§Scholien-Archiv

Orient – Scholien 02/13

02.02.2013

# \ Bedienungsanleitung

Dieses Büchlein enthält persönliche Gedanken und Beobachtungen sowie ausgewählte Texte und ist primär für Seelenfreunde des Verfassers gedacht. Mit Scholion bezeichnete man ursprünglich eine Randnotiz, die Gelehrte in den Büchern anbrachten, die ihre ständigen Wegbegleiter waren. Als Bücher noch teuer und selten waren, wurden sie oft geteilt und die geistige Auseinandersetzung wurde in Kommentaren zur gemeinsamen Lektüre geführt. Heute gibt es so viel mehr zu lesen, aber nur wenige haben dazu die Muße.

Ich habe es zu meiner Berufung gemacht, viel zu lesen und zu schreiben. Die Scholien sind eine Anregung für Vielleser, aber vielmehr noch eine Dienstleistung für Wenigleser. In dieses kleine, handliche Format versuche ich die Erkenntnisse aus meiner umfangreichen Lektüre zu komprimieren und so mit meinen Freunden eine große Bibliothek zu teilen. Die meisten zitierten Werke sind in unserer Institutsbibliothek vorhanden und können von Mitgliedern entliehen werden (bitte um Voranmeldung per E-Mail). Doch es ist kein bloßes Bücherwissen, das ich vermitteln will. Immer wieder beziehe ich mich auf die Realität abseits der Bücher, denn die Theorie – die Anschauung – ist nur da sinnvoll, wo sie etwas zu schauen hat. Mit meinen Kollegen im Institut für Wertewirtschaft verstehe ich mich als praktischer Philosoph. Die Scholien jedoch sind kein systematisches philosophisches Opus, sondern sammeln gewissermaßen die Späne, die mir beim geistigen Bearbeiten der größeren Scheite für das Feuer der Erkenntnis zufallen.

Das Motto vornan ist zufällig aus dem Text gewählt, dazu gestaltet die Künstlerin Ingeborg Knaipp den Umschlag. Das Lektorat übernahmen Ingeborg Knaipp, Benjamin Koch und Johannes Leitner. Die zahlreichen Zitate sind meist eigene Übersetzungen. Die verwendete Literatur ist gesammelt am Ende angeführt. Ebenfalls dort findet sich ein Inhaltsverzeichnis. Frühere Ausgaben der Scholien können in Sammelausgaben in edlem Schuber nachbestellt werden. Mitglieder des Instituts für Wertewirtschaft erhalten Zugang zu den PDF-Versionen.

Administrative Anfragen bitte an [email protected] senden, inhaltliche Anregungen und Fragen bitte an\ [email protected]. Falls der geschätzte Leser dieses Exemplar zur Ansicht erhalten hat, würde ich mich freuen, ihn auch künftig als Adressaten dieser freundschaftlichen Korrespondenz zu wissen:

wertewirtschaft.org/scholien/

# \ Handelsvölker

Nachdem in der Frühlingsausgabe der Platz nicht mehr dafür ausreichte, möchte ich es nun nachholen, wieder auf den Orient zu sprechen zu kommen. Schließlich habe ich einerseits einen besonderen Bezug zu ihm, anderseits dominiert er leider auch aktuell die schlechten Schlagzeilen. Anfang des Jahres war ich erneut im Libanon. Den Iran kann ich leider nicht mehr bereisen, weil ich den dortigen Wehrdienst nachleisten müßte. Obwohl kein Pazifist, habe ich daran wenig Interesse. (Pazifismus ist die Ideologie, die den Frieden über alles stellt und daher entweder Krieg befördert – denn befrieden läßt sich nur mit Waffengewalt – oder Unrecht in Kauf nimmt.)

Der Libanon ist nicht nur Brennpunkt des Orients, sondern auch der Achse zwischen Orient und Okzident. Das Land ist der Schlüssel zum Verständnis des Nahen Ostens und damit der Weltpolitik. So wie Österreich ist der Libanon eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält. Es gibt kaum ein Land, das politisch faszinierender und lehrreicher ist als jene Region um das Libanongebirge. Einst war es Kernland der Phönizier, jenes sagenhaften Händlervolks. Leider zählen der Geschichtsschreibung stets die erfolgreichen Krieger und Plünderer mehr. Händlervölker kommen meist schlecht weg. Offenbar ist der Neid gegenüber Händlern größer als gegenüber Plünderern. Der erfolgreiche Händler und Unternehmer wird vielleicht eher als unangenehmer Spiegel wahrgenommen, denn billig einzukaufen und teuer zu verkaufen, das traut sich jeder in Unkenntnis der Tücken der Ökonomie zu. So ist auf den erfolgreichen Plünderer wohl nur der ebenso brutale, kräftige oder gut bewaffnete Konkurrenzräuber neidisch, auf den erfolgreichen Händler aber potentiell jedermann. Oft gilt das Händlervolk als Gegenteil des Kulturvolks. Ein solches Vorurteil findet sich auch bei Egon Friedell, der in seiner epochalen Kulturgeschichte beiläufig bemerkt:

Die Holländer sind das erste große Handelsvolk der Neuzeit. Sie erinnern in ihrem harten und platten Materialismus, ihrem listigen und skrupellosen Erwerbsegoismus und ihrer turbulenten, verrotteten Oligarchie an die Phönizier; sie verdankten ihre wirtschaftliche Übermacht ebenso wie diese dem Umstande, daß sie in der Entwicklung des merkantilen Denkens den anderen Völkern voraus waren; und sie konnten ihre Vorherrschaft aus den gleichen Gründen nicht dauernd behaupten: ihrem emsigen und zähen Ringen fehlte es an einer höheren Idee und daher an wirklicher Lebenskraft. (Friedell 1927)

Ich will nicht ausschließen, daß hier zumindest ein Kern Wahrheit liegt, doch ist er gewiß übertrieben. Leider scheint es in der Geschichte offenkundig zu sein, daß ein Volk, das sich dem ehrlichen Erwerb widmet, gegenüber räuberischen Völkern meist unterlegen ist. Bei letzteren werden Ressourcen für die Kriegsführung konzentriert, und solange sie neue Beute finden, können sie überleben, trotz innerer Wohlstandsvernichtung durch Zentralisierung und Kriegswirtschaft. Die optimistische Hoffnung, daß größere Freiheit mehr Innovationen hervorbringt, auch in der Kriegstechnik, trägt in den technologisch weniger dynamischen Zeiten kaum, und auch heute nicht mit gänzlicher Gewißheit: Kriegstechnik verbreitet sich oft schneller als sich der Vorteil der Entwickler halten läßt. Und da ist es vielleicht nicht ganz falsch, daß in einem Volk, in dem der materielle Vorteil des Einzelnen größere Bedeutung hat, die Weitergabe von Technik an Feinde eher und leichter vonstatten geht. Zudem ist es in der Tat verblüffend und erschreckend, wie stark „höhere Ideen“ die Kriegslust und damit aber auch die Wehrfähigkeit der Bevölkerung steigern können. Die emsigen und zähen Phönizier, zu denen auch die Karthager zählten, unterlagen letztlich zwar den Flächenstaaten mit deren zentralisierter Kriegsführung, sind aber auch ein Beispiel für die Kulturkraft von Händlern. Schließlich verdanken wir ihnen die wohl bedeutsamste kulturelle Innovation: unsere Schrift, eine Lautschrift. Die phönizische Schiffstechnik und Navigation blieb lange unerreicht. Als Kulturträger verbreiteten die Phönizier Ideen, Mythen und Wissen aus Ägypten und Mesopotamien bis in die Ägäis. Damit entfachten sie wohl das kulturelle Feuer des antiken Griechenlands. Bis heute erinnert eine libanesische Stadt, in der antike Gebäude bis heute überdauert haben, mit ihrem Namen an diese Leistung der Phönizier: Byblos. Die Griechen nannten so den ersten großen Hafen der Phönizier – wörtlich übersetzt: das Buch. Die Phönizier waren bekannt dafür, Unmengen Papyrus aus Ägypten zu importieren.

Die Kritik am kulturlosen Händlervolk bezieht sich wohl weniger auf praktische Errungenschaften, sondern auf jene unpraktischen Kulturleistungen, die heute Inbegriff der Hochkultur sind. Das mag daran liegen, daß ein erheblicher Teil dieser Hochkultur Hofkultur und Kirchenkultur war, also selbst eine gewisse Mittelzentralisierung voraussetzte. Zwar ist Mäzenatentum grundsätzlich auch ohne Plündern möglich. Der Vorwurf läßt sich aber leicht machen, daß vermögende Händler allzu knausrige Mäzene sind. Es ist stets einfacher, mit geraubtem, geschenktem oder gewonnenem Geld freigiebig zu sein als mit hart erarbeitetem. Der Handel gilt zwar nicht als harte Arbeit, angesichts des offenkundigen Fleißes guter Händler ist dies jedoch eine Fehleinschätzung. Der Händler hat als Sprachrohr des Marktes, der wiederum das Telekommunikationssystem menschlicher Präferenzen und natürlicher Gegebenheiten ist, jedoch ein ewiges Image-Problem. Stets ist er der ungeliebte Botschafter unangenehmer Wahrheiten. Als Lagerhalter der Gesellschaft profitiert er von Verschärfungen der Knappheit. Darum gewinnen Händlervölker an den Kriegen und Plünderungen der anderen, bis sie selbst Opfer von Krieg und Plünderung werden. Dies trägt zu ihrem schlechten Ruf bei.

Antifragilität

Es ist verblüffend, wie auch im Krieg die immense Logistik der Versorgung der Zivilbevölkerung am Leben bleibt, obwohl sich die Zentrale meist nur noch um die Logistik der Truppenversorgung kümmern kann. Welches Wunder, daß beim Zusammenbruch der Produktion während eines Krieges die Bevölkerung nicht sofort verhungert! Dieses Wunder ist Händlern zu verdanken. Märkte haben im Gegensatz zu Staaten nämlich eine Eigenschaft, die der libanesische Ökonom Nassim Taleb Anti-Fragilität nennt. In einem Interview mit der Schweizer Weltwoche, einem der wenigen Magazine, das ich dank einem Schweizer Unterstützer regelmäßig durchsehe (und das gelegentlich lohnt, leider aber zu sehr polarisiert), erklärt er das Konzept:

Somit sollte das Gegenteil von «zerbrechlich» etwas sein, das an Schocks nicht nur nicht zerbricht, sondern dadurch sogar stärker wird. Ich nenne es «antifragil». Fragile Dinge hassen Unruhe. Antifragile Dinge hingegen lieben das Chaos. \[…\] Alle Bereiche, die vom Chaos profitieren, gehören zur Antifragilität. In der Medizin finden Sie Tausende von Studien, die von den positiven Effekten von Irregularität sprechen – Irregularität der Bewegung, der Nahrungsaufnahme, der kleinen Stressoren. Niemandem fiel auf, dass es sich hier stets um das gleiche Phänomen handelt: Antifragilität. Oder nehmen Sie die Schweiz. Je volatiler es ausserhalb der Schweiz zu­ und hergeht, desto mehr Gelder fliessen den Schweizer Banken zu. Oder: Je ungleicher die Vermögen auf der Welt verteilt sind, desto besser geht es der Luxusgüterindustrie. Fazit: Wenn Sie wissen, welche Bereiche Ihres Lebens oder in Ihrer Branche fragil und welche antifragil sind, können Sie sich richtig positionieren, ohne im Detail zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Das ist sehr praktisch.

Im selben Interview rechnet Taleb mit den Universitäten ab, was ich gerne wiedergebe, da er damit vollkommen meine Einschätzung trifft – wie treue Scholienleser wissen:

Das grösste Risiko der Schweiz ist: Das Niveau der Ausbildung steigt. Die Schweiz hat sich von einem Land der Handwerker und Macher in ein Land von Pseudointellektuellen verwandelt. Jeder schickt seine Kinder an die Hochschule. Dort lernen Sie Schriften von Kant und Derrida sowie Betriebswirtschaftslehre, Finanzmathematik und ähnlichen Quatsch. Statt zu lernen, wie man Uhren baut. \[…\] Wer vor dreissig oder fünfzig Jahren studiert hat, war wirklich smart. Heute aber sind leider die meisten Hochschulabsolventen Scharlatane, die viel besser eine Lehre abgeschlossen hätten. Diese Leute sind gut im Nachplappern von dem, was die Professoren herauslassen, aber schlecht im selbständigen Denken. \[…\] Und was tun diese gutausgebildeten Arbeitskräfte? Gelingen ihnen Erfindungen? Gründen sie Firmen? Bringen sie die Welt in irgendeiner Weise voran? Nein. Sie werden Angestellte, Mittelmanager oder Topmanager, in anderen Worten: Bürokraten. Bürokraten sind Menschen, die kein Risiko für ihre Entscheidungen tragen. \[…\] Universitäten sollten lehren, wie man mit Risiken umgeht – mit Lebensrisiken, mit Geschäftsrisiken. Dazu braucht es keine komplizierten mathematischen Modelle. Dazu braucht es einige wenige Heuristiken, Daumenregeln \[…\]. Und dann sollen die Studenten so schnell als möglich rausgehen und Firmen gründen oder künstlerisch oder handwerklich tätig werden. Sie sollen tun statt nachdenken. Sie sollen «unternehmen», im besten Sinn des Wortes. Wenn man Menschen bis zum Alter von 25 Jahren in einer Ausbildung gefangen hält, sind die besten Jahre verpufft. \[…\] Wir überschätzen die Rolle der Hochschulen und Universitäten. Schauen Sie sich die industrielle Revolution an. Sie ging von privaten Bastlern aus, von Hobbymechanikern, die nach dem Versuch­und­Irrtum­Prinzip vorgingen. Nicht die Universitäten haben die industrielle Revolution geboren, sondern Bastler. Allesamt Nichtakademiker. Diese Erfinder machten England reich. Doch der Reichtum führte dazu, dass ein flächendeckendes Netz an Hochschulen entstand. Die Überintellektualisierung führte schliesslich zu einem Stillstand der Gesellschaft in den 1970er Jahren. \[…\] Hochschulen sind ein Betrug. Sie sind Meister im Selbstmarketing. \[…\] Wirklich revolutionäre Erfolge kommen vorwiegend von ausserhalb der Universitäten. Darwin war ein Privatforscher. Newton erschuf die klassische Mechanik auf dem Land – als die Schule wegen Pest geschlossen war. Einstein arbeitete als technischer Experte dritter Klasse im Patentamt in Bern. Institutionen schaffen solche Revolutionen nicht.

Schweizer Idylle

Das Florieren der Schweizer Wirtschaft hält Taleb für Scheinwachstum, das durch den aufgeblähten Finanzsektor getrieben würde. Doch dieser stünde vor einer Korrektur. Zum Glück für die Schweiz, die damit die Chance habe, wieder nachhaltiger zu gedeihen:

Der erste Fehler war im Jahr 1992 die Akquisition des amerikanischen Optionshändlers O’Connor & Associates durch den Bankverein. Vor diesem Schritt waren die Schweizer Banker langweilige, risikoscheue Anlageberater, und das war gut so. Sie hassten alles Technische, sie verabscheuten alles, was sie nicht verstanden, all die Formeln, den ganzen Hokuspokus. O’Connor brachte die mathematischen Scharlatane ins Schweizer Banking. Von da an ging’s bergab.

In der Tat ähnelt die Schweiz mittlerweile zu sehr den anderen Blasenstaaten der Welt, sie ist bloß eine sauberere und ländlichere Version Deutschlands und Österreichs. Eine Insel der Seligen ist auch die Schweiz nicht mehr. Die Blase ist in der Schweiz stärker von Banken als vom Staat getrieben, doch da Finanzsektor und Staat ohnehin eng verflochten sind, ist das ein eher unerheblicher Unterschied. Die moderne Architektur in der Schweiz ist noch häßlicher, da die Mittel weniger beschränkt sind; der Blasenkommerz mit seinen Einkaufszentren, den repetitiven Ketten und der Werbeflächeninflation ist auf etwas höherem Niveau, da mehr kaufkräftiges Bürgertum vorhanden ist; die Sozialfälle sind psychisch noch kaputter, da es am Materiellen nicht fehlt. Allesamt unerhebliche Unterschiede — in den Blähbereichen der Städte. Abseits davon gibt es schon noch insulare Seligkeit, doch stark bedrängt von den urbanen Eliten und der politisch geförderten Immigration in die Sozialsysteme.

Ein wenig konzentriert ist der Wahnsinn in Bern, dem politischen Zentrum, das wie jedes Zentrum um zentralstaatliche Unterjochung der Föderation bemüht ist. Die Stadt tut mir sehr leid, sie ist wunderschön, aber befindet sich in der Geiselhaft der politischen Klasse. Letzthin wurde ich verdutzt Zeuge gewalttätiger Ausschreitungen im Stadtzentrum, die 50 Verletzte forderten. Der Hintergrund hierzu ist interessant: In Bern hat sich, in der Nähe der Politik, ein „anarchistischer“ Kern gebildet. Ein einst wunderschönes Gebäude beim Bahnhof, die alte Reitschule, wurde in den 1980er-Jahren von Jugendlichen besetzt. Die Besetzung hat mehrere Räumungen und Referenden überlebt. Zuletzt hatte die junge SVP 2010 über den Verkauf des Gebäudes abstimmen lassen. Die Stadtregierung empfahl, für die Besetzer abzustimmen. Bei geringer Beteiligung wurde die Vorlage abgelehnt, und alles blieb beim Alten.

Die Verflechtung von Staat und „Anarchisten“ ist seltsam. Wie die „Pankahyttn“ in Wien, über die ich schon in Scholien 08/09 (S. 20) schrieb, ist das „autonome“ und „besetzte“ Gebäude staatlich subventioniert. Insgesamt 13 Millionen Franken flossen bislang in die Sanierung nach den Wünschen der Besetzer, trotzdem sieht das mit Graffiti verzierte Gebäude wie eine Bruchbude aus. Seit 2004 gibt es sogar einen offiziellen „Mietvertrag“, und bei Veranstaltungen wird brav die Ticketsteuer abgeführt.

Wie jeder rationale Machthaber wissen müßte, befriedigen Gießkannen-Zugeständnisse nicht, sondern machen abhängig und damit unbefriedigt. Das Konzept von Nassim Taleb hat wohl einen Haken, denn man könnte die moderne Gießkannenpolitik als antifragil bezeichnen: sie profitiert (zumindest kurzfristig) vom Chaos, das sie selbst hervorbringt. Die Wohlfahrtspolitik erzeugt die Sozialfälle, die sie für ihre eigene Legitimierung benötigt. Und die Jugendpolitik erzeugt jene Horden unbefriedigter Jugendlicher, die die Rufe nach immer mehr Geld, mehr Aufmerksamkeit, mehr „Freiraum“ legitimieren.

Die subventionierten Berufsjugendlichen waren jedenfalls zum Schluß gekommen, Bern böte ihnen nicht genug „Freiraum“. Dieser „Freiraum“ besteht im Wesentlichen aus billigem Alkohol und der Möglichkeit, grenzenlosen Lärm und Schmutz zu erzeugen. Deshalb sollte es eine Protestveranstaltung unter dem Titel „Tanz dich frei“ geben, „um die Straßen der Stadt zurückzuerobern“. Um eine Genehmigung bemühte man sich dabei aus Prinzip nicht, sodaß der Anlaß illegal war. Bei der Reitschule traf man sich, stattete große Wägen mit Transparenten, Boxen und Bier aus, um so lärmend, saufend und tanzend durch die Innenstadt zu ziehen.

Interessant sind hierbei die ideologischen Facetten. Die Initiatoren waren zum Teil von kommunistischem, zum Teil aber durchaus von libertärem Gedankengut inspiriert. Derjenige, der sich auf der zur Protestveranstaltung angelegten Domain ideologisch ausließ, ist vor allem anti-staats-libertär, nennt sich selbst „libertarian“ und meint: „Zu fragen, wer die Straßen bauen soll, wenn es keinen Staat gibt, ist dasselbe, wie zu fragen, wer die Baumwolle pflücken soll, wenn es keine Sklaven gibt.“

Derjenige, der das Video mit der Brandrede zum Tanzprotest erstellte, ist links-libertär und agitiert gegen das „System“. In den sozialen Medien rund um den Anlaß überwiegt die Bildsprache von occupy, Anonymous und V for Vendetta, tendiert also ebenso in Richtung „libertär“. Beim Anlaß selbst überwogen dann kommunistischere Parolen, die prominenteste davon: „Besetzen statt besitzen!“. Etwas inkonsequent wurde dann aber das Bier von den großen Wägen kleinkrämerisch verkauft — für 3 Franken die Dose, weit über dem Supermarktpreis. Zahlreiche Kleingruppen gingen da lieber doch zum Klassenfeind in den Supermarkt und führten das Bier in vollbeladenen Einkaufswägen selbst mit.

Bei diesem Anlaß zeigt sich das Problem der Anonymität. Die Intellektuellen, die auf facebook und twitter die Losungen ausgeben, sind für die Masse, die sie gerne hinter sich wissen wollen, nicht repräsentativ. Die „Freiheit“ und die „Freiräume“, die Anonymität bieten, sind allesamt halbe Freiheiten, nämlich verantwortungslose. Freiheit ohne Verantwortung ist allerdings etwas gänzlich anderes und sollte eigentlich nicht das schöne Wort „Freiheit“ beschmutzen, denn auch etymologisch hat es damit nichts gemein. Feigheit wäre der passendere Begriff für die verantwortungslose „Freiheit“. Da kann sie noch so „libertär“ verbrämt sein. Die urbanen Freiheitstänzer hinterließen 15 Tonnen Müll, Hektoliter Urin, unzählige Graffiti, ganz zu schweigen vom immensen Schaden. Denn der Anlaß kippte und wurde letztlich zu einer bürgerkriegsartigen Schlacht.

Was war geschehen? Die Behörden hatten sich aus vorauseilender Feigheit wie jener Typus Lehrer verhalten, der sich als Kumpel anbiedert und für alles „Verständnis“ hat. Alles wurde dem Wohlergehen der Partydemonstranten untergeordnet, um sie bloß nicht zu provozieren. Im Vorfeld wurde öffentlich bekanntgegeben, die illegale Massenveranstaltung werde „toleriert“. Die Behörden leisteten sich dabei folgenden Geniestreich: Sie übernahmen sogar kostenlos die Werbung dafür. Die ganze Stadt war vollgepflastert mit Plakaten der Verkehrsbetriebe, die sich im Vorhinein für einen Ausfall des öffentlichen Verkehrs entschuldigten, denn die Demonstranten hatten Vorrang. Auf den Plakaten wurde dabei allen Ernstes auf die „staatspolitische Veranstaltung“ hingewiesen, für die dies nötig sei, und sogar der Eventtitel „Tanz dich frei“ angeführt. Am Abend des Technospektakels versteckte sich die Polizei schüchtern vor den Demonstranten, um bloß nicht zu provozieren. Die meisten Truppen harrten rund um das Parlamentsgebäude hinter schwarzen Tüchern aus, an den zur Deckung errichteten Barrikaden hingen entschuldigende Tafeln, die darauf hinwiesen, diese seien allein zu Freihaltung der Rettungswege nötig. Indem man den Demonstranten die Stadt zur freien Verfügung überließ, so die Logik der Behörden, würde alles friedlich bleiben. Diese Taktik ist psychologisch vollkommen naiv, wenn auch verständlich. Rund um die Reitschule hat die Polizei die Erfahrung gemacht, allein durch ihre Präsenz Gewalt hervorzurufen — die Kausalität ist dabei natürlich falsch.

Die Bilanz der Tanzveranstaltung: 50 Verletzte, 70 eingeschlagene Vitrinen, Schaden von mehreren 100.000 Franken. Die Beute der Plünderer ist aufschlußreich: Am meisten gestohlen wurde Wii-Zubehör (für eine elektronische Spielkonsole) aus einem Kaufhaus, der daneben liegende Buchladen blieb unberührt.

Polizeigewalt

Die gesamte Angelegenheit ist zutiefst peinlich für die Schweiz. Denn solche Unruhen hätte man zuerst im Euroraum erwartet. Migranten waren praktisch keine beteiligt (wenn man die etlichen zugereisten Störenfriede aus Zürich nicht als Migranten betrachtet). Die Schweizer Armee hatte allerdings unlängst schon für den Ernstfall geprobt. Bei der sogenannten „Armeestabsrahmenübung Stabilo Due“ bereiteten sich Infanterie, eine Panzerbrigade, Spezialkräfte und ein Verband der Luftwaffe auf flächendeckende Ausschreitungen in Europa vor:

Das Übungskonzept von „STABILO DUE“ basiert auf dem Szenario, dass Teile eines auf der Landkarte speziell gestalteten Europas instabil sind. Auch in der Schweiz gibt es Unruhen, Anschläge und Gewalttaten. Mit diesem Szenario einer ausserordentlichen Lage soll insbesondere die Unterstützung der Kantone im subsidiären Bereich, aber auch Führung und Einsatz der operativen Reserve der Armee – in diesem Fall die Panzerbrigade 11 – überprüft werden. (Pressemeldung)

Ob das Heer solcher Bedrohungen Herr werden kann, an denen die Polizei scheitert, darf bezweifelt werden. Die Demonstranten sahen sich schon durch den geringen Gewalteinsatz der Polizei provoziert, was laut ihrer Darstellung die Lage erst verschärfte. Zunächst habe man nur die Absperrungen, die den Weg des Tanzzuges verstellten, beiseite schieben wollen. Daraufhin sei Pfefferspray zum Einsatz gekommen, was die Wut gegen vermeintliche Polizeigewalt entfacht habe.

Dummerweise wurde bei mir tags darauf am Berner Flughafen Pfefferspray gefunden. Leider bin ich so zerstreut und viel unterwegs, daß ich schon ein ganzes Arsenal an Flughafenbehörden abgeben mußte. Das unwürdige Sicherheitstheater scheine ich stets gedanklich zu verdrängen. Am Flughafen gab es einen kleinen Eklat und meine Daten wurden aufgenommen. Zum Glück waren es am Vortag keine Ausschreitungen mit „Migrationshintergrund“, sonst hätte ich wohl schon von den Berner Beamten gehört.

Diese sind übrigens in aller Regel sehr freundlich, zumindest im Vergleich zur Wiener Polizei. Da ich bislang die einzigen Diebstähle in meinem Leben in der Schweiz erlebte, hatte ich schon ein paar Mal das Vergnügen. Der letzte Kontakt erfolgte kürzlich, als ich die Geldbörse eines beraubten Amerikaners vorbeibrachte, die nach Entnahme der Franken weggeworfen worden war und die ich gefunden hatte. Interessanterweise hatten die Schweizer Kriminellen die paar Dollar im zweiten Börsenfach zurückgelassen. So tief wollten sie nun offenbar auch nicht sinken.

Zur Wiener Polizei hatte ich bislang ein eher angespanntes Verhältnis, sie schien mir Inkompetenz durch Anmaßung zu überspielen. Aber das liegt wohl an der mehrfachen Nötigung, die ich als Verkehrsteilnehmer erfahren habe (Bestrafung für Delikte, die keinerlei Fremdgefährdung bedeuten, also „opferlos“ sind, betrachte ich als staatliche Bereicherung.) Unlängst lernte ich den neuen Polizeipräsidenten kennen, und der machte einen überraschend guten Eindruck auf mich. Er verfügt über einen sehr klaren Kopf und war in der Lage, jede Frage im Kern zu erfassen und kompetent zu beantworten. Das erlebt man bei Beamten nicht alle Tage. Gerhard Pürstl, so heißt er, vermittelte einen guten Eindruck davon, wie groß die Herausforderungen sind, in einer modernen Stadt die Ordnung aufrecht zu halten. Pro Tag (!) gehen in Wien 3.500 Notrufe ein, aber nur weniger als ein Drittel führt zu Einsätzen. Insgesamt werden durchschnittlich knapp unter 700 Straftaten täglich erfaßt. Beschäftigt sind 8.000 Polizeibeamte, wobei sich 1.450 davon ausschließlich um die Bürokratie kümmern. Pro Jahr werden in Wien 10.000 Versammlungen angemeldet, drei bis vier pro Monat sind Großereignisse. Am meisten Arbeit würden der Polizei dabei die Fußballfans der Wiener Vereine Rapid und Austria bereiten. Größte Zunahme sei momentan bei Kellereinbrüchen festzustellen, die vorwiegend durch Drogensüchtige und serbische Banden durchgeführt würden. Laufend würde das Aggressionspotential gegenüber der Polizei steigen. Wenn Polizisten wegen Lautstärkebelästigung zu Feiern erscheinen, würden sie fast immer beschimpft, manchmal tätlich angegriffen. Das sei früher anders gewesen.

Interessant ist die Party-Problematik, die vielleicht symptomatisch für unsere Zeit steht. Ich habe den Eindruck, daß das Geschrei von Jugendlichen nächtens zunimmt. Oft hat es so einen Tonfall, der nach Wahnsinn klingt, und nichts Heiteres mehr. Wenn Party angesagt ist, resigniert alles vor Schmutz und Lärm. Die Tanzdemonstration in Bern war nichts anderes als eine der gefürchteten facebook-Parties. Die Polizei löst hierbei als Spielverderber Aggressionen aus und sieht sich im Dilemma, diese Anlässe ohne Eskalation nicht auflösen zu können. Ganz zu schweigen davon, den Schaden wieder gut zu machen: die Verwüstungen erfolgen durch die anonyme Masse. Sollte man einzelner habhaft werden, so fehlen ihnen in aller Regel die Mittel, Wiedergutmachung zu leisten. Was sich in Pariser Vorstädten und aktuell in Schweden abspielt, ist die nächste Steigerungsstufe. Wenn Massen an Eigentumslosen wüten, hat der Gesetzesstaat keine Chance, sein Gewaltmonopol aufrechtzuerhalten. Er wird zur Farce.

Rechtliche Wiedergutmachung

Einst verhinderten zwei Institutionen, die heute unmenschlich erscheinen, daß sich Schädiger der Wiedergutmachung durch Mittellosigkeit entziehen konnten: Schuldknechtschaft und Sippenhaftung. Bei Delikten, deren Aufdeckung besonders schwierig und dadurch selten war, fielen die Strafen zudem besonders drakonisch aus. All diese politisch unkorrekten Vorrichtungen hatten eine gewisse ökonomische Korrektheit: sie setzten korrekte Anreize. Könnten sie eines Tages wieder nötig werden? Als sukzessive Maßnahmen würden sie etwa so aussehen: Der ertappte Randalierer faßt ein Strafmaß aus, das nicht nur der materiellen Wiedergutmachung entspricht, sondern erhöht ist, um den Aufwand der Habhaftmachung abzugelten. Bei geringwertigen Delikten mit sehr geringer Aufdeckwahrscheinlichkeit ist sonst die Abschreckung viel zu gering. Dies gilt heute etwa bei Fahrraddiebstählen in Wien: Sie müssen von Radfahrern genauso ohnmächtig hingenommen werden wie Schlauchplatzer. Trotz niedrigem Wiederverkaufswert gestohlener Fahrräder zahlt sich der Diebstahl materiell aus, da das Risiko für die Diebe und damit der Erwartungswert einer Strafe nahe bei null liegt. Ähnlich ist es schon bei Einbrüchen, und nach und nach könnten immer schwerere Delikte allgemein lohnend werden. In Wien werden derzeit durchschnittlich ca. 20 Räder pro Tag gestohlen, die Aufklärungsquote liegt bei 2,7 Prozent.

Bei einem naturrechtlichen Zugang ginge es darum, den Schaden zu beheben und künftig zu verhindern, indem der Täter Wiedergutmachung plus alle Kosten der Ergreifung und Verurteilung zu tragen hätte. Als zusätzliche Strafe würde die Schadenssumme allenfalls noch verdoppelt oder verdreifacht, nach dem Prinzip, daß ein Dieb auch das Recht an seinem Eigentum im gleichen Ausmaß verliert, in der er das Eigentumsrecht anderer mißachtet hat. Doch welcher Aufwand darf dabei in Rechnung gestellt werden? Ein gerechtes Prinzip wäre es, dabei die Aufdeckwahrscheinlichkeit als Richtwert für den maximal zulässigen Aufwand heranzuziehen, der in Rechnung gestellt werden kann. Das hieße, daß aktuell die Strafe für Raddiebstahl in Wien so zu bemessen wäre: 500 Euro Radwert + 500 Euro Strafe + 37.000 Euro Ergreifungsprämie (1000 Euro dividiert durch die Ergreifungswahrscheinlichkeit) + Verfahrens- und Exekutionskosten. Die steigende Ergreifungsprämie wäre ein Anreiz, einen Aufwand bis zu dieser Höhe zu tragen, um eines Raddiebes habhaft zu werden. Könnte der ertappte Dieb diese Strafe mangels Eigenmittel nicht begleichen, was wahrscheinlich ist, so wäre er durch einen Schuldtitel belastet. Dieser Titel bringt das Recht mit sich, dem Täter die Freiheit bis zur Begleichung der Schuld zu entziehen. Zeigt er eine Bereitschaft, die Schuld nach und nach abzutragen, so wird er ein Arrangement finden, bei dem die Schuld vorfinanziert wird — mit entsprechender Verzinsung. Zeigt der Täter diese Bereitschaft nicht, so könnte als letzter Ausweg die Sippenhaftung zum Tragen kommen. Genauso wie nahe Verwandte als Erbbegünstigte mangels Testament bedacht würden, könnten sie anteilsmäßig zur Kasse gebeten: etwa die Eltern des Diebes. In früheren Zeiten hätte diese Haftung bis auf die Heimatgemeinde des Diebes ausgedehnt werden können.

