Scholien 01/17
# \ Inhaltsverzeichnis
Politische Hydraulik 4
Schuldverhältnisse 8
Kapitalverteilung 14
Schatzhäuser 22
Zinsgewinne 31
Contrepreneure 39
Memes 46
Blockchain-Hype 63
Die Zähmung der Untertanen 71
Trump 79
Demokratie oder Republik 86
Faktionen statt Fiktionen 102
Wiener Schule 120
Positivistische Fiktionen 131
Vertrauenskapital 143
Ikarien oder Babylon 150
Schreckliche Gesänge 157
Alienismus versus Nativismus 163
Ent-Schuldigung 170
Literatur 176
Vaterglück
Viele Leser hatten mir prophezeit, dass die Geburt meines ersten Kindes eine tiefgreifende Veränderung nach sich ziehen würde. Das Glück ist groß, allerdings auch die Überraschung, wie weit das neue Wesen nun tatsächlich ins Zentrum meines Lebens gerückt ist und in den ersten Monaten fast alles andere verdrängt hat. Monatelang gelang mir kaum eine Zeile. Das liegt nicht daran, dass mein Sohn besonders schwierig wäre, ganz im Gegenteil, es liegt an mir: Die Macht der Liebe nimmt alle Sinne in Anspruch. Ich danke meinen Lesern für die Glückwünsche, den Zuspruch, die korrekten Vorwarnungen, die Geschenke und für die Nachsicht, wenn diese Schrift wieder länger auf sich warten lässt. Ob die Vaterschaft weiser macht, wird sich weisen, großartige Erkenntnisse bietet sie jedenfalls.
Ein freundlicher Unterstützer schickte mir ein Buch von Emmi Pikler über Kleinkindererziehung mit dem Hinweis, hier fände sich so manche Parallelität zur Wiener Schule. Das war ein guter Hinweis,
Selbst bin ich mangels Nachwuchs noch kein Erzieher im engeren Sinne (nur Lehrer, und das mit Freude und aus Berufung), aber ein Erzogener. Da ich kein Einzelkind bin, hielt sich meine Erziehung zum Glück in Grenzen. Ich habe die Zwangsschule ohne größeren Schaden überstanden, ignorierte den größten Teil der Beschulung, indem ich mir die Lehrer mithilfe guter Noten vom Leib hielt, die mir hinreichend leichtfielen: Ich hatte stets ein Talent, Wissen lesend aufzunehmen. Somit bin ich seit frühester Kindheit unermüdlicher Selbsterzieher und Autodidakt.
Manch von außen vorgegebene Grenze hat sich als günstig erwiesen, um ein Terrain abzustecken, in dem ich mich konkret entfalten konnte, anstatt in Ohnmacht zu verharren vor all den Optionen, die diese Welt bietet. Als Philosoph habe ich mich systematisch mit dem beschäftigt, was kluge Menschen seit jeher über Erziehung und Bildung gedacht und geschrieben haben. Dieses Wissen kann eigene Erfahrungen nicht ersetzen, doch ist es eine große Hilfe, aus eigenen und berichteten Erfahrungen zu lernen. Der Philosoph kann sich im besten Fall eine Menge Fehler sparen, die Menschen vor ihm schon begangen haben. Leider fallen ihm dann meist hinreichend viele eigene Fehler ein, um das zu kompensieren. Der größte Fehler des Philosophen bestünde darin, sich das Thema „Erziehung“ so hochzuphilosophieren, dass er aus Angst vor Fehlern einen Fehler nach dem anderen macht. Eltern, die Erziehungsratgebern mehr Aufmerksamkeit schenken als den eigenen Kindern, sind solche Philosophen im schlechtesten Sinne. Bevor ich selbst Kinder in die Welt setze, habe ich als Philosoph also folgende Pflicht: So gründlich darüber nachzudenken, dass ich einen angstfreien, erkenntnisoffenen, maßvollen und mußevollen Zugang zum Thema gewinne. 141ff
