Scholarium – Scholien 00/15
# \ Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung 3
Asiatische Inspiration 5
Autobiographisches 11
Institute 21
Universitäten 31
scholarium 41
Fakultäten 58
Gap Years 70
Marktvorteil 91
Marktnachteil 98
CRAFTprobe 108
Scholien 119
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Zusammenfassung
Teure, treue Leser,
Sie warten schon allzu lange. Nun erreicht Sie mit großer Verspätung eine enttäuschend dünne Scholien-Ausgabe, noch dazu als Nullnummer mit seltsamem Titel. Gewiss denken Sie sich: Der Taghizadegan hat keine Lust mehr. Er lässt nach und uns im Stich. Und Sie bereuen vielleicht schon Ihre kleine Unterstützung für meine Arbeit, insbesondere, wenn dies zufällig die erste Scholien-Ausgabe ist, die Sie in die Hände bekommen.
Tatsächlich verhält es sich genau umgekehrt: Von meiner Asienreise kam ich mit viel Energie zurück und habe mehr denn je Gas gegeben. Ich habe Großes vor, und Sie werden dabei gewiss nicht zu kurz kommen. Ich muss Ihnen zunächst aber meine Eindrücke, Erkenntnisse, Intentionen und Machenschaften erklären. Wie Sie wissen, bin ich kein Freund der kurzen Worte, wenn es sich nicht um Verdichtetes oder Gedichtetes handelt, sondern Verkürztes. Verdichten werde ich, gedichtet habe ich, nun aber stehe ich Ihnen in der Pflicht, alles so lang und breit wie nötig, aber natürlich kein bisschen länger, zu erklären. Noch ein letztes Mal darf ich Ihre Geduld also strapazieren und Sie nach und nach in meine Pläne einweihen. Vergessen Sie einstweilen einmal die drängende Sorge, mit zahlreichen Worten um eine bezahlte Leistung geprellt zu werden, und bei den Scholien zu kurz zu kommen. Diese Sorge darf ich gleich ausräumen: Sie werden mehr bekommen als versprochen. Ehrenwort.
Zunächst die Kurzzusammenfassung: 1. Das Format der Scholien ändert sich, die Textmenge wird nicht abnehmen, eher wachsen, die Thematik wird etwas praktischer, ohne dabei der Theorie zu entsagen. Ab September gibt es dieses neue Format, das digitaler und episodischer sein wird, aber nach wie vor gedruckte Fassungen bietet, zusätzlich zu allen Formaten für elektronische Lesegeräte. 2. Das Institut für Wertewirtschaft geht in einem neuen Unternehmen auf, das sich praktisch von der Institutsinflationierung abhebt, von all den ideologischen Missionierungskanälen, die, auch wenn sie das Unternehmertum preisen, damit reichlich wenig zu tun haben. 3. Dieses Unternehmen bietet eine dringend nötige Ergänzung zu Universitäten, ob staatliche Beamtenfabriken oder private Titelfabriken, und wird für Eltern und Studenten eine immer offensichtlichere Lücke füllen. 4. Das bisherige Programm des Institut für Wertewirtschaft wird überarbeitet und professionalisiert, um Ihnen möglichst großen Mehrwert zu bieten.
Asiatische Inspiration
Und jetzt erlauben Sie mir, etwas auszuholen. Ich beschäftige mich mein Leben lang mit Wegen der Erkenntnis und Bildung, bin mit ganzem Herzen Lehrer, Denker, aber auch Unternehmer. Das Umfeld im deutschsprachigen Raum ist weder für Erkenntnis, noch für Unternehmertum das motivierendste oder fruchtbarste. Vieles ist ein Nachklang aus der Vergangenheit. Es war kein Wunder, dass die Wiener Schule, die ich vor gut 18 Jahren in den USA kennenlernte, meine Aufmerksamkeit weckte: Hier fand ich die Themen Erkenntnis und Unternehmertum sowie die Erinnerung an eine deutsch-österreichische Wissenschafts- und Wirtschaftstradition besonders dicht vereint. Ich musste allerdings in die USA reisen, um von dieser Tradition zu lernen. Nun musste ich nach Südostasien reisen, um meinen Unternehmergeist wieder aufzufrischen. Die optimistische Grundstimmung der Menschen, die Leistungsbereitschaft und Dynamik boten eine dringend nötige Aufladung meiner Batterie. Doch ein Refugium habe ich in Südostasien nicht gefunden, keinen Ort, der mir Europa zu ersetzen vermag. Nach meiner Südostasienreise weiß ich: Ich muss die in den USA teilweise bewahrten, aber zur Unkenntlichkeit verstümmelten Reste okzidentaler Wissenschaftstradition wieder mit orientalischem Unternehmergeist und Elan zusammenbringen, sonst verdorrt erstere Tradition völlig und letztere greift – bei aller Lebenskraft – ins Leere. Kultur ohne Unternehmergeist ist museal, biedert sich an Subventionen an, ist unverdiente Hochnäsigkeit. Unternehmergeist ohne Kultur ist sinnleere Ressourcenverschwendung, die bloße Multiplikation des Bestehenden, unschöpferische Zerstörung. Zwischen Orient und Okzident liegt der Nahe Osten, immer schon waren dort Ost und West aufeinander getroffen und haben sich befruchtet, aber auch gegenseitig vernichtet.
Im Osten wütete und wütet eine unglaubliche Kulturzerstörung, im Westen eine unglaubliche Wirtschaftszerstörung. Angesichts der stattfindenden Kapitalvernichtung liegt die Frustration nahe. Ich aber habe Mut geschöpft. Wirtschaft kann eine unglaubliche Dynamik entfesseln, sodass rein materiell die Zerstörung in einer Generation wieder ungeschehen gemacht werden kann. Und die Lernbegierde östlicher Jugendlicher macht Hoffnung, dass auch geistige Vernichtung kompensiert werden kann.
Ich war – zugegeben – verblüfft über die Vernichtung der sozialistischen Kulturrevolutionen im Osten. Die Geschichte kannte ich, aber das Ausmaß habe ich erst auf meiner Reise wirklich gespürt. Im Vergleich zu den Sozialisten sind Da’esh (siehe Scholien 03/14) ja wahre Kulturpfleger. Diese Kulturvernichtung wirkt nach und kann durch unternehmerischen Elan nicht gänzlich kompensiert werden. Wirkliches, schöpferisches Unternehmertum im besten Sinne kann kaum aufkommen, das meiste ist repetitive Blasenwirtschaft, die weit von dem entfernt ist, was ich mit dem Begriff „Wertewirtschaft“ andeuten wollte. Der Osten braucht die kulturelle Befruchtung durch den Westen, was natürlich keinesfalls irgendeine grundsätzliche Überlegenheit des Westens bedeutet. Ganz im Gegenteil. Der Kulturfunke sprang einst aus dem Osten über. Ein bisschen mehr davon wurde im Westen bewahrt, und dieses Bisschen steht dem Osten tief in der Schuld. Aus eigener Kraft wird der Westen kaum mehr Funken sprühen. Österreich, dessen Hauptstadt Wien einst eines der wichtigsten Kulturzentren Europas war, ist heute ein heruntergewirtschaftetes Museum, dessen minderbemittelte Wärter sich völlig schamlos aus der Kassa bedienen.
Meine asiatisch belebte Grundstimmung erlebte nach der Rückkehr sofort einen heftigen Dämpfer. Die Anspruchsmentalität, die völlig unberechtigte Überheblichkeit und die allgemeine Erlahmung sind im Kontrast umso schwerer zu ertragen. Von den tonangebenden Generationen sind keine Verbesserungen mehr zu erwarten. Sie haben profitiert und es sich gut gehen lassen. Hoffnung macht die nächste Generation. Sie ist betrogen, fehlerzogen, institutionalisiert. Aber manchmal sprühen aus diesen jungen Menschen beeindruckende Funken.
Die besten asiatischen Jugendlichen sprühen vor Energie und laufen so schnell sie können. Sie glauben zu wissen, wohin, und stellen noch kaum Fragen. Die besten europäischen Jugendlichen zögern, haben Fragen, sehnen sich nach Sinn. Erstere sind zu eilig unterwegs und übersehen Wesentliches. Letztere sind – verzeihen Sie den Ausdruck – lahmarschig und wagen nichts Wesentliches. Erstere streben nach Wohlstand, ihre Werte sind aber rein materiell und damit bleibt der Wohlstand leere, gehetzte Imitation. Letztere sind wohlstandsverwahrlost und halten sich für besonders „kritisch“. Am besten sind sie dabei, Wohlstand auszugeben, den andere erwirtschaftet haben. In Asien zählt die Kreativität, aus wenig oder nichts etwas zu machen. Im Westen bedeutet Kreativität, aus viel in möglichst origineller Weise weniger oder nichts zu machen. Die Kernkompetenz des Westens ist heute Konsum, und das reiche kulturelle Erbe erlaubt eine Originalität und Kreativität dieses Konsums, den man in Asien bislang nur bewundernd imitieren kann. Die Einkaufszentren sind von westlichen Marken dominiert. Gefertigt wird längst im Osten. Dass dabei ein großer Teil der Wertschöpfung weiterhin im Westen bleibt, bei den Designgenies und Marketingprofis, fällt natürlich auch den Asiaten auf. Sie erkennen den Wert der Kultur, glauben aber noch, diese mit Fotos, Videos und Imitaten aufsaugen zu können.
Autobiographisches
Ich darf dem Schicksal danken, die zwei wichtigsten Seiten von West und Ost quasi mit der Muttermilch aufgesogen zu haben – Erkenntnisdrang und Unternehmergeist. Ich möchte Ihnen einige Details aus meiner Biographie anvertrauen, nach denen Sie vielleicht besser verstehen, worauf ich hinaus möchte. Nach meinem ersten Lebensjahr im Iran bin ich in einfachen Verhältnissen in Österreich aufgewachsen. Mein Vater, ein iranischer Azeri, entstammt einer Familie von Landwirten und Händlern (Azeris sind die wohlhabendste Minderheit im Iran und berühmt für ihren Unternehmergeist), meine Mutter, eine Wienerin, einer Familie von Gelehrten und Buchdruckern. Von meinen Eltern bekam ich folgende Prägungen mit: typisch orientalischer Bildungshunger, typisch orientalischer Unternehmergeist, typisch österreichische Begeisterung für Kultur, Bücher und Berge (mein Großvater war Bergführer). Meine Großeltern väterlicherseits kannte ich nicht, nur meine Großmutter und Urgroßmutter mütterlicherseits, erstere stiftete mir die ersten Bücher, die gegen den Mainstream gebürstet waren, letztere beeindruckte mich persönlich als starke, unabhängige Frau, die sich als Historikerin einen Namen gemacht hatte (in ihrer Heimatgemeinde Korneuburg ist eine Straße nach ihr benannt).
In der Schule glänzte ich mit exzellenten Noten und renitentem Betragen, begann schon während der Schulzeit Tätigkeiten in Naturwissenschaft (Mitarbeit am Astronomischen Institut) und Politik (Aufbau und Leitung einer politischen Jugendorganisation), zudem baute ich die Schülerzeitung auf. Meine Studienwahl fiel zunächst auf Technische Physik, da ich Studien der Philosophie und Politikwissenschaften, die als Alternativen in Betracht kamen, als mangelnde Herausforderung und mangelndes Rüstzeug für spätere wirtschaftliche Unabhängigkeit ansah.
Vor 18 Jahren lernte ich die Österreichische Schule der Ökonomik in den USA kennen und studierte sie dort bei den führenden Vertretern. Neben dem Physikstudium begann ich Studien der Handelswissenschaft und Soziologie. Ich schloss mit Dipl.-Ing. ab, Fachbereich Atomphysik, Schwerpunkt Risikoforschung, in einer Fächerkombination mit Ökonomie und Soziologie. Meine Diplomarbeit hatte das dreifache Ausmaß einer üblichen Arbeit, die betreuenden Professoren kamen auch aus den Fachbereichen Soziologie und Ökonomie – doch formell galt es als nur ein Studienabschluss mangels gegenseitiger Anerkennung.
Durch steigende Frustration mit den Sozialwissenschaften beendete ich die Studien und strebte keine weiteren Abschlüsse mehr an, auch ein – damals sehr einfaches – Doktorat lehnte ich ab. Im autodidaktischen Studium weit fortgeschritten, konnte ich von Ökonomie- und Soziologie-Professoren kaum mehr etwas lernen, wie sie zum Teil zugeben mussten; nochmalige Magisterarbeiten wären eine Farce gewesen. Tätigkeiten in Weltraumforschung, Journalismus, Politik, Geschichtsforschung, Übersetzung folgten, dann gründete ich ein Unternehmen für Wirtschaftsschulungen und Fachübersetzungen, das ich später verkaufte. Dank Sparsamkeit und guter Vermögensanlage kam ich weitgehend ohne Lohntätigkeit aus. Vor 12 Jahren gründete ich die erste Initiative, um die Wiener Schule wieder in den deutschsprachigen Raum zu bringen.
An den Universitäten gab und gibt es in den Wirtschaftswissenschaften nur orthodoxe, szientistische Traditionen und heterodoxe, ideologische Traditionen. Als szientistisch ist nach Hayek der Versuch zu bezeichnen, wertneutrale Wissenschaftlichkeit durch Induktion und Formalisierung zu erreichen. Während die induktive Methode von den empirischen Daten ausgeht, liefert die formale, theoretische Ökonomik deduktive Modelle und damit Hypothesen zur empirischen Überprüfung. Beide Zugänge scheitern daran, dass Ökonomik menschliches Handeln zum Gegenstand hat, das nicht streng-kausaler Regelmäßigkeit folgt und auch nicht abstrakt modellierbar ist, weil Menschen lernen und irren können, wankelmütig und manchmal willensschwach, individuell und paradox sind.
Die Wiener Schule wird gemeinhin als eine heterodoxe Disziplin verstanden, die eine Gegenideologie zu den ansonsten vorherrschenden darstellt. Vor der Institutsgründung war ich, seit ich die Wiener Schule in den USA kennengelernt hatte, als ein solcher Gegenideologe engagiert: Ich dachte, die mangelnde Rezeption der Wiener Schule läge an der antiliberalen Grundeinstellung in Österreich und es bräuchte aktive Werbung für liberale Werte und Ideen. Ich baute eine liberale Jugendorganisation auf, engagierte mich in einer liberalen Partei, publizierte eifrig, schuf damals mit liberalismus.at die größte liberale Website Österreichs und entwickelte unter liberty.li, lange vor Web 2.0, das erste soziale Netzwerk für Liberale, mitsamt des damals meistgelesenen liberalen Weblog im deutschsprachigen Raum, einer Crowdfunding-Plattform für liberale Projekte und sogar eigener goldgedeckter Digitalwährung. Die Plattform wurde dann ins Englische und Französische übersetzt, eine slowakische Übersetzung war in Arbeit. Durch digitale Medien erreichte ich damals Hunderttausende Menschen. Die Plattform lief durch Werbeeinnahmen kostendeckend. Doch ich nahm sie selbst vom Netz, als ich spürte, dass die „digitale Vernetzung“ kaum einen realen Effekt hat, sondern Menschen, denen Freiheit ein Anliegen ist, noch mehr von ihrer Umwelt entfremdet, sie in Filterblasen sammelt und ihren Zynismus und ihr Ohnmachtsgefühl noch vergrößert. Am Klimax der Reichweite beendete ich abrupt das Projekt und schlug mit dem Institut für Wertewirtschaft eine andere Richtung ein. Ich habe schon in den Scholien 02/10 über die Beweggründe geschrieben und wiederhole mich zur Erinnerung kurz und grob: Ich hatte das Problem der Filterblasen erkannt.
Unser Hirn sehnt sich nach der Sippenzugehörigkeit, und soziale Netzwerke vermitteln die Illusion einer digitalen Gemeinschaft. Dadurch wächst die Polarisierung, die Gesellschaft spaltet sich in politische Promille-Lager auf. Nun sind freilich etablierte Massenparteien keinesfalls vorzuziehen, dabei handelt es sich um organisiertes Verbrechen. Es ist das Lagerdenken an sich, das wenig förderlich ist. Gehört man dem richtigen Lager an, sind Qualifikation und Leistung irrelevant, man ist einer der „unsrigen“; bewegt sich aber stets an der harten Grenze zwischen Solidarität und Neid. Die Lager- und Parteifreundschaften sind demnach fragil, sie schlagen schnell in absolute Feindschaft um, bei der sich das Lager weiter spaltet, um ein neues, homogeneres „Wir“ zu schaffen, das noch näher an der ersehnten Ursippe ist. Individualisten und Liberale funktionieren hier nicht anders als andere Menschen.
Einen großen Unterschied gibt es aber: In unseren Breiten ist liberaler Individualismus eine Bewegung von Außenseitern (auf Englisch sagt man „fringe“). Diese schließen von sich auf andere und vermeinen, alle politischen Positionen kämen auf analytisch-argumentative Weise zustande. Alle Nicht-Anhänger wären demnach dumm oder uninformiert. Das ist wiederum eine Fehlannahme über die menschliche Natur. Nur eine kleine Minderheit leitet politische Positionen deduktiv von abstrakten, geistigen Systemen ab. Viel eher haben politische Positionen biographische und biologische Ursachen und sind daher – dank der erfrischenden Unberechenbarkeit des bios – zufällig. In aller Regel dient die Argumentation der nachträglichen Rationalisierung eigener Positionen und die Überzeugungsarbeit der Bekräftigung der eigenen Lagerzugehörigkeit.
So kam ich zum Schluss, dass die Wahrnehmung der Wiener Schule als heterodoxe Ideologie ihre mangelnde Verankerung an den Universitäten teilweise erklärt. Heterodox steht für „andere Dogmen“. Manche dieser Dogmen sind politisch opportun und können sich im staatlichen Kartell akkreditierter Studien leichter einnisten. Die Wiener Schule ist eine der politisch am wenigsten opportunen Richtungen, wenn man sie ernsthaft betreibt. Als ideologische Fassade ist sie allerdings gewissen Interessen opportun, ganz selten auch der Politik, wenn sich Politiker abheben und profilieren wollen.
Orthodoxie hingegen ist zwar durchaus auch ein Hinweis auf Opportunität, also Anpassung an politische Verhältnisse. Zugleich steht Orthodoxie aber auch für eine gewisse Diszipliniertheit, von der die Universität als Institution noch zehrt, für eine gewisse Schwierigkeit des Faches und die Ernsthaftigkeit der Arbeit, für den Wettbewerb mit Besseren und Klügeren. Die Wiener Schule war einst die Orthodoxie der Ökonomik in Österreich-Ungarn, sie war das Feld der schweren Prüfungen, großen Lebenswerke, wissenschaftlichen Karrieren, internationalen Anerkennung. Sie war als Tradition stets heterogen, umfasste viele Widersprüche und Irrtümer und endete in mancher Sackgasse. Alle diese Widersprüche, Irrtümer und Sackgassen standen aber im kritischen Diskurs und mussten sich vor Kollegen rechtfertigen. Die Wiener Schule verschwand mit dem Wissenschaftsbetrieb aus Wien. In den USA wurde sie wiederentdeckt, diesmal aber als heterodoxe Richtung, als außerhalb der Institutionen stehende alternative Betrachtungsweise, die manchen Interessen genehmer und anderen unangenehmer ist.
