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Nachhaltigkeit – Scholien 02/12

02.02.2012

Bedienungsanleitung

Dieses Büchlein enthält persönliche Gedanken und Beobachtungen sowie ausgewählte Texte und ist primär für Seelenfreunde des Verfassers gedacht. Mit Scholion bezeichnete man ursprünglich eine Randnotiz, die Gelehrte in den Büchern anbrachten, die ihre ständigen Wegbegleiter waren. Als Bücher noch teuer und selten waren, wurden sie oft geteilt und die geistige Auseinandersetzung wurde in Kom­mentaren zur gemeinsamen Lektüre geführt. Heute gibt es so viel mehr zu lesen, aber nur wenige haben dazu die Muße.

Ich habe es zu meiner Berufung gemacht, viel zu lesen und zu schreiben. Die Scholien sind eine Anregung für Vielleser, aber vielmehr noch eine Dienstleistung für Wenigleser. In dieses kleine, handliche Format versuche ich die Erkenntnisse aus meiner umfangreichen Lektüre zu komprimieren und so mit meinen Freunden eine große Bibliothek zu teilen. Die meisten zitierten Werke sind in unserer Institutsbibliothek vorhanden und können von Abonnenten entliehen werden (bitte um Voran­mel­dung per E-Mail). Doch es ist kein bloßes Bücherwissen, das ich vermitteln will. Immer wieder beziehe ich mich auf die Realität abseits der Bücher, denn die Theorie – die Anschauung – ist nur da sinnvoll, wo sie etwas zu schauen hat. Mit meinen Kollegen im Institut für Wertewirtschaft verstehe ich mich als praktischer Philosoph. Die Scholien jedoch sind kein systematisches philosophisches Opus, sondern sammeln gewissermaßen die Späne, die mir beim geistigen Bearbeiten der größeren Scheite für das Feuer der Erkenntnis zufallen.

Das Motto vornan ist zufällig aus dem Text gewählt, dazu gestaltet die Künstlerin Ingeborg Knaipp den Umschlag. Das Lektorat übernahm diesmal Kerstin Strobach. Beim mühe­vollen Erstellen der Exzerpte aus meiner stets vieltausend­seitigen Lektüre, Recherchen und Übersetzungen halfen mir Hendrikje Machate und Johannes Leitner; Barbara Fallmann nimmt mir viel vom praktischen Aufwand ab, der anfällt, um meine Gedanken in die Postfächer der Leser zu befördern und meine Leser zu betreuen. Die zahlreichen Zitate sind meist eigene Über­setzungen. Die verwendete Literatur ist nun gesammelt am Ende angeführt. Administrative Anfragen bitte an [email protected] senden, inhaltliche Anregungen und Fragen bitte an [email protected]. Falls der geschätzte Leser dieses Exemplar zur Ansicht erhalten hat, würde ich mich freuen, ihn auch künftig als Adressat dieser freundschaftlichen Korrespondenz zu wissen: wertewirtschaft.org/scholien/

[[[[[[[]{#watch-headline-title2 .anchor}]{#eow-title2 .anchor}]{#btAsinTitle1 .anchor}]{#watch-headline-title .anchor}]{#eow-title .anchor}]{#btAsinTitle .anchor}]{#hdr_article-headline .anchor}Nachhaltige Reden

Die zeitweilige Hitze erinnert mich daran, daß die nächste Jahreszeit heranbricht und ich die treuen Leser nicht allzu lange warten lassen sollte. Vom saisonalen Schreiben erhoffe ich mir eine größere Nachhaltigkeit meiner Schrift. Je natürlicher der Rhythmus, desto leichter sollte er einzuhalten sein - so mein Gedanke. Und doch habe ich es als notorischer Müßiggänger wieder verschlafen, ohne Hast der Zeit voraus zu sein. Der fruchtbare Sproß, dessen Moment gekommen ist, wird stets zeitgerecht aus dem Boden getrieben, ohne Wecker oder andere künstliche Nachhilfe. Ich hingegen muß noch kräftig an meiner Erdung arbeiten; möge mir eines Tages das Richtige mit noch größerer Leichtigkeit und ohne jeden Druck von der Hand gehen. Einstweilen noch reißt mich der Strom der Ablenkungen allzu oft von meinem Wurzelwerk weg. Dabei aber wachse ich selbst, manch Ablenkung reißt aus falschen Bahnen und legt neue Wurzeln. So möge mir der Leser meinen steten Verzug nachsehen; so wie auch ich nicht allzu streng zu mir sein will. Größere Effizienz wäre womöglich gar nicht nachhaltig, sondern Raubbau am Selbst.

Nachhaltig - ein großes Wort, allzu sehr in Mode. Allem Modischen bringe ich eine intuitive Skepsis entgegen. Als ich unlängst vor den Tiroler Größen aus Wirtschaft und Politik, dem Landeshauptmann inklusive, zur Nachhaltigkeit sprechen sollte, bat mich die Organisatorin inständig, doch mit dem Begriff nicht allzu scharf ins Gericht zu gehen. Schließlich sei man in Wirtschaft und Politik neuerdings ganz stolz auf dieses Ziel; an dem Abend wollte man sich gegenseitig dazu beglückwünschen. Aus einem ehrlichen Unbehagen heraus leistete man sich aber zur Gewissensberuhigung einen der unbequemeren Philosophen. Der Moderator sprach dem Publikum Trost zu, es müsse die Sache nicht so ernst nehmen: Morgen hätte man ohnehin schon wieder alles vergessen, so interessant der Vortrag auch sein möge. Am Schluß meinte der Kammerpräsident unter vier Augen beim Galadiner nachdenklich - vielleicht hatte ich zumindest ihn zum Nachdenken gebracht - eigentlich sollte man sich solche Galas sparen. Allein die örtliche Wirtschaftskammer produziert mit dem Geld ihrer unfreiwilligen „Kunden“ neben bunten Druckerzeugnissen mehr als 1.000 solcher Anlässe per Jahr (!).

Das Essen und die Aussicht über Innsbruck waren jedenfalls ganz ausgezeichnet. Mein schlechtes Gewissen dämpfte ich ein wenig mit der geringen Aussicht, den anwesenden Funktionären mit meiner Standpauke vielleicht ebenso Gewissensbisse beschert zu haben, sodaß sie ganz gewiß nie wieder Kammergeld für Philosophen verschwenden würden. Meinem Gemüt entsprechend blieb ich dabei ganz diplomatisch und höflich. Mein Kollege Eugen Maria Schulak hat bei ähnlichen Galas schon für handfeste Eklats gesorgt, bei denen Anwesende schreiend den Saal verließen, wie er mir beichtet. Vielleicht ist das der nachhaltigere Weg; ist eine Stilfrage. Mittlerweile steht er wohl auf allen schwarzen Listen und kommt immer seltener in die Verlegenheit, gegen Erpressungsgeld zu philosophieren.

Lakaien der Macht

Das mit dem Geld ist so eine Sache: Der Philosoph leidet am allermeisten darunter, daß zwischen „Staat“ und „Markt“ nicht mehr viel übrig bleibt. Die Anführungszeichen zeigen schon, daß ich zwar weder markt- noch staatsfeindlich im ursprünglichsten Wortsinne bin, aber die Verstrickungen, die heute unter diesen Bezeichnungen firmieren, verachte. Immer mehr hat man es mit zwei analogen Funktionärsapparaten zu tun, sodaß ich folgende paradoxe, aber sehr bittere Beobachtung machen mußte: Es ist mittlerweile wahrscheinlicher, als staatskritischer Philosoph zu einem staatsfinanzierten Anlaß eingeladen zu werden denn zu einer Unternehmergala. Freilich gibt es da einerseits den steten Versuch, unbequeme Geister mit Geld gefügig zu machen und als gezähmte Hofnarren zu halten. Doch ein anderer Aspekt überwiegt: Ineffizienz schafft manch Freiraum. Bürokraten können sich ideologische Fehler, Eigenheiten, Experimente eher leisten und trauen sich manchmal mehr als die meisten Angestellten. Das ist kein Lob der Bürokratie, sondern eine Schelte der zum Teil abgrundtief dummen, sich anbiedernden „Wirtschaftskreise“. Bei den nutzenoptimierten Events der Privatwirtschaft ist oft erstaunlich wenig Platz für kritische Stimmen - man will es sich nicht verscherzen. Wenn der Unternehmer der Diener des Kunden ist, und der Kunde zunehmend im Geflecht von Staat und Banken zu Hause ist, wird der Unternehmer eben zum Lakaien der Macht. So kommt es, daß heute unverhohlen etatistische Redner und Institute wohl die meisten privaten Gelder erhalten. Selten ist dies böse Absicht. Der Angestellte, der den Event organisiert, geht auf Nummer sicher und läuft mit.

Insgesamt freilich ist das Galaunwesen ein Blasenphänomen und eng an Subventionen und Kredite geknüpft. Im Wirtschaftssystem des Interventionismus führt die übertriebene Notwendigkeit des „Networking“ allerdings auch zu einer privaten Eventindustrie (siehe Scholien 02/10). In Summe treibt dies Vortragshonorare in die Höhe, wovon Intellektuelle profitieren - freilich nicht in gleichem Maße. Auch unser Institut profitiert am Rande von den hierbei abfallenden Krümeln. Am allerhöchsten sind stets die Honorare derjenigen Redner, die den Nimbus der Macht haben: Ex-Politiker, Banker, subventionierte Weltretter.

Letztlich bietet die Eventindustrie aber auch eine der letzten Möglichkeiten für Intellektuelle, abseits direkter Staatsanstellungen zu überleben. Dies hilft wiederum als Trostpflaster, die bizarr geringen Autorenhonorare zu akzeptieren. Von den Einnahmen aus jedem verkauften Buch gehen ca. 50 Prozent an den Staat, 15 Prozent an den Handel, 30 Prozent an den Verlag und 5 Prozent an den Autor. Jeder Sachbuchautor findet sich also rasch damit ab, in Büchern ein Werbeinstrument und keine direkte Einkommensquelle zu sehen.

Doch auch der Werbeeffekt hält sich sehr in Grenzen. Mit einiger Ernüchterung stellten wir fest, daß auch der Bestseller-Erfolg unserer Bücher und die gewaltige Medienpräsenz keine erkennbaren Mehreinnahmen für unser Institut brachten. Dazu ist die Rezeption in unserer übersättigten Mediengesellschaft mittlerweile viel zu flach. Wenn man das Spiel nicht mitspielt und die Konsumenten über alle Kanäle mit aufdringlichen Produkten zumüllt, bleibt in etwa folgender Eindruck übrig: „Aja, Systemtrottel und Wutbürger, das neue Programm vom Düringer. Die Programme vom Düringer schreibt’s ihr?“ Der arme Roland kann ein Lied von diesen Schablonen singen, da kommt er nämlich nicht mehr heraus. Aufgrund seiner frühen Filme und Kabarettprogramme wird er wohl immer der Prolokomiker bleiben, auf den das feinere Bobo-Publikum, dessen Liebe für das Proletariat reine Pose ist, verächtlich herabblickt.

Massenmäzene

Als selbständiger Intellektueller zu überleben ist ähnlich schwierig wie die Laufbahn des selbständigen Kabarettisten. Man kann sich einen Namen machen, das heißt zur Marke werden, und dann von Auftrittsbuchungen leben. Dazu muß man sich medial prostituieren. Oder man findet eine Möglichkeit, „content“ zu monetisieren. Dazu lockt man über inflationären Gratis-content eine Masse von Dauerzahlern zu exklusiven, kostenpflichtigen Angeboten. Das machen die Anlegerbrief-Vertreiber. Die dritte Möglichkeit: Man wird zum professionellen Schnorrer und hält sich Mäzene.

Freilich habe ich nun deutlich übertrieben. Vielleicht liegt das daran, daß in unserer vermassten Zeit die erfolgreichen Dinge oft Übertreibungen sind. Im rechten Maß scheint jeder dieser drei Wege passabel: Erstens Vertrauen aufbauen durch Vorleistungen, zweitens von den Honoraren derjenigen zu leben, denen man dient, drittens Unterstützung von Menschen gewinnen, denen die Sache an sich wertvoll ist, unabhängig vom direkten eigenen Nutzen.

Eine amerikanische Künstlergruppe bemüht sich darum, den dritten Weg neu zu gehen, der seit Verdrängung privater Mäzene durch den Staat schwierig scheint. Sie haben das „Consortium“ gegründet. Dabei soll Crowdfunding via Kickstarter einen Topf dotieren, aus dem Künstler ein „faires“ Gehalt beziehen, das ihnen die „Freiheit“ zum kreativen Wirken ermöglicht. Im Gegenzug stellen diese ihre Werke der public domain zur Verfügung. Auf gut Deutsch: Das Veröffentlichen bestimmter Werke, die kostenlos und uneingeschränkt weiterverwendet werden dürfen, wird von dem Aufkommen eines gewissen Betrages per Kleinspenden abhängig gemacht, die über eine elektronische Plattform gesammelt werden. Initiator ist der Autor Aaron Pogue, der mit selbstpublizierten, digitalen Phantasieromanen beachtlichen Erfolg erzielt hat und bereits einen Fankreis aufbauen konnte, der ihm gewiß einige Spenden zuwehen wird. Er schildert die Idee so:

Viele Künstler werden Ihnen sagen, dass sie zu einem gewissen Zeitpunkt gezwungen waren, die grausame Entscheidung zwischen ihrer Kunst und einem „echten“ Job zu treffen. Die ehrlicheren unter ihnen werden sagen, dass dies der Wahl gleichkam, welches ihrer Gliedmaßen zu amputieren sei. Das Konsortium sieht die ganze Frage als die Entscheidung einer vergangenen Zeit und versucht sie mit einem Modell einer noch weiter vergangenen Zeit zu beantworten.

Wir wollen das Modell einer neuen Patronage begründen. Das Konsortium stellt ernsthafte, talentierte Künstler ein, die hauptberuflich ihre Kunst ausbilden und große Werke schaffen. Anders gesagt, das Konsortium dient als traditioneller Arbeitgeber, der die üblichen Leistungen zur Verfügung stellt (Gesundheits- und Pensionsversicherung, Urlaub und Krankentage) sowie konkurrenzfähige Löhne. Der „echte“ Job des Künstlers ist an seiner Kunst zu arbeiten.

Während das Konsortium einen Teil der Zeit seiner Künstler für „Konsortiumprojekte“ vorsieht – interdisziplinäre Projekte unter der kreativen Leitung der Meisterkünstler des Konsortiums – wenden die Künstler den Großteil ihrer Zeit auf, selbständig ihre Fähigkeiten zu vervollkommnen und an Projekten, die sie interessieren, zu arbeiten. Ihr Einkommen hängt ab von der Qualität und dem Qualitätszuwachs ihrer Arbeit, nicht aber von der wechselnden Nachfrage des Massengeschmacks oder von Rentabilität. Künstler des Konsortiums sind frei, ihre Aufmerksamkeit auf ihre wirklichen Vorstellungen zu richten und sie in ungetrübter Form auszudrücken, ohne Berücksichtigung wirtschaftlicher Interessen.

Mittels diesen Modells gewinnt offensichtlich sowohl der Künstler als auch das Konsortium. Noch besser, die Gemeinschaft gewinnt. Und die Kultur gewinnt ebenfalls.

Jedes Kunstwerk das vom Konsortium finanziert wird unmittelbar zum Gemeingut. Keine Urheberrechtsprozesse. Keine Nutzungsbeschränkungen. Elektronische Bücher und Musikdateien des Konsortiums werden ohne gesetzliche Auswirkungen frei übertragen. Bilder können in Flugblättern, als Illustrationen für Blog-Artikel oder für große Werbekampagnen verwendet werden. Unsere Arbeit bereichert frei und offen Kultur und Gemeinschaft, sei diese unsere Heimatstadt oder die globale Nachbarschaft des Internets.

Deswegen ist das Konsortium, um seine Künstler zu bezahlen, auf die Unterstützung der Gemeinschaft angewiesen. Wir hoffen, unsere Gemeinschaft zu bereichern, indem wir hochwertige Kunst zur Verfügung stellen, die so viel mehr ist als bloße Unterhaltung. Ohne die Fesseln der komplizierten und lähmenden Beschränkungen der Urheberrechtsgesetze wird die Kunst des Konsortiums zum Rohstoff, zum urbaren Land, zu den Bausteinen der Kultur von morgen.

Das Mäzenatenmodell soll wiederbelebt werden, doch in einer zeitgemäßen Form:

Damals hielten der Adel und die besonders Reichen sich Künstler als ihre Angestellten. Die Künstler komponierten wunderschöne Musik, erschufen atemberaubende Gemälde oder verfassten klassische Bücher, die ihre Gönner dann der Welt zugänglich machten. Vieles von dem, was wir heutzutage für Kultur halten, entstand auf diese Weise. Aber wir brauchen keine Mega-Korporationen oder mehrfach millionenschweren Medici mehr. Wir benötigen schlichtweg Kunstliebhaber die Organisationen wie das Konsortium unterstützen, sodass das Konsortium wiederum Künstler fördern kann.

Nice try. Die Probleme: Die „globale Nachbarschaft“ ist keine Gemeinschaft. Der Kult der Kostenlosigkeit führt zu einer Entwertung aufwendiger Kunst und zum Florieren billiger Imitate und Collagen. Die Entlohnungsentscheidungen ohne objektive Maßstäbe werden zu zunehmenden Konflikten unter den Künstlern führen. Deren zeitweilige Verbeamtung könnte sich negativ auf ihre Leistungsbereitschaft auswirken. Letztlich lebt die Kunst vom Spagat zwischen Anerkennung durch Nicht-Künstler und Verwirklichung der Künstler. Letztlich wird das Projekt wohl darauf hinauslaufen, daß die populäreren Künstler die anderen quersubventionieren, so wie Pogue dies nun macht. Seine unerwarteten, hohen Einnahmen haben ihn dazu verleitet. Daß eine konkrete Gemeinschaft einzelne Künstler stützt, damit sie deren Leben verschönern, kann ich mir vorstellen. Beim notwendig verwässerten, globalen Bezug der public domain, bei der ich stets an überweidete, verwahrloste Allmenden denken muß, würden auch die Ansprüche maßlos sein. Man würde sich die Weltrettung durch die Künstler erwarten und rasch enttäuscht sein. Public domain: Das waren eben die Floppy-Disketten und später CD-ROM-Scheiben meiner Jugend, auf denen tausende kostenlose Programme waren, die man durch häßliche Menüs mit schrecklichen Hintergrundklängen ansteuerte. Ein Programm war häßlicher und nutzloser als das andere. Es handelte sich um die Zeitdiebe der Vor-Youtube-Zeit. Das public domain-Material auf Youtube ist zum größten Teil zum Vergessen, Unterhaltung bieten hauptsächlich kommerzielle Inhalte, bis sie wegen Copyright-Verstoß gelöscht werden.

Ein-Klick-Konsum

Einen anderen Weg der Vermarktung von „Kunst“, also eigentlich in aller Regel bloß content, gehen recht erfolgreich Apple und Amazon. Die Endgeräte werden einfach in ein für den Durchschnittsbenutzer dicht abgeschlossenes, kontrolliertes Verwertungssystem eingebunden. Die Kunst besteht darin, das Bezahlen so einfach und unbemerkt wie möglich zu machen. Wer ein Ipad oder Kindle hat, muß gleich eingangs seine Kreditkartendaten einspeisen, ohne jede Abbuchung freilich, und dann prasseln schon die Verlockungen auf einen ein: Komm, konsumier mich, ist nur ein Klick. Ich vermute, das ist der Prototyp der schönen neuen Welt. Die Banken wünschen sich nämlich folgendes: Jeder Mensch läuft als offenes, elektronisches Konto durch die Welt. Für nichts muß direkt und sofort bezahlt werden, wir befinden uns an einem 24-Stunden-, laufend wiederbefüllten All-you-can-eat-Buffet. Bei jedem Konsumtürchen, das sich uns magisch öffnet, wird automatisch und mühelos das nötige Guthaben abgebucht. Darum entwickeln Banken kostenlose Apps, mit denen man von Iphone zu Iphone per Knopfdruck zahlen kann. Sobald nichts mehr bar gezahlt wird, sind die Banken nämlich vor dem Bank run sicher. Darum wird auch das Abheben laufend erschwert, zusätzlich zur schleichenden Kriminalisierung von Bargeld. In Frankreich muß man selbst vor dem Abheben von kleinen Beträgen ab 2.000 Euro vom eigenen Konto fünf Tage vorher ansuchen. Manche Filialen beschränken zudem die Geldausgabe auf die Vormittage, wenn der Mittelstand am Arbeitsplatz feststeckt, um die Steuern für die bail outs zu verdienen; am Nachmittag kann man überhaupt nichts mehr abheben (Berwick 2012). Irgendwann werden im All-inclusive-Resort dann die Türen nicht mehr aufgehen, weil das Guthaben am elektronischen Armband aufgebraucht ist. Vielleicht gibt es dann Aufladestationen, an denen man sich ökologisch verwerten lassen kann. Niall Ferguson schildert Bilder aus Memphis, Tennessee, die diesen Eindruck aufkommen lassen können:

Als ich Memphis im Frühsommer 2007 das erste Mal besuchte, war ich fasziniert von der Allgegenwart und der Nähe von beidem, den billigen Krediten und dem Bankrott. Alles, was ich tun musste, war einen Spaziergang in einer typischen Straße in der Nähe des Stadtzentrums zu unternehmen. Als erstes waren da die Einkaufspassagen und die Schnellimbisse, wo die Bürger von Tennessee viel von ihrem Geld zurücklassen. Gleich an der nächsten Tür war ein “Steuerberater” bereit denen, die keinen anderen bezahlen konnten, zu helfen, ihre Steuergutschriften einzufordern. Ich sah ein Geschäft Darlehen gegen Autos anbieten und direkt daneben eine Unternehmen, das sekundäre Hypotheken vergab, außerdem eine Scheckeinlösestelle, die Gehaltsvorauszahlungen (zu 200 Prozent Zinsen) anbot, ganz zu schweigen von einem Pfandleiher in der Größe eines Warenhauses. Bequemerweise war für jene, die bereits alle ihren Besitz verpfändet hatten, ein Verleihzentrum errichtet, das billige Möbel und Fernsehgeräte gegen Entgelt anbot. Und direkt dort daneben? Das Plasmazentrum, wo man 55 Dollar pro Blutspende erhalten konnte. Das moderne Memphis enthüllt eine völlig neue Bedeutung des Ausdrucks “ausbluten”. Ein halber Liter Blut mag nicht so schwer aufzugeben sein wie ein halbes Kilo Fleisch, doch die Grundidee ähnelt sich in beunruhigender Weise. (Ferguson 2009, S. 61)

Es ist naheliegend, hierbei an den Kaufmann von Venedig erinnert zu werden. Noch schützt die Schuldner die rasche Entschuldung, auf die man in den USA stets stolz war. Doch die Natur der Schuldner hat sich drastisch gewandelt:

Doch die Konsequenzen des Bankrotts sind in Memphis sind weit weniger gravierend als das Todesrisiko des Antonios in Venedig. Nach dem Plasmazentrum war mein nächster Halt das Büro von George Stevenson, einem der Anwälte, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, indem sie Bankrotteure vor dem Konkursrichter beraten. Zu dem Zeitpunkt meines Aufenthaltes in Tennessee war allein die Anzahl der gemeldeten Bankrotte im Raum Memphis bei um die 10.000, demnach war ich nicht überrascht, das Konkursgericht von Menschen überfüllt zu sehen. Gewiss sieht es aus, als laufe das System wie geschmiert. Einer nach dem anderen setzen sich die Einzelpersonen und die Paare, welche insolvent wurden, mit einem Anwalt zusammen, der in ihrem Namen mit ihren Gläubigern verhandelt.

Es gibt sogar eine eigene Spur für Hochgeschwindigkeitskonkurse - doch im Schnitt werden nur drei von fünf Konkursen erledigt (d.h., daß eine Einigung mit ihren Gläubigern erzielt werden kann). Die Möglichkeit, sich von nicht mehr bedienbaren Schulden zu befreien und nochmals neu zu beginnen, ist eines der wesentlichen Merkmale des amerikanischen Kapitalismus. Seit 1898 hat jeder Amerikaner das Recht, nach Chapter VII (Liquidation) oder XIII (freiwillige persönliche Umschuldung) einzureichen. Reiche wie Arme in den USA scheinen den Bankrott als "unübertragbares Recht" anzusehen, fast auf der selben Ebene wie "Leben, Freiheit und das Streben nach Glück". Die Theorie ist, daß das amerikanische Recht da ist, um Unternehmertum zu fördern - um die Schaffung neuer Unternehmen zu erleichtern. \[…\] Bei näherer Betrachtung ist das, was in Tennessee passiert, jedoch etwas anderes. Die Menschen vor dem Konkursgericht von Memphis sind nicht gescheiterte Geschäftsleute. Es sind bloß gewöhnliche Individuen, die ihre Rechnungen nicht bezahlen können - oft die großen Arztrechnungen, mit denen Amerikaner plötzlich konfrontiert sind, wenn sie keine private Krankenversicherung haben. Das Konkursrecht mag danach konstruiert worden sein, Unternehmen zu helfen, doch heute sind 98 Prozent der Fälle als Nicht-Geschäftliches klassifiziert und ca. drei Viertel der Konkurse in Memphis erfolgen nach Chapter 13, wonach sich der Schuldner einverstanden erklärt, einen Teil oder seinen gesamten zukünftigen Verdienst abzutreten, um die Schulden vor dem Konkurs zurückzuzahlen. (Ferguson 2009, S. 61f)

Biomatsch

Besonders nachhaltig scheint dies nicht. Doch wenn von mangelnder Nachhaltigkeit die Rede ist, denkt man selten an solch profane Angelegenheiten. Ich sollte also über das große Wort von der Nachhaltigkeit sprechen, und drei Bedeutungen fielen mir dazu ein. Die erste, die häufigste, so scheint mir, nutzt „nachhaltig“ als Etikett, analog zu „bio“, „öko“ oder „fair“. Zweifellos handelt es sich dabei zum Teil um Geltungskonsum, wie ich ihn nach Thorstein Veblen in den Scholien 02/11 beschrieb. In gesättigten Wohlstandsgesellschaften erfolgt Konsum nur noch in geringem Ausmaß zur Befriedigung direkter physiologischer Bedürfnisse. Vielmehr geht es darum, sich mittels seiner Konsumakte abzuheben und einen Lebensstil zu kommunizieren. Das klingt nach Maslow, dessen Pyramide kann ich aber nicht allzu viel abgewinnen. Sie klingt mir verkürzt zu sehr nach: Zuerst das Fressen, dann die Moral. Diese Kausalität hat Viktor Frankl in eindrücklicher Weise widerlegt, wie ich schon einmal angemerkt habe. Wenn es nichts mehr zu fressen gibt, dann erst wird die Moral überlebenswichtig. Im Konzentrationslager beobachtete er nicht nur die Versündigung gegen jede Moral, sondern zugleich auch die höchste Aufopferung. Für viele blieb die Liebe der letzte Strohhalm, um am Leben festzuhalten:

Das erste Mal in meinem Leben erfahre ich \[...\], was so viele Dichter besungen haben, die Wahrheit, dass Liebe irgendwie das Letzte und das Höchste ist, zu dem sich menschliches Dasein aufzuschwingen vermag. Ich erfasse, dass der Mensch, wenn ihm nichts mehr bleibt auf dieser Welt, selig werden kann – und sei es auch nur für Augenblicke –, im Innersten hingegeben an das Bild des geliebten Menschen. (Frankl 1998, S. 64f)

„Nachhaltig“ ist eines jener Etiketten, die bei den eben erwähnten Bobos beliebt sind. Freilich bin ich selbst ein wenig bobo, und frage ebenso extragrünes Grünzeug nach. Aber wenn ich durch einen leeren Biosupermarkt wandere, beschleicht mich das äußerst unangenehme Gefühl, irgendwie auf den Arm genommen zu werden. Noch peinlicher ist es mir aber, in einem Billigsupermarkt an der Kassa anzustehen. Freilich, als Ökonom weiß ich es schon zu würdigen, was das für eine logistische Meisterleistung ist, uns jeden Tag volle Regale zu bieten. Mein Gewissen beruhige ich damit, daß meine Abneigung gegenüber dem Massenkonsum andere Gründe als soziale Distinktion hat. Will mir ein Produkt in allzu aufwendiger Weise seine moralische Überlegenheit kommunizieren, werde ich ebenso skeptisch. Lieber kaufe ich da noch das einfachste und billigste mit meinen proletarischen Nachbarn, sofern es kein Junk ist, sondern authentisch. Döschen mit ein paar Millilitern superfairem Extraöko-Schleim zu Apothekerpreisen sind mir nicht geheuer. Ebenso Smoothies in kleinen Plastikflaschen, sosehr ich natürliche Fruchtsäfte liebe, wie der treue Leser weiß.

Eben habe ich meine Entsaftersuche zu einem Ende gebracht und dabei noch ein paar andere Dinge miterledigt. In der Küche meines neuen Freundes und Kollegen Roland Düringer habe ich ein Gerät entdeckt, das mir die nachhaltige Eigenproduktion jedes nur erdenklichen Biogatsches erlaubt. Leider bewegt es sich preislich im oberen Bobobereich. Sogar mein Kühl-Gefrierschrank war billiger. Es handelt sich um den Vitamix, den weltweit stärksten Haushaltsmixer. Der zerkleinert nicht nur alles Erdenkliche, sondern produziert auch die feinsten Smoothies und Sorbets, kocht Suppe und mahlt Mehl. Wenn der große Krach kommt, werde ich damit Schnellkoch und offeriere Bio-Fast Food für verarmte Bobos. Bis es dunkel wird.

