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Revolution und Gegenrevolution im Iran

Rahim Taghizadegan am 10. Jänner 2026

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Wieder drängt sich beim Blick auf den Iran der Eindruck auf, einer Revolution beim Entstehen zuzusehen. Zuletzt schien sie greifbar, als nach dem Tod der jungen Kurdin Jina (Mahsa) Amini in Gewahrsam im September 2022 die Parole „Frau, Leben, Freiheit“ die Strassen füllte und Frauen das Symbol der Zwangsverschleierung öffentlich zurückwiesen. Was als Aufstand gegen Sittenpolizei, Demütigung und rechtlich erzwungene Kleidung begann, wuchs binnen weniger Tage zu einer allgemeinen Anklage gegen die Ordnung der Islamischen Republik.

Die Hoffnung auf den Umschwung war gross und wurde enttäuscht. Das Regime antwortete mit dem vertrauten Instrumentarium: Gewalt, massenhaften Verhaftungen und systematischer Einschüchterung. Berichte über Folter und sexualisierte Gewalt in Haft verdichteten sich, während die Durchsetzung erzwungener „Sittlichkeit“ als Machtsprache gegen den Alltag fortgeführt wurde. So blieb von der Erhebung vorerst nicht der Sturz der Ordnung, sondern die sichtbare Erosion ihrer Selbstverständlichkeit und ein langes Nachbeben aus Repression, Mut und Trotz.

Solche Hoffnungen sind nicht neu. Der Sommer 2009 bietet dafür ein Lehrstück. Die Auseinandersetzung um die Präsidentschaftswahl wurde im Westen damals als Vorstufe einer demokratischen Revolution gelesen. Ihre eigentliche Aussagekraft lag jedoch woanders: In wenigen Wochen traten jene inneren Bruchlinien der Islamischen Republik offen hervor, die sonst hinter religiöser Rhetorik und dem Etikett „Reformer“ gegen „Hardliner“ verschwinden. Wer diese Episode ernst nimmt, erkennt, dass die politischen Fronten weniger entlang abstrakter Ideologien verlaufen als entlang von Netzwerken, die sich um Geld, Gewaltapparate, institutionelle Hebel und Deutungshoheit gruppieren. Deshalb lohnt es sich, zunächst die westlichen Missverständnisse über die politische Landschaft des Irans aufzuklären.

Die Jugend im wohlhabenden Norden Teherans mochte es damals glauben, weil sie es so inbrünstig hoffte, doch Mir-Hossein Mussawi Khameneh war alles andere als ein linksprogressiver Demokrat und Mahmud Ahmadi-Neschâd war keineswegs ein rechtskonservativer Vertreter des Gottesstaats. Politische Schubladisierungen sind zwar generell nicht sonderlich aussagekräftig, in diesem Fall war die verkehrte Wahrnehmung aber doch besonders offensichtlich. Mussawi, Premierminister bis 1989, als das Amt aufgehoben wurde, war ein früher Weggefährte Chomeinis und hatte das Regime der Islamischen Republik mitgeformt. Während des Krieges gegen den Irak führte er jene Planwirtschaft ein, die dem Regime bis heute wirtschaftliche Macht gibt. Er plädierte für die Fortsetzung des Krieges; in seiner Amtszeit wurde eifrig entführt, gefoltert und gemordet. Allerdings gehörte er einer anderen Clique an als Ahmadi-Neschâd. Mussawi steht seit 2011 unter Hausarrest.

Seit geraumer Zeit schwelt im Iran ein Konflikt zwischen zwei mächtigen Gruppierungen, die sich beide als Erben der Islamischen Revolution sehen. Die Wirtschaftsordnung des Iran ist am ehesten als faschistisch zu bezeichnen, mit drei grossen Sektoren: staatliche Planwirtschaft, private Unternehmen und Unternehmen politischer Stiftungen. Wie in jedem interventionistischen Mischsystem gelangen einzelne zu grossem Reichtum, die Masse jedoch lebt in Armut. Eine Gruppe von Neureichen bewohnt die Nobelviertel Teherans mit ihren Wolkenkratzern.

Sanktionen und Währungsverfall verschärfen diese Logik. Je stärker legale Kanäle abgeschnitten werden, desto wertvoller werden jene Wege, die nur über Schutz, Insiderzugang und eine Grauzone des Handels funktionieren. So werden ausgerechnet jene Organisationen zu Hauptprofiteuren, die nach aussen als Bollwerk gegen den Westen auftreten, und ihr Opportunismus speist sich aus ökonomischem Eigeninteresse.

Die Islamische Republik hat längst die Zustimmung breiter Teile der Bevölkerung verloren. Wo früher Patronage, Subventionen und Umverteilung Loyalität kaufen konnten, machen Misswirtschaft, Währungsverfall und Sanktionen dieses Modell immer teurer. Das erklärt, warum Protestwellen in regelmässigen Abständen wiederkehren und die Hoffnung auf einen tieferen Bruch immer wieder neu aufflammt.

Die Privatwirtschaft ist stark konzentriert: zahlreichen Kleinunternehmern, die vorwiegend mit Handel und Dienstleistungen mehr schlecht als recht über die Runden kommen, stehen wenige grosse Konglomerate gegenüber. Der ehemalige Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani nutzte dieses System, um sagenhaften Reichtum aufzubauen († 2017). Er galt als einer der reichsten Männer des Irans, und seine Familie kontrolliert einen beachtlichen Teil der iranischen Wirtschaft. Es ist kein Wunder, dass die freie Marktwirtschaft im Iran einen schlechten Namen hat: Seit den Anfängen der Revolution waren Mullahs und Bazaris ein Bündnis eingegangen. Chomeini selbst hatte einst erklärt: „Niemand sollte Angst haben, zurückzukommen und zu investieren […]. Solange der Islam besteht, solange wird es auch freies Unternehmertum geben.“ In den Jahren vor 2009 hatte sich ein veritabler Boom eingestellt; 2004 titelte „The Economist“: Iran: The Mideast’s Model Economy?, nachdem Steuern gesenkt und der Handel liberalisiert worden waren.

Ein grosser Teil der Unternehmen, die in Haschemis Liga spielen und mit ihm konkurrieren, ist allerdings in den Händen paramilitärischer Kräfte konzentriert. Zur Mobilisierung im Iran-Irak-Krieg baute das Regime einst einen Goebbels’schen Volkssturm auf, der sich mittlerweile verselbständigt hat. Diese Kräfte wurden als Kanonenfutter fanatisiert. Nach dem Krieg gelang es ihnen, die militärische Macht in wirtschaftliche umzumünzen. Die kurz als Pasdaran („Wächter“) und Basidsch („Mobilmachung“) bezeichneten Organisationen kontrollieren heute zahlreiche Konzerne (vermutlich ein Drittel der Gesamtwirtschaft) und verfügen so über eine unabhängige Finanzierungsbasis. Sie verstehen sich als Schutztruppe der Ordnung, von der sie profitieren, und verbreiten als Moralpolizei Angst und Schrecken.

Haschemi wurde mit dem wirtschaftlichen Erfolg immer pragmatischer. Diese Wandlung kennzeichnet alle „Reformkräfte“. Ursprünglich radikal-islamistisch und sozialistisch eingestellt, treten sie heute eher für Marktwirtschaft und Liberalisierung ein. Angesichts dieser plötzlichen Wandlung stehen dahinter aber wohl nicht nur edle Motive. Letztlich geht es um einen Kampf über die Kontrolle der Wirtschaft. Dies ist ein gewohntes Muster: Jene, die leichteren Zugang zur Staatswirtschaft haben, sind stets planwirtschaftlicher eingestellt als jene, die momentan weiter entfernt von diesen Betrieben sind. Bei Ahmadi-Neschâds Wirtschaftspolitik handelte es sich um populistischen Sozialismus mittels Inflation und Umverteilung, weshalb er sich auch so gut mit Hugo Chávez verstand. Es ist also vollkommen absurd, ihn als „rechts“ zu qualifizieren und die „Reformer“ als „links“.