Mit dem Untergang als Orthodoxie verlor diese Tradition aber auch ihre Disziplin. Sie wurde zu einem Lager. Aus der Innensicht fühlt sich dieses Lager ignoriert und diskriminiert, obwohl oder weil es mehr Wahrheit als andere Lager enthält. Aus der Außensicht schüttelt man darüber nur den Kopf, man sieht die typischen Muster einer Ideologie: die Selbstbestätigung, das Schulterklopfen, die Polemik, die Wiederholung der immer gleichen Argumente, Vorträge und Beispiele, die kaschierten Widersprüche, den Missionierungseifer, die Vereinfachungen und Verkürzungen. Beide Perspektiven sind richtig. Die Wiener Schule ist nicht mehr Teil einer Wissenschaftstradition; das ist aber nicht ihr Versagen. Vielmehr ist die universitäre Wissenschaftstradition weitgehend tot; sie lebt nur in der Form des Empirismus oder extremen Formalismus weiter, hauptsächlich in den Naturwissenschaften. Das ist noch eine ganze Menge; und noch immer wirken brillante Köpfe an Universitäten und mehren das Wissen. Abseits von Empirismus und Formalismus, von Labors und Rechnern, aber wird summa summarum mehr Unwissen gestiftet, werden pseudowissenschaftliche Alibis für Interessen produziert: vor allem das immunisierte Interesse, auf Kosten anderer Menschen zu leben, ohne diesen freiwillig nachgefragte Werte zu liefern.
Institute
Auch die „Austrian School“ ist heute Deckname einer politischen Bewegung, die Menschen mit überdurchschnittlicher Intelligenz anzieht, aber doch stark von der Selbsttäuschung einer intakten Wissenschaftlichkeit lebt. Für manche ist sie gar eine Ersatzreligion. So wie staatlich finanzierte Ökonomen eine Realität modellieren, die staatlich finanzierte Ökonomen nötig macht, modellieren privat finanzierte Ökonomen eine Realität, in der Meinungsmache übertrieben wertschöpfend erscheint. Sie betreiben Ideenmarketing, und verdrängen dabei den unbequemen Gedanken, dass es Ideenmärkte gar nicht gibt. Sie predigen die Marktwirtschaft und praktizieren die Kostenlosigkeit. Wie bei der verzerrten Kostenlos-Ökonomie im Internet sind ihre vermeintlichen „Kunden“ in Wirklichkeit ihr Produkt.
In den Scholien 04/13 habe ich bereits ausführlich über die Think Tank-Bewegung geschrieben, in der die Wiener Schule immer wieder aufgegriffen wird. Diese Bewegung habe ich in den USA intensiv studiert: Ich war u.a. Research Fellow der Atlas Economic Research Foundation, einer Art „Internationalen“ der Think Tanks. Dort und in den zahlreichen Instituten wirken kompetente und kluge Menschen mit guten Intentionen. Ich erkannte aber bald die Schwächen dieses Modells: So zeigten bisherige Investitionen in diesem Bereich, die sich auf Milliarden Dollar summieren, keine nennenswerten Resultate, sondern verfestigten eher antimarktwirtschaftliche Verschwörungstheorien.
Sobald bestimmte Positionen Lagern zurechenbar werden, schwindet ihre Wirkung. Wir sind die ewige Parteilichkeit der Diskurse schon gewohnt und allzu leid. Wir wissen welche Positionen, Studien und Empfehlungen ein Ökonom der Arbeiterkammer vertreten wird. Es ist natürlich weder unehrenhaft noch unnötig, Argumente für bestimmte Positionen auszuarbeiten, aufzubereiten und bestmöglich zu präsentieren. Doch die Bezeichnung Institut entstammt dem akademischen Bereich und verweist auf eine Lehr- und Forschungstätigkeit. Lehre und Forschung, und stellvertretend dafür die Universitäten, haben ein hohes Prestige, mit dem sich viele gerne schmücken. Doch Lehre darf nicht einseitig und Forschung muss ergebnisoffen sein. Die Argumentation einer bestimmten Interessenslage fällt nicht darunter, das ist Rhetorik, das Geschäft der Advokaten und Politiker. Zu Recht ist das Vertrauen in deren Geschäft beschränkt. Darum verkleiden sie sich gerne im Gewand der Wissenschaftlichkeit.
Nicht alle Advokaten und alle Politiker sind schlecht, wenngleich diese Professionen selten die Besten anziehen. Ihre Bedeutung ist aber über alle Maßen aufgebläht. Die Meinungsbewirtschaftung als zentrales Feld der Politik, neben der Gesetzesproduktion, ist eine moderne Erscheinung. Ich halte diese übertriebene Bedeutung von Meinungen für einen Irrtum des Demokratismus, also der ideologischen Überhöhung der Mehrheit, die als perfekte Fassade für verantwortungslose Minderheiten dient.
Ändert sich die politische Lage, wenn die Mehrheit durch die besseren Argumente überzeugt wurde? Das wäre eine erschreckend naive Vorstellung von Politik. Parteipolitiker sind keine Tonträger des Durchschnittsmenschen. Tatsächlich entfernt sich die Politik immer weiter vom Durchschnitt. Was natürlich nicht bedeutet, dass dem Durchschnitt irgendeine besondere Qualität innewohnte. Durchschnittliche Menschen beziehen keine politischen Positionen, also Meinungen über den Einsatz und die Zulässigkeit von Gewalt und Organisation, nachdem sie in einem analytischen Prozess des Für und Widers zu einer widerspruchsfreien Vorstellung von der Welt gelangt sind. Zum Glück ist das so, sonst wäre die Welt noch schlimmer. Rationale Menschen überschätzen die Rationalität und unterschätzen Irrtum, Emotion und Interessen. Die richtig großen und verhängnisvollen Irrtümer benötigen Intelligenz und überwältigen dabei in rücksichtsloser Weise Bauchgefühle, Schwächen und Ängste.
Die wirkliche Kausalität verläuft umgekehrt. Die Mehrheit ist nicht an Wahrheit interessiert. Die Meinungsbewirtschaftung – oder Propaganda – liefert Alibis und Vorwände für bestimmte Minderheiten. Doch Gegenpropaganda läuft Gefahr, die Propaganda zu legitimieren. Das einzige Gegenmittel gegen Propaganda ist Wahrheit, diese ist aber ein Minderheitenprogramm, denn sie entzieht sich binären Antworten. Sie passt in keine Kurzbotschaften, keine Werbematerialien, keine Kataloge.
Im Zuge der Meinungsbewirtschaftung hat auch der Begriff „Institut“ an Wert verloren. Da er durch das staatliche Bildungskartell nicht geschützt ist, wie etwa der Begriff „Universität“, eignet er sich hervorragend als wissenschaftliche Fassade für die Meinungsbewirtschaftung. Institute und Initiativen mit guten Intentionen gibt es zur Genüge. Die meisten sind allerdings ideologisch motiviert, das heißt, sie wissen schon, was gut für uns ist, haben fertige Schlussfolgerungen und entwickeln erst danach Argumente, um andere zu bekehren. In aller Regel sind solche Initiativen subventioniert, das heißt, Interessengruppen zahlen für diese (letztlich nicht zielführende) Missionierungsarbeit, oder es fließt gar Steuergeld hinein, das heißt, wir zahlen alle mit, egal ob wir die Werte teilen und die Arbeit schätzen. Das ist natürlich die ideale Voraussetzung für Unprofessionalität, Verschwendung, Selbstbeweihräucherung, Anpassung und Denkverbote. Sind sie nicht subventioniert, so sind es meist Hobby-Projekte mit der typischen Vereinsmeierei (von je drei Engagierten werden vier Vereine gegründet, die ihre jeweilige Wichtigkeit durch kafkaeske Strukturen zelebrieren).
Ich schätze das vielfältige, zivilgesellschaftliche Engagement sehr und will es nicht schlechtreden. Ohne dieses wären wir wohl schon in totalitären Verhältnissen. Als ich vor acht Jahren das Institut für Wertewirtschaft gründete, wollte ich aber einen Gegenpunkt zu Meinungsbewirtschaftung und Ideologienverbreitung setzen. Der Gedanke war, unter Vermeidung jeder ideologischen Einordnung (daher auch der sperrige Name), beim „Wirtschaftsethik“-Hype und der vorhergesehenen Krisensorge mit besseren Angeboten mitzumischen. Ab 2006 hielt ich Seminare für Anleger zum denkbar besten Zeitpunkt und konnte unzähligen Menschen helfen, ihr Vermögen vor der Korrektur 2007/2008 zu retten. Durch diesen bewiesenen realen Mehrwert konnte das Institut auf eine kleine finanzielle Basis gestellt werden. Es war von Anfang an als Unternehmen gedacht, nur aufgrund der Steuer- und Regulierungslage musste eine Vereinsstruktur gewählt werden, die durch kreative Ausschöpfung der legalen Möglichkeiten unternehmerisch-straff geführt wurde. Das Institut für Wertewirtschaft ist das einzige Institut, das sich der Österreichischen Schule widmet und rein privat durch Kunden finanziert wird. Das gelang nicht einmal im viel größeren Markt der USA.
Einmalig sollte das Institut dadurch sein, die Spannung zwischen zwei Versuchungen halten zu können, die unsere Zeit und damit auch die meisten Bürgerinitiativen kennzeichnen. Auf der einen Seite steht das Gutreden der Verhältnisse: Wir würden auf hohem Niveau jammern, lebten in unvergleichlichem Wohlstand, noch nie wäre es uns so gut gegangen. Dieses nachvollziehbare Gutreden, das dem notwendigen Grundoptimismus gerade unternehmerischer und eigenverantwortlicher Menschen entspringt, führt zu einem Grundvertrauen in die Institutionen: Klar könnten die Politiker besser sein, die Wissenschaftler und Künstler renommierter, die Unternehmer erfolgreicher. Wir müssten uns alle nur ein bisschen zusammenreißen, um das Bestehende zu bewahren, und dann sei eigentlich alles gut, zumindest akzeptabel.
Auf der anderen Seite steht das Schlechtreden der Verhältnisse: Es hätte ohnehin alles keinen Sinn, die politischen Verhältnisse wären nicht zu ändern, das Unternehmertum immer schwieriger bis unmöglich, wir wären alle nur noch auf der Suche nach einer Möglichkeit zum Exodus, um dem Wahnsinn zu entkommen. Dieses nachvollziehbare Schlechtreden, das der notwendigen Nüchternheit gerade unternehmerischer und eigenverantwortlicher Menschen entspringt, führt zu einem absoluten Vertrauensverlust: Wenn Experten und Medien etwas verlautbaren, ist wahrscheinlich das Gegenteil richtig – und dieses Richtige suchen wir im Internet, in Foren und Weblogs, die immer neue Theorien parat haben, wer an den Verhältnissen Schuld sei und welche Endlösung aller Probleme durch wen und warum verhindert würde.
So entstehen zwei Welten, die sich immer mehr voneinander entfernen. Das Lager der verantwortungsbereiten Bürger reibt sich vollkommen auf im Konflikt zwischen Gutrednern und Schlechtrednern (links und rechts, elitär und anti-elitär, strukturkonservativ und revolutionär, Mutbürger und Wutbürger – all das entzündet sich dann noch an jener Bruchlinie).
Wem kann man denn noch vertrauen? Dem eigenen Verstand und der eigenen Erfahrung, im überschaubaren Bereich eigener Versuche der Wertschöpfung und Sinnfindung. Es gibt keine fertigen Antworten, keine Programmatik, keine Lösungsformel anzubieten. Hilfreich und wertvoll kann in der Vertrauenskrise nur absolut unabhängiges Streben nach Erkenntnis sein, und zwar nicht rein theoretischer Erkenntnis anhand von Weltmodellen, sondern praktischer Erkenntnis anhand der tiefgehenden Reflexion realer Herausforderungen und Möglichkeiten.
Die Tätigkeit im Rahmen des Instituts erlaubte mir den Freiraum für weiteres autodidaktisches Studium in Ökonomik, Geschichte (und Ideengeschichte), Politik, Theologie, Philosophie. Durch geschicktes Erkennen von Chancen gelangte ich zu zahlreichen universitären Lehraufträgen, und das ohne Habilitation, gar ohne Doktorat. Die Evaluation durch die Studenten war stets exzellent, doch verlor ich einige Lehraufträge wieder durch politische Interventionen. Meine Erfahrungen mit dem Universitätssystem steigerten meine Skepsis. Heute bin ich davon überzeugt, dass die Massenakademisierung ein Betrug an der Jugend ist, deren Zukunft den Eigeninteressen von realitäts- und wirtschaftsfernen Intellektuellen geopfert wird. Wir stehen nun vor der Korrektur einer massiven Bildungsblase, die zu einer Entwertung akademischer Abschlüsse und dem Suchen nach Alternativen führen wird.
Universitäten
In den Scholien 03/14 habe ich ausführlich den Aufstieg und Niedergang der Universität beschrieben. Die abendländische Universität half maßgeblich dabei, das beeindruckende kulturelle Kapital Europas aufzubauen. Zugleich war die Überdehnung der Universität aber auch maßgeblich dafür, dieses Kapital im Wahnsinn des letzten Jahrhunderts weitgehend zu vernichten. Eine neue Überdehnung ist nun, parallel zur modernen Kreditblase, im Gange.
Die Vorzüge der abendländischen Universität und der Grund für ihre Erfolgsgeschichte waren folgende: Erstens eine relative Autonomie, die eine gewisse Emanzipation von Staat und Kirche erlaubte. Dies bildete den Nährboden für säkulare, Argument- und nicht Macht-basierte Wissenschaften. Die Autonomie äußerte sich in einer Selbstverwaltung durch die Studenten, wie etwa in Bologna, oder, bei den meisten anderen Universitäten, in einer Selbstverwaltung durch die Dozenten. Zweitens war die traditionelle Universität durch Interdisziplinarität und einen ganzheitlichen Zugang geprägt. Drittens zeigte sie im Vergleich zu ähnlichen Strukturen in anderen Kulturkreisen einen größeren Realitätsbezug. Dieser äußerte sich in der Fächerauswahl, bei der das eher naturwissenschaftliche Quadrivium auf einer Grundlage sprachlich-logischer Analyse, dem Trivium, aufbaute. Viertens war die Universität einst extrem selektiv. Nur eine winzige Minderheit wurde in die Berufung reiner Theorie geführt, sonst war ein Überleben nur durch praktische Tätigkeit für die Mitmenschen möglich.
Der Niedergang der Universität setzte mit ihrer staatlich betriebenen Überdehnung ein, die Heerscharen von etatistischen Intellektuellen hervorbrachte, die mörderische Ideologien ersannen, um ihre Existenz zu rationalisieren. Die Verfallserscheinungen waren Fachidiotentum durch Überspezialisierung, wachsende Wirtschaftsferne und eine Inflationierung der Studentenzahlen. Letztere hatte dann einen inflationierten Bedarf an Posten für Intellektuelle zur Folge, wodurch die Universitäten eine etatistische Grundausrichtung entwickelten. Immer mehr lag es in ihrem Interesse, mehr Verwaltungsposten zu legitimieren, um ihren Abgängern auch Arbeitsplätze zu verschaffen. Die historischen Privilegien des Klerus wurden zu einer Privilegierung intellektueller Pseudo-Eliten umgemünzt, deren Bildung und spätere Gehälter in wachsendem Maße zwangsfinanziert sind, und zwar direkt durch Steuern oder indirekt durch Zwangsnachfrage infolge von Regulierung, wie dies für Juristen und Gutachter gilt.
Die Inflationierung der Studentenzahlen ging notwendigerweise mit einem Herabsetzen der Anforderungen einher. Zunehmend wurde Theorie durch Pseudopraxis ersetzt, was zu einer Akademisierung von praktischen Berufen und zum Verdrängen sowie zur Abwertung berufsnaher Ausbildung führte. Pseudoakademische Disziplinen wie „Betriebswirtschaftslehre“ verdrängten die ältere Kaufmannslehre.
Unlängst zitierten mich Journalisten mit der Ansage, man solle „alle Wirtschaftsdiplome aberkennen“, denn „Wirtschaft habe an der Universität nichts verloren“. Es handelt sich dabei um die Kurzzusammenfassung eines Fernsehgesprächs, die mich darin bestätigt, warum ich die meisten Einladungen ins Fernsehen ablehne. Diesmal hatte ich zugesagt, weil mich mein Freund Roland Düringer eingeladen hatte und mir eine luxuriöse halbe Stunde Zeit eingeräumt wurde. Die zuständige Redakteurin und das gesamte Fernsehteam waren nach dem Gespräch sehr begeistert von mir, bestätigten mir aber, dass ich nur bei etwas mehr Zeit zur Geltung kommen könnte. Meine Aussagen wären in den üblichen wenigen Minuten Sendezeit nicht vermittelbar. Es gelang noch nicht einmal die Zusammenfassung, denn obige Äußerung habe ich nie getätigt. Ich zeigte mich bloß skeptisch, dass ein „Wirtschaftsstudium“, wie es heute meist angeboten wird, der Institution Universität gerecht würde. Ein früherer Universitätsstudent wäre über ein solches Curriculum und seine Darbietung wohl in Gelächter ausgebrochen, oder hätte sich zumindest sehr gewundert.
Vor der Gleichschaltung der Universitäten studierte man in Wien Wirtschaft entweder als Teil der Staatswissenschaft, wobei Ökonomik eine Hilfsdisziplin der Juristen war. Diese hat man heute nahezu gänzlich der Ökonomik und Philosophie entledigt, zwei einst besonders wichtigen Bestandteilen der Juristenausbildung, was aus heutigen Juristen nur noch Handlanger der Rechtszerstörung durch die Gesetzgebung macht. Die Alternative zur theoretischen Ökonomik, um Fragen der Verwaltung und des Rechts besser zu verstehen, war das praktischere Studium an der Hochschule für Welthandel. An dieser schloss man als Diplomkaufmann ab, nicht als Magister. Eine Hochschule ist keine Universität, da ihr die Universalität einer Gelehrtengemeinschaft fehlt. Sie ist eine Einrichtung zur höheren Fachausbildung. „Höher“ bezeichnet hier das Abstraktionsniveau, das an Schwierigkeit durchaus universitären Disziplinen nahekommt oder diese stellenweise übertrifft – so insbesondere an den technischen Hochschulen, die Diplomingenieure ausbildeten.
Da Wien einst ein Zentrum des Welthandels war, gab es hier auch eine Hochschule dafür. Handel und Unternehmertum sind praktische Tätigkeiten, die sich nicht theoretisch lernen lassen. Was sich abstrakt studieren lässt, sind die komplexeren Schemata und Rechenweisen, Normen und Richtlinien, Übereinkünfte und Daten, die im Welthandel von Nöten sind: wo also Waren in größerem Stil nationale Grenzen mit all den protokollarischen und gesetzlichen Komplikationen überwinden müssen.
Daher ist ein „Wirtschaftsstudium“ an einer Universität ein Missverständnis; bzw. ist die Bezeichnung „Wirtschaftsuniversität“ für die einstige Hochschule für Welthandel eben ein Etikettenschwindel. Nach und nach glaubt man diese Lüge aber selbst und läuft in falsche Richtungen: Das praktische Wirtschaften tritt dann immer weiter hinter ideologische Pseudodisziplinen, akademisierte Pseudotheorien und formale Hirngespinste zurück.
