Markt und Macht – Scholien 03/12
Bedienungsanleitung
Dieses Büchlein enthält persönliche Gedanken und Beobachtungen sowie ausgewählte Texte und ist primär für Seelenfreunde des Verfassers gedacht. Mit Scholion bezeichnete man ursprünglich eine Randnotiz, die Gelehrte in den Büchern anbrachten, die ihre ständigen Wegbegleiter waren. Als Bücher noch teuer und selten waren, wurden sie oft geteilt und die geistige Auseinandersetzung wurde in Kommentaren zur gemeinsamen Lektüre geführt. Heute gibt es so viel mehr zu lesen, aber nur wenige haben dazu die Muße.
Ich habe es zu meiner Berufung gemacht, viel zu lesen und zu schreiben. Die Scholien sind eine Anregung für Vielleser, aber vielmehr noch eine Dienstleistung für Wenigleser. In dieses kleine, handliche Format versuche ich die Erkenntnisse aus meiner umfangreichen Lektüre zu komprimieren und so mit meinen Freunden eine große Bibliothek zu teilen. Die meisten zitierten Werke sind in unserer Institutsbibliothek vorhanden und können von Mitgliedern entliehen werden (bitte um Voranmeldung per E-Mail). Doch es ist kein bloßes Bücherwissen, das ich vermitteln will. Immer wieder beziehe ich mich auf die Realität abseits der Bücher, denn die Theorie – die Anschauung – ist nur da sinnvoll, wo sie etwas zu schauen hat. Mit meinen Kollegen im Institut für Wertewirtschaft verstehe ich mich als praktischer Philosoph. Die Scholien jedoch sind kein systematisches philosophisches Opus, sondern sammeln gewissermaßen die Späne, die mir beim geistigen Bearbeiten der größeren Scheite für das Feuer der Erkenntnis zufallen.
Das Motto vornan ist zufällig aus dem Text gewählt, dazu gestaltet die Künstlerin Ingeborg Knaipp den Umschlag. Das Lektorat übernimmt Kerstin Strobach. Beim mühevollen Erstellen der Exzerpte aus meiner stets vieltausendseitigen Lektüre halfen mir Benjamin Koch und Hendrikje Machate; Johannes Leitner erstellte das Literaturverzeichnis. Barbara Fallmann nimmt mir viel vom praktischen Aufwand ab, der anfällt, um meine Gedanken in die Postfächer der Leser zu befördern und meine Leser zu betreuen. Die zahlreichen Zitate sind meist eigene Übersetzungen. Die verwendete Literatur ist gesammelt am Ende angeführt. Administrative Anfragen bitte an [email protected] senden, inhaltliche Anregungen und Fragen bitte an [email protected]. Falls der geschätzte Leser dieses Exemplar zur Ansicht erhalten hat, würde ich mich freuen, ihn auch künftig als Adressat dieser freundschaftlichen Korrespondenz zu wissen: wertewirtschaft.org/scholien/
Bücherschätze
Geduldiger Leser,
meine diesmalige Ausrede, erst im Oktober zu liefern, was ich mir für September vorgenommen hatte, ist leicht zu erraten. Meine Ausrede ist diesmal besonders schön; sie macht mir viel Freude. Roland Baader, auf den ich noch zurückkommen werde, denn er spielt eine nicht unwesentliche Rolle in meiner Ausrede, brachte es einmal so treffend auf den Punkt: „Wenn die Vernunft Disziplin erfordert – und das ist meistens der Fall –, verlieben wir uns in die Ausrede.“ (Baader 2006)
Ich durfte an meinen praktischen Fertigkeiten feilen und einen guten Ausgleich zur geistigen Tätigkeit üben: Unser Institut ist aus dem noblen Döbling in die urbane Josefstadt übersiedelt, den kleinsten Wiener Gemeindebezirk, direkt am alten Stadtkern gelegen. Das hat sich so ergeben: Einerseits war unsere Zukunft am alten Sitz ungewiß geworden. Der Eigentümer sehnte sich wohl nach höheren Mieteinnahmen, bewegt durch die Inflationsflucht der Glückskinder und Systemgünstlinge in sich rasant verteuernde Immobilien, vorzugsweise am Stadtrand, wenn nicht in Dachgeschoße in der Innenstadt. Da das „Mietrecht“ nur eine Mieterhöhung anhand der offiziell gefälschten Zahlen erlaubt, läßt der „Mieterschutz“ oft nur den Ausweg, Mieter durch formaljuristische Gängeleien, wenn nicht gar aktive Sabotage das Wohnen zu verleiden. Nachdem der Eigentümer unserer Räumlichkeiten Anzeichen in diese Richtung zeigte, zumal die kommerzielle Nutzung von Wohnungen gesetzlich eingeschränkt ist und gemeinnützige Vereine nicht explizit als unkommerzielle Nicht-Wohn-Nutzer ausgenommen sind, war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis er seine Gangart verschärfen würde. Dieses Risiko verleidete uns den Verbleib; mit unserer großen Bibliothek können wir plötzliche Ortswechsel nicht bewältigen. Diese Bibliothek ist auch der andere Grund für unsere Übersiedlung – sie ist gewaltig expandiert, und das in einer Zeit, in der das Buch vielen als bald obsoletes Medium gilt.
Zwei außergewöhnliche Männer haben uns ihren jeweiligen Bücherschatz vererbt. Doch handelt es sich wirklich um Schätze? Bibliotheken erscheinen in Zeiten steigender Raumpreise und fallender Bücherpreise eher als Passiva denn als Aktiva.
Um dies verständlich zu machen, zunächst ein ökonomischer Exkurs: Eine sehr einprägsame Unterscheidung zwischen Aktiva und Passiva gibt Robert Kiyosaki in seiner empfehlenswerten Geschichte über die Geisteshaltungen armer und reicher Menschen. Kiyosaki erzählt von der Lebensgeschichte und den Lehren seiner zwei „Väter“. Sein reicher Vater erklärte ihm:
„Wenn du heute zu arbeiten aufhörst, dann füllt ein Vermögenswert deine Taschen mit Geld, während eine Verbindlichkeit dir das Geld aus der Tasche zieht.“ Viele bezeichnen fälschlicherweise Verbindlichkeiten als Vermögenswerte. Deshalb ist es wichtig, den Unterschied zwischen beiden zu kennen. (Kiyosaki 2006)
Als wichtigstes Beispiel für diese Verwechslung führt er das Wohnhaus bzw. die Wohnung an. Dabei handle es sich stets um Verbindlichkeiten, es sei denn allfällige Untermieterträge überstiegen sämtliche Betriebskosten. Hauseigentum nicht als Vermögenswert anzusehen, ist schwer verdaulich. Doch in der Tat ist die eigene Wohnnutzung Konsum und nicht kapitalmehrend, sondern kapitalzehrend. Die Perspektive mag etwas kleinlich materialistisch wirken, immerhin erspart Eigentum ja Mietkosten – und das geldfreie Leben in der Wildnis als Alternative würde wahrscheinlich die eigene Produktivität senken. Doch die Unterscheidung ist eingängig und präzise. Kern des Argumentes ist, daß Menschen, die auf ehrlichem Wege zu Reichtum gelangen, Kapital aufbauen, während Menschen mit stagnierendem oder sinkendem Vermögen bloß Konsumgüter ansammeln. Kapital wird hierbei der einfachsten Definition nach als jener Vermögenswert aufgefaßt, der Gelderträge liefert.
Rentierökonomie
Das Problem dieser Perspektive ist, daß Kapital in der Regel eine komplexere Kombination ist und kein bloßer Gegenstand, der einfache Renten abwirft. Letzteres ist die landläufige Vorstellung vom Dasein des „Rentiers“, die stets Neid entfacht. Nach dieser Vorstellung sind Gelderträge die bloße Folge des Eigentums der „Produktionsmittel“ und der „Rentengüter“. Mit „Rentier“ (französisch ausgesprochen) ist also nicht der nordische Hirsch, sondern der Bezieher von Renten gemeint, das heißt leistungslosen Geldeinkommen. Diese Auffassung des „Kapitalisten“ ist auch die Grundlage des Marxismus. Daher nennt der marxistische Ökonom Nikolai Iwanowitsch Bucharin seine 1914 verfaßte Kritik des österreichischen Kapitaltheoretikers Eugen Böhm von Bawerk auch Политическая экономия рантье – Die politische Ökonomie des Rentiers. Bucharins Assoziation ist, daß ein bourgeoiser Kapitaltheoretiker nur im Interesse der Rentiers schreiben kann; daher versucht er Böhm-Bawerks Zugang dieses Klasseninteresse nachzuweisen. Er sieht die Ökonomie als Schlachtfeld der Klassengegensätze:
Nachdem sie eine Reihe von Siegen über die Historische Schule errungen hatte, setzte die Österreichische Schule, vertreten durch Böhm-Bawerk, damit fort, den Marxismus zu zerlegen und erklärte letzteren zu einem kompletten theoretischen Irrtum. \[…\] Es ist daher keine Überraschung, daß diese neue Anstrengung bourgeoiser Ideologen in scharfen Konflikt mit der Ideologie des Proletariats geraten solle. Die Bitterkeit des Konflikts ist eine notwendige Folge der formalen Ähnlichkeit zwischen diesem neuen Versuch einer abstrakten Theorie und dem Marxismus, insofern sich der Marxismus der abstrakten Methode bedient, während das neue System in den wesentlichen Punkten in vollkommenem Widerspruch zum Marxismus steht. Das kann außerdem dadurch erklärt werden, daß die neue Theorie ein Kind der Bourgeoisie in ihren letzten Zügen ist – eine Bourgeoisie, deren Lebenserfahrung und daher deren Ideologie weit weg von der Lebenserfahrung der Arbeiterklasse ist. \[…\] Die kapitalistische Evolution der letzten Jahrzehnte brachte die rasche Akkumulation von „Kapitalwerten“ mit sich. Infolge der Entwicklung der verschiedenen Formen von Kredit floß der angehäufte Mehrwert in die Taschen von Menschen, die überhaupt keine Beziehung mehr zur Produktion haben; die Zahl dieser Menschen steigt laufend an und bildet eine ganze Gesellschaftsklasse – die des Rentiers. Gewiß, diese Gruppe der Bourgeoisie ist keine soziale Klasse im wirklichen Wortsinn, sondern eher eine bestimmte Gruppe innerhalb der Reihen der kapitalistischen Bourgeoisie; doch sie zeigt bestimmte Merkmale einer „Sozialpsychologie“, die für sie alleine charakteristisch sind. Mit der Entstehung von Aktiengesellschaften und Banken, mit dem Anstieg des enormen Verkehrs von Wertpapieren, wird diese soziale Gruppe offensichtlicher und deutlicher abgegrenzt. Das Feld ihrer Wirtschaftstätigkeit ist hauptsächlich das des Umlaufs von Finanzpapieren – die Börse. Es ist für diese Gruppe hinreichend charakteristisch, daß es innerhalb von ihr verschiedene Abstufungen gibt; der Extremtyp ist jene Schicht, die nicht unabhängig von der Produktion, sondern auch vom Umlaufsprozeß selbst ist. \[…\] Diese Schicht der Bourgeoisie ist entschieden parasitär; sie entwickelt dieselben psychologischen Merkmale, die man auch beim verfallenen Adel am Ende des Ancien Régime und bei den Köpfen der Finanzaristokratie derselben Epoche sah. Das charakteristischste Merkmal dieser Schicht, das sie scharf vom Proletariat und anderen bourgeoisen Typen abgrenzt, ist, wie wir bereits sahen, ihre Entfernung vom Wirtschaftleben. Sie nimmt direkt weder an der Produktion noch am Handel teil; ihre Repräsentanten schneiden oft nicht einmal ihre eigenen Coupons aus \[Abschnitt alter Wertpapiere, der zur Einlösung des Zinsanspruchs diente\]. Die „Aktivitätssphäre“ dieser Rentiers kann wohl am allgemeinsten die Sphäre des Konsums genannt werden. Konsum ist die Grundlage des gesamten Lebens des Rentiers und die „Psychologie des reinen Konsums“ gibt diesem Leben seinen spezifischen Stil. Der konsumierende Rentier befaßt sich nur mit Reitausflügen, teuren Teppichen, duftenden Zigarren und Tokajerwein. Wenn ein Rentier überhaupt einmal von der Arbeit spricht, dann meint er die „Arbeit“, Blumen auszuwählen oder eine Opernkarte zu reservieren. (Bucharin 1927)
Die Beobachtung von Bucharin, daß Finanzmittel zunehmend in konsumorientierten Kreisen akkumuliert werden, ist durchaus zutreffend. Es handelt sich dabei um dieselbe Dynamik, die Werner Sombart und James Burnham beschrieben haben, um zwei Denker zu nennen, deren Analysen ich hier in den Scholien diskutiert habe. Nur deuten die Marxisten diese Dynamik gänzlich falsch. Es handelt sich um keine inhärente Eigenschaft des Unternehmertums, dem der statische Rentencharakter eigentlich fehlt, sondern um Folgen der Politisierung der Gesellschaft. Sobald Beziehungen zu Vermögenswerten werden, weil sie politische Renten erlauben, selbst wenn diese unter dem Deckmantel von Gewinnen ausgeschüttet werden, übertreffen der Golfplatz, die Festspielloge und der Galaempfang andere Produktionsstätten an Wichtigkeit.
Dabei tut Bucharin Böhm von Bawerk natürlich vollkommen Unrecht. Gerade dieser verstand wahres Unternehmertum als Gegenentwurf zum Rentierdasein. Seine Kapitaltheorie ist dynamisch und hat wenig mit der bloßen Akkumulation von Renten oder dem Sammeln von Anleihecoupons zu tun. Daß es überhaupt Anlageformen gibt, die (geringe) laufende Erträge erlauben, die praktisch ohne Risiko einem Stammvermögen hinzugefügt werden, ist allein auf Staat und staatlich privilegierte Banken zurückzuführen. Wenn, wie heute üblich, das Risiko des Zahlungsausfalls sozialisiert wird, kann man die „Veranlagung“ in der Tat ahnungslosen Bankbeamten überlassen und mit dem Zinsertrag seinen Repräsentationspflichten nachkommen.
Allerdings sind die Zeiten hoher Zinserträge längst vorbei. Einerseits verschwand der alte Typus des Rentiers, der zwar oft Günstling des Staates oder des Bruchteilreservebankwesens war, im Zuge der gigantischen Vermögensvernichtung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Andererseits sind Zinsen durch staatliche Manipulation auf einem Niveau, das unter der Geldentwertung liegt. Das bedeutet, daß heutige Rentiers zwar virtuelle Guthaben akkumulieren, aber Kaufkraft und Realisierungsmöglichkeiten verlieren. Mit letzterem Ausdruck meine ich das steigende Risiko, Bankguthaben nicht mehr beheben zu können, und die sinkenden Anlagemöglichkeiten, die realen Wert stiften. Ich schätze, daß der durchschnittliche „Rentier“, wenn wir darunter nun den ausschließlichen Zinsbezieher verstehen, im Jahr mindestens zehn Prozent seines realen Vermögens verliert. Übrig bleiben die „Rentiers“ im Sinne politischer Rentenbezieher, doch auch hier hat das Sinken der Renten begonnen. Im heutigen Umfeld ist es jedenfalls absurd, von securities zu sprechen, man sollte eher unsecurities sagen. Um allein von Zinserträgen trotz aller Risikosozialisierung seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, bräuchte man heute schon mehr als eine Million Euro. Darum ist es gänzlich absurd, wenn heute durchschnittlich Verdienende auf Bankzinsen schielen, als wären sie eine relevante Einkommensquelle. Dann verbringt der Opa Monate mit Zinsvergleichen und Broschürenstudium, verschiebt sein ganzes Geld zu einer Onlinebank, und glaubt er hat jetzt eine „Anlageentscheidung“ getroffen – all der Aufwand für eine Differenz von 2,33 Euro abzüglich KESt.
Reiche Väter
Aufgrund der Rahmenbedingungen halte ich Ratschläge wie jene von Kiyosaki und der gesamten US-amerikanischen Lebenshilfeliteratur für immer weniger brauchbar. Seinen Wohlstand in Geld zu messen, ist zwar einfach; und es spricht einiges dafür, es sich nicht allzu kompliziert zu machen. Doch realistisch ist dies immer weniger. Sinn macht es freilich, die eigenen Geldflüsse unter Kontrolle zu halten und nach Wegen zu suchen, diese zu minimieren – nicht zu maximieren. So mancher Rat zu schnellem Reichtum kann daher zu langsamer Armut führen.
Kiyosakis „armer Vater“ klagte: „Ich kann es mir nicht leisten.“ Sein „reicher Vater“ hingegen fragte: „Wie kann ich es mir leisten?“ Diesen Unterschied deutet Kiyosaki so:
Die Aussage „Ich kann es mir nicht leisten“ schaltet Ihr Gehirn ab. Mit der richtigen Frage öffnen Sie ihren Verstand und veranlassen Ihr Gehirn nach der passenden Antwort zu suchen.
Konsumwünsche können ein Antrieb sein. Doch diese Art von Motivation steht eher hinter typischen Job-Karrieren als hinter wirklichem Unternehmertum. Kiyosaki liegt zum Teil richtig, wenn er sich lustig darüber macht, daß der typische Bourgeois sein Leben lang brav hackelt und sich wenig Freuden gönnt, ohne sich auf diesem Wege jemals Reichtum aufzubauen – er verschwendet sein Leben bloß mit seiner Erbsenzählermentalität. Doch dieser Spott ist andererseits zu leicht und daher zum allergrößten Teil unangebracht. Daß ehrliche Menschen auch durch harte Arbeit und Sparsamkeit kaum mehr Vermögen aufbauen können, liegt nicht daran, daß sie so dumm und unfähig sind, wie Kiyosaki nahelegt. Ihr Werken und Wirken wird aktiv hintertrieben, unter anderem weil manche nach kurzfristiger Bereicherung streben.
Manch Empfehlung grenzt ans Groteske, etwa wenn Kiyosaki der „Armutsperspektive“: „Mit euch Kindern kann ich nicht reich werden“ die „Reichtumsperspektive“ entgegensetzt: „Wegen euch Kinder muß ich reich werden.“ Daß der Wille zum Reichtum die wesentliche Voraussetzung zu Reichtum ist, stimmt in immer geringerem Ausmaß, wenngleich noch immer ein Kern Wahrheit bleibt.
Laut Kiyosaki interessiere sich der „arme Vater“ zu seinem Nachteil nicht für Geld und halte es für die Wurzel allen Übels, der „reiche Vater“ hingegen betrachte Geld als Macht und schlösse: „Geldmangel ist die Wurzel allen Übels.“ Es ist im Grunde richtig, daß ökonomisches Unwissen und Desinteresse, sowie eine wirtschaftsfeindliche Haltung dem Vermögensaufbau hinderlich sind, jedoch nahm auch diese Korrelation im vergangenen Jahrzehnt laufend ab. Im politischen Bereich verspricht diese Grundhaltung nämlich bessere Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten. Auch kann man diesen Gegensatz von Kiyosaki leicht mißverstehen: Es ist vollkommen falsch, daß Arme weniger ans Geld denken als Reiche. Das ist eine Romantisierung, die geradezu einer Umkehrung der Verhältnisse entspricht. Ganz im Gegenteil ist der vulgäre Materialismus unter Armen stärker, er kann sich nur weniger ausdrücken.
Ebenso irreführend ist folgender Gegensatz: Der „arme Vater“ bezahle sich selbst zuletzt, der „reiche Vater“ zuerst. Damit meint Kiyosaki eigentlich folgendes, das durchaus nicht falsch ist: Sein reicher Vater nahm von allem, was er verdiente zuerst einen Prozentsatz und zahlte es auf ein Investment-Konto, mit dem er Vermögenswerte kaufte. Sein armer Vater verwendete sein ganzes Einkommen für Ausgaben (Verbindlichkeiten), dadurch blieb nie etwas für Investitionen übrig.
Richtig ist auch folgender Schluß: „Es ist nicht entscheidend, wie viel Geld du verdienst, sondern wie viel du davon behältst und wie lange du es behältst.“ Ebenso richtig ist die Beobachtung, daß der „arme Vater“ glaubte, daß sein Arbeitgeber oder der Staat für seine finanziellen Bedürfnisse verantwortlich seien, während der „reiche Vater“ Eigenverantwortung lebte. Schön ist auch folgende Gegenüberstellung von Ratschlägen: „Studiere fleißig, um ein gutes Unternehmen zu finden, für das du arbeiten kannst. Lerne, einen beeindruckenden Lebenslauf zu schreiben, um einen guten Job zu bekommen.“ – „Studiere fleißig, um ein gutes Unternehmen zu finden, das du kaufen kannst. Lerne, beeindruckende Business- und Finanzpläne zu schreiben.“ Leider nicht ganz realistisch, insbesondere da der Ansporn zum Studienfleiß zu einer herkömmlichen Universitätslaufbahn verleitet und die Bedeutung von Businessplänen, wie der Anglizismus schon zeigt, ein Blasenphänomen ist. Businesspläne sind heute dazu da, Alibis für Kreditzuteilungsentscheidungen von Bankbeamten zu bieten oder to find a greater fool, immer neue Narren für die unteren Sprossen der Finanzierungspyramiden zu gewinnen.
Halo
Bei allzu konkreten Anlageempfehlungen bin ich stets skeptisch. Auch der Wert der Investmentliteratur ist eher gering. Im Schnitt ist er wohl negativ, weil diese Literatur in aller Regel Flausen in den Kopf setzt, die dem Halo-Effekt unterliegen. Diesen Effekt entdeckte Edward Thorndike; Phil Rosenzweig wandte ihn auf die Wahrnehmung von Unternehmenserfolg an – er gilt aber genauso hinsichtlich vermeintlichen Anlageerfolgs. Rosenzweig beschreibt den Effekt so:
Während des Ersten Weltkriegs untersuchte der amerikanische Psychologe Edward Thorndike die Art und Weise, wie Vorgesetzte ihre Untergebenen beurteilen. Für eine seiner Studien bat er Offiziere, ihre Soldaten nach bestimmten Gesichtspunkten zu bewerten: Intelligenz, Kondition, Führungsqualitäten, Charakter und so weiter. Die Ergebnisse überraschten ihn. Während einige »Supersoldaten« in fast allen Bereichen hervorragende Noten erhielten, blieben andere in so gut wie allen Bereichen unter dem Durchschnitt. Anscheinend trauten die Offiziere einem Soldaten mit hübschem Gesicht und guter Körperhaltung automatisch zu, dass er zielgenau schießen, seine Schuhe blitzblank putzen und sogar Harmonika spielen konnte. Thorndike bezeichnete dies als Halo-Effekt.
Den Halo-Effekt gibt es in mehreren Ausprägungen. Da ist zunächst die von Thorndike beobachtete Tendenz, aus allgemeinen Eindrücken Rückschlüsse auf konkrete Eigenschaften zu ziehen. Die meisten Menschen tun sich schwer damit, einzelne Eigenschaften unabhängig voneinander zu bewerten; die Versuchung ist groß, sie in einen Topf zu werfen. Der Halo-Effekt ermöglicht es uns, unsere Wahrnehmungen auf ein geschlossenes und konsistentes Bild zu reduzieren und kognitive Dissonanzen zu vermeiden. \[…\]
Auf diesem Prinzip basieren die Marken: Der Hersteller schafft um sich herum eine Aura, die den Kunden dazu verleitet, seine Produkte und Dienstleistungen von vornherein wohlwollend zu beurteilen. (Rosenzweig 2008, S. 72ff)
Rosenzweig weist nach, daß die Vorbildsuche bei erfolgreichen Unternehmen oft vom Halo-Effekt beeinflußt ist. Momentaner Unternehmenserfolg wird mit den überlegenen Eigenschaften des jeweiligen Unternehmens assoziiert. Doch jede Langzeitbeobachtung von Erfolgsunternehmen ist ernüchternd. Wie gewonnen, so zerronnen. Rosenzweig überprüft unter anderem die Erfolgsliste von Collins und Porras, die – wie so häufig in der Managementliteratur – eine Gruppe besonders „visionärer“ Unternehmen anhand ihres momentanen Erfolgs auswählte, um deren „best practices“ zu analysieren. Diese erweisen sich jedoch als vollkommen willkürlich:
In den zehn Jahren von 1991 bis 2000 hielten nur sechs der sechzehn visionären Unternehmen Schritt mit dem S&P 500, die übrigen fielen gegenüber dem Markt zurück. Eine Zufallsinvestition wäre vielversprechender gewesen als eine Investition in die visionären Unternehmen von Collins und Porras. \[…\] Während der fünf Jahre nach Beendigung der Studie verbesserten nur fünf Unternehmen ihre Rentabilität, während eines den Stand hielt und elf zurückfielen. \[…\] Vermutlich handelt es sich bei den angeblichen Faktoren einer anhaltenden Performance – starke Firmenkultur, Streben nach Spitzenleistungen und so weiter – doch eher um Folgeerscheinungen ebendieser Performance. \[…\] Anhaltender wirtschaftlicher Erfolg ist nicht viel mehr als eine Illusion. \[…\] Raten Sie mal, wie viele Unternehmen aus dem S&P 500 des Jahres 1957 vierzig Jahre später noch immer dazu gehörten! Ganze vierundsiebzig. Die übrigen 426 waren weg - verdrängt von anderen Unternehmen, aufgekauft oder pleite. Und wie viele von den vierundsiebzig haben sich in dieser Zeit besser entwickelt als der S&P 500? Ganze zwölf. Die übrigen zweiundsechzig haben mehr recht als schlecht überlebt, aber nicht mehr. \[…\] Nicht Stabilität und Beständigkeit, sondern der von Schumpeter beschriebene »ewige Sturm der kreativen Zerstörung« ist das vorherrschende Muster. Dass Unternehmen nach einer Phase der Spitzenperformance wieder zurückfallen, ist in diesem Zusammenhang völlig normal. (S. 129ff)
Foster und Kaplan bestätigen diesen Eindruck:
McKinsey-Langzeitstudien zu Geburt, Leben und Sterben amerikanischer Unternehmen haben gezeigt, dass das goldene Unternehmen, das immerfort Bestleistungen produziert, niemals existiert hat. Es ist ein Mythos. Selbst bei den besten und meistbewunderten Unternehmen garantiert eine Unternehmensführung, die das Überleben sichert, noch lange keine langfristig starke Performance zum Vorteil der Anleger. Im Gegenteil, auf lange Sicht gewinnen stets die Märkte. (Foster/Kaplan 2001)
Rosenzweig zitiert Studien, die zeigen, daß sich der jeweils eigene Stil von Führungspersönlichkeiten in puncto Investitions- und Finanzpolitik, bzw. die jeweiligen Managementmethoden mit bloß vier bis zehn Prozent in die Varianz der Unternehmensperformance einfließt. Der Halo-Effekt von Spitzenmanagern und ihren Erfolgsrezepten führe zu folgenden Täuschungen:
Die Illusion vom anhaltenden Erfolg suggeriert, der Aufbau eines für lange Zeit überdurchschnittlich erfolgreichen Unternehmens stelle ein realisierbares und erstrebenswertes Ziel dar. Dabei sind solche Unternehmen nicht nur selten; es handelt sich vielmehr um statistische Artefakte, die sich nur im Rückblick beobachten lassen. Ist ein Unternehmen über einen langen Zeitraum erfolgreich, so lässt sich dieser Erfolg am zutreffendsten als Abfolge vieler Kurzzeiterfolge begreifen. \[…\] Die Illusion absoluter Performance lässt uns vergessen, dass sich Erfolg und Niederlage stets in einem Wettbewerbsumfeld abspielen. \[…\]
Die Verwechslung von Ursache und Wirkung kann uns dazu verleiten, die vermeintlichen Erfolgsrezepte einiger außergewöhnlich erfolgreicher Unternehmen blindlings zu kopieren, ohne uns zu vergegenwärtigen, dass diese Rezepte zugleich mit einem erhöhten Risiko des Fehlschlags verbunden sind, was die durchschnittlichen Erfolgschancen eher noch mindert. \[…\] Die trügerische Metapher von den Naturgesetzen der Unternehmensführung suggeriert, dass das Wirtschaftgeschehen prognostizierbar sei und präzisen Gesetzen unterliege und dass es Handlungsrezepte gebe, die zuverlässig funktionieren, ohne dass wir sie an die Bedingungen des jeweiligen Umfelds wie Wettbewerbsintensität, Wachstumsrate, Größe der konkurrierenden Unternehmen, Marktkonzentration, gesetzliche Vorschriften, globale Aufgabenverteilung und dergleichen anpassen. Die Vorstellung, ein und dieselbe Methode eigne sich für jedes Unternehmen an jedem Ort und zu jeder Zeit, ist in ihrer Einfachheit verführerisch, wird aber der Komplexität des Wirtschaftsgeschehens nicht gerecht.