Es ist auch ein Irrtum, Ahmadi-Neschâd als Vertreter der Religion zu betrachten. Tatsächlich ist der Iran keine Theokratie, führende Geistliche stehen unter Hausarrest und haben sich schon lange dem Regime entfremdet. Der Iran wird von einer ausgeklügelten Oligarchie beherrscht, die die Religion für ihre weltlichen Zwecke missbraucht. Grossayatollahs, die höheren Rang in der Geistlichkeit haben als der „geistliche Führer“ Ali Chamenei, hatten es als „haram“ (dem Gläubigen verboten) qualifiziert, Ahmadi-Neschâd damals als Präsidenten anzuerkennen. Tatsächlich handelt es sich beim Machtblock der Paramilitärs um eher säkulare Kräfte. Sie schliessen bei jener Facette von Chomeinis Projekt an, die im gerühmten Verdienst besteht, nach der Revolution gegen die „reaktionäre Geistlichkeit“ vorgegangen zu sein. Um diese Hintergründe des vermeintlichen „Gottesstaates“ besser zu verstehen, müssen wir ein wenig in die Geschichte zurückgehen.

Iran kommt vom altpersischen Aryanem Vaejah und steht für „Land der Arier“. Die Arier waren ein Volk aus dem Norden, das gegen Süden zog. Am indischen Subkontinent unterwarfen sie die Drawida und formten die Herrschaftskaste der Brahmanen. Im Gebiet des heutigen Irans gingen aus ihnen die Volksgruppen der Perser und Meder hervor. Neupersisch ist eine indogermanische Sprache, die somit näher mit dem Deutschen als mit dem Arabischen verwandt ist: „barâdar“ bedeutet z.B. Bruder, „modar“ Mutter etc. Es gibt kaum eine grössere Beleidigung für einen persischsprachigen Iraner, als ihn als Araber zu bezeichnen. Die heutigen Iraner sehen sich als Erben einer der ältesten Hochkulturen.

Im 7. und 8. Jahrhundert nach Christus setzten sich die islamischen Araber militärisch gegen die Iraner durch und islamisierten die Region. Es brauchte Jahrhunderte, bis die Mehrheit der Iraner islamisch war. Nachdem der militärische Widerstand gebrochen war, ging die Bevölkerung zu kulturellem Widerstand über. So gelang das Unglaubliche: die persische Sprache und Teile der Kultur überlebten bis heute. Wissenschaft jedoch wurde in arabischer Sprache betrieben, obwohl eine grosse Zahl der islamischen Wissenschaftler iranischstämmig war, da das Arabische im islamischen Raum zur lingua franca wurde. Daher enthält das Persische zahlreiche arabische Lehnwörter, insbesondere für komplexere Begriffe. Dabei handelt es sich meist um jene Begriffe, die im Deutschen lateinische oder griechische Lehnwörter sind.

Aserbaidschan

Der Iran ist ein Vielvölkerstaat mit dominanter persischer Identität. Dieses Spannungsverhältnis ist bislang erstaunlich stabil geblieben, nicht zuletzt durch die schiitische Klammer, den relativen Aufstieg der Aseri und den Gegensatz zu sunnitischen Nachbarn. Das wackeligste Glied ist jedoch die kurdische Frage, deren politische Bezugspunkte jenseits der Grenzen liegen und deren Rolle in den jüngsten Protestwellen zusätzliche Symbolkraft erhielt.

Die arabische Besetzung war nicht das letzte kulturelle Umpflügen im Iran. Im 11. Jahrhundert gelangte das Turkvolk der Oghuz zur Herrschaft und schuf das Seldschuken-Reich, das den Iran umfasste. Seit dieser Zeit nutzten Turkstämme Weidegebiete im iranischen Kernland Medien, welches nach dessen einstigen Satrapen (Statthalter) Atropates von den Griechen Atropatene genannt wurde. Daraus entwickelte sich der Name Aserbaidschan für die Region im Nordwestiran. Die heutige Republik Aserbaidschan hiess seit Urzeiten bis ins 19. Jahrhundert Aran. Der moderne Name wurde vom Nachbargebiet übernommen, weil sich dort im 19. Jahrhundert ebenfalls eine Turksprache durchgesetzt hatte. Die wenigsten wissen, dass im iranischen Aserbaidschan bis ins 18. Jahrhundert ein Dialekt des Mittelpersischen gesprochen wurde, der als Altaserisch bezeichnet wird. Die Sprache wich erst über viele Jahrhunderte dem Aseri-Türkisch von heute. Unter den Seldschuken war Aserbaidschan noch vorwiegend persischsprachig, die Seldschuken selbst nutzten Persisch als Hofsprache. Erst mit den Safawiden fand die Turksprache stärkere Verbreitung und der Todesstoss für das Persische kam erst mit der turkmenischen Kadscharen-Dynastie, die den Iran bis 1925 regierte, deren Herrscher teilweise kaum des Persischen mächtig waren.

Die heutige Republik Aserbaidschan und die iranische Provinz Aserbaidschan waren historisch also fast durchgehend getrennt und die meiste Zeit kulturell verschieden, weshalb eine „Wiedervereinigung“ auch nie sonderlich populär wurde. Die allermeisten Aserbaidschaner im Iran sehen sich als Iraner. Sie stellen ein Drittel der Bevölkerung des Irans, dominieren jedoch die Privatwirtschaft. Auch unter der Geistlichkeit und im Regime sind Aserbaidschaner prominent vertreten. Sowohl der „geistliche Führer“ Ali Chamenei als auch der frühere Ministerpräsident und damalige Präsidentschaftsanwärter und vermeintliche Reformer, Mir Hossein Mussawi, sind Aserbaidschaner.

Dennoch gibt es gelegentlich böses Blut zwischen den Volksgruppen, zumal die aserbaidschanisch-iranische Identität aufgrund der historischen Wirren eine der problematischsten überhaupt ist. 2005 brach ein grosser Tumult aus, als bei einer Konferenz des freimarktwirtschaftlich orientierten American Enterprise Institute ein Vertreter der Aserbaidschaner für Dezentralismus warb. Nicht nur das Regime, sondern auch die Opposition der studentischen „Demokraten“ ereiferte sich über den „amerikanischen Anschlag auf die Integrität des Landes“. Auch jeder Ausdruck aserbaidschanischer Kultur, die sich nicht iranisch gibt, wird nicht gerne gesehen. 2005 wurden bei einer grossen Kulturversammlung zahlreiche Personen inhaftiert. 2006 sorgte eine im Westen kaum bemerkte „Cartoon-Affäre“ für böses Blut im Land. In einer iranischen Tageszeitung war ein harmloser Cartoon abgebildet, in dem eine Küchenschabe auf einen Jungen, der das persische Wort für Küchenschabe stammelt, mit Namana? antwortet, Aseri-Türkisch für „Wie bitte?“. Daraufhin kam es zu gewaltsamen Demonstrationen in mehreren Städten, bei denen allerlei angezündet wurde und fünf Demonstranten von der Polizei erschossen wurden.

Innen und Aussen

Um diese Unruhen und andere „Cartoon-Affären“ zu verstehen, ist ein kleiner sozio-psychologischer Exkurs nötig: Im Orient ist die Scham das disziplinierende und stabilisierende Moment, was im Gegensatz zum Okzident mit einer stärkeren Betonung des Moments der Schuld eine etwas kollektivistischer erscheinende Gesellschaftsform mit sich bringt, in der Prestige eine grössere Bedeutung hat, allerdings zunächst bloss in der harmlosen Form einer stärkeren Familienorientierung. Daher auch die strenge Trennung zwischen anderouni und birouni, innen und aussen: Innerhalb des intimen familiären Hofes gelten andere Regeln als ausserhalb; beim Tritt über die Schwelle gerät man unmittelbar auf eine ständige Theaterbühne und wird zum Akteur in einem öffentlichen Drama. Der Cartoon ist nicht kausale Ursache einer individuellen Wut, sondern willkommenes Motiv für kollektives Improvisationstheater, um den Unmut über bestehende Zustände auszudrücken.