Demnach war es eine typisch journalistische Übertreibung, welche die Tatsachen auf den Kopf stellt, als man mir zuschrieb, die Universität von Wirtschaft befreien zu wollen. Die Wirtschaftsferne ist ein Problem, das jedoch nicht durch wirtschaftliche Pseudotheorie wettgemacht werden kann. Universitäten schaffen heute eine realitätsfremde Parallelwelt, in der junge Menschen in ihren besten Jahren vor praktischen Erfahrungen bewahrt werden. Die hedonistische Studenten-„Kultur“, die besonders „erfahrungsintensiv“ ist, muss hierzu als kompensatorisches Ventil betrachtet werden.
Hier sind wir allerdings beim Grunddilemma der Universität: Nur eine kleine Minderheit bringt für Spitzenleistungen in theoretischer Wissenschaft hinreichend Talent, Geduld und Freude auf. Allerdings wäre eben auch die Nachfrage nach reinen Theoretikern ein sehr begrenzter Luxusbedarf. Die meisten Studenten suchen und benötigen eine Berufsausbildung, die in einer dynamischen Wirtschaft nur interdisziplinär-unternehmerisch sein kann, denn wir wissen nicht, welche „Jobs“ in zehn Jahren relevant sein werden.
Übliche Studiengänge in Wirtschaftsphilosophie, Wirtschaftsethik bzw. anderen Kombinationen von Wirtschaftswissenschaft, Philosophie und Politikwissenschaft, wie sie im englischsprachigen Raum gängig sind (z.B. PPE) und in den letzten Jahren in den deutschsprachigen Raum Einzug fanden, bereiten vorwiegend auf staatliche oder staatsnahe Arbeitsplätze vor. Meist wird dabei die Wirtschaft aus einer idealistischen Perspektive betrachtet, die zur Hybris führt: Philosophische Besserwisser und Bedenkenträger machen den Unternehmern dann Vorhaltungen, wie diese „moralischer“, d.h. meist politisch korrekter wirtschaften sollten, ohne jemals selbst unternehmerische Verantwortung getragen zu haben. Disputationen sind dabei nicht vorgesehen, nur mediale Schauprozesse, wirtschaftsethische Fatwas und schulderfüllte Berichte.
Die Hierarchie der Gelehrtentradition, die in gewissem Ausmaß notwendig ist, verleitete dazu, eine gespiegelte Hierarchie in der realen Welt zu suchen. Die winzige Zahl an Hochgelehrten – die alte Universitätselite – tat sich schwer, die kognitive Dissonanz zwischen den Universitätsstrukturen und den realen Machtstrukturen der Außenwelt zu ertragen. Die Doktoren der Theologie, Medizin und Jurisprudenz suchten also nach weltlicher Bedeutung. Dabei erlagen sie dem Grundirrtum vieler Kleriker, ihre Aufgabe als Privileg und nicht als besondere Bürde und Verantwortung zu betrachten.
Die Kombination von Massenuniversitäten, die ein akademisches Proletariat von Halbgebildeten nach Einkommensmöglichkeiten drängen lässt, und dem Demokratismus mit seinen unendlichen Spielräumen für Parteien, Interessengruppen und Vorfeldorganisationen, sollte sich als zündend erweisen: Revolutionen, Bürgerkriege und Genozide erschütterten danach nahezu alle Gebiete europäischen Einflusses.
Es ist demnach verantwortungslos, Massen junger Menschen in Erwartung einer nachhaltigen Fortsetzung der künstlichen Blasenwirtschaft im universitären Bereich den Eindruck zu vermitteln, hier eine Berufsvorbereitung sowie künftig höhere Gehälter und höheres Prestige zu erlangen. Mit dem Schwinden von herkömmlichen Arbeitsplätzen aufgrund sinkender Produktivität bei steigender Steuer- und Regulierungslast, der technischen Entwicklung (Automatisierung und Digitalisierung) und der einsetzenden Korrekturphase im Konjunkturzyklus werden Akademiker immer stärker zum Staat drängen und sich zugleich einer anti-akademischen Reaktion gegenüber sehen (kein Landwirt wird Rüben gegen theoretische Papers tauschen).
scholarium
Auf der Grundlage langer Erfahrung im Bildungsbereich, insbesondere dem universitären Bereich, und einer tiefgründigen Analyse der Dynamiken und Perspektiven, habe ich mich nach meiner Rückkehr aus Asien mit frischer Kraft an die unternehmerische Umsetzung eines innovativen Bildungsangebots gemacht, das Theorie und Praxis versöhnt, jungen Menschen eine reale Perspektive bietet und in extrem ökonomischer Weise Zukunftsqualifikationen vermittelt.
Ein solches Angebot muss jenseits der Universitäten liegen, wenn es sie auch nicht gänzlich ersetzen wird. Der Begriff „Universität“ kommt vom lateinischen universitas magistrorum et scholarium: Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden. Im Zuge ihrer Geschichte wurde diese Idee immer mehr auf den ersten Teil verkürzt, und „et scholarium“ ging verloren. Die Magister haben die Universität übernommen und Erkenntnisdrang gegen Prestige getauscht. Die Privilegierung und die Aussicht auf subventionierte Posten verschoben das Gewicht auf die Frage, wer lehren darf, weg von der eigentlichen Kernfrage, nämlich wer wirklich lernen will.
Darum sehe ich großen Bedarf nach einem scholarium, einer Gemeinschaft von Lernenden. Lernen bedeutet heute, praktische Wege der Wertschöpfung und Sinnfindung zu beschreiten und zu reflektieren, indem man sich mutig der schonungslosen Realität stellt.
Die universitäre Lehre hätte einst den wenigen Theoretikern Erkenntniswege zur Realität erschließen sollen. Das Lehrerdasein ist aber meist zu lebensfern dafür, wirklich die Realität zu erkennen. Ein paar gute Lehrer gibt es noch, versteckt in universitären Winkeln, frustriert vom zunehmend gleichgeschalteten Lehrbetrieb. Doch ihre Theoría, ihre Realitätsschau, wird heute zwischen den engen Zwecken der Zeit und der Wirtschaftsferne der Universität aufgerieben.
negotium und otium, Wirtschaft und Muße, standen sich immer schon gegenüber. Da wir im Schweiße unseres Angesichts unser täglich Brot zu verdienen haben, bleibt die Muße oft zu kurz. Darum entstanden die Klöster und die Universitäten als Räume der Muße, die nötig sind, um Kultur zu stiften. Schon in der Antike hatte die Muße, die scholé, von der die Schule abgeleitet ist, eine gefährliche Schieflage. Muße hatten die freien Bürger, weil die Arbeit von Sklaven geleistet wurde. Kein Wunder, dass die mußevollen Philosophen dann die Sklaverei in aller Regel legitimierten.
Das definiert den Intellektuellen im negativsten Sinne, nämlich die Devise, „die Arbeit tun die anderen“, wie es Helmut Schelsky so treffend formulierte (siehe Scholien 03/14, S. 190ff). In diese Schieflage geriet auch die Universität, wo Muße gleichbedeutend mit Steuerfinanzierung ist, wo Intellektuelle also jenen, die ihr Salär finanzieren, noch hochgeistigen Spott besorgen.
Der große kulturelle Wert abendländischer Klöster, die der Universität Inspiration und Vorlage waren, kommt aus einer seltenen Verbindung von Arbeit und Muße. Die meisten Klostertraditionen sind Bettelorden, in denen außer Gebet und Gottesdienst wenig Wertschöpfung passiert. In Asien traf ich ausschließlich solche Klöster an, deren Kulturleistung ebenso ausschließlich in sakrale Kunst fließt. Die Mönche stellen sich etwa in Laos jeden Tag im Morgengrauen am Straßenrand an, um ihre Almosen zu empfangen. Da Geld den üblen Beigeschmack von anonymem Materialismus hat, sind Sachgüter zu geben. Diese Sachgüter werden in Plastikkübeln auf den Märkten verkauft: Jeder Kübel enthält ein typisches Arrangement von alltäglichen Konsumgütern, die Mönchen dienlich sein können, von Schokolade bis Seife – alles billige Massenprodukte in Plastikverpackung. Dieser Kübelkonsumismus untergräbt leider die Autonomie der Mönche, denn er macht sie abhängig von solchen Gaben. Ihr Wissen ist rein theoretisch, ihre Lehre konzentriert sich auf religiöse Schriften.
„Ora et labora“ hingegen, das halte ich für ein unglaubliches Erfolgsrezept. Der Institution der Universität jedenfalls hätten mehr Benediktiner und weniger Jesuiten gut getan. Der jesuitische Papst nach Benedikt XVI. glänzt ja auch eher durch Moralisieren statt Verstehen. Ein Bettlerdasein, das heißt die Entbindung von wertschöpfender Tätigkeit, ist keine gute Voraussetzung für wirtschaftliches Grundverständnis.
Ich bin davon überzeugt, dass der unternehmerische Charakter vieler Klöster sehr befruchtend für das Abendland war, und hier eine wirkliche kulturelle Sonderstellung besteht. Die Universität hat sich leider eher an den aktivistischen Orden als an den kontemplativen orientiert, die gesamte Mönchs- und Gelehrtentradition ist im Abendland aber durch die lebensnähere Grundorientierung der ursprünglicheren Klöster realistischer als anderswo. Interessanterweise sind die kontemplativen Orden arbeitend. Von den aktivistischen Orden hat sich die Universität das fremdfinanzierte Missionieren abgeschaut, also den Drang, „Wahrheiten“ zu verbreiten, ohne sie selbst leben zu müssen. Der Niedergang der Universität ist also das Auswachsen eines ursprünglichen Krankheitskeims, nach Schädigung des institutionellen Immunsystems. Eine gewisse Immunität hatte die Universität in der Zeit des europäischen Dezentralismus, als sie ihre Autonomie behaupten konnte und dadurch aber auch autonom wirtschaften musste – Realismus also nicht durch Zwang kompensieren konnte. So hätte die Universität zu einem Unternehmen werden können, das der Erkenntnis dient, zu einem Kloster auf Zeit, das der Weisheit und tätigen Muße einen geschützten Raum bietet. Als Devise hätte sich „sape et labora“ angeboten. Doch die Magister und Doktoren wurden sich bald bewusst, dass sie sich dem Staat andienen können, um sich die Arbeit (laborare) zu sparen und sich auf das vermeintliche Wissen (sapere) zu beschränken. Ihre Titel wurden zu Privilegien, die den Zugang zu hohen Positionen sicherten – bis hin zur Akademisierung unserer Tage, wo immer einfachere Berufe nur noch Zertifizierten zugänglich sind. So vergaßen die Magister, dass sie Scholaren bleiben sollten, Lernende, und gefielen sich darin, nur noch Lehrende und Prüfende zu sein, dann Kontrollierende und Ermächtigende, bis hin zu den Staatsintellektuellen unserer Tage.
Dieses „et scholarium“, „auch der Lernenden“, zumindest als Ergänzung zum universitärem Zertifizierungsbetrieb halte ich für dringend nötig. Wer, wenn nicht ich? Wann, wenn nicht jetzt? Darum gründete ich mit einer Gruppe reflektierender Unternehmer das lernende Unternehmen scholarium. Das &, das diesem im Logo vorstehen wird und eine geistige Brücke symbolisiert, übernehme ich vom Institut für Wertewirtschaft. Es handelt sich um eine alte Ligatur, die wir noch auf heutigen Tastaturen als „kaufmännisches Und“ finden: &. Erst im Betrachten der älteren Formen dieser Ligatur fällt auf, was sie eigentlich bedeutet. Ligare ist Latein für verbinden. Ursprünglich sind hier ein „e“ und ein „t“ kunstvoll verbunden und ergeben et – das lateinische Wort für und. Bei diesem Wort handelt es sich um den sprachlichen Inbegriff der Verbindung. Ligaturen verweisen auf die abendländische Tradition des schriftbasierten Gelehrtentums. Die Ligatur ersparte dem Schreiberling in der Zeit vor Buchdruck und Digitalisierung das Absetzen der Feder, ohne die Schönheit des Schriftbilds falscher Effizienz zu opfern.
Wir hatten ein kaufmännisches Symbol gewählt, weil die Menschen heute oft erst zuhören, wenn es um ihr Geld geht. Doch um die Ökonomie zu verstehen, an der sich oberflächlich tieferliegende Dynamiken offenbaren, muß man ein wenig in der Geschichte zurückgehen und in die Philosophie wagen. So ist es auch bei dieser Ligatur; und sie steht zugleich für jene gute Ökonomik, die manche Denker Katallaktik nannten: Katallein bedeutet nicht nur tauschen, sondern auch „vom Feind zum Freund machen“. Das ist die Essenz guter Ökonomik: Menschen zu verbinden. Oder wie es Roland Baader so schön formulierte: „Wirtschaft verbindet, Politik trennt.“
Schließlich ist das Verbinden auch die Kernaufgabe des guten Gelehrten: Die Gräben der Ideologien durch Erkenntnis und Austausch zu überwinden und den alten Faden der Erkenntnis wiederaufzunehmen und neu zu verknüpfen, wo er gerissen oder noch lose ist. In der großen Ligatur der Wissensliebe, die die Menschen eint, wo sie ihr Handeln trennt, wollen wir die Feder niemals absetzen.
Das Wort „Gelehrter“ klingt heute allzu groß, vielleicht, weil es nicht mehr in die Zeit zu passen scheint. Tatsächlich war das traditionelle Selbstverständnis von Gelehrten stets als „Zwerge auf den Schultern von Riesen“ zu stehen. Bescheidenheit ist deshalb die erste Tugend des Gelehrten, denn je größer der Durchmesser unseres Wissens ist, desto größer ist auch der Umfang unseres Nichtwissens. Schon die frühesten Philosophen haben dies erkannt. Neben der Vermittlung von Wissen ist die noch wichtigere Aufgabe des Gelehrten, Respekt vor unserem Nichtwissen zu vermitteln und der Hybris der vielen Besserwisser, die nach Macht drängen, einen Dämpfer zu geben.
Ich verwende den Begriff des Gelehrten oder Scholaren, weil er für mich einen klaren Gegensatz zum modernen Experten ausdrückt. Der Experte weiß immer mehr über immer weniger, bis er schließlich alles über nichts weiß. Heutige Universitäten bringen meist nur noch hochspezialisierte Disziplinen hervor, die sich untereinander kaum mehr verstehen, die nicht mehr zu den Menschen außerhalb ihres engen Geheimbundes mit dessen Geheimsprache sprechen können, und die Realität so weit zerstückeln, bis vollkommen unrealistische Hirnakrobatik dabei herauskommt. Die Universität und der Universalgelehrte sind ursprünglich von einem ganz anderen Zugang getragen. Die universitas ist die Gesamtheit und Gemeinsamkeit, in der die Welt nur verstanden werden kann. Ich spreche der Spezialisierung nicht ihre Berechtigung ab. Ich behaupte bloß, daß es ein großer Verlust war, den unabhängigen Universalgelehrten dafür gänzlich aufzugeben.
Einst hatten mich alle für verrückt gehalten, nicht geradlinig einer akademischen Karriere zu folgen und einen gutbezahlen Job als Experte im Dienst von Staat, Konzernen oder Banken anzustreben. Mit viel Einsatz und Leidenschaft habe ich es aber trotzdem geschafft, meinen eigenen Ort der Muße zu erobern, abseits einer gehetzter „Karriere“ – und daß dieses Wort von „laufen“ kommt, spricht Bände. Viele gibt es nicht, die den Mut haben, den Weg des unabhängigen Gelehrten zu gehen. Unabhängigkeit hat allerdings stets eine ökonomische Dimension; und als Gegenstück des Experten muss der Scholar unternehmerisch sein, vor allem in der Anerkennung der Bedeutung der Ungewissheit und des Nichtwissens.
Das Institut habe ich stets wie ein Unternehmen geführt. Unser Tätigkeitsbereich war aber zu eng, damit die Theoría wirklich greifen kann, so mussten wir uns doch oft auf Buchwissen beschränken. Die Bücher sind wichtig und wertvoll, doch sie nähren nur dann den Geist, wenn er sich dem Leben und Wirken stellt, sonst können sie auch Utopien, Scheinwelten und hochtrabende Irrtümer nähren. Nassim Nicholas Taleb bringt es wie folgt auf den Punkt:
Als Praktiker beruht mein Denken auf der Ansicht, dass man nicht von den Büchern zu den Problemen gehen kann, sondern, umgekehrt, von den Problemen zu den Büchern.
Wenn ich etwas von Ökonomik verstanden habe, dann durch die seltene Kombination, die man mir kaum ansieht: Niemals nur Theoretiker gewesen zu sein, sondern auch Ingenieur, Künstler und Unternehmer. Auch die Wiener Schule hätte ich nicht lebendig machen können, nicht anschaulich und wertvoll, wenn ich mich auf die Bücher beschränkt hätte. Dann wäre ich heute Ideologe wie viele andere, die ständig ihre Meister zitieren, egal wie sich die Welt verhält. Und wenn die Welt den Dogmen widerspricht, umso schlechter für die Welt!
Die Welt von heute benötigt dringender denn je kritische Reflexion und unternehmerische Alternativen, die sich aber nicht in der Gier nach schnellem finanziellen Erfolg an die verzerrten Märkte anbiedern, sondern auch renitent und subversiv sind, wo das nötig ist, die Neues und Großes aufbauen, wenn sich die meisten noch gar nicht bewusst sind, wie schmerzlich die Lücken dereinst sein würden ohne diese unternehmerischen Lückenfüller.
Praxis ohne Theorie ist, wie ich schon oft ausgeführt habe, blind und wird von den Verzerrungen der Gegenwart unweigerlich in die Irre geführt. Theorie ohne Praxis jedoch ist leer, sie hat nichts Reales zu schauen (das bedeutet Theorie übersetzt), nur innere Bilder und gedankliche Konstrukte. Zwischen diesen zwei gegensätzlichen Notwendigkeiten, otium und negotium, Muße zur Reflexion und Unternehmertum zur Umsetzung, werden junge Menschen heute aufgerieben. Entweder sie verlieren in universitären Verliesen bei leerer Pseudotheorie und blinder Pseudopraxis den Anschluss an die reale Welt, oder sie verlieren an die Welt jeden Funken Rückgrat, Leidenschaft, Neugier und Hoffnung, in gehetztem, unreflektiertem Tun, in der harten Konkurrenz um Aufmerksamkeit, die jeder haben will und kaum noch jemand aufbringen kann.
