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Musterland der Demokratie?

28.09.2024

Die Schweiz glänzt als Sehnsuchtsland und Refugium für immer mehr Europäer. Ihr internationaler Leumund ist eng mit der Demokratie verbunden. Ist die Schweiz besser, weil sie demokratischer ist? Der Zusammenhang ist – wie oft – komplex und paradox. Zuerst erschienen auf eigentümlich frei.

Die Schweiz glänzt als Sehnsuchtsland und Refugium für immer mehr Europäer. Ihr internationaler Leumund ist eng mit der Demokratie verbunden. Ist die Schweiz besser, weil sie demokratischer ist? Der Zusammenhang ist – wie oft – komplex und paradox.


Ein Teil des Textes ist leider nicht öffentlich zugänglich, da der Autor für Freunde schreibt und sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Intimität der alten Wiener Salons ist im scholarium Voraussetzung der Erkenntnis, die keinerlei Rücksicht auf Empfindlichkeiten nehmen kann. Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit, gerne laden wir Sie dazu ein.

Beginnen wir mit dem deutlichsten Vorzug in einer Zeit zunehmender Kriegsangst: Beide Weltkriege blieben der Schweiz erspart. Mit Demokratie hatte die dazu nötige Verbindung von Glück und Entschlossenheit aber wenig zu tun. Volksheld Henri Guisan wurde – wie einst der römische Diktator auf Zeit und Retter der Republik Cincinnatus – vom Bauern zum General und hatte kein demokratisches Mandat. Er agierte gegen die Politiker seiner Zeit und würde mit seinen identitären Beschwörungen auf der Rütliwiese heute wohl als „Faschist“ gescholten. Der Kriegswahn in Deutschland hingegen war anfangs höchst demokratisch und erfreute sich der Massenzustimmung.

Die Friedensgeschichte ist noch viel länger, aber noch weniger mit demokratischem Entschluss zu erklären. Im 30-jährigen Krieg wütete ein den Weltkriegen vergleichbarer Wahn, getragen vom Eifer religiös entzweiter Volksbewegungen. Doch die Schweizer Enthaltung kam nicht aus dem Sieg der Vernunft, sondern aus der vernichtenden Niederlage demokratischer Kriegsführung. Seit der Schlacht von Marignano 1515 hatte die Schweiz sich auf die Defensive beschränkt, denn die Volksmilizen waren vom französischen Zentralismus aufgerieben worden. Die Niederlage konnte diese erfreuliche Wirkung entfalten, den Schweizern den Angriff gehörig auszutreiben, weil ihre Milizen die weltweit wehrtüchtigsten Kriegseinheiten waren.

Aus deren Art der Kriegsführung kommt auch die vermeintliche „Demokratie“ der Schweizer – hat also viel weniger mit dem Frieden und viel mehr mit dem Krieg zu tun. Wie im alten Griechenland nährte eine militärtechnologische Innovation den demokratischeren Korpsgeist. Die Schweizer perfektionierten eine Phalanx aus dichten Reihen lanzenbewehrter Kämpfer, welche die Überlegenheit der Ritter beendeten. Dabei spielte jeder Mann eine ähnliche Rolle mit ähnlicher Waffe, was sich von feudaler Hierarchie deutlich abhob, so wie einst bei den griechischen Triremenruderern. Bei den Griechen bildete sich daraus die Grundform der Demokratie als Beuteverteilungsprozess gleichartiger Piraten. Diese Form gemeinsamer Entscheidungsfindung ohne innere Struktur mit gleicher Stimme und Massenakklamation funktioniert freilich nur auf Piratenschiffen oder in kleinen Bergtälern gut.

Dass die Schweiz länger als andere Länder Reste dieser Urdemokratie aufwies, zeigt sich paradoxerweise daran, dass es das letzte westliche Land war, in dem das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Das hat nichts mit Sexismus zu tun, sondern mit der Form der Piraten- oder Kriegerdemokratie. Vertreter der Haushalte entscheiden gemeinsam, wann und unter welchen Bedingungen sie diese Haushalte verlassen, um anderswo zu plündern und zu versklaven. Nirgendwo haben jemals Frauen ihre Kinder zurückgelassen, um auf Männerraub zu gehen. Es gibt keinen deutlicheren Gegensatz zur Urdemokratie als das Entscheiden kinderloser Frauen über Krieg oder von Männern, die keine Familie ernähren können, über Umverteilung. So betrachtet, ist natürlich auch die Schweiz schon längst keine Demokratie mehr.