Identität spielt bei diesem Theater eine grosse Rolle, ob kulturelle, nationale oder religiöse. Das Regime ist stets darauf bedacht, diese Identitäten zu bewirtschaften, sonst findet es sich bald auf der anderen Seite des Vorhangs. Auch der „Nuklearkonflikt“ ist im Wesentlichen als eine solche Identitätsbewirtschaftung zu verstehen. Es handelt sich um einen geschickten Schachzug, um den iranischen Nationalismus für das Regime zu nutzen, nachdem es mit dem Fussball nicht so lief, wie es Ahmadi-Neschâd erhofft hatte. Angesichts identitärer Minderwertigkeitskomplexe zieht die Assoziation erschreckend gut, dass einer „historischen Supermacht“, wie dem Heimland der Arier, doch wohl die friedliche Nutzung einer Hochtechnologie erlaubt sein müsse. Iraner im In- und Ausland scharen sich eifrig hinter der Nationalflagge, um das bedrohte „Recht“ auf „Selbstbestimmung“ zu verteidigen. Einer der bekanntesten regimekritischen Blogger, Hoder (seit 2007 inhaftiert; später freigelassen), kritisierte Chamenei gar dafür, die Entwicklung von Nuklearwaffen ausgeschlossen zu haben (!). Schon die Islamische Revolution war unter dem Motto „Unabhängigkeit und Freiheit“ angetreten.

In den letzten Jahren wirkte Teheran in den Atomgesprächen phasenweise kooperativer, ohne dass damit ein grundlegender Kurswechsel verbunden wäre. Je deutlicher Hinweise auf eine Anreicherung jenseits ziviler Bedürfnisse wurden und je stärker der innere Druck durch Protestwellen anwuchs, desto dringlicher wurde der Balanceakt, nach aussen Eskalation zu vermeiden und nach innen Stärke zu demonstrieren. In der Atomfrage wie innenpolitisch geht es um dieselbe letzte Reserve: die behauptete Souveränität der Regierung, deren letzte Legitimitätsgrundlage die Souveränität des Landes ist. Darum werden aussenpolitische Rückschläge schnell innenpolitisch teuer.

Zugleich blieb der Iran im Inneren, bei aller Unruhe, lange frei von einer breit verankerten bewaffneten Opposition. Die einst kampfstärksten Gegner, die Volksmudschahedin, sind politisch weithin marginalisiert, nicht zuletzt weil sie selbst aus jener unheilvollen Vermengung von Islamismus und Sozialismus hervorgingen. Das Fehlen einer bewaffneten Alternative hat einen offenen Bürgerkrieg bislang verhindert, zeigt aber auch, wie wenig institutionelle Alternativen zur Islamischen Republik vorbereitet sind.

Sufismus

Zurück zum Islam im Iran, der zweiten wesentlichen Identität. Die oben erwähnten Safawiden waren eine ursprünglich kurdisch-turkmenische Dynastie (mit späteren tscherkessischen Elementen), die aus einem Sufi-Orden in Aserbaidschan entstand. Sie sollten den Iran während ihrer Herrschaft von 1501 bis 1722 nachhaltig prägen, denn erst sie führten den spezifischen Schi’a-Islam im Iran ein, dem heute die Mehrheit der Iraner angehört.

Sufismus bezeichnet die islamische Mystik, die mindestens so alt wie der Islam ist. Diese Mystik wird durch Lehrer-Schüler-Traditionen weitergegeben, die auf Mohammed zurückgehen und in fast allen Sufi-Schulen über dessen Schwiegersohn Ali führen. Der Sufismus ist eng mit dem iranischen Raum verbunden, Iraner leisteten einen grossen Beitrag zur Systematisierung und ein grosser Teil der Sufi-Poesie wurde in persischer Sprache verfasst. Es ist eine der vielen Absurditäten im vermeintlichen Gottesstaat Iran, dass Derwische (persisch für Sufis) brutal verfolgt werden.

Nach Vorstellung der Sufis hat Gott die Welt geschaffen, weil sich seine verborgenen Eigenschaften (was man im Islam die „Namen“ Gottes nennt) danach sehnten, sich zu manifestieren. Der Mensch wurde geschaffen, um diese Eigenschaften zu erkennen. Gott ist daher auf den Menschen gewissermassen angewiesen. Gott braucht sogar den Sünder, damit sich der „verborgene Schatz“ seiner Gnade manifestieren kann.

Während die Engel mit Weisheit und die Tiere mit Unwissenheit gesegnet sind, hat der Mensch als jenes Wesen, das aus freien Stücken erkennen und daher auch irren kann, ein existentielles Problem. Das Gegenstück zu seiner Freiheit ist eine in ihm schlummernde Triebseele, die als nafs bezeichnet wird. Dieser Inbegriff der Verlockung wird als Gestalt dargestellt, die in der einen Hand den Koran und in der anderen Hand einen Dolch hält. Dies ist eine hochinteressante Symbolik: Die Frömmigkeit alleine schütze nicht vor der Sünde, ganz im Gegenteil soll man sich vor falscher Frömmigkeit hüten, die im Namen der Religion weltliche Ziele verfolgt. Gegen diese Triebseele ist der grosse Heilige Krieg, der al-jihad al-akbar, zu führen. Verglichen damit ist der kleinere Heilige Krieg, der al-jihad al-asghar, der Griff zu den Waffen zum Schutz der Gläubigen nur Nebensache. Wesentliche Instrumente dieses grossen Heiligen Krieges sind der Verstand und die Liebe, wobei letztere ersteren an Bedeutung weit übertrifft. Ist die Triebseele gezähmt, wird sie zum Gewissen, und schliesslich zur Seele, die Frieden gefunden hat.

Das höchste Ziel des Mystikers ist das „Entwerden“, fana, das Überwinden des Ichs. Der Mystiker stirbt, bevor er stirbt, und hat daher den Tod nicht mehr zu fürchten. Er wird bibargi, persisch für „entblättert“, das heisst frei von Sorgen, wie ein Baum, der sich im Winter ganz nach innen wendet und der Gnade im Frühling harrt.

Der Mystiker trägt Verantwortung gegenüber dem Sein und trägt sein Schicksal nicht mit Defätismus, sondern mit Liebe: amor fati nennt man dies in der europäischen Überlieferung. Die materielle Welt wird dabei nicht schöngeredet, sondern das Schöne in ihr gewürdigt. Das Hässliche, Schmerzhafte, Ungerechte und Falsche wird als Prüfung betrachtet. Die eigene Existenz ist Ausdruck einer vorgeburtlichen Wahl. Der Derwisch sagt: Ich bin zur Besserung im Kerker dieser Welt. Sufismus sei schliesslich nichts anderes als das Rezept, Freude zu finden im Herzen, wenn die Zeit des Kummers kommt.

Die Sufis werden gerne als die gemässigten und toleranten Muslime gelobt. Dies ist ein Missverständnis. Der Mystiker ist radikal und „dogmatisch“, denn er geht ohne jeden weltlichen Pragmatismus an die Wurzeln und Prinzipien. Wesentliche Stränge des heutigen islamischen Fundamentalismus weisen ideengeschichtlich eindeutige Bezüge zum Sufismus auf. Nach oben Erwähntem sollte auch nicht überraschen, dass das Märtyrertum eine zutiefst sufistische Angelegenheit ist. Darum liegt dem Sufismus auch die Schi’a besonders nahe. Die Safawiden, die den Iran zu einem mehrheitlich schiitischen Land machten, waren ein militanter Sufi-Orden, es handelte sich also gleichsam um wehrhafte, bewaffnete Mönche.

Alis Partei

Die Schiiten sind ein so deutlicher Bruch mit dem islamischen Mainstream der Sunniten, dass sie von letzteren als Häretiker verfolgt werden, d.h. schlimmer als Christen oder Juden betrachtet werden. Es überrascht nicht, dass sich der Schi’a-Islam im Iran ausbreiten konnte, wo ein Geist des Widerstandes gegen die arabische Islamisierung überlebte. Dieser Widerstand nahm damit eine neue Form an.