In ihrer Summe entlarven diese Punkte den fiktiven Kern vieler Wirtschaftsbücher, wonach es in der Macht eines jeden Unternehmens stehe, unabhängig vom Verhalten des Marktumfelds und allein durch Befolgen bestimmter Regeln in die Riege der Spitzenunternehmen aufzusteigen. Damit sind wir nicht weit entfernt von einer Ratgeberliteratur, die ihren Lesern erzählt, es stünde jedem von ihnen frei, in fünf einfachen Schritten zum Millionär zu werden, binnen zwei Wochen zehn Kilo abzunehmen oder die Macht der inneren Seelengröße zu entdecken. (S. 174f)
Der Schluß liegt nahe, daß die meiste Managementliteratur in den Mistkübel gehört. Dieser Schluß ist jedoch übertrieben. Rosenzweigs Untersuchungen können nicht ausschließen, daß die Unternehmen, deren Erfolgsgeschichte zu einem Ende gelangte, von den eigenen Prinzipien abgekommen waren. Um ein Unternehmen wach zu halten, ist laufende Wachsamkeit nötig, ansonsten neigen alle menschlichen Institutionen dazu, mit der Zeit zu schläfrigen Riesen zu werden, die vergessen, wozu sie eigentlich da sind. Dennoch liegt Rosenzweig mit seiner Grundbotschaft wohl richtig, die etwas Bescheidenheit lehrt.
Spekulanten
Wie die „Spitzenmanager“ sind auch die „Spitzenspekulanten“ oft bloß ein Mythos. Nahezu alle Investmentgurus liegen nur zeitweise richtig und verschweigen Phasen, in denen sie konsistent daneben lagen. Spekulation ist eben im Wesentlichen eine Zeitfrage, und Entscheidungen über richtige Zeitpunkte sind eher eine intuitive Angelegenheit. Man kann der weiseste Mensch in Sachen Kleidung, der beste Modeschöpfer seiner Zeit sein, und doch nicht besser als andere dabei, den Zeitpunkt und die genaue Form eines neuen Modetrends vorherzusehen. Umgekehrt könnte der größte Idiot, der von Mode nicht die geringste Ahnung hat, zufällig parallel zu Trendsettern agieren.
Doch halt, das Beispiel hakt, womöglich überwiegt heute schon die bewußte Steuerung von Modetrends. Ähnlich hakt es in der Wirtschaft: Vollkommene Steuerung ist unmöglich, daher sind Verschwörungstheorien allenfalls dahingehend richtig, daß sich ähnliche Interessen verschwören, aber nicht, daß diese auch tatsächlich der einzig kausale Faktor hinter dem Weltgeschehen sind. Doch Steuerungsversuche verkomplizieren das Feld und machen die Spekulation teilweise zu einer anderen Kunst: Ein Ohr für das Mauscheln der Politik zu entwickeln. Aufschlußreich hinsichtlich der „perfekten Anlagestrategie“ sind die nüchternen Worte von Robert Soros, Sohn eines der größten „Investmentgurus“:
Mein Vater kann einem allerlei Theorien erzählen, warum er dieses oder jenes tut. Aber ich erinnere mich daran, daß ich bei diesen Erzählungen als Kind stets dachte: Um Gotteswillen, mindestens die Hälfte davon ist Unsinn. Ich meine, der Grund, warum er eine Marktposition ändert oder was immer auch tut, ist ein Stechen im Rücken. Es gibt keinen rationalen Grund. Er bekommt buchstäblich einen spastischen Anfall, und das ist sein Frühwarnsystem. \[…\] Er lebt in einem Dauerzustand, der, wenn schon nicht Verleugnung, doch Rationalisierung seiner Gemütsverfassung ist. Und das ist sehr witzig. (Kaufman 2002, S. 140)
Gefährlich ist der landläufige Schluß, ein guter Spekulant müsse auch ein guter Ökonom sein. Das ist der gleiche Fehlschluß, den stärksten Haudegen für den größten Kriegsrechtler zu halten. Insbesondere bei George Soros ist die Gefahr groß. In Soros’ Denken scheint sich der Zugang des Tikkun olam (siehe Scholien 01/11, S. 108ff; Soros wurde als Georg Schwartz in Ungarn geboren) mit Poppers Konzepten zu verbinden (Soros studierte bei Karl Popper an der London School of Economics, fiel aber eher als einer der unbegabtesten Studenten auf). Gemäß der etwas schwammigen Idee von Popper will Soros die Welt zu einer „offenen Gesellschaft“ machen, in der es zwar keine inneren Grenzen gibt, aber dafür globale Vorschriften, die durch einen Weltstaat durchgesetzt werden, um so Leute wie ihn in Schach zu halten. Ich hoffe, wir müssen die „Falsifizierung“ dieses Sozialexperimentes nicht erleben. Die globale Open Society läßt sich dann nämlich nicht durch bloße Flucht über Mauern und eiserne Vorhänge verlassen, wie das Soros selbst beim letzten humanitär verbrämten Regulierungsexperiment gelang.
Spekulation ist wie Handel eher ein Handwerk. Der gute Händler hat ein intuitives Gespür für Preise, für „richtige“ und „falsche“ Preise, Preise die funktionieren, Preise, die herauszuholen sind, wann man zuwarten muß, wann man erhöhen kann. Und am wichtigsten: Wann man sich von Dingen lösen muß, um Verluste nicht zu vergrößern. Es wäre absurd, zu glauben, die Erfahrung eines Händlers vollständig durch Algorithmen ersetzen zu können.
Meine Lektorin Kerstin Strobach weist mich hierbei auf eine interessante Beobachtung hin: Als sie nach ihrem BWL-Studium in der Raiffeisen Zentralbank im Controlling für Wertpapier- und Geldhandel zu arbeiten begann, erzählte man ihr, daß die Bank für den Handel bevorzugt keine Akademiker anstelle, weil diese zu viel „denken“ würden und zu wenig „Gespür“ hätten.
Was auch immer den besten Kaufleuten gemein sein mag, über das Wirtschaftsgeschehen gehen ihre Meinungen ähnlich weit auseinander wie beim Rest der Bevölkerung. Ihre ökonomischen Urteile sind in aller Regel Rationalisierungen ihrer Interessen und politischen Präferenzen. Soweit ist die marxistische Analyse nicht ganz falsch.
Gutes Management
Fredmund Malik, der geschäftstüchtige Managementguru aus Österreich, der in der Schweiz reüssierte, hat eine interessante Perspektive zur Frage, was den guten Unternehmer ausmacht. Er sieht bei ihm die Fähigkeit, sich nicht von Eigeninteressen blenden zu lassen, denn letztlich gehe es doch um das Unternehmen:
Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, ein Unternehmen richtig zu führen. Das Unternehmen selbst muß ins Zentrum gestellt werden. Damit hat sich das Management an der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens selbst zu orientieren. (Malik 2005, S. 134)
Einerseits hieße das, die Manager sollten sich wie Eigentümer verhalten - das klassische Principal-Agent-Problem: Der Agent, der Beauftragte, hat zum Teil andere Interessen als der Principal, der Auftraggeber. Eine große Herausforderung der Unternehmensführung besteht darin, diese Interessen zusammenzuführen. Doch dies ist Malik zu wenig. Auch die Eigeninteressen des Unternehmers sind nicht immer ident mit den Interessen des Unternehmens. Hierbei denkt Malik insbesondere an das langfristige Bestehen des Unternehmens. Dies sei nur gewährleistet, wenn dessen Grundaufgabe und Existenzberechtigung über alles andere gestellt werde:
Ein Unternehmen hat die Aufgabe, eine ökonomische Leistung für den Markt zu erbringen. Das ist nicht irgendein unbestimmbares metaphysisches Konzept, sondern es heißt kompromißlos: eine Leistung für Kunden. Das Unternehmen erfüllt seine gesellschaftliche Verpflichtung nicht durch spezielle Social Responsibilities, sondern durch die Schaffung zufriedener Kunden.“ (S. 135)
Dabei gehe es um die Umwandlung von Ressourcen in Nutzen:
Beide, Ressourcen und Nutzen, liegen außerhalb des Unternehmens. Innerhalb des Unternehmens gibt es daher auch gar keine Werte und keine Wertschöpfung \[...\]. Innerhalb des Unternehmens entsteht nur Aufwand. Die beste Forschung, die beste Produktion, das beste Marketing – sie alle verursachen nur Aufwand. Nutzen entsteht erst und nur dort, wo jemand eine Rechnung bezahlt, beim Kunden, außerhalb des Unternehmens. (S. 148)
Der Gewinn spielt dabei die Rolle, als Indikator für die Effektivität der Unternehmensführung zu dienen – viel mehr noch als für die Effizienz. Effektivität ist nötig, damit ein Unternehmen überhaupt Gewinne macht. Fehlt die Effektivität, kann auch die größte Effizienzsteigerung nicht mehr viel ausrichten. Malik spricht davon, einerseits das Richtige zu tun (Effektivität) und andererseits das Richtige richtig zu tun (Effizienz). Die Unternehmensführung muß dazu Antworten auf drei Fragen geben (S. 149):
Was benötigt der Markt? Oder: Wofür bezahlt uns der Kunde?
Worin besteht unsere Überlegenheit? Oder: Was können wir besser als andere?
Woher kommt unsere Kraft? Oder: Woran glauben wir?
Wo ich von Unternehmensführung spreche, verwendet Malik den Begriff Management. Diesen Begriff hält er für gleichbedeutend mit dem deutschen Wort „Führung“, das jedoch historisch belastet ist. Das führe zum Übersetzungsfehler Leadership, was jedoch eine andere Bedeutung hat: Ich würde das englische Wort mit Durchsetzungsvermögen übersetzen. Führung hingegen habe die Aufgabe, für Ziele zu sorgen, zu organisieren, zu entscheiden, zu kontrollieren, Menschen zu entwickeln und zu fördern. Demnach versteht Malik Management als professionalisierte Wirksamkeit bzw. als Beruf des Resultate-Erzielens. Wer auf Resultate wert legt, darf sich dabei nicht Fiktionen der egalitären Gemeinschaftsunternehmung hingeben, sondern muß auch den hierarchischen Aspekt akzeptieren, der schon aus dem Wort Führung herausklingt:
Ein funktionierendes Team ist entgegen einer weitverbreiteten Auffassung nicht eine Gruppe von Gleichberechtigten und Gleichgestellten, selbst wenn – formal – die Rechtsordnung das vorsieht. Teams haben nichts mit Demokratie zu tun, sondern mit Wirksamkeit. Man ist Mitglied eines Teams, weil man dort einen bestimmten Beitrag zu leisten hat. Daher haben funktionierende Teams eine innere Struktur, und sie haben auch eine Leitung. (S. 206)
Shareholder Value
Die Diskrepanz zwischen den Interessen des Unternehmens und dem Management, worunter Malik gemäß seiner eben erwähnten Sprachregelung auch die Eigentümer-Unternehmer versteht, tritt besonders deutlich beim Shareholder Value-Zugang zutage:
Zu den unvermeidlichen und gefährlichen Folgen der Shareholder-Orientierung gehört unter anderem die Versuchung, ja der Zwang, für Manager, alles zu tun, um das Unternehmen profitabel erscheinen zu lassen, gerade dann, wenn es das gar nicht ist. Es gehört dazu, das Publikum mit Erwartungen zu verwöhnen; Pro-Forma-Gewinne auszuweisen, wenn es keine echten mehr gibt; die Bilanzen zu schönen, wo immer es geht, und schließlich zu fälschen; und sämtliche Reserven an die Börse auszuschütten oder für die Kurspflege (nicht zuletzt im Sinne der Stock-Options-Programme für die Manager) einzusetzen, um die selbstgenährten Erwartungen nicht zu enttäuschen. Daß dies geschehen konnte, ist zwangsläufige Folge der Shareholder-Value-Theorie, und gehört nicht, wie viele meinen, in die Kategorie der gelegentlichen Pannen und selteneren Fälle des Versagens einzelner Personen. Es ist systemimmanent. Die nunmehr als Lösung beschworenen hehren Anforderungen an Moral und Ethik sind denn auch kein Ausweg aus der Malaise. Wir haben es mit einem veritablen Systemarchitekturfehler zu tun und nicht nur mit moralisch-ethischen Einzelfallentgleisungen. (S. 130)
Wie so oft in der Moderne ging das rechte Maß verloren, sodaß sich zunächst eine Übertreibung durchsetzt, nur um kurz darauf durch die entgegengesetzte abgelöst zu werden. So spitzte sich die Debatte zwischen einseitigem Effizienzstreben ohne Effektivität und ebenso einseitigem Moralisieren und Politisieren zu. Malik erkennt die Absurdität des Wirtschaftsethik-Booms, der nun antritt, die Effizienz überhaupt zu verteufeln und die Effektivität der Politik von Interessengruppen zu opfern:
Die hehren Absichten der Corporate-Governance-Diskussion will ich nicht bezweifeln. Einmal mehr hat sich aber gezeigt, daß gute Absichten meistens der gepflasterte Weg zur Hölle sind. Die seit über zehn Jahren mit zum Teil mittelalterlichem Dogmatismus geführte Auseinandersetzung hat zum Gegenteil dessen geführt, was beabsichtigt war: zu den größten Betrugsskandalen an den Aktionären, zur größten Kapitalvernichtung, zu den schlechtest geführten Unternehmungen und von den Ergebnissen völlig unabhängigen größten Managerbereicherungen, zu den historisch raffiniertesten Bilanzfälschungen und zur schlimmsten Sorte von Wirtschaftskriminalität. Als Reaktion darauf sind im Zeitalter und unter dem Etikett der Deregulierung die monströsesten Regulierungswerke der Geschichte entstanden, wie der Sarbanes-Oxley Act. Shareholder Value und Wertsteigerung haben zu einer der größten Fehlentwicklungen der Wirtschaft geführt, zur Fehlallokation von Ressourcen, zu Innovations- und Investitionsfeindlichkeit und zur systematischen Irreführung der Unternehmensführung. Niemand wollte das; dennoch ist es Realität. Es ist ein Beweis dafür, daß komplexe Systeme nicht mit einfachen Mitteln zu beherrschen sind. Reformvorschläge, die seit ein paar Jahren unter zögerlich wachsender Einsicht diskutiert werden, Stakeholder Approach und Corporate Social Responsibility, treiben den Teufel mit dem Beelzebub aus. (S. 126)
Paradox ist hierbei, daß schon der Shareholder-Zugang eine einseitige Gegenreaktion auf genau das war, was nun als Gegenmodell gepriesen wird: der groteske Stakeholder-Ansatz, den ich schon an früherer Stelle ausführlicher kritisierte (siehe Scholien 02/09, S. 46ff). Malik erläutert diese Ironie der Geschichte:
Der Stakeholder Approach war historisch der Vorläufer des Shareholder-Ansatzes. Er wurde 1952 bei General Electric vom damaligen CEO, Ralph Cordiner, als Antwort auf die Frage gegeben: Wem ist das Topmanagement einer Publikumsgesellschaft verantwortlich? So wichtig und richtig die Frage war, so falsch war die Antwort, die Cordiner gegeben hat. Der Stakeholder Approach ist gescheitert und aus seinem Scheitern ist der vermeintlich bessere Shareholder-Ansatz überhaupt erst entstanden. Sein Erfinder, Alfred Rappaport, glaubte, damit einem „faulen Management Beine machen“ zu können. Niedrige Renditen sollten nicht mehr damit entschuldigt werden können, daß man die Interessen aller Stakeholder zu berücksichtigen habe und nicht nur jene einer einzigen Gruppe, eben der Aktionäre. Rappaport und andere erkannten richtig und klar, daß ein Management, das allen Interessengruppen verantwortlich zu sein hat oder vorgibt, es daher allen recht machen muß oder will, in Wahrheit keine Verantwortung mehr hat. Man konnte sich immer hinausreden, dieses oder jenes Interesse berücksichtigen zu müssen, gerade wie es einem paßte. Einmal mußten die Interessen der Mitarbeiter und der Gewerkschaften befriedigt werden, dann jene von Lieferanten, jene der kunstbeflissenen Öffentlichkeit, der Wissenschaft, der Politik usw. Schlechte Unternehmensleistung fand immer eine gute Begründung. (S. 133f)
Unternehmerische Unternehmen
Das Problem besteht darin, daß Interessengruppen aus dem Umfeld des Unternehmens nicht notwendig auch Interessen am Unternehmen selbst haben. Selbst die für das Unternehmen wichtigste Interessengruppe, die Kunden, haben nur ein Interesse am jeweiligen Produkt; das konkrete Unternehmen und dessen Bestand sind in der Regel völlig irrelevant und allenfalls zweitrangig. Eine ähnlich verengte Interessenlage findet sich auch bei Anteilseignern, für die der Verkauf der Unternehmensanteile eine ständige Option ist. Daraus schließt Malik: „If you can’t sell, you have to care …!“ So unterscheidet er Investor-gesteuerte Unternehmen von unternehmerischen Unternehmen:
Der Investor operiert auf Zeit; er ist an seinen Papieren interessiert, so lange sie rentieren. Unternehmerische Tätigkeit ist aber vom Prinzip her auf Dauer angelegt. Der Investor-Aktionär gibt bei Schwierigkeiten auf – he sells -, und wenn er klug ist, dann legt er seine Investments nachgerade so an, daß er sich möglichst schnell wieder von ihnen trennen kann, z.B. dadurch, daß er sich nur in liquiden Märkten engagiert, wo er auch große Volumen verkaufen kann, ohne seinen Preis zu schädigen. Der Unternehmer-Aktionär reagiert bei Schwierigkeiten aber anders: er kämpft – he cares… Aus welchen Gründen er das tut, ist zweitrangig; wichtig ist, daß er es tut. Der eine kämpft, weil er gar nicht verkaufen kann. Für den anderen ist sein Unternehmen mehr und etwas anderes als nur eine Moneymachine – es ist sein Lebenswerk und oft das von Generationen. Ein dritter kämpft vielleicht, weil er nie mehr in die Abhängigkeit eines Arbeitsverhältnisses geraten will. Wie auch immer – er kämpft. Der Investor ist an einer Ressource interessiert – an Geld, und diese maximiert er. Die unternehmerische Aufgabe ist aber auf mehrere Ressourcen gerichtet, sie ist so definiert – nämlich als die Kombination von Ressourcen -, und diese muß balanciert werden, möglichst kreativ, möglichst neu, möglichst produktiv. (S. 141)
Der Gegensatz dazu, die Eigentümer-geführten Unternehmen, sieht Malik nicht nur im mittelständischen Bereich beheimatet. Allerdings ist fraglich, ob er hier nun wirklich das universale Erfolgsrezept gefunden hat; mal sehen, wo die im Folgenden erwähnten Unternehmen in 5-10 Jahren stehen:
Der Begriff Mittelstand ist ungenau und irreführend. Es geht nicht um kleine und mittlere Unternehmen, sondern generell um die unternehmerisch geführten Unternehmen, worunter sich alle Größenordnungen finden. In diesem Segment finden wir die vorbildlich geführten Firmen, die, häufiger als die Öffentlichkeit und „Experten“ das wissen, auf ihren Gebieten Weltmarktführer sind. Stellvertretend für viele aus dem deutschsprachigen Raum seien hier nur vier genannt: Hilti in Liechtenstein, Swarowski und Rauch in Österreich, Logitech und Schindler in der Schweiz und Boehringer Ingelheim, Stihl, Würth, Miele und Otto in Deutschland. (S. 132)
Logitech hat mich selbst einmal positiv überrascht, aber da waren sie noch etwas kleiner als heute. Als ich ihnen als damals 13-Jähriger meinen Ärger über einen kaputten Joystick mitteilte und eine Konstruktionsverbesserung vorschlug, war die Reaktion jedenfalls in überraschend kurzer Zeit überaus freundlich und großzügig. Lag das daran, daß Logitech nach Malik „unternehmerischer“ ist, oder bloß an dessen relativer Kleinheit? Ist es möglich, auch in einem großen Unternehmen die exponentiell wachsende Zahl an Rückmeldungen aufzunehmen und zu bearbeiten und die Aufmerksamkeit für die Details nicht zu verlieren? An den Details liegt es nämlich oft.
Hier unterscheide sich eben gutes Management von schlechtem Management. Malik verspricht sich viel von der Kybernetik. Darunter versteht man die Steuerungswissenschaft (nach griechisch Kybernetes – Steuermann). Daraus leitet er über zu einem überraschenden politischen Diskurs:
Das Grundmuster der Strategie kybernetischen Managements lautet somit: Organisiere das Unternehmen so, daß es sich so weit wie möglich selbst organisieren und selbst regulieren kann. Damit lösen sich oft behauptete, aber nur scheinbare Widersprüche und Irrtümer rasch und leicht auf. Selbstverständlich ist eine vernünftige Anwendung der Kybernetik im Management nie – wie manche behaupteten – so zu verstehen gewesen, daß das Management gewissermaßen abdankt und das Unternehmen sich selbst überläßt. Dasselbe gilt für die Politik und die Wirtschaft. „Laisser faire“ war für kundige Leute weder jemals eine Lösung für die Führung von Unternehmen, noch für die Marktwirtschaft, noch etwa für die Gesellschaft. Niemand hat das deutlicher gemacht, als der meines Erachtens beste, schärfste und präziseste Denker, den der Liberalismus hervorgebracht hat, Friedrich A. von Hayek. (S. 39)
Marktkritik
Malik fiel mir vor vielen Jahren schon etwas ungut dabei auf, sich in den Chor gegen den Strohmann des „Neoliberalismus“ zu fügen. Ich hielt das damals für bloße Aufmerksamkeitsbewirtschaftung, denn ein antineoliberaler Managementexperte aus der Steueroase bricht Erwartungen und hat dadurch höheren Nachrichtenwert als ohne „anti“. Seiner Kritik am Shareholder Value kann ich im Kern zustimmen, da er auch die Würdigung dieses Ansatzes zumindest in seinen Büchern nicht ganz ausläßt. Seine Skepsis gegenüber dem Laisser faire kann ich nachvollziehen, doch wenn Kybernetik außerhalb des Unternehmens auf Wirtschaft und Gesellschaft umgelegt werden soll, muß ich an Stafford Beer und Salvador Allendes Kommandowirtschaft denken. Mit etwas Wohlwollen kann man aber aus Maliks Zugang folgendes herauslesen: Die Politik solle sich darauf beschränken, die Hürden zu beseitigen, die der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Selbstorganisation im Weg stehen. Und dann wären wir, welch Ironie, direkt beim ursprünglichen Neoliberalismus, der von seinen Urhebern als ein solch moderates Programm gegen das reine Laisser faire angesehen wurde. Malik hätte damit einen ähnlich merkwürdigen Kreis durchlaufen, wie jenen, den er angesichts des Wankens zwischen Shareholders und Stakeholders beschrieb. Actio aequat reactio, lehrte Newton.