Die Krise macht auch vor Krisenwarnern und -diagnostikern nicht halt. Ganz im Gegenteil: Eben bricht der Seminarmarkt nahezu vollkommen ein, so höre ich es von allen Seminaranbietern und spüre es bei uns selbst. War ja auch eine ziemliche Blase. Leider enden Blasen meist in ziemlicher Volatilität, wobei es dann ins andere Extrem umschlägt. Aber ich würde ja auch kaum ein Seminar besuchen. Abendveranstaltungen boykottiere ich nahezu vollkommen. Kongresse verabscheue ich geradezu. Ich habe den Eindruck, daß es heute schon mehr Eventveranstalter als Besucher gibt - so wie ich den Eindruck habe, daß mehr Leute schreiben als lesen. Im Gegensatz hierzu wird es wohl immer mehr Esser und Trinker als Köche und Wirte geben. Es sei denn, das Biogemantsche wird zum neuen Modetrend, jeder besorgt sich einen Mixer und erklärt sich zum Schnellkoch ohne Topf. Dann werden wir uns gegenseitig Brei einflößen, bis er bei den Ohren herauskommt, und unser Irrenhausdasein ist perfekt. Vielleicht wäre das aber auch endlich etwas, das unsere Wärter wirklich beunruhigen würde.

Es macht einen irren Spaß, alles Mögliche zu zerkleinern und die interessantesten Mischungen auszuprobieren. Obwohl das Gerät superschnell ist, kann man damit Stunden verbringen. Immerhin konnte ich so den Obst- und Gemüseanteil meiner Ernährung drastisch erhöhen. Ich hoffe, das ist gesund. Ist es vermutlich, bis die nächste Studie nachweist, daß püriertes Obst und Gemüse die Zähne ruiniert und zum Teil unverwertet durch die Verdauung flutscht. Dann habe ich mich per Nocebo (siehe Scholien 2/11) um ein paar Lebensjahre gebracht, bis diese Studie durch die übernächste widerlegt wird.

Was ich ganz hervorragend finde, ist die Möglichkeit, via Vitamix Obst und Gemüse vor dem Verderben rasch noch genußvoll zu verwerten und auch gefroren zu verarbeiten. Das hilft, die logistischen Probleme eines getrennten Haushaltes zu meistern, solange mir das Leben noch eine teilnomadische Existenz abverlangt. Wie ich aber bereits angedeutet habe, hat diese Ernährungsmethode etwas überaus Regressives. Aber das Bobodasein hat nun mal eine infantile Seite. Das Kindliche wäre ja wunderbar, wenn es sich nicht zu ernst nehmen würde: Wenn sich die Kinder einer verlorenen Generation nicht als Erziehungsberechtigte aller anderen aufspielen würden, die uns alle Unkorrektheiten gewaltsam austreiben wollen.

Gentrifizierung

Ich erinnere mich an einen etwas älteren Artikel aus Die Zeit, der mir in Erinnerung geblieben ist, weil er die Lebenswelt der verbürgerlichten Bohemien, der alternativen Spießbürger, in einmaliger Weise portraitierte. Der Artikel schildert das harte Los des türkischen Unternehmers Yunus Uygur im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, das der Autor Henning Sußebach als „Experimentierfeld des neuen Deutschlands“ und „Biotop der Schönen und Kreativen“ bezeichnet. Ich muß ausgiebigst zitieren:

„Leute hier schlafen lange“, sagt Uygur und lächelt schmal. Erst gegen neun Uhr stehen sie an der Haltestelle vor seinem Laden und halten sich an Kaffeebechern fest. Die Frauen, so schön! Die Männer mit Dreitagebärten, die gepflegte Absicht sind und kein Zeichen von Zeitnot wie seiner. Uygur sagt, die Menschen seien vermutlich so alt wie er, und doch wirkten sie wie Kinder auf ihn. So sorglos. So pausbäckig. Und so kompromisslos. Dauernd wenden sie sein Obst in ihren Händen und fragen: „Woher kommen die Bananen? Sind die öko?“ Wenn er dann „Frisch vom Großmarkt“ sagt, legen sie das Obst zurück. Es ist alles so anders im Prenzlauer Berg. In Yunus Uygurs Bauch wühlt die Enttäuschung, und in seinem Kopf ist eine Frage herangewachsen: Können auch gute Menschen böse sein? \[…\] Wer nur „Frisch vom Großmarkt“ sagen kann, muss billig sein und lange geöffnet haben, als Nachtverkauf, als Notlösung, falls im Dachgeschoss mal die Bioeier ausgegangen sind. Uygur hat jetzt fast rund um die Uhr auf. Er fährt nicht mehr nach Hause, er schläft in seinem Laden. Man kann lange darin stöbern und sieht sie nicht, die Luke im Boden, versteckt zwischen Bierkästen, darunter eine Holzstiege, die in einen Kellerraum führt, dessen Wände nackt sind wie im Slum. In der Mitte eine Matratze. Hier schläft Uygur drei, vier Stunden, bevor er wieder zum Großmarkt aufbricht, oder er döst nur, weil die U-Bahn den Boden vibrieren lässt. „Gibt’s keinen auf dieser Straße, keinen im Jahr 2007, der lebt wie ich“, sagt Uygur. Nach außen bewahrt er die Demut des Geschäftsmannes, im Innern aber ist er verletzt in seinem Händlerstolz. Er ist am richtigen Ort, aber mit der falschen Strategie. Er hat nicht geahnt, dass er hier ein Lebensgefühl bedienen muss: edles Essen für edle Menschen. Er dachte, es gehe um Möhren, Lauch und Zwiebeln. Um normale Lebensmittel.

Vielleicht schadet Normalsein an einem Ort, an dem viele Menschen leben, die vor der Normalität hierher geflohen sind. Die wenigen Alteingesessenen jedenfalls unterteilen die vielen Zugezogenen grob in „Ökoschwaben“ und eher auf ihr Äußeres bedachte „Pornobrillenträger“, deren Erkennungsmerkmal neben extra verranztem Straßenchic raumgreifende Sechziger-Jahre-Brillen sind; fast schon Gesichtswindschutzscheiben.

Laufsteg der Pornobrillenträger ist die Kastanienallee, eigentlich nur noch „Castingallee“ genannt. Es gab hier vor zwei Jahren einen Fall, der aufsehenerregend ist, weil er kaum Aufsehen erregte: In einem Park in der Nähe verkauften Farbige Drogen, woraufhin die Besitzerin eines Cafés, dem „An einem Sonntag im August“, ihre Kellnerinnen eine Dienstanweisung unterschreiben ließ, nach der Schwarze im Lokal nicht mehr willkommen seien. Es sei denn, sie seien Mütter oder hätten „kluge Augen“. Ein Häuflein Linksalternativer demonstrierte gegen diese Wortwahl, und die Gastronomen ringsum solidarisierten sich – mit dem Sonntag im August. Derzeit sind sie dabei, eine Sinti-Band loszuwerden, die seit Jahren durch die Straße zieht. „Die nerven“, sagt einer der Wirte, „das trifft dann halt ’ne Ethnie.“

So wird die Kastanienallee langsam besenrein, die Läden sind voll wie je, und das Sonntag im August, von wildem Wein berankt, wirkt weiterhin so linksromantisch wie eine Teestube der Antifa. Man kann im Prenzlauer Berg einfach im linken Habitus weiterleben. Das ist ja das Schöne. Man kann sich tolerant fühlen, weil Toleranz nicht auf die Probe gestellt wird. Keine Parabolantenne beleidigt das Auge, kein Kopftuch sorgt für Debatten, keine Moschee beunruhigt die Weltbürger. Es gibt hier kaum Telecafés, die Wohnungen sind zu teuer für Menschen wie Yunus Uygur. Es gibt keine Hip-Hop-Höhlen für türkische Jungs aus dem Wedding oder Kreuzberg, keine Infrastruktur für die lärmenden Kinder der Unterschicht – wenn sie sich nur rauchend auf einen der vielen Spielplätze setzen, stürzen schon die hysterischen Mütter herbei.

Der Schriftsteller Maxim Biller nennt den Prenzlauer Berg mittlerweile ironisch eine „national befreite Zone“. Zwar liegt der Anteil der Ausländer bei 11,1 Prozent und damit nur gut zwei Prozentpunkte unter dem Berliner Durchschnitt. Doch die Zusammensetzung ist eine völlig andere. Die größte Gruppe bilden Franzosen, gefolgt von Italienern, Amerikanern, Briten, Spaniern und Dänen. Eine G8-Bevölkerung, hochgebildet und in Arbeit. Es gibt hier zehnmal mehr Japaner als Ägypter. Der Anteil der Türken beläuft sich auf 0,3 Prozent. \[...\]

Die westdeutschen Wohlstandskinder waren fasziniert von Bürgerrechtlern und Bohemiens im Bezirk, vom Geruch der Revolution in gerade noch bewohnbaren Ruinen, vom Zwang zur Improvisation in Häusern, die kein Telefon hatten und nur Ofenheizung. Dann habe die Sache ihren üblichen Verlauf genommen: Die jungen Wilden wurden ruhiger, bekamen Jobs und Kinder und wollten Eigentum. Jetzt leben sie ähnlich wie ihre Eltern im Westen, allerdings in anderer Kulisse. Mit den Jahren sei etwas entstanden, was Häußermann „unkonventionelle Bürgerlichkeit“ nennt – voller Ideale und gleichzeitig sehr rational. „Spätestens seit der Pisa-Studie wird hier keiner mehr eine Bürgerinitiative ‚Mehr Ausländer in die Klasse meiner Kinder machen.“ \[...\]

Auf den Straßen ringsum parken zig Citroëns aus den Sechzigern und Vespas aus den Siebzigern, gefahren von Männern mit Günter-Netzer-Frisuren. Im Spielzeugladen Kinderstube wird gebrauchtes Spielzeug verkauft, Fisher-Price-Kipplaster aus den Achtzigern – für 69 Euro. Junge Eltern rekonstruieren ihre eigene Kindheit, als hätten Gegenwart und Zukunft nicht viel zu bieten. Manchmal wirkt das ein wenig ängstlich, oft wirkt es wie Westalgie im Osten. Die Läden, in denen diese Sehnsucht nach dem Gestern bedient wird, ob mit Nierentischen, Plattenspielern oder riesenrädrigen Kinderwagen, sind sehr teuer. Nur das „Du“ kriegt man hier immer noch umsonst: „Da kaufst du dir aber echt was Gutes, du.“

Während die Musikschule draußen in Lichtenberg, tief im Berliner Osten, in den Kitas verzweifelt um Kinder wirbt, muss die Sekretärin der Zweigstelle Prenzlauer Berg dauernd ungeduldige Eltern vertrösten. Die Wartezeiten für Violine, Klavier und Cello: ein Jahr. Die Nachfrage nach der musikalischen Früherziehung, diesem Nadelöhr am Anfang jeder Intellektuellenbiografie, ist sogar so groß, dass einige Eltern ihre Babys schon mit der Geburt anmelden. Die Kinder auf den Wartelisten heißen in der Regel Paul und Paula, Conrad und Jacob, Marie und Mathilda. Alternativ zu sein heißt hier mittlerweile, in einer Zeit verwirrend vielfältiger Lebensentwürfe zu seiner Bürgerlichkeit zu stehen. \[...\]

Der Prenzlauer Berg wirkt vielerorts, als habe es nie so etwas wie eine Unterschichtendebatte gegeben, ein Demografieproblem, Migration. Hier herrscht der Bionade-Biedermeier. Die 100.000 Zugezogenen haben eine neue Stadt geschaffen, doch wem kommt diese zivilisatorische Leistung zugute, außer ihnen selbst? Ihr Prenzlauer Berg ist ein Ghetto, das ohne Zaun auskommt – weil es auch ohne zunehmend hermetisch wirkt. Die Zuwanderung wird über den Preis pro Quadratmeter gesteuert und über den enormen Anpassungsaufwand, dem man sich hier leicht aussetzt. Wer nicht das Richtige isst, trinkt, trägt, hat schnell das Gefühl, der Falsche für diesen Ort zu sein. Man glaubt so offen zu sein und hat sich eingeschlossen.

Zwar ist Milieubildung ein normales soziales Phänomen, weltweit sortieren sich die Menschen nach Lebensstil, Bildung, Vermögen – das Besondere am Prenzlauer Berg aber ist, dass er nicht wahrhaben will, dass er ganz anders ist, als er zu sein glaubt. (Sußebach 2007)

Die Kritik an der sogenannten Gentrifizierung ist allerdings etwas zweifelhaft. Man sollte die Kritik an den wohlhabenden Kreisen nicht mit einer Kritik am Wohlstand an sich gleichsetzen. Eben deshalb paart sich der Neid ja so gerne mit einer Verdammung des Reichtums, weil die Reichen, die wir aus den Massenmedien kennen, selten besonders sympathisch sind. In einem beachtlichen Artikel in Die Welt werden die Klagen der Stadtsoziologen beklagt. Gentrifizierung meint, daß durch Zuzug wohlhabenderer Kreise in urbane Viertel die Wohnungspreise steigen, bis sie sich Ärmere nicht mehr leisten können. Der Artikel weist einen bezeichnenden Widerspruch nach:

Nun muss man sich erinnern, dass noch unlängst exakt das Gegenteil beklagt wurde: Die ärmeren Schichten konzentrierten sich in den Altbaugebieten der Innenstädte, während sich die eher Privilegierten, die alten Parteimitglieder (im Osten) und die Autobesitzer (im Westen) in den grünen Wohnvierteln am Stadtrand sonnten. Es war die Folge eines Städtebaus, der Modernität und Wohnen in Licht, Luft, Sonne als Luxus- und Sozialgüter verwaltete und mit gewaltigem ideologischem Überschwang an die Stadtränder verlegte.

Seit in weiten Teilen Deutschlands die Bevölkerung schrumpft und die Wohnungsleerstände wachsen, kehrt sich die Entwicklung um. Denn erstmals seit 120 Jahren entscheiden nicht mehr die Soziologen darüber, was "sozial" und "hygienisch" ist am Wohnungsbau, sondern die allzu lange verkannten Nutzer selbst. Und dabei stellt sich heraus: Die nicht von den Planern, sondern von privaten Investoren aufgehübschten Innenstädte entfalten eine ungeahnte Attraktivität.

Plötzlich ist es "in", wieder "urban" zu wohnen, und die lange vernachlässigten Innenstädte profitieren von einem Vitalitätsschub, wie er lange herbeigewünscht und herbeigebetet worden war. Zum Modellfall dafür wurde der "Stadtumbau Ost". Allein in Leipzig brachte er eine Umzugslawine von 40.000 Bürgern in Gang, die von der "Platte" in die neu erwachte City zogen.

Nun ist das Gebarme groß, denn die Stadtsoziologen müssen einsehen, dass sie die Macht über die Umzugswagen verloren und ein Jahrhundert lang mit ihren Prognosen und Analysen über die Wohnwünsche und -bedürfnisse in den Städten falsch gelegen haben. Die Armen, Alten und Ausländer (stadtsoziologisch die drei "A") werden dorthin vertrieben und ausgelagert, wo die Sozialreformer fälschlich die Zukunft städtischen Wohnens gesehen hatten: in die Großwohnsiedlungen der Fünfziger-/Sechzigerjahre.

Und welche Schlüsse ziehen die entmachteten Sozialingenieure daraus? "Gebiete, in denen der Anteil benachteiligter Menschen konstant hoch ist bzw. weiter steigt, benötigen eine dauerhafte Förderung – nicht zuletzt erbringen diese Integrationsleistungen für die Gesamtstadt." Es sind die alten Rezepte, mit denen schon das Bauhaus und die Erbauer der inzwischen zum Unesco-Welterbe gekürten Zwanzigerjahre-Siedlungen die Stadt, die Gesellschaft, ja "den Menschen" umzuformen gedachten.

Statt unhaltbare Baustrukturen, die im Volksmund nicht zufällig mit so wenig schmeichelhaften Metaphern wie "Arbeiterschließfächer" oder "Legebatterien für den neuen Menschen" assoziiert werden, als erwiesenermaßen unzeitgemäß zu verabschieden, werden neue Subventionen, "Wohnungspolitik" und die "Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums für benachteiligte Bevölkerungsgruppen" gefordert.

Das klingt nur gut, ist aber, wie das Beispiel Duisburg zeigt, auf erschreckende Weise kontraproduktiv. Wer intakte gründerzeitliche Wohnviertel flächig plattmacht und Großwohnanlagen mit segregierter Bevölkerung aufhübscht, schafft nicht Integration und gleiche Teilhabe an Urbanität und Entwicklungsperspektiven, sondern einen Menschenzoo. (Guratzsch 2012)

Wahre Worte! Doch die aktuelle Gentrifizierung hat eben etwas Paradoxes, das hier übersehen wird und die Pointe des obigen Artikels über den Prenzlauer Berg ausmacht: Diese neue urbane Oberschicht wird von genau dem angezogen, was sie verdrängt. Dann ist das Resultat der Besiedlung eines heruntergekommenen Multikulti-Viertels durch wohlmeinende Gutmenschen die ethnische Säuberung. Die Bösmenschen, die das Viertel zuvor zugunsten des Stadtrands verlassen hatten, haben immerhin sich selbst weggesäubert. Wie dem auch sei, aus all dem sollte man keinen Vorwurf konstruieren. Nur ein Vorwurf mag berechtigt sein: Der der Heuchlerei. Den Gutbürgern täte nämlich ein wenig mehr Empathie für die Wutbürger gut.

Verhaßter Hofnarr

Über den Bürger und die Bürgerlichkeit schrieb ich schon in den letzten Scholien. Hierzulande gelte ich ja mittlerweile als Experte für eine vermeintlich neue Art von Bürgerlichkeit: die Wutbürger eben. Nach der vielbeachteten Anleitung zum Wutbürger und darüber hinaus, die ich mit meinem Kollegen Eugen Maria Schulak verfaßte, wurde unlängst in gewissem Sinne eine Fortsetzung durch den Ecowin-Verlag veröffentlicht. Denn nach dem Systemtrottel-Buch hatten wir ja einen Austausch mit Roland Düringer begonnen, der den Wutbürger so überzeugend im Fernsehen darstellte, daß man ihn hinfort als Führer einer neuen politischen Bewegung zu ersehnen oder zu fürchten begann.

Der König ist tot, den Hofnarren auf den Thron! Vielleicht ist das gar kein so schlechter Ansatz. Im Fernsehzeitalter ist es nur natürlich, daß die drittklassigen Schauspieler in der sogenannten „Politik“ bald Konkurrenz durch Professionalisten erhalten und unterliegen. So hat etwa in Italien ein Fernsehclown in atemberaubender Geschwindigkeit die Protestwählerstimmen eingesammelt, welche ja bald die Mehrheit stellen. Clowns sind vielleicht in der Tat nicht so schlecht geeignet, immerhin handelt es sich in aller Regel um sehr ernsthafte Menschen, die sich selbst nicht zu ernst nehmen. Roland erklärt mir, daß die größte Hürde für einen guten Kabarettisten der Mut zur eigenen Häßlichkeit wäre. Darum gäbe es auch weitaus weniger gute Kabarettistinnen.

Das neue Buch, das aus unseren Gesprächen entstand, verkündet das „Ende der Wut“. Es hat mir einigen Mut zum Gehaßtwerden abverlangt. Schon beim Vorgängerbuch haben wir es ja den allgegenwärtigen Haters leicht gemacht. Haters nennt man jene Frustbürger, die alles besser wissen und können, deren Tun sich aber auf Kommentare im Internet beschränkt. Das ist auch der Grund, warum es keine Dislike-Buttons auf Facebook gibt. Der Frust der Internetkonsumenten würde sich rasch zu bitterem Haß hochpotentieren, und das wäre kein geeignetes Umfeld für Wohlfühl-Werbebotschaften.

Doch Werbung funktioniert ohnehin nicht wirklich auf Facebook. Ich hoffe sehr, daß die shareholders nun unter Renditedruck ihr Unternehmen ruinieren. Die Botenstoffe der Konsumwelt müssen nämlich wohldosiert werden, sonst fängt die Sache an zu stinken. Das Verkommen von Facebook zu einem zweiten Myspace hätte etwas Befreiendes. So hat einst auch Yahoo egroups ruiniert, einen frühen Dienst für virtuelle Netzwerke. Nur um selbst bald in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Facebook wird wohl das selbe Schicksal erleiden, so ein „Analyst“, der den Kursverfall, der nur die größten Systemtrottel überrascht haben dürfte, zum Anlaß nimmt, dem Fallenden noch einen Tritt zu versetzen:

„In fünf bis acht Jahren werden sie auf dieselbe Weise verschwinden wie Yahoo verschwunden ist“, sagte Jackson. „Yahoo verdient immer noch Geld, es ist nach wie vor profitabel, hat 13 000 Angestellte, die für das Unternehmen arbeiten, aber das sind bloß 10 Prozent des Wertes, welches es noch Mitte des Jahres 2000 hatte. Für jegliche Absichten und Zwecke ist es nicht mehr zu haben.“ Jackson erzählte, es habe drei Generationen von web companies gegeben. Die erste Generation bestand aus großen Netzportalen, wie Yahoo, wo Inhalte an einem Ort gesammelt wurden. Die zweite war das soziale Netz mit Facebook und die dritte Generation sind Unternehmen, die allein darauf fokussiert sind, die mobile Plattform zu Geld zu machen, etwas womit Facebook einen Kampf beginnen wird, meinte Jackson. „Wenn du diese drei Generationen überblickst, egal wie erfolgreich du innerhalb der einen Generation bist, scheinst du nicht in der Lage dazu zu sein, diesen Erfolg in eine zweite Generation zu übertragen, egal wie viel Geld du auf der Bank liegen hast oder wie viele PhD’s du für dich arbeiten lässt“, sagte Jackson. „Schau darauf wie Google darum gekämpft hat in die Branche des sozialen Netzwerks zu kommen und ich denke Facebook wird die gleiche Art Wettbewerb eingehen, wenn es in das Mobilgeschäft eindringt.“ (Thompson 2012)

Populäre Bücher

Das Internet-Zeitalter scheint nun das Fernsehzeitalter abzulösen, das eben zu Ende geht. Politambitionierte Fernsehclowns müssen es also zunächst schaffen, zu Internetphänomenen zu werden. Dies gelang auch dem italienischen Clown, allerdings mit dem altmodischen Mittel eines Weblogs. Womöglich ziehen demnächst Internethypes in die Parlamente ein: Die Partei der Kätzchen mit Kulleraugen, die Partei der schrägen Orthographie, die Partei mit den nervig-viralen Videoclips; oder schlicht: Parteien als Flashmobs. Wer sich davon eine glorreiche Rettung der Demokratie erwartet, glaubt wohl auch an das Märchen vom „arabischen Frühling“ via Facebook und Twitter. Letzteres ist nicht bloß eine Medienlüge, sondern vielmehr ein Hinweis auf die unglaubliche Selbsttäuschung der momentanen Eliten. Die Rechnung für diese Selbsttäuschung mußten freilich bislang nur die minimalen bürgerlichen Eliten im Nahen Osten bezahlen, der Zahltag im Westen kommt aber ebenso näher.

Ein wenig Genugtuung verschaffte mir, daß unsere Bücher vor allem diesen eingebildeten Pseudo-Eliten etwas Schwerverdauliches zumuteten. Die Deutungszentralen und Ideologiewächter mühen sich ordentlich ab. Das Buch „Vom Systemtrottel zum Wutbürger“ hatte einen polemisch-politischen Aufhänger, ohne ein für Systemtrottel verständliches politisches Programm zu bieten, darum stellte es schon große Anforderungen an die Leserschaft. Zugleich war es aber aus dem Versuch geboren, eine breite Masse anzusprechen und daher stilistisch und sprachlich populär. In dieser Hinsicht kann es der Philosoph feindlich gesinnten Rezensenten eigentlich niemals recht machen: Entweder zu schwierig und abstrakt, oder zu platt - der Grat dazwischen ist ein schmaler. Sicherlich schadet es der philosophischen Integrität ein wenig, Bücher für ein bestimmtes Publikum zu schreiben und nicht an und für sich. Doch hier mußte ich über meinen Schatten springen. Minderheitenprogramme wie diese Scholien sind zwar gehaltvoller, aber es hat schon etwas Wahres, daß es Teil der philosophischen Berufung ist, aus dem versteckten Hain auf den Marktplatz hinauszugehen und das Gespräch mit den „normalen“ Menschen zu führen - auch wenn diese die eigentlich Abno(r)malen sein sollten.

So folgten wir diesmal der Empfehlung des Verlages, einen noch kürzeren, noch populäreren Text zu versuchen. Davor schon hatte der Verlag Büchlein in Essaylänge vertrieben und war über deren Erfolg selbst erstaunt. In Zeiten kurzer Konzentrationsspannen ist dies nicht so überraschend. Ich muß aber gestehen, daß ich mich selbst über diese Artikelvermarktung etwas geärgert hatte und umso negativer auf die mir ohnehin inhaltlich zuwiderlaufenden Essays von Jean Ziegler und Hugo Portisch reagierte. Unser Büchlein wurde nun auch ein so schmaler, kleiner Band mit großer Schrift. Stilistisch ist es allerdings wesentlich origineller und bietet sogar Illustrationen. Massentauglicher geht es kaum. Der Inhalt beschränkt sich aber auf ein etwa einstündiges Küchengespräch. Bei einigen Lesern wird das bestimmt große Enttäuschung auslösen und viel Haß aufwirbeln, insbesondere da wir ja durchaus die Frustbürger adressieren.

Die Reichweite des Buches bekräftigt all jene Einflüsterer, die mir immer schon in den Ohren liegen, endlich populärer zu agieren und Dinge zu vereinfachen, zu verkürzen und in Massenkanäle zu spülen. Das Buchprojekt bekräftigt aber auch meine Vorbehalte. Dabei sei daran erinnert: Auf einem Buch steht zwar der Autor prominent, sein Anteil am Produkt liegt aber wohl in der Tat in der Größenordnung des Preisanteils. Verlag und Vertrieb, und allen voran „das System“ tragen den größten Anteil der Entscheidung, wer welches Buch wo und in welcher Form in die Hände bekommt. Da ist es eigentlich unfair, den Autoren alles Lob und allen Tadel in die Schuhe zu schieben. Wer den Systemvertrieb wählt, wird zur Marke, das heißt funktionell zu einem Verpackungsaufdruck. So wie „bio“ steht auf manchen Produkten dann eben in der Zutatenliste: Mindestens 10% Taghizadegan-Konzentrat, Geschmacksverstärker, Farbstoffe, Konservierungsmittel. Jetzt neu: Mit Vitamin Düringer, 20% der empfohlenen Tagesdosis.

Dieser Seitenhieb richtet sich nicht gegen den Verlag; mit dem engagierten Verleger Hannes Steiner haben wir großes Glück. Anders als all seine Nachmacher beherrscht er die Systemklaviatur zumindest und hat doch eine gewisse philosophische Ernsthaftigkeit und Nachdenklichkeit. Sein Wunsch ist es, daß die Menschen eines Tages anstatt Gratisblätter philosophische Bücher in der U-Bahn lesen. Freilich muß man da als Autor und Verleger den Gratisblättern ein wenig entgegengehen, und hier liegt das Problem. Paradoxerweise werden dann natürlich die Bücher für die Lesefaulheit und Bequemlichkeit der Menschen getadelt.

Unlängst durften Roland und Eugen im Massenrundfunk zu den Menschen sprechen; ich selbst war wie bei den meisten Medienterminen „leider“ verhindert. Daß auf Ö3 derselbe staatliche Berieselungssender als Sklavenmotivationsprogramm bezeichnet wurde, kränkte die Moderatorin zutiefst; sie war dann auch den Gästen wenig zugetan. Ihre Kritik, die dann etwas nachhallte, ist aufgelegt und durchaus berechtigt: Ihr nutzt doch selbst mit diesem Auftritt den Staatsfunk! Eine tückische Strategie: Der Gastgeber wirft dem Eingeladenen sein Erscheinen vor, nachdem letzterer den umarmenden Legitimierungsversuch hintertreibt. Genau dieser Metadiskurs ist aber das eigentlich Spannende, und die eigentliche Aufgabe des Philosophen, solch schwierige Fragen in den Raum zu werfen. Die Massenmedien brauchen allerdings auch gelegentlich die Medienschelte als Quotenprogramm und „kritischen“ Anstrich. Ein erfolgreiches Fernsehformat war etwa Kalkofes Mattscheibe, eine boshafte Verspottung des Massenprogramms auf einem Massensender.