Schi’a bedeutet Partei und bezieht sich auf jene, die für Ali ibn Abi Tâlib Partei ergriffen hatten im Nachfolgestreit nach dem Tod des Propheten. Solche Nachfolgestreitigkeiten durchziehen die gesamte Geschichte des Islams und des modernen Irans. Die Parallelen zu 2009 waren erstaunlich und erklärten die Schärfe des damaligen Konflikts. Nach dem Tod Mohammeds setzte sich sein Gefährte Abu Bakr gegen Mohammeds Schwiegersohn Ali durch. Dies hatte er dem Verhandlungsgeschick von Umar, einem weiteren Gefährten des Propheten, zu verdanken. Nach dem Tod Mohammeds, während dessen Familie noch mit dem Begräbnis beschäftigt war, spielte er bei einem geheimen Treffen einige Stämme gegeneinander aus, um Abu Bakr als Kompromisskandidaten für die Nachfolge durchzusetzen. Mohammeds Tochter Fatimah, die im Islam höchste Bedeutung geniesst, lehnte Bakrs Kalifat ab und sprach bis zu ihrem Tod kein Wort mehr mit ihm. Umar drohte daraufhin, das Haus von Fatimah und ihrem Ehemann Ali niederzubrennen und prügelte die Schwangere, sodass sie ihr Kind verlor und bald darauf starb. Ali gab dem Druck nach. Abu Bakr bestimmte wenig überraschend Umar zu seinem Nachfolger. Umars Nachfolger Osman galt aufgrund der Bevorzugung seiner Sippe und deren Bereicherung bald als ungerechter Tyrann und wurde ermordet. Ali, Mohammeds Schwiegersohn und Ehemann von Fatimah, wurde nun zum Kalifen gewählt. Doch die Sippe Osmans, die Omayyaden, wollte die Macht nicht so einfach abgeben. Muawiya, der Statthalter von Syrien, rief sich zum Kalifen aus und trat Ali entgegen, der bald ermordet wurde. Alis ältester Sohn wagte es nicht, seinen Vater gegen die Übermacht zu rächen. Erst als Muawiya seinen Sohn Yazid als Nachfolger einsetzte, damit aus dem Kalifat eine Dynastie machte und daraufhin der Widerstand unter den Muslimen wuchs, fasste Alis jüngerer Sohn Hossein den Mut, Yazid zu konfrontieren. Hossein und dessen gesamte Familie wurden von Yazids Truppen in Kerbala massakriert. Dieser Märtyrertod prägt die Schiiten bis heute, Hossein wird jährlich zum Trauertag Aschura gedacht. Da Hossein von seinen schiitischen Gefährten im Stich gelassen wurde, ist der Gedanke der Busse bei den Schiiten sehr stark, getrauert wird teilweise mit Selbstgeisselungen. Gruppen von schiitischen Gläubigen fallen oft durch plötzliche Heulrituale auf, die auf den Aussenstehenden befremdend wirken.

Die Schiiten waren stets eine brutal verfolgte Minderheit in der islamischen Welt. So entwickelte sich eine Mentalität, Opfer ungerechter Umstände zu sein. Aus ihrer Sicht wurde der Islam gekapert und verkam bei den Sunniten zu einem Instrument ungerechter Herrschaft. Wäre der Islam nicht durch das Streben nach weltlicher Macht korrumpiert worden, wäre die islamische Geschichte ganz anders verlaufen, glauben die Schiiten. Ein Führer der schiitischen Hisbollah meinte, dass die blutigen Eroberungen und imperialistische Ausdehnung unter schiitischer Führung niemals stattgefunden hätten. Die Schiiten waren aufgrund ihrer Geschichte stets die Vertreter der Prinzipientreue im Gegensatz zum Pragmatismus der Macht; besondere Bedeutung hatten philosophische und theologische Studien.

Es ist also nicht allzu überraschend, dass sich gerade im Iran die Schi’a Alis durchsetzte, als eher philosophisch-prinzipienorientierte reine Lehre wider die Macht des arabischen Mainstreams. Und es wird verständlich, warum Demonstranten im Iran 2009 „Ja Hossein, Mir Hossein“ riefen, erst die Anrufung des Gedenkens an den Märtyrer Hossein, dann der passende Name des Gegners von Ahmadi-Neschâd. Mir Hossein Mussawi erklärte bereits, dass er die rituelle Waschung für das Märtyrertum vorgenommen habe. Damals ging es im Iran auch um die Nachfolge des bereits kranken „geistlichen Führers“ Ali Chamenei. Als Kandidaten galten Mesbah Yazdi († 2021), Mentor von Ahmadi-Neschâd, und Haschemi Rafsandschani, Unterstützer von Mussawi († 2017). Doch die Parallelen hörten hier nicht auf. Mehr dazu später.

Die Schiiten sehen anstelle der weltlichen, korrupten, machtgierigen Kalifen die Tradition Mohammeds in den geistlichen Imamen fortgesetzt. Imam hat bei den Schiiten eine andere Bedeutung als bei den Sunniten, diese nennen blosse Vorbeter Imame, von denen es Abertausende gibt. Beim siebenten Imam kam es zu einem neuerlichen Nachfolgekonflikt innerhalb der Schiiten, die zur Trennung zwischen Siebener- und Zwölfer-Schiiten führte. Letztere stellen die grosse Mehrheit im Iran. Weitere Nachfolgestreitigkeiten sollten nun eigentlich ausgeschlossen sein. Denn die Zwölfer-Schiiten gehen davon aus, dass der zwölfte Imam, Mohammad Al-Mahdi, von der Erde verschwand. Dereinst wird er mit Jesus wiederkommen, um das Jüngste Gericht abzuhalten und jede Tyrannei und Ungerechtigkeit zu beenden. Bis dahin gibt es keine Imame mehr.

Die Schiiten kennen im Gegensatz zu den Sunniten einen Klerus, bei dem das theologische Studium sehr ernst genommen wird. Nach einem Leben intensiver Auseinandersetzung mit Theologie, Philosophie und Recht kann es der Islamkundige zum Ayatollah schaffen. Nur wenige werden als Grossayatollahs anerkannt, dadurch, dass sie freiwillig von vielen Gläubigen als Quellen der Nachahmung angesehen werden. Jener Grossayatollah, der von allen anderen Grossayatollahs einstimmig als deren Quelle der Nachahmung angenommen wird, gilt als Marja-e taqlid und hat den theoretisch höchsten geistlichen Rang inne. Der letzte Grossayatollah, der von allen anderen akzeptiert wurde und dessen Rolle der des Papstes bei den Katholiken ähnelt, starb 1961. Es handelte sich um Grossayatollah Hossein Ali Borudscherdi. Dieser hielt entschlossen am traditionellen schiitischen Zugang zu Politik fest, nämlich dass die Geistlichkeit bis zur Wiederkehr des verschwundenen Imam Mahdi sich von der Politik fern halten und um die spirituelle Führung kümmern sollte. Diese höchste Autorität des schiitischen Islams stellte unmissverständlich klar: Wir, die Geistlichkeit, sollen einen islamischen Staat gründen? […] Wir wären hundertmal grössere Verbrecher als die, die jetzt an der Macht sind. Kein Wunder, dass sich Chomeini einst ganz entschieden gegen Borudscherdi wenden sollte. Dieser deutliche Widerspruch und viele nachfolgende legen eine Bewertung von Chomeinis Theologie als schiitische Häresie sehr nahe.

Islamische Befreiungstheologie

Die Ideologie der Islamischen Revolution selbst hat überaus westliche Wurzeln und entstand durch die Fusion linker Ideologie und islamistischer Versatzstücke. Diese seltsame Mischung gelang dem iranischen Intellektuellen Ali Schariati. Als Student in Paris lernte er den damals akademisch dominanten Marxismus und den Dritte-Welt-Ismus kennen. Die einseitigen Darstellungen der Professoren und Kollegen liessen diese Ismen als Hoffnungen erscheinen, die eine gerechte Welt hervorbringen würden. Nun ist diese Hoffnung ein zentrales Motiv im Islam, Gerechtigkeit eine zentrale Kategorie.

Doch der Klassenkampf war aus Schariatis islamisch geprägter Sicht zu wenig, auch ein moralischer Kampf war zu führen. Hier liess er sich vom aufkommenden islamischen Puritanismus seiner Zeit inspirieren. Angesichts des traurigen Zustandes der Staaten mit islamischer Bevölkerung erstarkte in der Neuzeit der Gedanke, dass hinter den aktuellen Übeln ein Abfall vom rechten Glauben stünde.