Maliks Marktkritik erscheint differenziert und vernünftig, doch macht er es sich etwas zu leicht. Ich stimme dem Röpkeschen Ansatz zwar gerne zu, daß sich das Wesentliche jenseits von Angebot und Nachfrage finde. Dennoch verdirbt mir jene Marktkritik die Laune, die nicht zunächst die Verzerrung des Marktes diskutiert. Malik schließt etwa:
Der Markt mag eine ausreichende Kontroll- und Korrekturinstanz gewesen sein noch zu Zeiten, in denen ein Firmenzusammenbruch kaum spürbare Folgen hatte, weil die Unternehmen klein und ihr Wirkungsradius eng begrenzt war und daher Kettenreaktionen selten und limitiert waren. Heute ist das anders. (S. 145)
Die wirklich dramatischen Kettenreaktionen sind heute politischer Natur. Natürlich stimmt es, daß bei vernetzten Märkten eine schlechte Nachricht schneller um die Welt der Aktienmärkte läuft als die Zeitungen darüber berichten können. In der Tat war in der guten alten Zeit die Vernetzung wesentlich geringer, sodaß die schlechten Nachrichten eben langsamer umliefen, und im einen Dorf die Welt noch heil war, während im anderen schon die Mongolen wüteten. Der Schluß ist aber völlig absurd, der Vernetzung die schlechten Nachrichten in die Schuhe zu schieben – gewissermaßen in der Verknüpfung zweier englischer Sprichwörter: shoot the messenger und ignorance is bliss. Daß der Markt weniger gut funktioniere (also zusätzliche Korrekturinstanzen benötige), weil er so gut funktioniere (wäre der Vernetzungsgrad geringer, würde die Meute der staatsbediensteten Volkswirte im Chor „Marktversagen“ rufen) – diese Logik kann ich schwer nachvollziehen. Das klingt für mich eher nach dem Bewerbungsschreiben eines Kybernetikers für höhere Aufgaben im Staatsdienst. Doch ich will Malik nicht Unrecht tun, lassen wir ihn ausreden:
Was häufig übersehen wird: Der Markt – so wichtig er ist – genügt nicht, um wirtschaftliche Leistung herbeizuführen, und schon gar nicht schafft er gesellschaftliche Leistung. Diese Aussage ist keine Konzession an marktfeindliche Auffassungen – im Gegenteil. Es gibt Leute, die mit dem Markt und marktwirtschaftlichen Lösungen unzufrieden sind, weil ihnen gewisse Ergebnisse marktwirtschaftlicher Prozesse nicht passen, etwa die Einkommensverteilung oder der Leistungsdruck. Das ist nicht mein Argument. Es gibt andere Gründe für die Unzufriedenheit mit dem Markt: Er ist erstens zu langsam; er hat zweitens keine voraus- sondern nur eine nachlaufende Wirkung; und er hat drittens im Kern keine herbeiführende, sondern nur eine bestrafende Wirkung. Der Markt sagt nicht, wo und wie Ressourcen eingesetzt werden sollen, sondern nur, wo und wie man sie einzusetzen gehabt hätte. Wenn dieses Signal vom Markt kommt, ist es insbesondere für große Unternehmen zu spät. Auch das schnellste Unternehmen hat seine „Totzeit“, wie man die Zeitverzögerung zwischen Auftreten eines Signals und Wirkung des Signals in einem System in der Kybernetik und Regelungstechnik nennt. Große Unternehmen sind naturgemäß langsam und sie haben lange Vorlaufzeiten für Investitionen und Innovation. Sind gewisse Entscheidungen einmal getroffen, z.B. die Entwicklung eines Großraumflugzeugs, kann über Jahrzehnte nichts mehr korrigiert werden. Marktsignale hin oder her. Der Markt als solcher bewirkt nichts Positives, und er vermeidet keine Fehler. Er bestraft sie nur - aber erst, wenn sie schon passiert sind und daher eben zu spät. Das sollte gerade von Befürwortern marktwirtschaftlicher Problemlösungen klar gesehen werden. Wenn, wie es regelmäßig zu beobachten ist, Ökonomen und Finanzleute mit der Selbstgefälligkeit unfehlbarer Experten in Diskussionen meinen, Fehlentwicklungen würden dann schon vom Markt korrigiert werden, haben sie offensichtlich wenig Ahnung von den Entscheidungsprozessen in Unternehmen. Das ist umso gewichtiger, als wir heute einen ganz anderen Kenntnisstand für strategische Entscheidungen und dafür nötige Informationsmittel zur Verfügung haben als die Signalwirkung von Marktpreisen. Sich daran zu orientieren ist so, als würde sich die Schiffahrt in Zeiten der Satellitennavigation noch immer am Polarstern ausrichten. Diese Marktschwäche kann ausschließlich von einer effektiven Unternehmensaufsicht, vom Aufsichtsrat, kompensiert werden. Gewissermaßen als Zwillingsbruder des Marktes hat er die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß die Arbeit der Unternehmensführung ganz und richtig getan wird, daß Fehler vermieden und nicht nur bestraft werden. Das ist nicht nur möglich, sondern es ist nötig, wenn man Wertevernichtung in der Wirtschaft und eine neue Wirtschaftsfeindlichkeit vermeiden will. (S. 145)
In der Schlußfolgerung bin ich ganz bei ihm. Wenn „der Markt“ – meist eine unzulässige Anthropomorphisierung (so nennt man die Projektion menschlicher Eigenschaften auf Nichtmenschliches) – alle Bedürfnisse der Menschen automatisch und zur rechten Zeit befriedigen würde, bräuchte es keine Unternehmer. Menschen agieren eben nicht „durch den Markt“, als bloße Automaten ökonomischer Gesetze, sondern agieren am Markt, woraus sich die wenigen, wirklich gültigen und relevanten ökonomischen Gesetze ableiten lassen. Ich muß gestehen, daß ich sogar Maliks Marktskepsis von Grund auf teile, doch interpretiere ich dies anders. Meine Marktskepsis ist Menschenskepsis, bloß in eingeschränkterer Form, weil ich glaube, daß das gewaltfreie Wirtschaften Menschen zusammenbringt und dazu führt, daß sie sich dienen, anstatt sich zu schaden. Roland Baader brachte es in aller Kürze auf den Punkt: „Wirtschaft verbindet, Politik trennt.“ (Baader 2005, S. 125) In eine ähnliche Richtung geht der berühmte Satz des Rechtsgelehrten Franz Böhm, den Baader jedem friedliebenden Menschen zur Einprägung empfiehlt: „Der Wettbewerb ist das genialste Entmachtungsinstrument der Weltgeschichte.“
Roland Baader
Roland Baader mag durch seine populären Schriften manchen als ideologischer Marktapologet erscheinen. Leider kann, wer populär schreibt, das heißt für ein großes und dadurch durchschnittlicheres Publikum, nur wenig differenzieren. Oft muß man sich damit begnügen, ein paar Steinchen in die Waagschale zu werfen. Und die Waage hat aufgrund des Kontroll- und Steuerwahns der Gegenwart doch eher eine marktfeindliche Schlagseite. So hat sich Baader das große Verdienst erworben, unermüdlich gegen den ökonomischen Analphabetismus seiner Zeit angeschrieben zu haben. Dabei erwies er sich oft als Prophet. Sein populärer Stil hatte den Vorteil, eine Reichweite zu erlangen, an die sonst kaum ein Autor, der Ökonomie im Sinne der Österreichischen Schule vermittelte, herankam. Dennoch war auch seine Reichweite begrenzt, mit seinen Büchern verdiente er kaum Geld. Das einzige Mal, daß er mit einer Veröffentlichung wirklich Geld verdiente, so erzählte er mir, war mit einer dünnen Schrift, die er in geringer Auflage als Anlagereport vertrieb. Freilich unterschied sich der Inhalt kaum von dem seiner Bücher, ein geheimes Geheimwissen gab es auch darin nicht. Doch alles, was nach Spekulantenrezept klingt, findet eher Anklang. Darum sah auch „der Markt“, im Gegensatz zu Roland Baader, und jenen seiner Leser, die ihn verstanden und nicht wegen praktischer Unbrauchbarkeit weglegten, „die Krise“ nicht voraus. Einmal nur schaffte es Baader in der Wahrnehmung bis in die Wohnzimmer der Durchschnittsbürger, als der Fußballer Oliver Kahn in einer Fernsehsendung verblüffend souverän auf die Frage reagierte, wie er mit der Wirtschaftskrise umgehe. Kahn meinte, er wäre schon längst vorbereitet gewesen und hätte zeitgerecht seine Aktien abgestoßen, denn dies wäre ja alles schon bei Roland Baader nachzulesen. Wollen wir hoffen, daß sich Baader – sein Ausblick verdüsterte sich zunehmend – nicht in Zukunft noch mehr als Prophet erweisen wird:
Was mit Nationen geschehen kann, in denen die Politik gegen elementare Gesetze der Ökonomie verstößt, ließ sich an den asiatischen Tigerstaaten – und, aktueller, an Argentinien beobachten, wo mit dem ökonomischen Wahnwitz von Währungsbindungen an den Dollar der in Jahrzehnten errichtete Reichtum innerhalb kurzer Zeit vernichtet und der staatstragende Mittelstand ausgelöscht wurde. Doch sogar das konnte die politische Kaste hierzulande nicht von dem aberwitzigen Vorhaben einer europäischen Währungsunion abhalten, deren Konsequenzen eines nicht allzu fernen Tages alles in den Schatten stellen werden, was die politischen Eliten bislang an finanziellen Desastern und gesellschaftlichen und menschlichen Tragödien angerichtet haben. (Baader 2002a, S. 143)
Baader sah zunehmend schwarz, oder genauer gesagt rot für Deutschland. Aus seiner Sicht hatte das Wirtschaftswunderland verspielt, denn die Kausalität des Wohlstandswachstums wurde übersehen, mißverstanden oder bewußt verdunkelt. Der wesentliche Akteur hinter dem Wirtschaftswunder, wesentlicher noch als Ludwig Erhard, war für ihn der wenig beachtete Fritz Schäffer, Finanzminister von 1949 bis 1957. Darum kreidete Baader so engagiert den „Steuersozialismus“ an. In Deutschland ließ sich quasi ein Wirtschaftswunder rückwärts beobachten. Der Gesundheitszustand Baaders verschlechterte sich parallel mit dem der deutschen Wirtschaft.
Das Wirtschaftswunder war eine Befreiung aus einem von außen aufgezwungenen Steuersozialismus, der moderne Steuersozialismus hingegen war selbstgewählt – zumindest durch die politische Elite des Inlands. Die Steuerlast vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte nur 7,5 Prozent des BIP betragen, selbst die Nazis erhöhten nie über 28 Prozent. Erst die Alliierten hoben die Steuersätze auf 58 Prozent, in den höheren Steuerklassen sogar teilweise auf über 100 Prozent an – vollständige Enteignung. Mit dieser Steuerüberlastung wollten die Alliierten bewußt die Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft verhindern. Schäffer schaffte den Befreiungsschlag, indem er den Begriff der abschreibungsfähigen Sonderausgaben so weit ausdehnte, daß sich, so Baader, „den Unternehmen ein gewaltiger Selbstfinanzierungsspielraum eröffnete.“ (Baader 2005, S. 24) Seitdem ging es wieder retour. Das aktuelle Deutschland war für Baader ein de facto sozialistischer Staat, wobei er dieses politische Etikett – ideengeschichtlich vereinfacht – als Synonym für die Kontrolle von Wirtschaft und Gesellschaft durch einen gewaltbasierten Zentralstaat betrachtete:
Wenn man – ein wenig überspitzt – alle Lebensentscheidungen, die der privaten Autonomie entzogen und in öffentliche Entscheidungshoheit überführt wurden, als sozialistisch bezeichnet, so kann man für Deutschland (als pars pro toto) zu Beginn des 21. Jahrhunderts folgende Bilanz ziehen: Wir haben ein nahezu vollsozialistisches Bildungs-, Gesundheits- und Rentenwesen, einen halbsozialistischen Arbeitsmarkt und viertelsozialistische Agrar-, Energie- und Wohnungsmärkte. Sogar der Bankensektor ist zur Hälfte in öffentlich-rechtlicher Hand, also halbsozialisiert. Und nicht zu vergessen: Wir haben – wie alle anderen Länder der Neuzeit – staatliches Papiergeld, also sozialistisches Geld \[…\]. (Baader 2002b, S. 55f)
Diese Form des Sozialismus sei eben nicht durch plötzliche, und dadurch augenfällige Revolutionen gekommen, sondern genauso wie von Marx beschrieben, durch eine schleichende Pervertierung der Marktwirtschaft:
Es ist eigenartig, daß auch viele kluge Köpfe bis heute den tieferen Sinn und den raffinierten Charakter der revolutionären Strategie von Marx, Engels und Lenin nicht verstanden haben. Ihr Königsweg zur Vernichtung des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft war nicht der direkte Angriff auf seine Werte und Bastionen, sondern der Umweg über die Aufblähung eines vordergründig erfolgreichen Rohrkrepierer-Kapitalismus, der an seinen eigenen Erfolgen implodiert. Marx und Engels haben sich über die Erfolge des Kapitalismus kindisch gefreut – ganz besonders über seine von der Politik eingebrachten ordnungs-, geld- und fiskalpolitischen Perversionen, die sie zu Recht als Todeskeime erkannt hatten. Es klingt wie eine Handlungsanleitung zur (heute betriebenen) Verkrüppelung und Blasen-Pathologisierung der Marktwirtschaft, wenn Friedrich Engels in seiner Schrift „Die Bewegung von 1848“ schreibt: „Wir haben nichts dagegen, wenn \[die Bourgeoisie\] überall ihre Absichten durchsetzt… Ihr \[Bourgeois und Kapitalisten\] müßt den Patriarchalismus vernichten, ihr müßt zentralisieren, ihr müßt alle mehr oder weniger besitzlosen Klassen in wirkliche Proletarier, in Rekruten für uns verwandeln… Zum Lohn dafür sollt ihr eine kurze Zeit herrschen… aber vergeßt nicht: Der Henker steht vor der Türe.“ (Baader 2004, S. 233f)
Insbesondere der Wohlfahrtsstaat diene dabei als Vorwand der laufenden Ressourcenkonzentration beim Zwangsapparat, ohne tatsächlich seiner angeblichen sozialen Funktion zu entsprechen:
Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, daß die gigantische Umverteilungsmasse der Sozial- und Wohlfahrtsstaaten sich zu mehr als 90 Prozent auf ein machtpolitisch motiviertes Hin- und Hergeschiebe innerhalb der nicht bedürftigen Mittelschichten konzentriert. Umverteilung also als politische Waffe der Partei- und Funktionärseliten in einer Rentiergesellschaft, die Anthony de Jasay treffend als „Churning Society“, als „Butterfaßgesellschaft“ bezeichnet hat, und eben nicht als moralische Veranstaltung im Dienste wahrer Karitas und wahrhaftiger Moral. (Baader 1995, S. 263)
Besonders ärgerte den überzeugten Christen der Rückgriff auf christliche Rhetorik, um dieses zutiefst unchristliche und unmoralische Machwerk zu legitimieren. In der Bibel, so bemerkte er, sei nur an einer einzigen Stelle vom Teilen die Rede, und da gehe es um das Aufteilen einer Erbschaft unter den rechtmäßigen Erben. Ansonsten sei nur vom Geben die Rede, und dieses sei stets freiwillig. Baader war zuversichtlich, daß den wirklich Bedürftigen ohne Wohlfahrtsapparat weitaus effektiver und effizienter geholfen würde:
Im viktorianischen London des Jahres 1900 waren sozial- und wohlfahrtstaatliche Einrichtungen unbekannt. Trotzdem hat es keinen einzigen Einwohner der Stadt gegeben, der unbehandelt krank geblieben wäre oder der mittellos hätte hungern oder als Obdachloser leben müssen. Dutzende von sogenannten Friendly Societies kümmerten sich um jeden Gestrauchelten oder Unglücklichen; die Ausgaben für karitative Zwecke bildeten den zweitgrößten Budgetposten (nach den Lebensmitteln) der Bürgerhaushalte, und fast die Hälfte aller Londoner Ehefrauen in den bürgerlichen Familien waren aktiv und unentgeltlich in Hilfseinrichtungen tätig. Mit dem Heraufziehen der staatlichen Sicherungs- und Wohlfahrtseinrichtungen lösten sich diese Institutionen und freiwilligen Hilfsdienste sukzessive auf. Im Wohlfahrtsstaat gilt die Devise „Warum soll ich meinem Nachbarn helfen, wenn es doch das Sozialamt gibt“. (Baader 2005, S. 277)
Daß der vermeintliche Wohlfahrtsstaat ein Produzent von Armut ist, sieht man schon daran, daß diese mit Zunahme der falschen Wohltätigkeit niemals abzunehmen, sondern zuzunehmen scheint. Die wenigsten Menschen ahnen, wo die wahre Armut zuhause ist, die unfreiwillige, unverdiente, auferlegte. Mein Mitstreiter Martin Hlustik, ohne dessen unternehmerisches und handwerkliches Geschick die große logistische Aufgabe unserer Übersiedlung unmöglich gewesen wäre, macht mich darauf aufmerksam, daß 66 Prozent der Wiener Unternehmer den Mindestbeitrag zur „Sozialversicherung“ zahlen, d.h. ein offizielles verfügbares Einkommen von 880 Euro haben. Abzüglich der 220 Euro Zwangsversicherung bleiben den Unternehmern damit 660 Euro pro Monat, knapp an der Armutsgrenze. Die erwähnte Zahlung hat freilich kaum etwas mit einer Versicherung zu tun, denn es handelt sich um keinen Topf, aus dem Kapital aufgebaut wird, um für die Zukunft vorzusorgen. Ganz im Gegenteil wird auf Kosten der Zukunft Kapital abgetragen, um es als konsumierbare Transfers umzuverteilen. Friedrich A. von Hayek sprach daher zurecht vom Wieselwort „sozial“, das den Inhalt des nachfolgenden Wortes aussaugt und nur dessen leere Hülle zurückläßt, wie das Wiesel die Eischale. Diese Ausbeutung der Kleinunternehmer zerstört nach und nach einen der größten sozialen Vermögenswerte Europas, das Handwerk, und setzt die verheerende Proletarisierung infolge der Weltkriege fort.
Roland Baader, der Zeit seines Lebens die falschen, ausbeuterischen Pseudo-Wohltaten kritisierte, erwies sich letztlich als echter Wohltäter. Seine beeindruckende Bibliothek wurde unserem Institut anvertraut. Die Überfuhr von Waghäusel nach Wien verlief reibungslos, insbesondere dank Baaders engagiertem Sohn Daniel, der den seltenen Glücksfall darstellt, daß ein Sohn das Anliegen seines Vaters vollinhaltlich teilt und sich diesem mit viel Einsatz widmet.
Büchergewinn und -verlust
Zufällig wurde uns kurz zuvor eine andere, etwas kleinere Bibliothek vermacht: diejenige von Rainer Ernst Schütz – eine ebenso außergewöhnliche Persönlichkeit. Beide Bibliotheken ergänzen sich hervorragend und fügen sich wunderbar in unseren Bestand. Rainer betrieb einen der letzten Salons in Wien und war selbst ein Relikt des alten Wiens, dessen unglaubliche Geisteskultur leider nahezu vollständig untergegangen ist. Daß der verbliebene Rest noch immer weltweit einmalig ist, zeigt nur den ungeheuren kulturellen Reichtum des alten Europas und wieviel auch überall anders verloren ging. Rainer war ein Liberaler im besten Sinne, nämlich der Geisteshaltung nach; er war zum Glück gänzlich frei von der unduldsamen ideologischen Hybris der meisten modernen „Liberalen“.
Eine Bibliothek ist zwar eine Verbindlichkeit, in diesem Fall insbesondere dadurch, daß damit ein treuhänderischer Gedanke verbunden ist. Sie hat aber größere Bedeutung als bloß ein Lager von Anheizmaterial für harte Zeiten zu sein. Unser digitales Zeitalter verliert leider zunehmend die Achtung für den Menschen als haptisches und physisches Wesen. Die Welt zu ertasten ist unsere intuitivste Form der Erkenntnis; ein Erkennen ohne Spüren hat stets indirekten Charakter. Ich vermute, daß wir die Bedeutung einer strukturierten Wahrnehmung stark unterschätzen. Die Assoziation von Wissen mit geordneten, ausgewählten Büchern halte ich für eine wichtige Stütze. Bücher als bloße Dateien prägen sich weniger ein, ihre innere Struktur nehmen wir weniger deutlich wahr, sie werden selbst austauchbarer.
Jeffrey Tucker, einst Onlineredakteur des Ludwig von Mises Institute und nun Verlagsleiter von Laissez Faire Books, sieht das ganz anders. Er erzählt mir, er habe den shift, den Übergang, vom physischen zum elektronischen Buch vollständig vollzogen und bedauere den Abschied vom physischen Buch nicht im geringsten. Eine etwas seltsame Einstellung für den Leiter eines Verlages, der bislang für Druckwerke bekannt war. Doch betriebswirtschaftlich scheint Jeffrey vollkommen recht zu behalten: Laissez Faire Books, ein Anbieter liberaler Bücher, machte vor der Übernahme durch Jeffrey monatlich 5.000 US\$ Verlust, nun schreibt es ebensoviel Gewinn. Ich kann mich gut erinnern, als ich Laissez Faire Books vor gut zehn Jahren besuchte: In einem Lagerraum verpackten und versandten ca. fünf Mitarbeiter Bücher. Das Flair der kleinen Fachbuchhandlung, mit der das Unternehmen begann, war schon längst verloren gegangen. Die Größe der USA im Vergleich zur damaligen Kleinheit des Zielpublikums verunmöglichte den alleinigen Ladenhandel. Doch beim Versandbuchhandel werden die Margen durch Versandkosten und den damit verbundenen Aufwand allzu stark geschmälert, insbesondere seit Amazon den Markt aufgrund der Größe dominiert und die allermeisten Bücher liefern kann, stets ohne Zusatzkosten für den Kunden. Jeffreys bestechend einfache Idee bestand darin, Laissez Faire Books zu einem virtuellen Netzwerk für elektronische Bücher umzuwandeln. Er bietet nun ein kostenpflichtiges Abonnement an, das ein eBuch pro Monat beschert. Einzelne Bücher läßt er noch drucken, doch nur aus courtesy, wie er sagt, als Höflichkeitsgeste gegenüber dem Autor in minimaler Auflage – ähnlich einer Sonderedition bei einem Musikalbum.
Ich bin aus mehrfacher Hinsicht skeptisch gegenüber dem Bestand dieses Geschäftsmodells. Daß „Gratis eBücher“ noch vom Kunden als Wert wahrgenommen werden, ist wohl eine reine Übergangserscheinung. Genauso wie in den frühen Stunden des Internets Texte per se noch von Wert waren. Diese Zeit habe ich schon einmal beschrieben, damals waren aufgrund geringer Datenraten Speichermedien wie Disketten und später die CD-ROM die Hauptdatenüberträger. Die Verkaufsargumente der Zeit waren: 1000 kostenlose Artikel, 2000 Schriftarten, 3000 Cliparts, 4000 Anwendungen … Doch Inflation entwertet. Der Zugang zu Information ist kein knappes Gut mehr; der Zugang zu Wissen jedoch schon. Bücher werden noch höher bewertet als Websites, auch wenn letztere quantitativ mehr Inhalt bieten mögen. Aufgrund der höheren Produktionskosten werden Bücher als selektiver wahrgenommen und daher als Zugang zu Wissen im Gegensatz zur ungefilterten Information, dem Blindrauschen im Datenraum. Diese Wahrnehmung ist jedoch ein Relikt, das von der Realität längst überholt ist. Die moderne Bücherschwemme spült aus den Buchläden nach und nach jedes Wissen, bis nur noch zeitgeistige Information übrig bleibt – abgesehen von willkürlich verbleibenden Klassikern, die hauptsächlich als Tapetenersatz dienen.
Verschärft wird dieses Phänomen nun in der Übergangszeit, wenn noch keine anderen Selektionsmechanismen greifen. Das neue Medium führt zu einer Überbewertung des Inhalts, unabhängig vom Inhalt. In der Frühzeit des Buchdrucks kam es zu einer dramatischen Überbewertung des Gedruckten im Gegensatz zum mündlich Überlieferten. Bis heute hängt dieses falsche Vorurteil nach: Etwas zu glauben und nur dann zu glauben, wenn man es schwarz auf weiß sieht. Jeffrey hält sich daran, nur noch Bücher zu lesen, die er elektronisch beziehen kann. Das Angebot an englischsprachiger Literatur ist zwar schon groß, doch selbst im englischsprachigen Raum führt dies zu einer Tendenz, das Digitalisierte überzubewerten. Es gibt zwar bereits einen sehr großen Bestand an älteren Texten, die digitalisiert wurden. Doch vermute ich, daß das Medium das Neue ungebührlich favorisiert. Ältere Texte sind schwieriger, brauchen mehr Zeit; dadurch vermute ich, daß in einem Medium, das auf Bequemlichkeit und Schnelligkeit ausgerichtet ist, eine psychologische Tendenz zum Neuen, Kurzen, Peppigen auftritt. So wie auf Youtube stundenlange Dokumentarfilme genauso verfügbar sind, aber Kurzclips exponentiell überwiegen, nicht nur was das Angebot betrifft, sondern auch hinsichtlich der Aufrufe. Die durchschnittliche Länge eines Videos liegt bei 4 Minuten.
Marktgläubigkeit
Ich gebe zu, daß meine Perspektive etwas einseitig ist; ich biete sie bloß als Korrektiv an, da sie kaum artikuliert wird. Ich kann Jeffreys Zugang durchaus gut nachvollziehen. Für ihn ist die technologische Entwicklung ein reiner Segen. Diese Wohltaten sind aus seiner Sicht ohnehin durch übermütige Regulatoren gefährdet, darum stellt er sie kaum infrage. Seine Staatsskepsis führt zu Marktgläubigkeit, die ich jedoch für das schlechteste Argument zugunsten von Märkten halte. Nicht, daß sich Märkte als Begriff für das freiwillige und friedliche Miteinander der Menschen unseren Glauben nicht verdient hätten. Jene, die sich dadurch besonders hervortun, die „Marktgläubigkeit“ zu kritisieren, sind meist tiefgläubige, unduldsame, geradezu fanatische Etatisten. Ich halte Märkte für etwas Wunderbares, weil ich Nicht-Märkte verabscheue: Selbst die unangenehmsten Basarfeilscher, die einem Tand aufschwatzen wollen, sind mit ihrer lebendigen Farbigkeit, ihrem ungeschickten Andienen, ihren rührenden Tricks eine wirkliche Wohltat gegenüber dem Mob, der abseits der Märkte wütet, und dessen ekelhaften Profiteuren.
Unter Marktgläubigkeit will ich hier jedoch die überhöhte Marktteleologie verstehen, also die Überzeugung, daß Marktprozesse unfehlbar zur Durchsetzung des Wahren, Guten und Schönen führen. Als Massenskeptiker teile ich diesen Optimismus nicht, sondern halte ihn für naiv und ein besonders schlechtes Argument zugunsten von Märkten. Diese überhöhten Erwartungen führen dann zu einer Marktskepsis, die sich wiederum in Staatsgläubigkeit entladen kann. Das ist zwar die dümmstmögliche Schlußfolgerung, doch auch in Freiheit und Frieden setzt sich eben oft das Dumme und Falsche durch und nicht immer die Wahrheit.
Ich ziehe die genau entgegengesetzte Schlußfolgerung: Weil ich marktskeptisch bin, muß ich erst recht staatsskeptisch sein. Wenn freie Menschen, die die Kosten und Konsequenzen ihrer Fehler selbst zu tragen haben, schon so oft irren, wie sollen da Menschen, die diese Kosten anderen aufladen können, jemals richtig liegen? Wenn der Mensch tatsächlich so rational und anständig wäre, daß er stets eine wohlüberlegte, vernünftige Wahl unter Anbetracht ihrer Folgen für seine Mitmenschen träfe, dann wäre das moderne Konstrukt „Staat“ zumindest denkmöglich. Realistisch betrachtet handelt es sich jedoch um eine Utopie, und zwar die gefährlichste von allen.
Doch es ist gefährlich, Märkte anhand ihrer heutigen Kümmerformen zu beurteilen. Wir befinden uns in einem Teufelskreislauf, der den Bereich der freiwilligen und friedlichen Interaktion bald gänzlich abzuwürgen droht. Die Marktskepsis ereifert sich wider die unrealistische Marktgläubigkeit zu einer noch unrealistischeren Staatsgläubigkeit, die wiederum die Grundlage für Marktinterventionen darstellt. Diese Interventionen verzerren die Märkte, sodaß die Ergebnisse noch weiter weg vom Wahren, Guten und Schönen liegen. Das bestärkt wiederum die Marktskepsis, sodaß die unaufhaltsame Interventionsspirale in Gang kommt. Bei seinem Vortrag anläßlich der Konferenz der Property and Freedom Society (PFS) lieferte Jeffrey einige brillante Beispiele, auf die ich gleich näher eingehen werde.
Konferenztourismus
Die PFS-Konferenz ist eine jährliche Veranstaltung in Bodrum, zu der Hans Hermann Hoppe einlädt, der in den Scholien schon mehrfach erwähnte Schüler und Nachfolger von Murray N. Rothbard. Dabei handelt es sich um die letzte Konferenz, an der ich nicht nur beruflich als Redner, sondern auch privat teilnehme – ansonsten halte ich Konferenzen für Zeitverschwendung. Das mag nach einem harschen Urteil klingen für jemanden, der zum Teil von Konferenzen lebt. Meine Abneigung liegt hauptsächlich an einer persönlichen Schwäche: Ich kann schlecht zuhören. Das mag überraschen, gelte ich doch als guter Zuhörer und verfüge gewiß über eine ungewöhnlich hohe Konzentrationsspanne für unsere Zeiten. Im persönlichen Gespräch fällt mir das Zuhören auch nicht schwer; ganz im Gegenteil bilde ich mir einiges ein auf meine Fähigkeit, die Argumente und Anliegen von Menschen sehr schnell und präzise herauszuhören. Doch Vorträge quälen mich meist.
In aller Regel handelt es sich um Lesungen, oder bei den besseren Rednern um auswendige Wiedergaben von Artikeln. Ich bin ein schneller Leser, und mein Hirn sträubt sich unglaublich dabei, fremder Lautlesegeschwindigkeit zu folgen. Ich fühle mich dabei willkürlich abgebremst und mein Hirn fängt an, sich aus Langeweile anderwärtig zu beschäftigen. Zudem ist der Sprachduktus beim Lesen oder Wiedergeben von Auswendiggelerntem oft viel zu monoton; die wenigsten Vortragenden sind gute Schauspieler.