Das klingt alles sehr hart. Es ist verständlich, daß eine solche Rechtsordnung in Zeiten der Not untragbar erscheinen mag. Ich gab zudem eine modernisierte, rationalere Fassung dieses Zugangs wieder, ohne Übertreibungen zulasten der Täter, ohne Körperstrafe, Verstümmelung oder Todesstrafe und Folter — einst die drakonischen Zuspitzungen in einer Zeit, die noch weniger von der blutleeren, aber eben auch unblutigen Rationalität des Geldes durchdrungen war. Doch die Zeit naht, in der wir wieder antifragilere Regeln brauchen anstelle fragiler Regulierung: Regeln, die bei Mißachtung stärker werden, weil die Anreize richtig gesetzt sind. Die Überlieferung aus „dunkleren Zeiten“ mag dabei zur Inspiration dienen.

Doch kehren wir zurück von politischen Fragilitäten zur Antifragilität der Märkte und dem Libanon: Bei Verknappung von Gütern steigen die Prämien. Darum gelten Händler als Kriegsgewinnler, was freilich all jene ausblendet, deren Geschäftsgrundlage zerstört wird. So sind auch die größten Profiteure der Anti-Drogen-Politik die am Markt verbleibenden Händler, deren Gewinne mit jeder erfolgreichen Entdeckung und Zerstörung von Drogen steigen.

In der Tat finden sich heute noch viele Libanesen, die sich wehmütig an ihren einstigen Reichtum während des Krieges erinnern. Die Grundlage für diesen Reichtum wurde freilich vor dem Krieg gelegt, als Beirut das Paris des Orients war, doch der Krieg vergrößerte für jene, die ihn relativ unbeschadet überstehen konnten, kurzfristig die Gewinnspannen. Im schlimmsten Fall haben Händler daher destruktive Anreize. Haben sie Zugang zu politischen Mitteln, so ist Vorsicht geboten. Das mag die Friedellsche Beobachtung erklären, daß Handelsvölker besonders korrupte politische Führer herausbilden.

Berge & Freiheit

Vielleicht erklärt sich daher der berühmte Gegensatz zwischen der phönizischen Stadt Karthago und dem römischen Reich. Die Konkurrenz mit dem römischen Imperialismus mag wohl auch daran gelegen haben, daß Karthago die einzige phönizische Stadt war, die weit ins Hinterland reichte und mit der dadurch möglichen Landwirtschaft ebenso einen flächenstaatlichen Charakter aufbaute. Dies wiederum ist der nötige Hintergrund für eigene imperialistische Ambitionen und den Aufbau von Armeen.

Interessant ist hierbei die politische Auswirkung der Geographie: Bergsiedlungen, und in schwächerem Grade auch Küstensiedlungen, scheinen sich der Mentalität nach von Siedlungen in der Ebene zu unterscheiden. Vielleicht prägt eine differenzierte Landschaft die Gabe, Eigenes von Fremdem zu unterscheiden, während das undifferenzierbare, flache Land dies erschwert. Sind in den Bergen die Besitzer zuhause, in den Ebenen die Besetzer? Der österreichische Historiker Erik Ritter von Kühnelt-Leddihn sieht eine besondere Beziehung zur Freiheit:

Bergkulturen sind nicht „fortschrittlich“. Sie sind jedoch aristokratisch und „demokratisch“ (demophil) zugleich. Sie sind von Natur aus patriarchalisch \[…\], Knechtschaft bestand praktisch niemals unter Bergvölkern. Die Berge waren im Wesentlichen frei. „Auf den Bergen ist Freiheit“, ruft Schiller zurecht aus. \[…\] Heute scheint es so, als ob die europäische Kultur und Zivilisation, einst ersonnen und geboren auf den schroffen Hügeln von Kreta, Griechenland und den Apenninen, in den monotonen, schlammigen Ebenen zwischen Paris und Moskau versenkt wird. (Kuehnelt-Leddihn 1943: 127f)

Solche Bergkulturen bilden den Kern des Libanons. Als der französische Reisende Graf von Volney 1784 den Orient erreichte, war er verblüfft, das Libanongebirge so dicht besiedelt zu sehen. Die einzige Erklärung, wie die Menschen in einer so harten und unfruchtbaren Natur überleben konnten, war das Ausmaß an Freiheit, das sie genossen. Volney schrieb:

Die Beschränkungen der Natur \[…\] wurden durch einen Vorteil ausgeglichen, der ihr Leben im Vergleich zu den Bewohnern der fruchtbareren Ebenen angenehmer gestaltete: die Sicherheit gegenüber türkischen Schikanen. \[…\] Diese Sicherheit erschien der Bevölkerung als so wertvolles Gut, daß sie in den Felsen einen solchen Fleiß entwickelten, wie man ihn sonst kaum irgendwo findet. Kraft ihres Geschicks und ihrer Arbeit machten sie felsigen Boden fruchtbar. Wasser leiteten sie auf tausend Umwegen über die Hänge, um es in Tälern zu sammeln. Außerdem befestigten sie den abrutschenden Boden durch Terrassen und Mauern. Fast alle so bebauten Berge zeigen das Bild einer Treppe oder eines Amphitheaters, wo jede Stufe einen Wein- oder Obstgarten bildet. Ich zählte auf einem einzigen Hang bis zu 120 Stufen, vom Talboden bis zum Berggipfel; so vergaß ich, daß ich mich im osmanischen Reich befand, oder, wenn ich mich daran erinnerte, dann, um im Kontrast noch stärker zu empfinden, wie mächtig selbst der leichteste Hauch von Freiheit ist. (Volney 1959: 164)

Der französische Diplomat und Schriftsteller Alphonse de Lamartine bereiste den Libanon 1832. Obwohl seine zehnjährige Tochter, die ihn begleitet hatte, in Beirut an einer Krankheit verstarb, fand er folgende Worte für den Libanon:

Tief in seinem Herzen ist dieses Volk glücklich. Seine fremden Herren fürchten es und wagen es nicht, sich in seinen Provinzen anzusiedeln; seine Religion ist frei und geehrt, \[…\] es wird von seinen eigenen Oberhäuptern regiert, ausgewählt nach den Gebräuchen oder gegeben durch das Erbe seiner bedeutendsten Familien; eine rigorose, aber gerechte Polizey bewahrt die Ordnung und Sicherheit in den Dörfern; das Eigentum ist anerkannt, garantiert, übertragbar vom Vater auf den Sohn; der Handel ist rege, die Sitten einfach und rein. Ich habe kein einziges Volk auf Erden gesehen, daß in seinen Gesichtszügen mehr Gesundheit, Adel und Kultiviertheit ausstrahlte als diese Menschen des Libanon. \[…\] Schottland, Sachsen, Savoyen, Schweiz bieten dem Reisenden um nichts mehr ein Bild des Lebens, Glücks und Friedens als diese Berge des Libanons, wo man erwarten würde, bloß Barbaren anzutreffen. (Lamartine 1835: S. 147f).

Oben habe ich das alte Wort Polizey in der Übertragung verwendet, denn weder Polizei, noch Politik treffen es genau. Die französische police spricht sich genauso, wenngleich anders betont, wie Polis, der griechische Ausdruck für das Gemeinwesen. Die Polizei als Behörde ist eine neue Angelegenheit, bei der die Institution ein Eigenleben gewinnt und anstelle des Begriffes tritt, der ihr eigentlich als Maßstab dienen soll. Selbiges ist beim Ausdruck Politik und auch Staat geschehen.

Versteckte Urchristen

Die Berge boten ein Refugium, in denen Urchristen überlebten, Menschen, die sich bis vor nicht allzu langer Zeit noch in der Sprache von Jesus unterhielten und sie heute noch in ihren Kirchen pflegen und gebrauchen, wie die Europäer bis vor kurzem Latein. Die Bergklöster des Libanons gehören zu den beeindruckendsten Orten, die ich je gesehen habe. Die malerische Landschaft läßt nachvollziehen, warum in der Bibel der Libanon als irdisches Paradies gilt. An den unzugänglichsten Ecken der Welt überlebte dort in den Händen von Einsiedlern uralte Kultur, die neue stiftete. Marun Abbud beschreibt die Rolle der Bergklöster so:

In der Tiefe der Klöster \[…\] ist ein Feuer übriggeblieben, von dem großen Feuer, wie das ewige Feuer der Magier \[...\]. So sind Höhlen der Berge, in der Zeit des Schreckens \[unter osmanischer Herrschaft\], ein Lager für Wissen, eine Knetmaschine für das Ferment der Wissenschaft geblieben \[...\]. In einer Kammer, drei Ellen breit und vier lang, pflegte ein Mönch zu kriechen oder auf dem Boden zu hocken, der durch das Fasten vertrocknet war, vor ihm eine Öllampe ohne Glas, deren flatterndes Licht Silhouetten und Gespenster malte, als wäre sie eine magische Lampe; ein Mönch, der sich über sein Buch beugte, wie sich die Nährmütter über ihre entwöhnten Kinder beugen, indem er mit Eifer las, bis sich seine Finger erholten und die Betäubung seiner Füße verschwunden war, um zu seiner Arbeit zurückzukehren \[…\]. (Abbud 1952: 19)

Seit dem 15. Jahrhundert knüpften diese Urchristen neue Banden mit ihren Glaubensbrüdern in Europa. Der libanesische Anthropologe Antoine Douaihy, der von vier Jahrhunderten einer Kultur der Freiheit im Libanon spricht, schreibt:

Mit großem Erstaunen sah man seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, im Morgengrauen der Renaissance, libanesische Studenten, die im Herzen Europas studierten. Doch der große Wendepunkt folgte ein Jahrhundert später, 1584, mit der Gründung des maronitischen Kollegs in Rom, das man zurecht als bedeutendste Kulturinstitution in der Geschichte der Beziehungen zwischen dem Libanon und Europa vom 16. bis zum 19. Jahrhundert ansehen kann. Es war die erste Brücke in der Neuzeit zwischen dem europäischen Okzident und der Levante, zwei Jahrhunderte vor dem Ägyptenfeldzug von Bonaparte. Das maronitische Kolleg in Rom erfüllte seine Aufgaben während 228 Jahren, bis zu seiner Schließung im Jahr 1812. Es erlaubte zahlreichen Generationen, die aus dem Libanon stammten (sowie vielen Maroniten aus Aleppo und Zypern), sich im Europa der wachsenden Moderne zu bilden, im Kontakt mit seinen Gesellschaften und Kulturen zu stehen und von seinen Erfahrungen, seinem Wissen, seinen Methoden und Techniken zu lernen. Abgesehen von dem Studium der theologischen, philosophischen, historischen und literarischen Disziplinen, der Naturwissenschaften und der Mathematik, stachen die Studenten des Kollegs durch ihre Sprachkenntnisse hervor: Arabisch, Aramäisch, Hebräisch, Latein, Altgriechisch, Französisch, Spanisch, Türkisch und Persisch waren Teil ihrer humanistischen und polyglotten Ausbildung. Daher stammt die Redewendung, die im klassischen Europa wohlbekannt war: „gelehrt wie ein Maronit“. (Douaihy 2006: LXX).

Die bedeutende Rolle der Maroniten ist weitgehend unbekannt. Ihre wissenschaftlichen Leistungen werden heute zumeist den Osmanen und islamischen Arabern zugeschrieben. Tatsächlich waren es die orientalischen Christen, welche die antike Philosophie bewahrten. Sie übersetzen die alten Texte zunächst ins Aramäische und dann immer besser ins Arabische. Doch es waren islamische Herrscher, die bald die Bedeutung dieser Gelehrten erkannten:

Vor allem der große Herrscher von Bagdad, Harun ar-Raschid, und sein Sohn al-Ma‘mun wollten für die Vervollständigung ihrer Macht alles in ihrer Hauptstadt vertreten sehen, was einen Hof und eine Herrschaft groß und konkurrenzfähig macht. Deswegen nahmen sie die Fachleute aus dem christlichen Lager in Anspruch, die sehr gut Griechisch konnten, um zunächst die Übersetzungstätigkeit in Schwung zu bringen. So arbeiteten ganze Generationen von aramäischen Christen für sie, und zwar an einer Akademie, die dafür von al-Ma‘mun im Jahr 832 in Bagdad unter der Bezeichnung Bait al-Hikma (Haus der Weisheit) gegründet wurde, was deutlich auf die altgriechischen Einflüsse hinweisen sollte. (Khoury 2007)

Einen besonderen Namen machte sich der Übersetzer Hunayn bin Ishaq (808-873), den al-Ma‘mun nach dem Gewicht der übersetzten Bücher honorierte: Er zahlte ihm dasselbe Gewicht in Gold. Kein Wunder, daß Hunayn sehr fleißig war: Er übersetzte mehr als 130 Bücher, hauptsächlich philosophische und medizinische Werke. Sein Name wurde im Mittelalter in der latinisierten Form Johannicus berühmt. Erst im Zuge dieser Übersetzungen entwickelte sich jenes Vokabular, das Arabisch zur Wissenschaftssprache machte. Daß der größte Beitrag zur Entwicklung des Arabischen von Nicht-Arabern und Christen stammt, ist ein politisch unkorrektes Paradoxon, das man heute im Nahen Osten nicht gerne hört. Sogar in der altarabischen Poesie war der christliche Beitrag bahnbrechend. Der Sprachwissenschaftler Georges Raif Khoury schreibt:

Es gab keinerlei arabische Tradition der Logik vor der Übersetzung des Organons, der Sammlung der logischen Traktate von Aristoteles. In der abbasidischen Periode erfolgten viele arabische Übersetzungen auf der Grundlage vorheriger aramäischer Fassungen. Es handelte sich um zwei verwandte, semitische Sprachen. Die Gelehrten übertrugen die griechischen Wörter über die Vermittlung des Aramäischen ins Arabische. Es brauchte etwa ein Jahrhundert, um mit großem Aufwand ein arabisches Lexikon zu erstellen, das ein Vokabular enthielt, mit dem sich die Konzepte der Logik und der griechischen Philosophie ausdrücken ließen. (Khoury 2004: 43)

Die arabische Renaissance, die sogenannte Nahda, wäre ohne die Christen undenkbar gewesen: Damals blühten der Journalismus, die Literatur und das Denken auf. Die arabische Sprache bot den christlichen Eliten einen Weg, sich von der türkischen Herrscherelite des osmanischen Reiches zu differenzieren und sich dadurch selbst zu behaupten. Eine besondere Rolle bei dieser Renaissance spielte der Bibelübersetzer Ibrahim Al-Yazigi. Das moderne Arabisch verdankt der Bibelübersetzung eine Fülle stilistischer Verbesserungen und neuer Wendungen. Paul Soueid beschreibt den schöpferischen Zugang Al-Yazigis so:

Eine breite Bewegung des schöpferischen Umgangs mit dem Wort wurde losgetreten. Die Sprache erneuerte sich; ein Windhauch des Lebens durchzog sie. Yazigi, der Sprachreformer, bereicherte das Vokabular durch Rekonstruktion, denn es genügt nicht – so sagte er sinngemäß –, daß die Sprache ein treuer Spiegel ist, der die Vergangenheit abbildet, sie muß auch der lebendige Ausdruck ihrer Zeit sein, indem sie dem Verlauf der Entwicklung folgt, die im Reich der Ideen stattfindet. (Soueid 1969: 27)

Er kommt hinsichtlich der Verdienste von Al-Yazigi zum Schluß:

Man kann sagen, daß, wenn unsere Bücher der Literatur und Wissenschaft sorgfältiger und präziser sind, unsere Zeitungen besser geschrieben und moderner sind, wir dies den Lehren von Yazigi zu verdanken haben! (Soueid 1969: 150)

Israelische Verschwörungen

Einen der letzten großen Gelehrten dieser Tradition konnte ich noch kennenlernen: Dr. Youssef Yammine. Daß er einer der letzten ist, konnte ich an seiner Begeisterung bemerken, mit mir endlich wieder auf jemanden zu treffen, der die Denker kannte, auf deren Schultern er wirkte. Seine Universalgelehrtheit trat nicht nur in philosophischen und theologischen Fragen und seiner Viel­sprachigkeit zutage, sondern auch darin, daß er eine achtbändige Enzyklopädie über Atomtheorien verfaßt hatte. Er war vermutlich ebenso verblüfft, in einem unscheinbaren Besucher einen geisteswissenschaftlich versierten und polyglotten Atomphysiker zu erkennen, wie ich verblüfft war, in einem unscheinbaren, steinalten Mann in einem kleinen Kirchenraum im hintersten Eck des Libanons einen der letzten Universalgelehrten zu treffen. Merkwürdig erschien mir allein die Beharrlichkeit, mit der er versuchte, mich davon zu überzeugen, daß Jesus ein Kanaaniter und kein Jude gewesen sei. Es gäbe nämlich ein Bethlehem, das im heutigen Libanon läge, unweit vom galileiischen Kana, woher Maria stammen und Jesus sein erstes Wunder vollbracht haben soll. Auch dieses Kana verortet Yammine im heutigen Libanon; die wenigen inmitten von Schiiten verbliebenen Christen im südlibanesischen Ort Kana sind felsenfest davon überzeugt. Yammine geht noch weiter: Dort würde sich die Familiengruft von Jesus, Maria und Josef finden. Den angeblichen Ort dieser Gruft hätten die Israelis mit Bulldozern zerstören wollen, um die Wahrheit zu verschleiern, doch die Bevölkerung eines nahen Dorfes habe sie daran gehindert. Das klingt nach jenen im Orient zu häufigen Verschwörungstheorien, aus denen mehr Verbitterung als Wahrheitsliebe spricht.

Die Beziehung zwischen Maroniten und Israelis ist einer der Schlüsselaspekte hinter den Libanonkriegen. Ich schreibe bewußt Israelis und nicht Juden, denn hinter der israelischen Politik stand stets mehr die machiavellische Logik eines bedrängten Staates als etwas spezifisch Jüdisches. Israel setzte große Hoffnungen in die Christen vor Ort. Immerhin hatten sie als wehrhafte Minderheit inmitten von Moslems überlebt, nicht nur als geduldete Dhimmis in bestimmten Ghettos, sondern als geschlossene Gemeinschaften, die sich weitgehend selbst regierten. Der libanesische Ex-Politiker Samir Frangié berichtet in seinem bemerkenswerten Buch Voyage au bout de la violence (Reise ans Ende der Gewalt) vom israelischen Kalkül:

Das Interesse der zionistischen Führer für die maronitische Gemeinschaft reicht weit zurück in die Geschichte. Schon 1937, beim Weltkongreß der zionistischen Arbeiterpartei in Zürich, schätzt David Ben Gurion bei der Analyse der Teilungsvorschläge Palästinas durch die Peel-Kommission, die Lage so ein: „Die Nähe des Libanons bietet eine wunderbare politische Unterstützung für den ,Judenstaat‘. Der Libanon ist der natürliche Alliierte der Juden auf israelischem Boden. Die Christen des Libanons haben ein vergleichbares Schicksal mit dem des jüdischen Volkes — mit dem Unterschied, daß sie ihre Zahl nicht durch Einwanderung vergrößern können. \[…\] Die Nähe des Libanons liefert dem Judenstaat einen loyalen Alliierten, was uns die Möglichkeit geben wird, uns mit der Zustimmung und dem Segen unserer Nachbarn, die auf uns angewiesen sind, ausdehnen zu können.“ (Frangié 2011: 37f)

Der Segen der Nachbarn blieb jedoch aus. Die Mehrheit der Christen war Israel gegenüber stets skeptisch, und nach den Erfahrungen des Krieges scheinen auch die letzten Sympathien verspielt. Die Schaffung des Judenstaates störte das heikle Nebeneinander der unterschiedlichen Religionsgruppen. Plötzlich strömten Moslems aus Palästina in den Libanon und verschoben die demographischen Gewichte. Frangié zitiert den Schriftsteller und Publizisten Michel Chiha – der wichtigste Vordenker des sogenannten Nationalpaktes von 1943 – über die Gefahren, welche die Erschaffung des Staates Israel für die Zukunft des Libanons bedeutete:

„Vor allem eine politische Gefahr, denn die Erschaffung eines Staates im Nahen Osten, der auf dem Exklusivismus einer religiösen Minderheit basiert, konnte die zahlreichen anderen Minderheiten der Region nur auf schlechte Gedanken bringen und das pluralistische und tolerante Gleichgewicht der libanesischen Gesellschaft destabilisieren; aber auch eine ökonomische Gefahr, denn die jüdischen Einwanderer nach Palästina werden über kurz oder lang, dank ihrer internationalen Verbindungen in der Diaspora, die ökonomische Rolle des Libanons als Mittler zwischen Orient und Okzident zu übernehmen versuchen.“ (Frangié 2011: 45)

Gesellschaftsvertragsfiktionen

Der Nationalpakt von 1943 war die labile Grundlage des libanesischen Staates. Ein Proporzsystem sollte den Frieden sichern, versagte dabei aber letztlich. Doch auch heute noch beruhen alle Friedenshoffnungen darauf. Der Pakt sieht folgende Verteilung der Ämter nach Religionsgruppen vor: Das Staatsoberhaupt muß maronitischer Christ sein, der Parlamentspräsident schiitischer Muslim, der Regierungschef sunnitischer Muslim und der Oberbefehlshaber der Armee muss wiederum Christ sein (nicht unbedingt maronitisch). Die Grundlage dieser Zuteilung bildet eine historische Gewichtsverteilung, die nicht mehr der aktuellen Realität entspricht. Aufgrund größerer Nachkommenschaft und der Massenzuwanderung überwiegen Muslime heute deutlich. Um jeglichen Streit darüber zu vermeiden, entschied man sich dazu, wegzusehen. Seit 1932 wird schlicht kein Zensus mehr durchgeführt.

Dieser Nationalpakt war nämlich nie ein offener Vertrag zwischen Gemeinschaften, sondern die Festschreibung eines politischen Status quo, der ein labiles Gleichgewicht abbildete. Nicht die Gemeinschaften begründeten gemeinsam den Nationalstaat, sondern der Nationalstaat schaffte ein Spannungsverhältnis zwischen den Gemeinschaften, das seitdem nach „Pakten“ ruft. Diese wichtige Einsicht, die im modernen Verfassungsidealismus unterging, gilt für nahezu alle Nationalstaaten. Frangié drückt dies so aus:

Diese Vision eines Gesellschaftsvertrags, der auf einem Einverständnis zwischen den Gemeinschaften beruht, ist eine irrige Vorstellung. Dieses Einverständnis hat niemals bestanden. Es ist ein historischer Mythus, dessen Folgen sich als katastrophal erwiesen haben.

Der Pakt von 1943, auf den man sich oft bezieht, um das Bestehen eines Einverständnisses zu begründen, hat zwischen den Libanesen nicht das Fundament eines Gesellschaftsvertrags gelegt, sondern die Notwendigkeit wiederbetont, „zusammen zu bleiben“ in einem Moment, als der Weg des Libanon in die Unabhängigkeit das „Zusammenleben“ bedrohte aufgrund der Vorbehalte und der Widerstände, die bei diesem Anlaß zutagetraten, da die einen das französische Mandat aufrecht erhalten wollten, während die anderen die Vereinigung mit Syrien forderten.

Der Gesellschaftsvertrag zwischen den Libanesen basiert daher auf einem „Zusammenleben“, das nicht das Produkt eines Einverständnisses ist, das zwischen ihren verschiedenen Gemeinschaften geschlossen wurde, sondern die Folge der Unmöglichkeit dieser Gemeinschaften, sich in ihrem jeweiligen „Gemeinschaftsdasein“ für sich im libanesischen Rahmen zu behaupten, der 1920 geschaffen wurde. Und es ist diese Unmöglichkeit selbst, die dem „Zusammenleben“ zugrundelag, das den Libanesen erst bewußt wurde, nachdem sie während ihres langen Krieges die dramatische Erfahrung des „Nicht-Zusammenlebens“ versucht hatten.

Der Libanon entspricht daher keiner der Gemeinschaften, die seine Bestandteile darstellen. Jede von ihnen hat ihre Eigenschaften, und der Libanon stellt davon auch keine arithmetische Summe dar. Er ist der Daseinsmodus der religiösen Gemeinschaften, die mit der Schaffung des Libanon ihren eigenen Daseinsmodus verloren hatten. (Frangié 2011: 143)

Der Nahe Osten ist ein mehrfach überlagertes Flickwerk an Gruppierungen, bei denen man noch nicht einmal von Ethnien sprechen könnte. Nach einem Jahrtausend von Massakern, Vertreibungen, Zwangskonvertierungen, Sprachwechseln und Besetzungen kamen und gingen die Identitäten. Erst seitdem es Israel gibt, erkannten sich die islamischen Bewohner der Region Palästina als „Palästinenser“; der Begriff ist erst seit den 1960er-Jahren in Verwendung. Nach den historischen Erfahrungen, daß wehrlose Bevölkerungen gerne massakriert werden, wenn es das Kriegskalkül erfordert, darf man sich nicht allzu viel Pazifismus in der Region erwarten.

Haben die Nachkommen von massakrierenden Eroberern ein ewiges Recht auf ungestörtes Siedeln, selbst wenn sie die Macht dazu nicht mehr auf ihrer Seite haben? Doch sind die „Palästinenser“ nicht einmal solche Nachkommen. Genetisch ähneln sie den Juden und Christen Palästinas so sehr, daß es sich bei den Sunniten wohl zum größten Teil um zwangskonvertierte, arabisierte Ex-Juden und Ex-Christen handeln muß. Soviel zum vermeintlichen „Rassismus“ — ein ohnehin dummes Etikett, das in der Region keine Rolle spielen kann. Die Araber hatten ihre zahlreichen Negersklaven vorausschauend kastriert, sodaß keine schwarzen Nachkommen blieben. Immerhin wußte man, welche Gefahr von Sklaven ausgehen kann: Die Mamelucken, Militärsklaven, errichteten selbst mehrere Dynastien. Einst bestanden bis zur Hälfte der Bevölkerungen des Nahen Ostens aus Sklaven.

Braunhemden für Israel

Die Vorbehalte der Christen sollten sich jedenfalls als richtig erweisen. Nur eine christliche Gruppierung tat sich als besonders israel-freundlich hervor und erfuhr dadurch tatkräftige Unterstützung. Die israelische Taktik erklärte der damalige Generalmajor und spätere Außenminister Moshe Dayan 1945 so:

„Es wäre bloß nötig, einen Offizier oder auch nur einen einfachen Major zu finden, dessen Sympathie wir gewinnen oder kaufen, um ihn dazu anzustiften, sich als Retter der Maroniten zu proklamieren. Dann würde die israelische Armee in den Libanon einmarschieren, das nötige Territorium besetzen und ein christliches Regime errichten, das sich mit Israel alliieren würde. Die Territorien südlich des Litani würden vollkommen von Israel annektiert und alles verliefe zum Besten.“ (Frangié 2011: 41f)

Litani ist ein libanesischer Fluß, dessen Wasser für Israel von großer Bedeutung wäre. Darum gibt es auch ein geopolitisches Interesse am Südlibanon, der heute von der Hisbollah verteidigt wird. Diesen einfachen Major würde Israel dreißig Jahre später in Saad Haddad finden, der eine israelisch finanzierte libanesische Miliz mit dem Titel „Südlibanesische Armee“ aufbaute. Haddad war jedoch kein Maronit, sondern Melkit. Unter den Maroniten gewannen die Israelis bloß die Unterstützung der Kata‘ib — und dies ist eine der bitteren Pointen der Geschichte. Diese Gruppierung übersetzte ihre arabische Bezeichnung als Phalangisten. Sie wurde 1936 als paramilitärische Jugendorganisation von Pierre Gemayel gegründet — ausgerechnet nach dem Vorbild der National-Sozialisten. Als Teilnehmer der damaligen olympischen Sommerspiele in Berlin war er tief berührt von diesem Vorbild. Später verteidigte er diesen Eindruck:

„Ich war der Kapitän der libanesischen Fußballmannschaft und Präsident der libanesischen Fußballföderation. Wir reisten zu den olympischen Spielen von 1936 in Berlin. Und da sah ich diese Disziplin und Ordnung. Und ich sagte mir: „Warum können wir nicht dasselbe im Libanon schaffen?“ Nach unserer Rückkehr bauten wir also diese Jugendbewegung auf. Als ich damals in Berlin war, hatte der Nazismus noch nicht die Reputation, die er heute hat. Nazismus? In jedem System der Welt gibt es etwas Gutes. Doch der Nazismus war gar kein Nazismus. Das Wort kam erst später. In ihrem System sah ich Disziplin. Und wir im Nahen Osten brauchen Disziplin nötiger als alles andere.“ (Fisk 1990: 65)

Ursprünglich trugen die Mitglieder von Kata‘ib auch Braunhemden und salutierten mit dem Hitlergruß. Doch sollte man den kopierten Symbolen nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Das Motto der Kata‘ib war eher faschistisch als national-sozialistisch: Gott, Nation und Familie. Heute sind die libanesischen Phalangisten eine etablierte Partei. Während des französischen Mandats gehörten sie zu den anti-französischen Kräften, während der syrischen Kontrolle des Libanons zu den antisyrischen. Dabei waren sie stets antikommunistisch. Mit ihnen konkurrierte die paramilitärische Bewegung Marada, maßgeblich von der Frangié-Familie kontrolliert, die pro-syrisch und anti-israelisch war, bis hin zu einer offenen Allianz mit der Hisbollah. Die dritte große christliche Bewegung sind heute die Aounisten, nach dem General Aoun. Diese stehen in der Tradition der Chéhabisten (technokratisch-zentralistische Modernisten, auf die ich noch zu sprechen komme). Da Zentralismus allerdings Macht erfordert, verblüffte Aoun durch einen Seitenwechsel: während des Bürgerkrieges anti-syrisch, wechselte er ins pro-syrische Lager und verbündete sich mit der Hisbollah. Daneben bestehen noch kleinere christliche Gruppen, wie die pro-westliche, liberal-konservative Unabhängigkeitsbewegung der Moawad-Familie, die bereits einen Präsidenten stellte, der allerdings sofort nach Amtsantritt umgebracht wurde — die typische libanesische Laufbahn.

