Gesellschaft führen dazu, dass Politiker ihre persönliche Bereicherung rationalisieren. Doch da diese nur indirekt erfolgen kann, ist ihre Bereicherung oft ineffizienter als es die direkte Plünderung wäre. Politiker bereichern sich, indem sie Gunst durch politische Entscheidungen aufbauen, staatliches Prestige missbrauchen und alles danach ausrichten, nach der politischen Karriere „privat“ zu verdienen. Sie dienen sich Lobbies an, was zum sogenannten Drehtür-Phänomen führt: dem nahtlosen Karrierewechsel zwischen Lobby und Politik. Sie betreiben Politik nach dem Maßstab, den eigenen Status zu erhöhen. Sie nutzen ihre Macht zugunsten von Interessengruppen, da sie diese auch mit Versorgungsposten auffangen. Mittlerweile sind reine Politikkarrieren Normalität: Von der Hochschulgruppe über die Interessenvertretung direkt ins Parlament, und dann der „Exit“ in das Kartell der staatsnahen „Privatwirtschaft“, sofern man nicht in hochbezahlte internationale Positionen „weggelobt“ wird.
Unbeschränkte Kreditmittel stehen auch hinter den historischen Explosionen staatlicher Gewalt. Ohne Kreditschöpfung wären die Weltkriege wohl nach wenigen Monaten zu Ende gewesen, da den Kombatanten die Gelder ausgegangen wären. Die Kreditschöpfung, die bis zum Nullzins führen kann, ist natürlich die Folge eines staatlichen Privilegs: des gesetzlichen Zahlungsmittels, das durch Steuerforderungen künstlich aufgewertet wird. Unter einem Nullzins wird die einst absurde These der „Modern Monetary Theory“ langsam Realität: Steuern wären nicht zur Staatsfinanzierung da, sondern zur Kontrolle der Geldzu- und -abflüsse.
Wenn Geldschöpfung die Mittel zur Kriegsführung erhöht, warum nehmen dann Kriege weltweit ab? Dieser Umstand hält etwa Steven Pinker [@pinkerBetterAngelsOur2012] für einen der Indikatoren, nach denen es uns immer besser gehe – was die Kritik am Nullzins als altmodische Suada erscheinen lässt. Wenn materieller Wohlstand und Frieden weltweit zunehmen, müssten wir in der besten aller Welten leben, was im Rückschluss auch zur Würdigung der staatlichen Institutionen und des Finanzsystems führen würde.
Was den materiellen Wohlstand betrifft, so ist es keine Frage, dass die Ausweitung der internationalen Arbeitsteilung und die Mobilität von Investitionssummen immense Produktivitätsgewinne brachte und bringt. Das Problem sind die zyklischen Verzerrungen. Momentan sieht es so aus, als ob die Kurve, die durch die vergangenen Zyklen gelegt werden kann, nach oben zeigt. Dass also das Auf- und Ab der Weltwirtschaft nur vor dem Hintergrund eines ständigen Aufwärtstrends geschieht. Doch es gibt keinerlei Gewissheit, dass es nach einer Korrektur immer wieder nach oben geht und neue Höchststände erreicht werden. Gewiss ist nur, dass fallen muss, was hoch steigt, nicht, dass steigen wird, was einmal gefallen ist. Die zyklischen Verzerrungen können zudem mit ihren gesellschaftlichen Folgen zu politischen Reaktionen führen, welche die Grundlage steigenden globalen Wohlstands untergraben. Schon heute hat die Marktwirtschaft nur sehr wenige prinzipienorientierte Vertreter. Das ist schon paradox: Es gab wohl noch nie eine Gesellschaftsordnung, die so vielen Menschen nützt und von so wenigen Menschen geschätzt wird.