Das Verblüffende ist, dass die Eltern, meinen Beobachtungen nach, eine relativ geringe Rolle spielen. Es gibt gewisse Trends, wie höhere Aggressivität, verstärkter Narzissmus, größerer Pragmatismus, die in gewisser Häufung jetzt unter jungen Leuten auftreten. Ich glaube, das hängt relativ wenig mit den Erziehungsformen des Elternhauses zusammen. \[…\] Ich glaube, der Grund dafür liegt darin, dass unsere Lebensformen durchlässiger geworden sind für den Wahnsinn der Welt. Du kannst dich immer schwerer davon abschotten. Das Kind verbringt tendenziell länger und mehr Zeit in geschlossenen Anstalten. Diese geschlossenen Anstalten sind viel durchlässiger für allerlei Wahnsinn als früher. Aber du hast auch noch die Massenmedien. Jedes Elternhaus ist extrem durchlässig. Der Wahnsinn kommt ins Wohnzimmer. Der Wahnsinn ist im Wohnzimmer. Der Wahnsinn ist in der Schule. Aber zum Teil war das eine gute Intention. Die Lehrer wollten die Schule offener machen für den Alltag und die Probleme der Zeit. Sie haben mit ihren Schülern Meinungen über Weltprobleme ausgetauscht, über Umweltzerstörung, Aids und Krieg diskutiert, dazu Filme gesehen und Projektwochen gemacht. Der Kontext ist politischer geworden. Und die Gleichschaltung im Denken wird tendenziell immer höher. Das Umfeld ist homo-gener geworden, weil du eine viel stärkere Durchflutung hast, allein schon durch die Smartphones. Da kommen Inhalte. Du wirst in diesem Sinne immer stärker angeschlossen an dieses Kollektiv, das sich in eine seltsame Richtung entwickelt. 134ff
Czimmek, Anna. Emmi Pikler: Mehr Als Eine Kinderärztin. München: Zeitler, 2015.
Eindrücklich waren für Emmi Pikler ... außerdem die Unfallstatistiken. Bei der Betrachtung dieser Statistiken ist ihr ...aufgefallen, dass sich Kinder, die damals ( in den 20er Jahren in Wien) in gut situierten Verhältnissen aufwuchsen, viel häufiger und schwerer verletzten als andere. Es waren solche Kinder, die durch Gouvernanten ständig vor Gefahren beschützt wurden. Die Unfälle dieser Kinder ereigneten sich meist in ganz banalen Situationen zu Hause oder am Spielplatz. Im Gegensatz dazu verletzten sich Kinder, die sich selbst überlassen auf der Straße spielten, wesentlich seltener und weniger schwer. Sie stammten meist aus Verhältnissen, die es den Eltern nicht erlaubten, ihre Zöglinge zu sehr zu behüten. Diese Beobachtungen bestärkten Emmi Pikler in der Vermutung, dass die Möglichkeit, sich selbständig und frei zu bewegen, einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes habe. 12
Pikler, Emmi. Friedliche Babys - Zufriedene Mütter: Pädagogische Ratschläge Einer Kinderärztin. Freiburg, Br: Herder, 2009.
Anfangs weint der Säugling öfters \[…\]. Was müssen wir tun, damit er nicht weint? Gar nichts. Nämlich: gar nichts gegen das Weinen. Selbstverständlich müssen wir aber alles tun, um die Lage des Neugeborenen den Umständen gemäß möglichst erträglich zu gestalten. Wir müssen für seine Ruhe sorgen, dafür, daß niemand und nichts den Säugling störe, dafür, dass er womöglich in gleichmäßige Wärme sei. Achten wir darauf, daß er von grellem Licht, starkem Lärm verschont bleibe. Halten wir ihn in Ordnung und sauber. (Das bedeutet jedoch nicht, daß man ihn halbstündlich trockenlegt.) Gewähren wir ihm freie Bewegung. Seine Kleidung sollte weich und locker sein. Pflegen wir seine Haut, sorgen wir für systematische, ausreichende Nahrung in entsprechenden, auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmten Abständen, wo es möglich ist, an der Brust. Dem weinenden Säugling müssen wir also helfen. Wir müssen versuchen, die Ursache zu beseitigen, und das Kind wird sich in kurzer Zeit beruhigen. Wenn das nicht gelingt, dürfen wir es natürlich nicht verzweifelt weinen lassen; konnten wir ihm nicht helfen, nehmen wir es in die Arme, beschwichtigen wir es, und sobald es sich beruhigt hat, legen wir es wieder in sein Bettchen. \[…\] Sehr oft handeln Mütter aber ganz anders: Wenn das Neugeborene zu weinen beginnt, springen sie einer mechanischen Routine folgend auf, und anstatt zu versuchen, den Grund des Weinens zu erforschen, nehmen sie das Kind auf, legen es trocken, gehen