Diese Not und Lücke spüre ich brennend, ich sehe sie in den Augen meiner Studenten, höre sie aus den Anfragen von Eltern heraus, lese sie aus dem Tagesgeschehen und empfinde sie bei dem jüngsten Hype um das hippe Start-up-Unternehmertum. Als Ergänzung zur Universität, zur praktischen und konkreten Hilfe bei den schwierigen Bildungs- und Berufsentscheidungen, zum Aufbau von Rückgrat und Persönlichkeit anstelle von Pseudoindividualismus, der doch nur narzisstische Anpassung ist, als Steighilfe zu Lebenssinn und wahrer Wertschöpfung, fehlt ein scholarium: Ein lernendes Unternehmen als ideale Lernumgebung für junge Menschen, die unternehmerisch orientiert sind. Dieses bietet eine Kombination aus realer und konkreter Praxis (nicht simulierter oder abstrahierter), theoretischer Reflexion auf universitärem Niveau, dem praktischen Lernen von Vorbildern und Meistern ihres Faches sowie eigenverantwortlichen Projekten und unternehmerischen Experimenten. Dabei beabsichtige ich eine unternehmerische Revolution im Bildungswesen durch dieses innovative Vollzeit-Studienprogramm (zwei Monate bis ein Jahr) mit Konzentration auf unternehmerische Praxis, reale Fertigkeiten und wissenschaftliche Reflexion. Es soll eine Alternative und Ergänzung zum Universitätsstudium sein, bei dem „Learning by doing“ und unternehmerische Projekte, die durch ein Tutorensystem und die direkte Einbindung in den Wirtschaftsbetrieb mit geringen Kosten angeboten werden können, um ein intensives wissenschaftliches Studium mit Schwerpunkt in realistisch-praktischer Philosophie (Ökonomik, interdisziplinäres strategisch-analytisches Denken, Aneignen der abendländischen Kulturtradition) ergänzt werden.
Das Bildungsunternehmen wird dabei selbst der reale Übungsbetrieb sein und erspart damit fiktive Simulationen und abstrakte Pseudopraxis. Daraus ergibt sich ein extrem breites Spektrum an Tätigkeiten und Fertigkeiten, das an der Gesamtheit realer Wertschöpfung orientiert ist und damit einer unerschöpflichen Fülle von Unternehmensideen den geeigneten Rahmen bietet. Der Unterschied zu herkömmlichen Inkubatoren für Unternehmensgründungen liegt in der kritischen, reflektierten Perspektive und dem Fokus auf reale Wertschöpfung. Damit wird die Start-up-Illusion vermieden, bei der Studenten ohne nützliche Fertigkeiten und Erfahrungen Hype-Produkte aggressiv zur Aufmerksamkeitserregung pushen, um damit an der Geldblase zu partizipieren (Förderungen und Venture Capital). Die Ausrichtung als lernendes Unternehmen und nicht als lehrendes Unternehmen betont die Bescheidenheit, die der echten Gelehrtentradition eigen ist, und gewährleistet einen undogmatischen, freudvollen, gemeinschaftlichen und offenen Zugang zum Lernen.
Unternehmertum kann man nicht wirklich lernen. Aber man kann unternehmerisch lernen, durch Nachdenken, Planen, Ausprobieren, Scheitern, – und wieder von vorne: Nachdenken etc. Ich habe alle meine Unternehmungen, egal welcher Rechtsform, stets aus Neugier betrieben, um das auszuprobieren und aufzubauen, was mir in der Welt fehlt, und dabei möglichst viel zu lernen. Der Zugang zu alten Büchern, die Konzentrationsfähigkeit, die Begabung und Schulung in analytisch-abstraktem Denken halfen mir dabei, an solchen Erfahrungen nicht nur Anekdoten zu sammeln, sondern Zusammenhänge zu erkennen, wertvollere und realistischere Ideen von trügerischen zu unterscheiden und Empathie für andere und alternative Zugänge zu entwickeln.
Die Verzerrungen werden immer größer und spürbarer, der Druck wächst, und genau deshalb gilt es, nicht zu verzagen, denn genau deshalb muss so vieles ausprobiert und überdacht werden. Welche Wertschöpfung wird in zehn Jahren noch möglich sein? Auf welchen Wegen? Welche Kenntnisse, welche Mittel sind nötig? Was fehlt? Wovon muss man sich verabschieden? Welche Türen schließen sich, welche gehen auf? Wo liegen die größten Herausforderungen? Welche Einstellungen, Ideen, Werkzeuge helfen uns bei der Bewältigung? Unter diesen Bedingungen, kopflos irgendein Studium zu wählen, irgendeinem Karrierepfad zu folgen oder achtlos herumzuirren und sich vor der Realität einzuigeln, in virtuelle Scheinwelten abzudanken, ist Verschwendung von menschlichem Potential. Und die Generation Y hat bei allen Irrungen, Dummheiten und Störungen so viel Potential!
Fakultäten
Das scholarium ist meine Antwort darauf, wie die real-ideale Universität aussehen sollte (siehe Scholien 03/14). Real-ideal, weil eine ideale Universität noch etwas weltentrückter und mußevoller wäre. Die Realität, die heute mehr als eine winzige Minderheit zu einem Studium drängt, erfordert jedoch mehr Realitätsbezug. Als neues studium generale, als der heutigen Realität angemessenes Lernprogramm, schlage ich eine Konzentration auf fünf Fakultäten vor, die fünf zentrale Bereiche umfassen, die besonders relevant für erfolgreiches Unternehmertum und ein eigenverantwortliches Leben sind:
1\. Philosophie: Hier geht es um die Suche nach dem Wahren, der theoretischen und zeitlosen Reflexion auf der Grundlage insbesondere der praktischen Philosophie – Ethik, Ökonomik, Politik – und dem trivium: Hierbei handelt es sich um die besondere Kombination von logisch-analytischem Denken und perfektem Ausdruck in Wort und Schrift, die Kern der Universitätstradition ist. Wien eignet sich hierfür als Startpunkt, denn es ist ein historisches Zentrum realistischer Philosophie. Gute Theorie ist heute besonders wichtig, weil die inflationsgetriebenen Hamsterräder so wenig Muße lassen, die politische Korrektheit und die wachsende Distanz zwischen Realität und Diskurs zu immer stärkerer Selbstzensur und Selbsttäuschung führen, und der pragmatische Zeitgeist – das Symptom tiefer Verunsicherung – die Reflexion verabscheut.
2\. Technik: Hier geht es um das Schaffen des Guten, der praktischen Wechselwirkung mit der materiellen Welt, um Ideen in die Realität zu übersetzen. Heute ist die universellste Technik die IT, die Fähigkeit durch Programmierung und Datenverarbeitung digitale Entwürfe zu gestalten, Geräte anzusteuern und Materialverarbeitung auszuführen, wie im Bereich des CNC. Wien eignet sich hierfür als Startpunkt, denn es ist ein historisches Zentrum der Handwerks- und Ingenieurkunst. Technik ist heute besonders wichtig, weil diese aufgrund der künstlichen Verteuerung von Arbeit und freier Selbständigkeit wesentlich für eine Wertschöpfung ist, die mit der Entwertung und Steuerlast noch mithalten kann. Junge Menschen haben immer mehr die Wahl, Algorithmen zu weichen oder Algorithmen zu eichen – um es reimend zuzuspitzen.
3\. Kunst: Hier geht es um das Gestalten des Schönen – Design, bildende Kunst und Kunsthandwerk. Wien eignet sich hierfür als Startpunkt, denn es ist ein historisches Zentrum der Kunst und Kultur. Kunst ist heute besonders wichtig, weil sie ein gesellschaftliches Erinnerungsvermögen darstellt, das alleine der heutigen „Ökonomie der Hässlichkeit“ (siehe das Buch meines Freundes und Kollegen Guido Hülsmann: Krise der Inflationskultur), der Entwertung und Zerstörung etwas entringen und entgegensetzen kann.
4\. Markt: Hier geht es um das Vermitteln von Werten – Unternehmensgründung und ‑führung, Management, Verkauf, Marketing, Kommunikation, Vermögensanlage etc. Wien eignet sich hierfür als Startpunkt, denn es ist ein historischer Handelsknoten zwischen Ost und West sowie der Geburtsort der unternehmerischsten Tradition der Ökonomik – der Wiener Schule. Eine gewisse Marktorientierung und ein Grundverständnis von Märkten sind heute besonders wichtig, weil immer mehr Menschen in einer wirtschaftsfremden Parallelwelt auf Kosten anderer leben, in der sie nach und nach jede Fähigkeit und Möglichkeit verlieren, anderen Menschen wertschöpfend zu dienen.
5\. Natur: Hier geht es um Überleben und Autonomie, das was man auf Englisch Survival und Self-reliance nennt. Landwirtschaft, Sport, Gesundheit und Naturkunde erlauben eine Auseinandersetzung mit den Elementen, den Rhythmen und der Weisheit der Natur. Der Alpenraum eignet sich hierfür als Startpunkt, denn er steht für naturnahes Überleben unter schwierigsten Bedingungen. Eine gewisse Naturorientierung und ein Grundverständnis der Natur sind heute besonders wichtig, da aufgrund der kreditgetriebenen Kapitalzerstörung Naturräume und Naturwissen weichen, sowie das heute extrem hohe Niveau der Arbeitsteilung langfristig gefährdet ist. Eine Reduktion der Arbeitsteilung bedeutet immer wachsenden Autarkiebedarf. Zudem ist eine Naturorientierung ein wichtiges Gegenmittel zum künstlich überhöhten Materialismus unserer Zeit, welche die meisten Menschen in ewiger Angst vor materieller Schlechterstellung, also Arbeitslosigkeit und Armut, gefangen hält. Deshalb auch die geringe Risikobereitschaft und damit mangelhafte unternehmerische Gesinnung, sowie die unglaubliche Feigheit im öffentlichen Diskurs aus Angst vor Karriereeinbußen.
Bei dieser vielleicht zunächst seltsamen Zusammenstellung von Fakultäten handelt es sich um eine Neuinterpretation des traditionellen Curriculums der alten Universität – befreit vom Staub der Jahrtausende und an modernen Herausforderungen gereift. Die Philosophie-Fakultät enthält im Kern das Trivium (Logik, Rhetorik, Grammatik), dessen Bedeutung in der Schulung des analytisch-abstrakten Denkens und der Perfektion des sprachlichen Ausdrucks liegt – gerade in unserem abstrakt – hochkommunikativen Zeitalter unentbehrliche Grundfertigkeiten. Diese Fertigkeiten werden zwar auch an heutigen Schulen und Universitäten geübt, das scholarium hebt sich hiervon aber deutlich wie folgt ab. Erstens erlaubt es ein von Prüfungsinhalten und Lehrplänen befreites, strukturiertes Nachdenken über die reale Welt. Es glänzt durch die Abwesenheit politischer Korrektheit und sonstiger Denkverbote durch den intimen Rahmen, die absolute Unabhängigkeit des Unternehmens und die Geisteshaltung der Gründer. Es bleibt der universitären Tradition treu, indem Quelltextstudium und Debatte im Rahmen von Lectio und Disputatio, die an der modernen Universität weitgehend verschwunden sind, im Zentrum stehen. Dabei wird aber die Aktualität gewahrt durch die Reflexion realer, aktueller und unternehmerischer Probleme.
Ein völliger Neuansatz ist die Kombination der vier übrigen Fakultäten, in Analogie zum historischen Quadrivium. Dieses diente einst der Erfassung der Gesetze und Schönheit der realen Welt. Die historische Konzentration auf Astronomie, Musik, Arithmetik und Geometrie ist allerdings nicht mehr zeitgemäß und war von Anfang an zwar von einem schönen Gedanken getragen (interdisziplinäre Erfassung von Harmonien) aber allzu abstrakt, unzureichend und beengend. Das hier vorgeschlagene Quadrivium orientiert sich an den realen Erfordernissen des Unternehmertums. Erfolgreiche Unternehmer zeichnen sich durch Unabhängigkeit aus und die seltene Kombination von Fertigkeiten: Der ideale Unternehmer ist zugleich Ingenieur, Designer und Manager. Zudem sollte er eine philosophische Ader haben. Der Archetyp des Unternehmers ist damit eine Verbindung der wichtigsten Archetypen, was seine Bedeutung und Seltenheit erklären mag: Philosoph, Künstler, Ingenieur, Händler und Krieger! Der positive Aspekt des Archetyps des Kriegers liegt in der „Self-reliance“, jener Verbindung von Willensstärke und Fähigkeit zur Selbsthilfe, die sich eher abseits der Zivilisation entwickeln lässt. Darum ist der Naturerfahrung eine eigene Fakultät gewidmet. Das alte Quadrivium war ebenfalls der Naturkunde gewidmet, aber in allzu esoterisch-abstrakter Weise. Die alten Gelehrten wollten sich die Hände nicht schmutzig machen, und das verschloss paradoxerweise ihren Geist. Wir wollen die Ärmel aufkrempeln und uns die Hände so schmutzig machen wie es nur geht.
Zentral ist die Brücke zwischen marktnahem, unternehmerischem Ausprobieren und marktferner, kritischer Reflexion. Der Unternehmer Richard Branson bringt die Bedeutung des ersteren und dessen Fehlen in der schulischen Ausbildung wie folgt auf den Punkt:
Die Bereitschaft, neue Dinge auszuprobieren und dabei zu scheitern, ist wichtig, um ein Unternehmer zu werden, doch Fehler zu machen geht völlig gegen die Erwartungshaltungen des traditionellen Schulwesens. So war meine Ausbildung in vielerlei Hinsicht meine Unternehmerkarriere. \[…\] Letztlich findet man die Lösungen zu solchen großen Problemen nicht durch das Schreiben von Schularbeiten, sondern indem man hinaus geht, Fragen stellt, Dinge anders sieht und selbst die Antworten herausfindet.
Unternehmertum lässt sich aber auch gar nicht schulisch inszenieren. Selbst bei den besten Theoretikern ist die zur Muße nötige Entrückung von der Welt zu groß, um ihr Ohr am Markt und damit bei den Menschen zu haben. Bei staatsfinanzierten Pseudo-Theoretikern kommt noch erschwerend die unglaubliche Selbsttäuschung und Immunisierung hinzu, die sie ihre eigene Wissensbeschränkung gar nicht mehr wahrnehmen lässt. Statt dem philosophischen Scio quid nescio steht dann das politische Credo, alles besser zu wissen. Wie schon etymologisch angedeutet, weicht im Zuge der Pseudo-Verwissenschaftlichung des Szientismus (siehe Scholien 07/09, S. 90f) das Wissen paradoxerweise einem neuen Aberglauben.
Wie soll es dem scholarium gelingen, Muße und Unternehmertum, Theorie und Praxis zusammenzuführen? Warum sollte es gerade meinem Vorhaben gelingen, der ich keine Millionen bewegen kann, weder in Euro, noch in Köpfen? Vielleicht werde ich daran scheitern. Gewiss werde ich durch den Stress unternehmerischer Entscheidungen und Risiken weniger Muße haben. Gewiss werde ich über Studium und Reflexion Gelegenheiten verpassen, Anzeichen übersehen und unternehmerische Fehler machen. Doch wer soll das Unmögliche wagen, wenn nicht ich, der ich in meiner Persönlichkeitsstruktur täglich diesen inneren Kampf führe zwischen Theorie und Praxis, zwischen Prinzipien und Notwendigkeiten, zwischen Reflexion und Entscheidung, zwischen der Bescheidenheit des Gelehrten und der Entschiedenheit des Pioniers? Das ist nicht leicht, und ich ringe dem Tagesbetrieb nur mit großer Mühe Muße ab und meinem Denkbetrieb nur mit großer Mühe Entscheidungen. Was mir mit Mühe gelingt, könnte auch einem Unternehmen, einer von mir aufgebauten Struktur gelingen, und genau das soll das scholarium sein, eben ein lernendes Unternehmen – so wie ich stets ein lernender Unternehmer war. Genau das macht den Privatgelehrten in Anlehnung an Roland Baader (siehe Scholien 04/13, S. 70f) aus.
Zwar kann kein Unternehmen Privatgelehrte hervorbringen, denn Veranlagungen kann man nur fördern, nicht einpflanzen oder injizieren. Ein Bildungsunternehmen kann aber gleichzeitig unternehmerischer als eine typische Schule oder Universität sein und doch den Luxus zur Muße aufbringen, also in der Unternehmensstruktur der Persönlichkeitsstruktur des Privatgelehrten entsprechen. Ein solches Bildungsunternehmen, nämlich ein scholarium, ist – davon bin ich überzeugt – eine wesentliche und wertschöpfende Antwort auf das Bildungsdilemma: Junge Menschen nicht weiter in Anstalten vor der Realität zu bewahren, sie aber auch nicht an der Realität zerbrechen zu lassen, bevor sie noch die Fähigkeit und das Rückgrat zur Reflexion aufbauen konnten.
Beide Richtungen der Bildungskritik sind also vollkommen richtig, keine für sich aber wahr. Die einen schimpfen über eine wirtschaftsgetriebene Verdummung (die dann oft noch – als Symptom der eigenen Diagnose, nämlich Verdummung – „neoliberal“ genannt wird), die anderen über die staatsgetriebene Marktferne der Ausbildung. Die einen allerdings sind zu wirtschaftsfern, die anderen zu ungebildet, um die Einseitigkeit ihrer jeweiligen Kritik zu erkennen. So werden weiter gleichzeitig Standards gesenkt und der Stress erhöht, jene Verschwörung der Einseitigkeiten, die der Generation Y gar keine andere Wahl lässt, als mit Pragmatismus, Eskapismus und Zynismus zu revoltieren. Realitäts- und marktferne „Jugendforscher“ werfen dieser Generation dann ihre Angepasstheit vor und blenden ihre eigene, bislang sehr lukrative Anpassung auf Kosten ebendieser Generation aus (siehe Scholien 03/13, S. 214ff). Eine dieser Anpassungen der Generation X war es, sich im Bereich der Bildung und Forschung bequem einzurichten: dort marktüblich entlohnt marktfern zu verbilden und zu verklären.
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Gap Years
Warum könnte das scholarium gelingen, indem es jungen Menschen und damit auch ihren Eltern einen realen Mehrwert bietet? Erstens adressiert das scholarium als Ergänzungsprogramm zur heutigen „Universität“ oder „Fachhochschule“ die wachsende Orientierungslosigkeit und Frustration angesichts bestehender Bildungs- und Karriereoptionen. In den USA lässt die schwere Krise der Universität durch schuldengetriebene Gebührenexplosion bei gleichzeitig schwindenden Jobchancen für Akademiker zahlreiche alternative Angebote aufblühen mit wachsender Nachfrage. Alternativprogramme wie Uncollege weisen trotz extrem hoher Gebühren lange Wartelisten auf.
In Europa sind nach der Bologna-Reform die Entscheidungsschwierigkeiten und Lücken gewachsen: Schulabgänger fühlen sich durch die internationale Auswahl bei wachsenden Zweifeln am Herkömmlichen und dem Druck zu Zusatzqualifikationen bei Bildungs- und Karriereentscheidungen massiv überfordert, nach dem Bachelor-Abschluss nehmen die Wartezeiten und Zweifel vor Anschluss des Master-Programms zu, und nach dem Master sieht sich die „Generation Praktikum“ erst recht zweifelnd und verzweifelnd. An diesen drei Punkten ist die Nachfrage nach Alternativen groß. Eltern empfinden diese Selbstfindungsprobleme ihrer Kinder als immer gravierender und suchen daher ebenfalls geeignete Hilfestellungen.
Das ist auch der Grund, weshalb die Nachfrage nach sinnorientierten Freiwilligendiensten steigt. Junge Menschen reagieren damit auf schwindende Einstiegsmöglichkeiten am Arbeitsmarkt und schwindende Möglichkeiten sinnorientiert-selbständiger Wertschöpfung.