Dafür gibt es mehrere psychologische und politische Gründe. Der wesentliche Grund sind die paradoxen Verzerrungen, die nahezu jeden Kritikpunkt an der Marktwirtschaft mit einem ausreichend wahren Kern füllen. Die Überdehnungen sind schon alt; der moderne „Kapitalismus“ ging leider von Anfang an mit massiven Verzerrungen einher, sodass der Begriff selbst als Schimpfwort aufkam. Unter einem Nullzins steigt durch die kumulierten Verzerrungen nach und nach die Abneigung gegenüber der Marktwirtschaft und den vermeintlichen „Kapitalisten“. Einerseits steigt tatsächlich die Ungleichheit massiv – in erster Linie durch die aufgeblähten Vermögenswerte. Guido Hülsmann beschreibt diese Dynamik gut:
Selbst, wenn jemand bereits sehr vermögend ist, kann er weiterhin hoffen, durch die Anlage seiner Ersparnisse in Immobilien und Wertpapieren auch eine ansprechende Kapitalverzinsung zu erzielen. Mehr noch: Gerade wenn er bereits sehr vermögend ist, kann er sich besonders leicht verschulden und die geliehenen Beträge zur weiteren Vermehrung seines Vermögens investieren. Die natürliche Ordnung der Dinge wird hier vollkommen auf den Kopf gestellt. Wachsender Wohlstand bedeutet wachsende Einkommensüberschüsse (Ersparnisse). […] absorbieren gerade wohlhabende Leute die finanziellen Überschüsse anderer Leute, die sich nicht so sehr verschulden können oder verschulden wollen. [@hulsmannKriseInflationskulturGeld2014: 178]
Parallel zu den wirtschaftlichen Verzerrungen des Konjunkturzyklus gibt es auch zyklische politische Verzerrungen: den Gewaltzyklus. Dieser erklärt auch den paradoxen Umstand, weshalb mehr Mittel zur Kriegsfinanzierung nicht unbedingt mehr Kriege bedeuten.
Offene Gewalt hat einen hohen Preis: sie kostet nicht nur immense Mittel, sondern auch die Legitimität – die Bereitschaft, sich regieren zu lassen. Moderne Staaten meiden daher Gewalt. Doch wie lässt sich ohne Gewalt herrschen? Indem Konfrontationen nach Möglichkeit vermieden werden. Die unvermeidlichen Interessenskonflikte werden besänftigt durch materielle Transfers. Selbst einst staatsfeindliche Subkulturen wie die Punks wohnen heute in staatlich geförderten Punk-Heimen. Nahezu jede Neigungsgruppe findet irgendwie Förderungen, Vorrechte, Vergünstigungen. Es gilt immer mehr die Losung von Frédéric Bastiat: Der Staat ist die große Fiktion, durch die alle versuchen, auf Kosten aller anderen zu leben. Doch Kosten trägt niemand gerne – Verteilungskonflikte können in Gewalt enden.
Die Geldschöpfung, die indirekt eine immer weitere Ausdehnung staatlicher Verschuldung erlaubt, mindert diese Konflikte beträchtlich. Es kann nun mehr verteilt werden, als direkt sichtbar anderen genommen wird. Gewiss bleibt auch das Nehmen noch unvermeidlich, doch es ändert seine Funktion. Steuern sind mehr dazu da, die Schulden zu besichern, als die Ausgaben zu finanzieren. Der Kredit des Staates bemisst sich an seiner Fähigkeit, die Steuerleistung der Untertanen zu maximieren. Darum haben Staaten mit geringerer „Steuermoral“ auch einen geringeren Kredit. Das würde normalerweise höhere Zinsen bedeuten, was wiederum die Kreditausweitung des Staates begrenzt.
In der Europäischen Union wurde dieser Mechanismus durch eine Geldschöpfungs- und Schuldenunion weitgehend außer Kraft gesetzt. Die Folgen der Niedrigzinsverlockung sind daher besonders verheerend in Staaten mit historischem niedriger „Steuermoral“, wie Griechenland, Italien und Spanien. Wenn sich diese in der Krise befinden, welche Ausdruck der kreditfinanzierten Verzerrungen ist, dann gehen die Reformbemühungen stets in Richtung einer Hebung der Steuererträge. In einer Krise die Bevölkerung zu schröpfen, stößt allerdings nicht auf Gegenliebe – wodurch die vermeintlich „neoliberale EU“ mit ihrem „Spardiktat“ dann in genau jenen Staaten am meisten verhasst ist, die am stärksten von billigeren Krediten „profitiert“ haben.