Schariati entwickelte die millenarische Vorstellung, dass es zu wenig sei, bloss auf die Rückkehr des entrückten 12. Imams zu warten. Vielmehr müssten die Gläubigen aktiv dafür kämpfen, diese Rückkehr zu beschleunigen. Dieser Kampf sei ein Kampf für „soziale Gerechtigkeit“ und gegen den „westlichen Imperialismus“. Er müsse bis zum Märtyrertum geführt werden unter der Devise: jeder Tag ist Aschura, jeder Ort ist Kerbala.

Schariati bezeichnete seine neue Heilslehre als „rote Schi’a“ im Gegensatz zur „schwarzen Schi’a“ der Safawiden. Diese „rote Schi’a“ spielt im Islam eine ähnlich unheilvolle Rolle wie die Befreiungstheologie im Christentum. Schariatis Gedanke war bestechend: Im Namen von Marx liessen sich im Orient keine Revolutionen führen. Doch um den Mord an Hossein zu rächen, lassen sich stets schiitische Massen mobilisieren. Das unterdrückte Volk im Namen des Märtyrers gegen ungerechte Machthaber zu erheben ist ein urschiitisches Motiv, das sich leider auch hervorragend für sozialistische und neuerdings demokratistische Illusionen missbrauchen lässt.

Die Studenten, die gegen den Schah ihr Leben riskierten, skandierten in den späten 1970ern den Namen Schariatis in den Strassen Teherans. Auch im Westen fand Schariati Beifall. Jean-Paul Sartre bemerkte einmal: Ich habe keine Religion, doch wenn ich eine wählen wüsste, würde ich die von Schariati wählen.

Doch Schariati war nur eine der zahlreichen Brücken zwischen dem postmodernen Denken des Westens und dem Aufbegehren des Ostens, um seine Identität zu behaupten. In Europa wurde diese Stimmung damals selbst durch Gramsci-Zitate befeuert: Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann.

Die meisten iranischen Intellektuellen und auch die allermeisten Geistlichen (!) haben ein hohes Wissen über westliche Philosophie der Neuzeit. Einer der meistgelesenen westlichen Autoren im Iran ist Jürgen Habermas. Postmodernes Denken konnte besonders leicht in orientalische Identitätskrisen vorstossen. Da im Orient mehr traditionale Elemente überlebt haben, erschien die Moderne nach westlichem Zuschnitt stets als Fremdkörper. Auf diesen Fremdkörper scheint es nur zwei Reaktionen zu geben: heftige Ablehnung bis zur Abschottung und Annahme zum Preis einer ebenso heftigen Ablehnung der eigenen Kultur und Religion.

Eine weitere entscheidende Bezugsquelle für den politischen „Islamismus“ im Iran ist neben den „kritischen“ Post- und Neomarxisten das, was mit etwas Augenzwinkern als „Dritte-Welt-Ismus“ bezeichnet werden kann. Wesentlicher Proponent dieses Denkens ist Frantz Fanon, der anti-rassistische Ethnolinke bis hin zu Figuren wie Barack Obama geprägt hat. Fanon kombiniert das Denken von Marx, Freud und Sartre zu einem explosiven Gemisch. Sein Anti-Rassismus ist hochgradig gewaltbereit und antiwestlich. Sein wichtigstes Werk ist „Die Verdammten dieser Erde“. Die persische Übersetzung dieses Titels, Mostasafineje-Samin, war nicht zufällig der Schlachtruf von Chomeini, mit dem er die Massen mobilisierte. Die traditionellen Geistlichen wollten dessen zur Gewalt aufrufende Bücher verbannen, doch Chomeini verhinderte dies.

Islamische Revolution

1979 trat das grosse Versprechen zum Siegeszug an. Die aufwühlenden Märsche jener Zeit trugen ihre eigenen Ohrwürmer, und ein Slogan hallte durch die Strassen: Allâhu akbar, Chomeini rahbar! Allah ist der Grösste, Chomeini ist der Führer! Der Führer war charismatisch und so vielversprechend, dass sich unter seinem starken Arm Kommunisten, Demokraten und Islamisten begeistert vereinten, um den ängstlichen Schah aus dem Iran zu vertreiben. Nach der Dekadenz und Autokratie des Möchtegern-Monarchen sollten nun Sittlichkeit und Demokratie das Ruder übernehmen. Schliesslich würde der entrückte Imam Mahdi zurückkehren und über ein millenarisches Himmelreich der Gerechtigkeit regieren. In der iranischen Verfassung wurde die legendäre Gestalt des wiederkehrenden Imams gar als Staatsoberhaupt festgehalten.

Imam Mahdi kam nicht. Dessen Statthalter mussten sich ganz alleine mit langweiliger Tagespolitik und den widersprüchlichen Vorstellungen der Verbündeten auseinandersetzen. Was bedeutet es, göttliche Gerechtigkeit auf Erden walten zu lassen? Marktwirtschaft oder Sozialismus? Freie Presse oder Zensur? Die göttliche Erleuchtung blieb aus. Chomeini redete sich später darauf aus, dass die erratische Politik, die die erhofften paradiesischen Zustände nicht zu schaffen vermochte, Machwerk der Präsidenten und Kabinette war. Freilich, er hatte sie eingesetzt, aber, so meinte er später, er hätte von Anfang an geahnt, dass diese Politiker charakterlich ungeeignet wären. Besonders weinerlich dann der Brief, mit dem er seinen Nachfolger enterbte, Grossayatollah Montazeri, den er einst als Frucht meines Leibes und meiner Arbeit bezeichnet hatte. Verrat! Vom engsten Freund und einem Grossayatollah! Montazeri († 2009) hatte es gewagt, Menschenrechtsverletzungen zu kritisieren und damit die Islamische Revolution an „liberale Heuchler“ (O-Ton Chomeini) verraten.

In jener orientierungslosen Anfangsphase des Gottesstaates kam dann die Rettung für Chomeini nicht von Allah, sondern vom Teufel selbst. Saddam Hussein nutzte das Machtvakuum nach der Revolution und versuchte, sich ein ölreiches Gebiet unter den Nagel zu reissen. Gegen den unter anderem von den USA mit modernen Waffen versorgten Saddam konnte der Iran, dessen schahtreue Armee zerschlagen und gelähmt war, keine Chance haben. Doch Saddam hatte nicht damit gerechnet, der Revolution just in jenem Moment das dringend nötige Feuer zu liefern. Endlich war die grosse Probe gekommen, nachdem die „Revolution“ eine ausgerufene, keine ausgefochtene gewesen war. Die gerechte Sache konnte sich nun beweisen. Revolutionsgarden ersetzten fehlende Armeeeinheiten. Ein Volkssturm Goebbels’scher Dimensionen wurde angefacht. Eine Million junger Menschen wurden auf dem Schlachtfeld zu Märtyrern. Der irakische Angriff wurde zurückgeschlagen. Doch Chomeini konnte nicht genug bekommen, der Krieg wurde in den Irak zurückgetragen. Saddam setzte Giftgas ein. Ein so sinnloses Morden wie in jenem Krieg fügt sich in den Wahnsinn des letzten Jahrhunderts. Dieses Blutbad führte zumindest vorübergehend zu einer gewissen Kriegsverdrossenheit. Jene zwei Drittel der iranischen Bevölkerung, die heute unter 30 sind, haben von ihren Müttern erfahren, was Krieg und Revolution bedeuten. Aus diesem Grund reagieren viele junge Iraner eher mit Eskapismus denn mit Märtyrersehnsüchten auf die vorherrschenden Missstände.

Der Krieg selbst schuf ein weiteres Paradox. Während eine Generation junger Männer als Kanonenfutter endete, wuchsen Bildungsstand und gesellschaftliche Bedeutung der Frauen, nicht zuletzt weil sie Lücken füllen mussten, die der Krieg riss. Eine Ordnung, die sich auf eine rückwärtsgewandte Scharia berief, konnte diese Verschiebung nicht würdigen und reagierte mit Zwang. So begann ein kalter Bürgerkrieg im Alltag, der in späteren Protesten vor allem sichtbar machte, was schon lange schwelte.