Wie ersichtlich verlaufen die Trennlinien im Libanon innerhalb der religiösen Gemeinschaften, oftmals entlang von Familiengrenzen. Die einzig langfristige Überlebensstrategie wäre hierbei strikte Neutralität, denn jede Verletzung wird durch Rachekaskaden aufgeblasen. Das erkannte auch mancher Jude verbittert, wie etwa Nahum Goldmann, einer der Gründer Israels:

„Ich komme zum Schluß, daß der fundamentale Fehler des modernen Zionismus darin bestand, ein außergewöhnliches Problem, das in der Geschichte praktisch einzigartig ist, mit den gewöhnlichen Mitteln der politischen Routine zu lösen \[…\]: der Erschaffung eines Staates. Es waren nicht die Staaten, die das jüdische Volk zeitweise besaß, die sein Überleben bis heute ermöglicht haben \[…\]. Mir erscheint der einzige Ausweg eine Umwandlung von Israel in einen Staat neuer Form zu sein: einen vollkommen neutralen Staat, formell durch mehrere Weltmächte – vor allem auch die Araber – daran gehindert, sich in die Weltpolitik einzumischen, es sei denn, wenn es darum ginge, eine jüdische Minderheit in Gefahr zu retten …“ (Frangié 2011: 56)

Nationale Aggressionen

Man mag diese familiären, religiösen und „ethnischen“ Klüfte für anachronistische Relikte halten. Dann würden sie nach und nach, durch genügend Modernisierung und Säkularisierung verschwinden. Das war auch die Hoffnung der arabischen Erneuerer als sie die Kraft des gedruckten Wortes erkannten. Doch die Neuerungen der arabischen Renaissance, der oben erwähnten Nahda, brachten all die paradoxen Folgen, die man auch im Abendland erlebte, nur in beschleunigter Form. Ein wichtiger Vertreter der späten arabischen Aufklärung war etwa Sulaiman al-Bustani (1856-1925):

Politiker, Vertreter von Beirut im osmanischen Parlament, später Minister für Landwirtschaft und Bodenschätze in Istanbul, Dichter und Denker. Er übersetzte erstmals die Ilias in schönen Versen und gab sie im Jahr 1904 bei seinen libanesischen Freunden in Kairo heraus. Dorthin war er nach seinem Rücktritt als Minister emigriert, als der Sultan sich entschied, an der Seite der Deutschen im Ersten Weltkrieg zu kämpfen. Dieser hochkarätige Geist bedachte als erster die Bewegung der Jungtürken gegen ihren Sultan im Jahr 1908 mit einem Buch, in dem er immer wieder auf die Freiheit verwies; alle Kapitel dieser Schrift waren voll von Reminiszenzen an die Französische Revolution und beeinflußten unter anderem auch den emanzipierten, laizistischen Geist von Kemal Atatürk. Übrigens beherrschte er etwa 16 Sprachen; griechisch hatte er bei den Jesuiten in Beirut gelernt. (Khoury 2007)

Mit den Ideen der Aufklärung kam auch der Nationalismus auf. Identität war nicht mehr bloß auf die Überlieferungskette einer kleinen Gemeinschaft bezogen, sondern wurde zu einem Konstrukt, das den anderen und den Feind dringender benötigt als authentische Identitätsträger. Mein Kollege Ralph Janik verweist mich auf das Buch Die Ehre des Kriegers von Michael Ignatieff, der angesichts des Konflikts zwischen Serben und Kroaten nationale Identitäten kritisch hinterfragt:

Nationalismus ist nicht einfach der „Ausdruck“ einer bereits bestehenden Identität, er „konstituiert“ eine neue. Es wäre wider die Geschichte dieses Erdteils zu behaupten, daß die ethnischen Antagonismen einfach, wie das Magma in einem Vulkan, darauf warteten, daß sich eine Kruste verschiebt oder ein Spalt aufbricht. Es ist ein Mißbrauch anthropologischer Terminologie, Serben und Kroaten überhaupt ethnische Gruppen zu nennen: Sie sprechen praktisch die selbe Sprache, sie entstammen derselben Rasse südbalkanischer Slawen. Es gibt Unterschiede zwischen ihnen, vor allem bei den Familiennamen, doch diese Unterschiede sind für Außenseiter nahezu unsichtbar. \[…\] Nationalismus ist eine Fiktion: er erfordert die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit \[the suspension of disbelief, ein Konzept der Literaturwissenschaft, geprägt von Samuel T. Coleridge\]. Nationalistischen Fiktionen zu glauben, bedeutet, bestimmte Realitäten zu vergessen. Im Falle eines serbischen Soldaten bedeutet es, zu vergessen, daß er einst Nachbar, Bruder und Freund der Menschen im nächsten Schützengraben war. (Ignatieff 1997: 38)

Doch vielleicht sind gerade einstige Nachbarn, Brüder, Freunde dazu prädestiniert sich zu hassen, sobald die Gemeinschaft zerbricht. Womöglich ist es nicht die Verschiedenheit, die Menschen zu Feinden macht, sondern Nähe, sobald die Liebe endet. Nähe ohne Liebe scheint ein instinktives Programm der Selbstbehauptung in uns zu aktivieren: Die Aggressionen nehmen zu. Aggression ist ein dem Menschen angeborener Trieb, der sich durch keine Befriedung aus der Welt bringen läßt — außer durch jene aggressive „Befriedung“ der Vernichtung jedes potentiellen Aggressors, also durch Massenmord. Christa Meves faßt zur Untermauerung ihrer klugen Gedanken zur Erziehung die Erkenntnisse von Konrad Lorenz zusammen:

Aber in die Ratlosigkeit der 70er Jahre fiel die Theorie des berühmten Verhaltensforschers Konrad Lorenz über das „so genannte“ Böse, über den Aggressionstrieb. Lorenz konnte nachweisen, dass es auch bei vielen Tieren Aggressionen gegen Artgenossen gibt und dass diesen eine Leben erhaltende Funktion zukommt. Sie dienen der Verteidigung eines Reviers und führen auf diese Weise zu einer gleichmäßigen Verteilung der Artgenossen über den Lebensraum, in dem sie zu Hause sind. Und da es ihm sicher erschien, dass der Mensch allmählich aus tierischen Ahnen hervorgegangen ist, nimmt Konrad Lorenz an, dass auch bei den Menschen Reste solcher Verteidigungsbereitschaft noch vorhanden sind – Überbleibsel aus einer tierischen Vergangenheit, die ihm gefährlich werden können. Denn da Revierverteidigung in unserer reglementierten Welt meist schädlich ist, fehle den Aggressionen beim Menschen die Art erhaltende Funktion. Dennoch sei aber die Aggressionsbereitschaft vorhanden und dränge, sich aufstauend, immer mehr zu Handlungen aggressiver Art. Deshalb schlägt Lorenz vor, man möge so viel wie möglich dafür sorgen, dass diese überflüssige Energie durch Sport, Wettkämpfe und dergleichen abgeführt würde, um zu vermeiden, dass sie sich schließlich in Kriege austobe. (Meves 2007: 20)

Erziehungsprobleme

Daraus schließt Meves, daß Konflikte auch und gerade in Familien unvermeidbar sind. Die Auseinandersetzung um Regeln und Übertretungen sei für Kinder wichtig, um geistig und seelisch selbständig zu werden — es gehe darum, ihr eigenes Revier zu verteidigen und dadurch zu eigenverantwortlichen Menschen zu werden, die auch „nein“ sagen können. Aggressionen gehörten zu den Grundpfeilern unserer Existenz, denn bei Überbehütung ohne Aggressionsmöglichkeit ersticke der Mensch, bei ungebremster Aggression zerstöre er andere und zuletzt sich selbst. Leider werden bei der Erziehung meist genau diese zwei diametral entgegengesetzten Fehler gemacht:

Fehlt in der Säuglingszeit die Bindungsphase zwischen Mutter und Kind, so bleibt es teilweise auf der Säuglingsstufe stehen, indem es später suchtartig, mit falschen Mitteln und unter gesteigerter Bedürfnisspannung nach solcher Bindung, Liebe und Geborgenheit sucht. Fehlt aber in der darauf folgenden Ablösungsphase von der Mutter, die wir das erste Trotzalter nennen, die Möglichkeit zum Trotz, so bleibt der Mensch ebenfalls teilweise ein Kind, ein ein- bis zweijähriges Bürschchen, festgebannt in das – ebenfalls übersteigerte – Bemühen, sich loszureißen vom Band an die Mutter. Aggression ist also in diesem Zusammenhang nicht böse, im Gegenteil: Wenn der Mensch nicht aus der Geborgenheit ausgetrieben wird, lernt er es nicht, an dem Aufbau seines eigenen Lebens mit eigener Kraft zu arbeiten. Denn Not macht erfinderisch, in der Not der Verlassenheit, die freilich die Erfahrung einst sorgloser Geborgenheit voraussetzt, lässt er sich etwas einfallen, um aus seinem elenden Zustand herauszukommen. Wie zu keiner anderen Zeit können wir das heute im technischen Wirtschaftswunderschlaraffenland über die Natur des Menschen lernen: Verwöhnung macht den Menschen lahm und träge, darüber hinaus aber leider auch unglücklich. (Meves 2007: 27)

Meves liefert einige überzeugende psychologische Gründe dafür, bei der Erziehung kein falsches Laisser-faire an den Tag zu legen, das meist bequeme Lieblosigkeit ist. Sie plädiert für liebevolle Konsequenz aus folgenden drei Gründen:

1.) Bereits das Kleinkind muss die Erfahrung machen, dass dafür gesorgt ist, dass „die Bäume nicht in den Himmel wachsen“. Es muss lernen, dass in einer Gemeinschaft nicht die eigenen Wünsche allein maßgeblich sind, sondern dass es Verbote gibt und dass das Leben unangenehm wird, wenn man sie nicht beachtet.

2.) Das Setzen von Grenzen erhöht das Sicherheitsgefühl des Kindes. Es erfährt sich als beschützt, umso mehr, als der Vater des Kindes in diesem Alter die Wahrung der Grenzen betont. Ein starker Vater, der nicht weichlich sein „Nein“ in ein „Ja“ verwandelt, nur damit aus Bequemlichkeit die Ruhe wiederhergestellt wird, gibt dem noch schwachen Kind auch das ihm notwendige Gefühl, gegen reale und imaginäre Gefahren beschützt zu sein.

3.) Die Krankengeschichten seelisch gestörter Erwachsener haben nachweisen können, dass eine Kinderstube, in der es keinen Trotz der Kinder, keinen Widerpart der Erwachsenen gibt, keineswegs die ideale ist. Solche Kinder schaffen es häufig nicht, sich je von der Mutter loszumachen. Als Erwachsene sind sie dann häufig versteckt aggressiv, andererseits aber ohne ausreichende Initiative, vor allem nicht in schöpferischen Bereichen, selbst wenn sie als Kleinkinder dazu manchen Ansatz zeigten. Eltern sollten es in Ruhe ertragen lernen nicht nur als die Lieben, sondern gelegentlich auch als die Bösen, Unnachgiebigen erlebt zu werden (Meves 2007: 33).

Sehr gut beobachtet sie die Folgen der zwei entgegengesetzten Erziehungsfehler. Wie so oft wird in unserer polarisierenden Zeit ein Extrem durch ein anderes abgelöst. Das rechte Maß geht dabei leider verloren. Dennoch ist es nur allzu verständlich, warum mit den 1968ern eine Gegenreaktion auf die Normerziehung folgte, die Kinder zum Teil schlimmer als abzurichtende Hunde mißhandelte:

In der Erziehungsart von Kindern in diesem Jahrhundert bis 1965 war es eher üblich, dass der Selbstbehauptungstrieb durch eine reichlich kurze Leine gehemmt wurde. Eine solche Aggressionshemmung kann durch gewalttätige Prügelerziehung, aber auch durch bemächtigende mütterliche Liebe oder durch eine allzu karge, existenziell bedrohte Lebenssituationen ausgelöst werden, so dass das schüchterne, artig-brave Kind im Erscheinungsbild der damaligen Kindergeneration vorherrschend war – nicht immer auf dem Boden ausgeglichener seelischer Gesundheit! Blieb die Ablösung vom Elternhaus aus, führte die Angst vor der Aggression zur Verdrängung lebensnotwendiger Selbstbehauptung und Verteidigung, so entstand (und entsteht auch heute noch, nur bei einer geringeren Zahl von Menschen) der so genannte zwangsneurotische Charakter mit der Symptomtrias: Pedanterie, Geiz, Rechthaberei. Ein Großteil der Menschen in der älteren Generation (der 1900 bis 1965 geborenen) zeigt Anteile dieser Struktur, die sich in schwersten Fällen von Aggressionsgehemmtheit in Wasch-, Ordnungs- und Rückversicherungszwängen äußert, um die Angst vor der mächtig angestauten mörderischen Aggression durch immer wiederholte Rituale in Schach halten zu können. Die gestaute und gehemmte Aggressionsbereitschaft in außerordentlich vielen der damaligen jungen Deutschen ist eine Voraussetzung für den Erfolg des – Aggression legitimierenden und kanalisierenden – Demagogen Hitler gewesen. (Meves 2007: 119)

Befehlsstacheln

Elias Canetti, auf den ich später noch näher eingehen werde, spricht hinsichtlich dieser Art der Erziehung sehr bildlich von „Befehlsstacheln“, die sich in den Kindern festsetzen. Dabei formuliert er eine interessante These, warum flächenstaatliche Krieger zur totalitären Unterjochung neigen:

Es ist davon gesprochen worden, wie früh das Kind im Laufe seiner Erziehung von Befehls-Stacheln vollgepfropft wird. Ganz besonders früh und in seiner nächsten Nähe die Mutter, aber aus etwas größerer Entfernung später auch der Vater, ja, jeder, dem seine Erziehung anvertraut wird, eigentlich jeder Erwachsene oder Ältere in seiner Umgebung, kann sich in Anweisungen, Befehlen, Verboten ans Kind kaum Genüge tun. Von früh auf sammeln sich Stacheln jeder Art im Kinde an; sie sind es, die zu den Engen und Zwängen seines späteren Lebens werden. Er muß nach anderen Geschöpfen suchen, an die er seine Stacheln loswerden kann. Sein Leben wird ein einziges Abenteuer des Sie-Loswerden-, des Sie-Verlieren­müssens. Er weiß nicht, warum er diese oder jene unerklärliche Tat begeht, warum er diese oder jene scheinbar sinnlose Beziehung eingeht. Das mongolische oder kirgisische Kind, das so früh zu reiten lernt, hat nun, gemessen am Kinde seßhafter und höherer Kulturen, eine Freiheit ganz eigener Art. Sobald es sich auf Pferde versteht, kann es an diese all das weiterleiten, was ihm befohlen wird. Sehr früh entlädt es sich der Stacheln, die – in viel geringerem Maße – auch zu seiner Erziehung gehören. Das Pferd tut, was das Kind will, bevor irgendein Mensch tut, was es will. Es gewöhnt sich an diesen Gehorsam, und es lebt so leichter, aber es erwartet später von unterjochten Menschen dasselbe, eine physische Unterwerfung absoluter Natur (Canetti 1960: 364f).

Da oft die Führungsschicht aus Nomaden hervorgeht, die Ackerbauern unterwerfen, ist es durchaus plausibel, in der Herrschaft über Menschen Archetypen des Hirtendaseins wiederzufinden. Die Staatskunst läßt sich ja durchaus als Wissenschaft der Menschenbewirtschaftung betrachten. Der gute Hirte ist eine sprichwörtliche Analogie zum guten Herrscher. Canetti analysiert dieses Prinzip der Menschenhirten wie folgt:

Sobald es Menschen gelungen war, so viel Sklaven beisammen zu haben wie Tiere in Herden, war der Grund zum Staat und zur Machthaberei gelegt; und es kann gar keinen Zweifel unterliegen, daß der Wunsch, das ganze Volk zu Sklaven oder Tieren zu haben, im Herrscher um so stärker wird, je mehr Leute das Volk ausmachen (Canetti 1960: 441).

Der freie Mensch ist – der Logik Canettis folgend – derjenige, welcher der Herde entkommt und sich nichts befehlen läßt:

Nur der ausgeführte Befehl läßt seinen Stachel in dem, der ihn befolgt hat, haften. Wer Befehlen ausweicht, der muß sie auch nicht speichern. Der „freie“ Mensch ist nur der, der es verstanden hat, Befehlen auszuweichen, und nicht jener, der sich erst nachträglich von ihnen befreit. Aber wer am längsten zu dieser Befreiung braucht oder es überhaupt nicht vermag, der zweifellos ist der Unfreieste.

Kein unbefangener Mensch empfindet es als Unfreiheit, seinen eigenen Trieben zu folgen. Selbst dort, wo sie am stärksten werden und ihre Befriedigung zu den gefährlichsten Verwicklungen führt, wird der Betroffene das Gefühl haben, daß er aus sich heraus handelt. Wohl aber wendet sich jeder in sich gegen den Befehl, der ihm von außen zugesandt worden ist und den er ausführen mußte: da spricht jeder von Druck und behält sich ein Recht auf Umkehrung oder Rebellion vor (Canetti 1960: 351).

Das ist auch wieder eine Übertreibung, die letztlich das zur Befehlsanstachelung gegensätzliche Erziehungsextrem hervorgebracht hat, das in unseren Breiten heute überwiegt. Aus Angst vor jeder Autorität bemühen sich Eltern um antiautoritäre Erziehung, die jedoch nicht weniger stachelig ist, weil sie zu wenig Reibefläche bietet, an der sich Kinder ihre Stacheln abwetzen können. Aggression ist eben nicht bloß das Ergebnis von Institutionen und falscher Erziehung, sondern leider eine evolutionär-anthropologische Grundtatsache.

Nähe ohne Liebe

Christa Meves beschreibt, weshalb die Folgen der zwei Erziehungsextreme letztlich überaus ähnlich sind:

Heute hingegen wird die Angst vor der Aggression, die früher in den pedantischen, ordnungssüchtigen, rechthaberischen, zwangsneurotischen Charakter einzumünden pflegte, selbst bei den aggressionsgehemmten Jugendlichen durch Indoktrination in Schule und Medien zur aggressiven Agitationsbereitschaft umgepolt. Viele dieser in links- oder rechtsradikalen Verbänden agierenden jungen Menschen kämpfen mit den aggressivsten Mitteln für Solidarität und Mitbestimmung, für Gleichberechtigung und Toleranz, sind aber in ihrer aggressiven Unnachgiebigkeit, in ihrer starren Verweigerung vor Konzessionen geradezu wandelnde Inkarnationen unreflektierter Herrschsucht, die vor dem Rechtsbruch ebenso wenig zurückschreckt wie die zur Macht gelangten neurotischen Diktatoren à la Hitler. Dabei darf nicht übersehen werden, dass Versuchungen dieser Art in verstärktem Maße für diejenigen jungen Menschen attraktiv werden, die außer einer verwöhnenden, antiautoritären Erziehung gleichzeitig bei genetischer Vitalität Ungeborgenheit aus ihrer frühesten Lebenszeit mitbringen \[…\]. Auch die kollektivistische Form der Kindererziehung in der ehemaligen DDR hat deshalb dort Dispositionen zur Bandenbildung ebenso verstärkt wie zum Jugendalkoholismus. (Meves 2007: 120)

Beiden Extremen fehlt die Liebe, denn Machtanspruch und Gleichgültigkeit sind zwei Seiten dieses Mangels. Dies ist auch die Botschaft jenes Büchleins über die Erziehung, das ich mit meinen Kollegen Eugen Maria Schulak und Roland Düringer schrieb und das vor kurzem erschien. Leider raubte diesem ein Bestseller des Modephilosophen Precht die Aufmerksamkeit, in dem dieser – dem typischen Irrtum schlechter Philosophen verfallen – für eine weitere totalitäre Ausweitung der „Bildung“ und Zwangseinweisung von Kleinkindern in staatliche Institutionen plädiert. Das Etikett „Philosoph“ verkommt so immer mehr zum Schimpfwort; ich versuche mich als „Wirtschaftsphilosoph“ ein wenig abzuheben, wenn Journalisten auf Etiketten beharren. Für bessere Anregungen bin ich dankbar, „Ökonom“ ist völlig ramponiert und liegt mir noch weniger. Der „Experte für eh alles“ ist auch zurecht nicht gerne gesehen. Am ehesten sehe ich mich als Universaldilettant, dessen Wissensfreude (dilettare!) vor keinem Bereich halt macht, ohne deshalb schlagzeilenkompatible „Antworten“ für alles zu haben.

Fehlt die Liebe, oder zumindest die Freundschaft oder Freundlichkeit, wird die Nähe also unerträglich. Ignatieff bekräftigt diese obige Erkenntnis anhand eines berühmten Beispiels:

Die Geschichte von Kain und Abel ist \[…\] auch, simpel betrachtet, eine Geschichte über Brüder — über das Paradoxon, daß sich Brüder gegenseitig leidenschaftlicher hassen können als Fremde; daß die Emotionen, die von Gemeinsamkeiten aufgewühlt werden, gewalttätiger sind als jene, die auf reine und radikale Unterschiede zurückgehen. \[…\] Die Geschichte von Kain scheint im Grunde zu sagen, daß es keine verheerenderen Kriege als Bürgerkriege gibt, keinen unbesänftigbareren Haß als den zwischen engsten Verwandten. (Ignatieff 1997: 47f)

Ignatieff bezieht sich auf Freuds Erklärung, daß symbolische Unterschiede an Bedeutung gewinnen, wenn externe Unterschiede abnehmen. Je weniger uns vom Nächsten unterscheide, desto wichtiger wäre es, sich durch eine „identitäre“ Maske zu differenzieren. Daher könne man nicht davon ausgehen, daß

steigende Realeinkommen, Modernisierung, Homogenisierung, Säkularisierung und die graduelle Angleichung rückständiger Regionen ethnische Spannungen und Intoleranz reduzieren. Modernisierung könnte die Beziehungen zwischen ethnischen Gruppen sogar verschärfen und zu höherer Intoleranz führen, wenngleich vielleicht nur als Übergangserscheinung. Modernisierung erhöht die Beute, über die es sich zu streiten lohnt \[…\]. Tatsächlich: wenn Gruppen „objektiv“ konvergieren, kann ihre gegenseitige Intoleranz zunehmen. (Ignatieff 1997: 57f)

Modernisierung des Orients

Diese Vermutung wird durch die libanesische Erfahrung vollkommen bestätigt, so bedauerlich das sein mag. Das Land hatte vor dem Bürgerkrieg eine erstaunliche Erfolgsgeschichte der Modernisierung hinter sich, für die oben erwähnte Chéhabisten verantwortlich zeichneten. Dieses Lager ist benannt nach General Fouad Chéhab. Dieser war ein Maronit, entstammte aber einer alten Familie drusischer Emire, die ursprünglich dem Stamm Mohammeds angehörten und aus dem Hedschas eingewandert waren. Die Drusen sind eine islamische Sekte, die sich wie die Christen in den Bergen festgesetzt hatten. Sie sind eine Abspaltung der Ismaeliten, diese wiederum eine Abspaltung des schiitischen Islam. Heute gibt es nur noch wenige Drusen, denn ein Übertritt ist nicht möglich; als Druse angesehen wird nur, wer drusische Eltern hatte. Die verbliebenen Drusen in Israel bezeichnen sich heute nicht als Muslime, um sich von den Palästinensern abzuheben. Im Libanon hingegen waren ihre Konkurrenten die Maroniten, sodaß sie sich dort zum Islam bekannten und bekennen. Im osmanischen Reich wurden die Drusen verfolgt, erwiesen sich aber als so wehrhaft, daß sie schließlich als lokale Feudalherren Eigenständigkeit errangen. Im 19. Jahrhundert dienten die meisten Maroniten als arme Bauern drusischen Herren, erwiesen sich aber als ebenso wehrhaft und behaupteten sich schließlich gegen die Drusen. Die Ähnlichkeiten zwischen Drusen und Maroniten sind erstaunlich — ist es die Geographie, die Kultur, die Geschichte oder gegenseitige Beeinflussung? Die Drusen gingen sogar soweit, eines Tages genauso wie ihre maronitischen Nachbarn Bande zu Europa zu knüpfen und die Hoffnung in die Kreuzritter zu setzen. Ihr Emir Fakhr ad-Din hoffte nach einem Angriff der Kreuzritter auf die Levante, zum König von Jerusalem und Syrien ernannt zu werden und kein osmanischer Vasall mehr sein zu müssen. Er reiste zu diesem Zweck an den Hof der Medici und lernte dort Italienisch. Seine Hoffnung auf einen neuen Kreuzzug erfüllte sich nicht, die Christenheit war dazu schon zu gespalten. Er kehrte allerdings mit einem Troß italienischer Handwerker, Künstler und Gärtner zurück. Die Osmanen straften die Intrige jedoch später, indem sie ihn mitsamt seinem Sohn enthaupten ließen. Sein Nachfolger Bashir Chéhab II. konvertierte schließlich mit seiner Familie zum Christentum. Überzeugung spielte dabei wohl kaum eine Rolle, es handelte sich um den typischen Konflikt zwischen König und Adel. Die Chéhabs konnten sich dank der maronitischen Krieger des drusischen Adels entledigen, nur eine große Adelsfamilie konnte sich behaupten: die Jumblats, die bis heute die Drusen anführen.

Um sich von den Osmanen zu emanzipieren, unterstützte Bashir den ägyptischen Pascha Muhammad Ali, der Palästina und Syrien unter seine Macht brachte. Als er die Drusen zwangsrekrutieren wollte, um das neue Regime gegen die Osmanen zu sichern, rebellierten diese. Daraufhin bewaffnete er 4.000 Christen, um die Rebellion niederzuschlagen. Als er diese zwei Jahre später jedoch wieder entwaffnen wollte, schlossen sie sich der drusischen Rebellion an, die mit britischer Unterstützung wieder aufflammte. Muhammad Alis Politik war eine Politik rapider Modernisierung. Albert Hourani, der uns schon in früheren Scholien unterkam, beschreibt die damaligen Geschehnisse so:

Paradoxerweise war es jedoch die moderne Natur von Muhammad Alis Regierung, die schließlich den Widerstand der Syrer auslöste, und die neuartige religiöse Gleichheit, die er versuchte durchzusetzen, spiegelte sich im Bündnis religiöser Gemeinschaften wider, das sich gegen ihn richtete. In den späten 1830er-Jahren versuchte Ibrahim die modernen Prinzipien regelmäßiger Besteuerung, Entwaffnung der Zivilbevölkerung und allgemeinen Wehrzwang auf den Libanon und in anderen Bergregionen auszuweiten. Die Folge war weitverbreitete Auflehnung. Zur selben Zeit marschierte Ibrahim, nachdem er die osmanische Armee bei Nezib besiegt hatte, in Kleinasien ein, was von allen europäischen Mächten außer Frankreich als Existenzbedrohung für das osmanische Reich und damit ihre Interessen angesehen wurde. Eine Koalition wurde gebildet, um Muhammad Ali dazu zu zwingen, seine Truppen nicht nur aus Kleinasien, sondern auch aus Syrien zurückzuziehen, und eine der Druckmaßnahmen war, der unzufriedenen Bevölkerung im Libanon Waffen und andere Hilfe zukommen zu lassen. Eine Revolte gegen Ibrahim und Bashir, der ihm gegenüber loyal blieb, brach aus \[…\]. (Hourani 2011: 60f)

Das erste Mal kam es nun zu einer wirklichen Einigung zwischen den Religionsgruppen im Libanon. Aber eben nicht in Folge der Modernisierung, Säkularisierung und Zentralisierung im Rahmen eines starken Staates, sondern in Reaktion darauf. Die damaligen Erklärungen übertreffen alle späteren, durch staatlichen Zwang, Subventionierung, „Dialog“-Inszenierungen etc. erzielten. 1840 trafen sich die Führer der verschiedenen Gemeinschaften in der Kirche von St. Elias in Antilyas bei Beirut und unterzeichneten folgenden Schwur, der sie auf den solidarischen Widerstand gegen die staatlichen Anmaßungen seitens Bashir und der Ägypter einstimmte:

Wir, die unterzeichnenden Drusen, Christen, Schiiten und Sunniten, die im Libanongebirge leben und aus allen Dörfern zusammenkamen, haben uns in St. Elias getroffen und am Altar des Heiligen geschworen, daß wir uns nicht hintergehen, noch gegenseitig schaden werden. Wir werden mit einer Stimme sprechen und einer Meinung sein. (Hourani 2011: 61)

Ab dem 19. Jahrhundert mischten sich westliche Mächte in diese Auseinandersetzungen ein: Die Franzosen kamen unter dem Vorwand ins Land, die Schutzmacht der Christen zu sein, die Briten und Österreicher verbrüderten sich gegen die Franzosen mit den Muslimen. Die Spannungen zwischen Drusen und Christen nahmen daraufhin wieder zu. Schließlich kam es zu schrecklichen Massakern. Das osmanische Reich verhielt sich damals ziemlich klug und versuchte die Konflikte durch folgende Maßnahmen beizulegen: Teilung in einen überwiegend maronitischen und einen überwiegend drusischen Teil, christliche Aufpasser in drusisch regierten Gemeinden mit christlicher Bevölkerung, schließlich, als auch das nicht ausreichte, Ernennung eines nicht-libanesischen Christen zum Gouverneur.

Doch zurück zu Fouad Chéhab: Dieser machte bei den libanesischen Hilfstruppen der Franzosen Karriere und lernte schließlich Charles de Gaulle kennen, der zu seinem Vorbild wurde. 1958 führte ein Putschversuch der Panarabisten und Sunniten gegen die Regierung von Camille Chamoun dazu, daß dieser die USA um Hilfe rief. US-Marines landeten tatsächlich in Beirut, und der Aufstand wurde niedergeschlagen. Doch letztlich mußte Chamoun unter amerikanischem Druck zurücktreten und Chéhab wurde zu seinem Nachfolger bestimmt. Dieser führte dann die erwähnte Modernisierungspolitik durch, regierte aber auch mit militärischer Härte. Nach zahlreichen Putschversuchen der Syrisch-Sozial-Nationalistischen Partei, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde, baute er den Geheimdienst massiv aus. 1964 überließ er das Amt seinem politischen Weggefährten Charles Helou. Nach dessen Amtszeit wurde Chéhab die Präsidentschaft wieder angetragen, er lehnte jedoch ab. Seine Begründung, die er in einer Ansprache festhielt, ist interessant:

Die politischen Institutionen des Libanons und die traditionellen Sitten des öffentlichen Lebens scheinen mir kein geeignetes Werkzeug zu sein, um beim Aufbau des Landes den Forderungen Folge zu leisten, die das beginnende Jahrzehnt in allen Bereichen erhebt. Unsere politischen Institutionen hinken, in vielerlei Hinsicht, den modernen politischen Regimen hinterher, die von der Sorge getragen sind, die Effektivität des Staates zu gewährleisten. \[…\] All das läßt wenig Raum für einen großen Entwurf auf nationaler Ebene. Die Zielsetzung eines solchen Entwurfs ist die Einrichtung einer authentischen und dauerhaften parlamentarischen Demokratie, die Unterdrückung der Monopole, die Gewährleistung eines würdevollen Lebens und einer besseren Daseinsgrundlage für die Libanesen, im Rahmen einer wirklich liberalen Wirtschaft, in der die Arbeit und die Chancengleichheit gesichert sind, und in der alle von den Vorzügen einer wahren ökonomischen und sozialen Demokratie profitieren können. (Chéhab: 1970).

Er schlug als seinen Nachfolger den Technokraten Elias Sarkis vor, der aber die Wahl gegen Suleiman Frangié verlor, das Oberhaupt des erwähnten, pro-syrischen Frangié-Clans. Frangié löste einen Teil der Sicherheitsorgane, insbesondere die Geheimdienste auf, und gewährte dadurch den Palästinensern die Möglichkeit, den Süd-Libanon als militärische Basis gegen Israel zu nutzen, was schließlich zum Bürgerkrieg führte.

Einkaufszentren und Autos

Wie auch anderswo gingen unter Chéhab Etatismus und wirtschaftliche Modernisierung Hand in Hand. Deshalb tue ich mir auch so schwer, mit einer historischen Perspektive den „Kapitalismus“ allzu sehr zu loben. „Kapitalismus“ bedeutet auch im heutigen Libanon „Einkaufszentrismus“ — die Konzentration von autoadaptierten Einkaufszentren an politisch subventionierten, künstlichen Verkehrsknotenpunkten, als eines der Symptome einer massiv verzerrten Wirtschaftsstruktur. Das alte, „natürlichere“ Zentrum Beiruts wurde vom korrupten, staatsnahen Bauunternehmen Solidere, das dem Hariri-Clan gehört, nach der Zerstörung des Krieges neuerrichtet: Ästhetisch ist es nicht gänzlich schiefgegangen, immerhin vermittelt die homogene Sandsteinästhetik mit leicht orientalisierten Fassaden eine gewisse stilistische Geschlossenheit, wie man sie auch im jordanischen Amman beobachten kann. Leider – auch das ist für den Freund der Vielfalt bedauerlich – sind Ensembles der Kakophonie, die Einzelbauten in der Moderne stets zeigen, in aller Regel ästhetisch überlegen. So erwies sich die Konzentration des Auftrags zum geradezu planwirtschaftlichen Zentrumsbau als ästhetisch günstig, insgesamt jedoch überwiegt das Negative: Das neu-alte Zentrum wirkt leblos. Die Mieten sind exorbitant hoch und ziehen in aller Regel nur die üblichen Politgünstlinge an: Parteibüros und Anwaltskanzleien. Für den einfachen Bürger sieht es wieder einmal so aus, als hätte hier das Gewinnstreben eines Konzerns die Sache gründlich versaut — und das ist gar nicht so falsch, wenn man den politischen Kontext nicht beachtet. Zwar weisen auch historische Stadtgründungen oft konzentrierte Planungsanstrengungen auf, doch haben sie niemals den Charakter einer schnöden „Immobilienentwicklung“, wie sie die Blasenökonomie hervorbringt. Ohne künstliche Aufblähung würde wahrscheinlich heute noch die Entwicklungsform dominieren, daß der Hausbau privat erfolgt und die Grundstücke vermietet oder verkauft werden, die durch Schutz, Arrondierung, Infrastruktur und gewisse Regeln über Ästhetik und Nutzung durch den Siedlungsunternehmer eine Aufwertung erfahren. Größere „Immobilienprojekte“, die bezugsfertig errichtet werden, weisen stets eine öde Seelenlosigkeit auf.

Der moderne Libanon schien jedenfalls bis zum Bürgerkrieg als ungetrübte Erfolgsgeschichte. Der Libanon galt als die Schweiz des Nahen Ostens, Beirut wurde zum Finanzzentrum. Auch kulturell blühte das Land auf, wiewohl die Bereiche, in denen der Libanon wirklich Vormachtstellung erlangte, Journalismus und Literatur, schon lange vor dem Chéhabismus zu blühen begonnen hatten. Chéhab stand im Wesentlichen für staatliche „Kulturpolitik“, „Bildungspolitik“ und „Wirtschaftspolitik“. Dazu wurde moderne Infrastruktur aufgezogen: Autobahn! Die Libanesen sind wie alle modernen Orientalen so mit ihrem Automobil verwachsen, wie es einst die sie überrennenden Nomaden mit ihren Pferden waren. Die Schönheit der alten Städte wird dadurch nicht mehr erfahrbar, sie weicht umso leichter der Häßlichkeit moderner „Projekte“.

Unlängst hatten wir im Institut Hermann Knoflacher zu Gast, der in Wien entweder geliebt oder gehaßt wird, weil er der berühmteste „Autofeind“ des Landes ist. Die Erschwerung des Individualverkehrs durch die „grüne“ Politik mag eine kollektivistische Schlagseite haben. Der geförderte Massentransport ist jedenfalls nicht wirklich als „artgerecht“ zu bezeichnen, da er eben massenweise Nähe ohne Liebe erzeugt, das Substrat der Abstumpfung und Aggressionssteigerung. Doch ist der Transport weniger eine Ursache der urbanen Massenproblematik denn Symptombekämpfung. Knoflacher wies uns jedenfalls mit beeindruckender Konsequenz nach, wie die moderne Bedeutung des Autos eine Folge staatlicher Interventionen ist. Gäbe es tatsächliche Kostenwahrheit, so wäre das Auto ein bewußt genutztes Genußmittel, keine allgegenwärtige Blechlawine, die unsere Lebensqualität einschränkt. Nach und nach schwinden die kleinräumigen Strukturen zugunsten von Parkplatzwüsten, die den Titel von „Zentren“ usurpieren.

Istanbul brennt

Daß in Istanbul gerade die Stadt brennt, weil ein Park einem Einkaufszentrum weichen soll, hat aber relativ wenig mit Modernisierung und ihren Gegnern zu tun. Wenn heute Kemalisten gegen Erdoğan auf die Straße gehen, dann nicht, weil sie plötzlich zu bürgerlichen Umweltschützern wurden. Kemal Atatürk stand noch viel mehr für rücksichtslose, staatliche „Entwicklungspolitik“. Zudem liegt der umkämpfte Taksim-Platz im modernsten Teil der Stadt. Während es für die ökologistisch-antikapitalistischen Meinungsführer im Westen um einen Park und ein Einkaufszentrum geht, dreht es sich in Wirklichkeit um etwas ganz anderes: Erdoğan will ein osmanisches Gebäude rekonstruieren lassen (das eben, weil so groß, Platz für ein Einkaufszentrum bieten würde) und eine Moschee errichten. Da geht es um Symbolpolitik, denn das Viertel Beyoğlu läßt sich von einer europäischen, christlichen Stadt nicht unterscheiden – dort gibt es die meisten Kirchen, gar Synagogen, Nachtlokale, westliche Modeketten. Bis heute ist es das Viertel der Europäer.

