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§Scholien-Archiv

Babylon – Scholien 03/16

03.03.2016

# \ Inhaltsverzeichnis

Politische Hydraulik 4

Schuldverhältnisse 8

Kapitalverteilung 14

Schatzhäuser 22

Zinsgewinne 31

Contrepreneure 39

Memes 46

Blockchain-Hype 63

Die Zähmung der Untertanen 71

Trump 79

Demokratie oder Republik 86

Faktionen statt Fiktionen 102

Wiener Schule 120

Positivistische Fiktionen 131

Vertrauenskapital 143

Ikarien oder Babylon 150

Schreckliche Gesänge 157

Alienismus versus Nativismus 163

Ent-Schuldigung 170

Literatur 176

Politische Hydraulik

In den letzten Scholien griff ich den Begriff des hydraulischen Systems auf. Nun sollte ich zur nachträglichen Aufklärung den Urheber des Begriffs heranziehen. Der deutsche Soziologe Karl August Wittfogel erklärte den asiatischen Despotismus als Ergebnis der zentralistischeren Bewässerungswirtschaft:

Ich unterschied analytisch und terminologisch zwischen einer Landwirtschaft, die auf lokal begrenzter Bewässerung beruht („Hydroagrikultur“) und einer solchen, die auf großen, staatlich geregelten Wasserbauten für Berieselung und Flutabwehr beruht („hydraulische“ Agrikultur); und ich begann, Ausdrücke wie „hydraulische Gesellschaft“ und „hydraulische Kultur“ den gebräuchlichen geographischen Formeln vorzuziehen. Die von mir geschaffene Nomenklatur weist direkt auf menschliche Tätigkeit und indirekt auf menschliche Einrichtungen hin. Sie erleichtert den Vergleich mit der „feudalen“ und „industriellen“ Gesellschaft; und sie erlaubt uns, ohne terminologischen Zwang unsere Untersuchung auf die höheren Agrargesellschaften des vorspanischen Amerika und auf die hydraulischen Formationen in Ostafrika und gewissen pazifischen Inseln, vor allem Hawaii, auszudehnen. Der Ausdruck „hydraulisch“, wie er hier angewendet wird, impliziert die entscheidende Rolle der Regierung. Er deutet den agrarmanagerialen und agrarbürokratischen Charakter all dieser Kulturen an. (Wittfogel 1962: 25)

Während die Landwirtschaft in Gebieten, in denen der natürliche Regen zur Landwirtschaft ausreicht, mit der Arbeitskraft von Familien auskommt, ist bei der Bewässerungswirtschaft kollektive Arbeitsteilung nötig. Diese Arbeitsteilung sei aber nicht über Märkte vermittelt, sondern werde politisch organisiert und instrumentalisiert. Ein Grund dafür könnte ein Teufelskreislauf sein: Die starken Fluktuationen von Flut und Dürre würden urbane Dichte ohne vorherige arbeitsteilige Organisation verunmöglichen, ohne urbane Verdichtung aber keine Märkte.

Das hydraulische System ist eines des kollektiven Kanalgrabens und Deichbaus. Die konzentrierten, großen Flüsse der hydraulischen Kerngebiete in Sumer, Ägypten und China erlaubten einerseits großen Bevölkerungen landwirtschaftliches Überleben, setzten aber auch große Bevölkerungen gleichzeitig Fluten aus. Die kollektiven Tätigkeiten waren zugleich Tätigkeiten mit kollektiver Auswirkung. Chinesische Bauern wandten etwa bis zur Hälfte ihrer gesamten Arbeitszeit für bewässerungstechnische Arbeiten auf, die kollektiv organisiert und ausgeführt wurden.