Eine urdemokratische Verbindung von kleinräumigen Strukturen und dezentralen Kollektiventscheidungen hatte sich aber länger erhalten. Die Gründe sind zum einen der Korpsgeist der Söldnergruppen, aus denen Milizen wurden, zum anderen der günstige Umstand, dass in der Schweiz sprachliche und religiöse Identitäten quer zu einander liegen und Zentralisierung im homogenen Nationalstaat verlangsamt haben.

Ein dritter Grund ist jedoch nicht der Schweiz vorbehalten und erklärt den merkwürdigen Umstand, dass der Unterschied zu den Nachbarregionen nicht so groß ist, wie ihn eine rein institutionenhistorische Betrachtung erwarten ließe. Die Schweiz ist eines der wohlhabendsten Länder Europas, doch auch Süddeutschland, Westösterreich und Norditalien sind in ihren Ländern und im europäischen Vergleich wohlhabender als andere, und Liechtenstein als letztes Überbleibsel feudalerer Zeiten überflügelt sogar teilweise die Schweiz.

Der Grund liegt in der besonderen Entwicklung des Alpenraums: die dünne Bodenschicht in unwirtlichem Gebiet erforderte höchst langfristiges, kooperatives, beständiges Bewirtschaften und Pflegen. In den Alpen entwickelte sich eine Hochvertrauenskultur mit besonders niedriger Zeitpräferenz. Diese hervorragende kulturelle Grundlage für Wohlstandsschaffung verband sich mit den wachsenden Handelsströmen zwischen Nord und Süd, die Alpenpässe, Brücken und Täler aufwertete und dort Erträge hinterließ. Hier konnten die reichen Edelmetallager rund um die Alpen in Münzform größten Nutzen stiften. Im Alpenraum entstand dann die erste Industrialisierung Europas, als Unternehmer – etwa die Hammerherren – mit Wasserkraft Münzen, Werkzeugschmieden, Sägewerke und Mühlen betrieben. Mit Demokratie hatte dieser Wohlstand nichts zu tun, doch er mehrte sich vor allem in freien Städten, welche neue – der Piraten- und Talgemeinschaft nachempfundene – Entscheidungsprozesse hervorbrachten, bei denen die Verantwortung auf die Schultern von mehr und mehr Bürgern verteilt war. Eine bedingungslose Ausweitung solcher „Stimmen“, insbesondere auf neu Hinzugezogene und Mittellose, wäre jedoch als klar undemokratisch abgelehnt worden.

Aus der Verbindung von Städten und Tälern entstanden die Kantone mit eigenen Identitäten und breiter bürgerlicher Beteiligung. Die Kantonsautonomie wurde 1848 putschartig zugunsten einer neuen zentralisierten Schweiz eingeschränkt. Wie die US-Verfassung nur von einer Minderheit den anderen vorgesetzt, war auch bei der Schweizer Verfassung ein Zugeständnis an die Antiföderalisten nötig. In den USA entstand so die Bill of Rights, in der Schweiz das Recht auf ein Referendum.

Dieses Referendum ist der letzte etwas demokratischere Aspekt als Bürgerveto – aber natürlich auch Instrument für die Interessen des unbürgerlichen Stimmvolks an ihrem risikolosen Beuteanteil. Der Anteil auf diese Weise demokratisch begründeter Entscheide ist auch in der Schweiz minimal. Doch die wenigen Prozent reichten für eine gelegentliche Verlangsamung des sonst ungebremsten Plünderzugs der Politik.

Hier liegt der kleine Kern Wahrheit, der die Schweizer Demokratie als Qualität würdigt. Überschattet wird er aber von der übermächtigen Lüge, dass Parteienfilz, Stimmenzählen, Geldverteilung, Staatsapparat, Interessengruppen, Medienmacht und Massenmeinung Zeichen und Inbegriff der „Demokratie“ seien und diese Pseudodemokratie, die auch in der Schweiz nicht viel weniger Gesetze und Umverteilung von oben herab bedeutet als im restlichen Europa, wiederum das Erfolgsrezept der Schweiz sei.

*Zuerst erschienen auf eigentümlich frei.*

Dieser ältere Scholien-Text bleibt frei unter seinem ursprünglichen Link erreichbar.

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