Der heutige Wirtschaftsboom in der Türkei hat zwei Seiten: Einerseits eine wachsende Mittelschicht, gegen die sich die kemalistische Elite wirtschaftlich – trotz aller Mittel eines autoritären Staates – nicht halten konnte. Diese Mittelschicht hat, wie die türkische Mitte der Gesellschaft, eine islamische Identität. Der Zerstörung der alten Ordnung durch die Kemalisten brachte eine erhöhte soziale Mobilität. Da langfristig private Initiative, sofern sie einen minimalen Raum findet, stets zentralstaatliche Ambitionen an Effizienz und Effektivität um ein Vielfaches übertrifft, war es ein ganz natürlicher Prozeß, daß im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung, die in einem modernisierten Staat leichter verläuft, die Mittelschicht die politisch-militärische Elite wirtschaftlich abhängte. Dasselbe war im alten Österreich geschehen, als das Bürgertum dem Adel seine führende Rolle abspenstig machte, sodaß für letzteren oft nur noch Spott blieb.

Anderseits ist natürlich auch der türkische Boom eine Blase. Die inflationierten Scheinwerte des Abendlandes sprengen ihre engen Gefäße und schwappen längst schon um die ganze Welt, auf der Suche nach immer neuen „Wirtschaftswundern“. Eigentlich fehlt nur noch Afrika: Vermutlich wird dort bald eine neokolonialistische Blasenökonomie auf der Grundlage von subventionierter „Öko“-Technologie errichtet. Die deutsche Solarindustrie braucht schließlich unbedingt neue, geschützte Absatzmärkte. Das wäre ein durchaus möglicher Inhalt für jenen deutsch-französischen Kraftakt, auf den der Kontinent so sehnsüchtig wartet, um seine Illusionen fortzuspinnen. Fortspinnen läßt sich aber auch mein Gedankenexperiment: Dann würde wohl die EU-Truppe Afrikaner ausbilden und bewaffnen, um in der Wüste blaugelbe Totems zu bewachen. Unterdessen würden mit Scheingeld Infrastruktur und Wohlfahrtsstaaten aufgeblasen. Der Aufholkonsumismus der Afrikaner würde der Industrie volle Auftragsbücher bescheren. Die Rechnung müßte freilich am Ende der europäische Mittelstand bezahlen. Dann bräuchte es nur noch die geeigneten Anlässe, um das Pulverfaß zur Explosion zu bringen. Die mit EU-Geldern bewaffneten Afrikaner werden dann wohl persönlich vorbeikommen, um ihre ungedeckten Schecks einzulösen.

Diese Anlässe zur Explosion sind relativ willkürlich. In Istanbul eignete sich ein winziger Park deshalb dafür, weil dadurch antikapitalistische und ökologistische Befindlichkeiten angesprochen werden konnten, die für eine rasche Verbreiterung durch die twitteria – insbesondere in Europa – sorgten. Erdoğan gehabt sich in der Tat autoritär, ganz der typische Orientale. Paradoxerweise war aber die „Freiheit“ der modernen, urbanen Istanbuler Jugend wohl noch nie so groß wie heute, trotz Einschränkung des Alkoholkonsums, die übrigens nicht strenger ist als jene in den USA oder in Skandinavien. Als massenwirksame Alternativen zur zwar verdeckt islamistischen, aber wirtschaftsfreundlichen Regierungspartei AKP finden sich nur Kemalisten, Sozialisten oder noch radikalere Nationalisten.

Der Preis der Moderne

Für den Libanon ist weiter oben zitierter Samir Frangié jedenfalls der Ansicht, daß der Preis für jene rasante Entwicklung letztlich zu hoch war. Womöglich bewog ihn auch diese Haltung zum Bruch mit seiner Familie. Heute kann er seinen Heimatort nicht mehr besuchen, seine einstige Villa, ein wunderschönes, im alten Stil erweitertes Steinhaus mit einem beeindruckenden Salon, wurde von Vandalen zerstört. Den traditionellen Strukturen, über deren Auflösung er sich beklagt, konnte er letztlich doch nicht entkommen. Doch folgen wir einmal unvoreingenommen seinen hochinteressanten Ausführungen:

Sobald Fouad Chéhab zum Präsidenten der Republik gewählt worden war, machte er sich daran, den Staat zu stärken zulasten der traditionellen, politischen, sozialen, regionalen und kommunitären Strukturen, welche die libanesische Gesellschaft kennzeichneten und aus ihr eine der differenziertesten Gesellschaften der Region gemacht hatten. Er unternahm es, die Wirtschaft auf neuen Grundlagen zu reorganisieren, verband die Randgebiete mit der Hauptstadt, modernisierte die öffentliche Verwaltung und entwickelte das Bildungssystem. Er errichtete die Meilensteine eines modernen Staates, der fähig ist, seine Autorität über die traditionellen Mächte zu behaupten.

Die Libanesen lebten vielleicht sonst niemals in ihrer Geschichte so vermischt untereinander wie in dieser Periode von 1958 bis 1975. Die Unterschiede der Gemeinschaften begannen gar zu verschwimmen. Neue Trennlinien tauchten auf. Ein Teil der christlichen Jugend reiht sich unter die Ränge der Linken. Christliche und islamische Intellektuelle versuchen einen politischen Raum zu begründen, der mit dem Staat verbunden ist. Die Kirche wird von einer Krise erschüttert, die in ihrer Geschichte einzigartig ist. \[…\] In dieser Zeit wächst Beirut rapide und zieht die wesentlichen Geschäfte des Landes an sich. Die Landflucht ist massiv. Die Vororte entwickeln sich. Das Stadtzentrum pulsiert vor Leben. Auf kulturellem Gebiet ist der Aufschwung spektakulär. Das Fernsehen, nach 1958 eingeführt, trägt wesentlich dazu bei, die Geister zu formen und zu vereinheitlichen. Die libanesische Folklore, bislang verstreut und zerteilt, wird von einer einheitlichen Vision der Gesellschaft neu durchzogen. Das Theater und die Presse nähren die Kritik an den alten Werten. Die Verallgemeinerung der Ausbildung und die Entwicklung der libanesischen Universität verschärfen den Schnitt zwischen den zwei Welten — dem Alten und dem Neuen. Diese Jahre der islamisch-christlichen Koexistenz tragen enorm dazu bei, die Unterschiede einzuebnen und einen Lebanese way of life zu schaffen. Die Libanesen haben nunmehr viel gemeinsam: denselben Humor, den man im Theater und in den Fernsehprogrammen findet, dieselbe Küche, die man heute als „libanesisch“ bezeichnet — die aber tatsächlich ein Gemisch verschiedener regionaler Küchen ist, die selbe Sensibilität für orientalische Musik und populäre Poesie, die das Fernsehen verbreitet. \[…\]

Doch liegt in der Folge dieser Entwicklung eine paradoxale, Besorgnis erregende Tatsache, die man schwer erklären kann. Diese Tatsache ist die folgende: Der Chéhabismus hat während vieler Jahre daran gearbeitet, die Libanesen zu „vereinheitlichen“. Er hatte teilweise Erfolg. Doch genau in dem Moment, als dieser Prozeß auf gesellschaftlicher Ebene die erhofften Ergebnisse zu bringen schien, begannen sich die Bewegungen und Organisationen zu bilden, die eine dominante Rolle im Bürgerkrieg von 1975 spielen sollten. Genau in dem Moment, als die Libanesen am meisten geeint schienen, waren sie in Wirklichkeit am stärksten gespalten. Das Paradoxon ist groß. Die „Vereinheitlichung“ der Libanesen schien das Vorspiel zu ihrer Konfrontation zu sein. \[…\]

Die Zugehörigkeit zu einem Clan, einer Region oder Gemeinschaft erlaubte dem Individuum, seine Position im Vergleich zu den anderen Mitgliedern der Gesellschaft zu definieren, seine „Unterschiedlichkeit“ zu behaupten auf der Grundlage der von allen anerkannten Werte. Diese Zugehörigkeit verlieh dem Individuum ein Gefühl der Sicherheit und Stabilität, da seine „Unterschiedlichkeit“ anerkannt war, ohne daß es dafür notwendig war, sich mit anderen zu messen. Keine winners und losers, die in kompetitiver Gewalt verwickelt waren, sondern eine stabile Ordnung, die als unveränderlich angesehen wurde, die dem einzelnen den Platz sicherte, der ihm zufiel. Dieser Platz ist von vornherein fixiert \[…\]. In diesen geschlossenen Gesellschaften ist die Gewalt im Allgemeinen kontrolliert. Sie folgt sehr strikten Normen, und der Übertreter wird immer schwer bestraft. Doch der Chéhabismus erteilte diesen Gemeinschaften einen harten Schlag. Indem er sie auf dem Umweg von Transaktionen aller Art an das Zentrum anschloß und sie ihrer menschlichen Substanz beraubte, die er nach Beirut absaugte, injizierte er in diese Gemeinschaften die Keime einer heimtückischen und verheerenden, da auflösenden, Infragestellung. Diese Infragestellung der alten Ordnung, die als unumgänglicher Weg zur Moderne angesehen wurde, wurde genauso aktiv von der Linken wie von den Phalangisten verfolgt, die all jene an sich zogen, welche die geschlossenen Gemeinschaften nicht mehr befriedigen konnten.

Doch noch zersetzender als die Tätigkeit der politischen Parteien war der Schock dieser geschlossenen Gemeinschaften angesichts der Moderne, die Beirut inkarnierte. Die Werte der modernen Gesellschaft entfalteten eine auflösende Wirkung auf die Strukturen der alten Gemeinschaften. Die Identifizierung mit dem fremden Modell der modernen Gesellschaft hat den inneren Frieden der abgeschlossenen Gemeinschaften zerbrochen, indem sie in ihnen Konfliktkeime freisetzte, die sie nicht mehr kontrollieren konnten.

Indem sich das Individuum in diese neue Realität der modernen Gesellschaft integriert, verliert es seinen traditionellen persönlichen Status, seine „Unterschiedlichkeit“. Es fühlt sich an die anderen geschweißt durch dasselbe Verlangen nach materiellem Wohlergehen und sozialem Aufstieg. Doch dieser Verlust an „Unterschiedlichkeit“, der ihm anfänglich wie eine Befreiung erscheint, unterwirft ihn einem Wettkampf gegen die anderen. (Frangié 2011: 24ff)

Kriegsbegeisterung

Besonders sichtbar wurde der paradoxe Umbruch bei der urbanen Jugend. Hier spielte sich exakt dasselbe psychologische Muster ab, das vor dem Ersten Weltkrieg in Europas Städten beobachtet werden konnte. Antoine Douaihy berichtet:

Während des gesamten Krieges beobachtete man ein überraschendes Phänomen: Die abrupte Umwandlung der christlichen Jugend von Beirut, die für ihren Pazifismus, ihren urbanen Geist und ihre „bürgerlichen Sitten“ bekannt war, in eine Gesellschaft Kriegsbegeisterter. Dieselbe Verwandlung erfaßte zugleich die traditionell friedlichen Städte und Dörfer Matn, Kisrouan und Chouf. Man erlebte also innerhalb der maronitischen Gemeinschaft das militärische Erwachen der „Städter“, der „Beiruter“, der „Kisrouaner“, deren Energie von Tag zu Tag mit den alten Kriegertraditionen der „Grenzgemeinschaften“ wetteiferte. (Douaihy 2010: 332)

Der Unterschied zwischen kriegsbegeisterten Halbwüchsigen und traditionellen Kriegern ist allerdings riesengroß. Die Ausweitung der modernen Kriegsführung auf jeden, der ein Gewehr halten kann, entfesselte Gewalt:

In den meisten traditionellen Gemeinschaften wird Ehre mit Zurückhaltung assoziiert, und Männlichkeit mit Disziplin. Dem männlichen Gebaren vieler alter afghanischer Krieger oder der Würde kurdischer Peshmerga liegt eine martialische Ordnung zugrunde, die zugleich eine stolze Vision männlicher Identität ist. Die besondere Brutalität des Krieges in den 1990ern beruht auf einer anderen Vision männlicher Identität — der wilden Sexualität des Halbwüchsigen. Halbwüchsige liefern den Armeen eine andere Art von Soldat — einen, für den eine Waffe keine respektierte Sache ist, die mit ritueller Korrektheit behandelt werden muß, sondern eine explizit phallische Dimension hat. Einen Checkpoint in Bosnien zu passieren, wo Halbwüchsige mit dunklen Sonnenbrillen und in enganliegenden Kampfanzügen mit ihren Maschinengewehren herumfuchteln, kommt dem Betreten einer Zone toxischen Testosterons gleich. Krieg hatte immer eine sexuelle Dimension – die Uniform eines Soldaten ist noch keine Garantie für gutes Verhalten – aber wenn ein Krieg durch irreguläre Kräfte von Halbwüchsigen geführt wird, wird sexuelle Gewalt zu einer seiner gebräuchlichen Waffen. (Ignatieff 1997: 127f)

Ignatieff vertritt anhand derselben Beobachtung plötzlicher Kriegsbegeisterung in Jugoslawien die naheliegende These, daß dieser Einstellungswandel notwendig auf den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung folgen würde:

Man beachte die kausale Reihenfolge: Zuerst der Kollaps des übergeordneten Staates, dann hobbesianische Angst und erst dann nationalistische Paranoia, gefolgt von Krieg. Zuerst kommt die Auflösung des Staates, dann die nationalistische Paranoia. \[…\] Nationalismus schafft Gemeinschaften der Angst, Gruppen, die durch die Überzeugung zusammengehalten werden, daß ihre Sicherheit davon abhängt, unter sich zu bleiben. Menschen werden „nationalistisch“, wenn sie Angst haben; wenn die einzige Antwort auf die Frage „Wer wird mich nun beschützen?“ lautet: „mein eigenes Volk“. (Ignatieff 1997: 45)

Diese These herrscht auch im Libanon vor, weshalb – wie überall anders auch – mehr Staat als Rezept für den Frieden gilt. Oft mußte ich mir im Libanon das Wehklagen anhören, daß es ihnen an einem echten Staat mangele, mit einem richtigen Gewaltmonopol. Das ist ernüchternd, aber verständlich. Der Libanon ist eine der letzten verbliebenen polyzentrischen Ordnungen der Welt. Für einen Antizentralisten wie mich ist es eine bittere Erkenntnis, daß die Mehrzahl der Libanesen auf geregeltere Verhältnisse hofft. Dabei liegen die Kausalitäten allesamt anders, doch das ist schwer vermittelbar. Trotz der schlimmsten Kriegsverhältnisse im gesamten Nahen Osten erhebt sich der Libanon immer wieder wie ein Phönix aus der Asche, nicht weil er einen so effizienten Staat hätte, sondern weil der privaten Initiative der Menschen wenig Riegel vorgeschoben sind. Die tüchtigen Geschäftsleute, deren Tüchtigkeit sich unter anderem dadurch auszeichnet, keine Steuern zu bezahlen (Steuern zahlen nur Idioten, heißt es unter libanesischen Unternehmern), können in wenigen Jahren solche Reichtümer schaffen, daß Beirut jedes Mal aus den Trümmern in Windeseile noch pompöser neuaufgezogen wird. Schöner wird es dadurch freilich nicht, aber das ist eine andere Sache.

Rätselhafte Doppelstadt

Interessante Belege dafür, daß obige These nicht korrekt ist, sondern die Wahrheit etwas komplexer, liefert ein Studium der Dynamiken im christlichen Doppelort Ehden/Zgharta. Die Wiederentdeckung der libanesischen Urchristen durch Europa war einst eine Sensation. Ehden war eines der Zentren der weiter oben erwähnten urchristlichen Bergaraber und ist eine der erstaunlichsten Städte der Welt. Die Bergaraber verblüfften ihre europäischen Besucher. Die Beimischung von Kreuzritterblut ist bis heute offensichtlich. Auch in einigen Namen hat diese Beimischung überlebt, etwa im oben genannten Frangié, was etymologisch auf die Franken bzw. Franzosen zurückzuführen ist. Über den Scheich von Ehden ist zu lesen:

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemerkt Delaroière, daß Scheich Boutros Karam „gewiß der europäischste Araber“ sei, den er „im gesamten Land“ gesehen habe, mit einer Miene angemessener Würde, einem einfachen und reservierten Gesprächsstil: „Genauso wäre wohl der Herr eines alten Ritterguts im Mittelalter aufgetreten“. Lamartine beschreibt, wie er vom Scheich von Ehden „mit Würde, Herzensgüte und einer Eleganz der Manieren empfangen wurde, wie man sie sich von einem der alten Adeligen am Hofe von Louis XIV vorstellen würde.“ (Douaihy 2010: 132)

Ehden ist deshalb so verblüffend, weil es eine Doppelstadt ist, die wohl letzte der Welt. Die Bewohner der Bergstadt hatten, sobald es sicher genug war, im fruchtbaren Tal eine Zweitstadt angelegt: Zgharta. Bis heute zieht sich praktisch die gesamte Bevölkerung im Sommer in ihre Urheimat in den Bergen zurück und lebt im Winter in der Ebene. Außer es wird dort zu unsicher, wie während des Krieges, dann bietet Ehden einen Zufluchtsort. Mittlerweile ist die Bergstadt zwar durch eine lange Serpentinenstraße mit dem Auto erreichbar, doch entlegen genug, um immer noch Schutz zu bieten. Zgharta hingegen liegt unmittelbar bei Tripoli, dem sunnitischen Zentrum des Libanons, in dem gerade der syrische Bürgerkrieg ankommt: Die Gefechte zwischen der sunnitischen Mehrheit und der alawitischen Minderheit in der Stadt fordern immer mehr Tote. Fast alle Christen haben ihre Wohnsitze in der Stadt aufgegeben, doch geschäftlich sind sie noch präsent.

Von Ehden aus wurden im 16. Jahrhundert die Bande zwischen der Levante und Europa neugeknüpft. In der Nähe von Ehden, in einem der erwähnten Bergklöster, wurde die erste Druckerei des Orients in Betrieb genommen. Die wunderschöne Renaissance-Druckerpresse ist dort immer noch zu bewundern. Der Wissenschaftler und Literat Antoine Douaihy, selbst aus Ehden/Zhgarta, beschreibt die Dynamiken der Spaltung dieser extrem homogenen Gemeinschaft, in der plötzlich Nachbarn zu Todfeinden wurden:

Vor allem endete die islamisch-osmanische Bedrohung, die auf der Gesellschaft von Zgharta lastete und sie zum Zusammenhalt und zur Einheitlichkeit drängte. Mit dem Fall des osmanischen Reichs, der Ausdehnung westlicher Präsenz im Orient und der Verfassung des Libanons als autonome Region und später unabhängiger Staat, hat Zgharta seine traditionelle Rolle als Grenzgemeinschaft des „Christenlandes“ verloren. Diese radikale Veränderung des geopolitischen Rahmens scheint in Richtung einer inneren Spaltung gewirkt zu haben. Eine Spaltung, die umso tiefer und vollständiger war, als diese Gesellschaft lange Zeit in unerschütterlicher Einheitlichkeit zusammengeschweißt war. Man könnte sagen, daß die Gesellschaft von Zgharta, der es gelungen war, ihre ursprüngliche Einheitlichkeit über Jahrhunderte hinweg gegenüber äußeren Bedrohungen zu bewahren, sich schließlich entlang ihrer inneren Bruchlinien aufgab, sobald diese Bedrohung einmal endete. Ihre Zerstückelung, die weit über einen einfachen Dualismus hinausgeht und eine fünfseitige Struktur erreicht, wäre damit eine übersteigerte Reaktion auf eine sehr lang aufrecht erhaltene Anstrengung zugunsten der Einheitlichkeit. So hätte sich die zuvor nach außen kanalisierte Aggression nach innen gerichtet: Die Qualitäten der Kraft und Unbeugsamkeit, Früchte einer langen Kriegertradition, hätten, nachdem ihre ursprüngliche Funktion bedeutungslos geworden war, dazu geführt, die konfliktschürfende und pluralisierende Entwicklung der Gesellschaft bis zum Extrem zuzuspitzen. Dieselbe Aggressivität, die zuvor einen Faktor des Widerstands gegen eine feindliche Umwelt gebildet hätte, wäre so zum zweifelhaften Instrument der inneren Zersplitterung geworden. (Douaihy 2010: 44f)

Das Verblüffende an dieser Geschichte ist die erwähnte „fünfseitige Struktur, die Aufspaltung der Gemeinschaft in fünf verfeindete Familienclans. Die Aufspaltung erfolgte in der homogenen Gemeinschaft nicht anhand religiöser, kultureller oder gar rassischer Gesichtspunkte. Trotzdem fand nach und nach eine „ethnische Säuberung“ und „Umvolkung“ statt. Ich verwende die Begriffe, um auf ihre Unzulänglichkeit hinzuweisen. Im Laufe der Zeit siedelten die fünf Clans auseinander. Die Zugehörigkeiten ergaben sich teils zufällig. Kleine Streitigkeiten konnten massive Konsequenzen haben. Es bildeten sich relativ homogene Clanviertel in der wachsenden Stadt heraus. Bis heute ist es für viele leichter und akzeptabler, jemanden aus einer anderen Religionsgemeinschaft, gar einen Moslem zu heiraten, als jemanden aus einer verfeindeten christlichen Familie. Die Nachbarschaftskonflikte erhielten jedoch erst dann ihre existenzbedrohende Schärfe, als es plötzlich um die Macht ging. Mit dem modernen Demokratismus hielten Wahlen Einzug.

Wahlen werden als die einzig friedliche Methode des Machtwechsels gelobt. Tatsächlich verschärfen Wahlen oft die Gewalt, denn nach dem Mehrheitsprinzip fällt die gesamte Beute an diejenigen, die sich knapp demographisch durchsetzen können: Familie, Klasse, Ideologie werden dadurch Wege zur Macht, indem sie Gefolgsleute produzieren. Immer wenn es im Libanon brodelt, werden keine „friedensstiftenden Wahlen“ durchgeführt, sondern die Wahlen ausgesetzt, um alle Spannungen zu vermeiden. Die friedlichste Form des Machtwechsels sind nicht massendemokratische Wahlen, sondern streng subsidiäre Konföderationen — die in der Geschichte beim oikos, arabisch bait, als kleinster politischer Einheit beginnen (nicht beim Individuum). Eine Konföderation ist dann ein Instrument des Wechsels, wenn sich Loyalitäten verschieben. Das kann immer noch zu Krieg führen, aber nicht aufgrund des Wechsels, sondern weil Konflikte bereits vorhanden sind, nicht neu ausgelöst werden. Das subsidiäre Bündnis-Prinzip (Gemeinden handeln mit größeren Einheiten Bünde aus, wobei sich die Gemeinde, wenn sie die Loyalität einzelner Familien verliert, aufspalten kann) kommt ohne Alles-oder-Nichts-Prinzip aus, bei dem ein Kopf den Ausschlag zwischen Macht und Ohnmacht geben kann. Darum diese blutige Obsession mit Köpfen, die Massendemokratien an den Tag legen. Douaihy beschreibt die Entwicklung in Zgharta:

Bei dieser Entwicklung hin zur Zersplitterung ist die Rolle der Parlamentswahlen so wichtig, daß die Geschichte des einen Phänomens mit der des anderen leicht verwechselt werden kann. Ein Abgeordneter zu sein, wird für die entstehenden Gruppierungen in Zgharta und ihre Oberhäupter ein Symbol politischen und moralischen Prestiges ohnegleichen. Zudem schafft die Wahl ins Parlament ganz konkret die notwendige Bedingung, um die Regierung und damit die Leitung des Landes zu erlangen. 46

Paradoxie der Masse

Die Entwicklung scheint bis ins Absurde paradox — die Moderne erweckt das Archaische zum Leben:

Seitdem scheint der Wandel einer in seltsamer Weise anachronistischen Bewegung gefolgt zu sein: Einerseits entwickeln sich die Modi demokratischer Repräsentation in Richtung allgemeines Wahlrecht, Aufwertung der Funktionen der Kammer, die Organisation der Stimmabgabe, die Ausweitung des Wahlrechts auf die Frauen und die Einführung des Wahlgeheimnisses. Gleichzeitig entwickelt sich die Wirtschaft von der Dominanz des primären zu der des tertiären Sektors, was den sozialen Aufstieg und das Entstehen einer Konsumgesellschaft erleichterte. Während sich der politische und wirtschaftliche Fortschritt vollzieht, archaisieren sich die sozio-politischen Strukturen, mit dem Auftauchen der „Blutsbande“ und dem Prinzip der Vendetta \[des Rachefeldzugs\] \[…\], der Differenzierung der Familien und ihrer Festlegung auf bestimmte, abgegrenzte Viertel, bis zur vollständig fünfseitigen Neuorganisation der Gemeinschaft und ihres Raumes. (Douaihy 2010: 47)

Was läßt sich daraus lernen? Das Ende des osmanischen Reiches ist, so wie der Zusammenbruch Jugoslawiens, einer der Faktoren, der zum Ausbruch der Konflikte führt. Doch der Grund dafür ist nicht eine wohltätige Zähmung der Wölfe unter Wölfen. Dieses hobbesianische Bild ist grundfalsch. Man sperre Wölfe in eng nebeneinander liegende Einzelkäfige, reize sie fortlaufend zu gesteigerter Aggression, die sich nicht entladen kann, und öffne dann die Käfige. Erst dann fallen sie wohl übereinander her, während Wölfe sonst kooperierende Rudeltiere sind, die keinen Zwangsapparat brauchen, um sich voreinander zu schützen. Eine einzige Hypothese fällt mir ein, die im hobbesianischen Sinne wirksam wäre: Die Behauptung, die Kanalisierung der angeborenen menschlichen Aggression nach außen mittels konstruierter Freund-Feind-Schemata würde die Stabilität von Gemeinschaften erhöhen. Das läßt sich nicht ausschließen, doch vermute ich, daß sich ein solches Resultat allenfalls kurzfristig halten läßt. Die höhere Kompliziertheit künstlicher Nationen verringert langfristig ihre Stabilität (siehe letzte Scholien-Ausgabe).

Eine interessante Deutung der Dynamiken in menschlichen Gruppierungen findet sich bei Elias Canetti. Nachdem ich vor einigen Monaten bei einem Canetti-Symposium sprach, vertiefte ich mich in dessen Hauptwerk Masse und Macht. Dieses scheint mir generell überschätzt, doch wirft es einige Einsichten ab. Er nennt das Unwohlsein, das Menschen bei Nähe ohne Liebe erfahren, Berührungsfurcht. Es gibt aber ein Substitut für die Liebe, das ist die anonymisierende Massendynamik, die diese Nähe plötzlich erträglich, ja erstrebenswert macht:

Es ist die Masse allein, in der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann. Sie ist die einzige Situation, in der diese Furcht in ihr Gegenteil umschlägt. Es ist die dichte Masse, die man dazu braucht, in der Körper an Körper drängt, dicht auch an ihrer seelischen Verfassung, nämlich so, daß man darauf nicht achtet, wer es ist, der einen „bedrängt“. Sobald man sich der Masse einmal überlassen hat, fürchtet man ihre Berührung nicht, In ihrem idealen Falle sind sich alle gleich. Keine Verschiedenheit zählt, nicht einmal die der Geschlechter. Wer immer einen bedrängt, ist das gleiche wie man selbst. Man spürt ihn, wie man sich selbst spürt. Es geht dann alles plötzlich wie innerhalb eines Körpers vor sich. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum die Masse sich so dicht zusammenziehen versucht: sie will die Berührungsfurcht des Einzelnen so vollkommen wie nur möglich loswerden. Je heftiger die Menschen sich aneinanderpressen, um so sicherer fühlen sie, daß sie keine Angst voneinander haben (Canetti 1960: 12).

Massen sind jedoch nicht dauerhaft aufrecht zu erhalten, bald wird die Illusion vom gemeinsamen (Volks-)Körper ersichtlich. Doch da Menschen Institutionen formen können, gelingt es ihnen das Massengefühl zu „kristallisieren“. Dazu ist jedoch totalitäre Regulierung und damit Erstarrung nötig, sonst brechen die Kristallketten:

Nur alle zusammen können sich von ihren Distanzlasten befreien. Genau das ist es, was in der Masse geschieht. In der Entladung werden die Trennungen abgeworfen und alle fühlen sich gleich. In dieser Dichte, da kaum Platz zwischen ihnen ist, da Körper sich an Körper preßt, ist einer dem anderen so nahe wie sich selbst. Ungeheuer ist die Erleichterung darüber. Um dieses glücklichen Augenblickes willen, da keiner mehr, keiner besser als der andere ist, werden die Menschen zur Masse. Aber der Augenblick der Entladung, der so begehrt und so glücklich ist, hat seine eigene Gefahr in sich. Er krankt an einer Grundillusion: Die Menschen, die sich plötzlich gleich fühlen, sind nicht wirklich und für immer gleich geworden. Sie kehren in ihre separaten Häuser zurück, sie legen sich in ihre Betten schlafen. Sie behalten ihren Besitz, sie geben ihren Namen nicht auf. Sie verstoßen ihre Angehörigen nicht. Sie laufen ihrer Familie nicht davon. Nur bei Bekehrungen ernsthafter Art treten Menschen aus alten Verbindungen heraus und in neue ein. Solche Verbände, die ihrer Natur nach nur eine begrenzte Zahl von Mitgliedern aufnehmen können und ihren Bestand durch harte Regeln sichern müssen, bezeichne ich als Massenkristalle. (Canetti 1960: 15)

Leider fehlt es Canetti an analytischer Strenge. Sein Buch ist ein Sammelsurium eher literarischer Notizen zum Phänomen „Masse“. Es liefert Bonmots wie jenes, das wohl dem typischen Ärger des Literaten über die kritisierenden Möchtegern-Literaten im Journalismus entspringt:

Im Publikum der Zeitungsleser hat sich eine gemilderte, aber durch ihre Distanz von den Ereignissen um so verantwortungslosere Hetzmasse am Leben erhalten, man wäre versucht zu sagen, ihre verächtlichste und zugleich stabilste Form (Canetti 1960: 55).

Orientalische Fernsehsender

Noch effizienter bei der Erzeugung von Hetzmassen sind jedoch die modernen Massenmedien wie Radio und Fernsehen. Im Libanon hat die polyzentrische Ordnung den Vorteil, daß sich die Hetzeffekte zum Teil kompensieren. Jeder kann aus einer Vielzahl von Sendern wählen, die den unterschiedlichsten Interessen dienen. Am angenehmsten sind die Sender, die bloß dem Kommerz dienen, diese verwerten bloß Seifenopern und inszenieren Fernseh-Shows mit schrecklich geschminkten und operierten Beauty-Scheusalen.

Die Türkei ist übrigens zu einem der Hauptlieferanten für Seifenopern im Orient geworden. Die Seifenoper nimmt heute die Rolle des Dramas ein und wirkt offensichtlich als kathartischer Kanal. Ich vermute eine stark friedensstiftende Rolle. Mittlerweile spielen Seifenopern auch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Identitäten. Doch die staatlich-manipulativen Seifenopern, wie sie im Iran und manchen arabischen Staaten entstehen, unterhalten niemals so gut, wie die subversiven.

Die Senderauswahl führt dazu, daß jeder Libanese weiß, bei welchem Thema welcher Sender vorzuziehen ist. Ideologische Sender werden nicht als an sich nutzlos angesehen, denn sie sind gut dabei, Dinge auszugraben, welche die Gegenseite betreffen. So liefert eine polyzentrische Gesellschaft mit mehreren Ideologien eine in Summe zuverlässigere Berichterstattung als eine homogene Republik mit dominantem pseudo-objektivem Staatsfunk. Einer der radikalisten Ideologie-Kanäle ist übrigens christlich: Er wird von koptischen Christen aus London übertragen. Die Kopten neigen aufgrund ihrer Minderheitenposition in extrem gefährdeter Lage zu Extremismus; wiewohl es schwer fällt, dies so neutral zu formulieren angesichts der dramatischen Christenverfolgung im Nahen Osten. Hinter dem dilettantischen Mohammed-Spottfilm, der Ausschreitungen provoziert haben soll, standen offenbar Kopten. Tatsächlich wurde der Film erst im Nachhinein zur Rechtfertigung einer Terroraktion herangezogen, die wie ein spontaner Protest aussehen sollte. Das Obama-Regime hat diesbezüglich, so höre ich, bewußt die Bevölkerung belogen.

Durch die Massenmedien gewinnen Symbole stark an Bedeutung. Der konkrete Inhalt dieser Symbole ist nicht so relevant, entscheidend ist, was mit ihnen assoziiert wird. Ständig sind Ideologen auf der Suche nach Symbolen, die sich aufladen lassen. Das können bestimmte Worte und Bilder sein, aber auch Ereignisse und Daten. Canetti versucht mittels tiefenpsychologisch gedeuteter Symbolik die Radikalisierung der Deutschen zu erklären:

Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: es war der marschierende Wald. In keinem modernen Lande der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz der Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und fühlt sich eins mit den Bäumen (Canetti 1960: 195).