mit ihm auf und ab, wiegen es, singen, wollen es einfach beschwichtigen und übersehen dabei die wirkliche Hilfe, die es bräuchte. \[…\] Dasselbe gilt auch für das Ablenken der Kinder. Man „beschäftigt sich“ mit dem Kind, man tanzt, man babbelt, man klappert, man pfeift, man singt, man dreht das Radio auf. Der Säugling gewöhnt sich an all das, und ebenso wie beim Gewiegtwerden findet er Geschmack daran und will es später nicht entbehren. Er gewöhnt sich auch daran, Mittelpunkt zu sein im Kreise der Erwachsenen, daran, daß wenn er wach ist, man sich immer mit ihm beschäftigt, und er versucht dar nicht sich allein mit etwas zu beschäftigen. Der Teufelskreislauf schließt sich also \[…\]. Leider sind wir Erwachsenen mehr oder minder ungeduldig, unruhig, und beunruhigend, und dadurch werden unsere Kinder auch früher oder später unruhig. 14ff
Leider bringen viele Mütter dem Bewegungsstreben des Kindes nicht genug Verständnis entgegen. Sie merken gar nicht, daß sie ihren Säugling entmutigen, seine Entwicklung hemmen. Im Gegenteil, meistens sind sie sogar stolz auf ihr Vorgehen. Während sie einerseits die Entfaltung der Bewegung verhindern, das Wälzen, Rollen und Kriechen nicht ermöglichen, forcieren sie andererseits Bewegungen, die das Kind nicht meistern kann. Sie lassen das auf dem Rücken liegende Kind nicht ruhig experimentieren, sondern drehen es um, setzen es auf, stellen es auf, führen es an den Händen, treiben diese Bewegungen zu einem Zeitpunkt voran, zu dem sie der Meinung sind, „es wäre schon Zeit, diese zu erlernen“. 36
Im Kind – auch schon im Säugling – besteht ein von Natur aus unversiegbares und immer zunehmendes Interesse für die Welt und für sich selbst. Der Säugling muss nicht „amüsiert“ werden, er benötigt keine komplizierten Spielsachen. Stunden-, tage- sogar monatelang spielt er mit den einfachsten Gegenständen, die ihm eben in die Hände geraten, und immer mit größter Aufmerksamkeit, mit größten Interesse und Vergnügen. Und monate-, sogar jahrelang beschäftigt er sich mit seinem eigenen Körper, seinen Bewegungen und Bewegungsmöglichkeiten. Nur darf er natürlich darin nicht gestört werden. Wenn der sonst gesunde Säugling „sich langweilt“, wenn er „grantig“ oder, wie man zu sagen pflegt, „nervös“ ist, so ist das immer folge des Verhaltens seiner Umgebung – richtiger die Folge von Erziehungsfehlern. \[…\] Meisterns wird er nicht als ein menschliches Wesen, sondern als ein Spielzeug oder eine „Puppe“ betrachtet. Man umsteht ihn, er wird herumgezeigt, betastet, geküßt, gewiegt, herumgetragen. Man pfeift, schmatzt, babbelt, springt um ihn herum. Später werden Versuche mit ihm angestellt: „Was kann das Baby schon?“ \[…\] Keine Minute Ruhe hat es. Um es herum ist ein ganzes Theater. Es ist der Mittelpunkt von allem. Verschiedene Eindrücke werden ihm einfach aufgedrängt, es wird gezwungen, seine Aufmerksamkeit immer auf etwas anderes zu richten. \[…\] Man redet, redet, redet in seiner Gegenwart. Man spricht über seinen Kopf hinweg – nicht zu ihm! – über alles, was er tut, über jede seiner Bewegungen, über jeden Ton, den er von sich gibt. Alles beobachtet man laut mit übertriebener Aufmerksamkeit, alles wird besprochen. Alle seine Worte werden vor ihm hundertmal wiederholt. Es ist offenbar, daß nicht ruhige, gelassene, sich vernünftig benehmende Erwachsenen sich „kindisch“ benehmenden Kleinkindern gegenüber stehen, sondern gerade umgekehrt \[…\]. 52f
Literatur
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Wittfogel, Karl A. 1962 (1957). Die orientalische Despotie: Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht. Köln und Berlin: Kiepenheuer & Witsch.
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