Das Zudecken von Konflikten durch Geldschöpfung führt zu Phasen höheren „sozialen Friedens“, der aber nicht nachhaltig ist. Die Friedlichkeit ist vorkonsumiert. Darum sind wirtschaftliche Korrekturen auch politisch noch brenzliger als das bloße Aufwachen aus einer Wohlstandstäuschung nötig macht.
Verschärft wird das Problem dadurch, dass auch die primäre Staatsfunktion, die Befriedung durch monopolisierte Gewalt, durch die Vorkonsumverzerrung zyklisch überdehnt ist. Die wachsende Kurzfristigkeit und der Kapitalkonsum schlagen sich darin nieder, dass die Vorteile des legitimierten Gewaltmonopols maximal ausgenützt werden, während die Aufwände und Voraussetzungen reduziert werden. Die Regulierungsdichte, Steuerlast und Begünstigung von Interessensgruppen wachsen weit über Bereitschaft und Fähigkeit hinaus, diese Herrschaftsvorteile durch Gewalt zu decken. Das geht gut, solange Gewalt gar nicht nötig ist, weil die Bevölkerung den Staatsorganen noch Furcht oder Respekt entgegenbringt. Verstärkt durch Zuwanderung von Neubürgern bricht die Gesellschaft aber zunehmend in zwei Parallelstrukturen auseinander: Die Folgsamen tragen die gesamte Regierungslast, während parallel regierungsfreie Räume entstehen.
Ein Gewaltmonopol muss letztlich durch Gewalt oder Legitimität gedeckt sein. Warum also kann die mangelnde Gewaltdeckung nicht durch Legitimität kompensiert werden? Lange Zeit war das auch der Fall. Doch die nahezu grenzenlose Schuldenfinanzierung des Staates entbindet ihn zunehmend von der Zustimmung derjenigen, welche die Kosten des Staates tragen. Nullzins höhlt letztlich Demokratie aus, wenn darunter die Einbeziehung der Präferenzen der Regierten in die Regierung verstanden wird. Dann werden nämlich die Kosten beliebig weit in die Zukunft verschoben zulasten der noch nicht Stimmberechtigten oder gar der Ungeborenen. Da ein Zins zwischen den Interessen der Zukunft und der Gegenwart vermittelt und einen materiellen Ausgleich bietet, schwinden solche Rücksichten unter einem Nullzins. Dann fühlt sich Demokratie immer mehr wie die Inszenierung durch eine Elite an, deren Mittel immer weniger von der Zustimmung der Regierten abhängig sind.
Eng verwandt ist die Problematik der Altersversorgung. Der Nullzins hintertreibt nicht nur die wirtschaftliche Altersversorgung, indem die Vermögensanlage immer schwieriger wird. Nach der unglaublichen Zerstörung der Weltkriege ist die Altersversorgung in Europa heute politisch dominiert. Da ein Nullzins immer weitere Umverteilung von der Zukunft in die Gegenwart erlaubt, verhindert er eine Anpassung der Altersvorsorge an den demografischen Wandel.
Als eines der gewichtigsten politischen Themen unserer Tage gilt die »Nachhaltigkeit«. Dabei ist selten die Altersversorgung oder der Wohlfahrtsstaat im Blick. Vielmehr geht die Sorge um, dass unsere Lebens- und Wirtschaftsweise die Lebensbedingungen der Menschen auf diesem Planeten nachhaltig ruiniert. Es heißt, westliche Produktions- und Konsumgewohnheiten seien nicht nachhaltig, denn sie führten schnurstracks zur Klimakatastrophe. Pflöge die gesamte Menschheit den Lebensstil westlicher Gesellschaften, würden wir ein Vielfaches unseres Planeten benötigen. Der Wirtschaft wohne durch ihren intrinsischen Wachstumszwang ein Ressourcenhunger inne, der nie und nimmer auf lange Sicht gestillt werden könne.