Symbolische Wälder

Das klingt noch etwas esoterisch. Wenngleich bezeichnend ist, daß die aktuell bedeutendste Religion auf deutschem Boden, der Ökologismus (und das meine ich nicht per se negativ), anhand eines vermeintlichen Waldsterbens seine Gründungskraft gewann. Weit weniger esoterisch ist die konkrete Verdeutlichung der symbolischen Bedeutung der archetypischen Wurzeln, bei der Canetti die analytisch klarste Passage des ganzen Buches gelingt. Seine Schilderung der Aufladung und Kulmination der Symbolik durch die National-Sozialisten klingt plausibel, wenngleich Zweifel angebracht sind, ob die einfache Formel wirklich trägt (mein Kollege Johannes Leitner hält die Darstellung für nur halbrichtig):

Der Glaube an die allgemeine Wehrpflicht, die Überzeugung von ihrem tiefen Sinn, die Ehrfurcht vor ihr reichen weiter als die traditionellen Religionen, er erfaßte Katholiken so gut wie Protestanten. Wer sich ausschloß, war kein Deutscher. Es ist gesagt worden, daß man Armeen nur in recht eingeschränktem Sinne als Masse bezeichnen darf. Doch war das im Falle des Deutschen anders: er erlebte die Armee als seine weitaus wichtigste geschlossene Masse. Sie war geschlossen, da nur bestimmte Jahrgänge von jungen Männern auf begrenzte Zeit in ihr dienten. Bei den übrigen war sie ein Beruf, also schon darum nicht allgemein. Aber jeder Mann ging einmal durch sie durch und blieb für sein Leben innerlich an sie gebunden. Als Massenkristall diente dieser Armee die preußische Junker-Kaste, die den besten Teil des dauernden Offizierskorps stellte. Sie war wie ein Orden mit strengen, wenn auch ungeschriebenen Gesetzen; oder wie ein erbliches Orchester, das die Musik genau kennt und eingeübt hat, mit der es sein Publikum anstecken soll.

Als der erste Weltkrieg ausbrach, wurde dann das ganze deutsche Volk zu einer einzigen offenen Masse. Die Begeisterung jener Tage ist oft geschildert worden. Viele im Ausland hatten mit der internationalen Gesinnung der Sozialdemokraten gerechnet und staunten über ihr vollkommenes Versagen. Sie bedachten nicht, daß auch diese Sozialdemokraten als Symbol ihrer Nation das „Wald-Heer“ in sich trugen; daß sie selber zur geschlossenen Masse der Armee gehört hatten; daß sie in dieser unter dem Befehl und dem Einfluß eines präzisen und ungemein wirksamen Massenkristalls, der Junker- und Offizierskaste, standen. Ihre Zugehörigkeit zu einer politischen Partei fiel dagegen wenig ins Gewicht.

Aber jene ersten Augusttage des Jahres 1914 sind auch der Zeugungs-Moment des Nationalsozialismus. Eine unverdächtige Aussage darüber ist vorhanden, die Hitlers: Er berichtet, wie er nach Ausbruch des Krieges auf die Knie sank und Gott dankte. Es ist sein entscheidendes Erlebnis, der einzige Augenblick, in dem er selber redlich Masse war. Er hat ihn nicht vergessen, seine ganze spätere Laufbahn war der Wiederherstellung dieses Augenblicks gewidmet, aber von außen. Deutschland sollte wieder so sein wie damals, seiner kriegerischen Stoßkraft bewußt, mit ihr einverstanden, eins geworden in ihr.

Aber nie hätte Hitler sein Ziel erreicht, wenn der Versailler Vertrag die Armee der Deutschen nicht aufgelöst hätte. Das Verbot der allgemeinen Wehrpflicht brachte die Deutschen um ihre wesentlichst geschlossene Masse. Die Übungen, die ihnen nun versagt waren, das Exerzieren, das Empfangen und das Weitergeben von Befehlen wurden zu etwas, das sie sich mit allen Mitteln wieder zu verschaffen hatten. Das Verbot der allgemeinen Wehrpflicht ist die Geburt des Nationalsozialismus. Jede geschlossene Masse, die gewaltsam aufgelöst wird, setzt sich um in eine offene, der sie alle ihre Kennzeichen mitteilt. Die Partei springt ein für das Heer, und ihr sind innerhalb der Nation keine Grenzen gesetzt. Jeder Deutsche — Mann, Frau, Kind, Soldat oder Zivilist — kann Nationalsozialist werden; es ist ihm oft noch mehr daran gelegen, wenn er selber früher nicht Soldat war, weil er sich auf diese Weise Teilnahme an einem Gebaren verschafft, das ihm sonst versagt war. \[…\]

Für den Deutschen bedeutete das Wort „Versailles“ nicht so sehr die Niederlage, die er nie wirklich anerkannt hat, es bedeutete das Verbot der Armee; das Verbot einer bestimmten, sakrosankten Übung, ohne die er sich das Leben schwer vorstellen konnte. Das Verbot der Armee war wie das Verbot einer Religion. Der Glaube der Väter war unterbunden, ihn wiederherzustellen war jedes Mannes heilige Pflicht.

In Versailles war durch Bismarck das zweite Deutsche Reich gegründet worden. Die Einheit Deutschlands war – unmittelbar nach einem großen Sieg – im Augenblick des Hochgefühls und der unwiderstehlichen Kraft proklamiert worden. Der Sieg war über Napoleon III. gewonnen worden, der sich als Nachfolger des großen Napoleon betrachtete. \[…\]

Die Kaiser-Proklamation in Versailles war darum wie ein später, zusammengefaßter Sieg über Ludwig XIV. und Napoleon vereint, und er war allein, ohne jeden Bundesgenossen, errungen worden. Auf einen Deutschen jener Zeit mußte sie diese Wirkung haben; es gibt Zeugnisse genug, die sie bestätigen. Der Name dieses Schlosses war mit dem größten Triumph der neueren deutschen Geschichte verbunden.

Jedes Mal, wenn Hitler von dem berüchtigten „Diktat“ sprach, schwang die Erinnerung an jenen Triumph im Worte mit und ging als Verheißung auf die Hörer über. Die Feinde hätten es als Drohung mit Krieg und Niederlage hören müssen, hätten sie Ohren gehabt zu hören. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß alle wichtigen Schlagworte der Nationalsozialisten mit Ausnahme derer, die den Juden galten, sich aus dem einen Wort vom „Versailler-Diktat“ durch Spaltung ableiten lassen: „Das Dritte Reich“, „Sieg Heil“ und so weiter. Der Inhalt der Bewegung war auf konzentrierte Weise in diesem einen Wort enthalten: Die Niederlage, die zum Sieg werden soll; die verbotene Armee, die zu diesem Zwecke erst aufzustellen ist (Canetti 1960: 204ff).

Auch im Libanon hat ein Wald symbolhafte Bedeutung, doch zum Glück konnte dieses Symbol nicht zum Ursprung eines nationalen Traumas werden. Man stelle sich vor, die Libanonzeder wäre von Fremden abgeholzt worden. Doch zum Glück ist die Zeder ein eigenes Fanal, ein Holzsplitter im eigenen Auge. Wundersam ist bloß, daß der Zedernmythos keinen libanesischen Ökologismus entfachte – vermutlich, weil für das Handeln der Menschen reale Erfahrungen der Geschichte weit weniger bedeutsam sind als Vorstellungen über eine fiktive Zukunft. Das mag man bedauern; bislang hat nur die Ökonomik diesen Umstand nüchtern zur Kenntnis genommen.

Neben Purpur war die Zeder die wichtigste Ressource der alten Phönizier. Einst war der größte Teil des Libanongebirges von Zedern bedeckt, heute sind von diesem Altbestand nur 16 Hektar übrig geblieben, in unmittelbarer Nähe der erwähnten christlichen Bergsiedlungen (Insgesamt gibt es heute noch 2000 Hektar Zedernwald). Das Abholzen der Zedern ist eines der zwei großen Beispiele aus der Geschichte für nicht nachhaltige Bewirtschaftungen. Wie für die Bewohner der Osterinsel kam auch für die Phönizier das Ende ihrer Kultur mit der Vernichtung ihres Waldes. Zum Glück braucht es heute keine Zedern mehr, um in die weite Welt aufzubrechen. Der Handel schuf Ersatz. Vielleicht hätten auch die Phönizier einen gefunden und erhandelt, und es handelt sich bei der Verbindung des Zedernmangels mit ihrem Untergang um einen Mythos. Die flächenstaatlichen Römer hatten immerhin den größten Vorteil der mobilen Phönizier längst zunichte gemacht, indem sie durch das Kapern der Schiffe die Methoden der Landkriegsführung auf hohe See bringen konnten. Immerhin die Flucht blieb ihnen dann noch, so ist die Erfahrung der Diaspora wohl eine der symbolhaften Urerfahrungen des Libanesen.

Phönizismus

Wenn man jene Libanesen betrachtet, die sich heute als Nachfahren der Phönizier verstehen, so neigt man dazu, an ein Händlergen zu glauben. Libanesen gehören heute zu den erfolgreichsten Unternehmern der Welt. Ihr Anteil an den Reichsten der Welt ist überproportional. Mitten in den libanesischen Bergen finden sich heute gespenstische Refugien von Zweitwohnsitzen der reichen Diaspora, in denen groteske Villen gegeneinander wetteifern.

Doch die Sache mit dem Händlergen ist komplexer: Studien deuten daraufhin, daß nur etwas mehr als ein Viertel des Genmaterials eines durchschnittlichen Berglibanesen auf phönizische Wurzeln zurückgeführt werden kann. Das ist wohl etwa so viel Kontinuität wie zwischen antiken und modernen Griechen; jedenfalls hinreichend, um sich als Nachfahre zu sehen.

Die Rückbesinnung auf die Phönizier im Libanon wird heute als Phönizismus bezeichnet. Er entstand aus dem dringenden Bedürfnis, eine alternative Identität für die arabisch-sprachigen, vorwiegend christlichen Bewohner des Berglandes zu schaffen, als der arabische Nationalismus ausbrach. Dabei handelt es sich, wie bei allen Nationalismen, um einen Import aus dem Abendland. Heute wird der arabische Nationalismus meist mit dem Islamismus verbunden, war aber ursprünglich säkular. Wie ich bereits in den Scholien 05/09 zeigte, ist sogar der Islamismus ein Import, er wurde zwar von Orientalen, jedoch im Okzident entwickelt. Bis heute ist Europa die Brutstätte des Islamismus geblieben. Sogar die Reislamisierung der Türkei empfängt ihren wesentlichen Anstoß von einstigen Auswanderern in den Westen, die dort, um ihre Identität im pseudodemokratischen Multikulti zu bewahren, einen Islamismus entwickelten, der mehr mit westlichen Ideen als dem traditionellen Islam gemein hat.

Die meisten Anhänger des Phönizismus sind als Anhänger der maronitischen Kirche Katholiken, die sich so von Juden und Arabern abheben.

Syrische Nazis

Der arabische Nationalismus zeigt im Wesentlichen drei Gesichter. Interessanterweise ist das islamistische das jüngste von diesen. Älter sind die sozialistischen Nationalismen der Baath-Partei und der Großsyrer. Dem Westen nachempfunden, handelt es sich um den roten und den braunen Flügel des modernen Kollektivismus. Nachdem die Braunen im großen Krieg unterlagen, konnten die Roten ihre Vormachtstellung ausbauen. Darum dominierten dann Baath-Parteien im Nahen Osten. Ihr Panarabismus mußte in aller Regel an den künstlichen Grenzen haltmachen, die von den Kolonialmächten gezogen worden waren. Diese Grenzen sind nämlich Sphärengrenzen, die Machtbereiche definieren. Wie jede andere Ideologie im Dienste der Macht, diente die Baath-Ideologie allein der Machtausweitung und Machtsicherung. Mittlerweile ringt das letzte Baath-Regime ums Überleben: in Assads Syrien.

Die zweiten Nationalisten wurden von Antun Saadeh begründet, einem griechisch-orthodoxen Denker. Er nannte seine Partei: Syrisch-Sozial-Nationalistische Partei (SSNP). Als großer Bewunderer von Adolf Hitler nahm er ein verfremdetes Hakenkreuz als Parteilogo an, ließ die Parteihymne zur Melodie des Deutschlandliedes singen, und gehabte sich als Führer eines Kults um ein imaginäres syrisches Volk. Als griechisch-orthodoxer Christ gehörte er einer großen Minderheit an, die sich eher unter dem Banner Syriens als unter dem eines Arabismus vereinen ließ und die Übermacht der Maroniten im Libanon fürchtete. Deshalb sollte der Libanon in einem Großsyrien aufgehen. Saadeh beschrieb seine Intentionen so:

So gründete ich die Syrisch-Sozial-Nationalistische Partei und vereinte die verschiedenen nationalistischen Überzeugungen in die eine Idee, nämlich, daß Syrien den Syrern gehört, und die Syrer eine Nation sind. Ich formulierte also eine Reihe von Reformgrundsätzen, nämlich die Trennung von Religion und Staat, die Umwandlung der Produktion in eine Infrastruktur für die Verteilung von Wohlstand und Arbeit und der Aufbau einer starken Armee, die eine effektive Rolle dabei spielen kann, das Schicksal der Nation und des Heimatlands zu bestimmen. Zudem entschied ich mich dafür, der Partei die Form einer Untergrundbewegung zu geben, um sie vor den Angriffen der zahlreichen gesellschaftlichen Gruppierungen zu schützen, die ihre Gründung und ihr Wachstum fürchteten, und der Behörden, denen das Bestehen einer solchen Partei nicht erwünscht wäre. Ich organisierte die Partei dann auf einer zentralistisch-hierarchischen Grundlage und in einer Weise, die sich auf die Qualität neuer Rekruten konzentriert, um interner Verwirrung vorzubeugen und jede Form der Zersplitterung, destruktiven Wettbewerb und andere soziale und politische Probleme zu vermeiden, sowie die Tugenden der Disziplin und des Pflichtgefühls zu fördern. (Saadeh 1935)

Konsequenterweise nahm die SSNP eine anti-israelische Position ein. Im libanesischen Bürgerkrieg kämpfte ihre Miliz gegen die christliche Miliz der Phalangisten, die ich oben bereits beschrieben habe. In Syrien traten sie zunächst in Konkurrenz zur Baath-Partei. Als 1955 einer von Assads Offizieren von einem Parteimitglied umgebracht wurde, kam es zunächst zur Zerschlagung und Vertreibung der Partei. Später entspannten sich jedoch die Verhältnisse. Dabei half das Engagement im Libanon, das den Interessen Syriens entsprach, und der konsequente Linkskurs der syrischen National-Sozialisten, die im Gefängnis begonnen hatten, neben Hitler auch Marx zu lesen. 2005 wurde die Partei wieder zugelassen. Heute ist die SSNP die zweitstärkste Partei im faktischen Einparteienstaat. Im Libanon sollte die SSNP eine verdeckte, aber verheerende Rolle spielen — hierzu komme ich noch.

Völkische Unkorrektheiten

Zunächst noch einige Gedanken zum Phönizismus. Tatsächlich war das phönizische Erbe längst vergessen, erst in moderner Zeit erinnerte man sich daran. Der Phönizismus kam im 19. Jahrhundert auf. Dieses Muster finden wir auch anderswo: So wie der Konservativismus eine moderne Ideologie ist, sind auch Rückbezüge auf die Vergangenheit, von der Renaissance über den Humanismus, von der Trachtenbewegung bis zum Ethnizismus neuzeitliche Phänomene.

Kühnelt-Leddihn deutet auch den Rassismus als zutiefst moderne Verirrung. Damit meint er natürlich die Ideologie, nicht Differenzierung anhand erkennbarer Unterschiede. Unter dem Eindruck der politischen Korrektheit, die auch das Äußern schlichter Wahrnehmungen unterdrückt, könnte man bald geneigt sein, den „Rassismus“ zu verteidigen. Doch, nicht zu vorschnell, sonst rennt man geradewegs in die moderne Sackgasse der Polarisierung. Wenn heute die Erwähnung der ethnischen Zugehörigkeit von Straftätern als „Rassismus“ zu einem vorschnellen Karriereende führen kann, ist dies freilich kein Antirassismus, sondern zutiefst rassistische Unterdrückungs- und Umerziehungspolitik. Sie ist rassistisch, weil die politische Korrektheit nur bei bestimmten „Rassen“ anschlägt, die politisch Korrekte als minderwertig betrachten und sie ihnen daher zum Machterhalt nützlich erscheinen. Diese, von den vermeintlichen „Antirassisten“ als minderwertige Rassen zu Schutzbefohlenen degradierten, werden von ihnen als Gesinnungsgeiseln mißbraucht.

Kühnelt-Leddihn meint also nicht rassische Differenzierung, sondern die ideologische Überhöhung von rassischen Unterschieden zum bestimmenden Merkmal von Politik und Kriegsführung. Er schreibt in seinem englischsprachigen Werk mit dem Titel The Menace of the Herd („Die Bedrohung durch die Herde“):

In einer primitiven Gesellschaft (im statu nascendi) werden die rassischen Merkmale als Hierarchie-bildende Elemente herangezogen, weil sie „offensichtlich“ sind. Eine Gesellschaft mit archaischer Struktur ist viel zu kompliziert, um von rassischen Vorurteilen beeinflußt zu sein. Das ist der Grund für die Abwesenheit rassischen Antisemitismus im sozialen Bewußtsein des Mittelmeerraums und in England und Amerika in der Hochphase ihrer Unabhängigkeit. Um rassische Toleranz in der westlichen Hemisphäre zu sehen, sollte man eher nach Brasilien gehen, das die monarchische Form der Regierung bis vor kurzem beibehalten hatte. Wenn wir uns der augenscheinlichen Tatsache bewußt sind, daß Christopher Columbus ein eingebürgerter Spanier italienischer Herkunft und jüdischer Abstammung war, sieht jede Attitüde der Diskriminierung eher nach pathetischer Dummheit aus. Doch junge materialistische Kulturen (und es gibt keine alten materialistischen Kulturen) weisen die stärksten und gewalttätigsten Vorurteile gegen oder für bestimmte Klassen, Glaubensrichtungen, finanzielle Gruppen, körperliche Vorzüge oder Mängel auf. Ich wäre lieber ein Neger in Lissabon als einer in Washington D.C., ein Bettler in Madrid als in New York, ein Jude in Teheran als in Berlin, ein Bourgeois in Griechenland als in der Sowjetunion, ein protestantischer Prediger im Österreich des 18. Jahrhunderts als ein Jesuit im England derselben Zeit. (Kühnelt-Leddihn 1943: 239f)

Dabei bekräftigt Kühnelt-Leddihn die schon oben aufgetauchte Warnung vor dem Verhängnis eines übertriebenen Materialismus. Dieser erklärt für ihn den Untergang der europäischen Kultur im Totalitarismus des letzten Jahrhunderts:

Die zivilisierten und kultivierten Nordwesteuropäer sind zu zitternden Feiglingen geworden. Wir dürfen niemals den Einfluß eines ganzen Jahrhunderts des Materialismus, der Liebe zum Komfort, des Determinismus unterschätzen, der uns \[…\] unserer persönlichen Würde, unseres Mutes, unserer Ehre, unseres Elans beraubt. Wir haben Angst vor Tod, Folter, Exil und Konzentrationslagern, doch noch mehr Angst haben wir vor der tödlichsten Waffe in der Hand des totalitären Staates — Verlust des Arbeitsplatzes, Armut, Not. \[…\] Die „zivilisierten“ Europäer sind homines oeconomici, und der homo oeconomicus ist geboren ein Sklave zu sein. (Kühnelt-Leddihn 1943: 211)

Das Vermissen von Mut und Ehre mag seltsam klingen. Doch Kühnelt-Leddihn schreibt dies während des National-Sozialismus, um die Feigheit all der Mitläufer zu beklagen. Das totalitäre Regime der National-Sozialisten beruhe eben nicht auf traditionellen Werten wie Ehre und Treue, sondern hätte ganz im Gegenteil seine Macht nur deshalb aufbauen können, weil Ehre und Treue der Masse nichts mehr galten. Kühnelt-Leddihn hält diese angepaßte Feigheit für eine moderne Erscheinung:

Nur eine sehr kleine Minderheit widersetzt sich in den deutschen Ländern dem Regime bis zum Tode. Wir müssen uns zuallererst dessen bewußt sein, daß 95 Prozent der modernen Menschen keine eigenen Ideen oder Überzeugungen haben. Fünf Prozent haben Ansichten und Überzeugungen, doch von diesen trauen sich wiederum nur fünf Prozent dafür aufzustehen. Es bleiben also fünf Prozent von fünf Prozent, die sowohl Mut als auch Überzeugungen aufweisen. Diese gestalten die Geschichte — zum Guten oder zum Schlechten. (Kühnelt-Leddihn 1943: 210)

Kühnelt-Leddihn liebt die Paradoxie. Die Deutschen wären zu Fahnenträgern des Niedergangs geworden, nicht weil sie die Schlechtesten waren, sondern die Besten:

Nur ein so großes Volk wie die Deutschen oder Russen, mit einer imperialen Vergangenheit, kann einen solch vollkommenen Niedergang erleben. Corruptio optimi pessima. \[Wörtlich: Das Brechen des Besten ist am schlechtesten. Sinngemäß: Nach ihrer Korrumpierung gehören jene, die einst die Besten waren, zu den Schlechtesten.\] Um einen Lenin oder Goebbels hervorzubringen, eine Tscheka oder eine Gestapo, muß man über eine große Vergangenheit verfügt haben, mit einem Albertus Magnus, einem Dostojewski, einem Tauler oder einem Solovyev. Um tief zu fallen und tödlich aufzutreffen, muß man von einem Turm oder Berg springen. (Kühnelt-Leddihn 1943: 209)

Die Paradoxien des alten Ritters sind allerdings cum grano salis zu genießen. Er ist ein Meister der Übertreibung. Um dies zu verdeutlichen, sei sein politisch inkorrekter Seitenhieb auf den liberalism im selben Buch erwähnt. Die Übertreibung ist gegen die US-liberals gerichtet, die das Erbe der angelsächsischen Liberalen bis zur Unkenntlichkeit verhunzt haben, indem sie eher kontinental­liberalen Ideen huldigten. Die Übertreibung entspricht der Zuspitzung des Buches Liberal Fascism von Jonah Golberg, das sich leider zu sehr in der Zweiseitigkeit des aktuellen politischen Diskurses in den USA bewegt — immerhin noch besser als die europäische Einseitigkeit, aber nur marginal. Ich zitiere Kühnelt-Leddihn in diesem Exkurs, weil sich für einige seiner Thesen ausgerechnet im Libanon Belege finden lassen, wenngleich die Wirklichkeit – wie immer – zu komplex für ideologische Vereinfachungen ist. Der Libanon ist, bei oberflächlicher Betrachtung, in der Tat ein schmerzvoller Dorn für liberale Ideologie, insbesondere auch anarchokapitalistische, bei tiefergehender Betrachtung allerdings für jede Ideologie, konservative, demokratische, faschistische eingeschlossen. Das macht das Land so faszinierend, weil sich auf engem Raum der gesamte Wahnsinn zwischen Orient und Okzident verdichtete, aber auch viel Positives. Lassen wir uns also von Kühnelt-Leddihn ein wenig schockieren und provozieren:

Der National-Sozialismus ist die Erfüllung des kontinentalen „Liberalismus“, der im Wesentlichen auf Rousseau und Adam Smiths Ideen in kollektivistischer Form zurückgeht. Die Kontinentalliberalen waren niemals Liberale im englischen Sinn; ihr „Liberalismus“ war nichts als der Kampf gegen die bestehende Ordnung und die alte Tradition. Die englischen Liberalen waren Narren genug, ihre „Glaubensbrüder“ am Festland zu unterstützen, da sie sich der Kluft niemals voll bewußt waren, die sie tatsächlich von jenen trennte. Die Kontinentalliberalen waren die engstirnigsten und zerstörerischsten Intriganten zwischen Calais und Konstantinopel. Sie sprachen die oberen Mittelschichten an und sahen dabei niemals den Tag voraus, an dem die Massen ihre Ideen übernehmen würden (nachdem sie sie nach ihrem eigenen Geschmack angepaßt hätten). Die großen Ideen des Nazismus – Utilitarismus, Antiklerikalismus, Antikatholizismus, Zwangsbildung, Massenproduktion, Planung – wurden direkt aus ihrem Katechismus übernommen. Sie hatten grimmig gegen das große Erbe des Mittelalters gekämpft und dabei Erfolg gehabt, den größten Teil davon zu zerstören, sodaß sie damit den Weg für die Faschisten und National-Sozialisten bereiteten, die nichts anderes taten als die kontinentale Spielart des Liberalismus zu popularisieren, die wiederum nichts anderes war als getarnter Demokratismus. Die moderne angelsächsische Art des Liberalismus hingegen, mit ihrem Relativismus im Bereich der Ideen, Philosophien und Religionen, wird kaum jemals das Gefallen eines Kontinentaleuropäers finden, den man niemals dazu bringen kann, daran zu glauben, daß, wenn A wahr ist und B im Widerspruch zu A steht, B trotzdem Wahrheit enthalten kann. \[…\] Bei den einzigen, die in Europa liberal waren, handelte es sich um die altmodischen Aristokraten mit ihrer Mentalität des 18. Jahrhunderts. Sie waren keine „Liberalen“, sondern großzügig. Sie waren viel zu stolz und selbstbewußt, um sich über die Verbreitung von Unwahrheiten groß zu ereifern. \[…\] Doch auch ihre persönliche Großzügigkeit änderte den Umstand nicht, daß sie davon ausgingen, selbst (in religiösen wie politischen Angelegenheit) vollkommen richtig zu liegen, und, daß ihre Gegner vollkommen daneben lagen. Es war stets das Privileg der Bourgeoisie, Gesetz und Polizei zu bemühen. (Kühnelt-Leddihn 1943: 213f)

Diese Anklage scheint sich etwas ad absurdum zu führen, wenn wir bedenken, daß es eben Liberalismus und Materialismus waren, was die National-Sozialisten den Juden vorwarfen. Kühnelt-Leddihn hat allerdings die Verwegenheit, sein Argument bis ins Absurde hinein aufrecht zu halten. Die Provokation läßt sich noch steigern, und sie schont keine Seite:

Chesterton war der erste, der auf den jüdischen Gehalt des National-Sozialismus hinwies. Die übergenaue und unterschiedslose Lektüre von Büchern mit solch stark nationalistischem Unterton wie der Talmud verpflanzte viele fundamental jüdische Vorstellungen in die Köpfe der derzeitigen Führer Deutschlands. Eine Verzehrung des alten jüdischen Rassismus ist: Recht ist, was dem Deutschen Volke nutzt \[…\]. Dr. Goebbels Befehl im November 1938, keine Waren mehr an Juden zu verkaufen, erinnert an das talmudische Gesetz, während der jüdischen Feiertage nichts an Christen zu verkaufen. Die Nürnberger Gesetze habe ihre Parallele in den Vorschriften des Alten Testaments, welche die Heirat mit Nichtjuden, unabhängig von ihrem Glauben, streng verboten. Nachkommen aus der Vereinigung von Hebräern und Kanaanitern (die autochthone Bevölkerung) wurden als illegitim betrachtet. Die Samariter, die denselben Gott wie die Juden anbeteten, waren praktisch Aussätzige und sogar stärker verachtet als die Baal-Anbeter, da sich ihre Vorfahren während der Babylonischen Gefangenschaft mit „rassisch unreinen“ Chaldäern vermählt hatten. (Kühnelt-Leddihn 1943: 208f)

Es ist kein Geheimnis, wenn auch nicht allgemein bekannt, daß in der Tat die Wurzeln von Zionismus und National-Sozialismus eng beisammen liegen. Unter Zionismus verstehe ich natürlich die ursprüngliche Ideologie, die eine Kombination von Sozialismus und wehrhaftem, rassenbasiertem Nationalismus war. Der „Zionismus“, der heute Israel von seinen Feinden vorgeworfen wird, ist eher ein antisemitisches Schimpfwort, das so tut, als wäre Israel der einzige Nationalstaat, der seine Interessen militärisch schützt, in einer ansonsten harmonischen Welt friedliebender Siedlungen. Kühnelt-Leddihn setzt noch einen drauf, indem er völkisch argumentiert, und zwar so, daß es jedem antisemitischen Deutschnationalen die Haare aufstellen würde:

Es gibt nur zwei Völker oder Nationen mit einem in natürlicher Weise universellen und kosmopolitischen Charakter; die Deutschen und die Juden. Beide Charaktere zeigen das unglaublichste Mosaik nationaler Charakterzüge, beide Völker waren zu einer eminent metaphysischen Mission berufen und beide erlebten einen Fall, der nur dem der Engel vergleichbar ist. \[…\] Der Deutsche hat spezifische Züge mit fast jeder anderen europäischen Nation gemein; man sagt, er habe die Tiefe des Russen, die Sauberkeit des Skandinaviers, die Gründlichkeit des Franzosen, die sprachlichen Fähigkeiten des Polen, die Melancholie des Ungarn, die Schwere des Holländers, das Ingenieursgenie des Briten, die Gabe metaphysischer Spekulation des Orientalen, die Loyalität des Schweizers, die Brutalität des Serben und den Pragmatismus des Tschechen. Viele dieser Qualitäten stehen in gewissem Widerspruch zu einander, und zugegebenermaßen sind der deutsche wie der jüdische Charakter in sich höchst widersprüchlich. \[…\] Die weltweite Unbeliebtheit von Deutschen und Juden ist zum Teil die Folge der Tatsache, daß beide Nationen jeder anderen Nation hinreichend ähnlich sind, um sofortige Abneigung, Zorn und Unbehagen hervorzurufen. (Kühnelt-Leddihn 1943: 166f)

Die völkische Spekulation, mitsamt der Ansammlung an Vorurteilen, mag amüsant, gar lehrreich sein, doch würde ich sie nicht allzu ernst nehmen. Die angeblichen „nationalen Charakterzüge“ sind stets viel mehr kulturell als biologisch geprägt und können sich daher rasant ändern. Ein heutiger Deutscher hat mit einem heutigen Amerikaner viel mehr gemein als mit seinem Urgroßvater, die Urgroßväter würden heute wohl allesamt als fremde Rasse erscheinen.

Geht man nach vortretenden Merkmalen, so müßten die Libanesen als Dritte im Bund der Kosmopoliten angeführt werden. Die Diaspora ist deutlich größer als die verbliebene Bevölkerung, und sie ist über den gesamten Globus verteilt. Doch wer sind die Libanesen? Am selben Ort fanden sich einst die Phönizier, die man später, nach babylonischer Überlagerung Kanaaniter nannte, sodann folgte eine assyrische, eine arabische, eine osmanische und schließlich eine französische Überlagerung, mit einigen Zumischungen von europäischem Kreuzritterblut. Kann es sein, daß in diesem Identitätswirrwarr tatsächlich ein kosmopolitisches Händlergen von Generation zu Generation weitergegeben wurde? Viel wahrscheinlicher ist die Wiederholung der entscheidenden Rahmenbedingung dafür, sich vorwiegend dem Handel zu widmen: der Status als Minderheit und eine gewisse geographische Streuung — bei den Phöniziern durch die Schiffbaukunst auf der Grundlage reicher Zedernvorkommen, bei den Libanesen durch die Flucht vor Hunger und Krieg.

Verfolgte Geldleute

Georg Simmel beschreibt in seiner Philosophie des Geldes (siehe Scholien 02/11), wie es kommt, daß bestimmte Volksgruppen als besonders geldaffin angesehen werden, was ihrer Beliebtheit nicht förderlich ist. Ebenjene Volksgruppen sind auch stets besonders genozidgefährdet. Simmel erwähnt deren mehrere:

Die über alle spezifischen Zwecke erhabene Mittelsbedeutung des Geldes hat zur Folge, dass es das Interessenzentrum und die eigentliche Domäne solcher Individuen und Klassen wird, deren soziale Stellung sie von vielerlei persönlichen und spezifischen Zielen ausschließt. Dass den römischen Freigelassenen die volle bürgerliche Stellung mit allen ihren Chancen fehlte, bewirkte es, dass sie sich mit Vorliebe auf das Geldgeschäft warfen; und schon in Athen hatte, bei dem ersten Aufkommen reinen Geldhandels im 4. Jahrhundert, der reichste Bankier, Pasion, seine Laufbahn als Sklave begonnen. In der Türkei sind die Armenier, ein verachteter und oft verfolgter Volksstamm, vielfach die Händler und Geldleute – gerade wie es in Spanien unter ähnlichen Verhältnissen die Moriskos waren. In Indien sind diese Erscheinungen häufig: einerseits sind die sozial sehr zurückgedrängten und sonst mit scheuer Zurückhaltung auftretenden Parsen meistens Wechsler oder Bankiers, andrerseits, in manchen Teilen Südindiens, sind die Geldgeschäfte und Reichtümer in den Händen der Tschettis, einer Mischkaste, die wegen mangelnder Kastenreinheit ein sehr geringes Ansehen hat. So warfen sich die Hugenotten in ihrer exponierten und eingeengten Stellung mit größter Intensität auf den Gelderwerb, wie die Quäker in England. Vom Gelderwerb als solchem kann man, weil eben alle möglichen Wege gleichmäßig zu ihm führen, am wenigsten jemanden prinzipiell ausschließen. Vom reinen Geldgeschäft deshalb nicht, weil es weniger technischer Vorbedingungen bedarf, als jeder andere Erwerb, und sich deshalb leichter der Kontrolle und dem Eingriff entzieht, und zudem, weil der Geldbedürftige in der Regel in einer Notlage ist, in der er schließlich auch die sonst verachtetste Persönlichkeit und den sonst gemiedensten Schlupfwinkel aufsucht. Und weil der in irgendeinem Sinne Rechtlose gerade vom Gebiet der bloßen Geldinteressen nicht fernzuhalten ist, entsteht zwischen beiden Bestimmungen eine Assoziation, die in mehrfachen Richtungen wirksam wird: so droht einerseits dem bloßen Geldmenschen leicht eine soziale Deklassierung, deren Fühlbarkeit er oft nur durch seine Macht und Unentbehrlichkeit entgeht, und so wurde andrerseits den fahrenden Leuten des Mittelalters, die allenthalben schlechtes Recht hatten, doch in Geldsachen unparteilich Recht gemessen. Eben derselbe Erfolg muss eintreten, wenn die Ausschließung sozialer Elemente von den Rechten und Genüssen der Vollbürger nicht mehr durch juristische oder ihnen sonst oktroyierte Bestimmungen, sondern durch freiwilligen Verzicht ihrerseits geschieht. Als die Quäker schon die volle politische Gleichberechtigung hatten, schlossen sie sich selbst von den Interessen der anderen aus: sie schwuren nicht, konnten also keine öffentlichen Ämter übernehmen, sie verschmähten alles, was mit dem Schmuck des Lebens zusammenhängt, sogar den Sport, sie mussten sogar den Landbau aufgeben, weil sie den Kirchenzehnten verweigerten. So waren sie, um überhaupt noch ein äußeres Lebensinteresse zu haben, auf das Geld hingewiesen, als auf das einzige, zu dem sie sich den Zugang nicht versperrt hatten. Ganz entsprechend hat man über das herrenhuterische Leben bemerkt, dass ihm aller ideale Gehalt von Wissenschaften, Künsten, heiterer Geselligkeit fehle, und es so neben dem religiösen Interesse nur noch die nackte Erwerbslust als praktischen Impuls bestehen lasse. Die Betriebsamkeit und Habsucht vieler Herrenhuter und Pietisten sei deshalb kein Anzeichen von Heuchelei, sondern von einem kranken, vor den Kulturinteressen flüchtigen Christentum, von einer Frömmigkeit, die nichts irdisch Hohes neben sich duldet, sondern eher noch ein irdisch Niedriges. Ja selbst für die entgegengesetzten Stufen der sozialen Skala bleibt es verhängnisvoll, dass nach Wegfall aller anderen Interessen das am Gelde noch immer als letzte, zäheste, überlebendste Interessenschicht beharrt. Dass der französische Adel des ancien régime sich von seinen sozialen Pflichten zurückzog, lag an der wachsenden Zentralisierung des Staates, der die Verwaltung des bäuerlichen Gebietes selbst in die Hand genommen hatte. Indem der Staat dem Adel alle inhaltlich wertvollen Herrschaftsfunktionen abnahm, hatte für diesen der Güterbesitz keine andere Bedeutung mehr, als: möglichst viel Geld herauszuschlagen. Dies war der letzte, ihm nicht wegzunehmende Interessenpunkt, und auf ihn reduzierte sich deshalb alles, was sonst an lebendiger Verbindung zwischen Adel und Bauer bestanden hatte und wovon der erstere nun abgedrängt war. (Simmel 1920: 220f)

Ein für das Verständnis der aktuellen, morgenländischen Verhängnisse besonders hilfreiches Beispiel aus der Simmelschen Aufzählung sind die Hugenotten. So bezeichnete man die französischen Protestanten, die im Zuge der Verfolgung durch die katholischen Obrigkeiten eine sehr machtkritische, demokratische Lehre entwickelten. Diese Ideen gelangten über die Niederlande, wohin viele Hugenotten geflüchtet waren, schließlich nach England und nährten das liberale Denken.