In Großbritannien entstand die Tradition der Gap Years, bei denen Jugendliche bis zu einem Jahr in der Dritten Welt in Hilfsprojekten verbringen. Diese Idee setzt sich nun auch in den USA durch und gewinnt auch in Europa immer mehr Anhänger. Ist ein solches Sinn-Jahr nicht eine hervorragende Ergänzung zum Universitätstrott? Leider fällt eine Gesellschaft, die sich nach Sinn sehnt, allzu leicht auf Unsinn herein, auf wohlklingende Täuschungen. Gap Years und Freiwilligendienste können tatsächlich einmalige Erfahrungen sein, mit größerer Wichtigkeit für die Persönlichkeitsbildung als alle Zertifikate zusammen. Meist jedoch handelt es sich um teure Täuschungen, nämlich illusionäre Abenteuerurlaube. Ergänzungsprogramme dieser Art treten ja gerade unter der Prämisse an, jungen Menschen einen unbequemen Erkenntnisweg zu öffnen, der aus der Parallelwelt hinausführt, welche die von der Realität abgeschotteten schulischen Institutionen vermitteln. Oft verstärken solche Erfahrungen aber die Realitätsferne, anstatt sie zu verringern.
So wie das Universitätsstudium trotz (nicht wegen) der Institution eine wichtige Episode der Persönlichkeitsentwicklung sein kann, gilt das auch für Auslandsaufenthalte: Viele Jugendliche sind dabei erstmals fern der elterlichen Obsorge, müssen sich das erste Mal wirklich selbst durchschlagen, sich um ihre Unterkunft und Verpflegung kümmern und ihre Wäsche waschen. Je ferner der Kulturkreis, desto größer solche alltags-praktischen Herausforderungen. Dennoch wäre es dazu nicht nötig, an das andere Ende der Welt zu jetten – rein psychologisch fühlen sich die Eltern aber in diesem Fall freilich ferner an und die Verantwortung größer.
Die Hilfsausflüge von Kindern aus gutem Hause in ferne Weltgegenden sehen sich allerdings wachsendem Spott ausgesetzt. Die Erinnerungsfotos solcher Aufenthalte verdichteten sich in der Wahrnehmung durch das Mitteilungsbedürfnis dieser Jugendlichen in den „sozialen“ Medien. Dabei ist das immer feinere Sensorium für politische Unkorrektheiten angesprungen: Eben noch Fotos vom Shaken und Chillen in der Timeline, und dann ein Selfie inmitten von kleinen Schwarzen. Direkt mit dem Jet von der coolen Party zum coolen Entwicklungshilfeprojekt. Ist das Rassismus? Kolonialismus?
Die coolen Kinder verspottet freilich niemand. Die Uncoolen aber sahen ihren coolen Freiwilligendienst bald bissigem Spott ausgesetzt. So wie das Selfie mit den coolen Kids auf der Party fake wirkt, so wirkt auch das Selfie mit den coolen, unterernährten und barfüßigen, kleinen Stimmungsbomben in Afrika ungut.
Das Sensorium für Rassismus und Kolonialismus schlägt heute vielleicht allzu leicht aus, auch wenn gar keine böse Intention besteht, doch hier deutet es doch auf Widersprüche, die es in sich haben. Wie sinnvoll ist es, dass Jugendliche, die auf einer Party schon mal das Monatseinkommen von Menschen in unterentwickelten Ländern versaufen, dann zur Gewissensberuhigung Sinn durch Hilfsprojekte in ebendiesen Ländern suchen? Diese polemische Gegenüberstellung von Geldwerten meine ich allerdings ganz anders als gewohnt: Meist wird eine abstrakte Schuld aus solchen Beispielen abgeleitet. Tatsächlich geht es hier um Realitätsunterschiede, die mit Schuld relativ wenig zu tun haben. Es ist nicht sinnlos und dumm, Menschen am anderen Ende der Welt helfen zu wollen, obwohl oder weil man in ganz anderen Vermögensverhältnissen aufgewachsen ist. Die wesentlichere Frage ist: Kann man diesen Menschen als Jugendlicher aus gutem Haus auf dem Entwicklungshilfetrip überhaupt helfen? Eine gewisse Überheblichkeit scheint da schon implizit zu sein, ideologische Beobachter würden sie vielleicht „kolonialistisch“ schimpfen, das trifft aber glatt daneben. Mit Rassismus und Kolonialismus hat die Sache nämlich gar nichts zu tun. Nur mit der Kluft zwischen Fremdeinschätzung und Selbsteinschätzung, die hinter den Neurosen der Generation Y steckt. Wenn diese Kluft nicht adressiert wird, wächst sie im Zuge eines solchen Gap Years noch, was die Neurose verstärkt, anstatt sie abzubauen.
Diese Neurosen sind anerzogen und angelernt. Einerseits neigen Eltern mit Sinnproblemen zu Projektionen, bei denen dem Kind zu viel Aufmerksamkeit zuteilwird. Dabei entstehen Prinzen und Prinzessinnen, denen die Eltern den Eindruck vermitteln, sie könnten alles, was sie wollten. Das führt später gleichzeitig zu Selbstüberschätzung und Entscheidungsüberforderung. Andererseits werden diese Neurosen in den Schulen verstärkt, in denen egalitäre Illusionen, massive Realitätsferne von Institution und Lehrkörper sowie wohlmeinende Kumpelhaftigkeit der Persönlichkeitsentwicklung nicht genügend Reibeflächen bieten.
Wenn ich europäische Jugendliche mit solchen, die ich im Nahen Osten, in Asien, in Lateinamerika und in Afrika kennengelernt habe, vergleiche, bemerke ich sehr deutlich jene unheilvolle Kombination von Selbstüberschätzung und Lähmung. Jugendliche in unterentwickelten Regionen wissen, dass ihnen eben nicht alles offen steht, darum haben sie aber auch mehr Leistungsbereitschaft und ein realistischeres Selbstbild, das mit mehr Demut einhergeht. Aus der reichen Erfahrung im Umgang mit Jugendlichen aus aller Welt kann ich mir das Lachen nicht verkneifen, wenn westliche Jugendliche in unterentwickelte Länder reisen, um den Jugendlichen dort „zu helfen“ oder gar „etwas beizubringen“. Was es in unterentwickelten Ländern braucht, ist die Fähigkeit, aus nichts etwas zu machen. Das lernen die neugierigen und blitzgescheiten Kinder dort von klein auf. Irgendwann sterben dann allenfalls die Neugier und der Ehrgeiz, wenn die kleinen Versuche, aus nichts etwas zu machen, durch Krieg oder Plünderung immer wieder hintertrieben werden. Hört die Zerstörung und Plünderung einmal auf, ist die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung beeindruckend. Mit Geldmangel, Wissensmangel oder gar Intelligenzmangel hat das Ausbleiben dieser Dynamik relativ wenig zu tun.
Westliche Jugendliche wissen vor allem, wie man aus viel weniger macht. Aus nichts etwas machen müssen sie kaum jemals. Wenn man etwas will, braucht man nur Geld dafür. Die Gap Years sind in erster Linie Konsum. So wie die Erasmus-Semester während des Studiums. Zu diesen absurden Entwicklungshilfetrips gehören Abenteuerurlaube in Kuba, bei denen „antikapitalistische“ Jugendliche aus dem Westen bei der Ernte im Agrarkollektiv „helfen“, Südseeatmosphäre mit einem kräftigen Schuss Rum genießen und dank der mitzubringenden Dollars auf keine Annehmlichkeiten verzichten müssen. Die Wertschöpfung bei der Erntearbeit ohne Erfahrung, mit kaum Sprachkenntnissen und bei wenigen Stunden physischer Leistungsfähigkeit im ungewohnten Klima steht in keiner Relation zum Reise-, Verpflegungs-, Unterkunfts- und Unterhaltungsaufwand.
Kuba ist hier nur ein Beispiel, das selbe Bild bietet sich bei Freiwilligendiensren in Afrika oder Lateinamerika. Unlängst wies mich ein Praktikant in unserem Institut auf das Angebot hin, als WU-Student ein Freiwilligenjahr in Südafrika zu machen. Unterkunft und Verpflegung in den Slums sind relativ günstig, nur die Reisekosten schlagen etwas zu Buche. Diese Studenten sollen dann vor Ort südafrikanische Kleinunternehmer beraten und ihnen betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse vermitteln. Das klingt nach einer guten Idee, ich musste aber sogleich lachen. Ich hatte viel sowohl mit WU-Studenten als auch mit südafrikanischen Kleinunternehmern in den dortigen Slums zu tun. Unter den ersteren gibt es zweifellos ganz brillante junge Leute, die intelligent und ehrgeizig sind. Unter den letzteren gibt es zweifellos viele Bildungsmängel. Und doch sehe ich kaum Überlappungen zwischen der WU-Betriebswirtschaftslehre und der Realität der südafrikanischen Schattenwirtschaft. Der Gedanke, dass ein durchschnittlicher WU-Student einem durchschnittlichen südafrikanischen Unternehmer irgendetwas von Wert vermitteln könnte, scheint mir völlig realitätsfremd. Hier geht es darum, mit viel etwas zu machen (meist weniger), also Budgets zu verwalten, Geldströme zu erfassen, Ausgabeposten zu argumentieren. Dort geht es eben darum, mit nichts etwas zu machen (nämlich mehr), also praktische Lebenskunst, Wendigkeit, Auskommen mit wenig bis nichts. Was bringt es, einen Geschäftsplan mit mehr Tabellen auszustatten, wenn die Bilanzsumme nahe null ist?
Eigentlich müsste der afrikanische, asiatische, lateinamerikanische Jugendliche in den Westen kommen, um hier Entwicklungshilfe zu leisten. Bei uns wird Kapital konsumiert, dort wird Kapital aufgebaut, sobald es nicht mehr politisch zerstört und geplündert wird. Kapitalkonsum kann nach viel Wissen, Kultiviertheit, Weltläufigkeit aussehen. Konsum ist auch an sich nichts Schlechtes. Man sollte ihn aber nicht für ein Entwicklungsmodell halten.
Sich ein Jahr Zeit zu nehmen vor einer Studien- und Berufswahl ist eine gute Idee. Doch mehr Zeit an sich verbessert nur sehr selten eine Entscheidung. Das wissen erfolgreiche Unternehmer, die rasch und damit oft intuitiv entscheiden. Zeit für Persönlichkeitsentwicklung ist sinnvoll, doch das ganze Leben ist diese Zeit – die Lernphase ist nie zu Ende. Da Schulen aber keine idealen Orte der Persönlichkeitsentwicklung sind und die Studienentscheidungen viel zu ernst genommen werden, fühlen sich viele junge Menschen überfordert – diese jungen Menschen sind oft die besten. Diejenigen, die sich nicht überfordert fühlen, sind meist Mitläufer.
Ein Gap Year zur Persönlichkeitsentwicklung muss viele Kontexte bieten und Perspektiven, muss viele Potentiale und Talente prüfen und muss vor allem an die Realität heranführen. Nicht unbedingt die Realität der Zeit, denn die ist schon passé, sondern die Realität der Welt, die über künftige Entwicklungen entscheidet. Die meisten Gap Years und Freiwilligendienste führen aber noch weiter von der Realität weg, sie verstärken die Illusion, dass für Sinn schon gute Intentionen ausreichen.
Besonders deutlich fiel mir das in Brüssel auf, dem Zentrum des EU-Staats. Während ein Praktikum zumindest die Realität der Zeit spüren lässt, bieten Freiwilligendienste, weil sie vermeintlich sinnorientiert sind, nicht einmal dies. Sie fühlen sich nämlich zu gut an. Der Sinn, den sie bieten, ist die Illusion, an einer Verbesserung der Welt mitzuwirken. Es handelt sich dabei aber um keine Verbesserung durch Bessermachen, sondern allein durch Besserdenken, durch „Information“, die Gesetzgeber zu politischen Interventionen und die Öffentlichkeit zur untertänigen Akzeptanz dieser bewegen soll. Diese Weltverbesserer kennen keine Geduld für die Realität. Sie wollen nicht verstehen, denn das führt zu Widersprüchen, Zweifeln und Verzögerungen. Sie wollen, „dass etwas geschieht“. Dieser Zugang zur Welt ist allerdings tief neurotisch. Er führt zu wachsender Ohnmacht. Das immer machtloser erscheinende Individuum steht immer größer erscheinenden Weltproblemen gegenüber. Mit solchen Neurosen kann man nur mittels kognitiver Dissonanz leben. Nach solchen Freiwilligendiensten könnte dann eine „sinnorientierte Karriere“ beginnen, bei der junge Menschen Klimawandel und Welthunger bekämpfen, indem sie von Konferenz zu Konferenz jetten und sich an Buffets und Galadiners überfressen. Die meisten dieser Weltverbesserungsbeamten sind fahrig und nervös, jede neue Frustration schlucken sie mit frischen Illusionen und Gehaltshoffnungen herunter. Weil es dabei nicht um die Realität geht, zählen persönliche Kontakte, Intrigen, Netzwerke und Zertifikate immer mehr als reale Kompetenz. Der gesamte Pseudo-Sinn-Bereich der internationalen Organisationen und Quangos (Quasi-NGOs, ein für Realitätsflucht typischer Etikettenschwindel) ist gepflastert von harten menschlichen Enttäuschungen, hinter der Sinn-Fassade wüten schlimmste Ausbeutung, Täuschung, Rücksichtslosigkeit, Eitelkeit und Verteilungskämpfe.
Was haben Gap Years mit Freiwilligendiensten bei Quangos zu tun? Der internationale „Sinn“-Bereich, also alles was mit vermeintlicher Hilfe, Bildung, Nächstenliebe zu tun hat, ist von dieser realitätsfernen Geisteshaltung durchsetzt, bei der Intentionen mehr gelten als Resultate. Aufgrund der aktuellen Verzerrungen ist ein bislang wenig beachteter Bereich explodiert: nämlich jener der „Quacos“, um einen neuen Begriff zu prägen – der Quasi-Corporations, Pseudo-Unternehmen, die nicht mehr reale Wertschöpfung für reale Kunden betreiben, sondern im Wesentlichen durch Fördergelder finanziert sind.
Von den rein „sinnorientierten“ Bildungsalternativen rate ich also eher ab. Die erste Tugend ist die Klugheit; ohne Kenntnis der Welt und ohne Selbstkenntnis sind nachgereihte Tugenden unmöglich. Die vermeintliche Sinnsuche ist dann oft eine Realitätsflucht, die kurzfristig eine Illusionsblase schaffen kann, in der man Sinn empfindet, beim Platzen dieser Blase ist das Sinnloch aber umso größer. Das gilt auch für die populäre Bildungsalternative des Reisens, die für viele westliche Jugendliche Ausdruck des typisch sinnentleerten Sammeltriebs übersättigter Menschen ist. Möglichst viele Länder der Welt sollen dann abgereist werden, um so eine Weltläufigkeit nach außen hin nachzuweisen. Reisen ist jedoch kein Selbstzweck und auch kein sonderlich effizienter Erkenntnisweg. Gerade in der Fremde, ausgestattet mit bequemer Kaufkraft, kann man der Konfrontation mit sich selbst und der Realität allzu leicht auskommen. Die Häufungen kosmopolitischer Jugendlicher entlang der Rucksackrouten des Massenindividualtourismus, entlang der Studentenstädte und Partymetropolen sind besondere Verdichtungen der Parallelwelten, in der junge Menschen heute ihre Kindheit künstlich ausdehnen, anstatt zu verantwortungsfähigen und damit freiheitsfähigen Erwachsenen zu reifen.
Viele Jugendliche reisen leidenschaftlich gerne: einerseits eben, um sich etwas abzunabeln, andererseits, auf der Suche nach Orientierung und Sinn. Reisen ist teuer, und in einer extremen Fernorientierung pathologisch. Die Sehnsucht nach Sinn ist menschlich, die gehetzte Suche nach Sinn jedoch ein Warnzeichen. Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung kontrastierte einmal das Sinnbewusstsein traditioneller Volksgruppen mit der Sinnsuche von Amerikanern und zeichnete dabei beispielhaft den Kulturunterschied zwischen den im Zuge eines Gap Years Besuchten (und „Geholfenen“) und den Besuchern (und „Helfern“) nach:
Ich unterhielt mich einmal mit dem Zeremonienmeister eines Stammes der Pueblo-Indianer, und er hat mir etwas sehr Interessantes erzählt. Er sagte „Ja, wir sind ein kleiner Stamm, und diese Amerikaner, sie wollen sich in unsere Religion einmischen. Sie sollten das bleibenlassen“, sagte er, „denn wir sind die Söhne des Vaters, der Sonne. Er, der dort oben geht“ (auf die Sonne deutend) — „das ist unser Vater. Wir müssen ihm täglich dabei behilflich sein, sich über den Horizont zu erheben und über den Himmel zu gehen. Und wir tun das nicht bloß für uns allein: wir tun es für Amerika, wir tun es für die ganze Welt. Und wenn die Amerikaner sich mit ihren Missionen in unsere Religion einmischen, dann werden sie etwas erleben. In zehn Jahren wird Vater Sonne sich nicht mehr erheben, weil wir ihm nicht mehr helfen können.“ Nun könnte man das vielleicht als eine Art milden Wahnsinns bezeichnen. Weit gefehlt! Diese Leute haben keine Probleme. Sie haben ihr tägliches Leben, ihr symbolisches Leben. Sie stehen morgens mit dem Gefühl ihrer großen und göttlichen Verantwortung auf: sie sind die Söhne der Sonne, des Vaters, und es ist ihre tägliche Pflicht, dem Vater über den Horizont zu helfen — nicht allein für sich selbst, sondern für die ganze Welt. Sie sollten diese Männer sehen: sie haben eine natürliche, erfüllte Würde.