Einen guten Schauspieler erkennt man daran, daß seine Rollen so echt wirken, als würde er sie im Moment genauso spontan leben. Dabei handelt es sich um kleinste Details in der Sprachmelodie und Körpersprache. Darum machen Laienschauspieler in aller Regel eine so schlechte, geradezu lächerliche Figur; außer in den seltenen Fällen wo jemand in eine Rolle fällt, die er gar nicht spielen muß, weil er wirklich so ist.
Ich überrasche immer wieder negativ damit, daß es von meinen Vorträgen keine schriftlichen Fassungen gibt. Leider herrscht der Irrtum vor, daß ein Artikel und ein Vortrag dasselbe wären. Doch meine Vorträge kommen allein deshalb so gut an, weil sie authentische freie Ansprachen an das Publikum sind. Ich erzähle etwas frei heraus, eben weil ich sonst bloß Laienschauspieler im Stück eines Laiendramatikers wäre. Freilich überlege ich mir eine Struktur, habe große Routine und bin nicht gänzlich ohne schauspielerisches Talent. Doch ich bin überzeugt, daß gute Vorträge nur so entstehen können: Sich in das Thema soweit zu vertiefen, daß man stets aus der Tiefe schöpfen kann und nicht an jedem Satz hängt.
Da ich ohne Notizen spreche, geht das Publikum meist davon aus, daß ich ein Elefantengedächtnis habe. Das Gegenteil ist richtig, mein Gedächtnis ist relativ schlecht; vielleicht nicht absolut gesehen, aber dadurch, daß meine Berufung eine solche Aufnahmebereitschaft voraussetzt, wird mein Gedächtnis zu sehr durchgespült, um photographisch zu sein. Ich vergesse bei jedem Vortrag ungefähr die Hälfte der Inhalte, die ich erzählen wollte und bringe von der erinnerten Hälfte wiederum aus Zeitmangel nur die Hälfte unter. Doch das reicht vollkommen aus, der Datendurchsatz der freien Rede ist hinreichend gering, um stets aus dem Vollen schöpfen zu können, wenn man für die behandelten Themen hinreichend Leidenschaft aufweist.
Der große Vorteil der freien Rede liegt darin, daß Begeisterung begeistert: Unsere Psyche ist so eingestellt, daß wir dann automatisch alles richtig machen. Darum halte ich von Rhetorikschulungen wenig. Ich habe vor langer Zeit viele davon besucht, mich auch der Qual von Videoanalysen unterworfen. Kein Laienschauspieler sieht sich oder hört sich gerne vom Band. Es gibt dabei eine solche Fülle an Details, die man beachten müßte, daß man sich stets überfordert fühlt. Es sind eben leider die Details, die ausschlaggebend sind, ob ein Vortrag gut oder schlecht ist.
Selbst wenn ein durchschnittlicher Redner das Manuskript des besten Komödianten hätte, würde sein Vortrag kaum einen Lacher hervorlocken. Ein guter Komödiant hingegen kann noch das schlechteste, langweiligste Manuskript so vortragen, daß sich das Publikum vor Lachen biegt. Witze sind noch am ehesten „konservierbar“, sodaß schlechte Redner oft viel Mühe in die Witzauswahl stecken, um das Publikum am Anfang auf ihre Seite zu ziehen und am Ende wieder aufzuheitern, um den schlechten Vortrag vergessen zu machen. Ich wäre ein etwas besserer Redner, wenn ich darauf mehr Zeit verwenden würde. Aber mir macht das wenig Freude, da lese ich lieber in der Zeit noch ein Buch zum Thema oder denke darüber nach. Doch das Studium, Sammeln und Memorieren von Witzen ist sicherlich der beste Tip für jene, die ihre Vorträge verbessern wollen. Humor wirkt stets spontan, lockert die künstliche Anspannung der typischen Konferenzen auf und öffnet den Geist der wehrlosen Zuhörer.
Der wenigste Vortragshumor ist jedoch spontan. Guter Humor ist unglaublich harte Arbeit. Die besten Vortragenden machen oft dieselben Witze, ihre Vorträge sind oft Variationen eines einzigen hochoptimierten Vortrages, dessen Optimierung im Wesentlichen aus dem Witzarrangement besteht. Die meisten Zuhörer erwarten sich von einem guten Vortrag, gut unterhalten zu werden. Ein so brillanter Vortragender wie Viktor Frankl sammelte Zeit seines Lebens akribisch Witze, bis er ein Repertoire erlesener Erheiterungen aufgebaut hatte, die zugleich seine inhaltlichen Ansichten bekräftigten. Das ist die hohe Kunst: Die Botschaften selbst in Humor zu verpacken. Doch es bleibt Unterhaltungskunst. Humorvolle Merksätze sind vielleicht die didaktisch bestmöglichen; das will ich glauben, wenngleich mir der Widerspruch doch auffällt, daß es den meisten Menschen, mich eingeschlossen, erstaunlich schwer fällt, sich Witze zu merken. Aus anderer Hinsicht noch leidet die Didaktik, oder genauer gesagt, die Lehre an der Didaktik: Oft beginnt der Humor den Inhalt zu verdrängen. Dann sagen Vortragende lieber etwas eine Spur weniger Richtiges, wenn es dafür nur eine Spur lustiger ist. Humor beruht oft auf Zuspitzung, und Zuspitzungen sind vielleicht oft passend und manchmal sogar richtig, selten jedoch wahr.
Konferenzen verstärken solche negativen Tendenzen. Oft finden sie unter Gefängnislicht an Schulbänken statt, denn in der Zwangsschule haben wir gelernt, solche Verhältnisse mit dem Wissenserwerb zu assoziieren. Wie der größte Teil der Bildungslandschaft ist auch das Konferenzunwesen im Grunde ein cargo cult (siehe Scholien 07/09, S. 9ff). Dahinter steht zum größten Teil Geld, das letztlich aus politischen Mitteln stammt; die Träger messen sich daran, wie viele und wie große Konferenzen sie ausrichten. In den seltenen Fällen, in denen die vulgäre Quantitätsorientierung überschritten wird, mißt sich die „Qualität“ an der politischen Relevanz der Teilnehmer und Redner. Das übliche Konferenzprogramm besteht darin, daß so viele Redner wie möglich einen Vortrag nach dem anderen abspulen, ohne inneren Bezug zueinander, oft noch dazu willkürlich aufgefädelt. Dazwischen bleiben stets ein paar Minuten, um sich mit Koffein wach zu halten und das eigentlich Relevante zu tun: nämlich Networking. Ein guter Indikator dafür, wie sinnlos das jeweilige „Networking“ ist, sehe ich in der Ausgabefrequenz von Visitenkarten. Je mehr Visitenkarten man von einer Konferenz nachhause mitnimmt, desto sinnloser war sie in aller Regel; es sei denn es handelte sich um eine getarnte Messe und man war selbst Anbieter. Zugegeben, das mag etwas übertrieben sein; meine Erfahrung ist es jedenfalls. Lebende Visitenkartenspender entstammen überwiegend jener Gattung von Buffetparasiten, die bei Konferenzgalas um die Krümel wetteifern, die vom Mund der Systemprofiteure abfallen: Berater ohne Kunden, Autoren ohne Leser, Künstler ohne Aufträge, Politiker ohne Mandat.
Einzelvorträge bleiben aufgrund ihrer Kürze, abzüglich noch der Aufheiterungen und Überleitungen, meist an der Oberfläche. Wer wirkliches Interesse an einem Thema hat, sollte daher eher Seminare und Lehrgänge vorziehen, weniger Vortragende sind in diesem Fall mehr. Wirklich interessant wird es in aller Regel erst, wenn sich Vortragende Fragen stellen. Bei Konferenzen ist dies entweder nicht vorgesehen, oder erfolgt summarisch vor großem Publikum. Je größer das Publikum, desto schlechter die Fragen. Das hat wohl etwas mit Psychologie zu tun: Vor Publikum setzt sich der Geltungsdrang eher durch, es werden Koreferate gehalten, oder rhetorische Fragen, die die Belesenheit des Fragestellers demonstrieren sollen. Am schlimmsten sind Publikumsfragen in Kulturen, die vorwiegend indirekt kommunizieren – etwa in Wien und im Iran – besser in direkten, unhöflichen Kulturen wie den USA. Die wenigsten Vortragenden sind zudem in der Lage, im Kontext einer Konferenz, Fragestellungen nachzuvollziehen und wirklich zu beantworten. Das liegt daran, daß sie sich im Minutentakt auf fremde Menschen mit den unterschiedlichsten, fremden Akzenten und Sprachrhythmen einstellen müssen.
Ich vermute, daß alles, das in Richtung einfach konsumierbarer Inhaltsfetzen geht, der Qualität abträglich ist. Über die TED talks habe ich schon einmal geschrieben (siehe Scholien 06/10, S. 143ff). Gute Qualität definiere ich freilich etwas anders als die meisten. Es geht dabei niemals nur um die ästhetische Anmutung, es sei denn es handle sich um Kunstdarbietungen. Qualis – wie beschaffen ist das Gute? Ein Hammer ist gut, wenn man damit gut Nägel einschlagen kann. So denken die alten Griechen; sie fragen nach Natur und Zweck einer Sache, auch des Menschen selbst. Was ist ein guter Vortrag? Eine gute Konferenz? Die alte Kunst der Rhetorik war weniger Rede- und schon gar nicht Präsentationstechnik, sondern die Kunst des guten Argumentes. Es handelt sich um das Anwendungsfach für Logik und Grammatik, die zwei anderen Disziplinen des Triviums.
Der gute Vortrag ist philosophisch, er ist eine Liebesbezeugung zur Erkenntnis. Steht er nicht für sich, als Werkstück und Kostprobe einer Gelehrtenwerkstatt, so steht er bestenfalls im Kontext des Diskurses, ist Plädoyer oder Widerrede. Leider hat unsere Kultur das freundschaftliche Streitgespräch verlernt. Die Fernsehformate erinnern noch an die alte Universitätskultur, paradoxerweise mehr als die Konferenzen unserer Tage, die noch nicht einmal unterhaltsam sind, doch die Politisierung hat die Gesprächsgrundlage zerstört. Manchmal hat man den Eindruck, alle haben denselben Unsinn zur Prämisse und reden doch aneinander vorbei. Guten Diskurs gibt es heute paradoxerweise eher in ideologischen Kontexten, je radikaler desto besser. Im Mainstream reagiert die Feigheit und das fachidiotische Expertentum.
Darum muß man bisweilen nach Bodrum fahren, wo die Pausen länger, die Atmosphäre weniger alltäglich, die Gedanken radikaler sind, um nach Frischluft zu schnappen. Ich habe schon einmal bemerkt, daß paradoxerweise nach dem Wahnsinn der Ideologien, die Ideologie selbst zum Heilmittel werden kann, weil sie geistige Kräfte belebt und fokussiert, durch Teilabdunklung heller sehen läßt, die Leidenschaften weckt und ein unglaublicher Antrieb zur Forschung, zum Argument und zum Diskurs ist. Um wieviel erfolgreicher, kraftvoller, größer könnte unser Institut sein, wenn es sich der Ideologie verschriebe! Allein, den Preis dafür will ich nicht bezahlen.
Meine Wunschvorstellung einer gelungenen Konferenz, die dem Wortsinne nach – conferre – wirklich zusammenbringt, wäre ein vorbereiteter Diskurs zu den großen und vor allem den kleinen, den praktischen Fragen der Zeit, bei dem eine kleine Tafelrunde ohne Zeitdruck konferiert, fern vom Alltag. Anleiten und moderieren sollten Philosophen im besten Sinne, die Teilnehmer wären danach auszuwählen, daß sie die Lösung der jeweiligen Frage leben. Leider verhindert die Offenheit solcher Diskurse heute eine unschöne Facette des Konkurrenzgeistes, der durch Patente und anderes geistiges Eigentum befeuert wird. Wieder haben wir hier ein Resultat verzerrter Märkte, das den Ruf der Märkte und ihres Wettbewerbsgedanken weiter untergräbt.
Der gute Schuh
Vielleicht ist es eine allzu romantische Vorstellung, vielleicht – noch schlimmer– eine Utopie. Ich habe eine Runde von Schustern vor Augen, die das Philosophicum des guten Schuhs ergründen, um das allerbanalste Beispiel zu wählen, das mir in den Sinn kommt. Auch die banalste Fragestellung wird philosophisch, wenn sie in die Tiefe geht. Es fängt schon damit an, ob es so etwas überhaupt gibt, einen an sich und für sich guten Schuh. Die Österreichische Schule wollte sich eines solchen Urteils enthalten, was sehr verständlich ist. Man kann kaum gute Ökonomie betreiben, wenn man das Handeln der Menschen von der Warte des eigenen Geschmacks aus bewertet, bevor man es wirklich versteht. Ayn Rand, die in den Scholien immer wieder auftauchte, eine der amerikanischen Gründermütter des libertarianism, sagte man nach, daß sie ihre ästhetische Philosophie rund um ihre eigenen ästhetischen Vorlieben konstruierte. In der Tat ist ihre Philosophie des Schönen eher ein Schönheitsmakel ihrer Philosophie.
In Sachen Subjektivismus liefert mir der treue Scholienleser Michael Vinatzer eine lehrreiche Ergänzung zur letzten Scholienausgabe. Sie ist insofern lehrreich, weil sie die dort diskutierten Werturteile zu Wasserflaschen und Autos durchaus überzeugend konterkariert. Michael Vinatzer argumentiert:
Die stillen Wasser in Flaschen haben sehr wohl ihre Berechtigung und das muss man anerkennen. Sie schmecken sehr gut (besonders Evian, Römerquelle), sie sind beim Servieren immer kalt (Leitungswasser ist meist lauwarm, weil kein Wirt in der Praxis den Wasserhahn lang genug laufen lassen will und kann, Eiswürfel gibt es oft nicht) und – und das ist ein echtes Argument gegen die leeren Mitnahmeflaschen – sie sind hygienisch.
Seit ich einige Zeit im Trinkwasserbereich tätig war, ist mir erst klar geworden, wie rasend schnell sich in gebrauchten Flaschen Bakterien ansammeln, vor allem in der Wärme. Wir haben ein Gerät verkauft, dass das getestet hat und es war wirklich erstaunlich. Seitdem werfe ich meine angetrunkenen Evian-Flaschen von der Autofahrt am nächsten Tag weg. Es ist zwar wahrscheinlich übertrieben, aber es macht keinen Spaß mehr das alte Zeug zu trinken.
Ich bin ein Fan der PET Flaschen und verteidige sie immer mit Nachdruck. Sie sind leicht, sie sind sauber – und – im Auto erschlagen sie einen nicht bei einer Notbremsung, geschweige denn einem Unfall, wie das die Glasflaschen tun würden.
Hinsichtlich alter Autos, deren Lob ich in den letzten Scholien anstimmte, warnt er vollkommen zurecht vor einer Romantisierung:
Es gibt kaum etwas Älteres als alte Autos (lassen wir die klassischen Oldtimer beiseite). Es stimmt, daß der Gesetzgeber teilweise völlig überzogene Vorschriften erläßt, aber daß Autofahren heute sicher ist, sicherer als eine Wohnung auszumalen oder Fenster zu streichen, das liegt auch an den enormen Entwicklungen der letzten Jahre. Und nicht, wie die Behörden und Medien so leidenschaftlich behaupten, an den erzieherischen Maßnahmen und Vorschriften punkto Schnellfahren, Promillegrenze, Rettungsgasse etc.
Niemals würde ich jemandem so eine 20 Jahre alte Kiste als Auto zumuten wollen. Das Fahren ist im Verhältnis zu neuen Autos einfach schrecklich (ich weiß wovon ich spreche). Vielleicht würden wir mit heutiger Technologie bei so einem Gewicht von 700 kg statt 5 l nur 3 l auf 100km benötigen, aber das Fahren in den neuen, schweren Autos ist schöner, man sieht in der Nacht dank toller Scheinwerfer besser, der Bremsweg ist um mindestens 30% kürzer (Leben oder Tod), man wird weniger müde – und die Überlebenschance im Fall der Fälle ist unvergleichlich. Vom massiv geringeren Abgasausstoß trotz hohem Gewicht rede ich gar nicht. Die zwei Liter weniger retten die Welt nicht, aber die zwei Liter mehr retten das einzelne Leben.
Bei dieser, wie so vielen Fragen, ist der Widerspruch eine wichtige Einladung, die feineren Facetten der Realität besser zu verstehen. Hier nun bloß den Schwanz einzuziehen und von den verschiedenen „Geschmäckern“ zu sprechen, hielte ich für feige. Viel mutiger ist es da, Irrtum zuzugeben. Neutral bleiben sollte man nur, wo es die Höflichkeit und Diplomatie erfordert, oder die Sache hinreichend unwesentlich ist.
Einige Vertreter der Österreichischen Schule gehen hier aus meiner Sicht zu weit. Sie folgern aus ihrer Wertneutralität einen Wertrelativismus und negieren schließlich die Existenz des Guten zugunsten der erwähnten Marktgläubigkeit: Der gute Schuh verkauft sich gut; jede andere Bedeutung des Guten jenseits rein subjektiver Vorlieben gäbe es nicht. Das Problem hierbei ist, daß damit der Sinn des Unternehmertums potentiell verloren geht und sich nur noch im Materiell-Quantitativen findet oder in politisierenden Ersatzkonstrukten. Die eine Tendenz führt dazu, das Unternehmertum als Möglichkeit des schnellen Mittelerwerbs zu betrachten. Die Logik, die ich von vielen Jungunternehmern höre, sieht so aus: Um Gutes zu tun, brauche ich Geld, um Geld zu erwerben, werde ich Unternehmer. Dazu muß ich ein skalierbares Massenprodukt auf den Markt bringen, bei dem Qualität eher hinderlich wäre, oder ein Unternehmen in einer Modeindustrie aufbauen, in der es sich leicht weiterverkaufen läßt, wobei jeder zeitlose Aspekt hinderlich wäre.
Ich halte das weder für betriebswirtschaftlich noch für psychologisch sinnvoll. Unternehmen, die nur Geld verdienen wollen, sind finanziell selten erfolgreich. Zudem ist Unternehmertum kein Weg zum schnellen Geld, sondern eher zur schnellen Verarmung. Außerdem erreicht kaum jemand den Punkt, „genug“ Geld zu haben, wenn er dieses Konzept quantitativ auffaßt. Je wohlhabender die Menschen, desto weniger Geld haben sie. Reiche Menschen sind oft verblüffend illiquide. Denn die allermeisten Wohlstandsgüter sind Verbindlichkeiten, die laufend Liquidität absaugen und nicht erzeugen, von Villen über Jachten, von Schlössern bis zu Privatjets. Finanziell betrachtet, sind dies schwarze Löcher. Es ist verdammt teuer, reich zu sein.
Der „gute Schuh“ ist für mich nicht die gewaltsame Verabsolutierung eines dominanten Geschmackes. Vielmehr verstehe ich darunter eine philosophische Einladung, den Menschen, seine Natur, seine Bedürfnisse und seine Umwelt besser zu verstehen. Handwerker, die zu den Ausbeutungsopfern des Wohlfahrtsstaates gehören, gibt es vermutlich nur noch deshalb, weil sie mehr Sinn in ihrer Tätigkeit empfinden als die durchschnittlichen Systembediensteten. Ihr Verständnis des guten Handwerks ist meist ein traditionaler.
Philosophisch betrachtet hat dieser Zugang eine Licht- und eine Schattenseite. Erzeugnisse des Handwerks sind oft besser, weil in der Tradition schlicht viel Wissen steckt, das Rationalisten erst mühsam wiederentdecken müssen, nachdem sie an ihren Irrtümern verzweifelt sind, die stets stärker sprießen als die scheue Wahrheit. Die Tradition kann nur deshalb ein solcher Bodensatz menschlicher Irrtümer sein, weil sie so stur ist. Zur traditionalen Sturheit des alten Handwerks schildert mit mein Freund und Scholienleser Alois Holzer eine aufschlußreiche Anekdote:
Ich bin neulich auf eine Art Anachronismus erster Güte gestoßen. Der Lederhosenmacher Peter Ahamer in Ebensee, einer der besten seiner Art, hat Wartezeiten, wie sie so gar nicht in unsere Zeit mit „just in time“ passen.
Allein der Gedanke, was bis dahin alles passieren kann, ist reizvoll und eigenartig zu gleich, wenn man so eine langfristige Bestellung aufgibt. Aber die Endprodukte hat man dann auch „fürs Leben“, und angemessen wird auch erst kurz vor der Fertigung. Gleichzeitig boomen derzeit übrigens Billig-Lederhosen um 99,- EUR im Billigmarkt. Ob die auch „fürs Lebens“ sind, darf bezweifelt werden.
Alois schickt mir als Beleg einen handschriftlichen Voranschlag zu einer personalisierten Lederhose. Darauf ist vermerkt, als wäre es das Normalste der Welt: Liefertermin November 2020.
Diese Sturheit ist aber auch die Schattenseite des traditionellen Handwerks. Was, wenn alle falsch lagen? Entwicklung gibt es nur dort, wo diese unverschämte Frage gestellt wird und gestellt werden darf. In unserer Zeit ist diese Frage jedoch schon zur Antwort, zum Dogma geworden: Früher lagen alle falsch! Wir wissen heute alles besser! Das ist dümmliche Hybris. Dennoch kann und muß der Mensch lernen, indem er große Fragen stellt. Der gute Schuster muß die Frage stellen: Könnte es sein, daß wir uns geirrt haben? Daß ein guter Schuh aus nichts mehr als aus einer guten Sohle bestehen sollte? Oder aus allem, bloß nicht aus einer Sohle? Das mag nach verrückten Fragen klingen, doch ohne Ver-rücken kein Fortschritt, freilich auch weniger Irrtümer und demnach weniger Wahnsinn. Ist der einzelne Schuster aber frei, zu irren und die Konsequenzen zu tragen, ist es stets der verrückte Schuster, der die Erkenntnis fördert.
Die Sohlenfrage ist gar nicht so abwegig, sie reicht tief zur menschlichen Natur. Eine Studie, die die Füße von 180 Menschen untereinander und mit den Füßen von 2000 Jahre alten Skeletten verglich, kam zum Schluß, daß Menschen, die barfuß laufen, deutlich gesündere Füße haben. Nicht nur hatten unsere Vorfahren gesündere Füße, sondern haben heute Zulus die gesündesten und Europäer die ungesündesten Füße (Sternbergh 2008).
So hat es selbst diese banalste Frage, die mir gerade zufällig durch den Kopf ging, in sich. Sie erstreckt sich, wie alle ethisch-ästhetischen Fragen in der aristotelischen Tradition, zwischen Extremen, die die Dilemmata unserer Existenz abstecken. Was dürfen, was wollen, was müssen wir unseren Füßen zumuten, damit sie uns gute Dienste erweisen? Wieviel Luft, wieviel Schutz benötigen sie; wann entarten sie? Was spricht für Tierhäute, was dagegen? Warum achten Frauen soviel mehr auf Schuhe, und welche Bedeutung hat das für den Mann? Anhand von Absätzen würden wir ganz tief in die Sexualpsychologie abtauchen und in Fragen der Geschlechterrollen. Schnürsenkel oder Schlüpfer? Wie unbequem darf ein Schuh sein? Was bedeutet die rasante Ausbreitung der Sportschuhe?
Zeitstörungen
Der gute Ökonom schüttelt den Kopf. Philosophen! Die Vielfalt einer freien Welt paßt nicht in ihre Köpfe; umso schlechter für die Welt. Was für ein Befreiungsschlag war einst die subjektivistische Ökonomie! Ich bin der modernen Philosophie so skeptisch gesinnt, daß ich immer wieder mit meinem Kollegen Eugen Maria Schulak in freundschaftlichen Streit gerate. Allerdings nicht wegen des Guten, Wahren und Schönen, sondern wegen der relativistischen und nihilistischen Grundorientierung der Philosophie, seit das Verrücktsein zum Dogma wurde, sodaß man nichts mehr gerade stehen lassen kann. Alles muß irgendwie schief, schräg, „anti“ sein. Den Ton dafür gab Friedrich Nietzsche vor, doch wie so viele Übergangserscheinungen zu einem neuen Zeitalter ist er selbst wesentlich lehrreicher als was nach ihm kam. Eugen sieht Nietzsche als letzten Philosophen der Neuzeit. Man könnte ihn auch als ersten der Moderne betrachten, doch ist er in der Tat eher ein Abschluß als ein Beginn.
Ein wenig aneinander geriet ich mit Eugen, als mir ein Text, den er für unsere Akademie für Eigenverantwortung auswählte, besonders mißfiel – nicht der Auswahl wegen, denn die Erörterung dazu war sehr fruchtbar, sondern weil mir der Text die Einseitigkeit des nietzscheanischen Denkens zu belegen schien. Die erwähnte Akademie war übrigens zu meiner Freude und der Begeisterung der Teilnehmer schon recht nahe am Idealbild der „guten Konferenz“. In einem wunderschönen Holzhaus in einer wunderschönen Gegend Vorarlbergs, fernab des Alltags, widmeten wir uns mit brillanten jungen Leuten, die in ihrem Leben noch viel bewegen werden, den Fragen der Zeit, und den Fragen jenseits und abseits der Zeit. Nietzsches Text befaßte sich mit der Zeit: Er lobte darin das Dasein des Tieres, ganz nach der englischen Devise ignorance is bliss.
Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frißt, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig. Dies zu sehen geht dem Menschen hart ein, weil er seines Menschentums sich vor dem Tiere brüstet und doch nach seinem Glücke eifersüchtig hinblickt – denn das will er allein, gleich dem Tiere weder überdrüssig noch unter Schmerzen leben, und will es doch vergebens, weil er es nicht will wie das Tier. Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst mich nur an? Das Tier will auch antworten und sagen: das kommt daher, daß ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte – da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg: so daß der Mensch sich darob verwunderte.
Er wunderte sich aber auch über sich selbst, das Vergessen nicht lernen zu können und immerfort am Vergangenen zu hängen: mag er noch so weit, noch so schnell laufen, die Kette läuft mit. Es ist ein Wunder: der Augenblick, im Husch da, im Husch vorüber, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kommt doch noch als Gespenst wieder und stört die Ruhe eines späteren Augenblicks. Fortwährend löst sich ein Blatt aus der Rolle der Zeit, fällt heraus, flattert fort – und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schoß. Dann sagt der Mensch »ich erinnere mich« und beneidet das Tier, welches sofort vergißt und jeden Augenblick wirklich sterben, in Nebel und Nacht zurücksinken und auf immer verlöschen sieht. So lebt das Tier unhistorisch: denn es geht auf in der Gegenwart, wie eine Zahl, ohne daß ein wunderlicher Bruch übrigbleibt, es weiß sich nicht zu verstellen, verbirgt nichts und erscheint in jedem Momente ganz und gar als das, was es ist, kann also gar nicht anders sein als ehrlich. Der Mensch hingegen stemmt sich gegen die große und immer größere Last des Vergangenen: diese drückt ihn nieder oder beugt ihn seitwärts, diese beschwert seinen Gang als eine unsichtbare und dunkle Bürde, welche er zum Scheine einmal verleugnen kann, und welche er im Umgange mit seinesgleichen gar zu gern verleugnet: um ihren Neid zu wecken. (Nietzsche 1874/1981, Kap. 15)
Der Text ist wunderbar poetisch, doch sehr unphilosophisch, denn seine Zuspitzung ist falsch –nämlich Ausdruck einer psychischen Störung. Ich halte es für vollkommen unplausibel, daß uns sofortiges Vergessen glücklich und ausgeglichen machen würde. Vielmehr wären wir ständig von Panik ergriffen, denn wir wüßten nie, wie uns geschieht – wer die Menschen um uns sind, ob sie uns Böses wollen, wie wir dorthin kamen, wo wir sind. Ideologien sind im Seelischen ähnliche Störungen, wie Neurosen und Phobien im Psychischen – nämlich Übertreibungen, Verfehlungen des rechten, gesunden Maßes. Die Störung, die in diesem Text zutage tritt, ist eine übertrieben negative Vergangenheitsorientierung, was beim Leidensweg Nietzsches verständlich ist.