Der kollektivistische Zentralismus dieser Bewirtschaftungsstruktur führt zur paradoxerweise ungleichen Verteilung eines Gleichverteilungssystem. Getreide und Wasser werden zu Zuteilungen, die Verteilerstellen erfordern. Jede Verteilung führt daher zu Ungleichheit, selbst wenn alle Zuteilungen gleich wären, denn die Voraussetzung jeder Verteilung ist Sammlung. Daher weisen Gesellschaften, die private Ungleichheit als Autonomie zulassen und keine zentralistische, korrektive Gleichverteilung erfahren, in aller Regel eine gleichere Verteilung von Wohlstand auf. Das Paradoxon wird dadurch verschärft, dass das Wort Verteilung zwei Bedeutungen hat: einerseits die räumliche und zeitliche Anordnung von Elementen, andererseits der aktive Prozess des Umordnens, des Nehmens und Gebens. Letzteres erfordert einen bürokratischen Verwaltungsapparat, der wie eine Pumpe materiellen Wohlstands funktioniert. Jede Pumpenwirtschaft benötigt Speicherbecken, diese sind zunächst Tempel und dann Paläste, wobei auch die Paläste sakral werden und ihre Insassen Priesterkönige, gar Gottkönige. Diese Verbindung betonte Ayn Rand und sah sie als Verschwörung zwischen Schamanen und Häuptlingen an (siehe Scholien 04/14, S. 6ff). Dabei ist es allerdings von Belang, dass Rand aus Russland stammte, jenem durch lange Mongolenherrschaft asiatisch gewordenen Erdteil. Dies ist weder antirussisch, noch rassistisch gemeint, sondern eine historische Erklärung der Tendenz, dass sich in Russland stets Strukturen hierarchischer Gunstzuteilung und -entziehung herausbilden. Dies begünstigt jene negative Form der Korruption, die parasitäres Leben an den Lecks der Machtkanäle bedeutet – im Gegensatz zur positiven Korruption der Machtmilderung durch Schlampigkeit, Eigennutz und Menschlichkeit.

Das hydraulische System ist ein Transfersystem, bei dem Wohlstand und Legitimität in gegenläufige Richtungen durch Kanäle laufen. Diese Verteilsysteme schaffen Ungleichheit und versteckte Ausbeutung: von Landwirten und Handwerkern hin zu Beamten in den urbanen Zentren. Die Ansprüche wachsen mit den Zuteilungen und überholen diese bald. Der Zugang zu den Verteilungszentren erlaubt das zusätzliche Profitieren als Gläubiger. Eine Verschuldungsspirale entsteht parallel zur Verteilungspyramide. Die Abhängigkeitsverhältnisse werden immer drückender.

Schuldverhältnisse

Der wesentliche Grund für die Verschuldungsdynamik in hydraulischen Gesellschaften ist das Nachdrängen vom Bodensatz der Pyramide in die Höhe. Die Verdichtung von Menschenmassen rund um die Verteilungszentren bedeutet das Nachrücken überzähliger Söhne, die der elterliche Haushalt nicht mehr fassen kann. Überzählig bedeutet mehr, als die elterliche Wirtschaftsgrundlage nach Erbteilung nähren könnte. Ein Weg nach oben in einer hierarchischen Funktionärsstruktur ist es stets, Status zu kaufen, höher Positionierten Gefälligkeiten zu erweisen oder schlicht auf deren Niveau materiell mitzuhalten und somit machtnähere Netzwerke frequentieren zu können. „Networking“ ist teuer, denn man muss entweder selbst Anlässe finanzieren oder sich die Teilnahme leisten können. Geschickte Emporstrebende münzen erste Gefälligkeiten in materielle Vorschüsse um, begeben sich dadurch aber in Abhängigkeitsverhältnisse. Höherrangige haben ein Interesse an Abhängigen, weil diese als Klienten die eigene Macht stärken und repräsentieren. Jede Gefälligkeit von oben bedeutet aber verzinste Gefälligkeit von unten – verzinst deshalb, weil die Machtnähe in hydraulischen Hierarchien wertvoller ist; somit hat die Gefälligkeit von oben stets einen Aufpreis. Diese zinstragenden Schuldverhältnisse können gänzlich materiell und in Geld denominiert sein (in Getreide oder Edelmetallen) oder informelleren Charakter haben. Wesentlich ist, dass diese Verhältnisse spontan aus der privaten Initiative von Untertanen und Obertanen entstehen, gespeist aus dem Wohlstandsdifferential zwischen pyramidal Tieferen und Höheren. Damit entstehen allerdings „staatlich“ genährte private Netzwerke, welche eine Parallelstruktur bilden. Durch die unterschiedliche Begabung in der „unternehmerischen“ Nutzung der hydraulischen Hierarchie, die in einer Art Hierarchiearbitrage besteht, entspricht die entstehende Struktur nicht exakt der offiziellen Pyramidenstruktur, sondern umgeht und unterläuft diese stellenweise. Durch den Schulden- und Gefälligkeitshebel werden die Machtverdickungen um die Korruptionslecks und damit die systemischen Ungerechtigkeiten noch verstärkt. Daher muss sich ein hydraulisches System periodisch reinigen, sonst verstopfen die Schleusen und versickern die Flüsse. Dieser Reinigungsprozess entspricht einer Entschuldung und lässt sich daher populär als Untertanenentlastung verkaufen, wodurch auch die Legitimitätsreservoirs wieder aufgefüllt werden. Hier liegt die Perfidie dieses Systems: Es schafft die Schieflagen, die Umverteilung legitimieren, selbst – ist also ein etatistisches Perpetuum mobile. Untertanenrevolten richten sich gegen die Funktionärsschicht, die Funktionäre sind aber alle austauschbar. Daher bleibt das hydraulische System selbst unbeschadet. Funktionärsrevolten würden sich nicht gegen ihre Lebensgrundlage richten. Gelegentlich revoltieren bestimmte Funktionärsnetzwerke gegen andere. In aller Regel vereinigt sich eine Funktionärsschicht mit den Untertanen gegen eine andere.