Nach dem Krieg war das alte Problem wieder zurückgekehrt. Im knöchelhohen Blut der Kriegsjahre konnten zwar die einstigen Weggefährten, Kommunisten und Moderate, leicht entsorgt werden, doch diese „Säuberungen“ lösten keine Probleme. Chomeini sah die Nachfolgefrage auf sich zukommen und war sich wohl bewusst, dass die Dinge nicht nach göttlicher Vorsehung gelaufen waren. Denn es fand sich kein Grossayatollah für die Funktion des religiösen Führers. Eilig musste die Verfassung abgeändert werden, um auch niedrigeren Geistlichen dieses Amt zu erlauben. Schliesslich wurde nach Chomeinis Tod der bisherige Präsident, Ali Chamenei, als Führer eingesetzt. Ein Politiker mit Turban, kein spirituelles „Objekt der Nachahmung“.

Religion und Politik

Der Gottesstaat hat Gottes Segen verloren. Chamenei wurde zwar rasch zum Ayatollah befördert, doch ist sein Ansehen unter schiitischen Geistlichen gering. Im Iran mussten die religiösen Autoritäten schmerzvoll eine alte Einsicht erfahren: Beim Versuch, die Politik durch die Religion zu reinigen, wurde die Religion durch die Politik befleckt. Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung ist der Iran keine Theokratie. Chomeinis vorgesehener Nachfolger und einer der höchsten schiitischen Geistlichen, der erwähnte Grossayatollah Hossein-Ali Montazeri, wurde lange Zeit unter Hausarrest gehalten. Und dies, obwohl Montazeri der einzige (!) der 20 schiitischen Grossayatollahs ist, der einen dezidiert politischen Islam vertritt und das Prinzip der Velayat-e-faqih, der Herrschaft der Rechtsgelehrten, nicht ablehnt. Montazeri konnte es sich leisten, das Regime relativ offen zu kritisieren: „Es gibt keine Freiheit, die Repression erfolgt im Namen des Islam […]. All diese Gerichtsvorladungen, Zeitungsschliessungen und Verfolgungen von Dissidenten sind falsch. Das sind dieselben Dinge, die unter dem Schah getan wurden und nun wiederholt werden. Und nun werden sie im Namen des Islam getan und entfremden dadurch die Menschen vom Islam.“

Ein anderer Grossayatollah, al-Udhma Yousof al-Sane’i († 2020), ebenfalls früher Mitstreiter Chomeinis, war noch deutlicher: „Die Geistlichkeit hat ihre Heiligkeit verloren, weil sie Teil der Machtelite geworden ist.“ Er setzte mit einer Erkenntnis fort, die man kaum von einem Ayatollah erwarten würde: „Ich habe erkannt, wie sehr Macht korrumpiert. Das Einssein von Religion und Macht ist daher ein grosser Schaden. Immer ist Macht verbunden mit Lüge, Diebstahl, Unterdrückung und Verrat. […] Denn Regieren erfordert es, die Menschen hinters Licht zu führen. Die Welt des Regierens ist eine Welt des Unterdrückens.“ Weiters überraschte Sane’i mit einer deutlichen Verurteilung von Terror und erliess eine Fatwa gegen Selbstmordattentate.

Einer der prominentesten Widerstandskämpfer gegen das Regime, Akbar Ganji, war ebenfalls einstiger Weggefährte Chomeinis, sogar dessen Leibwächter. Er lässt aufhorchen mit der Erkenntnis, dass auch eine Diktatur stets auf das „Volk“ zurückzuführen sei und rechnet mit seiner früheren Einstellung ab: „Wir haben immer das Volk glorifiziert“. Später empfahl er, zu verzeihen, aber nicht zu vergessen. Die Revolution sei immer ein Akt der Gewalt, Gewalt gegen jene, die als Konterrevolutionäre bezeichnet und liquidiert werden.

Besonders bemerkenswert ist, dass sich Chomeinis Nachkommen gegen die „Islamische Republik“ gewandt haben. Sein Sohn Ahmad Chomeini starb 1995 unter bis heute umstrittenen Umständen. Chomeinis Enkelin Sahra Eshraghi ist eine renommierte Menschenrechtsaktivistin und Reformpolitikerin im Iran. Sie ist verheiratet mit dem Reformpolitiker Seyyed Mohammad Reza Chatami, dem Bruder von Ex-Präsident Mohammad Chatami. Der Enkel Hossein Chomeini ging weit: Er wünschte gar einen Einmarsch der USA herbei, um das Regime loszuwerden.

Interventionismus

Doch nicht nur für die befleckende Wirkung der Politik gibt der Iran ein gutes Lehrstück ab, sondern auch für das Scheitern des Interventionismus. Die Islamische Republik sollte per Gesetz der Sittlichkeit zur Herrschaft verhelfen. Die Strassen wurden durch staatliche Sittenwächter unsicher gemacht, die mit eiserner Repression die Kleider- und Geschlechterordnung durchzusetzen suchten. Jungen Frauen, die Make-up trugen, wurde Säure ins Gesicht geschüttet. Unverheiratete Paare, die ohne verwandtschaftliche Begleitung aufgegriffen wurden, erhielten Stockhiebe, Alkoholiker wurden ausgepeitscht. Man würde nun erwarten, dass nach Jahrzehnten eines solchen Terrors jede „Sünde“ aus dem iranischen Alltag verschwunden wäre. Das Gegenteil ist der Fall: Der Iran ist unter islamischen Ländern bei Prostitution und Drogenkonsum ein Spitzenreiter. Sogar Ayatollahs betreiben Bordelle. Im Ernst: Im schiitischen Islam gibt es die Institution der Zeitehe. Von einem Geistlichen kann eine zeitlich beschränkte Ehe geschlossen werden, die Geschlechtsverkehr erlaubt. Kein Wunder, dass sich einige Ayatollahs ein Zubrot damit verdienen, stundenweise Ehen zu schliessen und die Zimmer für die „Hochzeitsnacht“ gleich selbst zu vermieten. Das Drogenproblem hat so zugenommen, dass im Iran seitens des Staates saubere Nadeln (und übrigens auch Kondome) ausgegeben werden, um die Ansteckung mit AIDS einzuschränken. In den meisten Haushalten finden sich hochprozentige Alkoholika, oft geschickt hinter einem Chomeini-Portrait im Wandtresor versteckt, in Maultieren über die Grenze geschmuggelt. Die ausgelassenen Feiern in Teheraner Nobelvierteln sind legendär. Zu allem Überdruss lebt in der „Islamischen Republik“ heute die am weitesten säkularisierte Gesellschaft der Region. Mittlerweile werden religiöse Jugendliche von ihren Studienkollegen ausgelacht, kurz nach der Revolution war dies ganz anders. Der Versuch, durch staatlichen Interventionismus eine sittliche Ordnung zu schaffen, ist grandios gescheitert; dafür ist die Geistlichkeit entweder durch und durch korrupt oder apolitisch geworden. Sittenverstösse wurden zu handelbaren Privilegien, mit Geld lässt sich ein nahezu beliebiger Lebensstil im Iran führen. Die „Mullahs“ oder „Turbane“ sind heute die meistgehassten Menschen im Iran.

Diese Konfliktlinie zeigt sich auch demografisch. Innerhalb einer Generation sank die Geburtenrate drastisch, nachdem der Staat zeitweise selbst Familienplanung betrieb und später in eine gegenteilige Bevölkerungspolitik umschaltete. Die Gegenoffensive nahm teils drakonische Formen an, bis hin zu verschärfter Kontrolle über Abtreibung und Sexualität. Es ist derselbe Machtkampf, nur langfristiger: nicht nur über das Kopftuch, sondern über den Körper als Ressource des Staates.

Wie Montazeri richtig erkannte, wurden die Fehler des Schahs mit umgekehrten Vorzeichen wiederholt. Dieser hatte versucht, das Land per Dekret zu modernisieren. Das gesetzliche Kopftuchverbot sollte Fortschritt bringen, doch auch diese Intervention brachte natürlich das Gegenteil der Absicht: Die Folge des Verbotes war, dass Frauen umso mehr ins anderouni (Hausinnere) gesperrt blieben und wesentlich weniger Frauen Zugang zu Bildung und Beruf hatten als heute in der Islamischen Republik, wo an den Universitäten mittlerweile die Studentinnen die Mehrheit stellen.