Und ich habe ihn gut verstanden, als er mir sagte: „Nun sehen Sie sich diese Amerikaner an: sie sind immer nach irgendwas auf der Suche. Sie sind immer voll Unruhe, immer suchen sie etwas. Was suchen sie bloß? Es gibt nichts zu suchen!“ Das ist absolut wahr. Man kann sie sehen, diese herumreisenden Touristen, immer auf der Suche nach etwas, immer in der vergeblichen Hoffnung, etwas zu finden. Auf meinen zahlreichen Reisen bin ich Leuten begegnet, die sich auf ihrer dritten Weltreise befanden — ununterbrochen unterwegs. Stets auf Reisen und auf der Suche. In Zentralafrika habe ich eine Frau getroffen, die ganz allein im Auto von Cape Town heraufgekommen war und nach Kairo wollte. „Warum?“ fragte ich sie. „Wozu wollen Sie das bloß tun?“ Und ich war erstaunt, als ich ihr in die Augen sah —die Augen eines gehetzten, in die Enge getriebenen Tieres — immer nur suchend, stets in der Hoffnung, etwas zu finden. Ich sagte: „Was in aller Welt suchen Sie? Worauf warten Sie, wonach jagen Sie denn?“ Sie ist geradezu besessen; sie ist von allen Teufeln besessen, die sie herumhetzen. Und weshalb ist sie besessen? Weil sie ein sinnloses Leben führt. Ihr Leben ist völlig und auf groteske Weise banal, vollkommen wertlos, sinnlos und ohne jedes Ziel. Wenn sie heute umgebracht wird, ist nichts geschehen, nichts ist verschwunden — weil sie nichts gewesen ist! Aber wenn sie sagen könnte: „Ich bin die Tochter des Mondes. Jede Nacht muß ich dem Mond, meiner Mutter, über den Horizont helfen“ — ja, das wäre etwas anderes! Dann ist sie lebendig, dann hat ihr Leben eine Bedeutung, für alle Zeit und für die Gesamtheit der Menschheit. (Jung, C.G. Das symbolische Leben. Verschiedene Schriften. Gesammelte Werke, 18. Band, 1. Halbband. Solothurn/Düsseldorf: Walter-Verlag, 1995. S. 297f)»
Diese Beobachtung illustriert meine Ausführungen gut, scheint ihnen aber auch zu widersprechen. Wäre die „Tochter des Mondes“, die Jung so poetisch vorschlägt, wirklich realitätsnäher als die nüchterne, logistisch herausfordernde Weltreise? Leben die Pueblo-Indianer eher in einer Parallelwelt als Entwicklungshelfer? Realismus und Rationalität darf man nicht so streng fassen, sonst wird aus ersterem ein übertriebener Empirismus und letzterem autistische Hybris. Die Gedankenwelt der Pueblo-Indianer half ihnen, sich nach Maßstäben ihrer Rationalität ihrer Lebensrealität zu stellen. Symbole für messbare und falsifizierbare Fakten zu halten, das fällt nur Menschen ein, die für eine solche Dummheit intellektuell genug sind. Die Gedankenwelt der sinnsuchenden empirischen Hyperrationalisten in der Wachstumsbranche der fremdfinanzierten Selbstfindung und Selbstgerechtigkeit hingegen ist weder der Realität einer überzivilisierten, anonymen Gesellschaft, noch den eigenen Rationalitätsmaßstäben angemessen. Es ist ein zahlenbewehrter Aberglaube, der sich für höchste Wissenschaft, höchste Moral und höchste Tugend hält. Fremde Kulturen als Missionar, Forscher oder Nothelfer zu besuchen, setzt Glauben, Wissen oder eigene Ressourcen voraus. Hat man weder noch, so sollte man fremden Kulturen nur mit Demut entgegentreten, der Demut desjenigen, der noch nichts hat, an das es sich zu glauben lohnt, der nichts weiß und nichts vermag. Das stimmt für die meisten jungen Menschen des Westens. Erfrischende Gaps, also Arbeits- und Lernpausen, sind nur dann sinnvoll, wenn sie diese Demut vergrößern. Am schlimmsten sind sie, wenn sie sich besonders gut anfühlen, dann handelt es sich um Inszenierungen einer Berufung, die sich bei Kostenwahrheit für keine Seite lohnen würde, womöglich gar mehr Schaden als Nutzen stiftet. Und Sinn, der weder im subjektiv wertvollen Dienst am Mitmenschen, noch im Maßstab objektivierbarer Werte besteht, ist das glatte Gegenteil: Unsinn.
Marktvorteil
Das scholarium könnte hierzu eine sinnvolle Alternative sein. Bei flexibler Beginn- und Laufzeit bietet es eine zeitlich beschränkte Alternative mit beschränkten Kosten. Die völlige Unabhängigkeit von Staat, Politik und Interessensvertretungen, sowie die sehr breite und zugleich tiefe Kompetenz in den für junge Menschen an Wendepunkten ihres Lebens besonders wichtigen Bereichen Philosophie, Unternehmertum und Vermögensaufbau bewahren vor dem Scheinsinn von Parallelwelten. Bereits ohne konkretes Angebot erhielt das Institut für Wertewirtschaft stets mehr Anfragen um unbezahlte Praktika als Stellen verfügbar waren. Die ausgewählten Praktikanten sind durchwegs begeistert, obwohl sie bislang nur wenig Betreuung erhielten und meist einfache Tätigkeiten durchführen. Zahlreiche Eltern haben bei mir den Wunsch deponiert, ein geeignetes Programm für ihre Kinder anzubieten.
Die derzeit am Markt in Reaktion auf die wachsende Nachfrage entstehenden Alternativ- und Ergänzungsangebote fallen im Wesentlichen in drei Bereiche: Erstens praktisch-unternehmerisch orientierte, eher teure Programme (exosphere, Kaospilot, Praxis, Uncollege …), zweitens informelle, individuelle und virtuell vernetzte Lerngruppen (MOOCs …) und drittens systemkritische, eher spirituell-kommunitäre Lebens- und Lerngemeinschaften (Sieben Linden, Retreats …). Erstere sind durch die oben erwähnte Start-up-Illusion dominiert. Aufgrund der Hektik der verzerrten Märkte der Gegenwart fehlt die tiefere Reflexion und der Aufwand ist relativ hoch für eine eher einseitige Vermittlung von Fertigkeiten: im Wesentlichen Programmieren, Business, Präsentation und eher flache Pseudopraxis und Pseudotheorie. Die zweitgenannten Alternativen setzen schon eigene Orientierung und eigene Struktur (mit viel Selbstdisziplin) voraus und beruhen auf der Illusion, dass das relevante Wissen beliebig explizit gemacht werden kann und einfach digital übertragbar ist. Den letztgenannten Alternativen fehlt die nüchterne Wirtschaftlichkeit (und damit auch meist die nachhaltige Wirtschaftsgrundlage), sie entsprechen eher einer Abwendung von der modernen Welt, die auf diese denkbar schlecht vorbereitet.
In meinem Wirken versuchte ich stets Systemkritik mit einer ökonomischen Kompetenz und Nüchternheit zu verbinden, die auch vor aktuellen und praktischen Fragen des Unternehmertums auf verzerrten Märkten nicht zurückschreckt. Das wesentliche Problem für nüchterne Bildungsalternativen ist aber das staatliche Crowding-Out (so nennt man in der Ökonomik eine stark kosten- und preisverzerrende Konkurrenz, die nicht marktfinanziert ist), wodurch in Europa die Zahlungsbereitschaft von Studenten minimal ist. Die Studentenquote bei unseren Veranstaltungen variiert deutlich: Bei kostenlosen Veranstaltungen beträgt sie bis zu 50 Prozent, verlangen wir auch nur 5 Euro Kostenbeitrag (für Buffet und freie Getränke) sinkt die Quote auf 10 Prozent. Das liegt natürlich nicht an der mangelnden Zahlungsfähigkeit. Viel gewichtiger als das ökonomische, ist das pyschologische Crowding-Out durch Staat und werbefinanzierte Konzerne, die einen Kult der Kostenlosigkeit (siehe Scholien 03/13, S. 191ff) in Gang gesetzt haben. Gleichzeitig sind durch die Schuldenwirtschaft und Verstaatlichung der Universitäten die Lohnerwartungen von Akademikern sehr hoch, bei privaten Bildungsunternehmen sind es oft auch die Renditenerfordernisse. Hochskaliert kann meist nur der Frontalvortrag werden, dieser ist aber ein denkbar schlechtes Unterrichtsmittel.
Aus diesem Grund beginnt das scholarium klein, mit dem gewohnt geringen Overhead- und Personalaufwand, den schon das Institut für Wertewirtschaft bewies. Andere Institute erhielten und erhalten Förderungen in Millionenhöhe; im Institut für Wertewirtschaft war alles aus dem Eigenbetrieb finanziert und dennoch sind die Tarife vergleichsweise günstig (im Vergleich zu kommerziellen Bildungsanbietern). Wir wollen europäische Studenten zunächst über ihre Eltern ansprechen, die Lösungen zur Problematik der Bildungs- und Karriereentscheidung des Nachwuchses suchen. Falls Sie selbst, geschätzter Leser, Kinder im Alter zwischen 18 und 28 Jahren haben, die von einem solchen Programm profitieren könnten, richten Sie sich bitte so bald wie möglich an uns:\ [email protected]. Ab 1. August wäre eine Teilnahme möglich, je eher, desto exklusiver die Betreuung.
Die meisten alternativen Bildungsangebote finden sich in den USA, in hochpreisigen Zentren (New York). Die Immobilien für Bildungsangebote sind meist sehr teuer, denn in der Regel ist ein eigener Campus nötig. Das internationale Prestige Europas als Bildungsstandort ist (nicht mehr zu Recht) noch sehr hoch. Im Zukunftsmarkt Asien schickt der Großteil der wohlhabenden Elite die Kinder zum Studium in den Westen. Der Standort Österreich im Speziellen genießt besonderes Prestige in den Bereichen Kultur, Handwerk und Natur. Wien ist eines der Kulturzentren im deutschsprachigen Raum, ein historisches Unternehmerzentrum und Geburtsort der Wiener Schule. Die Stadt ist eine der weltweiten Spitzen-Destinationen für Besucher und bietet hohe Lebensqualität und Attraktivität für Studenten. Österreich bietet den idealen Standort, da aufgrund des Etatismus die Preise abseits der Verwaltungszentren relativ niedrig sind, der Etatismus aber die gesellschaftliche Grundstruktur noch nicht so weit zerstört hat wie anderswo, etwa in den ähnlich günstigen Regionen der Ex-DDR. Österreich hat historisch ein so hohes kulturelles Kapital aufgebaut, dass selbst nach zwei Weltkriegen und ungehemmtem Etatismus noch relativ viel übrig ist. Das tradierte Wissen in Handwerk und Landwirtschaft ist relativ hoch, die Familien- und Gemeinde-Strukturen sind in relativ großen Resten noch funktional – „relativ“ zu anderen Staaten. Österreich hinkt dem Wahnsinn historisch stets hinterher und hat dadurch eine Chance am schlechten Beispiel der anderen zu lernen. Auch bei ununterbrochenem Etatismus und weiterem Abstieg bleibt Österreich für lange Zeiträume attraktiv: im worst case als deindustrialisiertes Alpen-Disneyland für asiatische Besucher – was immerhin eine gewisse Offenheit, einen gewissen Kapitalerhalt und ein Minimum an Marktorientierung gewährleistet.
Meine Erfahrungen in Asien bestätigen, dass besonders die europäische Kultur, die stark mit Österreich und Wien assoziiert wird, starke Nachfrage und Sehnsüchte weckt. Doch die Asiaten sind allzu pragmatisch und suchen stets einen realistischen Wirtschaftsbezug. L’art pour l’art wie in weiten Teilen der heutigen Geisteswissenschaften ist ihnen zuwider, wodurch ihnen dann allerdings auch ein Zugang zur Kultur verschlossen bleibt. Deutsch ist übrigens jene Fremdsprache, die Amerikanern laut einer Studie den größten Einkommensbonus von allen Fremdsprachen, im Schnitt \$128.000 Mehrverdienst im Leben einbringt – das mag für andere Nationen ebenso gelten.
Ein wirklicher Knotenpunkt des Unternehmertums ist Wien allerdings nicht mehr, auch wenn es im Start-up-Bereich gerade als attraktive Konferenzdestination auflebt. Anderswo gibt es weit größere Netzwerke von Unternehmern, kritischen Zeitgenossen, Engagierten und Studenten als wir es haben. Das Networking unserer Zeit leidet aber an der notwendigen Flachheit aufgrund der wachsenden Polarisierung und den massiven Verzerrungen auf den Märkten und in den Aufmerksamkeitskanälen. Unser Netzwerk ist klein, aber hochqualitativ. Es entstand ohne jeden Werbeaufwand, ohne Skalierung, allein durch Mundpropaganda (da größeres Wachstum und größere Aufmerksamkeit gar nicht bewältigbar und politisch riskant gewesen wären). Das Institut für Wertewirtschaft – bald scholarium – verfügt über knapp 5.000 Kontakte, davon viele persönliche Kontakte, die mehrheitlich kritische, gebildete, eigenverantwortliche Unternehmerpersönlichkeiten sind, viele Klein- und Mittelbetriebe, Familienunternehmen; aber auch Privatgelehrte, leitende Angestellte und Investoren.
Marktnachteil
Alle direkt marktorientierten Alternativen zu staatlichen Bildungsinstitutionen kranken an mangelnder Muße und Tiefe. Aufgrund des erwähnten Crowding-Out mangelt es sonst an Wirtschaftlichkeit. Als klassische Unternehmensgründung, die auf schnellen Gewinn aus ist, eignen sich Bildungsalternativen überhaupt nicht. Die Steuerlast trifft voll, da Bildung eher immaterielle Ressourcen nutzt und somit beim Umsatzsteuer-Durchlaufspiel den Kürzeren zieht. Dieser immaterielle Charakter führt auch zum Unterschätzen des Kapitalbedarfs bei Bildungsunternehmen: gerade in einer narzisstischen Kultur glauben sich die allermeisten in der Lage zu lehren und zu erklären.
Ich habe mich daher dazu entschieden, ein gemeinnütziges Unternehmen zu gründen. Das klingt nun freilich nach einem Widerspruch in sich, nach dem Pseudo-Sinn auf Kosten anderer, der mit wirklich wertschöpfendem Unternehmertum wenig zu tun hat. Tatsächlich bezeichnet der Begriff „gemeinnützig“ eine Steuerbefreiung. Eigentlich bin ich der Ansicht, dass fast jedes Unternehmen gemeinnützig ist; in aller Regel jedenfalls weit nützlicher als die allermeisten Organisationen. Gleichzeitig muss jede Organisation, die selbständig bestehen soll, gewinnorientiert sein. Aus ökonomischem Unverstand und politischem Interesse sind jedoch einzelne Tätigkeitsbereiche in Österreich steuerbefreit, sofern die Mehrerträge des jeweiligen Unternehmens nicht für den Konsum von Privatpersonen entzogen werden. Von diesen Bereichen erfüllen wir vier: Bildung, Forschung, Jugendbetreuung und Mildtätigkeit (Stipendien). Damit haben wir im Gegensatz zu vielen anderen ideellen Organisationen (Umwelt, Politik …) eine weitaus solidere Argumentationsgrundlage für eine Steuerbefreiung. Die Steuerbefreiung bedeutet, dass alle Gewinne vollständig reinvestiert werden können (keine KÖSt., halber USt.-Satz für kommerzielle Angebote, keine USt. für andere Zuwendungen) und ermöglicht dadurch einen Wettbewerbsvorteil, ein schnelleres Wertwachstum und ein geringeres Liquiditätsrisiko.
Ohne Steuerbefreiung würde der Unternehmenserfolg in erster Linie dem Staatsapparat zugutekommen und ihn nähren, und nur in zweiter Linie den privaten Gesellschaftern zufließen (20% USt. + 25% KÖSt + 25% KESt). Damit würden wir den primären, gefährlichsten, rücksichtslosesten und finanzkräftigsten Mitbewerber und Nahezu-Monopolisten für Bildung und Forschung im direkten Ausmaß unseres Erfolges stützen. Leider ist die Grenze längst erreicht, ab der Unternehmertum nicht bloß Wohlstand schafft, sondern in gleichem Maße Wohlstandszerstörung finanziert. Das ist ein furchtbares Dilemma für Unternehmer. Einige sind stolz darauf, große Steuerzahler zu sein, die mangelnde Anerkennung kompensieren sie durch diesen Zahlerstolz. Der Philosoph Peter Sloterdijk (siehe Scholien 04/12, S. 188ff) fordert so auch ein Lob der Großzügigkeit zur Reform des Steuerstaates. Dazu bräuchte es aber Freiwilligkeit. Der gemolkene Untertan kann sich auf die Großzügigkeit nicht ausreden. Vielmehr ist es ein verschärfender Umstand, dass Wertschöpfung durch die Steuerlast immer mehr zur Unwertschöpfung wird und der organisierten Kriminalität immer neue Mittel zuführt. Wirklich nachhaltiges Unternehmertum muss sich daher zunehmend von den klassischen Formen lösen. Das ist freilich extrem schwierig; die Profitorientierung ist eine wichtige Disziplinierung und Bewertungsgrundlage. Ersetzen kann sie nur die Wertsteigerung, die allerdings auch nicht direkt für Konsum entnommen werden darf.
Ich habe einige erfolgreiche Unternehmer als Gesellschafter für das scholarium gewonnen. Sie alle sind für ihr Einkommen nicht auf allfällige Profite angewiesen und präferieren ein langfristiges Wachstum gegenüber einer kurzfristigen, konsumptiven Mittelentnahme. Diese Lösung erlaubt das Ansetzen am Erfolg des Instituts für Wertewirtschaft und die Übertragung aller Vermögenswerte. Somit wird der bisherige Verein zu einer gemeinnützigen GmbH. Im Gegensatz zu einem Verein steht eine GmbH im Privateigentum ihrer Gesellschafter, ist dadurch nachhaltiger und kann verantwortlicher und langfristiger geführt werden. Freies Unternehmertum hängt am Privateigentum und dem dadurch möglichen Aufbau wachsender und sehr langfristiger Projekte. Die GmbH stellt sich dem Wettbewerb am Markt und muss von transparenter und professioneller Wirtschaftlichkeit getragen sein. Alle Gewinne werden im Sinne der Gesellschafter reinvestiert, um ihren Zweck zu erreichen. Dieser Zweck ist insofern gemeinnützig, da er für viele, nicht nur die Gesellschafter, von großem Nutzen ist. Dieser Zweck besteht darin, eine unabhängige Alternative zu den monopolartigen, erstarrten und politisierten Bildungs- und Forschungsinstitutionen aufzubauen, die es einer wachsenden Zahl talentierter junger Menschen erlaubt, ihr Potential zu erkennen und zu entwickeln und so die Welt letztlich unternehmerisch – durch bessere Angebote, nicht durch Zwang – zum Besseren zu gestalten.
Ich selbst werde den größten Teil meiner Ersparnisse in diese notwendige, aber gewiss schwierige Aufgabe investieren und die Unternehmensmehrheit halten. Nur das gewährleistet effektive und unternehmerische Führung. scholarium soll ein schlagkräftiges Eigentümer-Unternehmen mit voller Handlungsfähigkeit bleiben. Durch die Steuerbefreiung wird die Marktferne potentiell größer sein, was zugleich Gefahr und Chance ist. Grundsätzlich ist Marktnähe kaum durch gute Intentionen zu ersetzen; das beweist der Wahnsinn der meisten Vereine, wo der größte Teil der Kreativität der Mitwirkenden in Statutendebatten, Winkelzüge und Intrigen fließt. Dennoch zeichnet langfristig erfolgreiche Unternehmen oft eine gewisse Marktferne aus, nämlich Prinzipien und Rückgrat der Gründer, sowie Innovation statt Imitation, also das Vorziehen des Ungewissen, zunächst Unprofitablen gegenüber dem Bewährten. Je verzerrter die Märkte, umso mehr wird Marktferne zu einer möglichen Tugend. Dann führt zu starke Marktnähe zu Kurzfristigkeit, Unaufrichtigkeit, Übertreibung, Sinnleere und Prinzipienlosigkeit. Je verzerrter die Märkte, desto größer der potentielle Marktnachteil – das Prostituieren eines Unternehmens an den Moden, Illusionen und Schieflagen des Zeitgeists.
Deshalb bin ich dem Start-up-Hype gegenüber so skeptisch. Freilich lässt sich an solchen Markterfahrungen einiges lernen, meist mehr als an Universitäten. Aber manchmal auch weniger, weil die Lehren einseitiger sind. Dann geht es nicht darum, etwas wirklich richtig zu machen, sondern zum Zug zu kommen. Am Ende könnte dann die Lehre stehen, dass es weitaus komfortabler und gewinnbringender ist, Start-up-Beamter zu werden, also mit den überreichlichen Werbeetats von Ministerien, Behörden und Ländern, Konferenzen zu organisieren und Projekte zu lancieren. Ein historischer Schmähbegriff für den Unternehmer war Projektemacher. Auf verzerrten Märkten sind diese Projekte oft teure Illusionen. Immer wenn in Wien heute engagierte Unternehmer zusammenkommen, bewirbt irgendwer ein Projekt, bei dem unter der Patronanz irgendeines Ministers irgendeiner politisch korrekten Sache gehuldigt wird. Das scholarium darf niemals zu einem solchen Projekt verkommen, zu einem Vorwand, um mit guten Intentionen um Aufmerksamkeit und Fördergelder zu buhlen. Da nehme ich den Marktnachteil gerne in Kauf, weniger profitabel zu operieren.