Die regelmäßigen Reinigungsprozesse können auch ohne Revolution vonstattengehen, es sind dann proklamierte „Revolutionen“ von oben. So überrascht es nicht, dass in der Geschichte Entschuldung und Tyrannis oft parallel konnotiert sind. Tyrann ist eine ursprünglich wertneutrale Bezeichnung für einen Despoten, der sich über Funktionäre hinwegsetzt und seine Macht durch Zustimmung der Untertanen festigt, indem er diese entlastet.

Gerechtigkeit im hydraulischen System wird daher meist ausgleichend verstanden, als Entlastung und Angleichung der Untertanen. Hier ist auch die Wurzel der Gleichsetzung von Freiheit und Gleichheit zu suchen. In Scholien 01/13 (S. 172ff) hatte ich auf die Bedeutung der ersten schriftlichen Fassung des Begriffs Freiheit hingewiesen: das sumerische Ama-gi oder Amargi als Befreiung der Schuldner aus Abhängigkeitsverhältnissen und Rückkehr zu familiäreren Verhältnissen – wortwörtlich Rückkehr zu Mutter. Dieses Ideal der Mutternähe erklärt sich aus den gescheiterten Pyramidenaufstiegsversuchen der überzähligen Söhne. Analog dazu steht im Arabischen das Wort Umma für die egalitär-despotische Gemeinschaft der Gläubigen, etymologisch dem nahezu universellen Lallen der Kleinkinder nachempfunden.

Recht in hydraulischen Gesellschaften ist stets pyramidal von oben erlassen oder zurechtgerückt. Es entsteht nicht aus den Konflikten von Gleichrangigen, nicht aus Mediation und Entschädigung, sondern aus Anordnung, Zuteilung und Umverteilung. Die „Revolutionen von oben“, die Bereinigung der Funktionärsverstopfung, ist damit stets auch eine Rechtsreform, die Tyrannen sind stets Rechtserneuerer. Uwe Wesel schildert dies in seiner beeindruckenden Rechtsgeschichte:

Wie später im Codex Hammurabi erscheint schon in den Prologen zu diesen Gesetzen das politische Ziel: Gerechtigkeit, nisisa, und zwar als soziale Gerechtigkeit im Sinne einer patriarchalischen Fürsorge für die Armen und Schwachen. So heißt es im Prolog zum Codex Urnammu: „... Das Waisenkind habe ich nicht dem Reichen ausgeliefert, den Mann mit einem Schekel habe ich nicht dem Mann mit einer Mine ausgeliefert, den Mann mit einem Lamm habe ich nicht dem Mann mit einem Ochsen ausgeliefert ... Haß und Gerechtigkeit und Rufe nach Gerechtigkeit brachte ich zum Verschwinden. Ich habe Gerechtigkeit durchgesetzt im Land Sumer.“ (Wesel 1997: 74)