Der Psychologe Philipp Zimbardo hat, so weist mich mein Kollege Ralph Janik hin, psychische Störungen hinsichtlich der Zeitorientierung näher untersucht. Er spricht vom Zeitparadox, das er in einem vor wenigen Jahren erschienen Buch beschreibt (Zimbardo/Boyd 2009a). In einem populären Vortrag faßt er seine Erkenntnisse so zusammen:
Nun, das Zeitparadox, so will ich behaupten, das Paradox der Zeitperspektive, ist etwas, das jede Ihrer Entscheidungen mit beeinflusst, ohne dass es Ihnen bewusst ist. Denn sie beruhen auf einer dieser Sie beeinflussenden Zeitperspektive. Es gibt insgesamt sechs davon. Es gibt zwei Arten von Gegenwartsorientierungen. Es gibt zwei Arten von Vergangenheits- und zwei Arten von Zukunftsorientierungen. Sie können auf positive oder negative Erinnerungen fokussieren. Sie können ein an momentanen Genüssen orientierter Gegenwartsmensch sein, der sich nur auf die Freuden des Lebens konzentriert, oder ein Gegenwarts-Fatalist. Es spielt keine Rolle. Ihr Leben ist vorbestimmt. Sie können zukunftsorientiert sein, sich selber Ziele setzen. Oder Sie können einer metaphysischen Zukunft anhängen, nämlich, wenn das Leben erst nach dem Tod beginnt. Eine mentale Flexibilität entwickeln, um abhängig von der Situation zwischen den Perspektiven wechseln zu können, das ist es, was Sie lernen müssen. \[…\]
Nun, ganz schnell, was ist das beste Zeitprofil? Hochgradig orientiert an positiven Erinnerungen, einigermaßen stark an der Zukunft. Und ebenfalls mäßig stark an einer genußorientierten Gegenwart. Wenig an negativen Erinnerungen und einer gegenwärtigen Schicksalergebenheit. Der optimale Zeitmix setzt sich zusammen aus Ihrer Vergangenheit - positive Erfahrungen geben Ihnen Wurzeln. Sie verknüpfen Familie, Identität und Ihr Selbst. Die Zukunft gibt Ihnen Flügel, die Sie aufsteigen lassen zu neuen Zielen und Herausforderungen. Der gegenwärtige Hedonismus versorgt Sie mit Energie, die Energie, sich selbst, Orte, Menschen, Sinnlichkeit zu entdecken.
Jedes Zuviel einer Zeitperspektive bringt mehr Negatives als Positives. Was opfert man für zukünftige Erfolge? Man opfert Familienzeit. Man opfert Zeit mit Freunden. Man opfert schöne Zeiten und persönlichen Luxus. Man opfert dafür Hobbies und Schlaf. Es hat also Auswirkungen auf die Gesundheit. Und man lebt für die Arbeit, den Erfolg und die Kontrolle. (Zimbardo 2009b)
Ecce homo
Am philosophisch wenigsten ergiebig, aber am psychologisch aufschlußreichsten hinsichtlich des Verrücktseins Nietzsches ist eine seiner letzten Schriften: Ecce homo. Der Titel ist eine Pointe – der atheistische Nietzsche hatte große Sorge, als Religionsgründer angesehen zu werden. Seht her, ich bin ein Mensch, ist sein eigenes Schlußwort; und dieses sollte man ihm hoch anrechnen. Wieviele erheben sich gegen Gott, um sich selbst oder Götzen an dessen Stelle zu setzen. Nietzsche will Götzen umwerfen, an deren Stelle aber bietet er nichts; besser jedoch dem Nichts ins Auge zu sehen, dann vielleicht kann wieder etwas entstehen:
Das Letzte, was ich versprechen würde, wäre, die Menschheit zu "verbessern". Von mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen, was es mit thönernen Beinen auf sich hat. Götzen (mein Wort für "Ideale") umwerfen - das gehört schon eher zu meinem Handwerk. Man hat die Realität in dem Grade um ihren Werth, ihren Sinn, ihre Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog… Die "wahre Welt" und die "scheinbare Welt" - auf deutsch: die erlogne Welt und die Realität… Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten Instinkte hinein verlogen und falsch geworden bis zur Anbetung der umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre. (Nietzsche 1908)
Daher eben, wie erwähnt, sein Testament:
Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit. - Und mit Alledem ist Nichts in mir von einem Religionsstifter - Religionen sind Pöbel-Affairen, ich habe nöthig, mir die Hände nach der Berührung mit religiösen Menschen zu waschen… Ich will keine "Gläubigen", ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu glauben, ich rede niemals zu Massen… Ich habe eine erschreckliche Angst davor, dass man mich eines Tags heilig spricht: man wird errathen, weshalb ich dies Buch vorher herausgebe, es soll verhüten, dass man Unfug mit mir treibt… Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst …Vielleicht bin ich ein Hanswurst …
Die neuzeitliche Philosophie endet in einer Hanswurstiade. Der Thron ist leer, der Hofnarr macht das Licht aus. Wie Candide im Voltaireschen Roman wendet sich Nietzsche schließlich den kleinen Dingen des Alltags zu und sucht darin sehr zu Recht eine praktische Philosophie abseits der großen Illusionen:
Das, was die Menschheit bisher ernsthaft erwogen hat, sind nicht einmal Realitäten, blosse Einbildungen, strenger geredet, Lügen aus den schlechten Instinkten kranker, im tiefsten Sinne schädlicher Naturen heraus alle die Begriffe "Gott", "Seele", "Tugend", "Sünde", "Jenseits", "Wahrheit", "ewiges Leben"… Aber man hat die Grösse der menschlichen Natur, ihre "Göttlichkeit" in ihnen gesucht… Alle Fragen der Politik, der Gesellschafts-Ordnung, der Erziehung sind dadurch bis in Grund und Boden gefälscht, dass man die schädlichsten Menschen für grosse Menschen nahm, - dass man die "kleinen" Dinge, will sagen die Grundangelegenheiten des Lebens selber verachten lehrte…
Und dann macht er wieder den Fehler der alten Systemdenker: die eigene Befindlichkeit zu verabsolutieren. Das ist ein hervorragendes Rezept zur Unterhaltung, denn starke Meinungen sind eben nicht langweilig, sondern anregend, doch ein schlechtes Rezept zur Philosophie. Seine praktische Philosophie setzt nun den Körper über den Geist, was im Schluß von Nietzsches Lebens durchaus richtig scheint. Sein syphilitischer Körper vernebelte nach und nach den Geist. So doziert er über die Frevel der Küche, deren Auswirkungen er in der Wut etwas überschätzt:
Aber die deutsche Küche überhaupt – was hat sie nicht alles auf dem Gewissen! Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in Venetianischen Kochbüchern des 16. Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise zum Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen Nachguss-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloss alten Deutschen dazu, so versteht man auch die Herkunft des deutschen Geistes - aus betrübten Eingeweiden… Der deutsche Geist ist eine Indigestion, er wird mit Nichts fertig. - Aber auch die englische Diät, die, im Vergleich mit der deutschen, selbst der französischen, eine Art "Rückkehr zur Natur", nämlich zum Canibalismus ist, geht meinem eignen Instinkt tief zuwider; es scheint mir, dass sie dem Geist schwere Füsse giebt - Engländerinnen-Füsse… Die beste Küche ist die Piemont's. …
Eine zur schlechten Gewohnheit gewordne noch so kleine Eingeweide-Trägheit genügt vollständig, um aus einem Genie etwas Mittelmässiges, etwas "Deutsches", zu machen; das deutsche Klima allein ist ausreichend, um starke und selbst heroisch angelegte Eingeweide zu entmuthigen. Das tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältniss zur Beweglichkeit oder Lahmheit der Füsse des Geistes; der "Geist" selbst ist ja nur eine Art dieses Stoffwechsels.
Sodann widmet er sich der Luft und verabsolutiert wiederum seinen antideutschen Selbsthaß zu allerlei Geboten (wiewohl er sich selbst als rein polnischen Blutes, von keinem Tropfen Deutschtum verunreinigt ansieht). Selbst immer bewegungsunfähiger, sagt er schließlich dem Sitzen den Kampf an:
So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden. - Das Sitzfleisch - ich sagte es schon einmal - die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist.
Sein eigenes Programm, das, was anstelle der Lügen treten sollte, verstand man und versteht man nicht. Er schießt Pfeile in das Sitzfleisch, doch dann setzen sich die Philosophen wieder nieder und machen einen Nietzscheanismus aus seinen Anschlägen. Darum spricht er in Bildern, widerspricht sich, um nicht falsch verstanden zu werden, verhindert damit aber auch jedes richtige Verstehen. Sein berühmtestes Bild ist der persische Religionsgründer Zarathustra. Diese Wahl erklärt Nietzsche so:
Wahrheit reden und gut mit Pfeilen schiessen, das ist die persische Tugend. - Versteht man mich?… Die Selbstüberwindung der Moral aus Wahrhaftigkeit, die Selbstüberwindung des Moralisten in seinen Gegensatz - in mich - das bedeutet in meinem Munde der Name Zarathustra. …
Das Wort "Übermensch" zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgerathenheit, im Gegensatz zu "modernen" Menschen, zu "guten" Menschen, zu Christen und andren Nihilisten - ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort wird, ist fast überall mit voller Unschuld im Sinn derjenigen Werthe verstanden worden, deren Gegensatz in der Figur Zarathustra's zur Erscheinung gebracht worden ist, will sagen als "idealistischer" Typus einer höheren Art Mensch, halb "Heiliger", halb "Genie"… Andres gelehrtes Hornvieh hat mich seinethalben des Darwinismus verdächtigt; selbst der von mir so boshaft abgelehnte "Heroen-Cultus", jenes grossen Falschmünzers wider Wissen und Willen, Carlyle's, ist darin wiedererkannt worden.
Mit den Denkern seiner Zeit ist er ungeduldig. Der gelehrte Unfug der Gesäßphilosophen führt ihn, neben der „praktischen Philosophie“ der Küchenstube, zur Psychologie. Auch damit zeichnet er selbst den Übergang von der Neuzeit zur Moderne nach bzw. voraus:
Die Sätze, über die im Grunde alle Welt einig ist, gar nicht zu reden von den Allerwelts-Philosophen, den Moralisten und andren Hohltöpfen, Kohlköpfen - erscheinen bei mir als Naivetäten des Fehlgriffs: zum Beispiel jener Glaube, dass "unegoistisch" und "egoistisch" Gegensätze sind, während das ego selbst bloss ein "höherer Schwindel", ein "Ideal" ist… Es giebt weder egoistische, noch unegoistische Handlungen: beide Begriffe sind psychologischer Widersinn. Oder der Satz "der Mensch strebt nach Glück"… Oder der Satz "das Glück ist der Lohn der Tugend"… Oder der Satz "Lust und Unlust sind Gegensätze"… Die Circe der Menschheit, die Moral, hat alle psychologica in Grund und Boden gefälscht - vermoralisirt - bis zu jenem schauderhaften Unsinn, dass die Liebe etwas "Unegoistisches" sein soll… Man muss fest auf sich sitzen, man muss tapfer auf seinen beiden Beinen stehn, sonst kann man gar nicht lieben. Das wissen zuletzt die Weiblein nur zu gut: sie machen sich den Teufel was aus selbstlosen, aus bloss objektiven Männern… Darf ich anbei die Vermuthung wagen, dass ich die Weiblein kenne? Das gehört zu meiner dionysischen Mitgift. Wer weiss? vielleicht bin ich der erste Psycholog des Ewig-Weiblichen. Sie lieben mich Alle - eine alte Geschichte: die verunglückten Weiblein abgerechnet, die "Emancipirten", denen das Zeug zu Kindern abgeht.
Diese scharfe politische Unkorrektheit am Ende verdient es sich, zum Ärger der Genderexperten unserer Tage noch einmal hervorgehoben werden, auch wenn es sich um eine ideologische Übertreibung handelt – doch immerhin eine Gegenübertreibung:
"Emancipation des Weibes" - das ist der Instinkthass des missrathenen, das heisst gebäruntüchtigen Weibes gegen das wohlgerathene, - der Kampf gegen den "Mann" ist immer nur Mittel, Vorwand, Taktik.
Am Ende bleibt die ver-rückte Konsequenz eines ver-rückten Lebens. Wie Nietzsche selbst zugibt, wird seine Anti-Philosophie direkt aus der Psychologie seiner Lebenstragik geboren; und die Konsequenz ist verblüffend vernünftig. Wie die Paradoxie des Geistes es so will, führt das Ver-rücken des Verrückten, das Sprengen der Sprengmeister zum stoischen amor fati, zwar nicht ganz zur Normalität zurück, aber doch zu Spuren geistiger Klarheit:
Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten Problemen; der Wille zum Leben im Opfer seiner höchsten Typen der eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend - das nannte ich dionysisch, das verstand ich als Brücke zur Psychologie des tragischen Dichters. Nicht um von Schrecken und Mitleiden loszukommen, nicht um sich von einem gefährlichen Affekt durch eine vehemente Entladung zu reinigen so missverstand es Aristoteles: sondern um, über Schrecken und Mitleiden hinaus, die ewige Lust des Werdens selbst zu sein, jene Lust, die auch noch die Lust am Vernichten in sich schliesst…" In diesem Sinne habe ich das Recht, mich selber als den ersten tragischen Philosophen zu verstehn - das heisst den äussersten Gegensatz und Antipoden eines pessimistischen Philosophen. Vor mir giebt es diese Umsetzung des Dionysischen in ein philosophisches Pathos nicht: es fehlt die tragische Weisheit … Die Bejahung des Vergehens und Vernichtens, das Entscheidende in einer dionysischen Philosophie, das Jasagen zu Gegensatz und Krieg, das Werden, mit radikaler Ablehnung auch selbst des Begriffs "Sein" - darin muss ich unter allen Umständen das mir Verwandteste anerkennen, was bisher gedacht worden ist. Die Lehre von der "ewigen Wiederkunft", das heisst vom unbedingten und unendlich wiederholten Kreislauf aller Dinge - diese Lehre Zarathustra's könnte zuletzt auch schon von Heraklit gelehrt worden sein. Zum Mindesten hat die Stoa, die fast alle ihre grundsätzlichen Vorstellungen von Heraklit geerbt hat, Spuren davon. \[…\]
Werfen wir einen Blick ein Jahrhundert voraus, setzen wir den Fall, dass mein Attentat auf zwei Jahrtausende Widernatur und Menschenschändung gelingt. Jene neue Partei des Lebens, welche die grösste aller Aufgaben, die Höherzüchtung der Menschheit in die Hände nimmt, eingerechnet die schonungslose Vernichtung alles Entartenden und Parasitischen, wird jenes Zuviel von Leben auf Erden wieder möglich machen, aus dem auch der dionysische Zustand wieder erwachsen muss. Ich verspreche ein tragisches Zeitalter: die höchste Kunst im Jasagen zum Leben, die Tragödie, wird wiedergeboren werden, wenn die Menschheit das Bewusstsein der härtesten, aber nothwendigsten Kriege hinter sich hat, ohne daran zu leiden. \[…\]
Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt - sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an giebt es auf Erden grosse Politik.
Das Tao
Bei aller Skepsis gegenüber der modernen und insbesondere postmodernen Philosophie, bin ich doch eher Philosoph als Ökonom, das heißt ich bin der ganzheitlichen Erkenntnis zugetan; eben darum komme ich ja auch um die Ökonomie nicht umhin. Die Philosophie jedoch setzt Objektivitäten voraus. C.S. Lewis, der bekannte Autor von Fantasiewerken wie Die Chroniken von Narnia, setzte sich mit besonders viel Nachdruck für die Ehrenrettung der Realität ein. Die Vorstellung, daß es objektive Werte gäbe, nannte er das Tao. Das ist die chinesische Entsprechung für das indische Yoga – der Weg. Diesen Weg sieht Lewis nicht nur als Grundlage seiner eigenen religiösen Tradition, des Christentums, sondern auch im Orient, bei Plato, Aristoteles und der Stoa. Er beschreibt diese Vorstellung so:
Es handelt sich um die Lehre vom objektiven Wert, den Glauben, daß bestimmte Einstellungen dazu, was für eine Sache das Universum ist und was für eine Sache wir sind, wirklich wahr und andere wirklich falsch sind. Jene, die das Tao kennen, können daran glauben, daß es mehr als die bloße Feststellung einer psychologischen Tatsache hinsichtlich unserer eigenen momentanen Gefühle als Elternteil oder Kind ist, wenn wir ein Kind entzückend oder einen alten Mann bewundernswert nennen, sondern die Anerkennung einer Qualität, die eine bestimmte Antwort von uns fordert, ob wir sie geben oder nicht. Ich selbst fühle mich in der Gesellschaft von Kleinkindern nicht wohl: Da ich von innerhalb des Taos spreche, erkenne ich dies als einen Defekt meiner selbst an – so wie es ein Mensch anerkennen muß, daß er unmusikalisch oder farbenblind ist. Und da unser Lob und Tadel das Anerkennen objektiver Werte, das Antworten auf eine objektive Ordnung sind, können deshalb Gefühlszustände in Harmonie mit der Vernunft sein (wenn uns etwas gefällt, das Lob verdient) oder nicht in Harmonie mit der Vernunft (wenn wir erkennen, daß uns etwas gefallen sollte, aber es nicht fühlen können). Kein Gefühlszustand ist per se ein Urteil; in diesem Sinne sind alle Gefühle alogisch. Doch sie können vernünftig oder unvernünftig sein. Je nachdem, ob sie der Vernunft folgen oder nicht. Das Herz nimmt niemals die Position des Hirns ein: doch es kann und sollte ihm gehorchen. (Lewis 1943/2001, S. 18f)
Damit nimmt Lewis die alte Position ein, die der modernen diametral widerspricht, nämlich daß man über Geschmack streiten kann und soll. In der Tat wurde es in der alten Welt als wesentlicher Teil der Bildung angesehen, die Geschmäcker zu verfeinern und richtig zu urteilen. Die ursprüngliche Bedeutung von Gerechtigkeit ist suum cuique tribuere, jeden so zu behandeln, wie es ihm entspricht. Dies hat eine subjektiv-objektive Bedeutung; es gibt dabei wahr und falsch, angemessen und unangemessen, doch läßt sich dieses Urteil nicht außerhalb des Kontextes und jenseits der jeweiligen Person verabsolutieren. Lewis bezieht sich auf den Zugang des Heiligen Augustinus, der Tugend in der ordo amoris, der richtigen Zuneigungsordnung sah (Augustinus, De civitate Die, xv. 22. Cf. ibid. ix. 5, xi. 28).
Augustinus wiederum bezieht sich auf Aristoteles, und dieser auf Plato, wenn er in seiner Nikomachischen Ethik empfiehlt:
In den Bereichen von Lust und Unlust nämlich entfalten sich die Vorzüge des Charakters; denn die Lust ist Anlaß, daß wir das Schlechte tun, der Unlust folgend unterlassen wir das Gute. Daher muß schon von früher Jugend an, wie Platon sagt, eine bestimmte Führung da sein, die Lust und Unlust da empfinden lehrt, wo es am Platze ist; denn dies ist die richtige Erziehung. (Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1104b, Buch II, Kapitel 2)
Den alten Weg der Erziehung und Bildung nennt Lewis propagation, die Weitergabe einer Tradition ohne rationale Zwecksetzung – Initiierung: so wie Vögel ihren Küken etwas beibringen, ohne zu verstehen, warum. Die moderne Bildung sei hingegen Propaganda – bloße Konditionierung. Man dürfe, gemäß Lewis, nicht alles hinterfragen, sonst könne man nichts mehr vermitteln:
Der direkte Frontalangriff „Warum?“ – „Was bringt es?“ – „Wer hat das entschieden?“ ist niemals zulässig; nicht weil er zu hart oder beleidigend ist, sondern weil keine Werte auf diese Weise legitimiert werden können. Wenn man auf dieser Art von Prüfung besteht, zerstört man alle Werte und damit auch die Grundlagen der eigenen Kritik zugleich mit der kritisierten Sache selbst. (Lewis 1943/2001, S. 48f)
Darum ende der Umwerter der Werte als werteloser Hanswurst, dem letztlich der Boden unter den Füßen verloren geht:
Die Rebellion der neuen Ideologien gegen das Tao ist eine Rebellion der Zweige gegen den Baum: Wenn die Rebellen siegen könnten, würden sie feststellen, daß sie sich selbst vernichtet haben. Der menschliche Geist hat genauso wenig die Macht, einen neuen Wert zu erfinden, wie sich eine neue Grundfarbe auszudenken oder gar eine neue Sonne und einen neuen Himmel für diese zu schaffen. (Lewis 1943/2001, S. 44)
Wenn alles widerlegt worden ist, das sagt: „es ist gut“, bleibt übrig, was sagt: „ich will!“. \[…\] Die Konditionierer lassen sich daher letztlich nur durch ihr eigenes Lustgefühl motivieren. Dabei spreche ich nicht von dem korrumpierenden Einfluß der Macht oder von der Angst, daß darunter unsere Konditionierer entarten. Schon die Worte „korrupt“ und „entarten“ implizieren eine Wertedoktrin und sind daher in diesem Zusammenhang sinnlos. Mein Argument ist, daß diejenigen, die außerhalb aller Werturteile stehen, keinen Grund haben können, einen ihrer Impulse vorzuziehen als die emotionale Kraft dieses Impulses. (S. 65f.)
Man kann es nicht ewig fortführen, die Dinge zu „durchblicken“. Der Sinn, etwas zu durchblicken, ist etwas anderes hindurch zu erblicken. Es ist gut, daß das Fenster durchsichtig ist, weil die Straße oder der Garten dahinter undurchsichtig sind. Was, wenn man auch durch den Garten hindurch sähe? Es ist sinnlos, Grundprinzipien „durchblicken“ zu wollen. Wenn man durch alles blickt, ist alles durchsichtig. Doch eine vollkommen durchsichtige Welt ist unsichtbar. Alles zu „durchblicken“ ist gleichbedeutend damit, gar nichts zu sehen. (S. 81)
Abseits dieser starken Vorbehalten gegen Neuerer, gibt es für Lewis doch eine Art der Neuerung, die er für angemessen und richtig hält. Diese nennt er die Neuerung von innen. Er beschreibt diese Neuerung anhand des Beispiels Sprache.
Ein Sprachtheoretiker kann seine Muttersprache von außen betrachten, als ob deren Geist keinen Anspruch auf ihn habe, und im Interesse der wirtschaftlichen Bequemlichkeit oder der wissenschaftlichen Genauigkeit großzügige Veränderungen von Wortschatz und Orthographie befürworten. Das ist eine Sache. Ein großer Poet, der „seine Muttersprache, wohlgenährt an ihrer Brust, liebt“, kann ebenfalls große Änderungen an der Sprache vornehmen, doch seine Änderungen erfolgen im Geist der Sprache selbst: Er arbeitet von innen. Die Sprache, die die Änderungen erleidet, hat diese auch inspiriert. Das ist eine andere Sache – so verschieden wie die Werke Shakespeares vom vereinfachten Basic English. Es ist der Unterschied zwischen der Veränderung von innen und jener von außen: zwischen der organischen und der chirurgischen. (S. 45f)
Breaking bad
Ich bin davon überzeugt, daß der gute Unternehmer eher noch ein guter Philosoph als ein guter Ökonom ist. Es ist für den einzelnen Akteur in einer Volkswirtschaft kaum erkennbar, wie sich sein Handeln in die dynamischen Prozesse fügt; Preisänderungen sind vorwiegend im Großen sichtbar, selten im Kleinen. Doch hinter der unternehmerischen Tat steht oft der Wille zur Erkenntnis, niemals jedenfalls der Wille, das BIP zu steigern oder die Beschäftigung zu erhöhen. Diese aus der Marktgläubigkeit und dem vulgären Materialismus geborenen Entschuldigungen des Unternehmertums, die Politiker so gerne nachplappern, halte ich für widerwärtig. Wenn die wesentliche Bedeutung des Unternehmertums darin bestünde „Arbeitsplätze“ zu schaffen, dann wäre es eine sinnleere Angelegenheit.
Tatsächlich sind es Überzeugungen, oft gar Philosophien, die den Impetus zum sinnerfüllten Unternehmertum geben. Zweifellos sind viele davon irr, verrückt, wahnsinnig, gelegentlich leider auch dumm. Doch alles in allem wird in den Unternehmen unserer Tage viel zu wenig philosophiert. Praktisches Philosophieren, das ist das unnachgiebige Nachdenken darüber, wie man es richtig macht, und dadurch immer besser. In aller Regel sind es die Details, die ausschlaggebend sind. Gute praktische Philosophie fängt, meiner Meinung nach, nicht mit den großen Fragen an. Das ist es, was zurecht Nietzsches Widerwille erregt, wenn über Gott gesprochen wird; da wird der Begriff dann schnell zur Ausrede, nicht wirklich nachzudenken. Vielmehr geht praktische Philosophie von den Details aus, die das menschliche Leben ausmachen, und von dort hin zu den großen Fragen, die sich darin widerspiegeln.
Der Subjektivismus der Österreichischen Schule ist eine gute Anleitung für Ökonomen und eine noch bessere für Politiker mit ihren aufdringlichen Pseudoobjektivitäten, allerdings paradoxerweise eine schlechte Anleitung für Unternehmer. Denn Erneuerer dürfen die momentanen Subjektivitäten nicht einfach so hinnehmen, sondern müssen, weil sie etwas besser sehen als die anderen, an dessen Realisierung arbeiten. Das Nachdenken über den „guten Schuh“, um mein banales Beispiel wieder aufzugreifen, ist zwar makroökonomisch unergiebig, aber von großer mikroökonomischer Bedeutung.
Der bloße Individualismus des einsamen Genius ist mir dabei aber zu wenig. Ich sehne nach einer, vielleicht nie wirklich existenten Zwischenform, die ich mit den Zünften in Verbindung bringe. Die Vorstellung die ich dabei habe, ist die von eigenverantwortlichen Eigentümer-Unternehmern, die sich frei, ohne Angst vor Konkurrenz, austauschen, um ihre Werke miteinander und nebeneinander zu verbessern. Ich habe das Patentunwesen dabei im Verdacht, dieses Miteinander zu untergraben und zu einem Chaos „proprietärer Technologien“ zu führen. Jeffrey Tucker sieht das genauso und lobt daher die Produktpiraterie, die den staatlich aufrechterhaltenen Technologieschutz untergräbt.