Die wahrgenommenen Symptome sind in der Tat mit einer gewissen Wirtschaftsweise verbunden. Doch entgegen der häufigen Vermutung, ist die nicht nachhaltige Nutzung von Ressourcen und Umwelt kein inhärentes Problem der Marktwirtschaft. Die größten Umweltschäden wurden in Planwirtschaften in Kauf genommen, in denen alles der Industrialisierung untergeordnet wurde. Umweltbedenken galten den frühen Sozialisten als kleinbürgerlich und konservativ. Dabei war man aber noch davon ausgegangen, dass der im Sozialismus geschaffene, so viel größere materielle Wohlstand über Umweltschäden hinwegtrösten würde.
Die Sozialisten änderten ihre Strategie, nachdem aufgedeckt wurde, dass der Sozialismus nicht Wohlstand für alle, sondern Armut für alle außer eine kleine Führungselite bedeutet. Sie werfen der Marktwirtschaft nun vor, dass sie zu viel Wohlstand schaffe – in einem Wachstumszwang, der die gesamte Welt mitreisse.
Das Wachstum des materiellen Wohlstands ist in der Tat beeindruckend. Weltweit hat die drückende Not der Ärmsten der Armen in historisch einmaliger Geschwindigkeit abgenommen. Milliarden wurden innerhalb einer Generation von Hungersnöten in den Mittelstand ihrer Länder gehoben. Doch leider ging dieses Wachstum mit einer Schuldendynamik Hand in Hand, die immer deutlichere Verzerrungsfolgen zeigt.
Wenn von Wachstumszwang die Rede ist, dann ist das zwar übertrieben. Doch im Nullzins ist der Wachstumsdruck nicht mehr zu leugnen. Ohne ständiges Wachstum würde aufgrund des Entwertungsdruck der reale Wohlstand sofort abnehmen. Diese Reaktion auf eine Wachstumsbremse wäre leider nicht kontinuierlich, sondern schockartig. Eine Stagnation des Geldmengenwachstums bedeutet Wirtschaftskrise. Der Nullzins führt zwar nicht zu einem unendlichen Kreditwachstum, aber zu einem dauerhaften Ausweitungsdruck.
Wachstum im Nullzins tendiert dazu, überwiegend quantitativ verstanden zu werden. Es geht um Nominalrenditen. Nur wer nominal noch Renditen erwirtschaftet, erhält dadurch einen Anteil an der laufenden Vermögensverschiebung. Qualitatives Wachstum, das sich nicht in Renditen ausdrückt, bedeutet, dass man im Umverteilungswettlauf der Vermögenswerte den Kürzeren zieht – und irgendwann auch die materielle Grundlage verliert, die qualitatives Wachstums ebenfalls benötigt.
Die renditebringenden Anlagen werden nicht nur hässlicher, sondern auch schädlicher. Massenparkplätze versiegeln die Böden, industrielle Landwirtschaft geht auf Kosten der Bodengesundheit und selbst die Erholungsräume ähneln Industriegebieten, in denen einem Massenpublikum Einkaufs- und Unterhaltungsfreuden geboten werden.
Gewiss erscheint solch ein Pauschalurteil reaktionär. Die pauschale Verurteilung der urbanen Dichte, der Umweltnutzung zugunsten des Menschen, der Renditen und der Technik ist auch verfehlt. Sie ist allerdings überwiegend eine Reaktion auf die Entfernung der Wirtschaftsstrukturen von den langfristigeren Interessen zugunsten der kurzfristigeren. Weil Produktionsstrukturen sich von den Präferenzen der Konsumenten und Sparer entfernen, kompensieren jene die aufkommende Enttäuschung durch Politisierung: durch den Ruf nach der Politik, um mittels Interventionen solche Entwicklungen aufzuhalten.
Die Marktwirtschaft ist eine Wirtschaftsordnung, in der die Konsum- und Sparentscheidungen der Menschen die Stimmen sind, die über die Produktionsstruktur entscheiden. Grundlage ist das Privateigentum: Die Möglichkeit, Angebote abzulehnen und eigene Mittel zurückzuhalten, bzw. anders zu verwenden. Geldschöpfung hat diese Abstimmung hintertrieben: Im Nullzins erreicht die Entmachtung der Konsumenten und Sparer ihren bisherigen Höhepunkt.
