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Die Alpenphilosophie

08.09.2015

Vor kurzem erschien ein sehr schönes Buch von uns, unter dem vielleicht überraschenden Titel „Die Alpenphilosophie„. Wir hatten dabei das Ziel, mit subtil-subversiver Philosophie (und reichlich ökonomischer Bodenständigkeit) das breitestmögliche Publikum zu erreichen. Es ist ein Buch, das Sie zugleich Großeltern und Enkelkindern schenken können, nicht nur Akademikern, sondern einfachen Menschen, die mitten im Leben […]

Vor kurzem erschien ein sehr schönes Buch von uns, unter dem vielleicht überraschenden Titel *„Die Alpenphilosophie„*. Wir hatten dabei das Ziel, mit subtil-subversiver Philosophie (und reichlich ökonomischer Bodenständigkeit) das breitestmögliche Publikum zu erreichen. Es ist ein Buch, das Sie zugleich Großeltern und Enkelkindern schenken können, nicht nur Akademikern, sondern einfachen Menschen, die mitten im Leben stehen, für die wir in diesem Buch auch eine Lanze brechen.

Motiviert hat uns ein interessantes politisches Phänomen zu diesem Buch: Linke und Rechte sind ganz aus dem Häuschen. Trachten, Schunkelmusik und die Sehnsucht nach hausbackener Schlichtheit kehren zurück. In der Schweiz schwingen die Burschen mit neuer Begeisterung, in Österreich hält Andreas Gabalier die Zeitungsglossen am Glosen, und in München boomen die Trachtensupermärkte. Die Rechte freut sich über die Rückkehr von „Werten“, die Linke tobt über den versteckten „Faschismus”, der sich immer frecher an die Oberfläche traue.

Was, wenn es sich eigentlich gar nicht um ein politisches, sondern ein anti-politisches Phänomen handelt? Was erklärt den plötzlichen und rasanten Erfolg der Zeitschrift Servus, in deren Verlag auch unser Buch erscheint? Was läuft besser im Alpenraum? Verbirgt sich in versteckten Tälern noch Weisheit, die uns verloren gegangen ist? Gibt es in Politik, Ökonomik und Lebensphilosophie Ansätze, die Schweiz, Österreich, Süddeutschland und Liechtenstein verbinden und vom Rest Europas abheben? Wie viel ist trügerisches Idyll, Cliché, Touristennepp? Könnte in den Alpen ein Lebenskeim überdauern, der nach all der politischen und ökonomischen Zerstörung Hoffnung machen darf? Abseits von linker Verteufelung und rechter Verklärung, wollen wir eine ganz nüchterne Bestandsaufnahme der Geschichte, Denkweisen und Potentiale des Alpenraums versuchen.

Ich habe mich mit dieser Buchidee einem ziemlichen Risiko ausgesetzt: nämlich ins rechte Eck geschoben zu werden. Wir befinden uns im Zeitalter der Ironistik, in der man sich Werten und Tradition nur mit Ironie nähern darf, nämlich indem man sich darüber lustig macht. Ich hätte den Alpenraum mit Fug und Recht vorführen können, die politische Kleingeistigkeit, die touristische Inszenierung, die Verklärung und Rückwärtsgerichtetheit. Doch bei all meinen Ausflügen in die Täler und auf die Berge fand ich weitaus freundlichere, selbständigere, ökonomischere, standhaftere Menschen als in Wien, das zwar seine Reize hat, aber eben jenen urbanen Typus hervorbringt, der in allen Großstädten gedeiht: die arroganten Besserwisser, Verwalter, Ansprücheanmelder und Ideologen. Die Irrwege unserer Zeit gehen nicht von den Stammtischen, Scheunen und Stuben aus, sondern von den Universitäten, Ämtern und Redaktionen.