Dies sei nur ein Aspekt der einsetzenden Revolution gegen staatliche Anmaßungen. Jeffrey erwähnt als Indikator dieser Revolution den Erfolg der Fernsehserie Breaking Bad. In dieser wird ein Chemielehrer zu einem Drogenproduzenten, um aus einer finanziellen Notlage zu kommen. Breaking bad is the new thing, sagt Jeffrey, darunter versteht er jeden illegalen Akt aus Überlebenstrieb. Das klingt nach dem Wahlspruch von Ludwig von Mises, tu ne cede malis sed contra audentior ito, weiche nicht dem Bösen, sondern gehe umso mutiger dagegen vor. Die undifferenzierte Begeisterung für das Illegale will ich aber nicht teilen, so relativistisch hat es wohl nicht einmal Mises gemeint, der zu allem Überdruß ja sogar mit dem Rechtsposivitismus liebäugelte.
Das Böse kommt für Jeffrey in unbemerkbaren Dosen, ein schleichendes Gift, das langsam alle Errungenschaften der technologischen Revolution und den modernen Massenwohlstand auflöst. Durch Interventionen würden nach und nach die Produktqualität abnehmen und die Preise zunehmen.
Geschirrspüler sind für ihn das beste Beispiel. In der Tat frage ich mich immer wieder, ob es nicht sinnvoller wäre, alles gleich von Hand abzuspülen, denn das Geschirr aus dem Geschirrspüler ist häufig nicht sauber genug. Dies liege an den schlechteren Spülmitteln, die aufgrund von Umweltauflagen zu wenig aggressiv seien, so Jeffrey. Die Menschen würden durch diese steigende Frustration dazu verleitet, neue Geschirrspüler zu kaufen. Das würde die Enttäuschung aber nur vergrößern: Aufgrund anderer Auflagen sei die verwendete Wassermenge in neueren Geschirrspülern geringer, dadurch bleibt noch mehr Schmutz am Geschirr. Jeffrey meint, es sei das bewußte Ziel der Politik, sich als Erziehungsberechtigte aufzuspielen und die Menschen zum Geschirrspülen von Hand zu drängen. Dasselbe geschehe beim Wäschewaschen, nach dem Verbot der Phosphate hätten die Waschmittel an Wirkkraft verloren.
Dahinter stünde die Ideologie des chiliastischen Sozialismus, der die Nachfolge des marxistischen angetreten habe. Der erste Vertreter dieser Richtung sei John K. Galbraith gewesen, der Kapitalismuskritik nicht mehr als Kritik am Mangel formuliert und Sozialismus als Wohlstandsrezept gepriesen habe, sondern umgekehrt den Kapitalismus für den geschaffenen Wohlstand kritisierte, der die Menschen verschlechtere. Darum sei nun eine bewußte Verarmungspolitik im Gange, die oft unter dem Deckmantel des Umweltschutzes stattfinde. Jeffrey erwähnt das Buch, das der Umweltbewegung einst den Gründungsimpetus gab, Silent Spring von Rachel Carson. Sie malte das Schreckgespenst eines stummen Frühlings an die Wand, der bald eintreffen würde, sobald alle Vögel an den Folgen von DDT verstorben seien. Daraufhin wurde DDT verboten.
Jeffrey macht die Unterdrückung von Insektiziden für eine aktuelle Epidemie von Bettwanzen verantwortlich, die derzeit die USA heimsucht. Das Mittelalter kehre in dieser Form zurück. Andere Beispiele für Rückschritt seien die Beschränkung der Wassermenge in Klospülkästen, sodaß sich Amerikaner nun intensiver mit ihren Fäkalien auseinandersetzen müssen, die Beschränkung der Boilertemperatur, sodaß man auf heißes Wasser verzichten müsse, und vorgeschriebene Benzinkanister, die unbrauchbar seien. All dies löse stille Revolten aus, so würden bereits FCKWs auf dem Schwarzmarkt gehandelt.
Das letzte Mal schrieb ich vom Glühbirnenverbot, das uns wohl bald die Rückkehr zum Kerzenlicht ersehnen lassen wird. Mit großem Schrecken fand ich im türkischen Supermarkt, wo ich meine Glühbirnenreserven aufstocken wollte, nur ein Regal mit teuren Gefängnislampen, wie sie bei uns Vorschrift sind. Die Türkei kopiere, so sagte man mir dort, den EU-Gesetzeswahn, um die Beitrittschancen zu erhöhen. Das kann ich mir schwer vorstellen, hier würde ich eher geschicktes Lobbying vermuten. Oder aber unternehmerisches Versagen, sodaß türkische Produzenten die Vernichtung der europäischen Glühbirnenproduktion nicht kompensieren können. Leider ist auch der türkische Boom eine Blase und nicht einem plötzlichen Erwachen des Unternehmergeist geschuldet. Allein in der Region um Bodrum stehen 250.000 Immobilien leer und warten auf Käufer. Kleine Villen auf kleinen Grundstücke innerhalb von verwaisten Gated Communities, abgeriegelten Siedlungen mit Meerblick, die einst für die machthabenden Generäle gebaut wurden, sind ab 500.000 € im Angebot. Angesichts des Renovierungsaufwands vollkommen überhöhte Preise. Der parasitäre Staatsapparat saugt kräftig an der Blase mit, mittlerweile hat die Türkei steuerbedingt die höchsten Treibstoffpreise überhaupt, was angesichts des geringen Durchschnittseinkommens einen gewaltigen Rückschritt darstellt, wenn man Jeffreys Maßstab anlegt.
Freilich, sein Fortschrittsoptimismus ist für meinen Geschmack zu enthusiastisch. Vielleicht ist es ein besseres Leben, das mit einer einzigen Eßschale auskommt, die man nach den Mahlzeiten sofort meditativ abspült, sodaß nichts antrocknet. Nach einer die Sinne überlastenden Zeit kommt die Besinnung auf das Zen des Alltags, das Zelebrieren der kleinen Dinge des Lebens, gerade recht. Ich möchte mir das aber selbst aussuchen. Die verordnete Armut hat nichts Romantisches, nichts Asketisches. Vielleicht folgt es aber einer inneren Notwendigkeit, daß nach dem politisch produzierten Scheinwohlstand auch die darauffolgende Armutsenttäuschung politisch beschleunigt wird.
Dennoch ist es mir wichtig, die Fortschrittsbegeisterung ein wenig zu hinterfragen, vor allem wenn sie allzu enthusiastisch über Quantitäten ist und die Qualitäten dabei vergißt. Jeffrey selbst ist ja ein solch sympathischer Exzentriker, daß er durch und durch anachronistisch wirkt, und man seiner Persönlichkeit die Fortschrittsbegeisterung nicht so recht abnehmen will, wodurch sie Ideologieverdacht auslöst. Interessanterweise war für ihn eines der Ärgernisse, die dazu führten, daß er das Mises Institut verließ, die Durchsetzung der pragmatischen Quantität gegenüber der romantischen Qualität. Offenbar machte der Altpräsident des Instituts den schönen Flügel, der dem Institut gespendet worden war und an dem Jeffrey die Miseskreislieder zum Besten zu geben pflegte, zu schnellem Geld, um das trotz hoher Spendeneinnahmen erstmals aufgelaufene Institutsdefizit zu lindern. (Wie erwähnt, korrelieren Vermögen und Liquidität eher negativ – das Institut hat dank der aufgrund der US-Mentalität sowohl höheren Spendenbereitschaft als auch bestehenden Möglichkeit, Menschen um Vermächtnisse zu bitten, ohne geschmacklos zu wirken, bereits 18 Millionen US\$ Stiftungsvermögen angesammelt). Ich bitte meine Leser, darüber Diskretion zu bewahren.
Die faustische Versuchung
So sei nun noch eine korrektive Dosis C.S. Lewis angebracht, um den faustischen Aspekt des Fortschritts erneut zu thematisieren. Lewis sieht darin dunkle Magie, die einen hohen Preis habe:
Es handelt sich um den Tauschhandel des Magiers: Gib deine Seele, erhalte Macht. Doch sobald wir unsere Seele, also uns selbst aufgegeben haben, gehört uns auch die verliehene Macht nicht mehr. Wir werden nämlich zu Sklaven und Marionetten dessen, woran wir unsere Seele verloren haben. (Lewis 1943/2001, S. 72)
Das ist ein überaus wichtiger und interessanter Gedanke. Lewis deutet das religiöse Konzept des Seelenverlustes psychologisch und macht es dadurch für moderne Ohren, die meist religiös unmusikalisch sind, verständlich. Technik, wo sie faustisch wird, ermöglicht es uns, Dinge bequemer und schneller zu erledigen, die wir ansonsten gar nicht täten; Dinge, die nicht ein freier Ausfluß unserer Persönlichkeit (Seele) sind, sondern die sich unserer bemächtigen, weil das Ich nicht wachsam genug und zu bequem ist. Ähnlich ist es bei der oberflächlichen Macht- und Erfolgsorientierung unserer Tage, dem zynischen Pragmatismus, der Lebensphilosophie der Angepaßten. Das Funktionieren im System hat den Preis des Persönlichkeitsverlustes; die Menschen werden an ihren Positionen vollends ersetzbar, sie wirken wie seelenlose Zahnräder. Fast alle handeln im selben Kontext fast genauso, denn die Anreize, denen sie sich hingaben, sind letztlich übermächtig. C.S. Lewis setzt seinen Gedanken so fort:
Es gibt sogar Leute, die über das 16. Jahrhundert schreiben, als ob Magie ein Überbleibsel des Mittelalters und die Wissenschaft die Neuheit gewesen wäre, die an ihre Stelle trat. Jene, die das Zeitalter studiert haben, wissen es besser. Es gab sehr wenig Magie im Mittelalter: das 16. und das 17. Jahrhundert waren die Hochzeiten der Magie. Das ernsthafte magische und das ernsthafte wissenschaftliche Unterfangen sind Zwillinge: eines kränkelte und starb, das andere war stark und lebte auf. Aber sie waren Zwillinge, geboren aus demselben Impuls. Zugegeben, einige (sicher nicht alle) der frühen Wissenschaftler wurden von reiner Wahrheitsliebe angetrieben. Doch, wenn wir die Gemütshaltung jenes Zeitalters als ganzes betrachten, können wir den erwähnten Impuls beiseite lassen. Etwas eint Magie und angewandte Wissenschaft, während es beide von der „Weisheit“ früherer Zeitalter trennt. Für die Weisen der Vergangenheit bestand das Hauptproblem darin, wie die Seele an die Realität anzupassen sei; die Lösung war Wissen, Selbstdisziplin und Tugend. Für Magie und angewandte Wissenschaft besteht das Problem darin, wie man die Realität an die menschlichen Wünsche anpassen kann; die Lösung ist eine Technik. Beide sind, bei der Anwendung dieser Technik, bereit, Dinge zu tun, die bislang als ekelerregend und gottlos betrachtet wurden – wie etwa das Ausgraben und Verstümmeln der Toten. (S. 76)
Lewis zeigt zur Unterstützung seiner These die Ähnlichkeiten zwischen Francis Bacon, dem Archetyp des modernen Wissenschaftlers, und Faust, nach der Ende des 16. Jahrhunderts von Christopher Marlowe verfaßten Version der Legende. Faust ist nicht durch Wissensdurst, sondern Machthunger angetrieben. Bei Marlowe doziert Doktor Faustus:
These metaphysics of magicians,
And necromantic books are heavenly;
Lines, circles, scenes, letters, and characters;
Ay, these are those that Faustus most desires.
O, what a world of profit and delight,
Of power, of honour, and omnipotence,
Is promis'd to the studious artizan!
All things that move between the quiet poles
Shall be at my command: emperors and kings
Are but obeyed in their several provinces;
But his dominion that exceeds in this,
Stretcheth as far as doth the mind of man;
A sound magician is a demigod:
Here tire, my brains, to gain a deity. (Marlowe 1616)
Diese Metaphysiken der Magier,
und die Bücher der Totenbeschwörer sind himmlisch;
Linien, Kreise, Ansichten, Buchstaben und Zeichen;
ach, danach begiert Faustus.
O, welch Welt des Profits und Vergnügens,
der Macht, Ehre und Omnipotenz,
ist dem gelehrten Techniker verheißen!
Alles, was sich zwischen den ruhenden Polen regt,
soll meinem Befehl untertan sein: Kaisern und Königen
gehorcht man nur in ihren Ländern;
doch seine Herrschaft, die die ihre darin übertrifft,
reicht so weit wie der menschliche Geist;
ein guter Magier ist ein Halbgott:
So strenge dich hierbei an, mein Hirn, um Göttlichkeit zu erlangen.
Francis Bacon verwarf die Magie, aber nur, weil er sie für wirkungslos hielt. Daß es ihm auch letztlich um Macht ging, ist aus seiner Persönlichkeit und Karriere ersichtlich. So ist es kein Zufall, daß der Begründer der modernen, angewandten und technischen Wissenschaft zugleich ein Jurist und Politiker war und die Utopie Nova Atlantis verfaßte. Geradezu prophetisch identifizierte er das neue Atlantis mit Amerika und beschrieb eine Welt höchster Arbeitsteilung und größten Massenwohlstands. Er schreibt in seinem Werk The Advancement of Learning (1605) über die Zwecke des Strebens nach Wissen:
Doch der größte Fehler von allen ist die Verwechslung des letzten Zweckes des Wissens. Denn mal werden die Menschen aus natürlicher Neugier und Forschungshunger vom Verlangen nach Lernen und Wissen ergriffen, mal, um ihre Geister mit Vielfalt und Vergnügen zu unterhalten, mal als Zierde und Ruhm, mal, um durch Schlauheit und Widerspruch einen Sieg zu erringen, zumeist jedoch für Gewinn und Lohn, selten, um die Gabe ihres Verstandes aufrichtig in den Dienst der Mitmenschen zu stellen. So scheint es, als ob im Wissen eine Ruhestätte für einen suchenden und ruhelosen Geist gesucht würde, oder eine Terrasse für einen wandernden und wechselhaften Geist, um bei guter Aussicht herumzuspazieren, oder einen stattlichen Turm für einen stolzen Geist, um sich darauf zu erheben, oder eine Festung für Kampf und Wettstreit, oder einen Laden für Profit und Verkauf; und eben kein offenes Lagerhaus zu Ehren des Schöpfers und zur Erleichterung des menschlichen Daseins. \[…\]
Ich habe es auch nicht im Sinn, wie man von Sokrates sagt, die Philosophie vom Himmel herunter zu rufen, um der Erde Lehren zu erteilen – also die Naturphilosophie zu übergehen und das Wissen nur auf Sitten und Politik anzuwenden. Da sowohl Himmel als auch Erde zusammenspielen, um dem Nutzen des Menschen dienlich zu sein, so sollte der Zweck darin bestehen, aus beiden Philosophien leere Spekulation auszuscheiden und alles, was solide und fruchtbar ist, zu erhalten und zu mehren; sodaß das Wissen nicht bloß eine Kurtisane für Vergnügen und Eitelkeit oder eine Sklavin ist, zu erwerben und zu gewinnen für ihres Herren Gebrauch, sondern eine Gemahlin, die Fortpflanzung, Ertrag und Wohlbefinden bringt. (Bacon 1605/1893 V. 11)
Seinssprünge
Das klingt nicht unvernünftig; doch der in Bacons Denken enthaltene realistische Fortschrittsoptimismus gerät leicht zur Ideologie, die dann paradoxe Folgen hat. Der Fortschrittsgläubige gerät in aller Regel darüber in Ernüchterung, daß der Mensch bei allem Fortschritt Mensch bleibt. Diese Ernüchterung nicht stoisch zu ertragen, bewegt leicht zu einer chiliastischen, bzw. millenarischen Perspektive. Ersteres Fremdwort ist vom griechischen Wort, letzteres vom lateinischen Wort für Tausend abgeleitet. In Anlehnung an das tausendjährige Friedensreich nach dem jüngsten Gericht werden damit Ideologien bezeichnet, die ein irdisches Paradies anstreben und darin den Sinn der Geschichte sehen. Wie bei allen Ideologien sind sich die Extreme von gegenüberliegenden Seiten nahe: Ideologie ist die Unfähigkeit, das rechte Maß als Spannung zwischen den Dilemmata des menschlichen Daseins zu halten, sodaß man in ein Extrem abgleitet. Die Ernüchterung über die menschliche Natur kann hierzu in zwei Extreme kippen: Auf der einen Seite der übertriebene Optimismus, der das Konzept der Ursünde als Alibi für weltliche Machtansprüche verachtet. Auf der anderen Seite der übertriebene Pessimismus, der meist als „Realismus“ auftritt. Eric Voegelin spricht hierbei vom nihilistischen Irrtum, wobei er so manch philosophischen Hanswurst im Sinne hat:
Diese Annahme des Nihilisten, daß seine persönliche Nichtigkeit das Maß des Menschen sei, ist der große Irrtum des „Realismus“. (Voegelin 2002, S. 199)
Voegelin legt besonderes Augenmerk auf geschichtsphilosophische Brüche. Der Mensch steht hinsichtlich seiner eigenen Geschichte im Dilemma: Entweder angesichts des vermeintlichen Unsinns der Geschichte deprimiert werden oder selbst die Geschichte mit einem Sinn zu überfrachten. Beide Extreme ähneln sich hinsichtlich ihrer Folgen, beide sind, wie alle ideologischen Häresien, gefährlich. Die politische Bedeutung der Geschichtsphilosophie, also Sinngebung der Geschichte, erklärt Voegelin so:
Das primäre Feld der Ordnung ist die einzelne Gesellschaft menschlicher Wesen, die sich für Aktionen zum Zweck der Selbstbehauptung organisiert. Wäre die menschliche Art jedoch nichts anderes als eine Vielfalt solcher Agglomerate, die alle wie in den Insektenstaaten unter dem Zwang des Instinkts denselben Ordnungstyp aufweisen, dann gäbe es keine Geschichte. Menschliche Existenz in Gesellschaft hat Geschichte, weil sie über eine Dimension des Geistes und der Freiheit jenseits bloßer animalischer Existenz verfügt, weil soziale Ordnung eine Grundeinstimmung des Menschen in die Ordnung des Seins darstellt und weil diese Ordnung vom Menschen verstanden und in der Gesellschaft mit zunehmender Annäherung an ihre Wahrheit realisiert werden kann. Jede Gesellschaft ist zum Überleben in der Welt organisiert, ebenso aber auch zur Partnerschaft in der Ordnung des Seins, die ihren Ursprung im welttranszendenten göttlichen Sein hat; sie muß mit dem Problem ihrer pragmatischen Existenz fertigwerden, sich aber zugleich mit der Wahrheit ihrer eigenen Ordnung beschäftigen. Dieses Ringen um die Wahrheit der Ordnung ist die Substanz der Geschichte … (S. 17f)
Wir sind also wieder einen Band weiter im epischen Werk Voegelins, der sich in diesem der antiken Philosophie widmet. Das antike Griechenland sieht er, neben dem Nahen Osten, als Wiege des abendländischen Denkens. Die kosmologische Weltsicht war gebrochen, der in die Welt geworfene Mensch erstrebte die Heilung seiner Wunden hier mittels der Philosophie, dort mittels einer Offenbarung:
Der Seinssprung, das epochale Ereignis, das die Kompaktheit des frühen kosmologischen Mythos bricht und die Ordnung des Menschen unmittelbar unter Gott stellt, ereignet sich — dies muß anerkannt werden — zweimal in der Geschichte der Menschheit, ungefähr zur gleichen Zeit, im Nahen Osten und in den benachbarten Zivilisationen der Ägäis. Zwar laufen beide Ereignisse zeitlich parallel und haben die Opposition zum Mythos miteinander gemein, doch sind sie voneinander unabhängig; und die beiden Erfahrungen unterscheiden sich von ihrem Inhalt her so grundlegend voneinander, daß sie sich in den zwei verschiedenen Symboliken der Offenbarung und der Philosophie artikulieren. Vergleichbare Brüche mit dem Mythos, ebenfalls von unterschiedlicher Beschaffenheit, ereigneten sich zudem gleichzeitig im Indien des Buddha und im China des Konfuzius und des Lao-tzu. (S. 17)
Die wahre Achse der Weltgeschichte müßte empirisch als ein Tatbestand gefunden werden, der für alle Menschen, die Christen eingeschlossen, Geltung hat; es hätte eine Epoche zu sein, in der geboren wurde, was seitdem der Mensch sein kann, eine überwältigende Fruchtbarkeit in der Gestaltung des Menschseins, gleichermaßen überzeugend für Orient und Okzident, so daß für alle Völker ein gemeinsamer Rahmen geschichtlichen Selbstverständnisses erwachsen würde. Eine solche Epoche findet sich in den geistigen Prozessen, die in China und Indien, im Iran, in Israel und Hellas zwischen 800 und 200 v. Chr. stattfanden, mit einer Konzentration um 500 v. Chr., als Konfuzius, Lao-tzu, Buddha, Deutero-Jesaja, Pythagoras und Heraklit derselben Generation angehörten. In dieser Achsenzeit „wird ein Mensch sich des Seins im Ganzen, seiner selbst und seiner Grenzen bewußt. Er erfährt die Furchtbarkeit der Welt und die eigene Ohnmacht. Er stellt radikale Fragen, er drängt vor dem Abgrund auf Befreiung und Erlösung. Indem er mit Bewußtsein seine Grenzen erfaßt, steckt er sich die höchsten Ziele. Er erfährt die Unbedingtheit in der Tiefe des Selbstseins und in der Klarheit der Transzendenz“. In dieser Epoche wurden die fundamentalen Kategorien geschaffen, mit denen wir bis auf den heutigen Tag denken, wurden die Grundlagen der Weltreligionen gelegt, von denen die Menschen bis auf den heutigen Tag leben. In jeder Hinsicht rückte die Menschheit zum Universalen vor. (S. 38)
Im Nahen Osten entstanden die heute geläufigen religiösen Riten. Voegelin interpretiert diese als wiederkehrende Reparationsversuche, um den Verfall der Gesellschaft zu überspielen. Das Neujahrsfest etwa soll alljährlich den Ordnungsverfall heilen. Irgendwann aber reichten die Riten nicht mehr aus; das zyklische Geschichtsverständnis wich einem linearen. Auch bei den alten Griechen dreht sich alles um die Krise und den Verfall. Die Wahrnehmung der Krise erwies sich als erstaunlich fruchtbar für das abendländische Denken; Krise ist offenbar unser natürlicher Grundzustand. Voegelin schildert die griechische Erfahrung so:
Das hellenische Geschichtsbewußtsein wird durch die Erfahrung einer Krise motiviert; die Gesellschaft selbst sowie der Verlauf ihrer Ordnung werden rückblickend von ihrem Ende her konstituiert. Das israelitische Geschichtsbewußtsein wird durch die Erfahrung einer göttlichen Offenbarung motiviert; die Gesellschaft wird durch die Antwort auf die Offenbarung konstituiert, und von diesem Anfang aus projiziert sie ihre Existenz in den offenen Horizont der Zeit. Das hellenische Bewußtsein gelangt durch das Verständnis der Unordnung zum Verständnis wahrer Ordnung — das ist der Prozeß, für den Aischylos die Formel „durch Leiden zur Weisheit" gefunden hat; das israelitische Bewußtsein beginnt, durch die Verkündigung der Zehn Gebote vom Sinai, mit dem Wissen wahrer Ordnung. Der mosaische und prophetische Seinssprung schafft die Gesellschaft, in der er sich vollzieht, in historischer Form für die Zukunft; der philosophische Seinssprung entdeckt die historische Form und mit ihr die Vergangenheit der Gesellschaft, in der er sich vollzieht. (S. 74)
Muß ganz schön übel gewesen sein, bei den alten Griechen. Sie verstanden unter Demokratie zwar noch etwas ganz anderes als die Prediger der heutigen Staatsreligion, aber der Pathos war trotzdem schon verdächtig. Ohne Ideale kommt der Mensch nicht aus, leider schafft er sich zur Not stets falsche. Voegelin beleuchtet einen interessanten Aspekt, wenn er den Realismus des Historikers Thukydides den Fluchtversuchen der Philosophen gegenüber stellt:
Wenn wir die von Thukydides beschriebene „Realität“ als apokalyptischen Alptraum begreifen, erreichen wir eine erste Annäherung an Platons oft mißverstandenen „Idealismus“ als den Versuch, einen Alptraum durch die Wiederherstellung der Realität zu überwinden. (S. 200)
Das meint wohl auch Eugen, wenn er von Weltflucht spricht – zu der ihn die „Realität“ bewege. Ich nahm ihm diese Formulierung übel, denn warum soll das ewige Tal der Tränen des Status quo realer sein als Ideen, wo es doch falsche Ideen sind, die diese Realität schaffen? Die Sehnsucht nach dem Wahren, Guten und Schönen mag eine Weltflucht sein, doch sie ist eine Flucht in die Welt aus den wahnsinnigen Illusionen, keine Flucht aus der Welt. Das ist mir wichtig, die Realität will ich nicht den „Realisten“ überlassen. Aus ihrem „Realismus“ werden falsche Ideale geboren, nämlich solche, die im Status quo funktionieren.
Der Stolz der Demokraten
Eines dieser Ideale ist die Demokratie. Im altgriechischen Sinne kann ich diesem Ideal noch etwas abgewinnen, aber nur wenn es so ernst genommen wird, daß man erkennt, wie unrealistisch es ist. Ich verstehe darunter die vollkommen unrealistische Hoffnung, daß sich die Mehrheit der Menschen wie eigenverantwortliche Bürger eines Gemeinwesens verhalten, die ein Zusammenleben ohne Gewalt und Betrug möglich machen, weil sie stets die Unordnung aufräumen, die weniger verantwortungsfähige Menschen hinterlassen: die zahlreichen Gemeinheiten, Kränkungen, Täuschungen, Affekte, Unduldsamkeiten, die den Frieden untergraben. Ich weiß, ich wiederhole mich.