Doch sind Profit und Projekte nicht Gegensätze? Laufen nicht eher steuerbefreite Unternehmen Gefahr, Markterfolg durch politischen Erfolg zu kompensieren? Eben nicht, denn die Marktverzerrung ist heute zu groß. Es ist reines Profitstreben, das Venture Capitalists heute dazu bewegt, ausschließlich in Unternehmensgründungen einzusteigen, die schon alle Förderungen „abgeholt“ haben. Im Kampf um Aufmerksamkeit ist es profitabel, sich an die künstlich überhöhte Aufmerksamkeit für Politiker dranzuhängen. Es hat überhaupt nichts mit politischen Vorlieben oder Prinzipien zu tun, wenn heute Politikern für Vorträge auf Events satte Gagen gezahlt werden. Es geht schlicht um Aufmerksamkeit, und ein Clinton hat dank seiner Eskapaden höchste Aufmerksamkeitswerte und damit höchste Vortragsprofitabilität. Wer viele Besucher bei seinen Werbeveranstaltungen möchte, tut gut daran, dem Publikum die aus Funk und Fernsehen bekannten Visagen vorzusetzen. Das erklärt auch die erschreckenden Marktwerte dieser Visagen. Der „Intellektuelle“ mit der größten Aufmerksamkeit in Österreich ist etwa der Nachrichtenableser Armin Wolf, dessen politische Einseitigkeit sich gut für kurze und verkürzte Twitternachrichten eignet. Seine mit Steuergeld genährte Omnipräsenz in Wohnzimmern übersetzt sich in lukrative Autoren- und Vortragshonorare. Nach seinem Rundfunkdienst wird er gewiss ein Unternehmen zur Vermarktung seiner Person gründen. Der weiter oben erwähnte Jugendforscher hatte sich seine steuergeldfinanzierte Projektemacherei auch durch eine Unternehmensgründung vergolden lassen, um dann der Generation Y in gut bezahlten Vorträgen und Studien ihren Marktpragmatismus vorzuwerfen.
Der Leser verzeihe mir einen gewissen Zynismus. Dieser Zynismus ist bei allzu großer Marktnähe unvermeidlich. Offizielles Unternehmertum am Weißmarkt hat nur noch in hochproduktiven Branchen Zukunft: Aufgrund der Marktverzerrung ist diese Hochproduktivität aber oft nur ein Durchlaufposten für Subventionen und Kredite. Je näher am Staats- und Bankensektor, je größer also die Konzerne, desto eher fällt hohe „Produktivität“ ab. Unser Bildungsunternehmen jedoch wird per Definition staats- und bankenfern sein; heute bedeutet das leider auch größere Marktferne.
CRAFTprobe
Das scholarium ist zunächst ein Angebot an Eltern. Haben Sie Kinder zwischen 18 und 28 Jahren? Dann ist die Chance relativ groß, dass Sie voll der Sorge um deren Zukunft sind. Zunächst die gute Nachricht: Wenn Ihre Kinder noch nicht den richtigen Weg gefunden haben, von den Bildungsmöglichkeiten etwas erdrückt scheinen und ihre Interessen und Talente noch nicht in einen plausiblen Berufsweg übersetzen können, ist mit ihnen alles in Ordnung. Sie sind keine Ausnahmen; die Schwierigkeit, in dieser Welt Fuß zu fassen, ist nicht ihre Schuld, und Ihre schon gar nicht. Ich will mich an dieser Stelle aber nicht mit einer längeren Erklärung aufhalten, warum es heute für junge Menschen so unglaublich schwierig ist, gute Bildungs- und Berufsentscheidungen zu fällen, obwohl die Auswahl so groß zu sein scheint. Gemeinsam mit besorgten Eltern haben wir eine Alternative entwickelt, die Ihren Kindern die bestmögliche Hilfestellung bei einer Orientierung an den mittelfristigen realen Möglichkeiten bietet.
Es handelt sich um ein persönlich zugeschnittenes Ausbildungsprogramm, bei dem persönliche Entwicklung, praktisches Hineinschnuppern in zahlreiche Berufsfelder, unternehmerische Grundausbildung, sowie Natur- und Kulturerfahrung im Mittelpunkt stehen. Es findet Vollzeit in Wien statt und dauert bis zu einem Jahr. Es ist dafür gedacht, junge Menschen optimal auf weitere Bildungs- und Karrierewege vorzubereiten, ihnen das notwendige Fundament für gute Entscheidungen mitzugeben und ihre wirtschaftliche Selbständigkeit zu fördern. Es handelt sich um ein ideales Ergänzungsprogramm vor, zwischen oder nach weiteren universitären Studien.
Das Jugendprogramm im scholarium trägt den Namen CRAFTprobe, was im Englischen grob übersetzt „Sondieren beruflicher Fertigkeiten“ bedeutet und im Deutschen auf die Kraftproben Bezug nimmt, die in traditionellen Gesellschaften den Übergang von der Jugend ins Erwachsenenalter markieren. Fehlen solche selbständigen Kraftproben, werden sie durch leichtsinnige Mutproben kompensiert oder die Selbständigkeit misslingt zum Preis ewiger Abhängigkeiten. Das Trägerunternehmen des Programms ist gemeinnützig und wurde von einer Gruppe erfolgreicher Unternehmer aus Österreich, Deutschland, Schweiz und Liechtenstein gegründet, aus dem Antrieb heraus, der nächsten Generation Wertvolles mitzugeben und ihr Mut zur Eigenverantwortung zu machen. Das ist in unserer Zeit besonders schwierig und benötigt daher besondere Unterstützung. Diese wollen wir Ihrem Sohn/Ihrer Tochter bieten. Die Kosten für einen Ausbildungsplatz betragen 1.000€ pro Monat. Wir können Ihnen allerdings drei vergünstigte Pakete anbieten:
- Bei Teilnahme am gesamten Jahresprogramm, das insgesamt vier Monate freie Zeiten für andere Praktika, Studien, Projekte oder Reisen lässt (bei begleitendem Coaching), beträgt die Gesamtgebühr nur 7.000€.
- Bei Teilnahme während eines Semesters beträgt die Semestergebühr nur 3.500€.
- Die Mindestteilnahmedauer beträgt zwei Monate, dafür fallen 1.900€ an.
Zusätzlich sind womöglich Wohnkosten in Wien zu übernehmen, wobei wir aber bei der Suche nach einer günstigen Unterkunft helfen. Wir empfehlen die Teilnahme während des gesamten Jahres. Sollte Ihnen dieser Aufwand finanziell nicht möglich sein, sind auch kürzere Zeiten ein Gewinn für Ihren Sohn/Ihre Tochter. Eine ratenweise Zahlung ist bei Teilnahme am Jahresprogramm möglich. Das erhält Ihr Sohn/Ihre Tochter dafür:
- Tägliche Ausbildung insbesondere in folgenden Bereichen: Nutzung digitaler Werkzeuge, Nutzung analoger Werkzeuge, Kultur (insbesondere Geistes- und Sozialwissenschaft, Perfektionierung von sprachlichem Ausdruck und Argumentationsfähigkeit), Natur (Gesundheit, Körperbeherrschung, Lernen aus und von der Natur) und Zukunftsfähigkeit (Trends erkennen und analysieren, unternehmerische Grundfertigkeiten).
- Persönliche Betreuung und Hilfestellungen beim Finden des eigenen Weges. Durchführung eigener Projekte, um Stärken zu erkennen und optimal zu fördern.
- Zugang zu einer der außergewöhnlichsten Privatbibliotheken Wiens.
- Teilhabe an einem Netzwerk für späteren beruflichen Erfolg.
- Persönlicher Arbeitsplatz mit allen nötigen Geräten und Werkzeugen.
- Wertvolle Kontakte zu Unternehmern, Fachleuten, Künstlern.
- Alle Spesen für Ausflüge (Betriebsbesuche, Naturerfahrung, externe Kurse …).
- Aufnahme in eine Gemeinschaft außergewöhnlicher junger Menschen mit besonders hohem Potential.
Exklusive Bildungsprogramme mit persönlicher Betreuung, hochwertiger Infrastruktur und moderner Ausrüstung sind teuer. Alternative praktische Ausbildungsprogramme im Ausland kosten teilweise mehr als 7.000€ pro Monat. Wir können Ihnen nur deshalb so günstige Konditionen bieten, weil bei uns keine Profite, Zinsen oder Steuern lukriert werden müssen und viel Idealismus privater Unterstützer dahinter steht. Wir hoffen, Sie können sich zu dieser langfristigen Investition und Starthilfe für Ihren Sohn/Ihre Tochter entschließen und stehen Ihnen gerne für weitere Fragen zur Verfügung. Bitte schreiben Sie uns unter\ [email protected]. Wir würden uns sehr freuen, Ihren Sohn/Ihre Tochter bald auf seinem/ihrem Lebensweg unterstützen zu dürfen.
Mein Kollege Eugen Maria Schulak schickt Ihnen, geschätzte Leser und Eltern, folgenden vertraulichen Brief, um meine Idee dieses ungewöhnlichen Bildungsprogramms in seinen Worten auszudrücken:
Was soll ein junger Mensch heute lernen, damit er im Leben gut vorankommt? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir verstehen, was das Lernen in der Gegenwart auszeichnet und was es, speziell heute, bedeutet, im Leben gut voranzukommen. Daraus ergeben sich dann die Inhalte und Fertigkeiten, die von CRAFTprobe zu vermitteln sind.
Was das Lernen in der Gegenwart auszeichnet, ist seine Kurzfristigkeit: Zum einen wird mehr denn je nur für die Prüfung gelernt, damit man sie hinter sich bekommt, weil immer mehr Menschen insgesamt immer mehr Prüfungen zu absolvieren haben. Gleichzeitig gibt es immer weniger Lehrende, die fähig und willens sind, mehr als das zu unterrichten, was bei den Prüfung gefragt ist, auch weil es gar keine etablierten Freiräume mehr gibt, in denen ein tieferes Lernen stattfinden könnte. Zudem haben sich die Unterrichtszeiten und bürokratischen Lasten für alle Lehrende drastisch erhöht. Alles ist verzweckt und wird unentwegt optimiert. Ja keine Zeit verlieren, ist die Devise. Zugleich hat auch die Lernbereitschaft und Belastungsfähigkeit der jungen Leute drastisch abgenommen. Einerseits deshalb, weil heute jeder viel zu lange in Schulen geschickt wird, was das Leistungsniveau in Schulen ganz generell senkt. Dies hat zur Folge, dass die Schulen, die erfolgreiche Absolventen produzieren wollen, sich in ihrem Angebot den Gegebenheiten anpassen und ihrerseits ihr Anspruchsniveau senken, um überleben zu können. Andererseits leidet die Konzentrationsfähigkeit der jungen Leute durch die exzessive Benutzung elektronischer Medien derart, so dass es für die allermeisten kaum mehr möglich ist, stundenlang konzentriert vor einem Werkstück oder einem Buch zu verbringen. Kaum jemand kann sich diesem Sog entziehen. Immer mehr Lehrlinge werden aus ihren Lehrstellen entlassen, weil sie die Leistung, die man von ihnen fordert, nicht mehr erbringen können bzw. wollen. Dadurch sind immer weniger Meisterinnen und Meister sowie auch Unternehmen motiviert, Lehrlinge auszubilden und haben dadurch keinen Nachwuchs bzw. schlechtes Personal.
Zum anderen zeichnet sich das Lernen deshalb durch Kurzfristigkeit aus, weil sich rascher als je zuvor auch die Aufgabenbereiche verändern, in die man als junger Mensch eintauchen kann, was zur Folge hat, dass sich auch die Lehrinhalte laufend ändern. Die Zustände sind mittlerweile als chaotisch zu bezeichnen: Curricula werden nicht selten in Jahresabständen verändert; dauernd taucht Neues auf und Altes wird aufgegeben, so dass viel Unsicherheit, Unmut und Unlust entsteht, auf beiden Seiten, bei den Lehrenden und Lernenden. Da die meisten Lehrenden im Auftrag staatlicher Stellen handeln, hat kaum noch jemand den Eindruck, selbst hochrangigste Professoren nicht, bei diesen Entwicklungen mitreden, geschweige denn sie steuern zu können. Die jungen Leute beginnen angesichts der Massen an Schul- und Hochschulabgängern aller Art langsam schwarz zu sehen. Ein gewisser Pessimimus gepaart mit Feierlaune und einem unentwegten Bedürfnis zu „chillen“ macht sich breit. Dazu kommt noch, dass die meisten entweder die Kinder von unentwegt gehetzt vor sich hinarbeitenden Eltern oder Arbeitslosen sind, was beides kein optimales Vorbild ist. So wie die Eltern werden? Nein danke! Die Eltern ihrerseits kämpfen mit den Übeln und Verführungen der Zeit und den vielen Fallen, die das Leben heute stellt. Wer zu den Glücklichen gehört und sein Leben meistert, dem hängt heute mehr denn je vor Anstrengung die Zunge aus dem Maul, weil er mit seiner Leistung die gesamte Staatsbürokratie erhalten muss, die immer höhere Forderungen stellt. Gleichzeitig findet man immer weniger Leute, die einem bei der Arbeit wirklich helfen können, wodurch letzten Endes so gut wie jeder, in welcher Position er sich auch immer befindet, mit dem Rücken zur Wand steht. Es wird für alle immer enger. Das ist der Grund dafür, warum die Angsterkrankungen derzeit die am stärksten anwachsenden Krankheiten überhaupt sind.
Dies alles zeichnet das Lernen von heute aus. Was bedeutet es nun für die jungen Leute, im Leben gut voranzukommen? Es kann nur bedeuten, sich aus diesem unseligen Hamsterrad, das sich immer schneller zu drehen scheint, zu befreien und ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben zu beginnen und so gleichsam eine kräftige Schneise in die sich verbreitende Hoffnungslosigkeit und Angst zu schlagen. Aber wie? Man möchte so vieles gesehen, gehört, gelernt und praktiziert haben, damit man eine Grundlage für Entscheidungen hat und vor allem, damit man die Sicherheit und den Mut findet, das Leben tatsächlich zu beginnen und einen Weg zu gehen. Endlich gut unterwegs zu sein, ist etwas, was sich die meisten jungen Leute sehnlichst wünschen. Endlich zu wissen, was man will, anstatt bloß in den Optionen zu taumeln, das wäre fein! Zu viele hängen auch schon zu lange in Wartepositionen oder stecken gar in Sackgassen, so dass die Gefahr besteht, dass immer mehr von ihnen schlappmachen. Im Grunde ist Gefahr im Verzug.
Die Inhalte und Fertigkeiten, die CRAFTprobe in wenigen aber intensiven Lernmonaten vermitteln kann, sind darauf angelegt, zu langfristigen Entscheidungen und Wegen anzuregen. In Zeiten, in denen anonyme Systeme herrschen, sind authentische Vorbilder und beeindruckende Persönlichkeiten gefragt, die mit ihren Fähigkeiten junge Menschen begeistern können. CRAFTprobe stellt diese Persönlichkeiten zur Verfügung und kann so umfassende Bildung in vielerlei Sparten sowie technische, handwerkliche und künstlerische Fertigkeiten vermitteln. Da wir ein politisch völlig unabhängiges und frei finanziertes Unternehmen sind und am Bildungsmarkt ein Novum darstellen, kann man verständlicherweise kein anerkanntes Zertifikat bei uns erwerben. Auch sind unsere Studiengebühren deutlich höher als jene von subventionierten staatlichen Bildungsinstitutionen, weil wir letztlich jeden Suppenlöffel selbst bezahlen müssen. Die unschlagbaren Vorteile von CRAFTprobe sind die vielen tiefgründigen Erfahrungen, die maßgeblichen Einsichten, die lebensprägenden Momente, die unsere Absolventen mit in ihre Leben nehmen und die aus der intellektuellen wie emotionalen Qualität der Personen hervorgeht, die für dieses Unternehmen zur Verfügung stehen. Der Geist von CRAFTprobe ist auf die Praxis gerichtet. Sein langfristiges Ziel ist der selbständige und eigenverantwortliche Mensch, die Überwindung der Angst sowie die Abschaffung der Sklaverei.
Scholien
Falls Sie keine Kinder haben, für die dieses Programm in Frage kommt, können Sie dennoch von den Lernresultaten unseres lernenden Unternehmens profitieren. Lernen wollen wir, wie sich heute noch die Realität erkennen, Werte schaffen und Sinn finden lassen. Dazu ist das Studium vergessener Schriften wichtig, aber ebenso das unternehmerisch-praktische Sondieren von Optionen, Chancen und Herausforderungen. Die Erkenntnisse werden wir mit Ihnen, wie Sie das gewohnt sind, über Schriften, Veranstaltungen und Aufzeichnungen teilen.
Das Institut für Wertewirtschaft sprach stets kritische Bürger aus dem Mittelstand an, die zunehmend das Vertrauen in die Institutionen verlieren. Auch ein scholarium ist im Interesse wirklicher Bürger, die auf unabhängige Lehr- und Forschungseinrichtungen angewiesen sind. Wir wollen uns dabei auf jene konzentrieren, die nicht ins Gegenextrem der blinden Wut verfallen. Kritische Bürger, die sich nicht schon Zynismus und Wut hingegeben haben, sehnen sich nach alternativen, kritischen, aber dennoch seriösen Bildungs- und Informationsangeboten. Zudem sehnen sich Angestellte nach Phasen kritischer Sinnsuche und Reflexion („sabbaticals“), für die der von uns geschaffene Ort ideal ist.
Wenn anstelle des Instituts für Wertewirtschaft das scholarium treten wird, wollen wir die bisherigen Mitgliedschaften, mit denen Sie unsere Arbeit überhaupt erst ermöglichen, deutlich aufwerten. Es gibt heute nur noch wenige, die bereit sind, Institutionen zivilgesellschaftlich zu tragen – die meisten verlassen sich auf Staat und Lobbies und „engagieren“ sich allenfalls als Zuwendungsempfänger. Das scholarium wird, wie das Institut für Wertewirtschaft, ausschließlich privat von Bürgern wie Ihnen finanziert. Wir lehnen jede Subvention aus Prinzip ab, weil wir niemals mehr Werte aufbrauchen als schöpfen wollen, Zwang verabscheuen und Unabhängigkeit für einen hohen Wert halten. Wir sind ein gemeinnütziges Unternehmen, das heißt, alle Erträge fließen direkt in die Förderung unserer Zwecke, ohne Abzug von Dividenden, Zinsen oder Steuern. Wir sind aber auch stolz darauf, ein Unternehmen zu sein, und eben keine Behörde, kein Komitee, keine Partei, kein Hobbyverein, keine ideologische Bewegung. Professionalität, Effizienz, reale Wertschöpfung und ökonomische Nüchternheit sind zentral für uns. Wir bieten Ihnen daher realen Gegenwert und nicht bloß allgemeine Versprechen. Auch wenn Ihre finanziellen Mittel beschränkt sind, können Sie schon mit einem kleinen Beitrag an unseren Erkenntnissen und Werten teilhaben, Teil eines außergewöhnlichen Netzwerkes werden und eine gewichtige Lücke füllen.