Natürlich habe ich, mithilfe meines Kollegen,nicht einfach eine Verklärung des Landlebens und vergangener Zeiten verfasst, sondern die Sehnsucht nach dem einfachen Leben, die angesichts der verzerrten Blasenökonomik unserer Zeit verständlich ist, genutzt, um in subtiler Weise eben dieser unserer Zeit einen Spiegel vorzuhalten. Ich habe versucht, Grundlagen der Ökonomik, Politik und Philosophie zu vermitteln, die unserer Zeit gut täten, ohne besonders ideologisch aufzutreten. Alles steckt im harmlosen Rahmen eines Almanachs, in den viel Mühe floss, um stets einen geeigneten Kulturbezug herzustellen. Es ist kein missionarisches Werk, aber auch kein belangloses.

Viele bemühen sich, ihre Werte einem Massenpublikum zu vermitteln und vulgarisieren dazu politische Sachverhalte auf niedrigste gemeinsame Nenner. Das ist der falsche Weg. Dieses Buch spricht ein Massenpublikum an, schon allein durch die Anmutung, die reiche Bebilderung, die klare Sprache und die schöne Struktur. Dabei habe ich aber versucht, jede Verbissenheit und Simplifizierung zu vermeiden. Hier ein kleiner Ausschnitt, der diesen Spagat vielleicht deutlich macht:

Das Eigene spielt eine große Rolle im Alpenraum. Oft schilt man die stolzen Alpenbewohner Spießbürger, deren private Höfe Refugien eines Biedermeiers seien. Tatsächlich bedarf wahre Freiheit des Eigenen – das verrät sogar die Wortwurzel: frei kommt vom altpersischen fryo, und das bezeichnete das einem Liebe, Teure und Eigene. Ohne Eigenes sind wir stets Abhängige. Wilhelm Röpke, der der Österreichischen Schule der Ökonomik nahestehende deutsche Wirtschaftsphilosoph, schrieb: „Der unverschuldete Bauer auf ausreichender Bodengrundlage ist der freieste und unabhängigste Mensch in unserer Mitte; weder Nahrung noch Arbeitslosigkeit brauchen ihm Sorgen zu bereiten, und die Unterwerfung unter die Launen der Natur, die er für diejenigen des Marktes und der Konjunkturen eintauscht, ist eine solche, die das Menschentum nicht zu verbittern, sondern vielmehr zu veredeln pflegt. Seine Existenz ist, wie wir die Dinge auch drehen und wenden mögen, unter allen die menschlich befriedigendste, reichste und geschlossenste.“ Die Spottbegriffe des Biedermeiers und Spießbürgers richten sich gegen den Mittelstand und werden von der Elite und der abhängigen Unterschicht benutzt. Der Spießbürger kann sich nur einen Spieß leisten, nicht Pferd und Rüstung – aber immerhin, er hat einen Spieß und riskiert tapfer für die Bürgerschaft sein Leben. Biedermeier meint den Vorwurf an den biederen Kleinbürger, seiner „politischen Verantwortung“ in die private Gemütlichkeit zu entfliehen. Doch jene, die „Verantwortlichkeiten“ diktieren, sind meist ganz ungemütliche Burschen, die keinerlei reale Verantwortung tragen. Da lobe man sich doch die Gemütlichkeit! Das Wort ist kaum in andere Sprachen zu übersetzen. Es meint die Muße, bei dem das Gemüt ein wenig zur Ruhe kommen kann, um besonnen für die eigenen Taten, die eigene Familie, den eigenen Betrieb und die eigene Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen, wo andere nur politische Phrasen skandieren. Gemütlichkeit ist der menschlichen Natur angemessene Atmosphäre, die das Herz berührt und dadurch das Gemüt stärkt. Die Ästhetik der Gemütlichkeit lässt sich schwer positiv definieren und völlig rational ergründen, man erkennt sie meist dann, wenn etwas fehlt. Vermutlich rührt die Gemütlichkeit unbewusste Grundstimmungen und Urerinnerungen bei uns an, darum wirkt das Authentische und Heimelige stets gemütlich. Die Heimat, nach der man Heimweh hat, ist eng mit Gemütlichkeit verbunden; wo es gemütlich ist, fühlen wir uns „daheim“. Womöglich sind es Spuren wahrer menschlicher Lebendigkeit, wie wir sie in Gärten, Küchen, Stuben, Plätzen finden, die für einen Menschen zum Zentrum seiner Existenz wurden und die dadurch beseelt sind. Darum setzt letztlich auch echte Gemütlichkeit das Eigene voraus, dass ein Mensch einen Ort als eigen annehmen kann und seine Eigenheit herausarbeitet. Je mehr künstliche Elemente einen Ort dominieren, die nicht aus eigenem Antrieb entstanden sind, sondern wahllos zugekauft oder zugeteilt wurden, desto ungemütlicher ist er. Gemütlichkeit ist die Ernte einer Saat, die deshalb besonders ist, weil sie die eigene ist. Wer nicht sät, kann nicht ernten, heißt es im Volksmund. Das ist so unmittelbar wahr und einsichtig, dass es wohl für jeden Menschen, so er kein Räuber und Plünderer ist, gilt. Es gilt für jeden, der etwas im Leben erreichen will. Jede Berufung, welche es auch sei, benötigt bis zur Meisterschaft, die eine Ernte ist, gewissermaßen Vorschuss. Bei den Bauern sind es die Saatkörner, die ursprünglich nicht gekauft wurden, sondern die man sich vom Mund abzusparen hatte. Ebenso ist es die Pflege des Waldes und der Wege, der Werkzeuge und der Zäune, das Beschneiden der Bäume und das Mähen der Wiesen, tausende Tätigkeiten, die man gleichsam vorschießen muss und die – allgemein gesprochen – nichts anderes darstellen, als was die gelehrten Ökonomen den Aufbau von Werten und die Bewahrung der von Vorfahren ererbten Güter nennen. Bei den Handwerkern ist es ebenso. Und bei beiden ist es das Lernen von den Älteren und Erfahrenen, das tradierte Wissen, das ein Vorschuss aufs Leben ist. Denn ohne Wissen kann nichts gut gelingen. Von den richtigen Menschen richtig angewandt, ist Wissen dem Saatgut sehr ähnlich. Wenn es verdorben ist, kann es nicht mehr keimen und in der Folge fällt auch die Ernte aus. Die Saat steht symbolisch für die zarten Anfänge jeder großen Sache. Dieses Anfangen fällt uns heute schwer, denn die Aufgaben scheinen übergroß – und was kann ein Einzelner schon ausrichten? Im Alpenraum bleibt nicht viel Gelegenheit für solches Aufschieben und Verdrießen, das dauernde Beginnen großer Werke ist lebensnotwendig. Zu bewältigen ist dies nur, wenn man in Generationen denkt. Ständig muss etwas ausgebessert und neuaufgebaut werden. Unterlässt man dieses ewige Säen, kommt die Rechnung mit Verspätung – aber letztlich unausweichlich. Kundige Augen prüfen beim Kauf eines Hofes, ob es bei der Instandhaltung der Wege und Leitungen Unterbrechungen gab. Für das Kalkül des Einzelnen „rechnet“ sich diese Instandhaltung oft nicht, doch ohne den weiten Zeithorizont der Alpenbewohner wäre die Besiedlung der Alpen nie gelungen. Die Nachhaltigkeit war im Alpenraum daheim, lange bevor Politiker den Begriff als Modewort für ihre Zwecke entdeckten. Der Begriff kommt aus der Forstwirtschaft, denn Wälder wachsen nicht von heute auf morgen.

Helfen Sie diesem Buch zu einer reichen Verbreitung; ich glaube, es eignet sich wie kein anderes dazu, weite Kreise anzusprechen. Doch eine Bitte habe ich: vermeiden Sie jede ideologische Zuspitzung oder Konnotation, das wäre der Sache abträglich. Das Buch ist wirklich schön geworden und ich hoffe, Sie haben eine Freude damit.


Ein Teil des Textes ist leider nicht öffentlich zugänglich, da der Autor für Freunde schreibt und sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Intimität der alten Wiener Salons ist im scholarium Voraussetzung der Erkenntnis, die keinerlei Rücksicht auf Empfindlichkeiten nehmen kann. Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit, gerne laden wir Sie dazu ein.

Dieser ältere Scholien-Text bleibt frei unter seinem ursprünglichen Link erreichbar.

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