Warum handelt es sich auch um eine Entmachtung der Konsumenten? Wollen diese nicht immer mehr kurzfristigen Konsum zulasten der nachhaltigen Bedingungen? Das Wollen und die Präferenz, die am Markt zu einer Stimme wird, sind unterschiedliche Dinge. Es geht um die konkreten Kaufakte. Wenn Konsumenten allein über die Produktionsstruktur bestimmten, würde das bedeuten, dass allein die gegenwärtigen Einnahmen die Ausweitung von Unternehmen finanzieren könnten. Nur Unternehmen, die gegenwärtig mehr einnehmen als ausgeben, könnten wachsen – und nur in dem Ausmaß dieser Eigenkapitalfinanzierung aus dem Cashflow.
Wenn auch die Sparer mitentscheiden, bedeutet das, dass eine Eigenkapitalfinanzierung auch aus eigenen und fremden Ersparnissen möglich ist – allerdings wiederum nur im Ausmaß dieser Ersparnisse. Unter einem Nullzins verschiebt sich die Finanzierung von Unternehmen immer weiter vom Eigenkapital zum Fremdkapital, dessen Dimension wiederum kaum mehr in Beziehung zu den real vorhandenen Ersparnissen steht. Die Kausalität dreht sich um. Das Einkaufszentrum entsteht überwiegend nicht deshalb, weil immer mehr Menschen am selben Ort ihr Geld ausgeben, oder ihre Ersparnisse für dieses Projekt zur Verfügung stellen, oder weil die Eigentümer sich ein Einkaufszentrum auf ihrem Grund wünschen. Das Einkaufszentrum entsteht ohne direkte Beziehung zu solchen Präferenzen, und dann ist es nun einmal da – und zieht die Konsumenten an. Nun wäre das noch nicht so schlimm, wenn die Konsumenten, Sparer und Eigentümer im Nachhinein diese vorgegriffene Entscheidung als beste Mittelverwendung gutheißen. Das Problem ist die zyklische Überdehnung mit der folgenden Korrektur: Die in der Krise schließenden Zentren stehen dann als graue Industrieruinen herum – leider hatten aber die anderen Nahversorger die Boomkonkurrenz nicht überlebt.
Es war wiederum der nüchterne Zyniker Joseph Schumpeter, der die Wirkung der Geldschöpfung auf die Wachstumsdynamik offen beschrieben hatte:
So wird die Kluft geschlossen, die in der Verkehrswirtschaft bei Privateigentum und Selbstbestimmungsrecht der Wirtschaftssubjekte sonst die Entwicklung außerordentlich erschweren, wenn nicht unmöglich machen würde. [@schumpeterTheorieWirtschaftlichenEntwicklung1934: 154]
Das bedeutet, die Geldschöpfung ermöglicht ein Wachstum jenseits der Präferenzen der Menschen. Reale Menschen sind nämlich alles andere als die Modellmenschen des homo oeconomicus der neoklassischen Ökonomik. Sie wünschen selten die völlige und ausschließliche Nutzung ihres Eigentums und ihrer Ersparnisse für die höchstmöglichen Nominalrenditen. Eigentum wird selbst genutzt oder darf ungenutzt bleiben – oder aber die Nutzung ist alles andere als wirtschaftlich. Es gibt auch einen existence value, wie es Ökonomen nachträglich bemerkten, den Wert des Bestandes einer Sache an und für sich. Der geerbte Wald hat Wert als Träger von Kindheitserinnerungen, das gebaute Haus hat Wert als Familienort, die gewohnte Fauna und Flora hat Wert als Naturgarten. Wenige individuelle Privateigentümer opfern einem kurzfristigen Nominalertrag den langfristigen Wert ihrer Güter.
Die tatsächlichen Präferenzen der Menschen stehen selten im Gegensatz zu nachhaltiger Nutzung von Naturgütern. Der beste Garant solcher Nutzung ist Privateigentum, denn dieses bedeutet die Möglichkeit, dass auch machtlose Menschen technokratischen Plänen im Weg stehen können. Zur künstlichen Förderung industrieller Entwicklung wurde und wird Eigentum oft eingeschränkt. Umweltschäden sind meist die Folge reduzierten Eigentumsschutzes durch beschränkte Einklagbarkeit oder gar der Enteignung für staatlichen Bedarf. Die Entmachtung der Eigentümer durch den Nullzins steht in einer langen Reihe von Interventionen mit ähnlicher Folgewirkung.