Thukydides überlieferte die berühmteste Schilderung dieses Ideals, die aber schon allzu modern klingt, sich der politischen „Realität“ fügt und die gefährliche Schattenseite des Konzeptes aufzeigt. In der berühmten Leichenrede preist der Politiker Perikles, vielleicht der erste moderne Politiker überhaupt, die Heimat, für die es zu sterben lohnt. Solche Propaganda ist bei einem Milizsystem, der demokratischsten Form der Verteidigung, wohl unumgänglich. Perikles definiert die Demokratie hinreichend schwammig, sodaß all die Folgepolitiker, deren Charakter sukzessive mangelhafter wird, dieses Ideal zur Machtausdehnung mißbrauchen konnten:
Wir leben nämlich unter einer Verfassung, die nicht die Einrichtungen anderer nachäfft; vielmehr dienen wir selber eher als Vorbild, als dass wir andere nachahmen sollten. Der Name, den sie trägt, ist zwar der der Volksherrschaft, weil die Macht nicht in den Händen weniger, sondern einer größeren Zahl von Bürgern ruht; ihr Wesen aber ist, dass nach den Gesetzen zwar alle persönlichen Vorzüge niemandem ein Vorrecht verleihen, hinsichtlich seiner wirklichen Geltung aber jeder, wie er sich in etwas auszeichnet, im Staatsdienst seine volle Anerkennung findet: eine Anerkennung, die nicht auf Parteigetriebe, sondern auf wirklichem Verdienst ruht. (Thukydides 2,34-46)
Sogleich taucht in der Rede die Schattenseite der Idee auf, es scheint sich dabei um eine psychologische Notwendigkeit zu handeln. Demokratie, ob in ihrer Idealform oder ihrer vielmißbrauchten Zerrform, geht mit dem Laster des Stolzes einher. Ist das Ideal nahe, was nur in sehr kleinen Einheiten überhaupt denkmöglich ist, so ist der Stolz zumindest berechtigt, aber schwächt zugleich das Ideal, weil die Anstrengungen zu seiner Aufrechterhaltung schwinden. Die tüchtigen Bürger klopfen sich gegenseitig auf die Schultern und erliegen dem Halo-Effekt. Sie beginnen, die seltene Phase institutioneller Stabilität und vorübergehenden Friedens mit allerlei Eigenschaften zu assoziieren, die zufällig sind. Dies begünstigt einen gewissen Strukturkonservatismus, in Wien spricht man von der „mirsanmir“-Mentalität. Hier der Stolz in der altgriechischen Fassung:
Denn auch das haben wir vor allen voraus, dass wir zugleich am meisten voll kühnen Mutes sind und bei unseren Unternehmungen am sorgfältigsten zu Rate gehen, während bei den anderen der Mangel an Überlegung Kühnheit, die Berechnung dagegen Zaghaftigkeit hervorruft. Für die geistig Tüchtigsten aber wird man mit Recht die erklären, die Gefahr und Genuss am klarsten erkennen, ohne deshalb vor Gefahren zurückzuschrecken. \[…\]
Auch an Adel der Seele stehen wir im Gegensatz zu den meisten. Denn wir suchen uns unsere Freunde zu erwerben, indem wir ihnen Gutes erweisen, nicht aber Gutes von ihnen empfangen. Man kann aber sicherer auf den rechnen, der Gutes erwiesen hat; denn er ist zu immer neuen Wohltaten bereit, um die Verpflichtung dessen, dem er sie erwiesen hat, nicht erlöschen zu lassen. Dagegen ist auf denjenigen weniger zu bauen, der nur eine Wohltat zu vergelten hat; denn er weiß, dass er nicht um Liebe zu gewinnen, sondern nur, um sich einer Verpflichtung zu entledigen, den Liebesdienst abtragen wird. \[…\]
Soll ich nun alles in wenigen Worten zusammenfassen, so ist einerseits die gesamte Stadt eine Bildungsstätte für Griechenland, andererseits wird, wie mir scheint, von unserem Geist beseelt der einzelne seine Person zugleich in größter Vielseitigkeit und anmutiger Gewandtheit tüchtig zeigen.
Und dass dies nicht ein für den Augenblick bestimmter Prunk mit Worten, sondern tatsächliche Wahrheit ist, lehrt allein schon die Macht unserer Stadt, die wir dieser Eigentümlichkeit unseres Wesens zu verdanken haben.
Denn sie allein übertrifft unter allen jetzigen Städten, da sie die Probe bestehen soll, ihren Ruf, und sie allein bietet weder dem angreifenden Feind Grund zum Unwillen, dass er solchem Gegner unterliege, noch dem Unterworfenen einen Grund zur Geringschätzung, als sei er nicht von Würdigen beherrscht.
Daher wird uns Mit- und Nachwelt mit Bewunderung betrachten; denn wir haben von unserer Macht großen Beweis gegeben und sie wahrlich nicht unbezeugt gelassen. Und so bedürfen wir keines Homers als Lobredners, noch sonst jemandes, der durch Dichtungen für den Augenblick ergötzt, während bald die tatsächliche Wahrheit alle jene Phantasiebilder zerstören wird. Meer und Land, die wir gezwungen haben, sich unserem kühnen Unternehmungsgeist aufzuschließen, und die ewigen Denkmale unserer Anwesenheit, im Guten und im Schlimmen, die wir überall gestiftet haben, werden unsere Zeugen sein.
Extrem dick aufgetragen, aber immerhin ehrlich. Perikles hat seinen Kopf selbst hingehalten; und Kriege mehren den Stolz. Allerdings in einer ganz anderen Weise als dies Kriegspropagandisten glauben machen. Je höher der Preis, desto wichtiger die Rationalisierung. Ein ähnliches psychologisches Phänomen, das in der Wirtschaft von Bedeutung ist und dem Placebo-Effekt in der Medizin analog ist, schilderte ich in den Scholien 02/11. Wenn eine Familie Söhne verloren hat, würde der Verlust noch unerträglicher, wenn er sinnlos war. Darum sind solche Familien, wie auch Veteranen, besonders empfänglich für nachträgliche Kriegsrationalisierungen. Dies ist auch einer der wesentlichen Gründe, warum gilt: war is the health of the state, wie Randolph Bourne so richtig erkannte:
Krieg ist das Heil des Staates. Er setzt in der ganzen Gesellschaft jene unwiderstehlichen Kräfte der Uniformität und der leidenschaftlichen Kooperation mit dem Staat in Gang, um die Minderheiten und Individuen zum Gehorsam zu zwingen, denen es an stärkerem Herdentrieb mangelt. \[…\] Krieg – oder zumindest moderner Krieg, der von einer demokratischen Republik gegen einen mächtigen Gegner geführt wird – scheint für eine Nation fast alles zu erreichen, was der wütendste politische Idealist ersehnen kann. Die Bürger sind ihrer Regierung gegenüber nicht mehr indifferent, sondern jede Zelle des politischen Körpers schwirrt vor Leben und Aktivität. \[…\] In einer Nation, die sich im Krieg befindet, indentifiziert sich jeder Bürger mit dem Ganzen und fühlt sich dadurch extrem gestärkt. \[…\] Aus keinem religiösen Motiv hätte die amerikanische Nation solch eine Hingabe, Aufopferung und Leistung gezeigt. \[…\] Doch für einen offensiven Verteidigungskrieg, geführt im Namen einer schwierigen Aufgabe unter der Losung der „Demokratie“, erreichte sie die höchste je gekannte Stufe kollektiver Anstrengung. (Bourne 1918)
Ganz anders als der Stolz von Perikles ist jener der EU-Nationalisten, jener gefährlichen millenarischen Sekte, die sich in Brüssel, Straßburg, Luxemburg und Frankfurt eingenistet hat. Es ist kein Zufall, daß die „Verfassung Europas“, jenes propagandistische Ermächtigungsdokument, mit dem im Namen der Demokratie die Herrschaft falscher Eliten zementiert werden sollte, Perikles, d.h. Thukydides zitiert – direkt am Anfang des Dokumentes. Im dadurch inspirierten Pathos hieß es da:
In dem Bewusstsein, dass der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner, die ihn seit Urzeiten in immer neuen Schüben besiedelt haben, im Laufe der Jahrhunderte die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft,
Schöpfend aus den kulturellen, religiösen und humanistischen Überlieferungen Europas, deren Werte in seinem Erbe weiter lebendig sind und die zentrale Stellung des Menschen und die Unverletzlichkeit und Unveräußerlichkeit seiner Rechte sowie den Vorrang des Rechts in der Gesellschaft verankert haben,
In der Überzeugung, dass ein nunmehr geeintes Europa auf diesem Weg der Zivilisation, des Fortschritts und des Wohlstands zum Wohl all seiner Bewohner, auch der Schwächsten und der Ärmsten, weiter voranschreiten will, dass es ein Kontinent bleiben will, der offen ist für Kultur, Wissen und sozialen Fortschritt, dass es Demokratie und Transparenz als Wesenszüge seines öffentlichen Lebens stärken und auf Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität in der Welt hinwirken will,
In der Gewissheit, dass die Völker Europas, wiewohl stolz auf ihre nationale Identität und Geschichte, entschlossen sind, die alten Trennungen zu überwinden und immer enger vereint ihr Schicksal gemeinsam zu gestalten,
In der Gewissheit, dass Europa, "in Vielfalt geeint", ihnen die besten Möglichkeiten bietet, unter Wahrung der Rechte des Einzelnen und im Bewusstsein ihrer Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen und der Erde dieses große Abenteuer fortzusetzen, das einen Raum eröffnet, in dem sich die Hoffnung der Menschen entfalten kann,
In dankender Anerkennung der Leistung der Mitglieder des Europäischen Konvents, die diese Verfassung im Namen der Bürgerinnen und Bürger und der Staaten Europas ausgearbeitet haben,
\[Sind die Hohen Vertragsparteien nach Austausch ihrer in guter und gehöriger Form befundenen Vollmachten wie folgt übereingekommen:\]
Artikel 1: Gründung der Union
\(1) Geleitet von dem Willen der Bürgerinnen und Bürger und der Staaten Europas, ihre Zukunft gemeinsam zu gestalten, begründet diese Verfassung die Europäische Union, der die Mitgliedstaaten Zuständigkeiten zur Verwirklichung ihrer gemeinsamen Ziele übertragen. \[…\]
\(2) Die Union steht allen europäischen Staaten offen, die ihre Werte achten und sich verpflichten, ihnen gemeinsam Geltung zu verschaffen.
Artikel 2: Die Werte der Union
Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte; diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und Nichtdiskriminierung auszeichnet.
Die babylonische Versuchung
Das Laster des Stolzes ist eng mit dem der Hybris verwandt. Ich bin den EU-Nationalisten gegenüber so kritisch, bis hin zur Polemik, da ich davon überzeugt bin, daß heute die größte Gefahr nicht von irgendwelchen Extremisten ausgeht, sondern von „Demokraten“ aus der „politischen Mitte“. So wie der alte Nationalismus, der eine Einigungsbewegung aus besten Motiven war, entstand auch der neue in einem urbanen Umfeld – die alte babylonische Versuchung. Diese ist noch schlimmer als die faustische, denn letztere ist individuell und dadurch begrenzter, erstere jedoch eine orchestrierte Kollektivanstrengung. Wenngleich freilich viele moderne Fauste dirigieren. Weil sie ihre Seele dafür aufgeben, kann ihnen das Ergebnis jedoch niemals Freude bereiten, die Kakophonie führt zu immer heftigeren Bemühungen, und diese führen zu immer größerer Dissonanz.
Die babylonische Versuchung entsteht aus der urbanen Konzentration von Wohlstand. Die Arbeitsteilung erreicht in Zentren eine verblüffende Verdichtung. Zunächst wächst so der Stolz des freien Bürgertums. Solange die Städte frei sind, gedeiht hier Demokratie in ihrer ursprünglichsten Bedeutung; mit dem Idealbild hat aber auch diese beste denkbare Form nicht allzu viel gemeinsam. Da nicht jeder gleiche Mittel, Bedeutung, Geschick im Umgang mit den Mitmenschen hat, bilden sich Oligarchien. Im besten Falle sind es Finanzoligarchien, denn der wirtschaftliche Erfolg in einer freien Stadt ohne weit darüber hinausreichenden Unterdrückungsapparat ist zumindest ein guter Hinweis auf eine gewisse Tüchtigkeit in der Verwaltung anvertrauter Mittel. Im schlimmsten Falle sind es politische Oligarchien, ohne Staatsgewalt sind das die Oligarchien der Schwätzer, derjenigen die aufgrund ihrer Unbrauchbarkeit schlicht mehr Zeit haben als die anderen. Das ist die Tyrannei des Gesäßes, die Bemächtigung aufgrund des Sitzfleisches, eines der wichtigsten parteipolitischen Selektionsverfahren: Die für ihre Mitmenschen völlig Unbrauchbaren und Undienlichen bleiben als politischer Bodensatz sitzen, denn sie kann man am einfachsten entbehren, um damit Ausschüsse und Versammlungen zu füllen. Viel schlimmer aber sind die Oligarchien der Staatsgünstlinge, sobald die Städte ihre Freiheit verlieren, denn dann können sich die ansonsten leicht zu belächelnden und zu ignorierenden Schwätzerstammtische mit ihren ewigen Satzungs- und Programmdiskussionen eines Gewaltapparates bemächtigen und ihre Mitmenschen nach ihrer Pfeife tanzen lassen.
Die Ausrede dieser ekelhaftesten aller Tyrannen ist stets: Es kann doch ein jeder mitschwätzen! Also schwätzen wir im Namen aller Bürger! Schwupps, haben sich die „Hohen Vertragsparteien“ schon selbst ermächtigt. Die unglaubliche logistische Meisterleistung der Versorgung einer Stadt, die allein durch freie Arbeitsteilung und spontane Koordination über Märkte von statten geht, halten diese Typen dann irgendwann für ihre eigene Leistung. Der zusammengeballte Wohlstand in Städten läßt Parasiten nicht so leicht auffallen. Am Anfang sind es diejenigen, die noch sitzenbleiben und auf Ratskosten saufen, wenn diejenigen schon längst schlafen gegangen sind, die am nächsten Tag einer ehrlichen Arbeit nachgehen müssen. Das bißchen Alkohol fällt nicht ins Gewicht, da will man nicht kleinlich sein; leider übernehmen irgendwann die sitzenbleibenden Säufer den Rat. Diese Versuchungen des urbanen Umfelds sind eben babylonisch: Die Wohlstandsverdichtung, die Mitesser anzieht, der falsche Stolz auf „kollektive Errungenschaften“ und die Hybris, welche Errungenschaften noch möglich wären, wenn man die Schwätzer, die alles besser wissen, nur befehlen ließe. So geht die freie Stadt verloren, die Oase der Kultur, die sich im Mittelalter in den Wüstungen der zerfallenen antiken Zivilisationen füllte. Einerseits verfetten die Städte selbst und erkranken am Etatismus, andererseits unterliegen sie der etatistischen Gier. Fernand Braudel schildert dies in seiner berühmten Wirtschaftsgeschichte:
Mit dem Beginn der Neuzeit können wir in ganz Europa beobachten, wie der Staat, kaum hat er seine Stellung gefestigt, die Städte oft unter Anwendung von Gewalt mit instinktiver Härte in ihre Schranken weist. Diese Politik verfolgen unabhängig voneinander die Habsburger wie die Päpste, die deutschen Fürsten wie die Medici oder die Könige Frankreichs. Außer in den Niederlanden und in England wird überall Gehorsam erzwungen. (Braudel 1985, S. 569)
Im Paris des 18. Jahrhunderts sieht die städtische Bilanz etwa so aus: Handelsgewinnen von 20 Millionen Livre stehen 140 Millionen aus Staatsrenten und Gehältern gegenüber. Berlin zählt 1783 bei 141.283 Einwohnern bereits 56.000 Staatsbedienstete. Braudel schließt:
Alle Reisen in die Vergangenheit führen zum selben Schluß: Immer muß der Luxus der Hauptstädte von anderen finanziert werden, keine könnte von ihrer eigenen Arbeit leben. Papst Sixtus V. (1585-1590), ein eigensinniger Bauer, kann das damalige Rom nicht begreifen; er möchte es zur „Arbeit anhalten“, Gewerbe ansiedeln, ein unrealistisches Projekt, das ohne weiteres Zutun der Menschen an der Wirklichkeit scheitert. Sébastian Mercier und einige andere träumen davon, Paris in einen Seehafen umzuwandeln und so neu zu aktivieren. Doch wie das Beispiel Londons, des damals größten Hafens der Welt, zeigt, wäre die Stadt auch dann als parasitärer Organismus dem Land auf der Tasche gelegen. (S. 592)
Ich schreibe bewußt von einer babylonischen Versuchung, nicht von einer babylonischen Verschwörung. Voegelin weist nach, daß seit dem 18. Jahrhundert die Geschichtsspekulation den europäischen Geist im Bann hält – damit meint er auch allerlei pseudoreligiöse Heilslehren. Auf dem Boden ideologischer Verseuchung braucht es nicht viel, um die Psyche des Menschen zur Flucht auf babylonische Türme zu treiben. Der Massenkontext der degenerierten Stadt ist dabei wohl einer der bedeutendsten Treiber. Die Bedeutung der Masse wird schon darin ersichtlich, daß man nur hinreichend viele Menschen auf engen Raum locken muß, um massive Zerstörung bis hin zu Randalen heraufzubeschwören – dies dokumentieren die sogenannten „Facebook-Parties“ gut.
Konrad Adenauer
Doch ich will es mir nicht zu leicht machen und ideologische Gegner bloß geistiger Randale bezichtigen. Verblüffenderweise war einer der wichtigsten Vorantreiber des babylonischen EU-Projektes ein überaus pragmatischer Politiker, der eben die Vermassung der Menschen fürchtete und vermeiden wollte. Ein grundanständiger Mensch, selbstlos und tüchtig: Konrad Adenauer. Ich habe seine Erinnerungen studiert. Darin schreibt er:
Das deutsche Volk krankte seit vielen Jahrzehnten in allen seinen Schichten an einer falschen Auffassung vom Staat, von der Macht, von der Stellung der Einzelperson gegenüber dem Staat. Es hatte den Staat zum Götzen gemacht und auf den Altar erhoben; die Einzelperson, ihre Würde und ihren Wert hatte es diesem Götzen geopfert.
Die Überzeugung von der Staatsomnipotenz, von dem Vorrang des Staates und der im Staat gesammelten Macht vor allen anderen, auch den ewigen Gütern der Menschheit, ist zuerst nach dem siegreichen Krieg von 1870/71 und dem sich anschließenden stürmischen wirtschaftlichen Aufstieg in Deutschland zur Herrschaft gelangt.
Die schnell zunehmende Industrialisierung, die Zusammenballung großer Menschenmassen in den Städten und die damit verbundene Entwurzelung der Menschen machten den Weg frei für das verheerende Umsichgreifen der materialistischen Weltanschauung im deutschen Volk. Die materialistische Weltanschauung hat zwangsläufig zu einer weiteren Überhöhung der Macht und damit des Staates, in dem sich die Macht zusammenballte und verkörperte, zur Minderbewertung der ethischen Werte und der Würde des einzelnen Menschen geführt.
Die materialistische Weltauffassung des Marxismus hat zu dieser Entwicklung in sehr großem Umfange beigetragen. Wer eine Zentralisierung der politischen und der wirtschaftlichen Macht beim Staate oder bei einer Klasse erstrebt, wer demzufolge das Prinzip des Klassenkampfes vertritt, ist ein Feind der Freiheit der Einzelperson, er bereitet zwangsläufig den Weg der Diktatur im Fühlen und Denken seiner Anhänger vor. Daß diese Entwicklung zwangsläufig ist, zeigt die Geschichte solcher Staaten, in denen Karl Marx der Messias und seine Lehre das Evangelium ist.
Der Nationalsozialismus war nichts anderes als eine bis ins Verbrecherische hinein vorgetriebene Konsequenz der sich aus der materialistischen Weltanschauung ergebenden Anbetung der Macht und Mißachtung, ja Verachtung des Wertes des Einzelmenschen.
In einem Volk, das erst durch eine überspitzte und übertriebene Auffassung vom Staat, seinem Wesen, seiner Macht, den ihm geschuldeten unbedingten Gehorsam, dann durch die materialistische Weltanschauung geistig und seelisch vorbereitet war, konnte sich, sobald eine schlechte materielle Lage weiter Volkskreise eintrat, verhältnismäßig schnell eine Lehre durchsetzen, die nur den totalen Staat und die willenlos geführte Masse kannte, eine Lehre, nach der die eigene Rasse die Herrenrasse und das eigene Volk das Herrenvolk ist und die anderen Völker minderwertig, zum Teil vernichtungswürdig sind, nach der aber auch in der eigenen Rasse und im eigenen Volk der politische Gegner um jeden Preis vernichtet werden mußte.
Der Nationalsozialismus hatte den stärksten geistigen Widerstand gefunden in denjenigen katholischen und evangelischen Teilen Deutschlands, die am wenigsten der Lehre von Karl Marx, dem Sozialismus, verfallen waren.
Die Auffassung von der Vormacht, von der Allmacht des Staates, von seinem Vorrang vor der Würde und der Freiheit des Einzelnen widerspricht dem christlichen Naturrecht. Nach meiner Auffassung muß die Person dem Dasein und dem Rang nach vor dem Staate stehen. An ihrer Würde, Freiheit und Selbständigkeit findet die Macht des Staates sowohl ihre Grenze wie ihre Orientierung. Freiheit der Person bedeutet jedoch nicht Schrankenlosigkeit und Willkür. Sie verpflichtet jeden, beim Gebrauch seiner Freiheit immer der Verantwortung eingedenk zu sein, die jeder einzelne für seine Mitmenschen und für das ganze Volk trägt.
Nach meiner Auffassung muß der Staat eine dienende Funktion gegenüber der Person ausüben. Die materialistische Weltanschauung macht den Menschen unpersönlich, zu einem kleinen Teil in einer ungeheuren Maschinerie. Diese Weltanschauung halte ich für verderblich.
Der Sinn des Staates muß sein, die schaffenden Kräfte eines Volkes zu wecken, zusammenzuführen, zu pflegen und zu schützen. Wir mußten bei dem künftigen Wiederaufbau Deutschlands bemüht sein, das ganze Volk zu Verantwortungsbewußtsein und zu selbständigem politischen Denken zu erziehen. Der Staat muß eine auf Recht und Freiheit jeder einzelnen Person beruhende Schicksalsgemeinschaft sein, die die verschiedenen Interessen, Weltanschauungen und Meinungen zusammenfaßt. Wir mußten im künftigen Deutschland unsere Jugend zu politisch verantwortungsbewußten Menschen erziehen, nicht zu einer Bereitwilligkeit, sich kontrollieren und führen zu lassen, sondern zu dem Willen und der Fähigkeit, sich als freier Mensch verantwortungsbewußt in das Ganze einzuordnen. Diese Erziehung mußte nach meiner Überzeugung im christlichen und demokratischen Geiste erfolgen, und sie sollte allen jüngeren Menschen den Zugang zu ihnen bisher verschlossenen, jedoch allgemeingültigen menschlichen Überzeugungen und Haltungen öffnen.
In der heimatlosen, durcheinandergeschobenen, atomisierten Masse, als die sich unser Volk nach dem Kriege darstellte, mußte jeder Einzelne angesprochen und zu Selbstbewußtsein und Verantwortungsgefühl geführt werden. Wie weit das gelingen würde, schien mir die Schicksalsfrage unseres Volkes zu sein. (Adenauer 1965, S. 38ff)
Das ist die stärkste Passage aus seinen Erinnerungen, darum habe ich so ausführlich zitiert. Ansonsten erweckt seine politische Autobiographie den Eindruck einer gewissen Seelenlosigkeit. Adenauer war jemand, der bis ins hohe Alter tadellos funktionierte. Er ist der Paradepolitiker im Max Weberschen Sinne, ein hartnäckiger Bohrer dicker Bretter. Womöglich hat er Deutschland vor viel Unheil bewahrt, wahrscheinlich war der Preis dafür, die Saat für späteres Unheil zu legen. Aus obiger Passage klingt schon eine gewisse Überforderung des Staates heraus, die zumindest die Schienen in Richtung Hybris legt. Eine edle, eine liberale Absicht, klingt da auch noch zwischen den Zeilen durch: Der Staat soll die Menschen zur Verantwortung erziehen, sodaß sie dann auf eigenen Beinen stehen können und weniger Staat brauchen. Das ist freilich so unrealistisch wie die Gedanken und Ausreden aller „Realpolitiker“. Das Adenauersche Erziehungsprogramm war immerhin noch eines, das das Privateigentum betonte, freilich sogleich mit einer gefährlichen Einschränkung:
Ein besonderes Anliegen von mir kam in Punkt 10 des Wirtschaftsprogramms von Neheim-Hüsten zum Ausdruck. Dieser Punkt besagt: „Mäßiger Besitz ist eine wesentliche Sicherung des demokratischen Staates. Der Erwerb mäßigen Besitzes für alle ehrlich Schaffenden ist zu fördern.“ Ich wußte aus eigener Erfahrung und aus meiner Tätigkeit als Oberbürgermeister der Stadt Köln, was ein Haus und ein Garten für eine Familie bedeuten. Ich wußte auch aus eigener Erfahrung, wie wichtig eine gesunde Wohnung für das Leben der Familie und damit des Volkes ist. Ich legte daher großen Wert darauf, daß wir in unserem Programm dieser Frage unser besonderes Interesse widmeten. Es heißt in unserem Programm von Neheim-Hüsten: „Der Wiederaufbau zerstörter Städte und Ortschaften soll unter Vermeidung der Schäden vor sich gehen, die mit der Zusammendrängung der Menschen auf engem Raum verbunden sind. Der dafür benötigte Grund und Boden muß, soweit nötig, auf dem Wege der Enteignung beschafft werden.“ Wenn wir an den Wiederaufbau unserer zerstörten Städte und Ortschaften, unserer industriellen Unternehmungen gingen, dann wollten wir die Fehler, die in der Zeit der Industrialisierung und des Entstehens unserer großen Städte gemacht wurden, vermeiden. Die Zusammenballung großer Menschenmassen auf engstem Raum durfte sich unter keinen Umständen wiederholen. Ich erblickte seit vielen Jahren in der verfehlten Boden- und Siedlungspolitik der früheren Zeit eine der Hauptquellen für die Entwurzelung und innere Haltlosigkeit weiter Kreise unseres Volkes. Deshalb sah ich auf diesem Gebiet eine Aufgabe größten Ausmaßes und von vitaler Bedeutung für die Zukunft des deutschen Volkes. (S. 56)
Adenauer stand stets unter dem extremen Eindruck des Krieges. „Politisches“ Handeln im Notstand schien unausweichlich, d.h. das Handeln, das alle verfügbaren Ressourcen pragmatisch nützen muß, und seien es auch solche, die vor den Gewehrläufen der Besatzer angesammelt wurden. Nach dem schrecklichsten, zerstörerischsten Krieg aller Zeiten, in einem militärisch kontrollierten Gebiet, von Gnaden der Siegermacht im Amt, unter der ständigen Bedrohung, von der Sowjetunion verschluckt zu werden – da würde ich keinem Politiker große Vorhaltungen machen wollen, daß er letztlich eben doch „Politiker“ sei. Es geht mir mehr darum, die Dynamiken zu verstehen. Adenauer erklärte die Demokratie zur Weltanschauung, weil ihm der von den Amerikanern favorisierte Begriff recht kam, um darunter seine unter der Nazi-Diktatur gereifte christlich-humanistische Einstellung zu verpacken. So wurde aber der US-amerikanische, pseudoreligiöse democracy-Duktus im deutschen Diskurs übernommen und der europäische Idealismus, das ersehnte Wahre, Gute und Schöne, in das Kleid einer bestimmten Staatsordnung gesteckt. Adenauer „definiert“ genauso schwammig, wie es seitdem realpolitisch nötig ist:
Demokratie ist mehr als eine parlamentarische Regierungsform, sie ist eine Weltanschauung, sie wurzelt in der Auffassung von der Würde, dem Werte und den unveräußerlichen Rechten eines jeden einzelnen Menschen. Eine echte Demokratie muß diese unveräußerlichen Rechte und den Wert eines jeden einzelnen Menschen achten im staatlichen, im wirtschaftlichen und kulturellen Leben. Wer wirklich demokratisch denkt, muß Achtung vor dem anderen, vor dessen ehrlichem Wollen und Streben haben. (S. 41)
Vielleicht war es ein zu der Zeit nötiger Geniestreich, die democracy universalistisch auszudehnen, um den Besatzern zu vermitteln, daß auch Deutsche, trotz ihres kollektiven Wahnsinns, Anrecht auf Würde, Werte und Rechte hätten und es gegen die eigene Staatsreligion der Amerikaner wäre, die Deutschen unter dem Morgenthau-Plan hungern zu lassen anstatt sie ordentlich zu bewirtschaften. Vielleicht war es in dieser Zeit unausweichlich, gutgemeinte Pläne aufzustellen, nur um schlechtere Pläne zu durchkreuzen. Planwirtschaft war die Devise der Stunde. So kam der Marshall-Plan, und bis heute tun Politikgünstlinge gerne so, als wäre dieser die erfolgreichste Entwicklungshilfe aller Zeiten (die einzig erfolgreiche?). Das ist natürlich absurd, wenngleich sicherlich einige Not gelindert werden konnte – wobei viel Not eben auch prolongiert wurde. Adenauer war zunächst nichts anderes als ein einheimischer Nothilfekoordinator der Besatzer. Wie konnte er da anders als das Heil in „Sozialpolitik“ zu sehen, unter dem Beifall der Amerikaner? Die Aufhebung der Kommandowirtschaft jedoch, was wirklich erst die wirtschaftliche Erholung Deutschlands ermöglichte, mußte gegen deren Widerstand erfolgen. Adenauers defensive Schilderungen sind amüsant:
Ich sei mir darüber klar, daß wir bei der künftigen Regierungsarbeit eine soziale Politik betreiben müßten. Ich wisse, daß in der FDP auch Kräfte vorhanden seien, die, um es milde auszudrücken, stark unternehmerische Tendenzen hätten. Auch ich sei überzeugt, daß wir uns in den wichtigsten sozialen Fragen durchsetzen würden. Einige der führenden FDP-Persönlichkeiten wie Heuss und Blücher kenne ich als sozial sehr aufgeschlossene Männer. (S. 228)
Wer weiß, vielleicht ist die EU ja doch so eine Art langfristiger Morgenthau-Plan. Adenauer betrieb Realpolitik: „Sozial aufgeschlossen“ und „demokratisch“ verkaufte er seine Idee vom vereinten Europa, die ich jedem der Kriegsgeneration selbstverständlich verzeihe, den US-Medien als logische Fortführung der Besatzungsplanwirtschaft. Hier wird zwischen den Zeilen deutlich, wie wenig diese „Demokratie“ mit der ursprünglichen Wortbedeutung zu tun hat:
Die Saarverträge hatten in weiten Kreisen der deutschen Bevölkerung Zweifel hervorgerufen, ob der Wunsch und die Hoffnung Deutschlands auf ein gutes freundschaftliches Verhältnis zu Frankreich auch in Frankreich vorhanden seien. Man fragte sich, ob in Frankreich wirklich der ernste Wille bestehe, Deutschland als gleichberechtigtes Mitglied in den Kreis der Völker wieder einzuführen und es zur Mitarbeit am Wiederaufbau Europas und der Welt heranzuziehen. Man durfte weder bei uns noch außerhalb Deutschlands die Augen vor dieser Tatsache verschließen. Die Zweifel mußten beseitigt werden.