Recht hat die Kritik am Radioauftritt insofern, als in der Tat solche Einladungen wenig mit der persönlichen Entscheidung einer Person zu tun haben, sondern von langer Hand geplante Vermarktungsmaschen sind, die einer Systemlogik folgen. Wenn besonders „kritische“ Journalisten nun mokieren, Roland nutze seinen Markenwert, ist das lachhaft. Dieselben Journalisten würden über ihn nichts schreiben, auch nichts „Kritisches“, wenn er keine mediale Marke mit allerhöchstem Bekanntheitsgrad wäre. Roland ist selbst ein gefundenes Fressen für „kritische“ Journalisten, weil er - wie ich bereits erwähnte - oft proletarische Figuren spielte, denen sich besonders die heutigen pseudo-linken Intellektuellen instinktiv überlegen fühlen. Die meisten Journalisten freilich sind überaus sympathische, interessierte, aber furchtbar gehetzte und mitleiderregende Gestalten. Einige wenige jedoch gehaben sich als elitäre Welterklärer. Diese sind es auch, die dem „Wutbürger“ nicht wohlgesonnen sind, und jeden, der diesen Begriff vermeintlich positiv gebraucht ohne Distanzierungsschwüre und Systembekenntnisse gerne in der faschistischen Schublade entsorgen würde. Doch wer sind eigentlich diese Wutbürger?

Verhaßte Wutbürger

Vor eineinhalb Jahren prägte Dirk Kurbjuweit im Spiegel den Modebegriff „Wutbürger“ (Kurbjuweit 2010). Ein wenig wütend schien der Journalist selbst zu sein über das - seiner Ansicht nach - ungebührliche Betragen der Bourgeoisie. Diese konservativen, wohlhabenden, vorwiegend älteren Herrschaften hatten sich unartige Buhrufe gegen Soziologen erlaubt, die bei einer Münchner Veranstaltung den moralischen Zeigefinger gegen Thilo Sarrazin erhoben. Das sei wohl derselbe Menschenschlag, der ganz allgemein gegen alles Neue und Fremde auftrete, wie etwa gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Bahnhöfe, so Kurbjuweit, wären einst als „Kathedralen der neuen Menschheit“ bejubelt worden, nun sei das saturierte Bürgertum aber fortschrittsmüde und wolle in seinen Villen schlicht Ruhe haben. Die Wut und das Engagement dieser Bürger sei paradoxerweise Symptom eines neuen Biedermeiers: Die Wutbürger haben der Politik die Gefolgschaft aufgekündigt und weigern sich in renitenter Weise, die „Demokratie“ weiterhin mitzutragen.

Der Spott über den Bürger ist so alt wie das Bürgertum. Seit seinen Anfängen trieft dieser Spott vor aristokratischem Hochmut, der sich über die Emporkömmlinge lustig macht. Seit der „dritte Stand“ jedoch begann, die Mehrheit zu stellen, wird der „Bürger“ wie der „Spießer“ oder „Bünzli“ zum Kampfbegriff, mittels dessen Hilfe sich die einen Bürger über die anderen stellen. So gibt es hinfort gute und schlechte Bürger: der engagierte, staatstragende Citoyen und der saturierte, eigennützige Bourgeois. Kurbjuweit bediente die selbe, uralte Klaviatur, ergänzte sie jedoch in paradoxer Weise: Da engagiert sich nun der Bourgeois endlich, und auch das wird ihm noch zum Vorwurf gemacht. Denn es gibt eben auch genehmes und weniger genehmes Engagement. Was als Charakterstudie erscheint, entblößt sich rasch als ideologische Abrechnung. Der Wutbürger-Begriff sollte eigentlich eine Retourkutsche für den Massenerfolg Sarrazins sein. Somit stehen der Begriff und das Phänomen symptomatisch für die zunehmenden Konflikte entlang der Bruchlinien zwischen Elite und Volk.

In der unsäglichen Sarazzin-Debatte in Deutschland, die niemals die Qualität einer wirklichen Debatte erreichte, war in der Tat der „gute Ton“ zu vermissen. Die Wogen gingen und gehen hoch. Hierbei bloß die Abwesenheit von Sekundärtugenden anzuprangern, dass sich etwa die Diskutanten ins Wort zu fallen pflegen, scharfe Worte verwenden und gegnerische Standpunkte abkanzeln, ist zwar berechtigt, wäre aber doch eine eher oberflächliche Kritik. Vollends absurd wird die Kritik, wenn sie die Seite der Sarrazinschen Anhänger isoliert rügt. Wie viele andere Journalisten ist Kurbjuweit auf einem Auge blind. Wirklich lautstarke Aggressivität hallte vor allem Sarrazin selbst entgegen; ob diese berechtigt war, steht hier nicht zu Debatte. Schließlich wird den Wutbürgern im begriffsbildenden Artikel weniger eine konkrete inhaltliche Position, sondern ihr unartiges Betragen vorgeworfen. Der Journalist gibt Betragensnoten und folgt auch sonst dem Duktus eines Erziehungsberechtigten. Das ist keine böse Absicht, sondern eine Pose, die mittlerweile viele Journalisten angenommen haben. Diese Pose entspringt ihrem sozialen Milieu, das sich interessanterweise durch eine neue Spießigkeit auszeichnet. Lange schon ist in Deutschland von einer neuen Bürgerlichkeit die Rede, oder in der Schweiz von Neo-Bünzli. Diese neuen Spießer stehen überwiegend politisch links, zumindest der Selbstbezeichnung nach. Die neue antibourgeoise Bourgeoise lebt in Berlin etwa in Lofts am Prenzlauer Berg, in Wien in Altbauwohnungen im Bezirk Neubau, in Zürich zunehmend in Aussersihl.

Die Klassenteilung zwischen Elite und Volk mag etwas platt erscheinen. Doch es handelt sich um eine brauchbare Vereinfachung, um eine offensichtliche Entwicklung auszudrücken: die zunehmende Kluft zwischen den Lebensrealitäten und Weltbildern der Entscheidungsträger in Politik, Medien, Kultur auf der einen Seite und den Politik-, Medien- und Kulturkonsumenten auf der anderen Seite. Diese Kluft hat gar nicht so viel mit Ideologie zu tun, wie gemeinhin angenommen wird.

Die Elite rümpft die Nase über die ideologischen und politischen Unkorrektheiten der Masse und missversteht deren Bedeutung. Primär wird die Kluft durch den zentralistischen Umverteilungsapparat geschaffen, den man heute unter Missbrauch des Begriffs als synonym mit dem Staat ansieht. In praktisch allen „Demokratien“ westlichen Zuschnitts leben mittlerweile mehr als die Hälfte der Bevölkerung von staatlichen Transfers. Die Ausbeutung der produktiven Minderheit fällt nur deshalb noch nicht in aller Härte auf, weil die Vermehrung der Geldmenge, insbesondere durch Kredite, einen Scheinwohlstand geschaffen hat, der zugleich Blase und Puffer ist. Die durch Transfers und Kreditvermehrung bedingten Umverteilungsprozesse haben es bestimmten Schichten der Bevölkerung erlaubt, sich von der Realität abzukoppeln. Jene, die besonders nahe am Transfer- und Kreditvermehrungsapparat stehen, lullen sich in Illusionen von Überfluss, Kontrolle und Macht ein. Die Mittel für ihre politischen Projekte schienen lange Zeit unbegrenzt.

Diese Illusionen haben eine Ideologie-unabhängige Geisteshaltung geschaffen, die jene Gruppe an Menschen auszeichnen, die man salopp als Elite bezeichnen kann. An den Zentren der Politik wimmelt es von diesem Menschenschlag, ob in Washington D.C., Brüssel, Paris oder Berlin. Den Blasenpuffer des Scheinwohlstands verwechseln sie mit sozialem Frieden und klopfen sich kräftig auf die Schultern. Die Herrschaft über das Geldmonopol verwechseln sie mit absoluter Kontrollierbarkeit und unbegrenzter Machbarkeit. Die künstliche Vermassung und Skalierung verwechseln sie mit Popularität und Reichweite. Die eigenen Umverteilungsgewinne, insbesondere durch den unsichtbaren Cantillon-Effekt, verwechseln sie mit ewigem Wachstum.

Das Vertrauen in diese Elite, in ihre Ansprüche der Machbarkeit und Kontrollierbarkeit, schwindet gerade dramatisch. Die Folge dieses Vertrauensschwundes ist zunächst Angst und eine diffuse Wut. Entzünden kann sich diese Wut nur an konkreten Ärgernissen, solange ein tieferes Verständnis fehlt - ein Verständnis, das gerade die Elite durch ihre oberlehrerhafte Informationstätigkeit, die an Propaganda grenzt, untergräbt. Diese konkreten Ärgernisse müssen der Elite unverständlich bleiben, denn sie entstammen einer anderen Lebenswelt. Oft erwecken diese Ärgernisse aufgrund ihres konkreten Charakters in der Tat den Eindruck von Egoismus und Kleingeistigkeit.

Natürlich ist Wut selten wohldosiert, sondern kommt in Schüben und kann sich nur an Faßbarem festhalten. Während das undurchsichtige Verschieben von Billiardenbeträgen wenig faßbar ist, erregen kleinere Summen und kleinere Bezüge eher den Ärger. Es ist schon richtig, dass der wohlunterhaltene Massenmensch oft erst dann zum Widerstand bereit ist, wenn sein eigener Hinterhof in Mitleidenschaft gezogen wird. Doch die Bereitschaft, eigene Nachteile in Kauf zu nehmen, schwindet eben mit dem Vertrauen, daß man selbst noch eine Rolle bei gemeinschaftlichen Entscheidungen spielt und daß diese ein größeres Gut im Auge haben. Nicht die Wut ist rätselhaft, sondern wie schwach diese Wut noch ist, dadurch daß sie so wenig Greifbares vorfindet und durch Täuschungen beruhigt werden kann. Heutige Bahnhöfe und Flughäfen sind eben in aller Regel nicht unternehmerische Projekte eines ungebremsten Fortschrittsgeistes, sondern Milliardengräber, durch die sich feige, verantwortungslose und selbstgefällige Politiker inszenieren. Die Großbaustellen, die zur „Wirtschaftsankurbelung“ etwa in Wien gerade zwei Bahnhöfe befallen haben, schaffen mit Geld, das nicht da ist, Büroräume und Einkaufszentren, die niemand brauchen wird. Wie einfältig anzunehmen, daß jede Wut darüber bloß auf den Baulärm zurückzuführen ist! Die eigenen Nachteile sind bloß konkrete Anlässe, an denen sich aufgestaute, diffuse Wut endlich artikulieren kann.

Die Wut ist ein Lebenszeichen. Sie ist keinesfalls stets ein Zeichen der Maßlosigkeit und mangelnder Tugend. Aristoteles bemerkte in der Nikomachischen Ethik:

Denn wer sich nicht zu erregen mag, wo es am Platze wäre, darf als blöde angesehen werden, desgleichen wer es nicht in der richtigen Weise und nicht zur richtigen Zeit und nicht gegenüber den richtigen Personen vermag. Er erweckt den Eindruck, als merke er gar nichts, als habe er auch kein Gefühl für das Unangenehme und als sei er - eben weil ihm die zornige Erregung fremd ist - gar nicht darauf eingestellt sich zu wehren. Dabei verrät es doch knechtischen Sinn, sich in den Schmutz ziehen zu lassen und für Menschen nicht einzutreten, die uns nahe stehen. (Buch VI, Kapitel 11, 1126a)

Thomas von Aquin schloß sich dieser Einschätzung später an. Wer heute keinerlei Wut verspürt, muss in der Tat apathisch oder ziemlich blöd sein - oder eben ein Günstling von Strukturen, die entgegen der nachhaltigen Illusion nicht nachhaltig sein können.

Was als Schmähbegriff begann, gewann bald eine neutrale und schließlich sogar positive Konnotation. In der Wut erwacht der Bürgersinn zum Leben. Leider ist Wut kein guter Ratgeber. Doch auf die Täuschung folgt eben die Ent-Täuschung, und die muß zunächst wütend machen. Anfänglich tappt die Wut blind herum. Zuerst entzündet sie sich am eigenen Nachteil. Dann beginnt sie sich an den „Erziehungsberechtigten“ in Politik und Medien zu reiben: sie spiegelt diese negativ. Das Diktat der politischen Korrektheit und das Beschwören multikultureller Einheit erweist sich etwa als wunder Punkt, an dem man die Eliten so richtig ärgern kann. Mit Rassismus oder Faschismus hat das relativ wenig zu tun, mehr mit der Lebensrealität abseits des elitären Jetsets und wütendem Trotz. Allein schon diese, auf Mißverständnissen beruhende ideologische Polarisierung wird die Wut weiter anheizen. Unter all den Wütenden der kommenden Jahre wird sich der Wutbürger im besten Sinne dadurch auszeichnen, aus der anfänglichen Wut zunächst die Kraft für ein fast aussichtsloses Unterfangen zu schöpfen, und dann die Wut der dazu nötigen Gelassenheit weichen zu lassen: Das Unterfangen der wenigen verbliebenen Bürger, ihr Gemeinwesen zurückzugewinnen, bevor es in den zerbrechenden Strukturen politischer Hybris endgültig zermahlen wird.

Umwelt(schutz)sünden

Genau zu dieser Hybris führt auch leider die zweite Bedeutung des Begriffs Nachhaltigkeit. Er deutet eine besonders große zeitliche und räumliche Aufspannung von Problemstellungen an. Nachhaltigkeit sei nur global und über Generationen hinweg denkbar. Natürlich ist es nicht falsch, solche Kriterien heranzuziehen: Die nachhaltige Lösung eines Problems kann eben nicht bloß darin bestehen, es räumlich oder zeitlich zu verschieben; Nachhaltigkeit erfordert einen größeren Horizont. Doch je größer die räumliche und zeitliche Dimension, desto weniger konkret und persönlich sind die Betroffenen, und umso leichter können sich Repräsentanten, die selten mehr als eigenen Machtwillen repräsentieren, als stakeholders ausgeben. Dann kommt es zu der absurden Situation, daß die kurzfristigsten Elemente einer Gesellschaft, Parteipolitiker, so tun, als müßten sie im Sinne der Nachhaltigkeit das Verhalten der Menschen korrigieren. Sie maßen sich also die Stimmen der Ungeborenen und der Fernen an, um ihr eigenes Stimmgewicht zu erhöhen, nicht um wirklich nachhaltig zu agieren. Denn selbst zahlen sie für ihre Lösungsrezepte nichts, sondern verdienen bloß daran, unabhängig vom Erfolg oder Mißerfolg derselben.

So kommt es leider, daß der Begriff der Nachhaltigkeit deshalb in politischen Kreisen so populär ist und die amtliche Eventindustrie in solchem Ausmaß speist, weil er sich hervorragend dazu eignet, die Bedeutung von Zwangsstrukturen und Umverteilungsregimen zu legitimieren. Begünstigt wird dies zudem durch die moralische Aufladung. „Nachhaltig“ hat einen grünen Beigeschmack, und gegen „die Umwelt“ wagt niemand Widerrede zu leisten. Darum läßt sich unter dem Deckmantel des Ökologismus hervorragend Panik schüren, Macht zentralisieren, Kritik ausschalten. Das Sündenregister der „nachhaltigen Lösungsansätze“ ist lang, aber weitgehend unbekannt. Ich schätze, daß mehr als die Hälfte der Umweltängste auf Unwahrheiten beruhen und mehr als die Hälfte der Umweltschutzmaßnahmen letztlich mehr Schaden anrichten. Eben weil „alles mit allem zusammenhängt“ - diese Grundweisheit wird im Nachhaltigkeitsdiskurs aber stets nur ökologisch, niemals ökonomisch verstanden. Das ist so, als würde man die Planetenbewegungen nur astrologisch, nicht astronomisch betrachten. Diese Nachhaltigkeitsökologie im schlechtesten Sinne schafft politische Sümpfe, die letztlich keine Biotope (Orte des Lebens), sondern Betonwüsten sind: Ein paar schwammige Mantras, die nahezu jedermann ansprechen, dienen als Grundlage für Entscheidungen mit größter Reichweite - eben wie in der Astrologie.

Ich habe in vergangenen Scholien schon einige Sünden dieses politischen Ökologismus angeführt. Mittlerweile scheinen diese nach und nach etwas mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen, was aber wirkungslos bleibt und bloß ein Scherflein zur Bürgerwut beiträgt. So wurde uns allen zur Vorbereitung auf künftige Entwicklungen per eurokratischem Zwang kaltes Gefängnislicht verordnet. Wie sehr hier der Ökologismus bloß Vorwand für handfeste materielle Interessen war, schildert ein österreichischer Film recht schön:

Der Dokumentarfilm Bulb Fiction nimmt das Verbot der Glühlampe zum Anlass, um Macht und Machenschaften der Industrie, sowie den Widerstand gegen die „Richtlinie zur Regulierung von Lichtprodukten in privaten Haushalten“ zu portraitieren. Es geht um die Macht der Industrie und ihrer Lobbys, die Verstrickung der Politik in diese Machtstrukturen, um Profit und Scheinheiligkeit, um bewusste Fehlinformation.

Es geht aber auch um die prinzipielle Frage, ob die Qualität des visuellen Umfelds, und somit unsere Lebensqualität, anderen Belangen ohne weiteres unterzuordnen ist. Die Güte des uns umgebenden Lichts stellt einen nicht zu unterschätzenden Wert dar, ein Wert, den man nicht am Altar eines reinen Umweltgewissens unüberlegt opfern sollte. (www.bulbfiction-derfilm.com)

Mein Kollege Eugen teilt nicht nur meinen Ärger über das fahle Licht, das sich nunmehr über uns ergießt, sondern ärgert sich noch viel mehr über eine andere Umweltbelastung aus Umweltschutzgründen. Täglich muß er knapp an Biotonnen vorbeigehen, die so stinken, daß sie Brechreiz auslösen. Der umweltbewußte Roland, der in seinem Garten vorbildlichst kompostiert, gibt Eugen recht: Biomüllsammeln in der Großstadt ist Unsinn. Wenn man Aufwand, Transportkosten und Täuschungsmanöver berücksichtigt, ist ein großer Teil des urbanen Recyclings eine zweifelhafte Angelegenheit. Eine Abrechnung mit der Recyclinglüge führen Frank Hoffmann und Theo Rombach in ihrem gleichlautenden Buch (Hoffmann/Rombach 1993). Sie schreiben: „Es muß mit dem Irrtum aufgeräumt werden, daß Recycling an sich schon eine ökologische Großtat sei“. Wie auch in anderen Bereichen, sei die vermeintliche Umweltlösung bloß ein Alibi für fehlende Vermeidungsstrategien.

Eine scharfe Abrechnung mit dem Alibicharakter von Bio-Etiketten für Lebensmittel liefert Clemens Arvay in seinem Buch „Der große Bio-Schmäh“ (Arvay 2012). Die Problematik habe ich schon in Scholien 1/10 geschildert. Auch Bio-Massenproduktion ist eben Massenproduktion. Die meisten Umweltprobleme sind Massenprobleme. Als kleinräumige Alternativen, die einzelne in voller Rücksicht der Kosten und Folgen wagen, sind Energiesparlampen, Papiertaschen, Glasflaschen, Bodenhaltungseier durchaus sinnvoll. Werden diese Alternativen aber der Masse verordnet, sind sie eben keine Alternativen mehr und erweisen sich oft als noch viel umweltschädlicher: Täglich gehen nun in Europa eine Million Energiesparlampen kaputt, wovon 80 Prozent am Hausmüll landen. Da die Lampen Quecksilber enthalten, stellt dies eine unmittelbare Bedrohung für das Trinkwasser dar.

Flaschenwasser

Apropos Trinkwasser: In der Tat gibt es kaum etwas Absurderes, als in Wien Wasser in Plastikflaschen zu kaufen, wo wir das Glück haben, fast in ganz Wien Hochquellwasser aus der Leitung zu beziehen. Der neue Trend der Geschmackswasser hinterläßt daher einen eigenartigen Nachgeschmack. Die Bewerbung als gesundes Lebensmittel ist in der Tat etwas irreführend, denn diese Wässerchen enthalten ebenso Zucker und allerlei Zusätze, die für das Löschen des Durstes unnötig sind. Der Geschmack ist hier wohl das Alibi, denn bloßes stilles Wasser in der Flasche zu kaufen, erscheint eben noch absurder. Statt Flaschenwasser eine wiederbefüllbare Wasserflasche zu kaufen, kommt wenigen in den Sinn, denn das ist unbequemer: die leere Flasche muß man dann stets mitführen.

Ein Flaschenproblem in anderer Hinsicht führt in der Gastronomie zu vermindertem Wasserkonsum zugunsten von Cola und Co. Nach Leitungswasser zu fragen, macht einen geizigen Eindruck. Ich habe dabei stets ein schlechtes Gewissen, weil die Wirte offensichtlich von den Getränkepreisen leben. Darum wird stilles Wasser aus der Flasche in großem Maße in der Gastronomie konsumiert, was einen völlig unnötigen Transportaufwand generiert.

Ein österreichisches Unternehmen will dieses Problem durch ein Produkt mindern, das wiederum etwas grotesk erscheint: soulbottles verkauft leere Glasflaschen an die Gastronomie, die dort mit Leitungswasser befüllt und den Gästen weiterverkauft werden. Der Ansatz besteht darin, Alibis zu konstruieren: Der Konsument erhält durch das „hippe“ Design der Flaschen das Alibi, ein Produkt zu konsumieren, und durch die Erklärung, daß mindestens die Hälfte des Verkaufspreises an Entwicklungshilfe gehen, ein Gewissensalibi, um Geld für etwas sonst Kostenloses springen zu lassen. Der Wirt erhält damit das Alibi, Geld mit etwas zu verdienen, für dessen Verrechnung er sonst in Verruf käme. Das Öko-Alibi ist hierbei am prominentesten: Glas statt Plastik. Wiewohl in der Gastronomie Wasser ohnehin in Glasflaschen verkauft wird und Leitungswasser überhaupt keine Flaschen benötigt. Die Alibi-Logik hat schon etwas Bestechendes, doch den seltsamen Beigeschmack kann diese nicht gänzlich beseitigen. Durch Häufung englischer Ausdrücke wird dieser noch etwas verstärkt:

Wir wollen die ökologisch nachhaltigere Alternative im Getränkekonsum (Leitungswasser trinken) komfortabler, sexier und cooler zu machen. Weil wir glauben, dass nur so genug Menschen ihr Verhalten ändern. Wir wollen damit den Grundstein für ein Unternehmen legen, das solche Alternativen auch in vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens entwickelt. Z.B. soulbeer, souldrinks oder soulcribs (Altbausanierungsfinanzierung) - to name a few. Weil wir so viel wie möglich in dieser Welt positiv verändern wollen. Und weil uns das Spaß macht UND mit Sinn erfüllt. Die Innovation dabei ist bei soulbottles die Verknüpfung von Trinkflaschen mit Crowd-Design, die konsequente Ausrichtung des Produkts auf ease-of-use & Lifestyle sowie der radikale Verzicht auf Plastik. soulwater ist weltweit die erste Wassermarke, die Leitungswasserkonsum mit Spenden zum zentralen Bestandteil macht und dabei international vermarktet wird. Der Social Impact besteht in verringertem Verbrauch von Plastik und dadurch geringerem Verbrauch von fossilen Rohstoffen und geringerem CO~2~-Ausstoß (eine PET-Flasche, die nicht produziert wird, spart ca. 1/4 kg CO~2~). \[…\] Kunden, die an Nachhaltigkeit und Design interessiert sind kriegen mit soulbottles & accessories den stilvollsten und ökologisch saubersten Weg, im Alltag Getränke zu konsumieren. Mit soulwater können sie in auch Restaurants genau so Wasser konsumieren, und damit auf eine Art etwas Gutes tun, bei der auch der Wirt etwas davon hat. Dieser kann wiederum seine Reputation und Vertrauenswürdigkeit bei dieser Zielgruppe stärken.

Projekte wie diese sind allerdings jedem politischen Unfug weit überlegen: Sie sind eben unternehmerische Angebote, die zwar als Hype ebenso Blasendimension erreichen können, doch die Lasten beim Platzen sozial gerecht verteilen: nämlich auf die Urheber und Gläubiger, nicht die Allgemeinheit. Politische Projekte wie etwa der Biotreibstoffwahnsinn erreichen, selbst im unwahrscheinlichen Falle durchwegs guter Intentionen, schnell verbrecherische Dimensionen. Das Problem unseres gemischten Systems ist, daß hierbei „Markt“ und „Staat“ Hand in Hand beteiligt sind.

Fahrspaßverderber

Die nachhaltigen Bioökoautos, die momentan beworben werden, machen jedenfalls einen sehr verdächtigen Eindruck auf mich. Ich vermute, es handelt sich um Strategien, Bobos um ihr Geld zu bringen, die letztlich in Masse keinerlei Umweltschonung bedeuten. Dem Ökonomen in mir sind eben hohe Preise etwas verdächtig, hohe Ressourcennutzung zu bedeuten. Ein interessanter Artikel argumentiert, daß alte Autos wesentlich sparsamer waren, weil sie leichter waren. Übertriebene Sicherheitsstandards, die insbesondere von „Grünen“ betrieben wurden (Ralph Nader kam etwa auf diesem Wege zu Ruhm), hätten zu einem zunehmenden Gewicht und damit höheren Treibstoffverbrauch geführt. Der Ratschlag:

Wenn man es wirklich ernst meint mit dem Geldeinsparen im Transportwesen, ist es das letzte, was man tun sollte, ein neues Auto zu kaufen. Ganz besonders ein neues Hybrid-Auto. Es ist ebenso kontraproduktiv wie der Versuch Gewicht zu verlieren, indem man sich eine Diät-Cola zusammen mit einem Triple Angus Thickburger bestellt. Die Automobilunternehmen – ebenso wie die Fast-Food-Restaurants – wollen das nicht verwirklicht wissen. Ihr Geschäftsmodell ist abhängig von jedermanns Geldverlust (oder seiner Gewichtszunahme – oder beidem). Glücklicherweise sind wir noch nicht dazu genötigt neue Autos zu kaufen – oder Thickburger zu essen. \[…\] Was ist ein Billigauto? Es ist ein Auto, wie sie es heute bauen sollten, aber nicht mehr tun - aus einer Reihe von Gründen, inklusive Regulierungsmaßnahmen, die Treibstoffeffizienz zugunsten der Unfallresistenz zu opfern (was normalerweise bedeutet, daß sie immer schwerer werden). Autos wie der alte Geo/Chevy Metro - produziert von ca. 1989 bis 2001. Dieses Auto hatte niemals einen Motor, der größer als 1,3 Liter war (viele hatten einen ein-Liter-Motor), da es niemals mehr als 800 Kilogramm wog (frühere Modelle wogen gerade einmal 725 Kilogramm). Als Konsequenz hatte es einen Verbrauch von kaum mehr als fünf Litern - fast so gut wie der neue Toyota Prius (der heftige 1,4 Tonnen wiegt). Eine schnelle Suche bei Autohändlern im Internet brachte Verkaufsangebote für zwei Metros. Der erste, ein 97er mit Klimanlage und nur 72.000 Kilometern war für 3.700 \$ gelistet, oder 20.000 \$ weniger als der Grundpreis einen neuen Prius. \[…\] Denke darüber eine Minute nach. Diese Autos kosten fast nichts \[…\]. Hätte man stattdessen einen neuen Prius gekauft, würde man für die nächsten fünf Jahre 400 \$ im Monat bezahlen - unter der Voraussetzung, daß man keine Zinsen bezahlen muß. Wieviel Benzin muß man dafür einsparen, um diese Ausgabe rechtzufertigen? Womöglich rechnet sich dies niemals. (Peters 2012a)

Derselbe Autor kommt in einem anderen Artikel zum Schluß, daß das Autofahren in den USA ohnehin langsam seinen Reiz verliere. Was für Umweltbewegte nach einer Frohbotschaft klingt, stimmt Eric Peters traurig:

Die Leute fahren langsam in Autos, die für Höchstgeschwindigkeiten gebaut sind – eine Form der besonders einzigartigen Folter in unserer Zeit. \[…\] Jugendliche und junge Erwachsene sind weniger interessiert am Auto für sich genommen als jede vorherige Generation. Viele von ihnen interessieren sich einfach nicht dafür. \[…\] Autos – und Autofahren – galten als Spaßbeschäftigung. Aber was für einen Spaß macht es schon, an eine 500 \$-Zahlung jeden Monat gefesselt zu sein, für ein Auto, das man nicht nutzen kann – oder nicht zu nutzen wagt? Die Jugend von heute kennt weniger frustrierende (und weniger kostspielige) Dinge um sich die Zeit zu vertreiben. (Peters 2012b)

Dabei handelt es sich wohl um einen der Indikatoren, daß der amerikanische Traum ausgeträumt ist, was auch immer man von der dortigen Lebenseinstellung halten mag. Das Autofahren vergrault haben insbesondere die drakonischen polizeilichen Übergriffe auf Schnellfahrer. Der amerikanische Polizeistaat fällt durch vollkommene Maßlosigkeit auf. Schnellfahrer werden unter vorgehaltener Waffe gewaltsam traktiert, ins Gefängnis gesteckt und geplündert, selbst wenn sie auf einem leeren Highway niemanden außer sich selbst gefährdet haben.

Ich muß gestehen, daß ich ein notorischer Schnellfahrer bin. Gerade deshalb bin ich ein geringerer Klimasünder (der theologische Sprachgebrauch ist aufschlußreich). Ich bin nämlich ein reiner Freizeitfahrer, kein Zweckfahrer. Will heißen: Ich fahre extrem selten mit dem Auto. In der Stadt würde es mir nie einfallen, mich mit dem Auto fortzubewegen, denn es macht einfach keinen Spaß. In der Regel fahre ich mit dem Fahrrad, weil das ein unmittelbareres Vergnügen ist und der Geschwindigkeitsrausch viel einfacher zu erzielen ist. Drängt mich nichts, gehe ich gerne zu Fuß, auch längere Strecken, weil man nur so seine Umwelt wirklich voll wahrnehmen kann und stets Neues entdeckt. Geht es nicht anders, so nutze ich öffentliche Verkehrsmittel, weil diese das Lesen und soziologische Feldstudien erlauben. Bald könnte aber der Punkt erreicht sein, wo ich dann doch für diese Wege ein Auto erwägen könnte.