Der Begriff der Nachhaltigkeit entstammt eigentlich der Ökonomik. Hans Carl von Carlowitz hatte in seiner Abhandlung über Forstwirtschaft (Sylvicultura oeconomica) von der „nachhaltenden Nutzung“ geschrieben und damit den Begriff geprägt. Tatsächlich ist dieser ein Gegensatz zur Kurzfristigkeit, die insbesondere Nichteigentümer kennzeichnet – aber unter dem Nullzins natürlich auch immer mehr Eigentümer erfasst.
Deutsche Pioniere des ökologischen Denkens waren Johann Wolfgang von Goethe und Alexander von Humboldt, die sich stark gegenseitig beeinflussten. Beide wandten sich gegen die Überspanntheit ihrer Zeit, die sich in der Hybris erzieherischer und politischer Pläne, Disziplinierungen und Kontrollwünsche zeigte. Und beide reagierten eigentlich auf Phänomene, die eng mit dem Nullzins verwandt sind.
Goethe erkannte in Faust II die Verbindung von moderner Geldschöpfung und interventionistischer, „faustischer“ Umweltzerstörung. An anderer Stelle prägte er den Begriff veloziferisch, als Zusammenfügung von Velozität (Geschwindigkeit) und luziferisch (teuflisch), um die gefährliche Kurzfristigkeit eines geldschöpfungsgetriebenen Wachstumszwang zu beschreiben. Er erkannte früh die enge Verbindung wirtschaftlicher, moralischer und politischer Folgen:
So wenig nun die Dampfmaschinen zu dämpfen sind, so wenig ist dies auch im Sittlichen möglich; die Lebhaftigkeit des Handels, das Durchrauschen des Papiergeldes, das Anschwellen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, das Alles sind die ungeheuren Elemente, auf die gegenwärtig ein junger Mann gesetzt ist. [@goetheMaximenUndReflexionen1869: 365]
Humboldt beobachtete in Lateinamerika das Wüten des zentralistisch-absolutistischen spanischen Staates [@wulfInventionNatureAlexander2015]. Dieser führte zur kurzfristigen Ausbeutung anstelle nachhaltiger Nutzung. Für Humboldt war das Zutodeschinden von Sklaven das gleiche Phänomen wie das rücksichtslose Roden der Wälder. Beides wurde für Plantagen im Auftrag der Krone betrieben.
Spanien finanzierte sich während dieser Zeit hauptsächlich durch das Plündern von Edelmetallen des neuen Kontinents, die per Schiff nach Spanien geführt wurden und dort wie eine massive Geldmengenausweitung wirkten. Dieser Gold- und Silberraub brachte dem Staat eine von Steuern und Wertschöpfung unabhängige Einkommensquelle. Im ganzen Land stieg die Kurzfristigkeit. Die nach Lateinamerika entsandten Spanier agierten dort nicht als Unternehmer, sondern wie Politiker, die in kurzer Zeit das Maximum herausholen müssen. Sie kehrten meist nach wenigen Jahren wieder nach Spanien zurück. Der geplünderte Wohlstand hielt nicht lange. Er wurde verkonsumiert. Die Edelmetalle verließen Spanien schnell wieder im Tausch gegen Konsumgüter, und es schwand die Fähigkeit zu Kapitalaufbau und Produktion. Das einst führende Spanien fiel so im Vergleich zum übrigen Europa dramatisch zurück.
Das Thema Nachhaltigkeit und Umwelt ist nur ein Beispiel einer Reaktion auf Überdehnungen. Das zeigt sich sogar schon im engsten Bereich der Vermögensanlage, wo „nachhaltige Finanzprodukte“ eine große Wachstumsindustrie sind. Da die Hintergründe der nicht-nachhaltigen Verdichtungen selten verstanden sind, bewegen sich auch hier die Antworten meist auf der Oberfläche der Symptome. Das birgt die Gefahr eines ideologischen Zugangs. Oft handelt es sich bloß um willkürliche Filter der Unternehmensauswahl. Oder es wird nur eine inflationierte Berichtebürokratie mitfinanziert. Gerade die größten Unternehmen können sich „CSR“ am ehesten leisten. Diese Corporate Social Responsibility ist meist nicht mehr als Marketing – bunte Prospekte mit viel „öko“, „fair“, und „sozial“. So wird stolz berichtet, dass „nachhaltige Fonds“ genauso hohe oder höhere Renditen bringen. Der Grund ist wohl vorwiegend darin zu suchen, dass die Auswahl eben oft zugunsten der größten Unternehmen mit dem engsten Bezug zu Zeitgeist oder Politik geht.