Um das gegenwärtige Stadium des Stillstandes und des Mißtrauens durch einen sichtbaren und entscheidenden Schritt nach vorwärts zu überwinden, machte ich am 7. März (1950) gegenüber dem amerikanischen Journalisten Kingsbury-Smith den Vorschlag für eine europäische Union. Ich war mir darüber klar, daß der Gedanke kühn war, und auch, daß seine Verwirklichung schwierig sein würde. Aber das durfte kein Hindernis sein, entschlossen an die Verwirklichung dieses Projektes heranzugehen. Die mit der Durchführung des Marshall-Planes verbundene wirtschaftliche Ordnung der europäischen Länder war ja schon zu einem großen Teil eine Verwirklichung dieses Planes. Das gleiche galt für den Europarat. Die Gefahr für Europa war groß, und nur kühne Gedanken und schnelle Taten konnten die Bildung Europas vorantreiben.
Ich machte in dem Interview mit Kingsbury-Smith das Angebot einer vollständigen Union Frankreichs und Deutschlands und bezeichnete dies als ein Mittel, alle Differenzen über die Saar und andere Probleme beizulegen. Die Union sollte ein Grundstein für die Vereinigten Staaten von Europa werden. Ich machte diesen Vorschlag zu einem Zeitpunkt, zu dem die politische Spannung in Westdeutschland sich einem Höhepunkt zu nähern drohte auf Grund der von Frankreich soeben abgeschlossenen Saarkonventionen. Es mußte etwas geschehen.
Ich erklärte Kingsbury-Smith wörtlich: „Eine Union zwischen Frankreich und Deutschland würde einem schwerkranken Europa neues Leben und einen kraftvollen Auftrieb geben. Psychologisch und materiell würde sie von gewaltigem Einfluß sein und Kräfte freisetzen, die Europa sicherlich retten werden. Ich glaube, dies ist die einzige Möglichkeit, die Einheit Europas zu erreichen. Hiermit würde der Rivalitätsgedanke zwischen den beiden Ländern verschwinden.“ Ich erklärte, ich sei bereit, eine deutsch-französische Union zu unterstützen, vorausgesetzt, daß auch England, Italien, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden die Teilnahme offenstehe. Ich erwähnte diese Staaten, damit nicht der Eindruck entstand, daß ein deutsch-französischer Block gebildet werde, um anderen Staaten seinen Willen aufzuzwingen. Ich betonte in dem Interview, daß eine Rückkehr der Saar zu Deutschland eine wesentliche Voraussetzung für eine solche Union sein würde. Ich wies aber darauf hin, daß sich nach meiner Meinung das Saar-Problem von selbst lösen werde, wenn die Frage der deutsch-französischen Beziehungen auf einer höheren Ebene und unter der kühnen Schau, die mit der Union der beiden Länder gegeben sei, gelöst werden könnte. (S. 316)
Bei dem Aufbau des Vertragswerkes war nicht lediglich daran gedacht, eine Union für Kohle, Eisen und Stahl zu schaffen, sondern wir wollten ein Vorbild geben für etwaige zukünftige weitere internationale Institutionen in Europa. Ich war der festen Überzeugung, wenn dieser Anfang mit der Montanunion einmal gemacht worden war, wenn in diesem Vertrag sechs europäische Länder freiwillig und ohne Zwang einen Teil ihrer Souveränität auf ein übergeordnetes Organ übertrugen, dann konnte man hoffen, daß auch auf anderen Gebieten ähnliche Vorgänge folgen würden und das damit der Nationalismus, der Krebsschaden Europas, einen tödlichen Stoß bekommen werde. (S. 431)
Der Widerstand, dem der Schuman-Plan als Grundlage der europäischen Föderation bei einem Teil der Deutschen begegnete, bewies, wie schwer es war, diesen Teil der Deutschen von ihrem bisherigen nationalistischen Denken zu befreien. Noch immer wurden die selbstmörderischen Träume von nationaler Autarkie weitergeträumt, obwohl jeder die Tatsachen an der Hand abzählen konnte, die nicht nur für uns, sondern mehr oder weniger für alle europäischen Völker die völlig neue Situation der gegenseitigen Hilfsbedürftigkeit und der unausweichlichen Schicksalsgemeinschaft geschaffen hatten.
Der von der Opposition offen ausgesprochene Vorwurf, ich hätte mit der Unterschrift unter den Schuman-Plan die deutsche Souveränität verkauft, erregte im Ausland ein besorgniserregendes Echo. Derartige unverantwortliche nationalistische Exzesse zeigten sehr deutlich, wie aufmerksam und betroffen unsere Nachbarn alles registrierten, was einem nationalistischen Restaurationsbedürfnis in Deutschland ähnlich sah. Geradezu unübersehbar groß aber war der Schaden, der aus einer Verleumdung der ehrlichen Absichten unserer Schuman-Plan-Partner, insbesondere der französischen Initiatoren, für unsere Stellung in Europa erwuchs. Diese Unverantwortlichkeiten rissen immer wieder alte Wunden auf und stärkten das Mißtrauen gegen Deutschland. Von der Überwindung des aus drei deutsch-französischen Kriegen gespeisten Mißtrauens hing für Deutschland und für Europa alles ab. (S. 475)
Gute Tyrannen
Wäre Adenauer nicht gewesen, so hätte an seiner Stelle ein unanständigerer, weniger talentierter, untüchtigerer Politiker gestanden; die Politik wäre kaum eine andere gewesen. Sogar der Idealismus folgt heute nämlich Sachzwängen. Nach den Weltkriegen war es naheliegend, daß der Einigungsdrang, der kurz zuvor die Nationalstaaten hervorgebracht hatte, schlicht fortgesetzt wurde; insbesondere in einem geistigen Klima, in dem die Themen durch Medien und Parteipolitik gesetzt werden. Die Konvergenz ist dramatisch; aber wahrscheinlich steht uns wieder eine Art Seinssprung bevor, wie es Voegelin so schön ausdrückt. Adenauer war der vielleicht erste Tyrann eines neuen Tyrannenzyklus; der erste ist in aller Regel ein guter. So sahen es die alten Griechen; Tyrann war ja ursprünglich eine neutrale Bezeichnung. Voegelin beschreibt den alten Tyrannenzyklus so:
Der „Tyrann“ war der Staatsmann, der durch geschickte Politik und persönlichen Takt die sozialen Konflikte abschwächte und den Staat formte, in dem sogar die Armen das Gefühl haben konnten, daß sie beteiligt waren. Nachdem die Polis die „Tyrannis“ durchlaufen hatte, konnte sie ihren stürmischen Konfliktkurs zwischen arm und reich einschlagen, ohne zu zerbrechen.
Die Funktion des Tyrannen als ausgleichende Persönlichkeit der Polis bestätigt Aristoteles in seiner Interpretation der Verfassungsgeschichte als eine Sukzession von „Vorstehern des Volkes“ (prostates tou demou). „Solon war der ursprüngliche und erste Vorsteher des Volkes, der zweite war Peisistratos, ein Mann von Adel und Achtung. Nach Peisistratos kam Kleisthenes und eine Reihe von Nachfolgern bis hinab zu Perikles. Nach Perikles begann der Niedergang der Institution, weil das Volk jetzt einen Vorsteher, Kleon, nahm, der bei den oberen Schichten nicht in gutem Ruf stand. Und nach Kleophon wurde die Führung des Volkes \[demagogia\] in einer ungebrochenen Reihe an Männer weitergegeben, die die größten Reden schwangen, die der Masse gefielen und die sich lediglich daran orientierten, was im Moment von Interesse war'''. „Vorsteher des Volkes" war die anerkannte Bezeichnung für den Führer der demokratischen Partei; für den Führer der aristokratischen Partei hatte sich kein vergleichbarer Titel herausgebildet. \[…\]
Die effektive Polis dauerte, von ihrem Zusammenschluß durch Solon und Tyrannis bis zu ihrer Auflösung durch die Demagogen, kaum zwei Jahrhunderte. (Voegelin 2002, S. 150)
Der gute Tyrann ist musisch, er hört auf die Musen. Es handelt sich um einen Notfürsten, wenn die bisherigen Gewohnheiten und Legitimitäten brechen. Noch nie hat ein Tyrann aber den Verfall umgekehrt, sondern allenfalls kurz angehalten. Doch Verfall ist ja unser Schicksal. Im besten Fall, der völlig unrealistisch ist, nämlich ein Ideal, ist der gute Tyrann ein Poet. Voegelin beschreibt diesen Idealfall als musischen Heiler der Massenseele:
Die Musen, und besonders Kalliope, dienen Fürsten und Sängern. Wenn die Musen einen Fürsten auszeichnen, fließen gütige Worte von seinen Lippen und seine Weisheit und Urteilskraft schlichten großen Streit. Wenn das Volk in der Versammlung irregeleitet wird, bringt er die Dinge durch die Ruhe seiner Überzeugungskraft wieder in Ordnung. Und wenn ein solch wahrer Fürst über den Versammlungsplatz schreitet, grüßen ihn die Menschen ehrfürchtig wie einen Gott. Die kathartische, ordnende Wirkung des Fürsten auf das Ungestüm des Volkes hat ihre Parallele in der Wirkung des Rapsoden auf den Aufruhr der individuellen Seele. „Denn wenn einer auch Trauer hegt in seinem Sinn, den frisches Leid befiel, und ist welk vor Kummer in seinem Herzen, dann aber der Sänger, der Gefolgsmann der Musen, die rühmlichen Taten früherer Menschen preist und die seligen Götter, die auf dem Olymp ihre feste Wohnstatt haben, rasch vergißt der dann seine Bedrückung und nicht mehr gedenkt er seines Kummers.
Die Musen sind die Töchter des Zeus, der ordnenden Kraft des Universums. Sie übermitteln dem Fürsten und dem Sänger die Ordnung des Zeus zur weiteren Übermittlung an das Volk sowie an den Menschen in seiner Einsamkeit. Die Wahrheit der Musen für Fürsten und Sänger, die solch kathartische Wirkung hat, ist keine wahre Mitteilung. Sie ist vielmehr die Ordnungssubstanz, die sich gegen die Unordnung der Leidenschaft in Gesellschaft und Mensch behauptet. (S. 162f)
Die EU-Tyrannen halte ich für schrecklich unmusisch. Gewissermaßen sind sie schon auch ordnende Kräfte; aber sie sind faustische Ordner eines neuen Babylons. Der Preis für ihre Ordnungstechnik ist der Verlust ihrer Seele. Sie halten alle ihre Gegner für unwissend und ungebildet. Bildung und Information sind ihre Allheilmittel. Dabei haben sie ein altes Rezept grundsätzlich mißverstanden. Der Bildungseifer der Pseudoliberalen unserer Tage ist ein Mißverständnis einer platonischen Idee, genauer gesagt: die Verfallsform dieser Idee. Ich fand die Vorstellung schon immer absurd, daß sich Menschen durch Wissen bessern sollten. Voegelin hilft aber auch mir, diese alte Idee besser zu verstehen:
Bei Homer sind die Taten eines Menschen nur dann seine Taten, wenn er sieht, was er tut; solange er mit Blindheit geschlagen ist, sind es nicht seine Taten, und er ist nicht für sie verantwortlich; doch wenn er rückblickend wieder sehend wird, dann wird das, was er in seiner Blindheit beging, durch sein Sehen zu eigenem Handeln, und er leistet Entschädigung für seine Missetaten. Die Analyse durch den Symbolismus von „Blindheit" und „Sehen" ist für die spätere Entwicklung einer Theorie des Handelns von beträchtlichem Interesse. Denn Homer ist auf dem Weg, das zu entdecken, was die Philosophen das „wahre Selbst" nennen werden, das heißt den Bereich in der menschlichen Seele, in dem er auf die noetische Ordnung ausgerichtet ist. Wenn das wahre Selbst dominiert, dann „sieht" der Mensch; und durch das rückwirkende Erkennen der „Blindheit" wird die Missetat (sozusagen durch ein „Gewissen") in das handelnde Selbst integriert. \[…\] Und generell besteht nicht die Tendenz, Schuld in christlichem Sinne zu verstehen — weder bei Homer noch bei den Philosophen der klassischen Zeit, die das Problem zwar weiterentwickeln, im Prinzip aber Homers Standpunkt beibehalten. Die Kontinuität bezüglich dieses Problems, von Homer bis ins vierte Jahrhundert, wird so weit reichen, um die seltsame Idee von Sokrates-Platon zu erklären, das Problem wahrer Ordnung in der Seele und der Gesellschaft durch „Sehen“, das heißt durch Wissen zu lösen. (S. 135)
Das Wissen, von dem hier die Rede ist, hat nur wenig mit dem Baconschen Wissen der modernen Wissenschaften zu tun. Darum sind Auge und Ohr bessere Analogien zu diesem Wissenserwerb als das Hirn. Es geht darum, in die Ordnung der Welt und der eigenen Seele hineinzuhorchen, keinesfalls um Faktenerwerb. Jetzt verstehe ich endlich diese mir absurd scheinende Behauptung so vieler antiker Philosophen, der Böse sei schlicht unwissend. Damit ist nicht gemeint, daß ihm technisches Wissen fehlt, sondern eine innere Ordnungserkenntnis, die stets Respekt vor der Ordnung nach sich zieht.
Macht oder ökonomisches Gesetz
Ich bin mir bewußt, daß ich selbst vieles nicht sehe, und will nicht richten. Doch die EU-Nationalisten erscheinen mir schrecklich blind. Nicht weil sie dumm sind oder bösartig, sondern weil sie Wesentliches nicht sehen – nicht sehen können, nicht wahrhaben wollen. Die Sachzwänge der Gegenwart führen sie immer weiter in die Lüge. All ihre Politiken sind nur vor dem Hintergrund allgemeiner Blindheit möglich; wäre alles transparent und allen klar, wie es die demokratische Wunschvorstellung angeblich vorsieht, würde der undemokratische Charakter der Vorgänge noch offensichtlicher. Es ist eine ganz schmale, urbane Elite, die dieses Elitenprojekt vorantreibt, weil sie die breite Masse für dumm hält. Das ist ja nicht ganz falsch; nur führen die Blinden die Dummen, und das kann nicht gutgehen. Eben lösen sich die wichtigsten Nachkriegsillusionen auf, die im Enthusiasmus des Friedens geschmiedet wurden, um im Status Quo endlich Ruhe und Hoffnung zu finden. Weder von Demokratie, noch von Rechtsstaat ist viel übrig, den zwei größten Tabus der heutigen Staatsreligion. Christine Lagarde sprach wortwörtlich: „Wir mußten die Verträge brechen, um den Euro zu retten.“ Dieses Geständnis unter dem Druck der Not ist nur ein halbes. Es wurden schon die Verträge gebrochen, um den Euro überhaupt einzuführen. Die Konvergenzkriterien waren niemals erfüllt, die Zahlen der offiziellen Staatistiken waren offensichtlich falsch. Die weiteren Rechtsbrüche sieht Jürgen Stark, ehemaliges Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, im Bruch der „No bail out-Klausel“, der verfassungswidrigen Einbeziehung der EZB in die Finanzierung staatlicher Defizite und der Umwandlung des zunächst auf zwei Jahre befristeten Rettungsschirms (EFSF) in ein permanentes Finanzierungsinstrument. Joachim Starbatty, Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft und, als Masseverwalter dieser Erhardschen Idee, Eurokritiker, kommt in einem Vortrag, dem ich im Sommer in Liechtenstein beiwohnte, zum Schluß:
Derzeit wandelt sich die Europäische Union von einer Rechtsgemeinschaft in eine Hau-Ruck-Gesellschaft mit nicht überschaubaren Kollateralschäden. (Starbatty 2012)
Für Starbatty steht hierbei, in den Worten des großen österreichischen Ökonomen Eugen Böhm Ritter von Bawerk, Macht gegen ökonomisches Gesetz, was auf Dauer nicht gut gehen kann:
Die Politik hat offenbar angenommen, dass politische Entscheidungen ökonomische Gesetze dominieren könnten. Die Regierungen leugnen, dass Griechenlandhilfe und Aufspannen eines Rettungsschirms sowie dessen Aufstockung um 250 Mrd. Euro der Einstieg in die Transferunion sei. Diese Schutzbehauptung zeigt bloß, wie weit sich die Politik von den Alltagserfahrungen der Menschen entfernt hat. Die Bürger wissen: Wer bürgt, wird gewürgt. Mit der Griechenlandhilfe und dem Aufspannen des Rettungsschirms wurde der Lissabon-Vertrag gebrochen. Anders formuliert: Nachdem die Politik den ökonomischen Pfad zur Gesundung der Eurozone verlassen hat und einer allgemeinen Haftungsunion zusteuert, hangelt sie sich von Gipfelkonferenz zu Gipfelkonferenz in der Hoffnung, endlich den Durchbruch zur Stabilisierung der Eurozone gefunden zu haben. Der Satz, der das Dilemma der Eurozone auf den Punkt bringt, lautet: Die Politik versucht, Probleme zu lösen, die es ohne den Euro nicht gäbe.
Etwas Unbehagen bereitet mir allerdings Starbattys Ansicht, die er mit den allermeisten Eurokritikern teilt, daß das wesentliche Problem des Euro sei, Ländern wie Griechenland die Abwertung nicht zu ermöglichen. In der Tat sind die griechischen Lohnkosten seit 1995 um 75 Prozent gestiegen, und Griechenland ist schlicht nicht konkurrenzfähig. Die einfachste Möglichkeit, solche Mißverhältnisse auszugleichen, ist die Abwertung der Währung. Das sagt der politische Realismus. Mein Gerechtigkeitsideal sperrt sich dagegen: Weil die Menschen zu blind, die abgehalfterten Pseudotyrannen der letzten Niedergangsstufe zu feige, machtversessen und kurzfristig sind, müssen alle pauschal enteignet werden, um die davor aufgebaute Wohlstandsillusion abzuwickeln. Profiteure einer solchen Abwertung wären wiederum genau jene, die schon bisher von den von ihnen geschaffenen Problemen reichlich profitiert haben. Dieses Dilemma führt zum Paradoxon, daß einer der führenden Vertreter der Österreichischen Schule, der Spanier Jesús Huerta de Soto, den Euro als geringeres Übel verteidigt (Huerta de Soto 2012). Die wenigsten Menschen verstehen, daß es keine „Lösung“ der Probleme gibt, in dem Sinne, in dem uns die Tagespolitik stets Lösungen verkauft. Keine Maßnahme kann die Verzerrungen ungeschehen machen. Wer das ahnt, wird wütend. Und über die Wut habe ich ja schon viel geschrieben.
Die gute Eris
Voegelin hat mich aber noch etwas darüber gelehrt. Nämlich, daß sich schon in der Mythologie eine wenig bekannte, gute Seite der Wut findet. Eris, die Wut, ist eine Tochter der Nacht. Doch eigentlich handelt es sich um ein eineiiges Zwillingspaar:
Die böse Eris der Theogonie erhält eine Schwester, die gute Eris. Die böse schürt Krieg, Kampf, Ungerechtigkeit, Grausamkeit und alles mögliche Unheil unter Menschen und Göttern. Die gute, die „in der Erde verwurzelt ist", treibt die Trägen zur Arbeit, erzeugt gesunden Wetteifer unter den Nachbarn und spornt die Handwerker an, sich in der Güte ihrer Arbeit gegenseitig zu übertreffen. Perses wird ermahnt, der guten Eris zu folgen. Er soll seinen Wohlstand durch Fleiß erreichen, anstatt, von der bösen Eris angestiftet, seinem Bruder mit gerichtlichen Schikanen zuzusetzen. Die zweite Ermahnung setzt die beiden Eriden in Relation zur olympischen Dike. Perses soll auf Dike hören und die Gewalt (bia) ganz vergessen; denn dies ist die Lebensweise, die Zeus den Menschen bestimmt hat. Fische, wilde Tiere und geflügelte Vögel verschlingen einander, denn das Tierreich ist nicht die Wohnstatt von Dike, aber die Menschen haben Dike empfangen und sollen danach leben. Wer Dike gehorcht, wird samt seinen Nachkommen gedeihen, während die anderen in Finsternis versinken. Der Weg zum Schlechten (kakotes) ist leicht und eben; „doch die unsterblichen Götter haben vor den Erfolg (arete) den Schweiß gesetzt; und der Weg dorthin ist steil, lang und zu Beginn sehr steinig; doch wenn der Gipfel erreicht ist, dann wird er doch leicht, so schwierig er auch begann.
Durch Zeus' Dike wird bestimmt, daß wir arete nur durch harte Arbeit, durch Antrieb der guten Eris, erreichen können. Diese hesiodische arete des Bauern (im Gegensatz zu der homerischen arete des aristokratischen Kriegers) wird dann im zweiten Teil des Gedichts mit einer Fülle von Regeln detailliert beschrieben. Die Lebensweise des friedlichen, hart arbeitenden Bauern ist die Ordnung im Einklang mit Dike … (Voegelin 2002, S. 172)
Dike ist die Gerechtigkeit. Wut, die auf Gewalt verzichtet und in Einklang mit der Gerechtigkeit bleibt, ist ein wertvoller Antrieb. Sogar der Zorn hat in der Antike etwas Gutes. Wut ist ein dauerndes Empfinden, daß die Welt nicht schon heil ist, daß wir nicht mehr im Paradies leben, und zum Handeln aufgefordert sind, um Ordnung zu schaffen und zu erhalten. Zorn ist die Gemütsreaktion auf konkretes Unrecht:
Ein cholos, ein Zorn, ist eine juristische Institution, vergleichbar einer römischen inimicitia oder einer mittelalterlichen Fehde. Wenn ate einen Menschen veranlaßt, die Eigentums- oder Ehrensphäre eines anderen Menschen zu verletzen, wird das Opfer der Übertretung mit cholos reagieren, das heißt mit einem Aufruhr des Gefühls, und dazu neigen, dem Gesetzesverletzer Schaden zuzufügen mit dem letztendlichen Ziel, die förmliche Entschädigung und Anerkennung der rechtmäßigen Beziehung zwischen Täter und Opfer durchzusetzen. Daher muß man in dem kompakten homerischen cholos unterscheiden zwischen der emotionalen, zornigen Reaktion auf die Statusverletzung eines Menschen und den Sitten, die den Verlauf der Emotion regulieren sollen. Die eigentümliche Natur und das Problem des cholos sind besser zu verstehen, wenn wir uns an die Differenzierung seiner Komponenten in Platons Tugenden andreia und sophia erinnern. Andreia, der Mut, ist der Habitus der Seele, angesichts einer ungerechten Handlung emotional zur Gegenaktion bewegt zu werden; und sophia, die Weisheit, ist nötig, den Mut zu leiten und zu zügeln, da die Emotion, wie berechtigt sie auch sein mag, das Maß überschreiten kann. Der homerische cholos enthält diese Komponenten, eingebettet in das kompakte Medium der themis (rechte Ordnung, Sitte). Innerhalb einer fest begründeten Ordnung fungierend, liefert der cholos, als Emotion, die Kraft, die der Ungerechtigkeit widersteht und die rechte Ordnung wiederherstellt; und sie wird sogar von Ordnungsverstößen abschrecken, da mit dem cholos als kostspieliger Konsequenz unrechten Handelns zu rechnen ist. Das angemessene Funktionieren des cholos ist also für die Aufrechterhaltung der Ordnung wesentlich. Denn wenn er nicht aufkommt, wird zur Übertretung ermutigt; ist er ungezügelt, kann die Ordnung nicht wiederhergestellt werden. Als Instrument der Ordnung muß der cholos erst geziemend geschützt und dann der Sitte entsprechend wieder abgelassen werden. (S. 117f)
Darum wird das Unrecht heute so beflissen verwässert und verdeckt, damit kein gerechter Zorn aufkommen kann. Gute Wut und guten Zorn verhindert und verdrängt man aber am besten, indem man das Gerechtigkeitsgefühl austreibt oder umorientiert, und sich falscher Wut und falscher Zorn der Bühne bemächtigen kann. Die Geschmacksverwirrung unserer Zeit, die Unfähigkeit das Häßliche zu erkennen – bei aller Subjektivität – steht in enger Beziehung zur Unfähigkeit, das Gerechte vom Ungerechten zu unterscheiden. Bei diesen Kategorien spricht heute fast nur noch der Neid, und der ist selbst ungerecht.
Doch folgen wir nicht der schlechten Eris, sondern ihrer guten Schwester. Nur die Wut, die uns Kraft gibt, wollen wir verspüren; und die laufenden Überweisungen auf unser Zornkonto verbuchen wir als Anregungen zu Mut und Weisheit, denn allein diese Tugenden können die Steine des gerechten Anstoßes nach und nach auflösen. Wer kann, vertraut dabei auf ein universelles Karmaregister, und muß sich nicht mehr jeden Tag um den Kontostand des wachsenden Zorns sorgen. In diesem Sinne wollen wir uns stoisch und heiter am bunten Blättertreiben des Herbstes unserer Epoche erfreuen, ohne darauf zu vergessen, für den Winter vorzusorgen.
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