Bartholomäusnacht

Nach den Massakern der Bartholomäusnacht 1572 hatten die Hugenotten ihre Lehre zu einem Widerstandsgebot gegen Tyrannen radikalisiert, wie es etwa in der Schrift Vindicae contra tyrannos von Philippe Du Plessis Mornay vertreten wurde. Ein anderer hugenottischer Denker, Samuel Rutherford, schrieb, jede Gesetzesmacht von Menschen über Menschen sei künstlich; der König sei lediglich ein Vertragspartner, die Souveränität jedoch bliebe beim Volk. Wie so oft, begann die protestantische Minderheit den Wert religiöser Toleranz zu erkennen — sofern sie nicht selbst die Mehrheit stellte. Als Minderheit, der viele Karrierewege in Frankreich verstellt waren, widmeten sich die Hugenotten also friedlichen Geldgeschäften. Die ersten berufsmäßigen Bankiers in Frankreich und später Deutschland waren Hugenotten. Der Zusammenbruch der französischen Wirtschaft am Ende des 17. Jahrhunderts, der gewiß einer der Faktoren war, der den Boden der Revolution bereitete, ist nicht zuletzt auf die Massenauswanderung der Hugenotten zurückzuführen, die ihre teilweise großen Vermögen mitnahmen.

Die erwähnten Massaker führten zu starker Radikalisierung und letztlich zur Auswanderung der Hugenotten nach Deutschland und in die Niederlande. Sie gingen im August 1572 von Paris aus, während der berüchtigten canicule — der Hundstage, bei denen dem Menschen leicht die Menschlichkeit abhandenkommt. Zudem waren die letzten Ernten enttäuschend gewesen und die Steuern hatten einen neuen Höhepunkt erreicht. Nach einem blutigen Bürgerkrieg sollte der brüchige Frieden durch eine Hochzeit zwischen der katholischen Königsschwester Margaret und dem protestantischen Prinzen Henri III. von Navarra stabilisiert werden. Der Papst akzeptierte diese Ehe nicht, und mit ihm die meisten katholischen Franzosen, die von radikalen Predigern aufgestachelt wurden. Anläßlich der Feier waren tausende protestantische Adelige in die Stadt gekommen, darunter der Admiral Gaspard de Coligny. Er war der prominenten Pariser Familie Guise, die in Konkurrenz zur Familie des damaligen Gouverneurs stand, besonders verhaßt, denn ihm wurde der Tod des Familienoberhaupts angekreidet. Als Coligny nach der Hochzeit noch länger in Paris verweilte, wurde von Seiten der Familie Guise ein Attentat aus Rache auf ihn verübt, das er überlebte.

Schon im Jahr zuvor war es zu massiven Ausschreitungen mit 50 Toten in Paris gekommen. Die Großstadt war schon damals ein Zentrum besinnungsloser Pöbelgewalt. Der Mob hatte das Haus eines exekutierten Hugenotten, Philippe von Gastines, dem Erdboden gleichgemacht und ein großes Holzkreuz an dessen Stelle errichtet. Als Teil der Friedensvereinbarungen sollte dieses Kreuz abgerissen werden — wogegen sich der katholische Pöbel wehrte. Die Angst war nun auf katholischer Seite groß vor protestantischer Rache. Nach dem Attentat auf Coligny hatten wütende Protestanten den Palast gestürmt und wilde Drohungen ausgestoßen, falls die Übeltäter nicht bestraft würden. Vor Paris hatte eine 4.000 Mann starke protestantische Armee unter der Führung von Colignys Schwager das Lager aufgeschlagen.

Die Spannung wuchs, bis die Angst in Panik überschlug. Es war noch gut in Erinnerung, daß fünf Jahre zuvor in Nîmes Hugenotten ein grausames Massaker an hunderten Katholiken verübt hatten.

Um die Stadtbevölkerung vor der Rache der Protestanten zu schützen, empfahlen die italienischen Berater dem König (bzw. der realen Machthaberin, seiner Mutter, Catharina von Medici), protestantische Anführer durch die Schweizer Garde umbringen zu lassen. König und Mutter sträubten sich dagegen, doch der jüngere Bruder des Königs, der Fürst von Anjou, sah seine Stunde gekommen. Als militärischer Befehlshaber, der für die Sicherheit verantwortlich war, folgte er dem Rat, ließ knapp fünfzig protestantische Anführer umbringen, die Stadttore schließen und die Bevölkerung bewaffnen. Das kam de facto einem Staatsstreich gleich. Im wachsenden Aufruhr beendete die Familie Guise ihre Tat und ermordete den verwundeten Coligny. Ein Mob bildete sich und ermordete die Familie Gastines, um sich vor deren Rache zu schützen. Nun war kein Halten mehr. Im Wahn begann die Stadtbevölkerung Jagd auf Protestanten zu machen, die durch die andere Art der Kleidung leicht zu erkennen waren. Vermutlich spielte der Neid der verarmten Städter auf die vermögenderen Protestanten eine wichtige Rolle, es kam zu wahren Raubzügen. Viele Schuldner entledigten sich der Schuld, indem sie ihre Gläubiger massakrierten — ein in der Geschichte immer wiederkehrendes Motiv.

Der König versuchte zwar, das Massaker einzubremsen, doch es wütete drei Tage lang. 5.000 bis 30.000 Menschen wurden umgebracht, darunter Frauen und Kinder. Infolgedessen brachen auch in zwölf anderen Städten Massaker an Hugenotten aus. All diese Städte waren einst im Krieg durch protestantische Minderheiten militärisch übernommen worden, was die katholische Mehrheit nun ändern wollte. Papst Gregor XIII. nahm die Nachricht über den Tod Colignys mit Freude auf. Er ließ zur Feier des Tages Fresken in Auftrag geben und eine Medaille prägen. Sie zeigt einen Engel, der in der rechten Hand ein Schwert und in der linken ein Kreuz trägt, zu seinen Füßen liegen die erschlagenen Protestanten. Als das wahre Ausmaß des Massakers bekannt wurde, ruderte er allerdings beschämt zurück. Die Hugenotten interpretierten das Massaker als von langer Hand geplant.

Massakerkunde

Ähnliches wiederholte sich im Libanon, nur daß sich dort eine ganze Kette von Massakern hochschaukelte. Man mag dem orientalischen Gemüt eine leichtere Neigung zur Eskalation zuschreiben, doch sind Massaker eben keineswegs dem Orient vorbehalten. Da die Anlässe selbst wenig Bedeutung haben, mehr auf Zufällen beruhen, spielt das Gemüt bei der Dynamik von Massakern eine untergeordnete Rolle. Im Orient hat sich leider die dumme Sitte gehalten, feierliche Anlässe durch chaotische Gewehrsalven zu begehen. Doch auch dies ist nichts spezifisch Orientalisches. Die Sitte der Salven gibt es ja auch noch in Europa, und wenn sie geregelt und maßvoll, eben feierlich, durchgeführt wird, ist gar nichts dagegen einzuwenden. Problematisch wird es erst durch das anarchische Herumgeballere, wie es aus dem Klima „toxischen Testosterons“ der Halbwüchsigenarmeen entsteht.

Jedenfalls waren es einige dumme Schüsse in die Luft, die am 13. April 1975 eine unglaubliche Verkettung des Wahnsinns nach sich zogen. Doch solche verhängnisvolle Verkettungen darf man nicht mit strengen Kausalitäten verwechseln. Nicht die Reizung, sondern die Gereiztheit produziert Gewalt. Nicht der provozierende Blick verursacht kausal den Faustschlag, sondern die Entscheidung des Schlägers. Konflikte sind stets systemisch zu betrachten. Eine brüchige Struktur wird irgendwann unter einer Last brechen; welche Einzelbelastung dann konkret den Ausschlag gibt, ist irrelevant.

Am 13. April 1975 fand in der neueröffneten Kirche Nôtre Dame de la Délivrance in Beirut eine Taufe statt. Aufgrund der bereits angespannten Lage waren phalangistische Milizionäre anwesend und regelten den Verkehr vor der Kirche. Der Vater des zu taufenden Kindes war einer von ihnen. Da kam ein Bus mit PLO-Kämpfern vorbeigefahren, die heiter und kriegsgeil in den Himmel schossen. Von den selbsternannten Verkehrspolizisten wollten sie sich nicht einbremsen lassen. Die durch die Schüsse nervösen Phalangisten begannen ebenfalls mit ihren Gewehren herumzufuchteln, einige Schüsse folgten und der Fahrer wurde tödlich getroffen. Die Palästinenser verzogen sich, doch eine Stunde später kamen sie mit zwei Wagen wieder. Unglücklicherweise war das gerade der Moment, als die Taufgesellschaft die Kirche verließ. Die PLO-Kämpfer eröffneten das Feuer auf die phalangistischen Milizen, da diese aber gerade den Taufzug schützten, kam auch der Vater des getauften Kindes dabei um. Dieser war ein enger Weggefährte des Führers der Phalangisten, Pierre Gemayel, der selbst am Kopf verwundet wurde. Die Angreifer flohen unter dem Feuer der christlichen Miliz. Daraufhin errichteten letztere Straßensperren in den christlichen Vierteln und führten Ausweiskontrollen durch, um die Angreifer zu fassen. Nur wenig später fuhr ein großer Reisebus mit Palästinensern, von denen einige bewaffnet waren, von einem Flüchtlingslanger in ein anderes und mußte dabei die christlichen Viertel durchqueren. Die Flüchtlinge kehrten von einer politischen Veranstaltung im Lager Tel el-Zaatar zurück, dessen romantischer Name „Thymianhügel“ über den dort später wütenden Wahnsinn hinwegtäuscht.

Entlang einer engen Straße, die der Bus passieren mußte, waren bewaffnete Phalangisten aufgestellt. Wütend und nervös sahen sie die große Zahl von Palästinensern näherkommen, der Bus machte keine Anstalten zu bremsen. Der Fahrer hatte keine Ahnung, was vorgefallen war. Da eröffneten die Phalangisten das Feuer. 27 Menschen wurden getötet, 19 verletzt. Bald verbreitete sich die Nachricht vom „Busmassaker“. Der dritte Bürgerkrieg brach voll aus, in nur drei Tagen kamen 300 Menschen ums Leben. Die heiße Phase dauerte zwei Jahre an und forderte 80.000 Opfer. Es kam zu einer Reihe von Massakern an Christen im ganzen Land, von denen heute kaum noch die Rede ist. Hier eine Dokumentation nur der ersten Monate:

Am 20. Mai 1975 wurden Dutzende von Christen durch PLO-Kämpfer aus dem Tel al-Zaatar-Flüchtlingslager umgebracht. Islamische Radikale aus Bashura zogen zehn Christen aus ihren Autos, schleiften sie auf einen nahen islamischen Friedhof und exekutierten sie. Im Sommer wurde das Karmeliterkloster nahe Tripolis geplündert und zerstört, während die maronitische Kathedrale beschädigt und viele christliche Geschäfte zerstört und niedergebrannt wurden. Am 1. September überfielen palästinensische Guerillakrieger das christliche Dorf Beit Mellat, ermordeten viele Einwohner und zerstörten den größten Teil des Dorfes. Am 9. September überfielen sie das Dorf Deir-Ashash. Während die meisten Einwohner fliehen konnten, blieben drei Priester im örtlichen Kloster, wo sie brutal ermordet wurden. Ironischerweise war das Kloster eine Schule für 960 Schüler, von denen 660 Muslime waren, die kostenlos unterrichtet wurden. Am 8. September wurde das christliche Viertel Zarata in Tripoli zerstört. Am 11. September kehrten die Kämpfer nach Beit Mellat zurück, brachten acht Christen um und entführten Dutzende. Am 9. Oktober wurde das christliche Dorf Tall Abbas-Akkar angegriffen, zwanzig Christen umgebracht und die örtliche Kirche dem Erdboden gleichgemacht. Am 30. Oktober ermordeten Palästinenser und Syrer fünfzehn Menschen im Kloster von Naameh, das 1948 zahlreiche palästinensische Flüchtlinge aufgenommen hatte. Zugleich belagerten Palästinenser das christliche Dorf Koubeyat, mordeten und richteten große Zerstörung an. Kämpfer aus dem islamischen Dorf Saed Neil ermordeten zwanzig Christen im Dorf Tanyel. (Fine 2008)

Gerade oben schrieb ich, daß der tatsächliche Auslöser irrelevant sei. Es gibt jedoch ein erschreckendes Detail in dieser Geschichte, das der These widerspricht. Ich sollte die These daher ein wenig präzisieren: Wir müssen unterscheiden zwischen Sprüngen, die in einer brüchigen Struktur entstehen und aus ihr selbst heraus, und Brüchen, die von außen kommen und eine Struktur brüchiger machen. Der Tod des Fahrers des ersten Kleinbusses mit den heiter in die Luft feuernden Halbwüchsigen war ein Sprung, die vorsätzliche Attacke auf die Taufgesellschaft aber offenbar ein Bruch. Wie sich später herausstellte, waren die Angreifer gar keine PLO-Kämpfer, sondern nur als solche getarnt. Tatsächlich waren es Terroristen der SSNP, die ein Interesse daran hatten, den Krieg zur Eskalation zu bringen.

Kriegsreligion Islam?

Das „Busmassaker“ jedenfalls bestätigte die Palästinenser darin, daß die Christen blutrünstige Gefolgsleute der Israelis seien, die einen neuen Kreuzzug vorbereiteten. Die Palästinenser waren sich bewußt, daß ihre massenweise Präsenz in großen Lagern den Christen ein Dorn im Auge war, und nun sahen sie ihre Sicherheit in den Lagern nicht nur durch den äußeren Feind Israel bedroht, sondern durch einen Feind, der ihnen im Rücken lag. Acht Monate nach dem „Busmassaker“, acht Monate des Bürgerkriegs, faßte eine Gruppe von PLO-Kämpfern den verhängnisvollen Entschluß, den christlichen Phalangisten eine Warnung zu verpassen, die diese nicht mehr vergessen sollten. Sie überfielen das christliche Dorf Damour im Süden Beiruts, einer Region, in der durch die palästinensische Zuwanderung nun die Muslime die Mehrheit stellten. Die dort aufgegriffenen zwanzig christlichen Krieger wurden exekutiert, doch damit gaben sich die Angreifer nicht zufrieden. Die Zivilbevölkerung wurde ebenfalls an die Wand gestellt und massakriert. 582 Menschen, darunter hauptsächlich Frauen und Kinder, wurden ermordet. Unter den Opfern waren auch die Verlobte und zahlreiche enge Verwandte von Elie Hobeika, ein prominenter Phalangist. Kein einziger Christ verblieb in der nunmehrigen Geisterstadt, in der später palästinensische Flüchtlinge angesiedelt wurden. Der maronitische Priester des Ortes, der fliehen konnte, schildert die Attacke so:

Der Angriff kam vom Berg hinter uns. Es war eine Apokalypse. Sie kamen in Tausenden und riefen „Allahu Akbar! Laßt sie uns für die Araber angreifen, laßt uns Mohammed einen Holocaust darbringen.“ Und sie schlachteten jeden ab, den sie antrafen, Männer, Frauen und Kinder. (Fine 2008)

Elias Canetti hatte hierzu einiges zu sagen, das durch und durch politisch unkorrekt ist. Man beachte, daß er heute vorwiegend von der Linken rezipiert wird. Auch das Canetti-Symposium, das ich oben erwähnte, war von Sozialdemokraten organisiert und subventioniert. Der Islam ist für Canetti eine Kriegsreligion, allenfalls der schiitischen Richtung gesteht er zu, mehr eine Klagereligion zu sein. Er übernimmt ein Urteil, ohne dessen Urheber anzuführen:

„Mohammed“, sagt einer der besten Kenner des Islams, ist der Prophet des Kampfes und des Krieges. Was er zunächst in seinem arabischen Umkreise getan, das hinterläßt er als Testament für die Zukunft seiner Gemeinde: Bekämpfung der Ungläubigen, die Ausbreitung nicht so sehr des Glaubens als seiner Machtsphäre, die die Machtsphäre Allahs ist. Es ist den Kämpfern des Islam zunächst nicht so sehr um die Bekehrung als um Unterwerfung der Ungläubigen zu tun. Der Koran, das von Gott inspirierte Buch des Propheten, läßt keinen Zweifel darüber. „Wenn die heiligen Monate vorüber sind, tötet die Ungläubigen, wo ihr sie findet; ergreift sie, bedrängt sie und setzt euch in jeden Hinterhalt gegen sie.“ (Canetti 1960: 161)

Der Vollständigkeit halber sollte aber dabei nicht unerwähnt bleiben, daß sich sogar im Neuen Testament eine nicht so unähnliche Passage findet, von den Gewaltorgien des alten Testaments ganz zu schweigen. Jesus spricht an der Stelle Lukas 19,27 folgende Worte:

Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde — bringt sie her und tötet sie vor meinen Augen!

Der Kontext relativiert die Phrase ein wenig, doch ist das Interpretationssache. Es handelt sich um eine der Parabeln von Jesus, in der er die ohnehin schon befremdliche Aussage der Parabel mit den Talenten wiederholt. Dies ist der Text vor obigem Satz:

Weil Jesus schon nahe bei Jerusalem war, meinten die Menschen, die von all dem hörten, das Reich Gottes werde sofort erscheinen. Daher erzählte er ihnen ein weiteres Gleichnis. Er sagte: Ein Mann von vornehmer Herkunft wollte in ein fernes Land reisen, um die Königswürde zu erlangen und dann zurückzukehren. Er rief zehn seiner Diener zu sich, verteilte unter sie Geld im Wert von zehn Minen und sagte: Macht Geschäfte damit, bis ich wiederkomme. Da ihn aber die Einwohner seines Landes haßten, schickten sie eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, daß dieser Mann unser König wird. Dennoch wurde er als König eingesetzt. Nach seiner Rückkehr ließ er die Diener, denen er das Geld gegeben hatte, zu sich rufen. Er wollte sehen, welchen Gewinn jeder bei seinen Geschäften erzielt hatte. Der erste kam und sagte: Herr, ich habe mit deiner Mine zehn Minen erwirtschaftet. Da sagte der König zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger Diener. Weil du im Kleinsten zuverlässig warst, sollst du Herr über zehn Städte werden. Der zweite kam und sagte: Herr, ich habe mit deiner Mine fünf Minen erwirtschaftet. Zu ihm sagte der König: Du sollst über fünf Städte herrschen. Nun kam ein anderer und sagte: Herr, hier hast du dein Geld zurück. Ich habe es in ein Tuch eingebunden und aufbewahrt; denn ich hatte Angst vor dir, weil du ein strenger Mann bist: Du hebst ab, was du nicht eingezahlt hast, und erntest, was du nicht gesät hast. Der König antwortete: Aufgrund deiner eigenen Worte spreche ich dir das Urteil. Du bist ein schlechter Diener. Du hast gewußt, daß ich ein strenger Mann bin? Daß ich abhebe, was ich nicht eingezahlt habe, und ernte, was ich nicht gesät habe? Warum hast du dann mein Geld nicht auf die Bank gebracht? Dann hätte ich es bei der Rückkehr mit Zinsen abheben können. Und zu den anderen, die dabeistanden, sagte er: Nehmt ihm das Geld weg, und gebt es dem, der die zehn Minen hat. Sie sagten zu ihm: Herr, er hat doch schon zehn. (Da erwiderte er:) Ich sage euch: Wer hat, dem wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.

Doch auch der Satz im Koran steht natürlich in einem Kontext. Die Sure handelt von einem Friedensvertrag zwischen den Muslimen und dem heidnischen Stamm von Mekka. Der Friedensvertrag wurde durch letzteren gebrochen. Daraufhin gewährte ihnen Mohammed vier Monate des Friedens, damit sie zur Räson kämen. Danach kam es zum Krieg. Obiger Satz sollte Mohammeds Krieger anspornen, mutig in die Schlacht zu ziehen. Für sich genommen würde der Satz 113 anderen Sätzen im Koran widersprechen.

Canetti, der den Satz für sich genommen als Aufruf zum heiligen Krieg interpretiert, sieht interessanterweise bei radikalen Protestanten ähnliche Tendenzen — wäre damit die „Achse des Bösen“ eine Frontlinie zwischen Islamisten und Evangelikalen? Im Gegensatz zu den meisten ideologischen Bewegungen gehe es diesen religiösen Gruppen nicht nur um Macht:

Der Islam und der Calvinismus sind am besten für diese Tendenz bekannt. Seine Anhänger lechzen nach der göttlichen Gewalt. Seine Macht allein genügt ihnen nicht, sie bleibt zu allgemein und fern und überläßt ihnen selber zu vieles. Die Wirkung dieser ständigen Befehlserwartung auf Menschen, die sich ihr ein für allemal überlassen haben, ist einschneidend und hat für ihr eigenes Verhalten anderen gegenüber die schwerwiegendsten Folgen. Sie schafft den soldatischen Typus des Gläubigen, für den die Schlacht der genaueste Ausdruck des Lebens ist; der sich in ihr nicht fürchtet, weil er sich immer in ihr fühlt (Canetti 1960: 324).

Daß Unterwerfung – die wörtliche Übersetzung von Islam – besonders „soldatische“ Gläubige hervorbringt, ist plausibel. Doch habe ich Zweifel daran, daß „der Islam“ als Erklärungsmodell ausreichend ist. Der Libanon ist das beste Studierfeld, um diese Frage zu beantworten: welchen Einfluß die Religion auf das Verhalten hat. Es findet sich in der Tat eine gewisse Häufung der Massaker durch Muslime an Christen, jedoch nur gemessen an der Anzahl der Fälle, nicht an jener der Todesopfer. Diese Häufung könnte allerdings auch dadurch bedingt sein, daß die Muslime mit Israel und den Westmächten hochgerüsteten Gegnern gegenüberstanden, mit großem Vernichtungspotential. Daß sie den Eindruck gewannen, mit den Christen nun in ihrem Hinterland, in unmittelbarer Nähe ihrer Lager Gegner zu haben, die mit der Übermacht gemeinsame Sache machten, erhöhte die Anspannung. Der Eindruck war ja durchaus nicht falsch.

Massakerlegitimierung

Ich möchte nun den geschätzten Leser noch etwas mehr zum Nachdenken nötigen, indem ich ein stillschweigendes Versäumnis von weiter oben aufdecke, um zu zeigen, welchen Unterschied kleinste Details machen können. Vor dem schrecklichen Damour-Massaker habe ich nämlich ein Ereignis verschwiegen. Es ist so traurig, daß ich es kaum fassen kann — und natürlich könnte es auch hier sein, daß die Geschichtsschreibung winzige Details verschweigt oder übertreibt, die den Kontext völlig ändern könnten. Weitere Beispiele zur Bedeutung dieser Details folgen, und sollen gesunde Zweifel hinsichtlich der historischen Methode wecken. Das Ereignis, das ich verschwiegen habe, war ein weiteres Massaker, das am 18. Jänner 1976 stattfand: das sogenannte Karantina-Massaker. Der Name kommt von einem Quarantäne-Quartier, nach dem ein palästinensischer Slum in Ostbeirut benannt war. Dieses Viertel wurde an besagtem Tag von christlichen Milizen gestürmt, die ein Blutbad anrichteten: 1.000-1.500 Menschen kamen dabei ums Leben, zu einem großen Teil Zivilisten. Das Damour-Massaker war die Revanche dafür. Eine schreckliche Rachespirale hatte ihren Lauf genommen. Für beide Seiten bestätigten sich die jeweils schlimmsten Vorurteile. Die Fundamentalisten hatten offensichtlich Recht behalten, die Moderaten sich offensichtlich getäuscht. Frangié beschreibt diese Verkettung so:

Das Schema ist simpel. Christen und Muslime halten sich genau daran. Für erstere hat das „Komplott“ begonnen, als die Muslime eine Allianz mit den Palästinensern geknüpft haben, mit dem Ziel den Christen eine Veränderung der Machtverteilung zwischen den religiösen Gemeinschaften, wie sie der nationale Pakt von 1943 vorsah, aufzuzwingen. Dieses „Komplott“, das seit langer Zeit von der libanesischen Linken, die mehrheitlich islamisch war, vorbereitet worden wäre, wird noch am Folgetag der Ereignisse des 13. April 1975 umgesetzt. Die islamischen Führer fordern nämlich den „Ausschluß“ der Phalangisten – der größten politischen Kraft der Christen – aus der politischen Szene, und stellen eine Reihe von Forderungen, welche die Grundlagen des politischen Systems des Libanon in Frage stellen. Am 15. Mai 1975 lehnt Premierminister Rachid Solh, ein sunnitischer Muslim aus Beirut, in seiner Rücktrittsrede den Nationalpakt als „undemokratisch“ ab, betont die Notwendigkeit, die gesetzliche Grundlage der Armee zu ändern, deren Führung mehrheitlich bei christlichen Offizieren liegt, und fordert die Annahme eines neuen Einbürgerungsgesetzes — das in den Augen der Christen das demographische Ungleichgewicht noch weiter zugunsten der Muslime verschärfen würde. Das „Komplott“ wird schließlich durch seine Urheber offengelegt. Es gibt keine Zeit mehr zu verlieren. Die christliche Gemeinschaft ist in Gefahr. „Seht ihr, wir hatten recht!“, rufen die fundamentalistischen Christen ihren moderaten Gegnern innerhalb der Gemeinschaft zu.

Für die Muslime ist das „Komplott“, daß das Land in Feuer und Blut getaucht hat, offensichtlich das Werk der Christen, die sich, um die Privilegien ihrer Gemeinschaften aufrechtzuerhalten, mit dem Zionismus und dem Imperialismus verbrüdert haben, mit dem Ziel, den palästinensischen Widerstand im Libanon auszulöschen und ihre Hegemonie über das gesamte Land zu sichern. Dieses „Komplott“ wurde erstmals sichtbar, als 1973 die libanesische Armee die palästinensischen Lager von Beirut angriff. Das Scheitern dieses Versuchs bewog die christlichen Führer dazu, Milizen aufzubauen, um die Armee bei neuerlichen Auseinandersetzungen mit den Palästinensern und ihren libanesischen Alliierten zu unterstützen. Anfang 1975 ist alles bereit, um das „Komplott“ weiterzuspinnen. Der israelische Angriff auf das islamische Dorf Kfarchouba im Jänner dieses Jahres und die Ermordung des ehemaligen islamischen Abgeordneten von Saïda, Maarouf Saad, am 26. Februar bereiten den Boden für die große christliche Offensive, die am 13. April 1975 begann. Über das christliche „Komplott“ besteht nun keinerlei Zweifel mehr. Die traditionellen islamischen Führer, die im Allgemeinen dazu geneigt hatten, Kompromisse zu suchen, werden bald von der mehrheitlich islamischen libanesischen Linken ausgebootet, die ihnen ihre Untätigkeit vorwirft. (Frangié 2011: 21f)

Der Libanon wird so nach und nach in den Konflikt um Israel hineingezogen — eine unheilvolle Parallele zum aktuellen Syrienkonflikt. Eine Schilderung aus anderer Feder macht die Wahrnehmung der Gegenseite deutlicher:

Palästinensische Guerillakrieger zogen seit dem Sechs-Tage-Krieg gemeinsam mit der pro-syrischen palästinensischen Miliz Sai‘qa („Blitz“) und Arafats Fatah in den Südlibanon ein. Nach einer Reihe bewaffneter Auseinandersetzungen mit der libanesischen Armee, die als „Neun-Tage-Krieg“ bekannt wurden, unterzeichnete die libanesische Regierung widerwillig die geheime Kairoer Vereinbarung mit dem PLO-Vorsitzenden Yassir Arafat. Diese ist die erste von vielen, die von den Palästinensern gebrochen wurden; die berühmteste davon war die Vereinbarung von Malkert, die Arafat 1973 unterzeichnete. Die historische Bedeutung der Kairoer Vereinbarung liegt darin, daß zum ersten Mal seit der Gründung der PLO 1964 der Libanon einwilligte, ihr freie Hand beim Betrieb der Flüchtlingslager zu lassen. Nun hatten die Palästinenser carte blanche. Sie konnten nun die Arafat-Route eröffnen, eine Waffenbezugsstrecke, die in Damaskus begann und nördlich des Hermongebirges endete — in einer Region, welche die Israelis Fatahland nannten. Dadurch zogen sich die Libanesen in den arabisch-israelischen Konflikt hinein und setzten sich israelischen Vergeltungsschlägen aus. Die christlichen Führer wußten, daß harte Zeiten bevorstanden, zumal den Palästinensern freie Bewegung im gesamten Libanon gewährt wurde. Die Muslime sahen dies anders. Der ständige Zuzug junger, hoch motivierter palästinensischer Guerilleros in den Libanon half örtlichen linken Organisationen, die palästinensische Kämpfer mobilisierten. Während ihres Einsatzes übernahmen die Palästinenser die Kontrolle und zerstörten Privateigentum. Sie positionierten schwere Waffen in Dörfern und setzten diese dadurch potentiellen Angriffen der Israelis aus. (Fine 2008)

Massakerkunde II

Auch wenn es den geneigten Leser schon anwidern mag, muß ich noch drei Massaker anführen, um die Komplexität einer Bewertung hinreichend zu verdeutlichen. Ich glaube, eine Auseinandersetzung damit ist von größter Wichtigkeit für die europäische Zukunft, die gewiß von größerer Polarisierung geprägt sein wird.

Am 12. August 1976 wurde der bereits erwähnte „Thymianhügel“ zu einem traurigen Fanal. Das Lager wurde von der UNRWA verwaltet, der größten, aber am wenigsten bekannten UN-Behörde der Welt. Sieben Monate lang war das Lager von christlichen Milizen mit syrischer (!) Unterstützung belagert worden. Die Opferzahl bei der Erstürmung ging schließlich in die Tausende, darunter ebenfalls zu einem großen Teil Zivilisten. Einen Teil der eigenen Leute hatten dabei allerdings die Palästinenser selbst am Gewissen. Die Kämpfer eröffneten bei der Erstürmung wie wild das Feuer auf die Lagerausgänge, wo Zivilisten flüchteten, um die feindlichen Kämpfer am Eindringen zu hindern. Es gab ein offensichtliches palästinensisches Interesse an einer hohen Opferzahl. Robert Fisk beschreibt die Taktik Arafats:

Als Arafat 1976 Märtyrer brauchte, forderte er einen Waffenstillstand rund um das umzingelte Flüchtlingslager Tel al-Zaatar. Dann gab er seinen Kommandanten im Lager den Befehl, das Feuer auf ihre rechtsgerichteten christlichen Feinde zu eröffnen. Als die phalangistischen Milizen infolge dessen ihren Weg ins Lager freischossen, eröffnete Arafat ein „Märtyrerdorf“ für die Witwen des Lagers im geplünderten Damour. Bei seinem ersten Besuch dort warfen die Witwen Steine und Obst auf ihn. Er ließ die anwesenden Journalisten sofort mit vorgehaltener Waffe vertreiben. (Fisk 1990: 98)

Das Massaker ist zwar heute auch weitgehend vergessen, bildet aber einen der historischen Hintergründe zum syrischen Bürgerkrieg. Damals realisierten die Sunniten, daß der alawitische Assad keiner der ihrigen war und politische Interessen vor den Kampf der Sunniten gegen Israel stellen würde.