Die Mindestunterstützung werden wir von 90€ auf 75€ senken, zudem erhalten Sie künftig vollen Gegenwert durch Eintritte, Schriften, Bücher etc., die im Ausmaß Ihrer Unterstützung direkt übernommen werden. Sie können in diesem Ausmaß auch Scholien nachbestellen.
Nun darf ich Ihnen die gewichtige Veränderung erklären, vor der dieses Format steht. Künftig werde ich die Scholien digital wie einen Weblog führen, auf dem Sie exklusiv und sofort meine Gedanken, Einsichten und Erfahrungen mitlesen können. Weiterhin können Sie eine gedruckte Fassung der Scholien als „best of“ bestellen, allerdings als Jahrbuch.
Gewiss wundern Sie sich: Warum beginne ich ausgerechnet jetzt einen Weblog? Und was hat das mit Scholien zu tun? Weblogs gelten mittlerweile als auslaufendes, gar totes Medium. Das heutige Lesen im Netz ist in aller Regel durch „soziale“ Kanäle vorgefiltert. Einem Blogger zu folgen, scheint in den Informationsfluten viel zu wenig zu sein. Flutet man jedoch seinen Kanal mit allen möglichen Schreiberlingen, die gelegentlich mal etwas Interessantes und Relevantes zu sagen haben, wird er unbrauchbar. Deshalb ist anhand der Fülle möglicher Quellen das alte Prinzip, das Grundlage der Weblog-Kultur war, nicht mehr zu halten: Nämlich einen eigenen Kanal in einem Reader mittels RSS-feeds zusammenzustellen. Das Auswählen und Filtern der Information wird zunehmend der Crowd überlassen, was die Bedeutung heutiger Informations- und Vernetzungsplattformen erklärt. Jason Kottke, einer der am längsten dienenden Blogger, schrieb unlängst die Todesanzeige für das Medium Weblog:
Anstatt zu bloggen, postet man heute auf Tumblr, schreibt Tweets und sammelt etwas auf Pinterest, stellt etwas auf Reddit, plaudert über Snapchat und aktualisiert den Facebook-Status, nutzt Instagram und publiziert auf Medium. 1997 schufen vernetzte Jugendliche Internettagebücher, und 2004 herrschte der Weblog. Heute ist es bei Jugendlichen genauso unwahrscheinlich einen Weblog zu beginnen (statt Instagram oder Snapchat zu verwenden) wie Musik auf CD zu kaufen. Blogs sind etwas für Ü40-Eltern.
Anstatt Blogs zu lancieren, bauen Unternehmen mobile Apps, Magazine für den iOS-Newsstand und Dinge wie The Verge. The Verge, Gawker, Talking Points Memo, BuzzFeed oder The Huffington Post sind genauso wenig Weblogs wie The New York Times oder Fox News und bezeichnen sich auch zunehmend nicht als solche.
Der primäre Verteilungsweg für Links hat sich von lose verbundenen Netzwerken hin zu eng integrierten Diensten wie Facebook und Twitter verschoben. Wenn man sich die Herkunftsquellen der Besucher von Seiten wie BuzzFeed ansieht, bemerkt man ein riesiges Besucheraufkommen seitens Facebook, Twitter, Reddit, Stumbleupon und Pinterest, aber nur wenig von Weblogs, sogar, wenn man alle Weblogs zusammenzählt.
Das Problem dieser neuen Informationswelt sind freilich die entstehenden Filterblasen. Damit uns Informationsfetzen erreichen, müssen sie erst die Filter der mit uns Vernetzten passieren, was zur Verstärkung ideologischer Scheuklappen und Hybris führt. Das Schreiben, um „geteilt“ und damit auch gelesen zu werden, verändert sich. Clickbait, die Optimierung von Titeln und visuellen Ankern, verseucht die Kanäle. Massenkompatibilität wird wichtiger, was die Gleichschaltung bestimmter Neigungsgruppen erhöht.
Der ursprüngliche Weblog hatte eine größere Chance auf Wahrhaftigkeit und Authentizität, der Grund spricht aber nicht unbedingt für das Bloggen: Es ist einfach, nicht für die Masse zu schreiben, wenn man sie gar nicht erreichen kann – da verschmäht der Fuchs die Trauben. Das bringt der Psychologe Dr. Seth Roberts gut auf den Punkt:
Der Zauber des Bloggens besteht darin, daß man, wenn man damit beginnt, die Wahrheit schreiben kann, weil es ohnehin niemand liest. Ohne Publikum macht es Sinn, die Wahrheit zu erzählen, denn es fühlt sich gut an. Wenn man auch noch eine Ahnung hat, wovon man schreibt, \[…\] ist dies für die Leser unwiderstehlich \[…\], daher wächst nach und nach das Publikum. Nun ist es zu spät, Selbstzensur zu üben; die Menschen lesen deinen Blog, weil du die Wahrheit schreibst.
Was das Bloggen wertvoll macht, sind die persönlichen und ungeschminkten Erfahrungsberichte und Wissensstücke, abseits der abgeschriebenen Pressemeldungen und der berechenbaren Meinungsglossen. Heute ist allerdings, im Zuge der Selbstverstärkung sozialer Medien, alles potentiell öffentlich: Schon das leiseste mediale Zwitschern kann zu einem unerwarteten Donnergrollen des shitstorms anschwellen, der meist ein Stürmen und Tosen des Bullshits ist. Ehrliches und offenes Bloggen wird also in der Tat unmöglich und schwindet daher, wodurch das Bloggen an Wert und Reiz verliert. Darum verpackte ich meine Gedanken lieber in Büchlein, die am herkömmlichen Postwege nur die Augen von Seelenverwandten erreichten – und mir herrliche Freiheiten persönlichen, unzensierten und unbekümmerten Schreibens erlaubten.
Doch mit der wachsenden Bedeutung des Digitalen fühlte ich mich immer mehr wie der Trauben verschmähende Fuchs. In meinem Leben wächst gerade wieder die Bedeutung des unternehmerischen Lernens und drängt die Bücher ein wenig zur Seite (gibt den verbleibenden aber noch größeren Wert). Meine Erfahrungen und Ideen werden dichter, praktischer, inhomogener. Jeden Tag könnte ich daraus viele Essays machen. Darum wende ich mich wieder dem Digitalen zu, allerdings mit einem gewichtigen Vorbehalt. Auf dem kommenden Weblog werde ich das Öffentliche vom Privaten trennen. Gleichzeitig wird die gedruckte Form der Scholien fortbestehen als redigiertes Jahrbuch, das natürlich auch in allen digitalen Formaten verfügbar sein wird. Dabei bleibe ich der Beschränkung treu, dass das Private, Heikle, Konkrete, Persönliche dem engsten Kreis meiner Seelenfreunde und Unterstützer vorbehalten bleibt. Das Geld dieser Unterstützer ist weniger ein Preis und mehr ein sichtbares Zeichen der Würdigung. Es ist leicht, zu „liken“, allerlei Menschen, Initiativen und Ideen digitale, kostenlose und damit auch wertlose Anerkennung zuteilwerden zu lassen. Geld für etwas aufzuwenden, ist der sicherste Indikator, dass es einem wirklich etwas wert ist. Und für wen meine Einsichten, Erfahrungen, Erkenntnisse keinen Wert haben, dem vertraue ich nicht in dem Ausmaß, dass ich ihm meine Seele gänzlich öffnen und ihn als Wegbegleiter anerkennen würde. So teile ich die meisten Beiträge meiner Scholien in einen öffentlichen Teil, als Geschenk an all die Unbekannten und potentiellen friends im Netz, und einen privaten Teil für die echten Freunde und Unterstützer, der oft Sensibles und Unteilbares enthält. Meine Intention bleibt dieselbe. So begannen vor nun schon mehr als sechs Jahren meine Scholien:
Ich habe mir für dieses Jahr viel vorgenommen. Unter anderem, der Zeit zu trotzen und nicht zu verstummen – auch wenn es einem die Sprache verschlägt. Angesichts der Politisierung und Ideologisierung des Diskurses ist es immens schwierig, in verdaubaren Portionen zu schreiben. Eigentlich dürfte man nur noch dicke Wälzer verfassen. Wenn der Bezug fehlt und sogar die Sprache, hängt jedes einzelne Wort, jeder einzelne Absatz, jeder einzelne Artikel in der Luft und bleibt unverstanden, plumpst in Schubladen und trifft falsche Nerven.
Doch man sagt mir, es sei besser, nicht verstanden als nicht gelesen zu werden. Das beeindruckt mich nicht sonderlich. Wer mit dem Ziel schreibt, ein großes Publikum zu erreichen, kann niemals der Ausgangspunkt einer tatsächlichen Veränderung sein. Veränderungen gehen immer von Minderheiten aus – und wenn sie die Mehrheit erfaßt haben, ist die Veränderung bereits geschehen. Dann ist die Aufgabe erfüllt.
Meine bescheidene Aufgabe ist es, unsere Welt und Zeit besser zu verstehen und Anstöße zu einem solchen Verständnis und zu den darauf beruhenden Konsequenzen für ein gutes Leben zu geben. Dazu sind dickere Bretter zu bohren als die papiernen „Informationen“ der Gegenwart. Darum muß ich mich etwas aus dem Tagesgeschehen lösen und auch der Verlockung widerstehen, jeden aktuellen Unsinn zu kommentieren. Mir scheint aber, daß die abfallenden Späne bei meinem Versuch der Gewinnung tieferen Wissens und tragfähiger Perspektiven doch vielleicht auch anderen dienlich sein können. Sicherlich nicht dazu, ein Fundament zu bauen. Doch zumindest eine kleine Glut der Erkenntnis sollte sich damit nähren lassen.
Der von mir sehr geschätzte Nicolás Gómez Dávila schuf trotz seiner sprachlichen Genialität Zeit seines Lebens kaum längere Texte. Er begnügte sich mit Aphorismen. Traktate verdächtigte er einer grundlegenden Unehrlichkeit. Im letzten Jahrhundert der Ideologien und unmenschlich großen Systementwürfe war dieser Vorbehalt in der Tat vollkommen angebracht. Wahrheit habe stets bruchstückhaften Charakter, meinte Dávila. Durch und durch konsistent und aus einem Guß könne nur die Lüge sein. Die von jedem Bezug losgelöste Reflexion, nur sich selbst Rechenschaft schuldend und nur in sich stimmig, entwirft eine Parallelwelt. Theoretisch mag diese Welt im Gegensatz zur realen wie der Himmel aussehen, praktisch ist sie doch meist die Hölle. Dávila beließ es also bei Bemerkungen, und diese stoßen in der Tat oft mehr zur Erkenntnis an als dies heute viele Bücher vermögen. Einer Sammlung dieser Bemerkungen gab er den wunderschönen Namen Escolios a un texto implícito (auf deutsch: Scholien zu einem inbegriffenen Text), Scholien zu einem darin enthaltenen Text. Der Titel ist selbst ein Aphorismus und beschreibt seinen Zugang: Die Erkenntnis besteht aus ihren eigenen Bruchstücken, und nur bruchstückhaft kommen wir ihr näher.
Ich lasse mich gerne von Dávila inspirieren und möchte mit dieser Schrift ein Experiment wagen. Ich bemühe mich um eine neue Art, meine Gedanken mit jenen Menschen zu teilen, deren Kritik und Anregungen mir wichtig sind. Ich nenne dieses Experiment Scholien. Ein Scholion ist eine Notiz am Rande von Texten. Der Text, den ich bearbeite, gibt es nicht. Vielleicht ging er verloren. Wahrscheinlich gab es ihn nie. Es ist ein Kontext, zu dem ich meine Scholien füge. Möge er aus den Bruchstücken nach und nach hervorgehen. Dabei nehme ich die Gefahr in Kauf, ein Parteigänger verlorener Sachen zu sein, wie Till Kinzel Dávila in seiner Biographie beschrieb. Und ich nehme sie frohen Mutes in Kauf.
Dies ist die erste Ausgabe meiner Scholien, eine Zusammenstellung von Gedanken, Fragen, Antworten, Beobachtungen, Begegnungen, Zitaten, Empfehlungen. Ich wähle dieses Format, weil ich es mir selbst wünschen würde. Anregungen für die Manteltasche, keinem Sachzwang gehorchend, frei von Fülltext und Werbung, an keiner digitalen Infusion hängend, nicht vom Tagesgeschehen vor sich hergetrieben, das Neue nicht ignorierend aber auch nicht überbewertend, keinem Kollektiv entsprungen und daher kompromißlos. Die Scholien sind und bleiben ein sehr persönliches Angebot. Sie werden regelmäßig erscheinen und sich ausschließlich an jene richten und jenen verpflichtet sein, für die sie wertvoll sind. Jene Freunde und Unterstützer, die meine Arbeit im Institut für Wertewirtschaft ermöglichen, werden die Scholien künftig zugeschickt bekommen. Falls dieses Exemplar in andere, interessierte Hände gelangt: Ein Abonnement ist zu den hinten verzeichneten Konditionen möglich.
Man sagt mir, das wäre nichts Neues. Die bruchstückhafte, persönliche Form des Schreibens nenne man „Weblog“. Nach vielen Experimenten in jenen Gewässern verspüre ich eine innere Abneigung gegenüber dem sogenannten Web2.0. Dieses Angebot sei boshaft als Auftakt zum Web3.0 verstanden. Back to the roots. Die revolutionäre Agenda: Das Netz als gelegentliches Werkzeug für Gutes zu nutzen, anstatt im und für das Netz benutzt zu werden. \[…\]
Warum müssen also Bäume geopfert werden, warum begnüge ich mich nicht mit einem Blog? Wer heute erkennen will, muß zunächst abschalten können. Das Netz gibt uns den Zugang zu unglaublichen Informationsfluten und übt damit einen starken Sog aus. Ein Sog führt jedoch in der Regel in Richtung Abfluß. Einer meiner Vorsätze ist es, diesem Sog etwas zu entkommen und mehr Kontrolle über meine Informationsaufnahme und meine Zeit zu gewinnen. Ich habe den Verdacht, daß etwas, das – bei aller Nützlichkeit – durch Verlockung oder Überreizung meine Selbstbestimmung schwächt, Vorsicht und Vorbehalt erfordert.
Ich möchte mit den Scholien die Ehrlichkeit, Unmittelbarkeit, Persönlichkeit und Buntheit des Bloggens erreichen, ohne den großen Nachteil in Kauf zu nehmen, meine Leser tiefer in den Sog zu ziehen. Zugleich soll das Netz dort hilfreiches Werkzeug sein, wo dies sinnvoll ist. Einerseits verzichte ich auf Fußnoten und biete stattdessen Verweise an, unter denen Interessierte zitierte Netzseiten, Bücher, Materialien u.a. finden können. \[…\] Außerdem möchte ich um Anregungen bitten, die ich – sofern passend – in kommenden Ausgaben der Scholien einarbeiten werde (unter namentlicher Erwähnung, falls nicht explizit unerwünscht). So könnte sich ein spannender Diskurs über diese Blätter ziehen, der etwas weniger gehetzt ist als Forendiskussionen.
Seien Sie unbesorgt als treuer Scholienleser: Ich bleibe mir treu. Die neuen Beiträge in den digitalen Scholien werden ungefähr Scholienkapiteln entsprechen, mit ebenso vielfach kreativen Überleitungen, wie Sie das gewohnt sind. Einmal im Jahr werde ich eine redigierte Druckausgabe anbieten. Die Inhalte werden etwas praktischer und lebensnäher, doch die theoretische, interdisziplinäre Reflexion mit dem gewohnten Anspruch bleibt natürlich. Ich bin davon überzeugt, durch diese zeitgemäßere Form des Schreibens Ihnen letztlich mehr Wert bieten zu können. Diese Form entspricht meiner aktuellen Lebensrealität besser – ich bin derzeit als Unternehmer von sehr vielen realen Herausforderungen zugleich gefordert, die zur geistigen Reflexion in ungewohnten Bereichen einladen. Die Flexibilität, unterschiedlichste Gebiete gleichzeitig reflektieren zu können, bietet mir dieses Format. Zudem bietet es eine niedrigere Schwelle für potentiell Interessierte, indem ich meine Netze etwas weiter in die Weiten des Netzes werfe. Ich werde mich darum bemühen, dem literarischen und wissenschaftlichen Anspruch weiterhin treu zu bleiben und freue mich sehr, wenn auch Sie mir dabei treu bleiben.
Sie halten also die letzte Ausgabe der alten Scholien in Händen, ein Übergangsexemplar, das Sie gewiss etwas enttäuscht hat. Viele warten auf längere Kommentare zu meiner Asienreise, neue Lektüreanregungen und wertvolle Einsichten. Einiges habe ich schon vorausgeschrieben – bald, sobald unsere neue digitale Präsenz zugänglich wird, werden Sie mehrmals pro Woche von mir lesen können, wenn Sie das wünschen: in kleineren, verdaubaren Paketen, deren öffentlichen Teil Sie mit anderen teilen können. Wenn Sie dem gedruckten Wort treu bleiben wollen – und Sie haben guten Grund dazu – dann werden Sie neben dem neuen Scholien-Jahrbuch viele weitere Schriften beziehen können. Ich schreibe derzeit nicht nur an zwei neuen Büchern, sondern übersetze und lektoriere drei weitere und bereite auch eine Wiederbelebung der vielgerühmten Analysen vor, die sich im Gegensatz zu den Scholien mit etwas mehr Disziplin jeweils einem Thema widmen. Wenn Sie mich weiter auf meinem Weg der theoretischen und praktischen Erkenntnis begleiten, wird Ihnen die Lektüre so bald nicht ausgehen.
Ihr Vertrauen, dass unsere Initiative etwas ganz Besonderes ist, so ganz anders als andere Institute und Vereine, werden wir nicht enttäuschen. Österreich ist vielleicht nicht der beste Ort für solche Initiativen, und ich kämpfe täglich mit schweren Zweifeln und Enttäuschungen. Gelingt hierzulande etwas, schlägt einem Neid und Missgunst entgehen, scheitert etwas, ruft es Besserwisser auf den Plan, die ihre eigenen Risiken erfolgreich anderen anhängen. Doch manche Kämpfe sind es wert, geführt zu werden. Dieser, mein Kampf, die abendländische Kultur durch etwas morgenländische Umsetzungskunst aus steuerfinanzierten Elfenbeintürmen zu befreien und unternehmerisch wiederzubeleben, ist nur deshalb möglich, weil es in Europa noch solche Menschen wie Sie gibt. Mit den Menschen, die mir bislang im Institut für Wertewirtschaft begegnet sind, hätte ich kaum gerechnet: kultivierte, kritische Menschen, die wirklich an Erkenntnis interessiert sind. Die meisten von Ihnen sind gar nicht in Österreich zuhause, sondern in Deutschland, der Schweiz oder in Liechtenstein. Umso besser oder umso schlechter – jedenfalls schön, dass es Sie gibt. Ich freue mich sehr auf ein weiteres spannendes Stück des Weges mit Ihnen. Für Ihre Anregungen, Wünsche und Beschwerden bin ich – wie immer – dankbar:
Dieser ältere Scholien-Text bleibt frei unter seinem ursprünglichen Link erreichbar.
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