Entschuldungsprozesse

Wie der treue Leser weiß, bin ich auch ein Bahnhofswutbürger. Die öffentlichen Konjunkturankurbelungsverschwendungen, die in Wien in mafiöser Weise korrupt sind, machen mich wirklich wütend. Das überrascht mich bei meinem phlegmatischen Gemüt selbst, aber durch die aktuellen Großbaustellen schreite ich stets wutschnaubend. Am Wiener Flughaben habe ich sogar laute Flüche vor mir her gemurmelt - ein ganz ungewöhnlicher Anblick. Die Vergrößerung des Flughafens um Geldbeträge, die so jenseitig sind, daß man damit das Bankensystem eines kleineren Landes „retten“ könnte, führte dazu, daß ich bei meiner letzten Ankunft zu einer halbstündigen Wanderung direkt durch gleißende Konsumbuden zwangsgelotst wurde: Der näherliegende Ausgang war einfach zugebaut, damit ich mir ja keine Konsumfreude entgehen lasse. Bei solchen Anlässen wünsche sogar ich mir Volksgerichte und Enteignung herbei. Ich hoffe, daß, sobald die Masse der Menschen erkennt, daß der Verschiebung der Geldwerte eine reale Ressourcenabschöpfung entspricht, die Entschuldung sittsam á la Nürnberg von statten gehen wird, und die Schuldigen nicht im Lynch-Chaos davonkommen, während Unschuldige dem rachsüchtigen Volksgeist geopfert werden.

Hier ein mögliches Szenario einer solchen Entschuldung: Zuerst werden die verantwortlichen Politfunktionäre gepfändet. Diese werden sich auf Experten, Parteien, Gremien und Wähler ausreden. Die Pfändung müßte also sozial gerecht ausgedehnt werden. Die Verantwortungsabschätzung und -zurechnung in bürokratischen Verantwortungsverwässerungsstrukturen wird dabei eine ungeheuer schwierige Aufgabe sein. Die Ökonomen, die Umwegrentabilitäten und anderen Unfug zur Legitimierung der Verschwendungsprojekte errechnet haben, müssen mindestens ihr Honorar zurückerstatten. Universitäten, die diese weiterbeschäftigen, verlieren ihre Subventionen. Parteien sind je nach Ausmaß der Verstrickung und Korruption als kriminelle Vereinigungen anzusehen und entsprechend zu belangen, insbesondere die Funktionäre, aber auch die Parteimitglieder. Mandatare sind je nach Abstimmungsverhalten in noch höherem Maße als der Beihilfe schuldig zu betrachten. Die Pfändungen und Strafen werden allerdings bloß einige Prozent der Schadenssumme hereinbringen. Ein anderer Teil könnte aus Zwangsrückzahlungen seitens der begünstigten Unternehmen kommen: Architekten, PR-Leute, Ingenieurbüros, Baufirmen etc. haben zumindest einen Teil der Honorare zurückzuerstatten. Der nicht mehr einzutreibende Restbetrag der Schadenssumme könnte zu gleichen Teilen auf Zwangsschuldverschreibungen der Schuldigen, Schuldenerlaß durch die Gläubiger und transparente Sondersteuern oder -gebühren mit festgesetzter Laufzeit (um die verwässerte, anonyme Schuld der Wähler und Systemtrottel abzugelten) aufgeteilt werden. Eine solche Entschuldung kann freilich nicht auf Papiergeldbasis erfolgen, denn jeder papierne oder digitale Geldschein ist letztlich ein ungedeckter Schuldtitel, sondern müßte einen Sachwertbezug haben.

Warum sind sämtliche politische Projekte so unglaublich teuer? Schätzungsweise die Hälfte des jeweiligen Betrages erklärt sich wohl aus schamloser Bereicherung, an der stets beide Seiten partizipieren. Doch dann wären die Summen noch immer gigantisch. Nach einer Überschlagsrechnung komme ich zum Schluß, daß der Geld-Aufwand für die neue Abfertigungshalle am Flughafen Wien fast dem halben Arbeits-Aufwand entspricht, der zum Bau der Cheops-Pyramide (!) nötig war (tinyurl.com/cheops5) – das größenwahnsinnigste Projekt der Geschichte, das immerhin nach Jahrtausenden noch steht und Touristenströme anzieht. Der Kommerzhalle gebe ich zehn Jahre. Die Hybris unserer Tage hat sichtlich schon pharaonische Dimensionen erreicht. Wer einwendet, die Pyramiden seien furchtbar undemokratisch, da bloß zugunsten des Herrschers und auf Kosten einer versklavten Bevölkerung, der besinne sich: Die Geschichtswissenschaft geht heute davon aus, daß die Pyramiden nicht von Sklaven, wie man lange Zeit dachte, sondern von freien Arbeitern errichtet wurden. Obwohl ein Sakralbau, handelt es sich dabei um Kapital mit erstaunlich langer Laufzeit, dessen akkumulierte Rendite paradoxerweise jedes kommerzielle Projekt schlägt. Flughafenzubauten hingegen werden zwar Investitionen genannt, ökonomisch betrachtet handelt es sich jedoch eindeutig um Konsum. Ziel ist nämlich die direkte Befriedigung der Bedürfnisse von Entscheidern und Begünstigten, die Wirtschaftlichkeit ist reines Alibi, bzw. freche Lüge. Sobald sich Krethi und Plethi (hebräisch für Kreter und Philister, die Fremden im Dienste von König David) ihre Fernreise nicht mehr leisten und die meisten Fluglinien den Konkurs nicht weiter verschleppen können, wird dies offensichtlich werden. Dann wird das verbliebene Fußvolk stundenlange Bußgänge vorbei an geschlossenen Gates und aufgelassenen Stores absolvieren dürfen, während die Vielfliegerelite aus Krisen-Task forces und Hearings-Experten im VIP-Bereich alles gecheckt bekommt.

Der statistisch erwiesene Passagieranstieg ist nämlich so eine Art Crack-up Boom: Weil die Menschen ahnen, sich das Reisen bald wohl nicht mehr leisten zu können, lassen sie es sich noch ein wenig gut gehen, solange es geht. In den großen Räumlichkeiten im Erdgeschoß des schönen Hauses, in dem sich unser Institut befindet, hat sich das benachbarte Reisebüro ausgebreitet und seinen Platzbedarf vervierfacht. So schnappten sie uns leider diese Räumlichkeiten weg, denn sie akzeptierten sogleich die überhöhte Miete. Die Döblinger Regimenter begeben sich offenbar derzeit vermehrt auf Jagdsafaris, nachdem die Jagd im Inland dank politischer Korruption weiter in Verruf geraten ist.

Abgesehen von der Korruption liegt der wesentliche Preistreiber in der Steuerlast. Das scheint absurd, weil ja die Projekte aus Steuermitteln finanziert werden. Doch das kafkaeske System macht es eben notwendig, daß auch auf Steuermittel Steuern fällig sind. Das hat den großen „Vorteil“, daß Staatsgünstlinge sich in der Illusion wiegen können, selbst Steuern zu zahlen. Der größte Günstling hält sich dann auch für den größten Steuerzahler und kommt sich ganz staatstragend vor.

Ein weiterer kostentreibender Faktor ist die absolute Ahnungslosigkeit der Auftraggeber. Wenn ein Unternehmer eine Investition tätigt, benötigt er in aller Regel nur Material und Arbeit zur Durchführung. Ein Funktionär hingegen muß jedes Wissen, auch das Entscheidungswissen teuer zukaufen. Es sind also zahlreiche Berater anzuheuern. Da allerdings das Beratungsunwesen am schwersten objektivierbar ist, eignet es sich am besten für Geldschiebungen. So blähen sich die Beraterhonorare ins Unermeßliche auf. Es ist diese politische Dynamik und der Umstand, daß Berater kaum Kapital benötigen, was die Branche zur am schnellsten wachsenden gemacht hat.

Nachbarschaftshilfe

Die Blähwirkung politischer Projekte greift so nach und nach auf die restliche Wirtschaft über. Darum ist ein privates Bauprojekt heute ohne „Nachbarschaftshilfe“ kaum noch leistbar. Besonders drastisch erkennbar ist die Blähung, wenn man sie mit der traditionellen Form des Aufbaus größerer Projekte vergleicht: der echten Nachbarschaftshilfe. Wie verblüffend schnell und billig Häuser und Gemeinschaftshallen errichtet werden können, wenn dies in gemeinsamen Aktionen nach einfachen, tradierten Baumustern geschieht, habe ich schon in Scholien 3/11 geschildert. Hier leisten insbesondere ökologische Siedlungsprojekte eine großartige Entdeckungsarbeit verlorenen Wissens.

Ein beeindruckendes Beispiel für „öffentliche Arbeiten“ ohne Blähungen spielte sich unlängst in Hawaii ab. Überschwemmungen hatten den Nationalpark Polihale auf der Insel Kauai abgeschnitten. Die örtlichen Betriebe waren in ihrer Existenz bedroht, da man dort auf Tourismus angewiesen ist. Die zuständige Behörde kalkulierte die Instandsetzungskosten mit vier Millionen Dollar. Für den ungewissen Fall, daß sich diese Mittel locker machen ließen, würde es wohl zwei Jahre dauern, bis der Schaden behoben sei. Momentan habe man diese Mittel aber nicht. Anstatt die Gemächlichkeit der Behörde fatalistisch zu ertragen, wie man es von Südseeinsulanern erwarten könnte, was das wirtschaftliche Ende der meisten Betriebe bedeutet hätte, griff die örtliche Bevölkerung zur Selbsthilfe. Mittels Nachbarschaftshilfe konnten die Reparaturen zügig abgeschlossen werden. Dauer: acht Tage. Kosten: null. Zur Wiedereröffnung des Nationalparks fehlt nur noch eine Sache, und die wird etwas länger dauern: Die behördliche Genehmigung der errichteten Brücke. (Simon 2009)

Ein anderes, verblüffendes Beispiel kommunaler „Bautätigkeit“ findet sich in Nordostindien. Dort haben die Menschen das ökologische Bauen so perfektioniert, daß es dem Gärtnern gleichkommt. Sie legen lebende Brücken an, deren Pflege von einer Generation der nächsten anvertraut wird:

Die lebenden Brücken von Cherrapunji, Indien, beruhen auf den Wurzeln des Gummibaums Ficus elastica. Dieser Baum bringt vom oberen Teil seines Stammes eine Reihe von Ablegern hervor und kann sich leicht über große Schluchten entlang des Flußbetts ausbreiten, oder sogar in der Mitte des Flußes selbst. Cherrapunji wird nachgesagt, der feuchteste Ort der Welt zu sein, und die War-Khasis, ein Volksstammt in Meghalaya, bemerkten diesen Baum vor langer Zeit und sahen in dessen mächtigen Wurzeln eine Möglichkeit, die vielen Flüsse der Gegend einfach zu überqueren. Wann und und wo auch immer nun die Notwendigkeit auftritt, lassen sie ihre Brücken schlicht wachsen. Um die Wurzeln eines Gummibaums in die richtige Richtung wachsen zu lassen - etwa über einen Fluß - benutzen die Khasis Betelnußstämme, die sie in der Mitte spalten und aushöhlen, um ein Wurzelleitsystem zu schaffen. Die dünnen, weichen Wurzeln des Gummibaums, die von den Betelnußstämmen an der Ausbreitung gehindert werden, wachsen nun geradeaus. Wenn sie die andere Seite des Flusses erreichen, dürfen sie in den Boden schlagen. Nach ausreichender Zeit entsteht so eine robuste lebendige Brücke. Die Wurzelbrücken, von denen einige mehr als 30 Meter lang sind, brauchen zehn bis fünfzehn Jahre um vollkommen nutzbar zu werden, doch sie sind außergewöhnlich stark - stark genug, daß einige das Gewicht von fünfzig und mehr Menschen zur selben Zeit tragen können. Weil sie lebendig sind und weiterwachsen, gewinnen die Brücken mit Zeit sogar an Stärke - und einige der alten Wurzelbrücken, die von den Menschen aus den Dörfern rund um Cherrapunji täglich genutzt werden, mögen schon über fünfhundert Jahre alt sein. (rootbridges.blogspot.co.at/)

Die Aufnahmen könnten direkt aus einem Märchenfilm stammen. Sie erinnern an die ökosozialistische Filmutopie des 3D-Epos Avatar. Es ist schwer, sich dem Charme solch kommunaler Projekte zu entziehen, bei denen kein Geldschein die Hände wechselt. Hier liegt eben der Hauptdefekt unseres „gemischten“ Wirtschaftssystems. Die Verfallsform drängt die Menschen zu immer neuen Interventionen, um den vermeintlichen „Kapitalismus“ zu zähmen, in jedem Schritt wird dieser aber noch unerträglicher. Das ist eben die von Ludwig von Mises erkannte Interventionsspirale. Das Ideal des ökokommunalen Idylls, das wohl instinktiv in uns schlummert, seit wir aus dem Garten Eden geworfen wurden, führt zu politischen Interventionen, die immer weiter davon wegführen.

Es gibt noch viel mehr Beispiele für blähungsfreie Projekte, die zwar kommunal verwurzelt sind, aber anstelle kollektiven, unentlohnten Anpackens einzelunternehmerische Initiative setzen. Im Norden Kambodschas, im Gebiet um Battambang, verfiel in der Zeit des sozialistischen Massenmordens das koloniale Eisenbahnsystem. Die tüchtigen Bewohner in der unzugänglichen Gegend inmitten von Urwald erfanden die einfachste und günstigste Eisenbahn der Welt. Dies ist beachtlich, denn in der Wirtschaftsgeschichte werden Eisenbahnen oft als jene Projekte dargestellt, die so aufwendig wären, daß sie - je nach politischer Neigung - ohne Staatsaufblähung oder ohne Kreditaufblähung nicht durchgeführt werden oder überleben könnten.

Die Eisenbahn von Battambang besteht aus Schienentaxis, die von Kleinstunternehmen angefertigt und betrieben werden. Man nennt diese Norry. Es handelt sich dabei um Draisinen, die bloß aus einer leichten Ladefläche aus Bambusstämmen, zwei Achsen mit Rädern und einem 6-PS-Motor bestehen. Diese fahren auf der Trasse, die noch aus der Kolonialzeit überlebt hat und seitdem von den einfachen Menschen vor Ort in Stand gehalten wird. Wenn sich zwei Schienentaxis entgegenkommen, wird das weniger stark beladene von beiden einfach von den Mitfahrenden von den Gleisen gehoben und hinter dem anderen wieder aufgesetzt.

Verhaßtes Geld

Wenn sich in kommunalen Projekten das Kreditgeld durch Einsatz und Vertrauen ersetzen läßt, liegt die Frage nahe, ob es sich nicht auch ganz generell durch bessere Alternativen ersetzen ließe. Über Tauschkreise und Regiogelder habe ich schon geschrieben. Sie sind von ähnlichem Geist getragen, scheitern aber meist an zuviel Ideologie anstelle von ökonomischem Verständnis. In Kreta erwacht eben der historische Widerstandsgeist gegen die vermeintlichen Besatzungsmächte, denen sich Griechenland ausgesetzt sieht. Eine der Initiativen ist ein Tauschkreis, der glücklicherweise ohne Schwundgebühr auskommt, und Kaereti genannt wird. Die dabei benutzten Verrechnungseinheiten sollen den Euro nach und nach ersetzen:

"Kaereti" ist arabischen Ursprungs. Nach der Eroberung durch die Osmanen nannten die Kreter so den "Gefallen", die Leistung oder Gegenleistung auf dem informellen Markt. In Ierápetra bezeichnet Kaereti das Tauschnetz, das Regiogeld und den Eckraum, in dem Macheras sein Sekretariat hat. \[…\] Die Bewohner von Ierápetra, die sich auf www.kaereti.gr registriert haben, bilden das Netz. Aktuell sind sie schon 340, Tendenz steigend. \[…\] Täglich schaut Giorgos Athanasiou im Kaereti vorbei. Er ist Maler und Bildhauer, hat in Paris die Schönen Künste studiert. Je nachdem, ob er über Frankreich oder Deutschland spricht, lächelt er mal charmant, mal schaut er verbittert. In seinem Atelier, einer luftigen Werkstatt außerhalb der Stadt mit einer Ecke für kleine Ausstellungen, unterrichtet er seit Jahren Grundschüler. Er wird dafür mit Euro bezahlt oder mit Olivenöl, wie in alten Zeiten, als Olivenöl regionales Zahlungsmittel war. Noch in den Dreißigerjahren habe sein Großvater ein Feld mit 800 Okka Olivenöl bezahlt, erzählt er, aus der osmanischen Maßeinheit umgerechnet eine gute Tonne. Giorgos bringt heute eine Tonvase für 20 Kaereti mit und will sich dafür das Moped reparieren lassen. \[…\] Historisch gesehen ist der Kaereti also Geld mit einer Deckung aus Olivenöl. Das macht ihn in der Wiener Theorie des Geldes exemplarisch. Geld müsse dem Zugriff der Staaten entzogen werden, hat der österreichische Nationalökonom Friedrich August von Hayek gelehrt. Stattdessen solle sich neues, privates Geld auf dem freien Markt herausbilden. Dieses Marktgeld könne durch Gold gedeckt sein oder andere Gegenstände, auf die der Schöpfergeist des Menschen so kommt. Geld mit einem Gegenwert in Olivenöl wäre nicht so stabil wie Gold, denn Öl wird verbraucht oder es verdirbt. Aber auch solche Gegenwerte müssten geduldet werden, wenn sich die Marktteilnehmer darauf einigten. Verlässt man den Kaereti-Eckladen, stößt man vor der Tür auf eine kleine Auslage mit Seife aus kretischem Gold, also Olivenöl, für einen Kaereti pro Stück. \[…\] (Kisoudis 2012)

Leider kann von einer wirklichen Olivendeckung keine Rede sein, darum wird dieser Tauschkreis wohl ein ähnliches Schicksal erfahren wie andere: Stets Minderheitenprojekt eines eingeschworenen Vereins, der letztlich gegenseitig anschreiben läßt und einen strengen Wertmaßstab aufgrund des gegenseitigen Vertrauens nicht so nötig hat. Der wesentliche Vorteil der Alternativwährung, die dummerweise auf den Euro rekurriert, zu dem sich die Griechen in einer paradoxen Haßliebe befinden, besteht eindeutig darin, daß man so den 23 Prozent Mehrwertsteuer ausweichen kann. Die Griechen sind leider ein Beleg für eine These Ludwig von Mises, die ich in Scholien 06/09 angeführt habe: Ihre niedrige Steuermoral hat kein libertäres Utopia, sondern eher das glatte Gegenteil hervorgebracht.

Die armen Deutschen müssen nun gerade zum Schaden auch noch den Spott und den Haß der Griechen ertragen. Schon marschieren groteske anti-deutsche Nazis. Hans-Werner Sinn beschreibt dieses Paradoxon:

Was ich schrecklich finde ist, dass die Europa-Politiker die Illusion wecken, es gäbe hier eine Lösung für Griechenland im Euroraum, wo sie objektiv nicht existiert. Ich glaube, viele wecken die Illusion auch nur aus einem Grunde: Sie brauchen die Griechen als Geisel, damit die Rettungsgelder weiter zur Bedienung der immer noch ausstehenden Staatspapiere fließen. Die Politik verkündet das Dogma, dass jedes Land mit Hilfskrediten im Euro gehalten werden muss, obwohl es nicht wettbewerbsfähig ist, weil sonst angeblich Europa untergeht.

Das stehe in Wahrheit hinter der Formel „Zeit kaufen“ - es wird Zeit gekauft für die jetzigen Eigentümer dieser Papiere.

So weit die Ökonomie, aber was heißt das politisch? Sinn wird es „mulmig“, wenn er daran denkt, dass gerade seine Kinder und Enkel zu Gläubigern der Südländer gemacht werden, die auf politischem Wege von Italienern und Griechen das verliehene Geld eintreiben müssen.

„Das kann ich mir nicht als friedlichen Prozess vorstellen. Mein Europa war eigentlich eines der guten Nachbarschaft, wo man sich auch mal hilft, wo man ordentlich miteinander umgeht, freundlich sich besucht, in Austausch tritt. Keines, in dem man mit seinen Freunden ungeheure Schuldverhältnisse eingeht.“

Sinn findet es darum auch nicht richtig, einen Sparkommissar nach Griechenland zu schicken. „Damit ziehen wir nur den Hass auf uns. Statt Verhaltensmaßregeln zu geben, sollten wir einfach die öffentlichen Kredite begrenzen, die in Wahrheit ohnehin bloße Geldgeschenke sind.“ Im Übrigen wäre es viel besser gewesen, wir hätten das Geld selbst geschenkt, statt eine Einrichtung in Europa zu schaffen, in der kollektiv über Mehrheitsbeschlüsse das Geldschenken erzwungen wird und wir, weil uns die Summen zu hoch sind, als die Bösewichte dastehen. „Hätten wir aus eigenem Antrieb Marshallhilfen organisiert, wären wir die Helden.“ (Sinn 2012)

Dieselbe Verkehrung der Verhältnisse findet schon auf nationaler Stufe im Wohlfahrtsstaat statt: Die größten Zahler werden immer unbeliebter, statt Dankbarkeit ernten sie nur Neid und Haß. Daß Umverteilung sozialen Ausgleich und Frieden schafft, ist daher als dreistes Märchen zu betrachten. Dennoch sieht Hans-Werner Sinn Deutschland langfristig als vergleichsweise guten Standort an. Unter Blinden ist eben der Einäugige König. Ein Spruch, den man übrigens auf Sinn selbst anwenden könnte. Sein Blick war doch, bei aller Kritik, stets etwas zu systemfreundlich und beschönigend. So ist seine Perspektive, daß ein Vermögenstransfer von Deutschen zu Griechen stattfände, nur die Hälfte der Wahrheit. Der eigentliche Transfer geht vom deutschen Mittelstand, dessen Ersparnisse nach und nach entwertet werden, hin zu Banken, u.a. eben auch deutschen. Tatsächlich ist die Griechenlandrettung ziemliche Augenauswischerei, man könnte von einer großen bailout-Lüge sprechen. Die Geldflüsse sehen nämlich so aus:

Im Zuge eines komplexen Zahlungssystem, das nach den Wahlen am 6. Mai begonnen wurde, die zum Ende der griechischen Regierung führten, und dazu gedacht ist, die Griechen daran zu hindern, das Geld anzurühren, überweisen die drei großen Gläubiger nun Rettungszahlungen auf ein Treuhandkonto in Griechenland. Dort liegt das Geld für zwei oder drei Tage, bevor das meiste davon, als Zinszahlungen für die griechischen Anleihen, die Europa unter den Bedingungen der Bailout-Vereinbarung von Februar akzeptiert hat, an die Troika zurückgeschickt wird. „Griechenland wird nicht zulasten der Troika bankrott gehen, weil die Troika sich selbst bezahlt,“ sagt Thomas Mayer, ein Berater von der Deutsche Bank in Frankfurt. „Warum tun wir es auf diese Weise?" - so Herr Mayer: „Weil wir Europa sind.“ \[…\] Von außen betrachtet erscheint die Lage absurd. Die europäischen Behörden leihen Griechenlands de facto Geld, damit Griechenland das Geld zurückbezahlen kann, das es von ihnen ausgeliehen hat. (Alderman/Ewing 2012).

Sinn empfiehlt, die Stellung zu halten und Ersparnisse in Sachwerten anzulegen. Eine späte Einsicht, aber immerhin:

Ja, aber nicht irgendwie sparen, sondern in Form echter Eigentumstitel wie Aktien oder in Objekten, die einem gehören, am besten solchen mit einem Grundbuch. Konzentration auf das naheliegende Unmittelbare: lieber das Bad renovieren als komplizierte Zertifikate kaufen. Ansonsten aber wäre auch zu raten: Werdet mündige Bürger und lasst das nicht alles mit euch geschehen. Denn ihr seid es ja, die das kurzfristige Denken langfristig werdet ausbaden müssen.

Leider sind Immobilien für hortendes Sparen denkbar ungeeignet. Im Endeffekt fließt das Papiergeld dann in sinnlose Bauprojekte, die Blasen verschieben sich bloß. Hinzukommt, daß es bei uns stets einfacher ist, die Umwelt mit seelenlosen Betonklötzen zu verschandeln als eine Holzhütte in den Wald zu stellen. Immobilienblasen bringen daher heute kaum Kapitalbildung, sondern zerstören im Gegenteil Kapital: Das Kultur- und Naturkapital - der letzte verbleibende „Wettbewerbsvorteil“ unserer Breiten. Hans-Werner Sinn unterliegt der Täuschung, den „Rechtsstaat“ als diesen Vorteil anzusehen. Unsere Gesetzesstaaten stehen kurz vor der völligen Lähmung, die vermeintliche Stabilität ist vorwiegend durch den Scheinwohlstand erkauft. Daneben spielen allenfalls noch kulturelle Aspekte eine Rolle, eben jenes Kulturkapital, von dem wir allerdings schon lange mehr aufzehren als hinzukommt.