Nach und nach setzte in der Islamischen Republik ein Prozess ein, wie ihn Etienne de La Boétie beschrieb: Dem pseudoreligiösen Tyrannen wurde eine Hand und ein Auge nach dem anderen entzogen. Heute ist es die Lebensrealität der Iraner, dass der Staat der Feind Nr. 1 ist. Praktisch das gesamte Leben junger Menschen läuft versteckt vor den verhassten Handlangern und Günstlingen des Staates ab. Trotz der jeweils wieder aufflackernden Herrschaft des letzten Aufgebots des Regimes rutschen die Tschadors immer tiefer hinter den Haaransatz, treffen sich Liebespaare in den Parks, bestimmen bunte Kopftücher und Make-up das Strassenbild in den Städten. Immer wieder sah es bereits nach einem Ende des Regimes aus, doch das letzte Moment eines Wechsels wurde geschickt durch die Droge des politischen Reformismus betäubt. Ein weiteres Lehrstück.

Reformismus

Die politischen Reformkräfte hatten Chatami für eine Kandidatur gewonnen. Der charismatische Ayatollah war der ideale Kandidat. Junge und Frauen brachten ihn an die Macht. Doch anstatt den Wechsel zu bringen, band der angebliche „Reformer“ seine Wähler wieder in den „politischen Prozess“ ein und diente als blosses Ventil für den angestauten Druck. Die Islamische Republik überlebte die Krise durch einen Legitimitätsschub über die Reform-Illusion. Natürlich konnten keine Veränderungen von Bedeutung umgesetzt werden. Die „Justiz“, die Säule des Regimes unter Führung von Ali Chamenei, steht über dem Präsidenten; der Aufbau des Irans entspricht auf überraschende Weise der naiven Hayekschen Utopie eines juristischen Wächterrates, der über der Parteipolitik steht.

Chatami mit seinem intellektuellen Habitus und seinem inhaltsleeren, von Soziologen-Arabisch gespicktem Gerede über „Dialog“ konnte kurzfristig auch westliche Illusionen über eine „Reform“ nähren. Zum Glück haben die jungen Iraner aus dem Scheitern des Reformismus schneller gelernt als Politiksüchtige in Europa: Nach den bitter enttäuschten Hoffnungen sind viele apolitisch und boykottieren die „Wahlen“. Chatami hatte, gegen die Intention seiner Wähler, das Unrechtsregime der „Islamischen Republik“ gerettet. Er gilt als gutgläubig und intelligent, doch feige und opportunistisch.

Nachdem offensichtlich war, dass die breite Masse der nächsten Wahl fernbleiben würde, schien eine Farce vorprogrammiert, die das Ende des Regimes hätte bedeuten können. Dann, wenn die fehlende Legitimität bei urbanen und jungen Wählern nicht zu kompensieren gewesen wäre. Genau dieser Geniestreich gelang damals Mahmud Ahmadi-Neschâd. Im Westen stiess dessen Wahl auf grösste Verwunderung: ein „Hardliner“, wie war das möglich? Die Wahl wird jedoch klar, wenn wir die Frage beantworten: Wie konnte das Legitimitätsdefizit bei urbanen, jungen Wählern kompensiert werden? Natürlich durch umso stärkeres Punkten beim „kleinen Mann“. Ahmadi-Neschâd ist zwar sehr gläubig, doch deshalb wurde er nicht gewählt. Es war dessen sozialistischer Populismus, der die Herzen der „kleinen Männer“ eroberte. Aus einfachen Verhältnissen kommend, hatte sich Ahmadi-Neschâd als Bürgermeister von Teheran innerhalb kurzer Zeit einen Namen gemacht: In diesem hochkorrupten Land verzichtete er auf jeden persönlichen Luxus und schenkte in Teheran Suppe an die Armen aus. Noch als Bürgermeister empfing er Hugo Chávez in Teheran und errichtete eine Statue für Simón Bolívar in einem Teheraner Park. Als Präsident setzte er diesen Weg fort: Er liess staatliche Löhne um 40% erhöhen, führte Preisregulierungen ein, senkte die Zinsen für die Armen, schuf Subventionen für Familien und ländliche Gebiete, erhöhte Mindestlöhne, liess Schulen renovieren und beendete alle Privatisierungen. Er verkündete: Diese Regierung erlaubt es nicht, dass einige wenige öffentliches Eigentum plündern. Die Staatsausgaben haben eine Rekordhöhe erreicht, die Preise haben sich seit Ahmadi-Neschâds Amtsantritt mehr als verdoppelt. Vor der Wahl 2009 schrieben fünfzig iranische Ökonomen einen Brief an den Präsidenten, um ihn zu warnen, dass grössere wirtschaftliche Probleme bevorstünden. Ahmadi-Neschâd reagierte extrem erbost und wies die Kritik öffentlich scharf zurück.

Ahmadi-Neschâd verfolgte in seinen Augen ein Programm der Restauration des Islamismus, da er die prowestlichen, hedonistischen und säkularen Tendenzen im Iran vollkommen falsch interpretierte. Im Frühjahr 2006 hatte das Regime bereits einen Fehler begangen, der schon einen Vorgeschmack auf die Ereignisse 2009 bot: Die traditionellen iranischen Feierlichkeiten zum Neujahrsfest (Norouz) wurden als „unislamisch“ geschmäht und Strafen für Feiernde angekündigt. Trotzdem strömten unzählige Familien in die Strassen, um zu feiern. Jugendliche griffen Polizeistationen an. Während die offiziellen Sicherheitskräfte zusahen, betrieben paramilitärische Gruppen massive Einschüchterung. Die Stabilität hing am seidenen Faden und konnte nur dadurch wiederhergestellt werden, dass die Feierlichkeiten zwar zugelassen und wie gewohnt im Staatsfunk zelebriert wurden, jedoch mit einem islamischen Trauermonat unterlegt wurden. So sassen im Fernsehen bei weinerlicher Musik Festgäste um den traditionell gedeckten Festtisch und setzten Trauerminen auf.

Moderne und Gegenmoderne

Was geschah bei den Präsidentschaftswahlen 2009? Nach rapide fallender Wahlbeteiligung hatte das Regime ein Legitimitätsproblem. Darum wurde in besonderem Masse Demokratismus nach westlichem Muster inszeniert. Es gab sogar Debatten der „Kandidaten“ im Fernsehen. Das Rezept ging in der Hinsicht auf, dass die Wahlbeteiligung wieder Rekordhöhe erreichte. Wähler, die das System bereits als Farce abgetan hatten, liessen sich mobilisieren. Denn es hatte sich etwas ereignet, das vermutlich nicht gänzlich beabsichtigt war: Der Konflikt zwischen den zwei grossen Lagern war im Zuge des „Wahlkampfs“ in überraschender Schärfe in die Medienöffentlichkeit getreten. Ahmadi-Neschâd griff offen Haschemi an, der gar nicht zur Wahl stand, aber die Fäden hinter Mussawi zog. Der Vorwurf der Korruption und Bereicherung war sicherlich berechtigt. Und auch Mussawi fuhr scharfe Geschütze auf. Dass mit Mussawi jemand, der im Moment kein Amt bekleidete, offen Amtsinhaber der Islamischen Republik attackierte und das im Hauptabendprogramm des staatlichen Fernsehens, machte ihn schnell zum Hoffnungsträger. Die Inszenierung zur Legitimierung des Regimes schien nach hinten loszugehen.

Wie es damals aussah, war es wahrscheinlich, dass Ahmadi-Neschâd die Wahl nicht oder nur sehr knapp gewann. Zwar ist seine Unterstützung in der Bevölkerung nicht zu unterschätzen. Zum Teil ist diese Unterstützung durch Sozialpopulismus erkauft, zum Teil allerdings auf dessen Image als einfacher Mann zurückzuführen. Doch jene, die diesmal im Gegensatz zum letzten Mal zur Wahl mobilisiert werden konnten, wollten sehr wahrscheinlich ein Zeichen gegen das Regime setzen. Am plausibelsten schien, dass es weniger Unregelmässigkeiten während der Wahl gab, sondern dass vielmehr das Ergebnis im Nachhinein verfälscht wurde. Der spirituelle Berater von Ahmadi-Neschâd, Mohammad Taghi Mesbâh Yazdi, soll schon vor der Wahl die Wahlfälschung als religiös zulässig bewertet haben.