Doch Massaker finden nicht bloß an Andersgläubigen statt. Ein erschreckendes Gegenbeispiel ereignete sich am 13. Juni 1978: das Ehden-Massaker. Eine Gruppe phalangistischer Krieger drang in den Wohnsitz der Frangié-Familie ein und ermordete vierzig Menschen. Sie erschossen die dreijährige Tochter des Anführers der bereits oben erwähnten Marada-Miliz Tony Frangié vor den Augen ihrer Eltern, dann dessen Gattin vor seinen Augen und schließlich ihn selbst. Hintergrund war der Konflikt zwischen den Phalangisten, die sich zunehmend mit Israel alliierten, und den zunehmend anti-israelischen und pro-syrischen Marada. Im selben Jahr hatte Suleiman Frangié, der Vater von Tony Frangié, die Libanesische Front verlassen, die von den Phalangisten dominiert wurde. Daraufhin hatten die Frangiés von den Phalangisten gefordert, ihre Region zu verlassen — dabei ging es auch um die Konkurrenz um Schutzgelder, welche die Milizen eintrieben. Tony Frangié entwickelte eine persönliche Beziehung zu Assads jüngerem Bruder Rifaat, während Pierre Gemayels (Führer der Phalangisten) Sohn Bashir enge Kontakte zu Israel pflegte. Dem Massaker war die Ermordung eines phalangistischen Kommandanten, der eine neue Niederlassung in Zgharta aufmachen wollte, durch Schergen Frangiés vorausgegangen.

Anführer der Truppe, die das Massaker verübte, war Samir Geagea, dessen Familie traditionell mit den Frangiés verfeindet war. Er argumentierte später, es habe sich um eine „soziale Revolte gegen den Feudalismus“ gehandelt. Laut den umfangreichen Untersuchungen des französischen Journalisten Richard Labévière, war Geagea vom Mossad ausgesucht worden, um das Massaker auf deren Geheiß durchzuführen:

Mit der Absicht, die Ermordung von Tony Frangié sicherzustellen, analysierte die psychologische Arbeitsgruppe des Mossad die Persönlichkeiten einer Reihe von Parteimitgliedern der Kata‘ib, um einen auszuwählen, der den Angriff auf Ehden leiten sollte; sie wählten Samir Geagea als den geeignetsten Kandidaten aus. \[…\] Hinter dem Plan stand die Absicht, die christlichen Teile des Nordlibanons völlig unter die militärische Kontrolle der Kata‘ib zu bringen, während das verdeckte Motiv war, Tony Frangié umzubringen, der die größte Herausforderung für die Wahl Bashir Gemayels als libanesischen Präsidenten darstellte. Die Aufgabe mußte einem Mann übertragen werden, der sie zu seiner persönlichen Angelegenheit machen würde. Samir Geagea wurde aus drei Gründen ausgewählt: Er kommt aus dem benachbarten Bscharre, das für seine Feindschaft gegenüber den Menschen von Zgharta bekannt ist, er kam aus einer durchschnittlichen Familie und er war ein erbitterter Gegner großer politischer Familien. \[…\] Geagea suchte nach einem Weg, sich als Militärführer auszuzeichnen, und er fand diesen in der vermeintlichen Aufgabe, Bashir Gemayel zu schützen \[…\]. Es war nicht schwierig, Bashirs Zustimmung zur Operation zu gewinnen, da die Familie Gemayel immer danach getrachtet hatte, die christlichen Waffen unter ihrer Kontrolle zu vereinen und schließlich die Präsidentschaft über den Libanon für ihre Familie einzufordern. (Labévière 2009).

Nach dem Massaker stürmten syrische Truppen ein nahegelegenes Dorf, um die Urheber ausfindig zu machen. Truppen der Marada mordeten und entführten, um Rache zu üben. In den kommenden Tagen wurden 100 Phalangisten umgebracht.

Das „berühmteste“ Massaker des Libanonkriegs ist das Massaker von Schatilah und Sabra. Von 16. bis 18. September 1982 massakrierten christliche Phalangisten Tausende Palästinenser in ihren Lagern, wieder hauptsächlich Zivilisten. Davor hatten israelische Truppen in heftigen Kämpfen die PLO in der Region so aufgerieben, daß diese ihren Rückzug gegen die Zusicherung eines Waffenstillstands anboten. Die internationalen „Friedenstruppen“ zogen sich nach dem Rückzug ebenfalls zurück. Wenige Tage darauf kam jedoch Bashir Gemayel, der inzwischen Präsident war, bei einem Anschlag ums Leben. Wenige Stunden nach dem Anschlag entschied der damalige israelische Verteidigungsminister Ariel Sharon den Einmarsch in Westbeirut — unter Bruch des zuvor vereinbarten Waffenstillstands. Kaum war Westbeirut besetzt, bereitete er den Einfall in die Palästinenserlager Sabra und Schatila vor. Dazu traf er sich mit Vertretern der phalangistischen Miliz und erklärte ihnen, der Anschlag auf Gemayel sei ein Werk der PLO gewesen. Daher sollte die Miliz die Aufgabe übernehmen, die Flüchtlingslager zu filzen und verbliebene Kämpfer entwaffnen. Die israelischen Truppen umzingelten die Lager und machten den Nachthimmel mit Leuchtgeschossen taghell. Dann stürmten die Phalangisten hinein, während die Israelis die Ausgänge verriegelten und flüchtende Zivilisten zurückschickten. Was die Israelis wohl im Moment nicht ahnten, aber hätten wissen können — und als sie es erfuhren, nichts dazu taten, das Morden zu beenden: Unter der Miliz befand sich ein ganzes Rachebataillon, angeführt von Elie Hobeika, der eine Gruppe krimineller, entlassener Ex-Soldaten rekrutiert hatte. Der Name war schon oben aufgetaucht: Hobeika hatte seine Verlobte und Familie in Damour verloren, während des besonders grausamen Massakers durch Palästinenser, welche die Leichen entstellten und sogar noch die Gebeine der Vorfahren der Opfer am Friedhof exhumierten und schändeten. Entsprechend gab es kein Halten, als Hobeikas Gruppe auf die Palästinenser losgelassen wurde. Den Wahnsinn, der dann wütete, hatten die Israelis wohl nicht beabsichtigt, doch kam im Jahr darauf eine eilig einberufene Kommission zum Schluß, daß Sharon eine Mitverantwortung trug, woraufhin er als Minister zurücktrat. Die sogenannte Kahan-Kommission fand:

Wir sind zum Schluß gekommen, wie in diesem Bericht dargelegt, daß der Verteidigungsminister persönliche Verantwortung trägt. \[…\] Augenzeugenberichte und zahlreiche Dokumente betonen den Unterschied zwischen der üblichen Kampfethik der israelischen Streitkräfte und der Kampfethik der blutigen Zusammenstöße und Kampfhandlungen unter den verschiedenen ethnischen Gruppen, Milizen und Streitkräften im Libanon. Der Unterschied ist bedeutsam. Im Krieg, den die israelischen Streitkräfte im Libanon führten, wurden viele Zivilisten verletzt und kamen ums Leben, trotz der Bemühungen der israelischen Streitkräfte und ihrer Soldaten, Kollateralschäden zu vermeiden. Bei mehreren Anlässen verursachte dieses Bemühen den israelischen Streitkräften zusätzliche Opfer. Während der Monate des Krieges sahen die Soldaten der israelischen Streitkräfte viel Morden und Zerstörung. Ihre Reaktionen (von denen wir hörten) auf Akte der Brutalität gegen Zivilisten legen es nahe, daß trotz der schrecklichen Szenen und Kriegserfahrungen und trotz der soldatischen Verpflichtung, sich wie Krieger mit einem gewissen Grad an Abgebrühtheit zu verhalten, die Soldaten der israelischen Streitkräfte ihre Sensibilität für Gräuel nicht verloren, die an Zivilisten verübt wurden, entweder aus Grausamkeit oder aus Rache. Es ist bedauerlich, daß die Reaktion der Soldaten auf solche Taten nicht immer entschieden genug war, um diese verabscheuenswürdigen Handlungen zu unterbinden. (Kahan et al. 1983)

Der Bericht betont die Kampfethik der israelischen Truppen so stark, denn die Geschehnisse waren ein Fiasko für Israel. Obwohl das Massaker durch Christen durchgeführt wurde, wird es bis heute in der kollektiven Erinnerung den Israelis angelastet. Osama bin Laden bezog sich auf eben dieses Massaker, um den Terroranschlag von 1996 auf Wohnquartiere der US Air Force in Saudi-Arabien zu legitimieren. Nicolas Bennet-Jones skizziert die öffentliche Wahrnehmung in einem Kommentar, der ein wenig in die andere Richtung übertreibt, wie folgt:

Während Arafat trotz all seiner „Märtyrer“ gescheitert war, in Tel al-Zaatar eine bleibende Schlagzeige zu schaffen, änderte Sabra-Schatila die globale Wahrnehmung von Israel und des israelisch-palästinensischen Konflikts für immer. \[…\] Die UNO verurteilte das Massaker als Genozid. \[…\] Tel al-Zaatar hingegen bleibt vergessen. Während viele große internationale Nachrichtenagenturen \[…\] am 30. Jahrestag von Sabra-Schatila Berichte verbreiteten, bringt eine Nachrichtensuche zum 30. Jahrestag des Tel al-Zaatar-Massakers kein einziges Ergebnis. Sogar pro-palästinensische Weblogs schweigen. Warum? Warum führte das Massaker einer vergleichbaren Zahl von Zivilisten nicht zu ähnlicher internationaler Besorgnis und Medienberichterstattung? Warum war das Tel al-Zaatar-Massaker nicht wichtig genug für die Zeit der UNO? Warum war das kein Genozid?

Die Antwort auf all diese Fragen ist: Israel war nicht involviert.

Israelis haben sich oft darüber beklagt, daß die internationalen Medien und Regierungen eine Doppelmoral gegenüber der israelischen Außenpolitik an den Tag legen. Israelis liegen dabei richtig: das Beispiel von Tel al-Zaatar und Sabra-Schatila ist ein klares Beispiel für Doppelmoral. \[…\] Kein israelischer Soldat beteiligte sich an den Massakern. Es waren die Phalangisten, die direkt verantwortlich für das Gemetzel waren. Doch den Israelis wurde ein so übertriebenes Ausmaß an Schuld für ihre geringe Rolle bei den Ereignissen zugeschrieben, daß sogar die Rolle der Phalangisten in Vergessenheit geriet. (Bennet-Jones 2013)

Zwei nachträgliche Aspekte des Massakers machen die Sache noch etwas bizarrer. Einerseits kam Elie Hobeika, der danach ungetrübte politische Karriere gemacht hatte, 2002 bei einem Anschlag ums Leben. Verblüffend daran ist, daß er in diesem Jahr vor einem belgischen Gericht über Sharons Rolle beim Massaker hätte aussagen sollen. Kurz vor dem Anschlag hatte Hobeika hören lassen, er könne das Verfahren kaum erwarten, um endlich die wahren Hintergründe zu offenbaren.

Andererseits stellte sich nachher heraus, daß der Attentäter von Bashir Gemayel gar kein PLO-Kämpfer war. Zu allem Überdruß war es auch noch ein Christ. Der wiederum war ein Mitglied der Syrisch-Sozial-Nationalistischen Partei (SSNP), die uns schon mehrmals unterkam, und hatte enge Beziehungen zum syrischen Geheimdienst.

Dies relativiert den inter-religiösen Aspekt doch beträchtlich. Zudem war es 1985 zu erneuten Angriffen auf Sabra und Schatila gekommen, bei denen zahlreiche Zivilisten getötet wurden. Auch damals war von einem Massaker die Rede, von dem heute jedoch niemand mehr spricht. Beide Seiten bei dieser Auseinandersetzung gehörten der exakt selben Religion an. Die schiitische, pro-iranische Hisbollah hatte in den Lagern an Einfluß gewonnen, was der ebenfalls schiitischen, pro-syrischen Miliz Amal ein Dorn im Auge war. Nach dem Ende des libanesischen Bürgerkrieges söhnten sich die beiden Milizen aus, nachdem sich auch ihre Geldgeberstaaten angenähert hatten. Die politischen Flügel der Milizen arbeiten heute eng zusammen und treten gemeinsam bei Wahlen an.

Sog der Weltpolitik

Die israelische Strategie im Libanon ist jedenfalls als gescheitert zu betrachten. Frangié faßt zusammen:

18 Jahre nach dem Krieg von 1982 zieht Israel am 24. Mai 2000 seine Truppen aus dem Libanon ab und leistet damit einer 22 Jahre zuvor angenommenen UNO-Resolution (425) folge. 22 Jahre Krieg, um zu begreifen, daß es nicht ausreicht, wie Moshe Dayan meinte, „einen Offizier oder auch nur einen einfachen Major zu finden“, um eine Lösung mit Gewalt durchzusetzen. In einem Artikel mit dem Titel „Mythen, die zerbrechen“, erwähne ich den „Mythos einer Allianz der Minderheiten gegen die arabisch-islamische Mehrheit“, der auf einer Illusion basiert: jener, daß die Zukunft und Sicherheit Israels nicht vom Frieden mit den Arabern abhingen und nur dann gewährleistet wären, wenn die arabische Welt durch unendliche Bürgerkriege zerfleischt wird, in denen die ethnischen und religiösen Minderheiten der arabisch-islamischen Mehrheit gegenüberstehen. Diese Strategie hat Israel im Libanon ausprobiert. (Frangié 2011: 56f)

Es ist eine schmerzliche Wendung der Geschichte, daß der Libanon nun in die Auseinandersetzung zwischen dem Block Saudi Arabien-USA-Türkei-EU-Katar und den verbliebenen blockfreien Staaten – hauptsächlich Iran und Rußland – in Syrien hineingezogen wird. Trotz massiver Finanzierung durch die Golfstaaten, die ihre salafistischen Milizionäre mit Abermilliarden unterstützen, sieht es derzeit nicht nach einem raschen Ende des Krieges aus. Dies ist umso schmerzlicher, als es der Libanon eben erst geschafft hatte, sich der Weltpolitik zu entziehen. Passend zur libanesischen Geschichte war der Wendepunkt hierfür ein Anschlag. Ein korrupter Politiker ließ sein Leben, und erwarb sich damit sein größtes Verdienst. Treue Scholienleser erinnern sich an die paradoxe These von René Girard (Scholien 04/12), die hier ihre Bestätigung findet. Das Opfer führte zur Einigung und hatte dadurch eine eminent politische, geradezu königliche Funktion. Diese Einigung ist jedoch nicht vollständig, sie verlief entlang einer neuen dualen Struktur des Libanons, wie sie aus dem Bürgerkrieg hervorging und mit dem Opfer Rafik Hariris ihren symbolischen Ausdruck fand. Am 14. Februar 2005 kam dieser bei einem Selbstmordattentat ums Leben. Zunächst wurde Syrien dafür die Schuld gegeben, denn Hariri war zuvor von syrischer Seite stark unter Druck gesetzt wurden. In einer Reihe von Bombenanschlägen wurden seit 2005 – der letzte 2012 – anti-syrische Personen umgebracht. Daraufhin platzte vielen Libanesen der Kragen und eine Bewegung der anti-syrischen Parteien entstand am 14. März 2005, die Syrien zu einem Ende der Militärpräsenz drängen konnte. Samir Frangié vertritt die anti-syrische Position mit einem Pathos, der etwas im Gegensatz zu seiner bislang kühlen Analyse steht:

Der 14. März 2005 bedeutete einen gewaltigen Bruch in der Geschichte des Libanon. Bislang waren alle grundlegenden Daten der libanesischen Geschichte auf die Taten der einzelnen religiösen Gemeinschaften bezogen: Die Idee des Libanon war, ihrem Ursprung nach, eine drusische Idee, entworfen vom Emir Fakhreddine II. (1572-1635), dem es gelang, die Einheit des Libanongebirges zu erzielen und sein Land gegenüber dem Westen zu öffnen; der Staat des Großlibanons (1920), in seinen aktuellen Grenzen, nach der Annexion der Küstengebiete zum Libanongebirge, von Tripoli bis Tyros, und der Bekaa-Ebene, war ein maronitisches Projekt, das eng verbunden war mit dem historischen Besuch des maronitischen Patriarchen Elias Hayek in Frankreich; die Unabhängigkeit des Libanon (1943) war hauptsächlich die Tat der christlichen und der sunnitischen Gemeinschaft, vertreten durch zwei symbolische Persönlichkeiten: Béchara Khoury und Riad Solh; die Befreiung des Libanon aus der israelischen Besetzung (2000) war schließlich im Wesentlichen die Tat der schiitischen Gemeinschaft, die von 1968 bis 2000 den hohen Preis des Widerstands gegen Israel gezahlt hat. \[…\]

Das Datum des 14. März 2005 ist mit keiner Gemeinschaft verbunden. Die zweite Unabhängigkeit des Libanon, die dem längsten Bürgerkrieg folgte, konnte von keiner einzigen Gemeinschaft erreicht werden. \[…\] Der 14. März sah daher zum ersten Mal in der Geschichte des Libanons das Entstehen einer nationalen libanesischen Identität, \[…\] eine Identität, welche die Identitäten der jeweiligen Religionsgemeinschaften transzendiert, ohne diese zu ersetzen, eine Identität, die es erlauben würde, das „Zusammenleben“ auf die Bedingungen eines Staates zu gründen, dem alle Libanesen angehören und nicht mehr auf die Bedingungen der jeweils dominanten Gemeinschaft. \[…\] Mit seinem Tod wurde Hariri zu einem Symbol der Einigung. Er symbolisierte in gewisser Weise alle Toten des Krieges. Jeder erinnerte sich seiner persönlichen Tragödie. (Frangié 2011: 114ff, 118)

Mit noch mehr Pathos erklärt er den neuen Dualismus im Land:

Noch niemals war der Libanon in der Neuzeit so radikal gespalten. Und diese Spaltung ist keine zwischen Religionsgemeinschaften, sondern eine zwischen zwei Lagern, in denen sich gleichermaßen Christen und Muslime finden. Sie ist auch nicht politisch im strengen Wortsinn, denn es geht nicht um die Führung der Regierungsgeschäfte. Diese Spaltung ist von einer gänzlich anderen Ordnung. Sie ist eine kulturelle und konfrontiert zwei Weltbilder: Eine Vision, die das Individuum betont, davon ausgeht, daß dessen Entfaltung von seiner Öffnung gegenüber dem Nächsten abhängt, und dem „Zusammenleben“ die Priorität gibt \[…\]. Nach dieser Vision ist der Libanon vor allem ein Lebensstil, der von Diversität und einer Offenheit gegenüber der Welt geprägt ist, gekennzeichnet von der Fähigkeit, das Neue aufzunehmen, ohne sich darin zu verlieren. Die andere Vision beruht auf der Gruppe und sieht Unterschiede als ständige Quelle von Bedrohungen, wobei die Gruppe, um zu überleben, Fremde ablehnen und sich auf sich selbst beziehen muß. Nach dieser Vision ist der Libanon bloß ein Kriegsfeld, ein Gebiet des „Widerstands“, der Zusammenstöße zwischen Gruppen mit gegensätzlichen Interessen, ein Land, das im Dauerzustand des „heißen“ oder „kalten“ Kriegs lebt. Die Libanesen sind nicht mehr dazu berufen, „zusammen zu leben“, sondern sich „zusammen unterzuordnen“ unter eine Autorität, die sie nicht gewählt haben, jene des „Velayat al-Fakih“ und „ihre Gesellschaft dem Widerstand einzugliedern“, um mit den Worten des stellvertretenden Generalsekretärs der Hisbollah (8. Juni 2007) zu sprechen, anstatt den Widerstand dem Staat einzugliedern und die Hisbollah in eine politische Partei umzuformen. (Frangié 2011: 130f)

Velayat al-Fakih bezeichnet die Herrschaft des Rechtsgelehrten, das Prinzip der islamischen Revolution im Iran. Es ist nichts Neues, daß im Libanon Iran und Syrien gegen Israel und die Westmächte einen Stellvertreterkrieg führen. Neu ist die starke Rolle des Iran, der mittels der Hisbollah wirkt.

Der Kontrast zwischen Individualismus und Kollektivismus ist nicht ganz falsch, führt aber auf eine falsche Fährte: Diese besteht in der Verwechslung von Ideologien und Regimen. Oberflächlich betrachtet stünde dann das US-Regime für individuelle Freiheit, die Hisbollah für kollektive Unterdrückung. Dies verkennt, daß der Hintergrund von Machtpolitik wenig idealistisch ist, Ideale dienen rein strategisch der Mobilisierung, Immunisierung und Deckung.

Islamischer Kollektivismus?

Naheliegend ist es in dem Zusammenhang auch, den christlichen Libanesen den Individualismus zuzuschreiben und den islamischen Libanesen den Kollektivismus und hierin einen Kampf der Kulturen wahrzunehmen. Dieser Kontrast ist nicht ganz richtig und nicht ganz falsch; er ist oberflächlich und daher irreführend.

Der Wirtschaftshistoriker Avner Greif beschreibt den kulturanthropologischen Hintergrund dieses Gegensatzes anhand der Araber, die sich in Nordafrika festgesetzt haben — der Maghrebiner. Übersetzt aus dem Arabischen bedeutet diese Bezeichnung übrigens „Westler“, bzw. „Abendländer“. Über diese östlichen Westler und südlichen Nordländer – Perspektiven sind stets relativ hinsichtlich des eigenen Standpunkts – schreibt Greif:

Die Maghrebiner waren Mustarbin, Nicht-Muslime, welche die Werte der islamischen Gesellschaft übernahmen, darunter die Perspektive, daß sie Mitglieder derselben Umma seien. Dieser Begriff, der als „Nation“ übersetzt wird, leitet sich vom Wort umm (Mutter) ab. Er spiegelt den Grundwert gegenseitiger Verantwortung unter den Mitgliedern jener Gesellschaft wider. Jedes Mitglied der Umma hat die fundamentale Pflicht, persönlich „Schaden wieder gut zu machen“, der durch andere Mitglieder der Gemeinschaft entstanden ist. Die islamische Tradition schreibt Mohammed die Aussage zu, daß „jeder, der ein Übel sieht und es mit seinen Händen beheben kann, er tue es; wenn nicht, dann mit seiner Zunge; wenn er das nicht kann, dann mit seinem Herzen — das ist das Mindeste für den Gläubigen“. Die Maghrebiner waren zuvor Teil der jüdischen Gemeinschaft, welche die Vorstellung teilte, daß alle Menschen Israels für einander verantwortlich waren. Während des Spätmittelalters war eine Gemeinschaft gleicher Mitglieder sowohl in islamischen als auch jüdischen Gesellschaften als höchster Wert vorherrschend. (Greif 2006: 281)

Die sprachliche Wurzel ist interessant — in den letzten Scholien tauchte die Mutter als Inbegriff der Freiheit auf. Doch traditionell ist der Begriff „Freiheit“, auch der Etymologie des deutschen und des lateinischen Wortes nach (siehe Scholien 06/09), nicht von einem Sippenbezug zu trennen. Die „individualistische Freiheit“ ist ein neues Konzept, das sich in seiner ideologischen Übertreibung gegen die Sippe, sogar gegen die Mutter richtet. So empfiehlt der radikalliberale Philosoph Stefan Molyneux etwa, die Bindung zur eigenen Familie abzubrechen, wenn die Beziehungen zu dieser nicht aus völliger Rationalität und Freiwilligkeit gewählt würden. Das ist logisch konsequent, aber doch ein bedeutsamer Bruch mit jedem historischen Freiheitsverständnis. Die Empfehlung krankt daran, die anthropologische Dimension außer Acht zu lassen; genauso wie die Experimente der „Befreiung von veralteten Familienstrukturen“ im Zuge der 1968er. Die Freiheit verkommt dann bald zur Abhängigkeit von einem Guru, wie es etwa der besonders ekelhafte Otto Mühl war, der kürzlich verstarb. Einst wurde er vom politischen Establishment Österreichs hofiert. Doch die „sexuelle Freiheit“ war nicht von Bestand, die traditionelle Ablehnung sexueller Handlungen an Kindern lebte wieder auf, wie sich auch in der späten Auseinandersetzung um Daniel Cohn-Bendit zeigt.

Die Etymologie scheint Greifs These zu untermauern, daß der islamische Raum besondere Probleme mit dem Individualismus habe. Frangié erklärt die arabischen Begriffe:

Die zwei Begriffe, die im Arabischen verwendet werden, um das Individuum zu bezeichnen, sind zudem voll der Zweideutigkeit. Ersterer – Fard – bezeichnet in der heutigen Sprache die Hälfte eines Paares. Das Individuum ist bloß die Hälfte eines Ganzen, es hat nur kraft dieses Ganzen einen Sinn \[…\]. Das Individuum ist ein unvollständiges Wesen, das sich an jeder Stufe seiner Entwicklung mittels eines „anderen“ vervollkommnet. Was den anderen Begriff betrifft – Insân – so kann auch dieser im Sinne einer Komplementarität verstanden werden, da er anhand der Vokabel ûns gebildet wird, die „in der Begleitung sein von“ bedeutet und das Zusammenleben meint. \[…\] Dieser Begriff zeigt keine Unterscheidung zwischen maskulin und feminin, womit Insân ein Kollektivbegriff für die Menschheit als ganze ist. (Frangié 2011: 164)

Doch Araber sind eben nicht gleichbedeutend mit Muslimen. Und wir sollten nicht vergessen, daß „Individualismus“ auch im Deutschen und allen anderen Sprachen ein modernes Kunstwort ist, dessen lateinische Wurzel („das Unteilbare“) nicht viel verrät.

Tatsächlich überwiegt meiner Erfahrung nach der kulturelle Aspekt alle religiösen. Unter den Christen im Libanon gibt es zwar in der Tat – im Durchschnitt betrachtet – die meisten Individualisten, doch ähnelt der kulturelle Boden – Verankerung in Sippen, traditionell gemeinschaftsbezogene Werte – stärker den dortigen Muslimen als heutigen Europäern. Antoine Douaihy zeigt dies auf, wenn er anhand der eigenen Familie einen interessanten Vorteil der Sippenstruktur thematisiert, die in ihrer Entartung zwar zu Gewaltspiralen führen kann, aber in aller Regel Gewalt mindert, indem Konflikte auf mehrere Schultern verteilt werden:

Ein Douaihy, auch wenn er Marxist ist und gegen die sozio-politischen Familien agitiert, die Douaihys eingeschlossen, verliert dennoch in den Augen seiner Familie dadurch nicht sein „Douaihy‘sches“ Wesen, das ihn zum Beispiel von einem Frangié oder Moawad unterscheidet. Gewalt gegen ihn wäre als physische und moralische Aggression gegen die Familie interpretiert worden und hätte auf dieser Ebene genauso den habituellen Prozeß kollektiver Solidarität ausgelöst. Diese Art von Beziehungen erklärt, warum Zgharta während des gesamten Krieges eine der wenigen, im Krieg involvierten, christlichen Regionen war, wenn nicht die einzige, wo keine Person aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Linken liquidiert wurde. (Douaihy 2010: 278)

Der Unterschied im oben erwähnten Durchschnitt ist im Wesentlichen durch intensiveren und früheren Kontakt zum Abendland und abendländischem Denken zu erklären. Was Greif als vermeintlich „kollektivistisches“ Gegenstück anführt, sind schlicht traditionelle Werte. Abseits der Statistik, wenn man konkrete junge Libanesen betrachtet, ist kaum ein Unterschied feststellbar: Extreme Individualisten, Säkulare, „Republikaner“ finden sich in jeder Religionsgemeinschaft. Die pro-westlichsten christlichen „Links-Republikaner“, die ich kennenlernte, waren in ihren Werthaltungen noch immer konservativer als alles, was sich in Europa einbildet, „rechts der Mitte“ zu sein. Daß sie in der politisch-polarisierenden Zuspitzung eher USA als Iran wählen, ist klar. Doch die Wahrheit hat mehr Schattierungen. Die Hisbollah hat heute zahlreiche christliche Anhänger und ist mit großen christlichen Parteien, wie den Aounisten, alliiert. Der Hisbollah und damit dem Iran ist nämlich etwas Entscheidendes gelungen, was für ein Verständnis des Nahen Ostens von höchster Bedeutung ist: In den Augen der meisten Libanesen, auch derjenigen, die sich Unabhängigkeit von syrischer und iranischer Einmischung wünschen, war es doch allein die Hisbollah, welche die Unabhängigkeit von israelischer Einmischung erzielen konnte. Dieser paramilitärischen Truppe war das Unmögliche gelungen: Eine der effektivsten Armeen der Welt, die mit bedeutender westlicher Unterstützung operiert, aus dem Land zu vertreiben.

Doch bevor ich diesen Erfolg erklären kann, muß ich noch einmal auf die Auseinandersetzung zwischen modernem Individualismus und traditionellen Gemeinschaften zurückkommen. Daß Greif, der leider allzu sehr der vereinfachenden Modellierung moderner Ökonomie erliegt, etwas übertreibt, zeigt seine Schilderung der ökonomischen Bedeutung der traditionalen Mentalität:

Der Kollektivismus der Maghrebiner spiegelt eine breitere kulturelle Facette islamischer Gesellschaften wider, in denen große verwandtschaftliche Gruppierungen wie Clans, Abstammungsgemeinschaften und Sippen bis heute zentral sind und die Segregation entlang religiöser und ethnischer Linien noch immer üblich ist. Korporationen entstanden nicht endogen, noch wurden sie als Rechtspersonen anerkannt. \[…\] Gesetze und Vorschriften über kommerzielle Aktivitäten wurden entweder durch die religiösen Autoritäten oder den Staat oder beide festgelegt. \[…\] Städte waren nicht selbstregiert und Händler hatten keine politische Repräsentation oder Stimme. „Wirkliche urbane Autonomie wäre in der islamischen Welt undenkbar gewesen“ während des Mittelalters (Cahen 1990) \[…\] „Die Autorität der universellen Shari‘a machte jede lokale Konvention zwischen Wirtschaftsparteien mit hoher Wahrscheinlichkeit ungültig“. Außerdem „gab es sehr wenig Kontakt zwischen der Welt der Händler und der der Regierung“ (Goitein 1973). (Greif 2006: 396f)

Der Kontrast mag historisch seine Richtigkeit haben, übersieht aber das in aller Regel höhere Prestige von Händlern in islamischen Gesellschaften im Vergleich zu christlichen und kann den Wandel des Westens weg von der Autonomie des Städte- und Wirtschaftslebens hinzu zentralisierter Verwaltung, die in ihrer Totalität asiatische Despoten der Geschichte in den Schatten stellt, überhaupt nicht erklären. Die Schari‘a spielte hierbei jedenfalls keine Rolle. Im Mittelalter mag der Kontrast höher gewesen sein; das europäische Abendland hob sich durch eine gegenläufige Entwicklung ab, die damals womöglich einen Sonderfall darstellte:

Hinweise auf den westlichen Individualismus lassen sich bereits vor dem Spätmittelalter nachweisen. Europa hatte eine lange individualistische Tradition, die einige Gelehrte bis auf die Antike zurückführen. Sie argumentierten, daß die antike griechische Literatur und westliche Romane das Individuum zelebrieren, im Gegensatz zu östlichen Romanen, welche die Pflichterfüllung preisen. \[…\] Um 1200 hatte Europa nach Morris (1972) bereits „das Individuum entdeckt“. Im Mittelalter war das Individuum im Gegensatz zu seiner sozialen Gruppe das Zentrum der christlichen Theologie. \[…\] Die Kirche förderte den Bedeutungsverlust großer, verwandtschaftlicher Verbände. \[…\] Im Islam wird das Gebet in der Gemeinschaft mit anderen als verdienstvoller betrachtet, und das Gebet mit der Glaubensgemeinde ist für das freitägliche Mittagsgebet vorgeschrieben. Während des 12. Jahrhunderts wurde die Beichte, die lange Zeit den Klöstern vorbehalten war, unter christlichen Laien weitverbreitet. \[…\] Die feudale Welt beruhte auf vertraglichen, hierarchischen Beziehungen, welche die Verpflichtungen eines Individuums gegenüber dem anderen definierten. Es war eine Welt, in der die materiellen und politischen Verhältnisse nicht auf allgemeinen Verpflichtungen der Individuen gegenüber ihren größeren Gemeinschaften beruhten, sondern auf präzisen Verpflichtungen von Individuen gegenüber ihren jeweiligen Herren. Sogar Schlachten wurden nicht zwischen Armeen geführt, sondern zwischen individuellen Rittern innerhalb von Armeen. \[…\] In Europa wurde die Eignung des Gewohnheitsrechts in Frage gestellt, mit der Begründung, daß die Gebräuche auch falsch sein können. Im Gegensatz dazu wurde nach der vorherrschenden Rechtstheorie des sunnitischen Islam der Konsens der Gemeinschaft als legitime Rechtsquelle anerkannt. \[…\] Der Vertrag, durch den die Genuesen ihre Kommune um 1096 errichteten, war ein Vertrag zwischen Individuen, nicht Clans. Verträge zwischen Genua und anderen politischen Einheiten wurden durch bis zu 1.000 Mitglieder der Kommune unterzeichnet, nicht bloß durch die Konsuln oder Clanoberhäupter. (Greif 2006: 281)

Islamkritische Islamisten

Liegt hier tatsächlich das Erfolgsrezept des Westens? Oder ging er daran zugrunde? Diese Frage bewegte und bewegt auch die islamische Welt — die Antworten könnten nicht unterschiedlicher sein. Der Entwicklungsunterschied zwischen dem Dar as-Salam (der „Friedenspforte“, den islamischen Ländern) und dem Dar al-Gharb (der „Kriegspforte“, den nicht-islamischen Ländern) ist schon lange offensichtlich. Anläßlich einer Konferenz an der Sorbonne sprach der bedeutende Geschichtsphilosoph Ernest Renan 1883:

Jeder Mensch, der ein wenig über unsere Zeit gebildet ist, sieht deutlich die aktuelle Unterlegenheit der islamischen Länder, die Dekadenz der Staaten, die durch den Islam regiert werden, die intellektuelle Bedeutungslosigkeit der Rassen, die sich zu ihrer Kultur und Bildung ausschließlich an diese Religion halten. Alle, die im Orient oder in Afrika waren, sind schockiert von der fatalen Borniertheit des Geistes eines wirklich Gläubigen, dieser Art von Eisenring, der seinen Kopf umgibt und ihn vollkommen verschlossen gegenüber jeder Wissenschaft macht, unfähig, irgend eine neue Idee zu erlernen oder sich ihr zu öffnen. Ab seiner religiösen Initiation im Alter von zehn oder zwölf Jahren wird das islamische Kind, bisher meist ziemlich aufgeweckt, plötzlich fanatisch, voll eines dummen Stolzes, das zu besitzen, was es für die absolute Wahrheit hält \[…\]. Dieser verrückte Stolz ist das grundlegende Laster des Muslims. (Renan 1883: 2f)

Diese Kritik ist berechtigt, übersieht aber, daß sie von Muslimen derselben Zeit genauso formuliert wurde. Die heutige islamische Welt ist keineswegs bloß auf diesem Niveau stehen geblieben, sondern wurde gerade aus dem Erkennen ihres Rückschritts und auf der Grundlage aller möglichen Versuche gewaltsamen Fortschritts umgeformt. Hourani beschreibt etwa die Schlüsse des ägyptischen Denkers Muhammad ‘Abduh:

Die Umma erlebte noch in anderer Hinsicht einen Niedergang. Sogar jene, die das Wesen des Glaubens bewahrten, begannen ihren Sinn für das rechte Maß zu verlieren und den Unterschied zwischen dem Wesentlichen und dem Unwesentlichen zu vergessen. Sie begannen, den detaillierten sozialen Vorschriften der frühen islamischen Gesellschaft dieselbe Bedeutung zu geben wie den Glaubensgrundlagen und forderten denselben ewigen und unhinterfragten Gehorsam. Das war auch eine Art von Exzeß – ein „Exzeß des Klammerns an Äußerlichkeiten des Gesetzes“ (‘Abduh, Risālat al-tawhīd, 1897) und sie entsprang der Angewohnheit blinder Nachahmung (taqlid), die weit von der Freiheit des wahren Islams entfernt ist. Für ‘Abduh war die Verbreitung der taqlid mit dem Aufstieg der Macht der Türken in der Umma verbunden \[…\]. Die Türken, Neulinge im Islam und ohne tieferes Verständnis, konnten die Bedeutung der Botschaft des Propheten nicht erfassen. In ihrem eigenen Interesse förderten sie die sklavische Akzeptanz der Autorität und verdrängten den freien Vernunftgebrauch unter den Beherrschten. Wissen war ihr Feind, denn es würde ihre Untertanen lehren, wie schlecht das Verhalten ihrer Herrscher war, daher erhoben sie ihre Unterstützer in den Rang von Ulema \[islamischer Klerus\], um die Gläubigen abgestumpfte Stagnation in Glaubenssachen und Akzeptanz politischer Autorität zu lehren. Indem die Ulema korrumpiert wurden, begann alles im Islam zu verfallen: Die arabische Sprache verlor ihre Reinheit, die Einheit wurde durch die strenge Aufteilung nach religiösen Schulen aufgebrochen, die Bildung wurde pervertiert, sogar die Lehre wurde korrumpiert, als das Gleichgewicht zwischen Vernunft und Offenbarung umgestoßen und die rationalen Wissenschaften vernachlässigt wurden. (Hourani 2011: 150f).