Chimerika

Die Einäugigen haben noch etwas Ruhe, weil die Blindheit ein globales Phänomen ist. In China, dem asiatischen Riesen, dem die Zukunft gehören soll, hat man es ebenso mit einer Blähwirtschaft zu tun. Schließlich wurde in kaum einem Teil der Welt mehr kulturelles Kapital zerstört als in China während der maoistischen Kulturrevolution. Ein chinesischer Architekt schildert die aktuelle Lage:

Sobald man die Stadt verläßt und in die Vorstädte kommt, scheinen diese Zahlen von 50 Prozent Leerständen richtig zu sein. Ich war in so vielen kleineren Städten, und sie sind voll von Wohnwolkenkratzern, die überall aus dem Boden schießen. Die meisten haben deutliche Leerstände, dem Vorbeifahren nach zu schließen. Die Mentalität „Bau es und sie werden kommen“ hat dies angetrieben. Doch die Regierung hat inzwischen strenge Vorschriften erlassen, um all dies zu verlangsamen, doch viele Gebäude waren schon fertiggestellt oder mitten im Bau, als diese Vorschriften umgesetzt wurden. Traurig ist, daß diese Gebäude sehr armselig gebaut sind, und ich bin nicht zuversichtlich, daß sie lange genug überleben werden, bevor die Zuwanderung vom Land erfolgt. Die Entwickler hier haben kaum eine Ahnung, was und wie sie bauen sollen. Sie sind üblicherweise Bauern, die ihr Land gegen das große Geld verkauft haben und absolut nichts darüber wissen, wie man profitable Projekte entwickelt. Soweit ich dies absehen kann, führen sie keinerlei Marktstudien durch. Es bleibt normalerweise an uns (den Architektenbüros) hängen, diese Dinge für sie herauszufinden. Kulturell fühlen sich diese Typen, als wären sie nun an der Macht und müßten diese Macht durch radikale Entscheidungen darstellen, damit es den Günstlingen im Raum so erscheint, als wären sie die Verantwortlichen. Das Verrückte ist, daß China so groß und robust ist, daß sie viele Fehler machen können - ein Einkaufszentrum bauen, wenn es scheitert, es abreißen, neubauen, alles innerhalb kürzester Zeit - ohne bankrott zu gehen. Diese Art des Vorgehens würde die Entwicklung in den USA ruinieren, doch hier hat es nicht die selben Folgen. Ich glaube, China wird noch einmal 20 Jahre brauchen, bevor es seine Identität findet, bis dahin ist es in Sachen Wissen und Arbeitsqualität immer noch ein Dritte-Welt-Land. (Shedlock 2012)

China und Amerika sind sich also näher als man denkt. Darum spricht Niall Ferguson in seiner epischen, aber allzu episodenhaften Geldgeschichte von „Chimerika“, das nach Chimäre klingt:

Willkommen im wunderbaren Doppelland von „Chimerika“ - China plus Amerika - , das bloß ein Zehntel der Erdoberfläche bedeckt, ein Viertel der Weltbevölkerung hat, ein Drittel der Wirtschaftsproduktion und mehr als die Hälfte des globalen Wirtschaftswachstums der letzten acht Jahre aufweist. Eine Zeit lang schien es nach einer Hochzeit, die im Himmel geschlossenm wurde. Die Ost-Chimerikaner besorgten das Sparen, die West-Chimerikaner das Ausgeben. Chinesische Importe hielten die US-Inflation niedrig. Chinesische Ersparnisse hielten die US-Zinsen niedrig. Chinesische Arbeitskräfte hielten die US-Lohnkosten niedrig. Als Folge war es bemerkenswert billig, Geld zu leihen, und bemerkenswert profitabel, ein Unternehmen zu führen. Dank Chimerika sanken die globalen Realzinssätze - die inflationsbereinigten Kosten der Kreditnahme - um mehr als ein Drittel unter den Durchschnitt der letzten fünfzehn Jahre. Dank Chimerika stiegen die US-Unternehmensgewinne 2006 um etwa das selbe Verhältnis über ihren durchschnittlichen BIP-Anteil. Doch es gab eine Tücke. Je mehr China bereit war, den USA zu leihen, desto mehr waren die Amerikaner bereit, sich zu verschulden. Chimerika war, in anderen Worten, der Grund hinter dem Wachstum der Kredite, der Anleihenausgabe und neuen Derivaten, die der Finanzwelt nach 2000 beobachten konnte. Es war der Grund hinter der Explosion von Hedgefonds. Es war der Grund, warum Privatinvestoren überall leicht Geld aufnehmen konnten, um gehebelte Übernahmen zu finanzieren. Und Chimerika - oder die asiatische „savings glut“, wie sie Ben Bernanke nannte - war der Grund, warum der US-Hypothekenmarkt 2006 so von Geld überflutet war, daß man eine 100-prozentige Hypothek ohne Einkommen, Arbeitsplatz und Aktiva bekommen konnte. (Ferguson 2009, S. 336f)

Zum Glück sind China und die USA noch nicht ein großer, homogener politischer Block. Einem Weltstaat ist sogar ein Weltkrieg vorzuziehen. Letztlich gehen beide Entwicklungen aber Hand in Hand. Der Weg zum Weltstaat schürt Konflikte, während der letzte Weltkrieg bis heute als Legitimierung der Weltstaatsidee herhalten muß. Voll guter Intentionen wurden suprastaatliche Bündnisse wie UN und EU geschaffen, die beide zu bürokratischen Molochen verkommen sind, hinter deren Fassaden der Zynismus regiert. Jeder Einblick in diese Organisationen, den ich erhalte, bestärkt meine Skepsis. Lüge und Intrigen gehören dort zum Arbeitsalltag. Dies liegt an der natürlichen Entwicklung aufgeblähter Organisationen, insbesondere wenn diese als Alternative zu Krieg und Elend tabuisiert werden. Doch all diese Institutionen sind nicht bloß verfallen, sondern basierten schon auf Gründungslügen. Leopold Kohr interpretiert ein Argument von Bernhard Shaw, das die Gründungslüge der UNO gekonnt aushebelt:

Denn wenn man nicht weiß, was der andere Schlechtes über einen sagt, kann man sich mit ihm vertragen \[…\]. Das Nicht-verstehen führt daher zum Frieden, nicht das Verstehen oder Konferieren in den Vereinten Nationen, der größten Kriegsorganisation der Erde, wie Bernhard Shaw ihren Vorgänger, den Völkerbund, genannt hat. „Was tut man“, fragte Shaw, „wenn sich zwei Leute raufen und man will Frieden stiften. Man reißt sie auseinander, man trennt sie. Man bringt sie nicht zusammen. Das ist gerade, warum sie raufen.“ (Kohr 1988, S. 34)

Aktuell treten die Probleme Chimerikas etwas in den Hintergrund. Einerseits ist da die, wie immer, angespannte Lage der Welt, die so knapp vor dem Weltkrieg sei, daß es ganz viel Dialog, Intervention und Information brauche, was ziemlich ablenkt. Einen wirklich seltsamen Eindruck machen UNO, Massenmedien, USA und allerlei internationale Organisationen anläßlich des Konflikts in Syrien. Ich höre erstaunt, daß in praktisch allen Organisationen, die ich zum Jet-Set zählen würde, sogar solche, die thematisch überhaupt nichts mit Außenpolitik zu tun haben, wie Weltpostverein und Internationales Rotes Kreuz, wütende Pamphlets gegen Assad verfaßt werden, obwohl die Lage undurchsichtig ist, und solche Organisationen sich doch um eine gewisse Neutralität oder zumindest Ausgeglichenheit in der Darstellung bemühen sollten. Auch Amnesty International, das mir schon lange äußerst einseitig erscheint, politisiert unter ihrer neuen Direktorin Suzanne Nossel immer wütender. Ist es ein Zufall, daß diese zuvor für das US-Außenministerium tätig war? In ihrer Kurzbiographie heißt es:

Im Außenministerium spielte Nossel eine führende Rolle beim US-Engagement im UN-Menschenrechtsrat, einschließlich dem Anstoßen von wegweisenden Menschenrechtsresolutionen zu Iran, Syrien, Lybien, der Elfenbeinküste … sie war Vize-Präsidentin von US Business Development bei Bertelsmann Media Worldwide, Vize-Präsidentin für Strategie beim Wall Street Journal.

Verschwörungen

Besonders verstörend sind die extrem widersprüchlichen Informationen zum Massaker in Hula. Die ehrwürdige FAZ liefert eine Darstellung, die mir angesichts der Anreize viel plausibler erscheint, allerdings sonst in keine Massenmedien Eingang gefunden hat:

Syrische Oppositionelle, die aus der Region kommen, konnten in den vergangenen Tagen aufgrund glaubwürdiger Zeugenaussagen den wahrscheinlichen Tathergang in Hula rekonstruieren. Ihr Ergebnis widerspricht den Behauptungen der Rebellen, die die regimenahen Milizen Schabiha der Tat beschuldigt hatten. Sie sollen unter dem Schutz der syrischen Armee gehandelt haben. Da zuletzt Oppositionelle, die den Einsatz von Gewalt ablehnen, ermordet oder zumindest bedroht worden sind, wollen die Oppositionellen ihre Namen nicht genannt sehen.

Das Massaker von Hula hatte sich nach dem Freitagsgebet ereignet. Die Kämpfe setzten ein, als sunnitische Rebellen die drei Straßenkontrollen der syrischen Armee um Hula herum angriffen. Die Kontrollpunkte haben die Aufgabe, die alawitischen Dörfer um das überwiegend sunnitische Hula vor Anschlägen zu schützen.

Eine angegriffene Straßenkontrolle rief Einheiten der syrischen Armee zu Hilfe, die 1500 Meter entfernt eine Kaserne unterhält und umgehend Verstärkung schickte. Bei den Kämpfen um Hula, die 90 Minuten gedauert haben sollen, wurden Dutzende Soldaten und Rebellen getötet. Während der Kämpfe waren die drei Dörfer von Hula von der Außenwelt abgeriegelt.

Nach Angaben der Augenzeugen habe sich das Massaker in dieser Zeit ereignet. Getötet worden seien nahezu ausschließlich Familien der alawitischen und schiitischen Minderheit Hulas, dessen Bevölkerung zu mehr als neunzig Prozent Sunniten sind. So wurden mehrere Dutzend Mitglieder einer Familie abgeschlachtet, die in den vergangenen Jahren vom sunnitischen zum schiitischen Islam übergetreten sei. Getötet wurden ferner Mitglieder der alawitischen Familie Shomaliya und die Familie eines sunnitischen Parlamentsabgeordneten, weil dieser als Kollaborateur galt. Unmittelbar nach dem Massaker hätten die Täter ihre Opfer gefilmt, sie als sunnitische Opfer ausgegeben und die Videos über Internet verbreitet. Vertreter der syrischen Regierung bestätigten zwar diese Version, verwiesen aber darauf, dass sich die Regierung verpflichtet habe, öffentlich nicht von Alawiten und Sunniten zu sprechen. (Hermann 2012)

Der letzte Hinweis ist ein interessanter Beleg für die Tücken des Dialoges. Da das Regime keinen offenen Diskurs über die betroffenen Volksgruppen führen kann, ist es hier unmöglich, den konträren Darstellungen effektiv zu kontern. Es ist einleuchtend, daß jede Erwähnung einer bestimmten Volksgruppe, ob als Opfer oder Täter, die Gewalt weiter anstacheln würde. Darum kann ich die Begeisterung über politische Transparenz nicht so ganz nachvollziehen, wie ich letztens schon im Rekurs auf Carl Schmitt andeutete. In einer massenmedial vernetzten Zeit können Worte unglaubliche Eigendynamiken gewinnen, was die Verlogenheit verstärkt. Je transparenter die Politik, desto größer ist die Bedeutung der Lüge.

Aus diesem Grund sehe ich auch konspirative Treffen wie die Bilderberger etwas lockerer. Die Kritik sollte sich nicht am Kon-, sondern am -spirativen festmachen. Daß sich Entscheidungsträger nach einem Rahmen sehnen, in dem sie unter Schutz vor verkürzter Medienrezeption, miteinander sprechen können, ist verständlich. Die Geisteshaltung ist das Problem, nicht das Zusammentreffen. Faktisch finden dort natürlich Verschwörungen statt, dazu muß man kein Verschwörungstheoretiker sein, das ist reine Praxiserfahrung, keine Theorie. Das passiert ja schon im kleinsten Ortsverein der unbedeutendsten Parteienabspaltung, wenn die einfachen Mitglieder unter den Tisch gesoffen sind.

Einladungslisten zu den Bilderbergern etc. sind nur insofern aufschlußreich als sie belegen, wer da gerne unter sich sein möchte. Ein großer Teil der Anwesenden wird keinerlei böse Absicht haben, sondern aus welchen Gründen auch immer den Einladenden interessant genug erscheinen, und aus Interesse oder Neugier die Einladung annehmen. Nur eine Grundregel gilt stets: Je höher die Ebene von unorganischen Strukturen, desto zynischer die Geisteshaltung und desto größer die Systemzwänge.

Wenn ich etwas unorganisch nenne, so soll das kein Biologismus sein, sondern dokumentiert meine Vorbehalte gegenüber Strukturen, die die Anbindung an die Lebensrealität verloren haben. Man erkennt sie stets an Prozessen, die für Außenstehende grotesk anmuten, und an einer Ästhetik des Todes: riesige Hallen in kaltem Licht. Die Entwicklungen hin zu solchen Strukturen haben aber etwas ebenso Natürliches, es handelt sich aber nicht um organisches Wachstum, das nachhaltig ist, sondern um das Wuchern von Tumoren, die den Organismus, von dem sie selbst abhängen, letztlich zerstören. Die Dynamik ist nahezu unaufhaltsam, ganz im Sinne des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik. Denn auf Krisen reagieren solche Systeme immer mit noch größerem Wachstum und noch größerer Zentralisierung. Daraus leiteten sich auch die asketischen Empfehlungen ab, die Roland Düringer so hervorragend verkörpert und die Systemtrottel entweder heillos verwirren (die Dümmeren) oder verängstigten (die Schlaueren). Es würde allerdings an ein Wunder grenzen, wenn der Organismus gerade soweit absterben kann, um den Tumor loszuwerden, aber dabei selbst nicht das Leben zu lassen.

Das andere Geschehen, das von der Krise der USA ablenkt, ist die Eurokrise, und eben hier zeigt sich die erwähnte Eigendynamik. Denn die Amerikaner sonnen sich gerade ein wenig in der falschen Einsicht, daß die EU krisenanfälliger sei, eben weil sie den USA hintennach wäre. Nobelpreisträger Thomas Sargent, den ich schon in den Scholien 4/11 kritisch diskutierte, führte in seiner Preisrede eben dies aus. Christoffer Koch leitet mir freundlicherweise den Abdruck weiter, der meine Interpretation seines Ansatzes bestätigt. Letztlich ginge es darum, das Hamiltonsche Zentralisierungsprojekt der USA nachzuahmen. Die USA wären einst vor einer ähnlichen Krise einer Währungsunion gestanden. Sargent schildert die historischen Umstände mit einigen interessanten Details:

Vor 1789 waren die 13 Staaten bereits Teil einer Währungsunion. Alle nutzten den spanischen Dollar. Artikel 1, Abschnitt 8 der US-Verfassung gibt dem Bundeskongreß die exklusive Ermächtigung, „Geld auszumünzen, dessen Wert und den Wert fremder Münzen zu regulieren und den Maßstab für Gewichte und Maße festzulegen.“ \[…\] die Verfassung verbat den Einzelstaaten ausdrücklich, Papiergeld auszugeben, und die meisten gingen davon aus, daß das Verbot auch für die Bundesregierung galt. Die Bundesregierung umging diese implizite Beschränkung nur in bescheidener und vorübergehender Weise, indem sie der Bank der Vereinigten Staaten erlaubte, Banknoten im Tausch gegen kurzfristige Staatsanleihen auszugeben. Es dauerte länger, bis die Staaten die Beschränkung umgingen. Im Januar 1837 entschied im Verfahren Briscoe gegen Bank of Kentucky die Mehrheit des US-Höchstgerichts, mitsamt des neuernannten Höchstrichters Taney, daß die Banken der Einzelstaaten das Recht hatten, Banknoten herauszugeben. Das Realwechsel-Argument („real bills“) von Adam Smith (1806) und Sargent und Wallace (1982) oder das Modigliani-Miller Argument von Wallace (1981) zeigt, wie diese Entscheidung de facto Artikel I, Abschnitt 10, das Verbot der Schuldwechselausgabe der Einzelstaaten, aushebelte, indem den Staatsbanken erlaubt wurde, Staatsanleihen mit ihren Banknoten aufzukaufen. Danach und bis der Kongreß sie während des Bürgerkriegs zu Tode besteuerte, lief eine Vielzahl von Währungen innerhalb und zwischen den Staaten um, in einer Phase, die als Zeitalter des „Free banking“ fehletikettiert wurde. \[Ein freies Bankwesen - im Sinne freien Markteintritts - bestand niemals. Die meisten Banken benötigten staatliche Lizenzen. Viele dieser Lizenzen enthielten explizite Vorgaben, die der Bank abverlangten, dem Staat Kredite zu geben oder Anleihen zu kaufen, die Kanäle, Eisenbahnen oder Straßen finanzieren sollten. Die meisten Finanztitel, die diese Banken mit Banknoten aufkauften, waren Kredite und Diskontwechsel. Banken, die unter den sogenannten Free banking-Gesetzen operierten, wurden jedoch dazu verpflichtet, Staatsanleihen zu kaufen, um ihre Banknoten zu decken.\] Viele solcher Währungen liefen simultan um, mit schwankenden Wechselkursen, die die Wahrscheinlichkeiten wiederspiegelten, daß die staatlich lizensierten Banknoten auf Verlangen gegen Edelmetallgeld eingelöst würden. Daher hatten wir vor dem US-Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 eine Währungsunion in einem Sinne: Edelmetalle waren die Recheneinheit in der gesamten Union. Doch in einem anderen Sinne hatten wir keine Währungsunion: Wir hatten mehrere Währungen, die den Bürgern Auswahlmöglichkeiten boten, Währungen unterschiedlicher Risiken und Erträge zu halten. Es gab keinen letzten Gläubiger (lender of last resort), keine Einlagensicherung und keine Möglichkeit staatlicher Rettungspakete für die Banken. Alles, das hinter diesen Banknoten stand, war die Klugheit der Bankmanager, die durch das, was Bagehot (1920) „preservative apprehension“ der Banknotenhalter nannte, gefördert wurde. (Sargent 2012 S. 21f )

Wäre der Artikel beim Historischen geblieben, so wäre er empfehlenswert. Doch da es sich um einen modernen Ökonomen handelt, mußte er noch ein formales Modell hinzufügen, das keinerlei Erkenntnisgewinn bietet. Auch der politische Teil geht daneben: Gäbe es in Europa einen Politiker vom Format eines Hamiltons und wäre der Kontinent an Infrastruktur so unterentwickelt, daß Kreditismus nötig erschiene, dann würde es sich zumindest um einen ernstzunehmenden Vorschlag handeln: Nämlich eine EU, die nichts anderes als ein zentralistisches Neoliberalistan wäre, das wohl bald die Führung der Weltwirtschaft übernehmen würde. Angesichts der heutigen Realitäten ist diese vermeintlich pragmatische Empfehlung nichts als utopistische Träumerei.

Moloche

Da dieses Szenario also ohnehin nicht zur Debatte steht, halte ich wenig davon, so zu tun, als wären wir noch im 19. Jahrhundert, und das Dringlichste wäre Wachstum durch Entfesselung der Marktwirtschaft. Vielleicht bin ich auch ein wenig Snob, aber Zivilisation ohne Kultur erscheint mir kaum nachhaltig. Und die Kultur wächst auf paradoxere Weise: Durch Wenigertun, nicht durch Mehrtun, durch Differenzierung, nicht durch Konzentration. Leopold Kohr, einer der wenigen Kritiker jedes Wachstumskurses, der eben auch und vor allem die Tumore nährte, beschreibt diesen Hintergrund der Kultur so:

Unsere westliche Kultur ist nicht deutsch, französisch, italienisch, englisch, russisch. Die Kultur, die die westliche Welt vereinigt, ist griechisch – eine Kultur, die in den kleinen griechischen Dorf- und Stadtstaaten entstanden ist, die wegen ihrer Kleinheit so wenige Sozialprobleme hatten, daß ihnen genug Zeit übrig blieb, die größten Meisterwerke der Kunst und Literatur zu schaffen. \[…\] Alles war das Produkt von Kleingemeinden, von Dörfern, die zu Städten und Staaten geworden sind und uns, wie ich gerade gesagt habe, jenen universalistischen Geist gegeben haben, von dem man immer annimmt, daß er von der Großstadt stammt, die er füttert, während er vom Dorf und der Kleinstadt kommt, die ihn sät. (Kohr 1988, S. 32)

Leider wird heute die Urbanität vollkommen falsch interpretiert. Die Moloche unserer Zeit haben wenig mit ihren historischen Vorbildern gemein, in denen die Kultur entstand, von der wir immer noch zehren. Nehmen wir als Beispiel Wien: Hier handelt es sich um eine der wenigen Ausnahmen, die schon vor dem 20. Jahrhundert eine Millionenstadt waren. Doch der Charakter war ein gänzlich anderer: Rund um den mittelalterlichen Stadtkern lebten die Menschen in Kleinstadt- und Dorf-ähnlichen Siedlungen, mit jeweils eigenem Zentrum, dazwischen reichlich grün. Die Millionenstadt eines Riesenreiches, das große Teile Mittel- und Osteuropas umfaßte, war also eher eine Zusammenballung von Kleinstädten. Diese Strukturen sind noch teilweise erhalten, doch der Charakter ist weitgehend zerstört. Zuerst war es die kreditgetriebene Wachstumspolitik, die das schöne Glacis, eine Kombination aus beeindruckender Stadtmauer und großer Parkanlage, für eine Prunkstraße schliff (die, wie ich schon einmal erwähnte, wenigstens nachhaltig prunkvoll ist). Dann kamen die Nazis, aber die richteten erstaunlich wenig Schaden an, denn Wien war in ihrem Wahnreich nur Peripherie, nicht Zentrum. Zudem wäre der Pseudo-Klassizismus der Nazis heute noch zumindest touristisch bewirtschaftbar. Interessanterweise errichtet der Sohn des Nazi-Architekten Albert Speer heute unter anderem planwirtschaftliche Siedlungsmoloche in China. Nach den Nazis kam die Zerstörung des Krieges. Doch auch diese nimmt sich trotz Bombenhagel neben den Zerstörungen durch den modernen Kommerzsozialismus bescheiden aus.

Doch die Megalomanie ist keine moderne Erfindung. Babylon ist so sprichwörtlich, daß es zum Archetypen wurde. Immer wenn ich durch Rom spaziere, drängt sich mir der Gedanke auf, daß das Rom von Mittelalter und Renaissance dem antiken Vorbild an Schönheit und Menschengemäßheit weit überlegen sein müßte. Man wandere einmal in der prallen Sonne Roms durch die gigantischen Ruinen entlang der antiken Straßen und dann durch die neueren, engen Straßen. Thomas Merton zieht gar den Schluß:

Somit war es ersichtlich, allein aus den Massen von Stein und Ziegeln, die stets die Paläste, Tempel und Bäder bildeten, dass das imperiale Rom eine der widerwärtigsten, hässlichsten und deprimierendsten Städte gewesen sein muss, die die Welt jemals gesehen hat. In der Tat waren die zwischendrin mit Zedern, Zypressen und Pinien bewachsenen Ruinen sehr viel gefälliger als die Realität je gewesen sein muss. (Merton 1948/1978, S. 107)

Die Schweiz, die Krieg und Reichswahn bislang vollkommen ausweichen konnte, und beim Zentralismus und Kommerzsozialismus noch etwas hintennach ist, darf sich glücklich schätzen, keine Molochstädte aufzuweisen. Selbst das Politzentrum Bern und das Finanzzentrum Zürich haben noch eine so intakte Ästhetik, daß sie nun trotz protestantischer Prägung die meisten katholischen Städte an Schönheit weit überragen. Ihre Schönheit liegt nicht im Prunk der Bauten, sondern daran, daß sich diese Städte das menschliche Maß bewahrt haben. Vermutlich hat diese Städte vor der Verschandelung bewahrt, daß die Schweiz bis vor kurzem ein vergleichsweise armes Land war. Bern ist dank der Terrassenlage an der Aare, dem reichlichen Grün und den unzerstörten Altstadtstraßen mit durchgehenden Säulengängen eine der schönsten und lebenswertesten Städte überhaupt. Umso drastischer erscheinen mir die modernen Schweizer Architektursünden. Sind sie noch häßlicher als das, was überall sonst von sich selbst verwirklichenden Architekten, die kredit- und staatsfinanzierte Projekte umsetzen, verbrochen wird? Ich vermute, der Kontrast läßt ihre Häßlichkeit noch mehr hervortreten. Am häßlichsten sind wohl die überteuerten Wohnsilos, die sich rund um den durch Kreditismus und internationales Weltrettungs-Jet-Set aufgeblähten Reichtum Genfs drängen.

Mit Schrecken vernehme ich die Meinung junger Schweizer, man müsse mehr Großstadt schaffen, um den internationalen Anschluß zu erreichen. Hochhäuser, heruntergekommene Blockbauten mit Graffiti-Flächen, groteske Kunstinstallationen, Nachtlokale gelten als Inbegriff der Urbanität. Dabei scheint es sich um einen modernen Cargokult zu handeln. Diesen Begriff habe ich in Scholien 5/09 bereits erklärt. Es handelt sich um eine Umkehrung der Kausalität, die auch die Chinesen momentan eifrig bemühen. Wer glaubt, durch Wolkenkratzer Kultur schaffen zu können, ist so oberflächlich wie die kulturlosen, neureichen Ölscheichs in der Wüste. Da kann man ja gleich in der Schweiz eine Wüste anlegen, in der Erwartung, dann würde dort auch das Öl sprudeln.

Menschliches Maß

Das menschliche Maß habe ich letzthin schon erwähnt. Protagoras Satz „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, daß sie sind, der Nichtseienden, daß sie nicht sind“ ist mißverständlich. Oft wird er als prometheische, atheistische Hybris gelesen. Religiöse Menschen neigen leider zu einer übertriebenen Sensibilität, die allzu stark polarisiert, weil ihr oft die Empathie fehlt, die Motive einer Aussage zu prüfen, die scheinbar den Dogmen zuwiderläuft. Tiefstreligiöse Menschen sind da ganz anders; sie haben so viel Gottvertrauen, daß sie nicht so leicht der dummen Idee anhängen, Gott würde menschliche Meinungen allzu ernst nehmen. Hier steckt nämlich die eigentliche Hybris.

Ähnlich ist es beim Begriff des Selbsteigentums. Wie „der Mensch als Maß aller Dinge“ klingt das nach Gottesleugnung. Die meisten Religionen gehen nun einmal davon aus, daß der Mensch zuallererst Gott gehört. Die Worte sollte man aber auch hierbei nicht so ernst nehmen. Diejenigen, die das Selbsteigentum proklamieren, wollen damit die Ansprüche anderer Menschen über sich abweisen. Und diejenigen, die den Begriff „Selbsteigentum“ aus religiösen Gründen ablehnen, wollen doch bloß Platz für ein Gewissen einfordern. So kann man auch den Menschen als Maß verstehen: Als Orientierung für die Menschen selbst, nicht als Anmaßung gegenüber der kosmischen Ordnung. Leopold Kohr interpretiert den Satz des Protagoras so:

Zuerst habe ich nicht verstanden, warum man darüber so begeistert sein soll, bis mir dann eines Tages eingeleuchtet hat, daß es auf die richtige Betonung ankommt. Der Mensch ist das Maß aller Dinge, nicht der Staat, nicht die Partei, nicht die Nation, nicht die Menschheit, nicht das Universum. Der Mensch. Und der Mensch ist klein, und alles, was ihm dienen soll, muß seinem Maß zugeschnitten sein, wie ein Anzug oder ein Hemd. (Kohr 1988, S. 34f.)

Das menschliche Maß an Institutionen anzulegen, bedeutet nicht bloß, daß diese klein sein sollen. Sie sollten dem Menschen und seiner Natur angemessen sein. Dies meinte ich vorhin mit organisch: aus der Realität gewachsen und Bodenhaftung haltend. Kohr formuliert eine sehr interessante These zum organischen Entstehen politischer Einheiten im besten Sinne. Er leitet diese aus Grundbedürfnissen des Menschen an. Solange sie diesen zugemessen sind, seien sie nachhaltig und dem Menschen förderlich. Er sprach:

Wir sind alle frei, solange wir allein sind. Wenn wir uns zusammenschließen, so tun wir das daher nur, um etwas zu gewinnen, was wir nicht haben könnten, wenn wir allein blieben, also um einer Annehmlichkeit wegen. Wir können allein essen, wir können allein schlafen, aber wir können nicht in Einsamkeit gesellig sein. Der Mensch ist jedoch ein geselliges Wesen, ein zoon politicon, wie Aristoteles gesagt hat. Er will mit anderen zusammen sein. Das war der erste Staatsgründungszweck. Demgemäß war unsere erste Gemeinschaftsstätte, unser erster Staat ein Wirtshaus. Das war das Zentrum, wo sich die einsamen Menschen ein paar Mal im Jahr treffen konnten. Das war ihr erstes Staatsgebäude und der Wirt ihr erster Diener, Präsident oder König. Wenn man nun aber ins Wirtshaus geht, beginnt man zuerst einmal zusammen zu essen, dann zu trinken, dann zu debattieren, dann zu singen, dann Dank zu sagen und zu beten und schließlich zu raufen, wenn man sich nach einem Extraglaserl gegenseitig auf die Füße zu steigen beginnt. Das produziert die ersten Staatsfunktionen: Polizei, Justiz, Verwaltung, Verteidigung. Aber der gesellige Gründungszweck ist immer derselbe geblieben: gemeinsam zu trinken, zu debattieren und zu beten. Wir tun das heute in getrennten Institutionen: Wirtshaus, Rathaus, Kirche. In den meisten Fällen stehen sie aber organisch gruppiert noch immer auf dem selben Platz wie Magen, Herz und Gehirn. Erst in der naturentfremdeten neueren Zeit hat man zu glauben begonnen, ein Wirtshaus soll nicht in der Nähe einer Kirche stehen, bis man herausfand, daß die Gläubigen ins Wirtshaus gingen, wo sie auch beten konnten, aber nicht in die Kirche, wo es nichts zum Trinken gibt.

Also das sind drei Urfunktionen, die der Mensch von seiner Gemeinschaft erwartete. Aber um ins Wirtshaus gehen zu können, mußten wir wohlhabend genug sein, um Überschüsse zur Verfügung zu haben, die es uns ermöglichten, uns ab und zu auszurasten. Dazu brauchten wir eine etwas größere als eine bloße Trinkgemeinschaft, eine Gemeinschaft, in der wir uns spezialisieren konnten, so daß nicht jeder immer alles für sich selber machen mußte: kochen, aufbetten, jagen, schustern. Wenn jemand ein Schneider sein will, muß er 300 Tage im Jahr für andere schneidern können. Bei 350 Personen erreicht eine Gemeinschaft ungefähr die Größe, bei der berufliche Spezialisierung möglich wird und wo sich der ursprüngliche Gesellschaftsstaat des Wirtshauses zum Wirtschaftsstaat des Dorfes ausdehnen kann. (Kohr 1988, S. 36f)

Hof halten

Der Wirt als Prototyp des Königs ist ein aufschlußreicher Gedanke. Die bedeutendsten Könige verstanden es stets, Hof zu halten. Dort boten sie gemeinsames Trinken, Essen, Tanzen, Raufen; hatten aber vor allem die Funktion, Konflikte zu schlichten. Womöglich ist der Wirt in einem Dorf tatsächlich der nächstliegende Vermittler. Bis heute ist der Wirt oft Bürgermeister. Ist also zuerst der Hof da und dann der König? Ich kann mir gut vorstellen, daß die Organisation eines mobilen Hofes im archetypischen Sinne ein gangbarer politischer Weg wäre, etwas Ordnung in den Wahnsinn zu bringen. Harold Berman beschreibt das Wirken eines der bedeutendsten Kaiser der Geschichte so:

Im Unterschied zum Caesar regierte Karl der Große und seine Nachfolger ihre Untertanen nicht mit Hilfe einer kaiserlichen Bürokratie. Es gab keine Hauptstadt, die mit Rom oder Konstantinopel vergleichbar gewesen wäre; während das römische Reich von Städten übersät war, hatten Karl der Große und seine Nachfolger so gut wie keine Städte. Vielmehr reiste der Kaiser mit seinem Hof durch sein weites Reich von einem größeren Ort zum anderen. Er war ständig auf Reisen, in Frankreich, Burgund, Italien, Ungarn so gut wie in seinem fränkisch-germanischen Stammland. In einer fast ausschließlich lokalen Wirtschaft und einer politischen Struktur, bei der die höchste Gewalt bei den Stammes- und Regionalführern lag, hatte der Kaiser einmal die militärische Aufgabe, ein Bündnis von Stammesheeren aufrechtzuerhalten, um das Reich gegen äußere Feinde zu verteidigen, und zum anderen die geistliche Aufgabe, den christlichen Glauben des Reiches vor einem Rückfall ins Heidentum zu bewahren. Er regierte, in dem er Hof hielt. Er war zuallererst der Richter seines Volkes. Wo er ankam, hörte er Klagen an und sorgte für Gerechtigkeit; er war auch Beschützer der Armen und Schwachen, der Witwen und Waisen. Das Imperium war kein geographisches Gebilde, sondern eine militärische und geistliche Autorität. (Berman 1995/1983, S. 153)

Mein Freund Daniel Model, ein streitbarer Schweizer Unternehmer, hat den wohl ersten modernen Hof Europas gebaut (www.modelhof.com). Im verschlafenen Müllheim am Bodensee errichtete er ein beeindruckendes Bauwerk, das als Schloß bezeichnet werden könnte. Dort will er Hof halten und Kultur und Erkenntnis ein Refugium bieten. Er hat auch schon seinen eigenen Staat ausgerufen, weil er mit dem Schweizer Regime nicht mehr einverstanden ist. Es führe das Land in den Ruin.