Viel schlimmer noch ist es in der Politik. Die heutige Polarisierung ist gewiss dadurch vorangetrieben, dass auf die Überdehnung die Reaktion folgt – und damit wiederum die Überdehnung legitimiert. Auf die steigende Kurzfristigkeit der Märkte mit Marktfeindlichkeit, auf die sinkende Nachhaltigkeit mit Ökologismus, auf Ungleichheit mit Neid, auf globale Verzerrungen mit Protektionismus und auf Konsumismus mit Puritanismus zu reagieren, schüttet das Kind stets mit dem Bade aus und lässt die Kritik an der Gegenwart als reaktionären Unsinn erscheinen.
Polarisierung ist die Folge, wenn das rechte Maß verloren geht. Und der Maßverlust ist leider eng verbunden mit Nullzins und Geldschöpfung. Natürlich ist ein Nullzins nicht singuläre Ursache all dieser Phänomene, sondern das symbolische Ende einer Entwicklung, die eine Verdichtung von Phänomenen beschleunigte. All diese Phänomene hätte es auch ohne Erreichen des Nullzinses gegeben. Im symbolischen Endpunkt dieser Entwicklung allerdings wird eine Pattsituation überdeutlich – eben die Nullzinsfalle. Die proklamierte Alternativenlosigkeit drückt den Deckel immer fester auf den Druckkochtopf – und erhöht damit nur noch weiter den Druck.
Der Druck zeigt sich nun schon langsam gesellschaftlich und politisch. Die wachsende Polarisierung verbindet sich mit anderen Nullzins-Phänomenen: Infantilisierung, Unduldsamkeit, Ungeduld, Übersensibilität und geringe Frustrationstoleranz. Die snow flakes an den Universitäten, übersensible junge Menschen, die safe spaces – schützende Filterblasen – reklamieren, explodieren plötzlich zu roher Gewalt gegen Andersdenkende und liefern sich bürgerkriegsartige Schlachten gegen Trolle – digitale Eremiten anderer Filterblasen auf der Suche nach der ultimativen Provokation einer Gesellschaft von Mitläufern. Auch die Provokation steht dabei unter großem Entwertungsdruck. Einst reichte ein anderer Haarschnitt, nun gibt es kaum noch ein Tabu. Kommt die Tochter mit Tattoo und Piercing nachhause, macht es ihr die Mutter womöglich noch nach, um jung und cool zu wirken. Da bieten sich dann politische Extremismen an, um in einer Zeit der Alternativen- und Konsequenzenlosigkeit, des Mitläufertums und geltungsgeilen Hypermoralismus rare und wertvolle Aufmerksamkeit zu erheischen.
Provozierender Extremismus und Extremismuspanik, die nun überall Nazis aus allen Löchern kommen sieht, nähren sich dabei gegenseitig und zehren auch die letzten Reserven sozialen Kapitals auf. Nicht die Wirtschaftskorrektur schafft Extremismus – er fällt nur in den Korrekturphasen auf, dann wenn die Mittel zum Übertünchen, die materiellen Abdeckpflaster, knapper zu werden scheinen. Darum die Angst vor der Korrektur, die zur Angst vor einem Abgehen vom Nullzins führt – und daher sitzen wir in der Nullzinsfalle.
Dieser ältere Scholien-Text bleibt frei unter seinem ursprünglichen Link erreichbar.
Scholien-Newsletter
Scholien. Die monatlichen Glossen von Rahim Taghizadegan am Rand der Gegenwart. In der Tradition der mittelalterlichen Randbemerkungen, in der Denkweise der Wiener Schule.
Monatlich. Abbestellung in jeder Ausgabe möglich.