Heute mag es verblüffend erscheinen, den Türken die Rückschrittlichkeit des Islams anzukreiden und die Araber als Träger des Fortschritts anzusehen. Der treue Scholienleser aber weiß: Die Geschichte liebt Paradoxien und 180-Grad-Wendungen. Übertreibungen lösen Gegenübertreibungen aus. So ist es kein Wunder, daß es gerade die Türkei war, welche die tiefgreifendste Säkularisierung erfuhr. Und ebenso wenig überrascht es, daß nach der Übertreibung des Kemalismus nun der Islam wiederkehrt. Ähnliche Muster zeigt der Iran, über den ich diesmal weniger schreibe, wiewohl er mindestens so faszinierend und aufschlußreich wie der Libanon ist (Mehr über den Iran schrieb ich in den Scholien 05/09).

Zu einem anderen Schluß kam Rachid Rida, der berühmteste Schüler von ‘Abduh. Er war der Überzeugung, daß die Umma die Kraft der Türken unbedingt brauchte. Er träumte von einer neuen Stärkung des Islam durch eine türkische-arabische Verbindung:

Die Araber hatten den wahren Geist des Islam und die arabische Sprache bewahrt; alleine die Türken hatten aber den politischen Zusammenhalt und die Führungsmacht, welche die Umma brauchte. \[…\] Rida hegte zu jener Zeit große Bewunderung für Mustafa Kemal: Ein großartiger Mann, bemerkte er, der leider nichts über den Islam wisse. Wenn er gewußt hätte, was der Islam wirklich sei, wäre er genau der Mann gewesen, den es bräuchte. (Hourani 2011: 242).

Stark beeinflußt von Rida wurde Hasan al-Banna’, der Gründer der Muslimbrüder. Diese spielten eine wesentliche Rolle in Ägypten, bis sie dort 1954 verboten wurden. Wie auch in der Türkei wirkten sie weiter im Untergrund. Bis heute sind sie die maßgebliche sunnitische Erneuerungsbewegung, die freilich zugleich eine Rückschrittsbewegung ist.

Der erwähnte Lehrer Ridas, ‘Abduh, war selbst ein Schüler von Jamal ad-Din al-Afghani, der einer der bedeutendsten islamischen Denker der Moderne war. Er forderte Einheit der Muslime und Reinigung des Islam von falschen Traditionen. Dann sei auch der Islam mit moderner Wissenschaft vereinbar. Paradoxerweise ist Al-Afghani einer der geistigen Väter des Salafismus. Selbst für die strengste salafitische Strömung, die Wahhabiten, findet sich eine solche Paradoxie. Es darf uns wiederum nicht überraschen, daß die aktuell rückschrittlichste Strömung des Islams aus einer Modernisierungsbewegung hervorging. Der Namensgeber der Wahhabiten, Ibn Abd al-Wahhab, lehnte die blinde Nachahmung von Sippentraditionen ab, und wollte den Islam von der osmanischen Korrumpierung befreien. Mit direkten Koranzitaten versuchte er die Auslegungen des Klerus infrage zu stellen und warb damit dafür, Ijtihad wieder anstelle von Taqlid zu setzen. Imad-ad-Dean Ahmad kommentiert dies so:

Es ist eine Ironie, daß die wahhabitische Bewegung von einem Mann begründet wurde, der die blinde Nachahmung ablehnte, die in der islamischen Welt um sich gegriffen hatte. Doch sobald er seine eigenen Ideen darlegte, versuchten seine Gefolgsleute diese durch einen Prozeß blinder Nachahmung anderen aufzuzwingen. (Ahmad 2003)

Dem Vordenker der Salafiyya, Al-Afghani, wurde persische und damit schiitische Abstammung nachgesagt. Das ist bedeutsam, denn in der Schi‘a hat der Klerus eine größere Rolle, und dadurch – so paradox das klingen mag – die Vernunft. Ein zu starker Glaubensdemokratismus ist immer bildungs- und vernunftfeindlich.

Auch wenn es politisch unkorrekt ist: Vernunft spielt bei einer verschwindenden Minderheit von Menschen eine entscheidende Rolle. Diese Menschen sind dadurch nicht unbedingt besser; für das alltägliche Leben ist eine zu starke Vernunftorientierung sogar ein deutlicher Nachteil: Bauchentscheidungen sind schneller und praktischer; unser Intellekt hat zwar die Gabe, Lösungen zu finden, aber in Summe schafft er mehr Probleme. Die Summe, die Statistik, ist freilich nur für Massendemokraten relevant, entscheidend ist das Potential — und dieses ist dank Vernunft unvergleichbar höher. Dennoch, so wie jede andere Begabung, ist Vernunft elitär; selbst die Idee einer Massenvernunft ist das Hirngespinst einer kleinen Elite. Jeder Mensch hat das Potential, sich des Werkzeugs der Vernunft zu bedienen, doch nur bei einer geringen Zahl spielt dieses eine entscheidende Rolle. Sogar bei den allerwenigsten Intellektuellen hat die Vernunft das Sagen, sie dient den meisten bloß als Werkzeug zur Rationalisierung, Legitimierung und Verteidigung von Interessen und Meinungen, die aus einem Bereich stammen, der mit Vernunft im engsten, idealistischen Sinne des Erkenntnistriebes nichts zu tun hat.

Selbstmordattentäter

Der US-Journalist Robert Baer beschreibt in seinem ausgezeichneten Buch The Devil we know diesen Unterschied zwischen Sunna und Schi‘a, der – so meint er – erklärt, warum heutige Selbstmordattentäter niemals Perser sind:

Die Schia weist andererseits in ihrer Religion einen einzigartigen Aspekt auf — etwas, das Ijtihad, die „Anwendung unabhängigen Vernunfturteils“ genannt wird. Ijtihad bedeutet, daß ein geschulter Schia-Imam den Koran nach der Vernunft und Präzedenzfällen auslegen kann; eine streng buchstäbliche Auslegung des Korans ist im schiitischen Islam selten. Wie Hassan Nasrallah selbst in einem Interview mit einer arabischen Zeitung definierte: „Ijtihad erlaubt Anpassungen an die Erfordernisse von Zeit und Ort, erlaubt es, auf neue Herausforderungen zu antworten \[…\].“

Diese Praxis hat es den Schiiten erlaubt, sich wesentlich besser an das 21. Jahrhundert anzupassen. Ein schiitischer Führer wie Nasrallah hat etwa die Autorität, Kriege für zulässig oder unzulässig zu erklären, während es einem sunnitischen Takfiri \[Fundamentalisten\] niemals erlaubt wäre, mit einem Kafir, einem nicht-islamischen Feind einen Kompromiß zu schließen.

Im Gegensatz zu gewöhnlichen Sunniten kann ein Schiit den Koran nicht selbst auslegen. Er benötigt die Hilfe einer vermittelnden Autorität, eines Mujtahid — jemand, der darin geschult ist, unabhängige Vernunfturteile durchzuführen. Nasrallah wurde Generalsekretär der Hisbollah nicht nur, weil er an der Front gekämpft hat, sondern auch, weil er viele Jahre formaler Ausbildung absolvierte, in Koranexegese als auch in Fächern wie aristotelische Logik. \[…\]

Im sunnitischen Islam gibt es hingegen keine Hierarchie und fast keine Disziplin. Eine religiöse Bildung kann darauf beschränkt sein, was ein selbsternannter Scheich in der Moschee erzählt. Sunnitische Takfiris \[…\] sind im Islam viel schwächer verankert. Osama bin Laden ist ein gelernter Ingenieur. \[…\] Schiiten würden hingegen niemals der Fatwa oder einem religiösen Befehl folgen, der von jemandem proklamiert wurde, der so wenig geistliche Ausbildung wie ein bin Laden hat. (Baer 2008: 196)

Wie kommt es dann, daß der Iran als Mutterland aller Selbstmordattentäter gilt? Hierbei muß man unterscheiden zwischen fanatisierten Amokläufern und Selbstmordattentätern als disziplinierte Kriegsmittel, ähnlich den japanischen Kamikazefliegern. Dabei geht es um eine perfektionierte Taktik, die mit Religion wenig zu tun hat. Freilich hat die Islamische Republik nach dem unglaublichen Aderlaß des Iran-Irak-Kriegs einen Märtyrerkult aufgebaut. Dieser Kult hat aber wenig mit Religion zu tun, er ist rein taktisch. Kaum jemand weiß, daß einer der berühmtesten Märtyrer des Iran ein Amerikaner ist: Howard Conklin Baskerville, ein christlicher Missionar (!), der während der iranischen Verfassungsrevolution Anfang des 20. Jahrhunderts Studenten in Täbris gegen das damalige Regime führte und dabei erschossen wurde.

Jeder kriegsführende Staat nutzt die psychologische Logik der Heiligung ihrer Opfer für sich. Denn für Eltern, die ihre Kinder überleben, ist das einzige, was noch schlimmer als deren Tod ist, daß dieser Tod sinnlos wäre. Darum bemühen sich Staaten stets darum, dem Tod ihrer Gefallenen Sinn zu geben, von der Leichenrede des Perikles bis zu heutigen Politikeransprachen. Dadurch machen sie die schlimmsten Leidtragenden ihrer Politik zu ihren größten Unterstützern. Man achte darauf, mit welcher Aggressivität die Eltern von Gefallenen auf Zweifel an der offiziellen Kriegspolitik reagieren: Sie haben panische Angst, daß ihnen auch der letzte Trost genommen wird. Diese zynische Taktik funktioniert leider bestens, und kein Staat hat diese Taktik so perfektioniert wie der Iran. Die überwiegende Mehrheit dort erkennt die „Islamische Republik“ längst als Farce, dennoch ist das Regime das wohl solideste in der Region. Denn sollte sich die „Islamische Revolution“ tatsächlich als gescheitert und damit sinnlos erweisen, würde das unermeßliche Leid, das die Menschen dafür auf sich nehmen mußten, seines Sinns beraubt und damit schmerzlich hochkommen. Noch regiert die unausgesprochene Hoffnung, daß die „Islamische Revolution“ bloß von ihren Kindern korrumpiert und verunreinigt wurde. Tatsächlich ist sie korrumpiert, aber in ganz anderem Sinne als die meisten Iraner und die meisten Beobachter meinen. Macht korrumpiert – sie bricht Grundsätze. Sie bricht allerdings nicht nur gute, sondern auch schlechte Grundsätze. Das heutige Regime des Iran ist weit rationaler als das damalige, revolutionäre — nämlich von allerlei falschen Grundsätzen bereinigt. Der Machterhalt hat diszipliniert. Natürlich ist Ahmadi-Neschad nicht der Kopf des Regimes, was ich schon bei seinem Amtsantritt schrieb, heute aber offensichtlicher ist. Das wahre Regime ist ein militärisch-industrieller Apparat, ein verdeckter „Staatskonzern“ – genauso wie in Syrien, aber auch in den USA (dort ein militärisch-finanzieller Apparat, die Industrie spielt kaum mehr eine Rolle). Aber Schlagzeilenkonsumenten halten wohl auch Baschar al-Assad für den „Diktator“ Syriens. Taqlid, überall taqlid!

Über die Kriegstaktik, die der Iran entdeckte und perfektionierte, schreibt Robert Baer:

Die Modernisierung des Guerillakriegs durch den Iran kann zurecht als eine militärische Entwicklung betrachtet werden, die so wichtig ist wie die Einführung des Maschinengewehrs im Ersten Weltkrieg oder des Panzers im Zweiten Weltkrieg.

Im April 2008 erzählte mir ein Hisbollah-Vertreter: „Wir haben die USA und Israel analysiert. Wir wußten, daß sie allzu viele Verluste nicht tragen können, daß eine kleine, aber stetige Zahl von Toten das Volk gegen den Krieg aufbringen würde, und sie den Rückzug antreten. Genau das werden wir im nächsten Krieg nutzen.“ \[…\]

Im Iran-Irak-Krieg erkannte der Iran, daß er mehr Gefechte mit unkonventionellen Taktiken und asymmetrischer Kriegsführung gewann als mit massiven Frontalangriffen. Doch von noch größerer Bedeutung war der Libanonkrieg, der im selben Zeitraum geführt wurde und ein neues Paradigma schuf. 1988 war der Libanonkrieg im sechsten Jahr, und der Iran konnte die Tatsache nicht übersehen, daß der islamische Widerstand dort mit bloß wenigen Tausend Guerillakriegern relativ gesehen mehr Boden gewonnen hatte als die iranische Armee im gesamten Iran-Irak-Krieg. Irans Stellvertreter im Libanon hatten einen erfolgsversprechenden Weg entdeckt. (Baer 2008: 96f, 98f)

Die Schiiten erwiesen sich als perfektes Menschenmaterial für diese Taktik. Ihre – um mit Canetti zu sprechen – „Klagereligion“ nimmt jedes Leid in Kauf, wenn es gemeinsam diszipliniert getragen wird und einem höheren Sinn dient. Baer beschreibt den schiitischen Kampfgeist so:

Die Schiiten betrachten die Welt aus einer Perspektive, die uns völlig fremd ist. Sie haben 1300 Jahre Unterdrückung und wirtschaftliche Entbehrung durchlebt, sie wurden von Sunniten abgeschlachtet; sie sind zu zäh und blutgewohnt, um sich von unserem Glauben an Demokratie und Liberalismus aus dem 19. Jahrhundert besänftigen zu lassen. Dazu kommen ihre Verschwiegenheit, ihre Clan-Loyalitäten, ihre Frömmigkeit und ihr Mut, unter Beschuß nicht davonzulaufen, sodaß die Schiiten ein nahezu unbesiegbarer Feind sind. Die Israelis kämpften im Libanon nicht gegen eine Armee, sondern einen grimmigen Stamm, der eher stirbt als aufgibt.

Tatsächlich sind es Blutsbande, welche die Schiiten zu stark machen. Die Schiiten, die in den südlichen Vororten von Beirut leben, kennen einander, wobei ganze Familien und Clans im selben Block siedeln. Sie wissen über die Geburt eines Kindes, eine Hochzeit, wem es gut geht und wem nicht. Sie wissen, wer die Gläubigen sind, die Alkoholiker, die Schürzenjäger, wem sie vertrauen können und wem nicht. Sie wissen, wer kämpfen wird und wer nicht. Es gibt keinen Weg für Außenseiter, diese Bande zu brechen, nicht einmal durch eines der heftigsten Bombardements der Geschichte, wie jenes, das Israel 2006 durchführte.

Die Schiiten sprechen auch nicht offen. Ihre Sekte hat ein spezielles Charakteristikum, das taqqiah genannt wird — die Erlaubnis für einen Gläubigen, zu lügen, um den Glauben zu schützen. Diese Art sanktionierter Täuschung beeinflußt jeden Aspekt des schiitischen Lebens, insbesondere, wenn sie mit Außenseitern zu tun haben. Bei einem Gespräch oder auch dem Mithören eines Gesprächs unter Schiiten ist es nahezu unmöglich, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Jeder Satz hat einen inneren Sinn, den ein Schiit sofort erkennt, aber ein Nicht-Schiit nicht verstehen kann. Taqqiah ist einer der Gründe, warum die amerikanischen und israelischen Geheimdienste niemals effektiv in die Hisbollah eindringen konnten. (Baer 2008: 74f)

Iranische Außenpolitik

Im Libanon gelang es dem Iran, mit nur wenigen hundert Kämpfern und Klerikern das halbe Land in eine iranische Kolonie zu verwandeln. Ayatollah Khameini nannte dies „den größten außenpolitischen Erfolg des Iran“ und drohte im Jahr 2000 an, das Erfolgsrezept in der gesamten islamischen Welt zu wiederholen, „bis der gesamte Islam befreit ist“. Hätte man bloß auf ihn gehört! Ähnliche Erfolge gelangen dem Iran in Afghanistan und Irak, zu allem Überdruß dank der amerikanischen Vorarbeit. Der Südirak ist heute ebenfalls eine iranische Kolonie. Die Effektivität im Vergleich zur amerikanischen Kriegsführung ist verblüffend.

Entsprechend verzweifelt sind die sunnitischen Saudis, die ihre Existenz allein dem amerikanischen Militär verdanken. Darum buttern sie heute so viel Geld wie möglich in den syrischen „Widerstand“. Das hat wenig bis nichts mit Religion zu tun, aber sehr viel mit Machtpolitik. Gegen die iranische Übermacht hat Saudi-Arabien keine Chance (allein die reguläre Armee des Iran ist viermal so groß wie die Saudi-Arabiens). Entlang des Persischen Golfes leben 90 Prozent Schiiten und sitzen damit auf 55 Prozent der globalen Ölreserven. Mit jedem weiteren Staat, der in den iranischen Einflußbereich fällt, steigt die Bedrohung für das saudische Regime.

Immerhin halten die Saudis die heiligsten Stätten des Islam. Dort sind sie für unglaubliche Zerstörungen verantwortlich, sie haben, um den Islam von heidnischen und osmanischen Einflüssen „zu reinigen“, sämtliche Kulturgüter zerstört, sogar die Gräber von Mohammed und seiner Familie. Zugleich zeigt sich das paradoxe Zusammenspiel von Modernismus und Wahhabiyya: Mekka ist heute eine hochmoderne Stadt mit Wolkenkratzern, wo alles der technokratischen Pilgeroptimierung unterworfen ist.

Der Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten ist dabei nur Instrument von Machtblöcken. Er trat nahtlos an die Stelle des alten Gegensatzes zwischen Persern und Arabern. Die meisten Intellektuellen mißverstehen die Bedeutung solcher Identitäten. Wenn man sie unterdrücken will, kehren sie in anderer Form umso heftiger wieder. Der Mensch hat einen inneren Trieb zur Differenzierung. Die Abtrennung ist die notwendige Bedingung jeder Aneignung der Welt, und damit auch jeder Sinnfindung im materiellen Hier und Jetzt. Man kann schimpfen über dividere et imperare (teilen und herrschen), über das privare (entziehen) des Privaten, überwinden kann man dies nur mit einer Jenseitsorientierung. Letztere ist aber in den meisten Fällen dann doch nur ein Vorwand, nämlich der denkbar beste, für weltliche Ambitionen. Die apokalyptische Jenseitsvision der Schiiten sollte sich als bessere Fassade für die diesseitige Ausdehnung iranischer Herrschaft erweisen als der imperiale Habitus des letzten Pseudo-Schahs. Der innere Abgrenzungstrieb des Menschen, sein Nestbautrieb, seine Aggressionen entsprechen seiner Natur; unorganisch und krebserregend sind bloß die politischen Bewirtschaftungen dieser urmenschlichen Neigungen. Wenn es keine Schiiten gäbe, hätten die Iraner sie erfunden. Sektenbildung ist die natürliche Entwicklung, wenn die gemeinsame Grundlage nicht trägt.

Auch die Frontstellung gegen Israel ist vorwiegend machtpolitisch bedingt, mit Antisemitismus hat dies relativ wenig zu tun (wenngleich Vorurteile die Sache erleichtern). Für den Iran ist die Palästinenserfrage von größter Wichtigkeit, denn dabei handelt es sich um einen Konflikt, der sich politisch bewirtschaften läßt. Die Ordnung des Nahen Ostens, die auf sunnitischer Übermacht beruhte, hat jedenfalls in dieser Frage völlig versagt. Die Sunniten haben bislang jeden Krieg gegen Israel verloren. Der sensationelle Erfolg der Hisbollah und die Rhetorik Irans haben dabei zu viel Anerkennung unter Muslimen geführt. Robert Baer zitiert einige aufschlußreiche Umfragen: 2008 nannten Araber als die drei populärsten Führer im Nahen Osten: Nasralla, Ahmadi-Neschad und Assad – erstere Schiiten, letzterer Alawit. 55 Prozent der sunnitischen Palästinenser hatten 2007 eine positive Meinung vom Iran, 85 Prozent befürworteten die Entwicklung einer iranischen Atombombe. 60 Prozent der sunnitischen Jordanier betrachteten 2006 die Hisbollah als legitime Widerstandsorganisation, die das Erbe der PLO antreten könne. 40 Prozent der Ägypter und 42 Prozent der Marokkaner, ebenfalls Sunniten, sahen den Iran positiv. Solche Zustimmungen von Arabern für Perser, von Sunniten für Schiiten sind sensationell. Während die US-Botschaft in Kabul kaum zu sichern ist, picknicken vor der ungesicherten iranischen Botschaft Familien. Wie war dem Iran das gelungen? Baer erklärt es so:

Im Gegensatz zu den anderen Mächten im Nahen Osten hat der Iran gelernt, wie er die Abermillionen Unterdrückten ansprechen kann. Die verärgerten, stolzen, entrechteten Schiiten, die frustrierten Sunniten — alle mit einem Groll und der Bereitschaft zu kämpfen. Iran stahl das prometheische islamische Feuer, was den Sunniten nicht gelang, und organisierte die Gläubigen in einer disziplinierten militärischen Kraft, wie sie die Welt seit den Osmanen nicht mehr gesehen hatte. (Baer 2008: 71)

Dazu wurden die Prinzipien der Islamischen Revolution längst aufgegeben; diese spielt nur noch eine folkloristische Rolle als Fassade. Der Klerus wird politisch ausgewählt, auch im Libanon und im Irak. Die traditionelle schiitische Geistlichkeit wurde im Irak ebenso abserviert wie im Iran. Mittlerweile finanziert der Iran sogar Gruppen wie die PKK und Hamas, die mit der vermeintlichen Staatsreligion des Irans nichts am Hut haben. Niemals versucht der Iran dabei zu missionieren, iranische Truppen in fremden Ländern zu stationieren oder Andersgläubige zur Konversion zu drängen. Während im irakischen Kurdistan heute hunderte amerikanische Missionare am Werk sind, findet sich kein einziger schiitischer Missionar dort, obwohl der Iran dort mittlerweile einen wesentlich größeren Einfluß als die USA hat. Robert Baer stellt deshalb die Frage: Wer sind da die „religiösen Fundamentalisten“? Mein Kollege Johannes Leitner widerspricht dieser Suggestion mit dem Einwand, es sei nicht offizielle Politik der USA, zu missionieren — im Gegenteil. Die Missionare seien aus Eigeninitiative dort. Und Missionierung habe auch nicht unbedingt etwas mit Fundamentalismus zu tun.

Hinsichtlich der Hamas gelang dem Iran ein Geniestreich, den Baer dokumentiert hat. 1992 jagte Israel 415 Mitglieder der Hamas-Führung in den Libanon und hoffte, damit die Intifada durch „Enthauptung“ der Hamas zu beenden. Doch an der libanesischen Grenze wartete bereits die Hisbollah auf die Hamas-Kader und versorgte diese mit Unterkünften, Kleidung und Nahrung. Die zugänglichsten Hamas-Kader wurden mit iranischen Stipendien versorgt und trainiert. Der Iran handelte, während die arabischen Staaten nur groß redeten. Daraufhin adaptierte die Hamas das Erfolgsrezept der Hisbollah und des Iran: Strukturen schaffen, subtil wirken, Alternativen anbieten. Hamas und Hisbollah sind die erfolgreichsten Parteien der Neuzeit, indem sie als Staat im Staat agieren. Die Menschen nehmen sie nicht als Interessensgruppen von Machtpolitikern war, die nach Ämtern streben, sondern als disziplinierte Milizen, die ihr Leben und Geld einsetzen, um Sicherheit und Wohlfahrt zu bieten, wo andere um die Tröge raufen.

Jede Seite ist die falsche

Die einzige Hoffnung, die iranische Übermacht zu besiegen, besteht nun darin, die Sunniten gegen den Iran aufzubringen. Der Westen kann dabei allenfalls eine Hilfsfunktion erfüllen, indem er salafistischen Meuchelmördern den Weg freibombt. Syrien ist das aktuelle Schlachtfeld. Man beachte, wie die Teilnahme der Hisbollah sogleich das Blatt zugunsten des Assad-Regimes wendete, zum Preis freilich, daß die Polarisierung zunimmt. Syrien ging einen faustischen Pakt ein, weil kein Ausweg mehr frei war. Wenn es dem Iran gelingt, das Regime zu retten, wird es ein iranisches Marionetten-Regime sein. Dennoch ist dies die bessere Option für Syrien und vor allem die Alawiten.

Syrien hatte sich zunächst bemüht, Frieden mit der sunnitisch-westlichen Achse zu erreichen und in einer blockfreien Position zu überleben. Deshalb kooperierte Syrien mit den USA, indem der syrische Geheimdienst alle Informationen über Zellen der Muslimbrüder an die USA weitergab. Zugleich war Syrien freilich eine zentrale Drehscheibe, über die islamistische Terroristen in den Irak geschleust wurden. Das syrische Regime hatte daran bloß deshalb ein Interesse, weil dies ein Ventil war, um selbst vom sunnitisch-fundamentalistischen Terror verschont zu bleiben. Es hatte schon einmal die Kraft dieser Gruppierungen erlebt, als die Muslimbrüder Hama übernahmen und von dort aus das Regime bedrohten. Hafez Al-Assad machte kurzen Prozeß: die blutige Niederschlagung des Aufstands ist heute als „Hama-Massaker“ bekannt.

Irgendwann reichte das Ventil nicht mehr. Saudi-Arabien und die Türkei fühlten sich zudem durch die iranische Dominanz bedroht. Als sich ein arabischer Frühling ankündigte, lachte sich der Iran eins ins Fäustchen und unterstützte die Proteste. Insbesondere das überwiegend schiitische Bahrain sollte das Lager wechseln. Da kamen dem Iran eigene Proteste in die Quere, die ähnlich waren, wie jene, die sich gerade in der Türkei abspielen. Aus Gründen der geopolitischen Optik mußte das iranische Regime hart durchgreifen und wird alles daran setzen, weitere Proteste im Keim zu ersticken.

Den syrischen Alawiten blieb in der zunehmenden Polarisierung jedenfalls nur noch eine Wahl: Entweder sunnitische Fundamentalisten oder der Iran. Letzterer kostet die Souveränität. Erstere kosten das Leben. Es steht außer Zweifel, daß den Alawiten, sowie den Christen, unter salafistischer Oberhoheit ein Genozid blüht. Der Westen steht heute auf Seiten der Salafisten – eine paradoxe Wendung und zugleich Erfüllung der Geschichte. Im Nahen Osten toben keine „mittelalterlichen Zustände“, keine rückständigen Weltbilder, „denen erst noch eine Aufklärung fehlt“, keine Dunkelheit, in die facebook und twitter, Entwicklungshelfer und Missionare, Politberater und Zentralbanker erst Licht bringen müssen. Ganz im Gegenteil kulminiert die Entwicklung der Moderne, der Wahnsinn des 20. Jahrhunderts, dort mit einiger Verspätung.

In der zunehmenden Polarisierung wird es immer schwerer, sich nicht auf eine Seite zu schlagen. Vielleicht ist das die wichtigste Aufgabe des Gelehrten, den Wahnsinn jeder Seite verständlich zu machen, sodaß die Polarisierung nicht in der gegenseitigen Vernichtung endet. Jede Seite ist die falsche. Das bedeutet nicht, daß man sich keine Wertungen erlauben darf. Meine Scholien sind bei allem Erkenntnisdrang voll von Wertungen, subjektiven Einschätzungen; sogar Wut findet ihren Platz.

Ich konnte nur an der Oberfläche der Verstrickungen kratzen, die in einer relativ kleinen Region dieses Planeten verborgen sind; dennoch hoffe ich, damit ein Gefühl für die Unzumutbarkeit von Schlagzeilen-Politik zu fördern. Was tun? Das Morden im Nahen Osten läßt sich weder vom Sofa aus, noch mit der Waffe in der Hand vor Ort beenden. Das einzige, was wir tun können, wir noch ungeschorenen Beobachter, ist daraus zu lernen. Die Geschichte ist nämlich noch lange nicht zu Ende. Wenn wir Übel nicht mit den Händen beheben können, wenn auch die Zunge nichts mehr ausrichten kann, dann bleibt uns noch die Herzensbildung. Um dann, wenn es darauf ankommt, die rechten Worte zu finden und die rechten Taten zu setzen. Ijtihad!

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Literatur

M. Abbud (1952) Ruwwad al-nahda l-haditha - Die Pioniere der modernen Renaissance. Beirut.

Robert Baer (2008): The Devil we know – Dealing with the new Iranian Superpower. Crown Publishing Group. tinyurl.com/baer222

Imad-ad-Dean Ahmad (2003): „Revealed Libertarianism.“ A Reason Interview. Tim Cavanaugh. July 28, 2003. tinyurl.com/ahmad222

Nicolas Bennet-Jones (2013): „The Sabra-Shatila Massacre And The End Of A Love Affair“, in: theriskyshift.com, 11.2.2013 tinyurl.com/bennet22

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Constantin Francois Volney (1959): Voyage en Égypte et en Syrie. Paris: La Haye.

# \ Inhaltsverzeichnis

Bedienungsanleitung 2

Handelsvölker 4

Antifragilität 9

Schweizer Idylle 13

Polizeigewalt 21

Rechtliche Wiedergutmachung 26

Berge & Freiheit 31

Versteckte Urchristen 35

Israelische Verschwörungen 42

Gesellschaftsvertragsfiktionen 46

Braunhemden für Israel 51

Nationale Aggressionen 56

Erziehungsprobleme 60

Befehlsstacheln 65

Nähe ohne Liebe 69

Modernisierung des Orients 73

Einkaufszentren und Autos 81

Istanbul brennt 85

Der Preis der Moderne 89

Kriegsbegeisterung 94

Rätselhafte Doppelstadt 99

Paradoxie der Masse 106

Orientalische Fernsehsender 111

Symbolische Wälder 114

Phönizismus 121

Syrische Nazis 123

Völkische Unkorrektheiten 127

Verfolgte Geldleute 140

Bartholomäusnacht 145

Massakerkunde 150

Kriegsreligion Islam? 156

Massakerlegitimierung 164

Massakerkunde II 170

Sog der Weltpolitik 182

Islamischer Kollektivismus? 189

Islamkritische Islamisten 199

Selbstmordattentäter 207

Iranische Außenpolitik 215

Jede Seite ist die falsche 222

Literatur 227

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