Die Bedeutung der Höfe läßt sich schon an unserem Wort Höflichkeit ablesen. Im Englischen ist der Ausdruck etwas demokratischer: politeness kommt von der Polis. Polis und Hof sind offenbar zwei Gegenstücke. Die Funktionen von Wirtshaus, Rathaus, Kirche finden sich auch am Hof, nur in anderer Dimension. Der König wäre in diesem Sinne Kulturförderer, Rechtsprecher und Schützer der geistlichen Sphäre. Kohr würde die Gegenstücke eher in Dorf und Stadt sehen. In der Tat machte das Bürgertum der freien Städte dem Hofadel die Funktionen streitig. Kohr sieht die zwei Dimensionen als nahtlos ineinander übergehend:

Das Dorf gibt uns Identität, Qualität, Solidarität, Sicherheit. Aber der Mensch braucht noch eine weitere Dimension zur Erfüllung seiner gesellschaftlichen Wünsche – eine geistige, eine künstlerische Dimension. Und dazu braucht man nicht ein vergrößertes Dorf, sondern mehrere kleine Dörfer, deren Produktionsüberschüsse es möglich machen, ein Städtchen, eine Stadt zu bauen, die schon bei 20.000 Einwohnern, wie im alten Griechenland, oder bei 100.000, wie im Falle des Fürsterzbistums Salzburg, imstande ist, dem Menschen alles zu geben, was sein Herz begehrt – an Kunst, Musik, Architektur Dichtung, Theater, Philosophie und Cuisine. (Kohr 1988, S. 38)

Einen Hof würde Kohr wohl schon als überdehnt betrachten. Doch auch hiervon gab es eine kleinste Ebene, den Ritterhaushalt. Berman führt die Rechnung an, daß es im 11. Jahrhundert etwa 15-30 Bauernfamilien brauchte, um einen Ritterhaushalt zu unterhalten (Berman 1995/1983, S. 483). Unnötig und schädlich sind nach Kohr jedenfalls die über 100.000 Menschen hinausgehenden Aggregate:

Nach dem Wirtshaus-, Dorf- und Stadtstaat kamen die Stamm-, National-, Kontinentalstaaten und internationale Wirtschaftsgemeinschaften, die unser Summum bonum mit keinem einzigen zusätzlichen Genuß bereichern können, der nicht schon den Bürgern des kleinen Liechtenstein zur Verfügung steht. Alles, was uns diese überwachsenen Monsterorganisationen geben, sind mehr Kosten mehr Streitereien, mehr Sorgen, mehr Probleme, zu deren Lösung diese überwachsenen Staatsgebilde das Gefühl haben, daß sie immer noch größer werden müssen \[…\].(Kohr 1988, S. 38)

Zäune

Wirkliche Dörfer und Städte gibt es heute leider kaum noch, sondern meist nur Zusammenballungen von Nomaden. Die Megastadt mußte den Megastaat hervorbringen. Die Weltoffenheit der Kleinstadt, im besten Falle mit einem Hafen, ist etwas gänzlich anderes als der gleichmacherische Kosmopolitismus und Multikulturalismus der Großstädte.

Ein Dorf ist eine Nachbarschaft Selbständiger, die zur weitgehenden Selbstversorgung fähig sind und Überschüsse gegen Werkzeuge, Kultur und Vielfalt tauschen. Die Lebensform des Dorfes sind benachbarte Kleinhöfe. Die alten Häuser bieten eine einmalige Lebensqualität: Das Tor zu Straße mit überdachter Einfahrt bietet Anschluß und Austausch, der schattige Hof, der nach hinten in den sonnigen Garten übergeht, bietet Ruhe. Da Hof direkt an Hof liegt, sind sie gewissermaßen aneinandergeigelt, und ihre Wände schaffen das archetypische Idyll des ummauerten Gartens.

Heute verbietet die Bauordnung diese Lebensform: Es sind, aus Gründen des Feuerschutzes, Abstände zu halten, die die häßlichen, abgekapselten Häuser der Vorstadt produzieren. Das Paradoxe: Die Menschen sind weiter weg von einander, treten sich aber vielmehr auf die Zehen, denn die Gärten und die Häuser sind absolut einsichtig. So wird die Kombination aus Nähe und Kleinheit des Dorfes unerträglich. Davor laufen die Menschen davon, um sich in der Großstadt noch näher zusammenzuballen, aber zumindest mit Fremden. Das ist physiologisch und seelisch zwar noch ungünstiger, aber psychisch viel erträglicher, so wie man sich ja auch nackt vor Fremden weniger geniert als vor den Nächsten.

Vermutlich ist es diese Erfahrung einer unnatürlichen Kombination von Nähe und Distanz, die einen Teil des Unmuts gegen das Eigentum erklärt. Insbesondere am Zaun macht sich nämlich der meiste populäre Vorbehalt gegenüber dieser Institution bemerkbar. Zäune sind vielleicht wirklich der Inbegriff der Spießbürgerlichkeit. Historisch ist damit die Erfahrung der Umzäunung der Allmende verbunden, die ich bereits in früheren Scholien beschrieben habe. Aus Viehzäunen wurden Menschenzäune. Der Zaun zeigt dem Nächsten ostentativ die Pracht deines Gartens, schließt ihn aber ebenso ostentativ davon aus.

Die Mauer und die geschlossene Tür sind psychisch viel verträglichere Abgrenzungen. Sie sind auch beschränkt; da die Mauer aufwendig ist, umschließt sie wirklich nur das Intime, Private. Fällt eine Wiese durch Erbteilung an immer mehr Einzeleigentümer, wäre es absurd, diese nun durch Zäune in einen Fleckerlteppich umzuwandeln. Die Schönheit der Wiese wäre dahin. Ich kann verstehen, daß eine Landschaft, die vollends in lauter Privatgrundstücke mit häßlichen Einfamilienhäusern, Pools und Vorgärten aufgestückelt ist, wo sich Nachbarn über ihre Gartenzäune hinweg bekriegen, als Schreckensbild erscheint. Diese Überdehnung der Institution des Eigentums ist der direkte Weg zur Diskreditierung der Institution und der Nachbarschaft. Die Kombination aus Einzelgehöft, Dorf und Stadt, die sich aus jeder Lebensform des beste herauspicken will, ist eine Verzerrung. In Archetypen, die Muster bilden, steckt eben oft viel verstecktes Wissen.

Dorfleben

In einer wirklichen, dem Archetypus entsprechenden Stadt, ist die Siedlungsform dem Dorf ähnlich, nur ist die Arbeitsteilung ausgeprägter. Im Dorf liegen die Betriebsstätten rundum, in den umgebenden Äckern, Wiesen und Wäldern; da das Dorf viel kleiner ist, sind diese leichter zu erreichen. Mit dem Wandel von der Agrargesellschaft steht das Dorf damit vor einem Existenzproblem. Leider haben die politischen Antworten auf dieses Problem die Lage, wie das bei politischen Interventionen meist so ist, noch deutlich verschlimmert. Die politischen Antworten waren Subventionierung der Landwirtschaft, Schaffung von Jobs und Planung. Ersteres begünstigte die Konzentration und minderte die Innovationskraft des Sektors beträchtlich. Einzelne, kreative Landwirte zeigen, was selbst in einem Hochlohnland möglich ist: ein Alleinstellungsmerkmal durch Qualität und Vielfalt. Selbst heute könnte ein Dorf, wenn dessen Bewohner nicht den unternehmerischen Geist des Selbständigen verloren hätten, als kleines Netzwerk kreativer Umweltbewirtschafter überleben. Insbesondere wenn man die anderen Möglichkeiten der Umweltbewirtschaftung in Betracht zieht: Tourismus, Gesundheit, Sport, Wissenschaft, Kultur. Gerade in einer verstädterten Welt ist die Sehnsucht nach Naturbezug riesengroß. Dazu müßten aber auch die Naturräume, die verstaatlicht wurden, wieder in lokalen Besitz zurückgehen. Dann müßte nicht der staatliche Umweltbeauftragte im Namen großspuriger, hochsubventionierter, wohlklingender Umweltschutzprojekte als Experte aus der Stadt herangefahren kommen, sondern lokale Selbständige würden im Interesse nachhaltiger Bewirtschaftung die Pflege ihrer Landschaften selbst in die Hand nehmen. Die Aufgabe wirklicher Gemeindepolitik, die diesen Namen verdient, wäre es dann, die Menschen zu vernetzen, zu koordinieren und zu motivieren, in den nächstgelegenen Landschaften eine Lebensgrundlage aufzubauen, und für diese Menschen Ressourcen zurückzuholen und zu verteidigen, die ihnen nach und nach entzogen werden.

Da ich als Schutz gegen totalitäre Zentralisierung die Funktionalität kleiner Strukturen für noch wichtiger als individuelle Abwehrrechte halte, die ohnehin nur am Papier bestehen und nur, solange sie von der Zentralmacht zugestanden werden, würde ich Gemeinden das Recht zugestehen, über Ansiedlung und Grunderwerb Fremder zu bestimmen. Die Zersiedlung des Landes in identische Vorstädte rund um ausufernde Agglomerationen schafft die ideale Grundlage für zentralistische Bürokratenregime.

Heute betrachten Gemeinden ihre ihnen verbliebenen Ländereien oft als beliebig verwertbare Finanzreserven, die an den Meistbietenden zu verhökern sind, um die Gemeindekasse aufzubessern, damit der Bürgermeister ein dummes, „Arbeitsplätze schaffendes“, meist noch durch Kredite massiv aufgeblähtes, überteuertes Prestigeprojekt hochziehen kann. Diese Arbeitsplatzbeschaffung zerstört nicht nur die Sozialstruktur des Dorfes, sondern macht die Menschen eben abhängig von Arbeitsplätzen, die ihnen politisch zugewiesen werden. Irgendwann muß dann die lokale Arbeitsstätte schließen, weil sie nicht nachhaltig war, und zurück bleibt verstädtertes Proletariat, dem die Vorteile der Stadt fehlen.

Unvermeidbar erscheint dies, wenn Ressourcen, die industriellen Abbau erfordern, zunächst großen Arbeitskraftbedarf zeigen. Ein Beispiel sind die Industriedörfer Österreichs, die interessanterweise selbst nach Absterben der Industrie parteipolitisch als rote Inseln im schwarzen Ozean übrigbleiben. So etwa der Ort Eisenerz, der einst 3.500 Einwohner hatte, dann - wie der Name schon sagt - zugunsten der Erzförderung auf 12.000 Einwohner anwuchs und heute wieder der ursprünglichen Bewohnerzahl entgegenschrumpft. (Kampl 2012). Das Erz ist dem Ort nicht ausgegangen, doch die Fördermethoden sind heute so viel produktiver, daß nur noch 150 Mitarbeiter dafür nötig sind. Um die vielen Arbeitskräfte unterzubringen, wurden jedoch abgrundtief häßliche Wohnsilos in die ländliche Struktur gepflanzt.

Industriesiedlungen

Ich vermute, daß diese nicht-nachhaltige Arbeitsplatzblase nicht bloß an steigender Produktivität liegt. Erz ist ein kriegswichtiges Material, darum hat staatliche Nachfrage oder staatlicher Befehl - der Unterschied dazwischen ist nicht allzu groß und nur graduell - wohl dazu geführt, die Produktion über die lokalen Möglichkeiten hinaus auszuweiten. Vermutlich hätte ein Schürfen durch Selbständige vor Ort auf eigene Rechnung, die sich vielleicht in einer Zunft koordinieren, eine ausgeglichener wachsende, über weite Strecken höhere Produktivität gebracht. Ich weigere mich zu glauben, daß sämtlicher Zuwachs an Wohlstand und Wissen kreditfinanzierter Industrialisierung zuzuschreiben ist. Ich bin davon überzeugt, daß Selbständige, deren Ersparnisse nicht alle ein bis zwei Generationen durch Krieg und Inflation vernichtet werden, langfristig hochproduktive Lebensgrundlagen aufbauen und ausbauen können. Dann würden die Investitionen eben in immer bessere Werkzeuge fließen anstatt in zentralisierte Automatenwerke mit Proleten am Fließband, die irgendwo hinbetoniert werden, bis die Proleten dank Inflation, Steuern und Regulierung zu teuer geworden sind.

Vielleicht ist der selbständige Minenarbeiter, der kreativ und innovativ mit ebenso selbständigen Kollegen wirkt und im Berg seine Berufung und Heimat findet, ergänzt um die unselbständige Zuarbeit weniger Lehrlinge und Knechte, eine Illusion. Sollte das so sein, dann wäre die angemessenere Lebensform die einer mobilen Industriesiedlung, die nicht auf ein Dorf künstlich aufgepfropft wird und dieses kaputtbläht. Solche Industriesiedlungen hätten relativ autonomen Charakter und würden aus der Not eine Tugend machen und einen gewissen Lagercharme am Leben halten. Das Leben in diesen Siedlungen wäre vorübergehend; die Arbeitsabläufe so eingerichtet, daß Menschen in dafür geeigneten Lebensphasen ein bis zwei Jahre mitwirken, um dann wieder in selbständige Tätigkeit zurückzukehren.

Dramatisch ist es, rund um aufgeblähte Industrieprojekte Familienstrukturen wachsen zu lassen, die von diesen abhängen. All die guten Absichten vergangener Politik waren hier zutiefst kontraproduktiv. Das zeigt sich insbesondere in der verfehlten Migrationspolitik, die ungeheuren sozialen Sprengstoff entstehen ließ. Die Industrie verlangte nach billigen Gastarbeitern, die Politik aber schuf sich billige Wähler. „Integration“ ist das völlig falsche Rezept. Wirkliche Integration gelingt einzelnen Zuwanderern, die aus freien Stücken eine neue Heimat suchen und bereitwillig annehmen. Diese Integration muß nicht eingemahnt und gefördert werden, sie läuft natürlich und von selbst ab. Politisch subventionierte „Integration“ ist die Produktion identischer, abhängiger, proletarisierter, heimatloser Wählerscharen.

Sollte Fertigung mit billigen, ungebildeten Hilfskräften wirklich nötig sein, dann soll der jeweilige Unternehmer aber auch wirklich alle Kosten übernehmen. In Wirklichkeit dürfen in aller Regel die Selbständigen über Steuern und Entwertung mitzahlen, um solche Produktionsformen zu subventionieren, entweder weil ein Politiker Arbeitsplätze verspricht, oder ein Unternehmer dies tut, um die Politik für sich zu gewinnen.

Wie kann das Dorf also überleben? Nicht durch das Schaffen eines künstlichen, subventionierten Idylls, denn das wäre eben nicht nachhaltig. Die meisten politischen Konzepte laufen darauf hinaus, Dorfbewohnern zu staatlich besoldetem menschlichen Dekor zu machen, das in einem großen staatlichen Freizeitpark mit Hotelburgen herumwuselt. Ob Staat oder Markt ist aber relativ irrelevant, es geht um die Lebensform. Wenn eines Tages ein chinesischer Unternehmer die Filetstücke Österreichs aus der Konkursmasse ersteht, würde er es wohl genauso machen: Einheimische als Lohnarbeiter in Dirndl und Trachtenanzug anstellen, die als Fotomotive in der Gegend herumgrinsen, und Massentourismus durch den Alpine Park schleusen. Ein nachhaltiges Dorf ist nicht das künstliche Idyll für Zweitwohnbesitzer aus der Stadt, sondern eben ein Verbund selbständiger, lokaler Umweltbewirtschafter. Darum schränkt Leopold Kohr zurecht ein:

Das heißt nicht, das ein Städter zurück ins Dorf gehen soll, denn er war ja nie im Dorf. Wer ins Dorf zurückkehren soll, sind die abgewanderten Dörfler. Sie allein können die Krankheit des Dorfes heilen, deren Symptom ihre Abwanderung in die Städte ist \[…\].(Kohr 1988, S. 39)

Freiheit der Städte

In der Stadt ist für die Städter ja genügend Krankheit zu kurieren da. Städte sind ursprünglich dem Dorf ähnlich, nur erreichen diese durch eine andere Dimension auch eine neue Qualität. Die frühe Lebensform der Stadt ist dem Dorfhof ähnlich. Nur ist die Betriebsstätte des Städters direkt vor Ort, er ist Handwerker, Händler, Künstler, Gelehrter, Arzt. Das Stadthaus ist daher etwas größer und stärker nach außen gerichtet: darum auch die schöneren Fassaden und der Laden. Laden ist die Vorform des Schaufensters: Die Werkstätte des Selbständigen läßt sich durch einen Holzladen zur Straße hin öffnen, um den Kundenkontakt herzustellen. Der Dörfler ist einmal in der Woche am Markt, der Städter lebt gewissermaßen am Markt. Städte, die diese Struktur erhalten haben, sprechen Menschen universell an, sie sind einfach wunderschön. Das typische Stadthaus bietet Platz für drei Generationen einer Familie und ein bis drei Lehrlinge oder Hilfskräfte. Stehen Räume frei, so können diese vermietet werden, etwa an Studenten, die sich für einige Jahre in der Stadt aufhalten und noch keinen eigenen Haushalt gegründet haben. Hinter dem Haus ist ein Hof, in dem Küchenkräuter und ein wenig Gemüse für den Eigenbedarf wachsen. Die restlichen Lebensmittel werden am Wochenmarkt von den Dörflern erworben, Spezialitäten aus der Ferne beim Fachhändler. (Über die Stadt habe ich ausführlich in den Scholien 9/09 geschrieben.) Dies mag nach mittelalterlicher Romantisierung klingen. Keineswegs wünsche ich irgendein gewaltsames Zurück in karge Zeiten. Doch ich bin überzeugt davon, daß ohne die Aufblähungen durch Kreditvermehrung und Politikvermehrung und die sich wiederholende Auslöschung eines hinreichend begüterten Mittelstandes Städte nicht Betonwüsten ähneln würden, sondern lebendigen Märkten und Kulturzentren. Die Zerstörung der Städte im Namen wirtschaftlicher Entwicklung ist ein beredtes Zeugnis unseres Scheinwohlstandes.

Schließlich war die mittelalterliche Stadt in ihrer Zeit ein unglaublich progressives Unternehmen. Stadt und Freiheit sind eng verbunden, wie in oben erwähnten Scholien belegt habe. Man kann sogar soweit gehen, die Stadt als Freiheitsprojekt geradezu anarchistischer Zuspitzung zu interpretieren. Der berühmte Anarchist Peter Kropotkin argumentiert dies in seinem bemerkenswerten Hauptwerk Gegenseitige Hilfe:

Keine Geschichtsperiode könnte die konstruktiven Kräfte der Volksmassen besser illustrieren als das 10. und 11. Jahrhundert, wo die befestigten Dörfer und Marktflecken, die lauter „Oasen inmitten des Feudalwaldes“ vorstellten, anfingen, sich vom Joch ihres Herrn zu befreien und langsam die künftige Städteverwaltung ausarbeiteten; \[…\]. Unter dem Schutz ihrer Mauern eroberten und behielten die städtischen Volksversammlungen – die entweder ganz unabhängig waren oder von den hauptsächlichen Adels- und Kaufmannsfamilien geleitet wurden – das Recht, den militärischen Schirmherrn und obersten Richter der Stadt zu wählen, oder mindestens zwischen denen, die auf dieses Amt Anspruch erhoben, eine Wahl zu treffen. In Italien vertrieben die jungen Gemeinden fortwährend ihre Schirmherren oder Domini und kämpften gegen die, die nicht freiwillig gingen. Dasselbe war im Osten der Fall. In Böhmen nahm reich und arm in gleicher Weise an der Wahl teil (Bohemicae gentis magni et parvi, nobiles et ignobiles); und die Wyetsches (Volksversammlungen) der russischen Städte wählten regelmäßig ihre Herzöge – immer aus derselben Familie der Rurik – schlossen mit ihnen einen Vertrag und entließen den Knyaz, wenn er Unzufriedenheit erregt hatte. Gleichzeitig herrschte in den meisten Städten West- und Südeuropas die Tendenz, einen Bischof zum Schirmherrn zu nehmen, den die Stadt selbst gewählt hatte; und so viel Bischöfe standen an der Spitze, wenn es galt, die Gerechtsamen der Städte zu schützen und ihre Freiheiten zu verteidigen, daß viele von ihnen nach ihrem Tod für Heilige und besondere Schutzherren der betreffenden Städte galten. St. Uthelred von Winchester, St. Ulrich von Augsburg, St. Wolfgang von Regensburg, St. Heribert von Köln, St. Adalbert von Prag usw. und ebenso viele Äbte und Mönche wurden lauter Stadtheilige, weil sie die Verteidigung der Volksrechte geführt hatten. Und unter den neuen Schirmherren, weltlichen oder geistlichen, eroberten die Bürger vollständige eigene Gerichtsbarkeit und Selbstverwaltung für ihre Volksversammlungen.

Der ganze Vorgang der Befreiung rückte durch eine Reihe unmerklicher Akte der Hingebung an die gemeinsame Sache vorwärts, die von Männern vollbracht wurden, die aus den Massen hervorgingen – von unbekannten Helden, deren Namen nicht einmal die Geschichte bewahrt hat. Die wundervolle Einrichtung des Gottesfriedens (treuga Dei), durch den sich die Volksmassen bemühten, den endlosen Familienfehden der adligen Familien eine Ende zu machen, war in den jungen Städten entstanden, wo die Bischöfe und Bürger versuchten, den Frieden, den sie innerhalb ihrer Stadtmauern errichtet hatten, auf die Adligen auszudehnen.(Kropotkin 1908, S. 152f)

Spießergärten

Ein sympathisches Projekt, um die Kluft zwischen Dorf und Stadt wieder zu verringern und ein wenig Seele in die Stadt zurückzuholen, spielt sich in der britischen Kleinstadt mit dem grotesken Namen Todmorden ab. Dort haben immer mehr Menschen Freude daran, ihre Stadt in einen großen Garten zu verwandeln:

Von drei Seiten von den fruchtbaren Hängen des Penninengebirges umgeben, ist diese charmante, wenngleich nicht besonders auffällige Stadt, ein paar Meilen von der Grenze zu Lancashire entfernt, ein unwahrscheinlicher Startpunkt für eine Essensrevolution, doch Aktivisten hinter der Initiative “Incredible Edible Todmorden” (unglaublich essbar) glauben, dass es ein Katalysator für Gemeinden landauf landab sein könnte.

Die Autarkiebewegung ist das Geisteskind der Cafébesitzerin Pam Warhurst, die die Hilfe ihrer Freundin Mary Clear in Anspruch nahm, um den Stein ins Rollen zu bringen. Die Sache läuft erst seit Februar, und sie haben bereits eine Website mit Forum, drei Gemeinschaftsgärten und einen Samentauschkreis aufgezogen. \[…\] „Wir haben kein Interesse daran, auf eine Mode aufzuspringen oder Geld zu verdienen. Wir sind nur eine Stadt, die das Bedürfnis der Menschen anerkennt, einen Bezug zu guter, qualitativ hochwertiger Nahrung wiederherzustellen, die vor Ort angebaut wird.“ Angesichts steigender Nahrungsmittelpreise und der wachsenden Sorge über der Herkunft der Nahrungsmittel, glaubt Pan an den Sinn ihres Unterfangens. „Es hat allerlei Nebeneffekte, es ist gesünder, reduziert Flugkilometer und hilft, den Gemeinschaftsgeist zu stärken, weil es Menschen dazu ermutigt, Pflanzen zu tauschen \[…\].“

Auf den ersten Blick erscheint Todmorden wie jede andere Marktstadt, doch wenn man etwas tiefer gräbt, bemerkt man eine angeregte Umtriebigkeit. In nur wenigen Monaten sind Gemüsebeete und Kräutergärten entstanden, mit allem von Rhabarber bis Rosmarin, die ungenutztes Land und Grasstreifen verwandeln. „Bei uns wachsen Kräuter am Bahnhof, sodaß jeder, der aus dem Zug aussteigt, alles pflücken kann, was er will, und wir haben auch Rezepte ausgehängt, die Vorschläge machen, wie man Dinge wie Rosmarin oder Petersilie verkocht.“ Alles ist dafür da, gekocht und gegessen zu werden, sagt sie. „Einige Leute sagten, die Beete würden innerhalb weniger Tage ruiniert werden, doch bislang hat sie niemand verwüstet, es gibt keine Zigarettenstummeln oder Bierdosen, es ist fantastisch.“ \[…\] Sie denkt, daß einer der Gründe, warum sich die Sache als so populär erweist, am Ort selbst liegt. „Dies ist ein Grenzort, und solche fühlen sich oft vernachläßigt, und Todmorden hat eine Geschichte, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, es gibt einen wirklichen Gemeinschaftsgeist hier.“

Dem stimmt Pam zu. „Todmorden hat ein sehr starkes Identitätsgefühl, und ich glaube, daß, wenn wir die Menschen wieder mit dem Land und der Nahrung in Beziehung bringen, dies mit einem Gefühl für einen Ort zusammenhängen muß. \[…\]

Erfrischend an dem Konzept ist, daß es von der lokalen Bevölkerung vorangetrieben wird, nicht von gesichtslosen, wenngleich wohlmeinenden Quangos \[Staatlich subventionierte Organisationen\]. „Wir wollen weder Komitees, noch Strategen oder Rhetorik, wir wollen Menschen, die ihre Ärmel aufkrempeln“, sagt Pam. Die Resonanz war bemerkenswert. „Die Menschen halten uns nun tatsächlich auf der Straße auf und fragen, was sie tun können. Es hat wirkliches Interesse geweckt, weil etwas wie der Klimawandel zu groß erscheinen mag, aber man eine Beziehung zur Nahrung empfindet, und das geht quer durch alle Klassen und Altersschichten.“ Mehrere lokale Schulen haben Plätze geschaffen, an denen die Schüler ihr eigenes Obst und Gemüse anbauen können, das an nahen Märkten verkauft werden kann, um mit den Erlösen neue Samen und Pflanzen zu kaufen. Es gibt auch Pläne, Koch-, Landbau- und Gartenkurse einzuführen. „Viele Kinder an der Schule wollen weder Gehirnchirurgen noch IT-Experten werden, sondern Lehrlinge bei lokalen Bauern oder eine Bäckerei aufmachen \[…\]“, sagt Pam.

Auch lokale Unternehmen beteiligen sich, es gibt ambitionierte Pläne, mithilfe einer Lotterie eine Bio-Fischzucht zu finanzieren. Andere Ideen sind kleiner, aber nicht weniger schlau. „Lokale Kaffeehäuser haben anstelle einer Kundenkarte, mit der man eine Tasse Kaffee einlösen kann, Sammelmarken, die gegen die Pflanzung eines Baums eingelöst werden.“

Mein Freund Roland sagt so schön: Entscheidend ist nicht, was du aus deinem Garten machst, sondern was dein Garten aus dir macht. Deshalb ist mir das Gärtnern sympathisch: Ich beobachte, daß es Menschen verbessert. Doch unser Aufruf, den eigenen Garten zu bestellen, ist bloß eine Metapher. Roland strömt einiger Haß entgegen, weil manche diese Aufforderung mißverstehen, das Kleingartenleben wohlhabender oder verschuldeter Vorstädter als Vorbild empfohlen zu bekommen. Daraufhin dann der neiderfüllte Ausruf: Der Düringer kann sich das ja leisten, ich habe aber zu wenig Geld für einen Garten. Ich bin so arm! Wie ungerecht! Wie zynisch vom Reichen Düringer! (Der übrigens gar nicht so reich ist, wie alle denken; selbst Kinoerfolge machen in Österreich nicht sonderlich reich. Ist ein viel zu kleiner Markt. Darum verdient man ja auch mit Bestellern hierzulande nur lächerliche Summen.)