Der „geistliche Führer“ Chamenei ergriff sogleich Partei für Ahmadi-Neschâd. Zuvor hatte er sich kaum in die Tagespolitik eingemischt, um als „geistliche Instanz“ über dem Tagesgeschehen zu schweben. Solange er sich so verhielt, erweckte er tatsächlich den Eindruck eines Führers. Nun, da seine Anerkennung und damit natürliche Autorität rapide im Sinken begriffen war, begann er panisch zu verführen und zu intervenieren. Dies ist ein Teufelskreislauf, der schon weiter oben beschrieben wurde. Je mehr er versucht, „Macht“ auszuüben, desto mehr schwindet seine Macht. Er verliert sein Image als Führer und wird zum blossen „Politiker“.

Ging es in dem Konflikt um mehr Demokratie? Tatsächlich ist Taghi Mesbâh ein scharfer Kritiker der Demokratie. Er vertritt die Auffassung, dass, sobald ein hinreichend guter Statthalter des Imam Mahdi gefunden wurde, weitere Wahlen eigentlich unnötig sind. Doch darf man sich vom Begriff nicht irreführen lassen. Auf die Legitimität, die Inszenierungen nationaler Demokratie bringen, wollte keine Seite verzichten. Ob die Clique um Haschemi oder die „Revolutionswächter“ das Präsidentenamt stellt, ist vom Grundmuster her nebensächlich. Eine tiefgreifende Änderung ist nur dann denkbar, wenn sich Teile der regulären Einheiten gegen die Paramilitärs richten. Erste Anzeichen dafür schienen sich abzuzeichnen, doch dies blieb offen. Sogar innerhalb der Paramilitärs wurden bereits zahlreiche Sympathisanten der „Revolution“ verhaftet. Hätte sich Mussawi durchgesetzt, hätte es eine Machtverschiebung von den Paramilitärs zur Haschemi-Clique gegeben; der Staatsapparat hätte dabei allerdings eine massive Legitimierung erfahren.

Die junge Bevölkerung in den wohlhabenderen Teilen der Städte ist als Reaktion auf die Unterdrückung im Namen der Religion extrem „westlich“ eingestellt, das bedeutet heute: hedonistisch und antireligiös. Auf der anderen Seite stehen jene, die berechtigte Sorge um ihre Identität haben. Die einzige Hoffnung für den Iran bestünde in einem dezentralen Nebeneinander, das bereits zum Teil möglich war, weil die Legitimität des Regimes hinreichend schwach war. So konnte eine Segregation der Gesellschaft stattfinden, die es erlaubt, dass etwa im Norden Teherans ein „westlicher“ Lebensstil gepflegt werden kann. Ein anderes Beispiel ist die Insel Kisch im Persischen Golf, deren natürliche Abtrennung vom Festland das Regime dazu bewegt, dort einen wesentlich „freieren“, das heisst westlicheren Lebensstil zu dulden. Kisch ist ein beliebtes Ferienziel im Iran, wo man ein bisschen Hedonismus schnuppern kann, ohne den Iran zu verlassen.

Die aggressive Ablehnung des Westens ist häufig eine Gegenreaktion. Darum ist die marxistische These der „strukturellen Gewalt“ im Orient so beliebt. Und diese These ist nicht ganz von der Hand zu weisen, tatsächlich hat die Moderne Strukturen hervorgebracht, die einen unduldsamen Anspruch in sich tragen. Das Bild vom Westen als verführerische Giftschlange ist weit verbreitet. Ali Schariati prägte den Begriff gharb-zadeghi: vom Westen vergiftet. Aus der Sicht traditionsbezogener islamischer Gelehrter ist dieses Gift im Wesentlichen eine neue Art des Denkens, die westliche Intellektuelle entwickelten, um einen neuen Menschen zu schaffen.

Wie lässt sich diese Ablehnung der Moderne in einer postmodernen Welt leben, ohne die modernen Strukturen mit Gewalt zu bekämpfen? Es ist schwer vorstellbar, wie die gegenläufigen Lebensrealitäten und Wünsche in Ballungszentren wie etwa Teheran langfristig vereint werden sollen. Während im Norden der Stadt wohlhabende, westlich orientierte Menschen leben, siedeln im Süden traditionell eingestellte Arme. Deren Lebensentwürfe sind nur beschränkt kompatibel. Die einen wünschen sich mehr Individualismus und Konsum, weniger Sittenzwang und grössere Freizügigkeit. Andere, ebenso junge Menschen, sehnen sich nach Identität und suchen sie in prinzipienorientierter Religiosität.

Aufgrund der Instrumentalisierung der Religion durch die Politik ist die Religiosität im Iran jedoch mittlerweile so niedrig, dass wohl eher Bedarf für kleine Inseln des Islams inmitten einer säkularisierten Gesellschaft bestünde, sollte das Regime einmal fallen. Kleine Islamworlds, in denen sich die Damen beim Eingang Schleier mieten können.

Der islamischen Welt ist dieser Zugang nicht fremd. Das osmanische Reich funktionierte nach dem Millet-System: der praktisch vollständigen Autonomie von Religionsgemeinschaften, die auch eigene, miteinander konkurrierende Rechtssysteme zuliessen. Neben den klassischen Religionsgemeinschaften müsste ein zeitgemässer Islam auch die Möglichkeit einer säkularen Milla zulassen, in der auch westlichen Ersatzreligionen frei gehuldigt werden darf, sofern die dort lebenden Menschen die volle Verantwortung für ihre Religion übernehmen. Und wenn im millenarischen Puritania in einem Stadtteil Qoms dann der Mahdi aus dem Brunnen steigt, weil die dortigen Bewohner hinreichend brav waren, dürfen wir ja alle beschämt ihrem Beispiel folgen.

Dis dahin bleibt aber die entscheidende Frage: Wie kippt ein System, das an Legitimität verliert, aber seine Gewaltmittel behält? Proteste können die Selbstverständlichkeit der Ordnung erodieren lassen und Bruchlinien sichtbar machen, doch die Machtfrage entscheidet sich selten auf der Strasse, sondern in den Apparaten.

Entgegen der Revolutionsromantik kommen Umstürze, auch oder gerade in totalitären Regimen, selten aus der Masse. Am plausibelsten ist ein Militärputsch, also der Aufstand regulärer Einheiten gegen irreguläre. Dieses Szenario hat die Republik natürlich im Auge, was die Zunahme politischer Ämter für Militärs erklärt. Im Einsatz gegen die eigene Bevölkerung ist man zurückhaltend mit regulären Einheiten; dafür sind die Paramilitärs der Revolutionsgarden und Basidsch vorgesehen. Der Iran ist zwar selbst aktive Partei in mehreren Stellvertreterkriegen, hat es bislang aber geschafft, eine Heimatfront zu vermeiden.

Umstürze gelingen eher, wenn die zweite Reihe oder Teile eines alten Regimes eine Gelegenheit beim Schopf packen, die erste Reihe loszuwerden. Über die internen Machtkämpfe im Iran kann man nur mutmassen. Jedenfalls hat die Islamische Republik niemals einen völlig zentralisierten Totalitarismus erreicht, sondern wies stets ein konfliktgeladenes Innenleben auf. Der institutionelle Kern schreckt auch vor Massenmord an internen Gegnern und Anschlägen im Ausland nicht zurück, hat mit der Zeit aber zu einer etwas weniger blutigen Taktik von Ausgleich, Hausarresten, Reformventilen und Auswahlprozessen gefunden. Die Nachfolgefrage um den greisen Chamenei könnte den Gegensatz der inneren Kräfte und damit Alternativen zur Islamischen Republik nun wieder sichtbarer machen.

Filed Under: Geopolitik, Scholien

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