Tom Hodgkinson hält ein recht ähnliches Plädoyer und liefert ein besonders ungewöhnliches Beispiel für die Garten-Metapher, das vielleicht hilft, diese besser zu verstehen. Denn sein Beispiel bezieht sich auf eine Welt, die dem Schrebergarten kaum ferner sein könnte:

Anarchie ist Schönheit. Schönheit nährt uns. Wir sind gegen die grauen Menschen. Wir wollen Dinge schmücken, wie jene fantastischen indischen Wagen, die mit Blumen bedeckt sind. Schönheit muss das Streben nach Ordnung besiegen; Ordnung ist hässlich. Die Nazis waren hässlich, und Florenz ist schön. Das nationalsozialistische Deutschland war eine Bürokratie, und Florenz wurde durch ein föderatives Selbstregierungssystem geschaffen. \[…\]

Individuen oder Gruppen von Individuen haben die Aufgabe, etwas Hässliches schön werden zu lassen. Das wird beispielsweise durch das Skateboardfahren erreicht. Es lässt eine Art Alchemie auf den unsympathischen geraden Linien und Betonwällen der Moderne wirksam werden und verwandelt Parkplätze, Geländer und Unternehmenstreppen in Objekte der Schönheit, der Verheißung und des Vergnügens. Das Skateboardfahren bringt Schönheit in die Stadt. Mit anderen Worten, du brauchst die Stadt nicht zu verlassen, um ihr zu entkommen, denn du kannst dir deine eigen Stadt schaffen. (Hodgkinson 2006, S. 326f)

Das mit dem Schrebergarten ist übrigens so eine Sache. Jenes urbane Milieu, das sich für besonders links und intellektuell hält, sieht darin den Inbegriff der Spießigkeit. Ergo ist jeder, der zum Gärtnern aufruft, spießig, also rechts, also Faschist. Wie merkwürdig, wenn man sich daran erinnert, daß die Schrebergärten in Wien ein sozialdemokratisches Unterfangen waren, um dem Proletariat das „Recht auf Garten“ zu erfüllen. Dazu wurden in den besten Lagen Parzellen arisiert, mit Maschendrahtzaun umspannt und außen ein Käfig darum gebaut. Das in diesen Käfigen gezüchtete Milieu ist in der Tat etwas speziell. Doch immerhin, wenigstens Gärten - so ist dies einigermaßen schön anzusehen und tut auch viel Gutes für manch Menschenseele. Nun werden diese Schrebergärten nach und nach von den Sozialdemokraten an ihr gewandeltes Wählervolk als Minigrundstücke verkauft, es darf ganzjährig dort gewohnt werden und die Häuser werden immer größer. So wandeln sich diese sozialdemokratischen Idylle nach und nach in kleinbürgerliche Gated communities um, die Vorstadt in Stadtlage simulieren. Es werden dieselben häßlichen Einfamilienhäuser hochgezogen. Die Ärmsten, denen ein Schrebergarten nach dem Krieg zur Grundversorgung mit eigenem Gemüse zugeteilt wurde, sind eben mittlerweile wohlhabend. Diesen Wohlstand der Proleten, über den die Bobos so wütend sind, darf man aber nicht einseitig dem Kapitalismus anlasten. Da war schon auch viel „sozial gerechte“ Umverteilung durch Geldvermehrung und -abschöpfung daran schuld.

Die Zuteilung der Gründe durch die Herrschaft an besonders Devote oder gut Vernetzte, die Pacht, die nun zunehmend der Gebühr und Steuer weicht, sind vom Mittelalter nun nicht so weit entfernt, wie die aufgeklärten Absolutisten unserer Tage vorgeben. Da ist mir eine positive Würdigung des Mittelalters doch lieber als dessen durchsichtige Verschmähung, um sich heute besonders gut und aufgeklärt und progressiv zu fühlen. Hodgkinson ist der erste Autor, dem es gelungen ist, einen modernen Lebensratgeber zu schreiben, der explizit das Mittelalter als Vorbild proklamiert. Sein bemerkenswertes Buch ist in deutscher Übersetzung „Die Kunst, frei zu sein. Handbuch für ein schönes Leben.“ betitelt. Für meinen Geschmack ist der Stil zu salopp, überschwänglich und flach, entspricht so aber eben dem angelsächsischen Lebensratgebergenre. Das bemerkenswerte ist, wie nahtlos sich hier linke Motive mit reaktionären verbinden. Dagegen habe ich gar nichts, doch stellenweise ist es etwas übertrieben. Schön ist jedenfalls die Kombination von Lebensfreude, bis hin zum Hedonismus, Empathie für deviante Lebensformen und dem Suchen nach Mustern der Vergangenheit, die als Inspiration dienen können. Hodgkinson „Utopie“ greift einiges auf, das in meinen Scholien schon anklang, hier etwa die Nähe von Wirt und König und die Dreiteilung der Lebenswege:

Meine eigene Utopie würde wahrscheinlich drei Gesellschaftsklassen enthalten, die den Rittern, Geistlichen und Bauern im Mittelalter ähneln würden. Die Aristokraten wären die Krieger, und sie hätten die Aufgabe, herumzusitzen und nichts zu tun, außer schöne Gärten anzulegen, in ihren großen Häusern Feste zu veranstalten, die Künste zu fördern und gastfreundlich zu sein, also Speisen und Bier zu verschenken. Genau das tut die Familie Eliot aus Cornwall heutzutage. Sie nutzt ihr prächtiges Anwesen als Treffpunkt und Zentrum künstlerischer Tätigkeit. Die Geistlichen wären Schriftsteller, Dichter, Künstler und so weiter. Sie würden, wie die Bauern, frei und unabhängig leben. Und die Bauern wären die Handwerker, die Steinmetze, Schuhmacher, Holzarbeiter, Keramiker, Töpfer und Schmiede. Alle drei Klassen wären an der Schöpfung von Musik und Architektur beteiligt: die Geldgeber, die Denker und die Handwerker.

Jeder würde die Bibliotheken der Aristokraten nutzen, durch die Gärten spazieren und in ihren Pools schwimmen können. Sie würden die Rolle des Staates übernehmen, und zwar auf einer persönlichen Ebene. Keine Kunstgremien, keine Gesundheits- und Sicherheitsbehörden. Wir würden Gemeindeland und Weiderechte wieder einführen. Wir würden die Zäune niederreißen. Wir würden die Flurbereinigung rückgängig machen. Respekt vor Unterschieden wäre an der Tagesordnung. Es würde eine grundlegende Abneigung gegen alles Roboterhafte geben, und Effizienz und Regelmäßigkeit würden bemitleidet werden. Wir würden über kleinliche Beamte lachen und sie aus der Stadt jagen. (Hodgkinson 2006, S. 89f.)

Durchlichtung

In so einer Stadt, die irgendwann die Steuervögte davonjagt, eine schöne Stadtmauer errichtet und die Freiheit der Bürger ausruft, würde ich mich schon wohlfühlen. Wie ich in Scholien 4/09 ausgeführt habe, ist die erwähnte Dreiteilung der Gesellschaftsklassen ein uralter Archetyp. In einem bemerkenswerten kleinen Büchlein von Markus Osterrieder, der die altiranische Mythologie im Sinne Rudolf Steiners interpretiert, findet sich eine interessante Erläuterung dieser Typenordnung:

Schon aus den ältesten Texten der Indoeuropäer, den Veden wie dem Avesta, lässt sich demnach herauslesen, dass die indoeuropäische Gesellschaft drei Stände kennt: Priester, Herrscher/Krieger und Hirten/Bauern/Handwerker, verbunden mit der jeweiligen göttlichen Wirksamkeit in den Sphären des Heiligen, des Mutes und der Herrscherkraft sowie des materiellen Wohlergehens. Diese vaterrechtlich geordnete und hierarchisch aufgebaute Weltsicht brach mit einer älteren, die mit ihrer gänzlich anders gearteten Symbolik in den frühesten neolithischen Kulturen wie der von Çatal Hüyük wiederzufinden ist. Letztere beruhten offensichtlich noch auf Wertvorstellungen, in denen weibliche Gottheiten die Lebensvorgänge begleiten; ihre Gesellschaften dachten Zeit nicht als linearen Pfeil, sondern als zyklischen Kreis, sie kannten noch kein kasten- oder ständegegliedertes, hierarchisches Rangsystem, sondern bildeten eine »kollektive«, nach der weiblichen Erbfolge ausgerichtete Gemeinschaftsordnung.

Indoiranische Sakraltexte wie die Veden, die Bhagavad Gita oder das Avesta schildern hingegen eine Gesellschaft, die auf patriarchialen Sippen aufbaut (mit den ausschlaggebenden Verwandtschaftsbeziehungen nach der männlichen Linie hin) und sich in funktionalen Kasten bzw. Stände gliedert, in beiden Kulturen »Farben« (varna bzw. pištra) genannt. Der Überlieferung des indischen Sāmkhya-Yoga zufolge ist das Menschenwesen auf der physischen Ebene von drei qualitativen ›Zuständen‹ (guna) durchdrungen, einem ›weißen‹ (sattvā-, ›Licht, Güte oder Reinheit‹), einem ›roten‹ (rājas-, ›Leidenschaft oder Aktivität‹) und einem ›schwarzen‹ (tāmas-, ›Finsternis, Unreinheit oder Trägheit‹). Die Kastenbildung erfolgte entsprechend der Dominanz einer dieser drei Zustände, wobei (durch entsprechende Überlagerung) die Priester (brāhmana) die weiß-gelbe oder orange Kaste bildeten, der Krieger-Adel (ksatriya) die rote, die Produktiv-Kaste der Bauern (vaiśya) die grüne oder blaue; die ›Unberührbaren‹ (sudra) waren kastenlos und wurden mit der schwarzen Un-Farbe belegt, weil sie als die am tiefsten in die Materie Versunkenen galten. (Osterrieder/Guttenhöfer 2010, S. 95f)

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Deutung der Landwirtschaft. Diese wäre in ihren Ursprüngen eigentlich als revolutionäres Programm der „Durchlichtung“ der Welt zu verstehen. Das gefällt mir, denn in diesem metaphysischen Sinne verstehen ich und meine Mitstreiter ja auch die Aufforderung zum Gärtnern. Osterrieder schreibt:

Betrachtet man die archäologischen Spuren der frühesten Ackerbaukulturen und vergleicht sie mit der mythischen Urgeschichte der Iranier, so muss man zunächst einräumen, dass die Anfänge des Ackerbaus in eine sehr viel ältere Zeit zurückreichen, innerhalb von Gesellschaftsordnungen, die in ihren Artefakten eine deutlich matriarchale, unhierarchische und zyklische Sprache sprechen. Andererseits wird jedoch deutlich, dass der iranische Mythos den Ackerbau in eine für die damalige Entwicklung neue, ja revolutionär-umwälzende spirituelle Gesinnung hüllte, in welcher bäuerliche Existenz auf der Erde nicht nur als Symbol, sondern als reales Abbild eines ungeheuren kosmischen Dramas verstanden wurde, eines kosmogonischen Kampfes zweier göttlicher Wesenssphären innerhalb von Zeit und Raum. Als Bauer war man auch Kämpfer, Streiter für eine spirituelle Ordnung und Kraft, die aus der väterlichen Welt der Sterne heraus den mütterlichen Erdboden zu gestalten versuchte.

Es handelte sich nicht allein um den regenerativ wiederkehrenden Zyklus von Aussaat und Ernte im Einklang mit dem periodischen Umlauf der Gestirne, sondern um ein Drama, das sich in der Zeit im Raum stufenweise entfaltet, – das einen Anfang kennt und ein Ende, welches vom Anfang unterschieden werden muss. Das folglich Entwicklung in Gestalt einer geschichtlichen Eschatologie ebenso kennt wie bewusst ergriffene und ausgeführte Arbeit, auf deren Grundlage sich Entwicklung vollzieht. \[Fußnote: Rudolf Steiner erwähnte, dass die Entstehung des menschlichen Zeitbegriffs auf die Impulsierung der altpersischen bzw. altiranischen Kulturepoche zurückzuführen ist.\] (Osterrieder/Guttenhöfer 2010, S. 41f)

Frondienst

Auch am Land täte etwas Mittelalter wohl ganz gut, denn neben der Schuldknechtschaft für das Eigenheim im Grünen sehen die mittelalterlichen Frondienste gar nicht mehr so schlecht aus. Hodgkinson gibt einige Beispiele aus dem dreizehnten Jahrhundert wieder, wobei sympathisch ist, wie spezifisch und vielfältig die Vereinbarungen waren:

Thomas Vaccarius stehen neun Morgen Land \[ca. 3 ha\] mit einem Haus zur Verfügung, und er muss jährlich hundert Tage Arbeit leisten, einen Morgen pflügen und, wenn erforderlich, Fuhrdienste verrichten. Er bekommt eine Henne und soll mähen und stapeln. Seine Dienste werden mit zehn Shilling pro Jahr bewertet, und er zahlt eine Pacht von drei Pence.

John Aubrey hat 18 Morgen Land \[ca. 6 ha\] mit einem Haus, und er muss 52 Tage Arbeit im Jahr leisten, muss zwei Tage lang pflügen, bei der Ernte zwei unentgeltliche Arbeiten erledigen, die Wiese zwei Tage lang mähen, das Heu karren, das Dach des Herrenhauses reparieren, den Haferboden mit seinen Gefährten eggen, und er erhält eine Henne und 16 Eier. Seine Dienste werden mit neun Shilling, acht Pence bewertet, und er zahlt eine Pacht von zwei Shilling und sechs Pence. (Hodgkinson 2009, S. 249)

Da es sich um persönliche Beziehungen handelte, war die Variation eben so groß, daß sich wohl immer auch besonders drückende Beispiele finden lassen. Es ist interessant, daß im 19. Jahrhundert Privateigentum im modernen Sinne unter anderem deshalb gefordert und verteidigt wurde, weil es Zugang zu Kredit ermögliche. Ähnlich argumentiert der peruanische Ökonom Hernando de Soto. Das umzäunte Eigenheim mit sicherem Rechtstitel sei die ideale Kreditbesicherung. Diese Argumentation sehe ich skeptisch. Sie erinnert mich an die Assignaten-Blasenwirtschaft nach der französischen Revolution. Damals wurden auch aus enteigneten Kirchengütern individuelle Parzellen gemacht, um diese als Grundlage eines papiernen Schuldgeldes gebrauchen zu können. Ferguson teilt in seinem erwähnten Geldepos einige aufschlußreiche Beobachtungen aus Argentinien:

Quilmes \[ein Slum südlich von Buenos Aires\] bietet ein natürliches Experimentierfeld, um herauszufinden, ob de Soto wirklich das „Geheimnis des Kapitals“ \[Mystery of Capital heißt sein Buch\] gelüftet hat. 1981 widerstand hier eine Gruppe von 1.800 Familien der Militärjunta, die damals Argentinien regierte, indem sie einen Streifen Ödlands besetzten. Nach der Wiederherstellung der Demokratie enteignete die Provinzregierung die ursprünglichen Eigentümer, um den Besetzern einen Rechtstitel an ihren Häusern einzuräumen. Doch nur acht der dreizehn Landeigentümer akzeptierten die Entschädigung, die ihnen angeboten wurde; die anderen \[…\] führten einen langdauernden Gesetzesstreit. Die Folge war, daß einige der Besetzer von Quilmes Eigentümer wurden, indem sie eine Pauschale für eine Miete zahlten, die nach zehn Jahren in Eigentum überging, während andere Besetzer blieben. Heute erkennt man die Häuser der Eigentümer im Vergleich zu denen der übrigen an ihren besseren Zäunen und bemalten Wänden. Die Häuser, deren Eigentum umstritten bleibt, sind im Gegensatz dazu schäbige Hütten. Wie jeder weiß \[…\], behandeln Eigentümer ihr Eigentum pfleglicher als Mieter.

Es besteht kein Zweifel daran, daß das Hauseigentum die Einstellung der Menschen in Quilmes geändert hat. Nach einer aktuellen Studie wurden jene, die Eigentum erworben haben, deutlich individualistischer und materialistischer als jene, die noch immer Besetzer sind. Wenn man beispielsweise fragt „Glauben Sie, daß Geld wichtig ist für das Glück?“, bejahen dies die Eigentümer mit einer 34 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit. Doch die Theorie scheint einen Fehler zu haben, denn das Eigentum an ihren Häusern hat es für die Menschen von Quilmes nicht signifikant leichter gemacht, Geld zu leihen. Nur vier Prozent konnten eine Hypothek erringen. In de Sotos Heimatland Peru scheint Eigentum auch nicht auszureichen, um das tote Kapital wiederzubeleben. Zwar gab es, nachdem seine ursprünglichen Empfehlungen 1988 von der peruanischen Regierung akzeptiert wurden, eine drastische Reduktion der Zeit, die es brauchte, einen Eigentumstitel einzutragen (auf ein Monat) und eine noch steilere Senkung von 99 Prozent der Kosten der Eintragung. Weitere Bemühungen folgten nach der Schaffung der Kommission für die Formalisierung informellen Eigentums 1996, wonach innerhalb von vier Jahren 1,2 Millionen Gebäude auf städtischem Grund in die Legalität überführt wurden. Doch der wirtschaftliche Fortschritt, den de Soto versprochen hatte, war enttäuschend langsam. Von den mehr als 100.000 Haushalten in Lima, denen 1998 und 1999 Eigentumstitel übertragen wurden, hatte nur ca. ein Viertel bis 2002 Kredite erhalten. An anderen Orten, wo de Sotos Kreditkonzept ausprobiert wurde, wie etwa Kambodscha, \[…\] wurden bloß skrupellose Entwickler und Spekulanten dazu ermutigt, von den Armen alles aufzukaufen. Erinnern wir uns: Es ist nicht Eigentum, das Sicherheit gewährt; dieses gibt bloß den Gläubigern Sicherheiten. Wirkliche Sicherheit kommt von einem regelmäßigen Einkommen, \[…\] wie dies heutzutage die Hausbesitzer von Detroit herausfinden. (Ferguson 2009, S. 277f)

Raubaffen

Eine ähnliche Erfahrung, die für Liberale besonders unangenehm ist, machte man nach der Bauernbefreiung und nach der Privatisierung in ehemals sozialistischen Staaten. Die Aufteilung von Eigentumstiteln führte zu rascher Konzentration: Viele Menschen zogen das vorübergehend höhere Einkommen vor und verkauften ihre Anteile so schnell wie möglich. Der Mensch ändert sich über die Zeit eben erstaunlich wenig. Darum spricht Roland gerne davon, wir wären alle doch eigentlich Raubaffen. Der Firnis der Zivilisation ist dünn - dieses Wort stammt wohl vom Reaktionär Donoso Cortés, der wie alle Reaktionäre ein pessimistisches Menschenbild hatte. Wenn Roland wüßte, wer da seine Einschätzung der Menschheit teilt! Cortés sieht die Leistung des Christentums genau darin, den Raubaffen zumindest ein bißchen gezähmt zu haben:

Die Kultur ist der Firnis, nichts weiter als der Firnis der Zivilisation. Das Christentum hingegen zivilisierte die Welt, indem es drei Dinge vollbrachte: Es machte aus der Autorität eine unverletzliche Sache, es machte aus dem Gehorsam eine heilige Sache, es machte aus der Selbstverleugnung und aus dem Opfer, oder, um es besser zu sagen, aus der Nächstenliebe, eine göttliche Sache. Auf diese Weise hat das Christentum die Völker zivilisiert. (Donoso Cortés 1996, S. 73)

Thomas Merton führt dieses Argument etwas weiter aus und formuliert es als Frage, die mehr zum Nachdenken anregt, als die streitbare Behauptung von Cortés:

Wie konnte es geschehen, als der Abschaum der Welt sich in Westeuropa versammelt hatte, als Gothen, Franken, Normannen und Lombarden sich mit der Fäulnis des alten Roms vermischt haben um einen Flickenteppich von Mischrassen zu bilden, alle von ihnen bekannt für ihre Wildheit, ihren Hass, ihre Dummheit, ihre List und Brutalität – wie kam es also, dass aus all dem der Gregorianische Choral, Klöster und Kathedralen, die Gedichte des Prudentius, die Kommentare und Historiographien von Bede, die Moralia von Gregor dem Großen, De civitate Dei und De trinitate des Heiligen Augustinus, die Werke von Anselm, die Predigten des Heiligen Bernhards über die Lobgesänge, die Poesie von Cædmon, Cynewulf, Langland und Dante, die Summa des Heiligen Thomas und die Oxoniense von Duns Scotus hervorgingen?

Wie konnte es geschehen, dass selbst heute ein paar französische Steinmetze, oder ein Zimmermann und sein Lehrling, einen Taubenschlag oder eine Scheune zusammenbauen können, die mehr an architektonischer Perfektion aufweisen als die Haufen eklektischer Dummheit, die für mehrere hunderttausend Dollar auf den Campussen der amerikanischen Universitäten emporwachsen? (Merton 1948/1978, S. 30)

Roland, der Anarch, würde wohl in Autorität, Gehorsam, Selbstverleugnung eher äffisches Verhalten erblicken. In der Tat scheinen gerade hierarchische Strukturen Verhaltensmuster auszubilden, die sich in jedem Tiergarten beobachten lassen. Der Affenforscher Dario Maestripieri dokumentiert dies in seinem Buch Games Primates Play. Einige amüsante Beobachtungen werden in einer Rezension im Wallstreet Journal zusammengefaßt:

Gemeinhin schreiben Dozenten lange und unverlangte Emails an Professoren, die nach einer Weile mit kurzen antworten; die Dozenten antworten dann rasch und mit großer Länge. Das kommt nicht davon, dass die Professoren beschäftigter wären, weil sie ebenfalls länger und zügiger schreiben, wenn sie sich an ihren Dekan und ihre Geldgeber richten, die widerum kürzer und später antworten. Die Asymmetrie in Länge und Schnelligkeit der Antwort korreliert mit Dominanz. Wenn ein untergeordneter Schimpanse einem dominanten das Fell pflegt, tut er das oft lange und unaufgefordert. Wenn er dann bittet, im Gegensatz gepflegt zu werden, erhält er nur eine kurze Fellpflege und gemeinhin nur, wenn er ein zweites Mal darum gebeten hat. \[…\]

Er \[Maestripieri\] beobachtet zwei akademische Kollegen in einem Kaffeehaus und bemerkt, wie die ältere den Sessel mit dem Rücken zur Wand nimmt (um besser die Angriffe von Rivalen oder Leoparden zu bemerken), weniger auf die Bemerkungen ihres Kollegen achtet als umgekehrt, ihren Kollegen niederstarrt, wenn ein umstrittenes Thema aufkommt und am Schluss zuerst durch die Tür geht – was alles dem Verhalten des dominanten Pavians entspricht.

(Das neue Mitglied eines Komitees, dem ich angehörte, fragte mich einmal, warum ein älterer Kollege so abscheulich zu ihm sei. Ich antwortete: „Ach, wenn ein neuer männlicher Pavian zu einer Horde stößt, ist es üblich, dass ihn das Alphamännchen zusammenschlägt, bevor es sein bester Freund wird – bald wird er große Stücke auf Sie halten.“ Ich hatte recht.)

Dr. Maestripieris faszinierendstes Kapitel trägt die Überschrift „Kooperiere im Rampenlicht, konkurriere im Dunkeln.“ Er beschreibt, wie Menschen, wie Affen, Engel der Großzügigkeit sein können, wenn aller Augen auf sie gerichtet sind, aber Teufel der Gehässigkeit unter vier Augen. Die Bürger New Yorks haben sich bekanntermaßen dem Verbrechen zugewandt, als am 13. Juli 1977 im großen Stromausfall die Lichter erloschen – nicht weil sie böse wären, sondern weil ihre Kosten-Nutzen-Analyse durch die Dunkelheit sich veränderte.

Dr. Maestripieri bietet dann eine faszinierende Analyse der schwierigen Frage der Peer-Review-Gutachten in der Wissenschaft. Peer Review ist asymmetrisch: Der Name des Autors ist bekannt, doch die Gutachter bleiben anonym. Dies geschieht, um gegenseitige Gutachtenkooperation („pal review“, „Kumpelgutachten“) vorzubeugen: Ich äußere mich nett über deinen Aufsatz, wenn du nett über meinen schreibst.

Das funktioniert teilweise, obwohl Akademiker oftmals untereinander im Geheimen andeuten, dass sie gefällige Gutachten geliefert haben. Doch Peer Review ist vom gegenteiligen Problem heimgesucht – bösartiger Kritik um Konkurrenten davon abzuhalten, veröffentlicht und finanziert zu werden. Wie Kriminelle während des Stromausfalls plündern anonyme Gutachter „das geistige Eigentum der Autoren, deren Arbeit sie begutachten“ (indem sie dessen Veröffentlichung verzögern, während sie seine Ideen für ihre eigenen Projekte verwenden) und „beschädigen oder zerstören das Eigentum des begutachteten Autors“ (indem sie ihrem Konkurrenten Mittel und Veröffentlichungen verwehren).

Studien zeigen, dass Gutachter von tribalistischer wie individueller Rivalität bewegt werden. Dr. Maestripieri: „Ich bin ein Affenmann, und wenn ich einen Finanzierungsantrag stelle, fürchte ich mich, in die Hände der Rattenmenschen zu fallen. Sie wollen uns alle ausrotten … (weil unsere Tiere cooler sind als ihre.“ (Ridley 2012)

Maestripieris Schlußfolgerung ist, daß der Raubaffe in uns nur durch Transparenz gezähmt werden kann. Er setzt dazu besondere Hoffnung in das Internet. Anonymität würde unser Verhalten kompetitiver und feindseliger machen, Transparenz mache uns hingegen kooperativer. Diese Schlußfolgerung halte ich für eine Übertreibung. Zum einen sind, wie ich schon einmal ausgeführt habe, Wettbewerb und Kooperation kein Widerspruch. Man kann für Verbrechen kooperieren; von Wettbewerb kann bei Übertretung von Regeln allerdings nicht die Rede sein. In diesem Sinne ist eigentlich Wettbewerb das engere und strengere Konzept, zu dem Raubaffen nicht fähig sind. Wettbewerb erfordert die Fähigkeit, sich an Regeln zu halten, selbst wenn sie einen beschränken, und es zu akzeptieren, wenn man unterliegt.

Der größere Irrtum Meastripieris liegt aber darin, Sphären nicht hinreichend zu trennen. Es ist richtig, daß die geringere Anonymität in einem Dorf mit geringerer Kriminalität verknüpft ist. Dieser Mangel an Anonymität kann eben auch als sehr drückend empfunden werden, wenn man sich allzu sehr von seinen Mitmenschen unterscheidet. Wie ich bereits angedeutet habe, halte ich diese drückende Anonymität aber für eine Entartungserscheinung. Im idealen Dorf ist die Privatsphäre vollkommen geschützt und intransparent (darum verbergen sich in Dörfern dann manchmal auch extreme Abgründe, von denen niemand etwas ahnt), der öffentliche Raum jedoch offen und einsichtig. Dies sehe ich eben in der traditionellen Architektur schon ausgedrückt: Zur Straße hin sind die Häuser und Höfe ziemlich uneinsichtig. Sowohl die Anonymität der Stadt in jener extremen Form, die den Vandalismus und die Gewalt erlaubt, weil sich niemand kennt, beachtet oder einzugreifen traut, als auch die neugierige Nähe des Dorfes sind Entartungen. Nur im Zoo ist das Private öffentlich. Nur im Gefängnis ist das Öffentliche privat (d.h. abgeschlossen). Im modernen Menschenzoo, in dem wir in die Schlafzimmer der anderen hineinstieren, aber keinerlei Anteilnahme für sie empfinden, werden wir zu Raubaffen.

Das Rad des Ixion

Was also macht den Menschen aus? Einer der berühmtesten Pessimisten der Philosophie, Arthur Schopenhauer, gibt hierauf eine mögliche Antwort, auf die mich Eugen hinweist. Für Schopenhauer gibt es drei Wege der Bewußtseinsänderung, die den Menschen aus seiner leidvollen Gewöhnlichkeit herausreißen können: Philosophie, Kunst und Nächstenliebe. Schopenhauer kontrastiert in seinem berühmten Werk die Welt des Willens mit der Welt der Vorstellung, wobei der menschliche Wille - seiner pessimistischen Grundhaltung zufolge - äußerst schlecht wegkommt:

Wann aber äußerer Anlaß, oder innere Stimmung, uns plötzlich aus dem endlosen Strohme des Wollens heraushebt, die Erkenntniß dem Sklavendienste des Willens entreißt, die Aufmerksamkeit nun nicht mehr auf die Motive des Wollens gerichtet wird, sondern die Dinge frei von ihrer Beziehung auf den Willen auffaßt, also ohne Interesse, ohne Subjektivität, rein objektiv sie betrachtet, ihnen ganz hingegeben, sofern sie bloß Vorstellungen, nicht sofern sie Motive sind: dann ist die auf jenem ersten Wege des Wollens immer gesuchte, aber immer entfliehende Ruhe mit einem Male von selbst eingetreten, und uns ist völlig wohl. Es ist der schmerzlose Zustand, den Epikuros als das höchste Gut und als den Zustand der Götter pries: denn wir sind, für jenen Augenblick, des schnöden Willensdranges entledigt, wir feiern den Sabbath der Zuchthausarbeit des Wollens, das Rad des Ixion steht still.“ (Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 3. Buch, § 38)

König Ixion wurde zur Strafe von Zeus auf ein ewig drehendes Rad gebunden - die antike Metapher für das Hamsterrad. Ixion verhielt sich im Olymp nämlich wie ein Raubaffe, der seinen Willen nicht zu zähmen vermochte. Eugen faßt in einem schönen Artikel Schopenhauers Empfehlung wie folgt zusammen:

Doch zumindest für kurze Momente kann die ungeheure Energie, welche in Philosophie, Kunst und Caritas konzentriert und quasi verschwendet wird, ein tiefes Schweigen unseres Wollens erreichen. Ruhe und Gelassenheit kehren dann ein und drängen unser ewig kläffendes Ich in den Hintergrund. Unsere Gedanken kreisen dann um Formen und Inhalte, um Ideale und Werte. Im Idealfall verblassen unsere Wünsche und Sorgen ganz und gar vor den erhabenen Ideen, denen wir uns mit äußerster Hingabe widmen.

Im Grunde geht es Schopenhauer um die Ausschaltung der eigenen Person. Diese soll nicht mehr wahrgenommen werden, weil sie nicht das Wahre ist. Sie soll in ihrem Wollen verleugnet werden und nicht mehr der Mittelpunkt des Denkens sein, weil sie der Mittelpunkt des Leidens ist. Mit der Verleugnung der Individualität geht auch das maßlose Schmerzempfinden zurück, das in den materiellen Gegebenheiten und den Einsichten der Vernunft seine Wurzeln hat. Wird dies auf rationalem Weg akzeptiert, steht den Begnadeten die Transzendierung ihrer Lüste offen, in der Folge eine Art ästhetische Wiedergeburt im Reich der Ideen, der Kunst und des Mitleids. Doch selbst all das ist eine flüchtige Illusion. (Schulak 1999)

Hier wären wir doch wieder bei der Selbstverleugnung angelangt, gemeint ist aber die Ich-Verleugnung, die ja auch Roland in seinem empfehlenswerten Kabarettprogramm ~~ICH~~ Einleben- betreibt. „Ich“ ist im Titel nämlich durchgestrichen. Dieser radikale Rat, der heute nur noch genehm erscheint, wenn er fernöstlich-esoterisch verbrämt ist, findet sich auch im Christentum. Thomas Merton, der schon ein paar Mal hier auftauchte, kommt in seiner berühmten, autobiographischen Erweckungsgeschichte zu dem Schluß, in der Abtötung seines Ichs hinter Klostermauern das höchste Glück zu finden. Der hedonistische Versuch, dem Leid aus dem Weg zu gehen und die Lust zu suchen, sei nicht zielführend:

Tatsächlich ist die Wahrheit, die viele Menschen niemals verstehen, bis es zu spät ist, dass je mehr man versucht, das Leiden zu vermeiden, desto mehr leidet man, weil kleinere und geringere Dinge anfangen, einen zu foltern, entsprechend seiner Furcht, Schmerzen zu erleiden. Der, der am meisten tut, dem Leiden auszuweichen, ist letztlich derjenige, der am meisten leidet: und sein Leiden kommt ihm von so kleinen und unbedeutenden Dingen, dass man sagen kann, dass es keinesfalls mehr ein objektives Leiden ist. Es ist seine eigene Existenz, sein eigenes Sein, das gleichzeitig das Subjekt und die Quelle seiner Schmerzen ist, und seine eigene Existenz und sein Bewusstsein ist seine größte Folter. Das ist eine weitere der großen Verdrehungen durch die der Teufel unsere Philosphie benutzt, um unsere ganze Natur von innen nach außen zu kehren und alle unsere Fähigkeiten für das Gute auszuweiden und gegen uns selbst zu richten. (Merton 1948/1978, S. 82f)

Mertons Autobiographie heißt „Seven Storey Mountain“, der Berg der sieben Stockwerke, was sich an das Szenario von Dante anlehnt. Mich hat das Buch nicht gänzlich überzeugt, die dokumentarische Schilderung der Lebensgeschichte kann dann doch freudianisch ausgelegt werden: daß letztlich das weitgehend elternlose Leben Mertons zu Sehnsucht nach Orientierung führte und sein Unglück neurotisch war. Der Schluß wird eben durch das Übergewicht der tagebuchartigen Lebensgeschichte nahegelegt, die weitaus ausführlicher geschildert wird als die konkrete Erfahrung im Kloster und die Reifung der Glaubensüberzeugungen. Das religiöse Empfinden ist eben schwer vermittelbar; leider auch schwer abtrennbar von Psychosen und Neurosen aller Art; wiewohl die größten Neurotiker, die mir untergekommen sind, bislang meist aggressive Atheisten waren.

Langweiler

Hodgkinson hat insbesondere die Puritaner im Verdacht, Neurotiker zu sein, und kreidet ihnen an, die schlimmsten Verwirrungen der Neuzeit hervorgebracht zu haben. Er steigert dies zu einer richtigen Suada gegen den Protestantismus überhaupt und reiht sich in die beachtenswerte britische Tradition katholischer Apologeten ein:

Heinrich VIII. und nach ihm die Puritaner leiteten eine Revolution der Verhässlichung ein, eine Revolution der Langeweile, der Askese und der Nüchternheit: Lebe wohl, Farbe; hallo, Schwärze. Heinrich und Cramer und später Protektor Somerset entrissen dem Land die Schönheit, indem sie die Kunstwerke, die seit Hunderten von Jahren ungestört in den Kirchen verwahrt wurden, zertrümmerten oder stahlen: Wandschirme, Altäre, Statuen, goldene und silberne Ziergegenstände, Buntglasfenster, Kreuze und dergleichen. Der Vorwand war, dass schöne Dinge eitel, götzendienerisch und belanglos für die Religion seien, die einfach und unbelastet zu sein habe. Hier wird deutlich, weshalb Künstler und Schriftsteller traditionsgemäß zum Katholizismus neigen, während der Protestantismus die Religion für den ernsten, praktischen Geschäftsmann ist. (Merton 1948/1978, S. 322)

Auch den Wutbürger im negativen Sinne hält er für ein puritanisches Phänomen. Er meint die politische Instrumentalisierung der Wut derjenigen, die sich für zu kurz gekommen halten, und gegen „die da oben“ lästern. Nicht, weil sie es besser könnten, sondern aus Neid:

Der Puritanismus gab den zornigen unteren Ständen eine Möglichkeit, sich mächtig zu fühlen. Um sich selbst Macht zu verschaffen, fachten die neuen Bourgeois den Zorn der unteren Stände an. Diese Schlussfolgerung wird jedenfalls durch die Popularität eines frühen Puritaners, des florentinischen Mönchs Savonarola sich durch seine dröhnenden Predigten einen Namen, in denen er die Korruption, die Lasterhaftigkeit und die Eitelkeit der Kirche, der Gesellschaft im Allgemeinen und der Familie Medici im Besonderen angriff; die Florenz weitgehend regierte: „Denkt gut nach, ihr Reichen“, donnerte er, „denn Leid wird über euch kommen. Diese Stadt wird nicht mehr Florenz sein, sondern eine Räuberhöhle, ein Ort der Verworfenheit und des Blutvergießens.“ Er forderte seine Anhänger, bekannt als Wimmerer, auf, in die Häuser der Reichen zu gehen, deren Werke von Dante und Petrarca, ihre Gemälde nackter Frauen, ihre Seife, Seidenstoffe, Spiegel, Schachbretter, Harfen und Schmuckstücke mitzunehmen, auf dem Platz der Stadt aufzustapeln und dann zu verbrennen. Solche symbolischen Attacken auf den Luxus wurden Fegefeuer der Eitelkeiten genannt. Doch das Volk änderte seine Meinung sehr bald, und am 23. Mai 1498 wurde Savonarola wegen Ketzterei verurteilt, aufgehängt und dann an derselben Stelle auf der Piazza della Signora verbrannt, wo er seine Fegefeuer abgehalten hatte.

Savonarola war erfolgreich gewesen, weil er den Groll der Bevölkerung manipuliert hatte. Das Gleiche galt für die Reformation. Calvin, Luther und die Anhänger von John Wesley schwatzten über korrupte Priester und das Luxusleben der Geistlichkeit, um das Volk auf ihre Seite zu ziehen. Wie bei Chaucer nachzulesen ist, hat sich der Hass auf die Kleriker – weil sie faul und aufgeblasen seien, von der Arbeit des Volkes profitieren, Ablassbriefe verkauften und so fort – im vierzehnten Jahrhundert in Europa weit verbreitet. Diese Schwachstelle im System gestattete den Malvolios, die Macht zu übernehmen. Eine neue meritokratische, bourgeoise Elite löste die alte Führungsschicht der Aristokraten und des Klerus ab, doch wie Bertrand Russel, Chesterton und viele andere ausführen, waren die neuen Puritaner in Wirklichkeit noch brutaler und ausbeuterischer als ihre Vorgänger.

Groll führt also direkt zur Selbstgefälligkeit. Wer nicht von Groll erfüllt ist, dürfte andere nicht um ihre Reichtümer beneiden. In diesem Sinne sind Revolutionen von puritanischem Geist erfüllt. (Merton 1948/1978, S. 302f)

Malvolio ist jener „einbildische, in sich selbst verliebte, dumme und dabey sehr feyrliche Geselle“ aus Shakespeares Was Ihr Wollt (Vorbemerkung zur 7., 8., 9. Szene im 2. Aufzug), der als Prototyp des Puritaners gilt. Hodgkinson hält diese spaßfeindlichen Typen für Langweiler, die unsere Welt zu Tode langweilen:

Der Hauptgrund dafür, dass so viele Menschen durch und durch gelangweilt sind, ist der, dass langweilige Personen die Verantwortung übernommen haben. Die Geldverdiener, die vom Profit besessenen Kapitalisten, die Hohepriester der absoluten Langeweile steuern die Geschäfte. Und die Bürokraten – Bürohengste und Gesundheits- und Sicherheitsapostel – sitzen in der Regierung. Langeweile gefällt ihnen, denn es würde sie erschrecken lebendig zu sein. (Merton 1948/1978, S. 32f.)

Daß die Kapitalisten heute als Langeweiler gelten, ist doch ein bemerkenswerter Widerspruch, den wir schon in den letzten Scholien bei Werner Sombarts Bürgerschelte fanden. Den früheren Kapitalisten warf man nämlich das genaue Gegenteil vor: Sie würden die Welt aus den Angeln werfen, nicht stillsitzen können, sondern stets nach dem Neuen, Besseren streben. Dann warf man ihnen vor, die Welt mit Kurzweil zu überschütten und ihr die Muße zu nehmen. Daß das typische Bild des Kapitalisten heute eher dem erbsenzählenden Beamten gleicht, ist wohl ein Hinweis auf den Untergang des Unternehmertums.

Doch es stellt sich die Frage, ob nachhaltiges Schaffen nicht stets etwas langweiliger erscheinen wird als kurzweilige Vergnügungen. Moment - da fällt mir etwas Merkwürdiges auf: Langeweile und Nachhaltigkeit sind ja vom Wortsinn her praktisch Synonyme! Insofern ist Hodgkinsons charmante Mittelalterutopie dann doch etwas einseitig, und das kommt in seinem Text immer wieder deutlich hervor. Er lobt die Lebensfreude, die unzähligen Feste, die Außenseiter des Mittelalters. Dabei kommt die asketische Seite dieser Zeit etwas zu kurz. Der typische mittelalterliche Kunsthandwerker feierte zwar viel, wirkte aber an Werken mit, die unglaubliche Zeiträume, Mühe, Konzentration und Hingabe zur Fertigstellung erforderten.

Interessant ist auch die englische Etymologie: Das Wort „bore“ wurde im Sinne von „Langweiler“ und „langweilen“ erstmals 1760 verwendet. Es ist mit dem deutschen „bohren“ verwandt. So wie sich ein Bohrer, vor seiner Elektrifizierung, mühsam und langsam in dicke Bretter vorfrißt, dreht sich ein Langweiler im immergleichen Tempo um die eigene Achse, wie Ixion auf seinem Rad. Ist es ein Zufall, daß sich im Englischen genau dieselbe Zweideutigkeit wie im Deutschen findet? Max Weber, der uns in den Scholien schon einige Male besuchte, gebrauchte genau dieses Bild vom Bohren dicker Bretter als Metapher für zähes, pragmatisches und nüchternes Vorwärtsgehen, das auch einmal für zwei Vorwärtsschritte einen zurück machen muß. Er beschrieb den Realpolitiker, den Langweiler par excellence, rühmt aber dessen Beharrlichkeit. In der Tat beeindruckt die Beharrlichkeit von Machtsammlern in der Politik, wie ich sie anhand eines prominenten Beispiels in den Scholien 4/10 beschrieb.

Forstwirtschaft

Daß Nachhaltigkeit also eigentlich eine langweilige Sache sei, wäre ungünstig für die Vermarktung des Konzeptes. Ein wenig langweilig stieg der Begriff ja in der Tat aus der Wiege. Bevor mich ein paar Gedanken ablenkten, war ich ja dabei, die Bedeutung dieses Begriffs aufzuklären. Die dritte Bedeutung habe ich noch unterschlagen, es ist die ursprüngliche. Diese Bedeutung ist ziemlich unspektakulär, denn sie ist eine ökonomische, ganz ohne Weltrettungspathos. Der Öko-Schreck Dirk Maxeiner, der schon in früheren Scholien auftauchte, rechnet in einem Artikel eiskalt mit der Nachhaltigkeitsszene ab:

Auch die populäre Ansicht, dass Nachhaltigkeit gleichsam ein ehernes Gesetz der Natur sei, ist ein Irrtum. Der Begriff stammt aus dem Waldbau und meint, dass man nicht mehr Holz einschlagen soll als nachwächst oder aufgeforstet wird. Dies ist kein natürliches, sondern ein ökonomisches Prinzip. Es geht um Bestandswahrung. Deutsche Forstmeister verhalfen dem Prinzip im 18. Jahrhundert erstmals zur Geltung, hatten dabei aber garantiert keine gesellschaftliche Leitidee im Sinn. Es mag eine kosmische Kränkung sein, aber das Leben ist nicht nachhaltig. Natur ist Anarchie, Revolution, Chaos, Katastrophe. Natur ist ständige Veränderung und Anpassung an neue Umstände, ihr Erfolgsprinzip heißt Evolution, also permanente Veränderung. 98 Prozent aller jemals auf der Erde existenten Arten sind ausgestorben, bevor der Mensch überhaupt auf der Bildfläche erschien. Hätte sich die Natur vor ein paar Millionen Jahren entschieden, nachhaltig zu sein, dann dominierten heute noch die Dinosaurier den Planeten.

Die Krisen, in denen die Menschen an die Grenzen des Wachstums stießen, konnten bislang immer nur durch Veränderung, menschlichen Erfindungsgeist und neuartigen Einsatz von Technik gelöst werden. Dass dabei Mäßigung und Vernunft nicht schaden können, ist eine Selbstverständlichkeit und schon gar nicht neu. "Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht", wusste schon im 19. Jahrhundert der deutsche Technikpionier und Unternehmer Werner von Siemens - ohne dafür eine Ethikkommission oder partizipative Wissenschaft zu benötigen. (Maxeiner 2011)

Der Meister, der als Begründer des Konzeptes gerühmt wird, war in der Tat ein Langweiler sondergleichen: Hans Carl von Carlowitz, Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg. 1713 formulierte von Carlowitz in seinem Werk Sylvicultura oeconomica erstmals, daß immer nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie durch planmäßige Aufforstung, durch Säen und Pflanzen nachwachsen konnte. Sein Buch widmete er dem Sachsenkönig August dem Starken und richtete sich vornehmlich an den Adel:

Verwundern muß man sich wohl, daß die meisten vermögensten Leute auf grosse Häuser, Palläste, Schlösser und dergleichen Baue, ihr meist Vermögen anwenden; wäre aber vielleicht vorträglicher wenn sie ihren Grund und Boden anzubauen, und zu verbessern suchten, als welches doch ihnen so wohl, als denen Nachkommen und dem gemeinen Besten weit nutzbarer fallen dürffte. \[…\]

Wo Schaden aus unterbliebener Arbeit kommt, da wächst der Menschen Armuth und Dürftigkeit. Es lässet sich auch der Anbau des Holzes nicht so schleunig wie der Acker-Bau tractiren; … Wird derhalben die größte Kunst, Wissenschaft, Fleiß, und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen, wie eine sothane Conservation und Anbau des Holzes anzustellen, daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weil es eine unentbehrliche Sache ist, ohnewelche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag. (Carlowitz 1713)

Von Carlowitz forderte zur Waldbewirtschaftung ein konsequentes Aufforsten und eine „nachhaltende“ Nutzung, die als nachhaltige Forstwirtschaft zu einem Fachbegriff wurde. Es sollte nur so viel Wald geschlagen werden, wie wieder nachwächst. Der Adel war von der Idee sehr angetan, denn so konnte er sich von der Bourgeoisie abgrenzen. Dies erklärt den Erfolg des Begriffs: Er diente denjenigen, die ihre Pfründe von Generation zu Generation weitergaben, zur Abhebung vom einfachen Fußvolk, das einen Platz an der Sonne begehrte.

Das meine ich nicht als Gehässigkeit gegen den Adel, sondern als Hinweis auf ein interessantes Paradoxon: Genau zu jener Zeit, in der der Adel im Verfall begriffen war und sich durch steigende Kurzfristigkeit auszeichnete, während das aufstrebende Bürgertum nachhaltige Unternehmungen aufbaute, konnte sich dieser mit einem neuen Begriff als Hüter der Langfristigkeit feiern, weil sich der meiste Wald noch im Besitz des Adels befand. Dies ist eine Folge der ungeordneten Auflösung der feudalen Struktur: Wald war eben kein umzäuntes Land einer bestimmten Hofstelle, sondern allgemein genutztes Gebiet, dessen nachhaltige und ordnungsgemäße Nutzung gemeinschaftlich oder herrschaftlich koordiniert wurde. So wurden diese Ländereien dann zum Sonderbesitz des Adels und des Staates, der nach und nach die alten Gemeinschaften ablöste und immer mehr Macht usurpierte. Der Adel, der seine gesellschaftliche Funktion verloren hatte, tat sich nunmehr vermehrt durch dekadente Kurzfristigkeit hervor. Da entdeckte der Adel die „Nachhaltigkeit“, zog Fichtenmonokulturen auf, die die großen Waldgebiete Deutschlands heute noch prägen, und spielte sich gegenüber dem Bürgertum als Garant der Langfristigkeit moralisch auf. Und das, obwohl das langfristige Interesse immer mehr bloß darauf bedacht war, Einkommensquellen und Privilegien langfristig in der Familie zu halten.

Heute ist es ganz ähnlich. Staatsbeamte, die über enteignete Wälder gebieten, lassen sich auf subventionierten Galas als innovative Nachhaltigkeitsexperten abfeiern und fühlen sich den kurzfristig denkenden Bürgern moralisch überlegen. Mit dem Geld dieser Bürger finanzieren sie Erziehungskampagnen, um die renitenten Untertanen zu mehr Nachhaltigkeit zu erziehen. Im Namen der Nachhaltigkeit werden besonders aufgeblasene Projekte durchgeboxt, für die der einfache Steuerzahler zu kurzsichtig wäre. Die Nachhaltigkeitsbeamten fühlen sich als edle Ritter, die die Natur vor dem dummen Bürger schützen müssen. Es ist eine Lachnummer der Geschichte, daß nun ausgerechnet die kurzfristigsten Akteure unserer Zeit - Politiker und ihre Günstlinge - die Trommel der Nachhaltigkeit rühren.

Festgebohrte Bohrer

Tatsächlich handelt es sich bei dem Begriff um die Grundlage der Ökonomie schlechthin: haushalten! Das ist wenig spektakulär, aber sehr wichtig. Dabei reicht es bei weitem nicht aus, bloß so viel zu entnehmen, wie nachwächst. Jede Kapitalstruktur erfordert laufende Reinvestitionen. Dies liegt einerseits an der natürlichen Abnützung und dem Pflegebedarf. Doch selbst wenn keine Pflege erforderlich wäre, müßte man reinvestieren, weil sich die Welt in ständiger Veränderung befindet. Es ist ökonomisch betrachtet dasselbe, ob ein Werkzeug mit der Zeit unbrauchbar wird, weil es stumpf wird oder weil es obsolet wird - weil bessere Produktionswege gefunden wurden, sich die Rahmenbedingungen und Kosten oder die Präferenzen der Menschen geändert haben. Nachhaltiges Wirtschaften, das lange weilen soll, ist also alles andere als langweilig. Dabei muß das Paradox gelingen, beharrlich zu bohren, ohne sich festzubohren. Die „pragmatischen“ Unternehmer und die „realistischen“ Politiker laufen stets Gefahr, sich im dicken Brett festzubohren und das Brett vor dem Kopf nicht mehr wegzubekommen. Darum ist es so unwahrscheinlich, Systeme von innen verändern zu können.

Rührend ist etwa die Reaktion eines Zentralbankiers auf die Frage, ob es Zentralbanken denn überhaupt brauche. Er reagiert erstaunlich offen auf die Frage, weil ihn seine Analyse ja schon zu den richtigen Schlüssen bewegen würde. Er gibt aber zu, daß es das Tagesgeschäft nicht zuließe, derartige „unpraktische“ Schlüsse zu ziehen:

Lassen Sie mich nur das über die Krise sagen: Ich glaube, dass die Geldpolitik nur ein nebensächliches zusätzliches Element waren, die Umgebung zu schaffen, in der die Krise so ausbrechen konnte wie sie dies tatsächlich tat. Aber ich glaube, dass die wirkliche Wurzel der Krise in mehreren ernsthaften regulatorischen Fehlern in einer finanziellen Jurisdiktion. Ich glaube, diese Fehler in der regulatorischen Jurisdiktion sind keine einzeln auftretenden Ereignisse. Diese Fehler wurden während mehrerer Jahre beginnend mehr oder weniger mit 2000/2002/2003. Und diese Umgebung hat eine Situation geschaffen, wo man Vermögenswerte hatte, die unmöglich richtig zu bepreisen waren, weil sie undurchsichtig waren. Es kam zu einer Aufweichung aller Arten von regulatorischen Kontrollen – ohne zuviel ins Detail gehen zu wollen. Und daneben gab es den Liquiditätsüberfluss der aus der Geldpolitik stammte, aber auch aus dem, was man das Überangebot an Sparguthaben nennt. Mit anderen Worten: Geld, das aus den Kapitalmärkten Asiens und anderer Schwellenländer floss. Und daher hatten wir wiederum eine Situation, die in einem gewissen Sinne ähnlich ist der, wie ich sie zuvor bezüglich der Staatsanleihen beschrieben habe. Wir hatten Risikoprämien, die nicht die inneren Risiken der Anlagen widerspiegelten. In dieser Umgebung hatte man auch exzessive und falsch wahrgenommene Hebeln – das heißt, Schulden. In dieser Umgebung mangelnder Transparenz, äußerst niedriger Zinssätze, perversen Handlungsanreizen hatten die Akteure ein Zuviel an Schulden aufgestellt, und oftmals nicht einmal begriffen, wie hoch die Schulden waren, weil es ihnen genau durch die Undurchsichtigkeit der Instrumente, mit denen sie Geld aufstellten, verborgen blieb. Das ist also eine faire Übersicht des Hintergrunds, vor dem die Krise sich abspielte.

Der nächste Schritt wäre nun zu fragen, wie die Welt ohne Zentralbanken aussähe. Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt, das ist eines der Dinge, die jemand wie ich fragen sollte. Weil wir uns so sehr um unseren eigenen Erfolg, um unser eigenes Geschäft kümmern, dass wir die großen Fragen wie: Wie würde die Welt aussehen, wenn ich nicht existierte? vermeiden. Und ich verspreche, dass ich darüber nachdenken werden. (Draghi 2011)

Gewichtiger als das, was du aus dem System machst, ist stets, was das System aus dir macht. Der brillante Publizist H. L. Mencken bemerkte dazu:

\[…\] Es gibt immernoch Idealisten, hauptsächlich professionelle Liberale, die dafür streiten, dass es die Pflicht eines Gentlemans ist, in die Politik zu gehen - dass es in dieser Richtung einen Weg aus dem Sumpf gibt. Die Gegenmaßnahme, so scheint es mir, ist ebenso gänzlich absurd wie all die anderen sicheren Heilmittel, die Liberale vertreten. Wenn sie dafür argumentieren, dann legen sie einfach dar, wortwörtlich aber geringfügig verändert, dass das Mittel gegen Prostitution ist, die Bordelle mit Jungfrauen zu füllen. Mein Eindruck ist, dass diese letzte Maßnahme sehr wenig bewirken würde: entweder sprängen die Jungfrauen aus dem Fenster, oder sie hörten auf Jungfrauen zu sein. (Mencken 2007, S. 107)

Wenn ich mir die politischen Frauen unserer Tage so ansehe, dann muß ich auch ernüchtert schließen, daß das weibliche Element die Politik um keinen Deut besser gemacht hat. Die Politik hat allerdings im Gegenzug ziemlichen Schaden an den Frauen angerichtet. Gilbert K. Chesterton kam in dieser Angelegenheit zu einem politisch furchtbar unkorrekten Schluß, den ich gut nachvollziehen kann. Er sieht, ähnlich wie Leopold Kohr, das Wirtshaus als Urtyp und Wiege der demokratischen Politik. Seine Auffassung von Politik als lächerlichem, aber unvermeidlichem Zeitvertreib ist mir sehr sympathisch; sie hat so etwas erfrischend Kindliches:

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, innerhalb der letzten paar Jahre, hat die Frau öffentlich vor dem Mann kapituliert. Sie hat ernsthaft und offiziell zugegeben, dass der Mann die ganze Zeit recht gehabt hatte; dass das Wirtshaus (oder das Parlament) tatsächlich wichtiger ist als das Privathaus; dass die Politik nicht (wie die Frau stets behauptet hatte) ein Vorwand war für massenweise Bier, sondern eine sakrale Festlichkeit, vor der die neuen weiblichen Anbeter knien müssen; dass die gesprächigen Patrioten in den Tavernen nicht nur bewundernswert sondern auch beneidenswert sind; dass Reden keine Zeitverschwendung ist und also (sicherlich als Folge) die Tavernen keine Geldverschwendung sind. All wir Männer haben uns daran gewöhnt, dass unsere Frauen und Mütter und Großmütter und Großtanten sich in einen Chor der Verachtung ergießen angesichts unserer Hobbies wie Sport, Trinken und Parteienpolitik. Und nun kommt Miss Pankhurst mit Tränen in ihren Augen, gestehend, dass alle Frauen falsch lagen und alle Männer Recht gehabt haben; demütig flehend auch nur in einen äußeren Vorhof aufgenommen zu werden, von dem aus sie einen Blick erhaschen könne auf diese männlichen Verdienste welche ihre irrenden Schwestern so gedankenlos verachtet haben. (Chesterton 2009, S. 116f)

Vielleicht wird die Besserung wirklich von den Wirtshäusern, Kirchen, Märkten, Gärten und Höfen ausgehen. Vielleicht aber bleibt der Mensch so wie er ist, nur die Systeme, die er sich schafft, lassen mal mehr Gutes, mal mehr Schlechtes zutage treten. Da wir geistige Wesen sind, setzt jede nachhaltige Veränderung einen Bewußtseinswandel voraus. Im Kleinen und aus der Nähe betrachtet sind unsere Fehler offensichtlicher, darum gelangen wir leicht zum falschen Schluß, im Großen und Fernen das Heil zu suchen. Systeme der Hybris sehen im Vergleich zu den kleinlichen Affären kleiner Männer und Frauen lange Zeit vergleichsweise fehlerlos und blank poliert aus. Bis sie brechen, dann ist die Ent-Täuschung und der Schrecken groß. Die kleinen Fehler der großen Männer und Frauen sind zu Katastrophen aufgebläht. Die Demokratoren, die einst den moralischen Zeigefinger gegen die Besäufnisse des Adels erhoben, deren Feste immerhin öffentlichen und kulturellen Charakter hatten, versaufen nun selbst alles und pfeifen auf die Nachhaltigkeit. Womöglich stehen wir am Ende des nachhaltigsten Rausches der Weltgeschichte. Prost! Zurück zu Bier und Spielen. Wie harmlos ist die spießige Welt von Stammtisch, Schrebergarten und Nasenbohren auf dem Fernsehsofa doch gegen das hartnäckige und disziplinierte Bohren der Neo-Spießer, die stets das Gute wollen und stets das Böse schaffen. Die Pfleger im Menschenzoo können die Insassen leider überhaupt nicht leiden. Sie geben uns vielleicht noch eine letzte Chance, endlich so zu werden, wie sie uns haben wollen. Wenn es diesmal wieder nicht funktioniert, werden mehr als 170 Millionen daran glauben müssen. Schließlich erfordert die Nachhaltigkeit eine nachhaltigere Reduktion der Weltbevölkerung.

Allzu weit haben wir uns noch nicht aus dem Urwald entfernt. Wie ähnlich uns doch die Nukak-Makú sind, obwohl sie die blanke Unschuld waren, von keinem System korrumpiert, als man sie entdeckte:

Vor fünf Jahren kamen plötzlich Angehörige des Nukak-Makú-Stammes aus dem Amazonischen Regenwald nach San Jose del Guaviara in Kolumbien. Die Nukak waren ein Stamm, der von der Zeit vergessen wurde, bis zu seinem Erscheinen vom Rest der Menschheit abgetrennt. Allein von erbeuteten Affen und gesammelten Früchten lebend, hatten die Nukak keinerlei Vorstellung von Geld. Bezeichnenderweise hatten sie auch keinen Begriff von Zukunft. Heute leben sie auf einer Lichtung nahe der Stadt; ihr Lebensunterhalt hängt von der staatlichen Fürsorge ab. Gefragt, ob ihnen der Dschungel fehlt, lachen sie. Nachdem sie sich lebenslang auf der Suche nach Nahrung abgeplagt haben, sind sie verblüfft, dass ihnen vollkommen Fremde alles Notwendige zur Verfügung stellen und nicht das Geringste dafür verlangen. (Ferguson 2009, S. 19)

Endnoten

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Dieser ältere Scholien-Text bleibt frei unter seinem ursprünglichen Link erreichbar.

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