Der Codex Hammurabi ist berühmt für das Talionsprinzip, die einfache Gerechtigkeitsregel, die Auge um Auge vorsieht. Dieses Prinzip ist aber nichts Besonderes, es kennzeichnet fast jedes vormoderne Recht. Im sumerischen Kontext hat es eine andere Bedeutung: Es geht um Wiederherstellung der Untertanensymmetrien. Das Talionsprinzip wird heute als besonders harsch empfunden. Das Gegenteil ist richtig: es ist als Strafbeschränkung gemeint. Zahn um Zahn bedeutet: nicht mehr als ein Zahn für einen Zahn. Der Gläubiger soll dem säumigen Schuldner nicht mehr antun, als der egalitären Grundsymmetrie nach angemessen ist. Daher konnte Hammurabi – wortwörtlich „heilender Vater“ – als Herr der Gerechtigkeit gelten.

Kapitalverteilung

Hydraulische Gesellschaften sind also solche, in denen „soziale Gerechtigkeit“ eine Rolle spielt. Diese bezeichnet den umverteilungsbedingten Umverteilungsdruck – ein schizophrenes Konzept, wie Friedrich A. von Hayek erkannte.

Das Konzept der „sozialen Gerechtigkeit“ ist nur dann sinnvoll, wenn Kapital vorrangig kollektiv ist. Diese Situation ist ausschließlich in hydraulischen Gesellschaften gegeben, in denen die Schleusenwirtschaft den größten Teil der Wirtschaftstätigkeit bestimmt. „Sozialismus“ ist nicht hinreichend für Kapitalkollektivismus, denn nur in einer agrarischen Subsistenzwirtschaft mit kollektiven Deichen und Kanälen ist der Naturzustand kollektivistisch. Sonst tendiert Kapital zur Individualisierung, da Wissen nicht top-down zugeteilt werden kann, sondern bottom-up entsteht.

Über Kapital und soziale Gerechtigkeit sprach ich unlängst beim Jubiläum eines der erfolgreichsten Investoren der jüngeren Zeit: Sohn eines Österreichers, aufgewachsen in der DDR, geflüchtet in den Westen, erfolgreich als Bauherr in Berlin und Saudi-Arabien, sodann self-made-Investor. Die Rede ist von Peter Pühringer, der wenig bekannt ist, weil er die Öffentlichkeit meidet. Seine ZZ-Fonds preist er nicht an, denn lieber investiert er seine eigenen Mittel als die von kurzfristig orientierten Kunden.

Aristoteles hatte einst gewarnt: Geld vermehrt sich nicht! Man könnte daraus schließen, dass er Peter Pühringer noch nicht kannte. Tatsächlich schrieb Aristoteles: τόκος γίνεται νόμισμα ἐκ νομίσματος (Politik, I. 1258b). Zins komme daher, dass Geld Geld gebäre und sei daher unnatürlich (παρὰ φύσιν). Diese „unnatürliche“ Art der Geldvermehrung nannte er Chrematistik. Die kanonische Zinskritik bezog sich immer wieder auf diese Warnung, die in die lateinische Formel gepackt wurde: pecunia pecuniam non parit – Geld gebiert kein Geld. Diese Aussage ist völlig korrekt, aber völlig missverstanden worden. Hinter diesem Missverständnis steht die bis heute dominante Verwechslung von Geld und Kapital.

Diese Verwechslung ist umso erstaunlicher, als sogar zwei Bibelstellen die aristotelische Erkenntnis von der Unfruchtbarkeit des Geldes aufklären. Besonders deutlich ist das Matthäus-Evangelium:

Es ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab. Sofort begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu. Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen. Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn! Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn! Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder. Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. (Matthäus 25, 14-30)

Talent war ursprünglich eine Silbermenge, und zwar ungefähr jene, die ein Schiff kostete. Schiffe wiederum sind der Inbegriff einer riskanten Unternehmung. Wer Geld vermehren möchte, muss es riskieren – muss es in Kapital umwandeln.

Die Verwechslung kommt vielleicht aus einer Zeit, in der dasselbe Gut Tauschmittel und sich vermehrendes, riskantes Kapital war: Vieh. Die indische Rupie etwa kommt von rupa, was Viehherde bedeutet. Vieh gebiert Vieh, und dennoch ist es erstaunlich schwer, eine Herde für menschliche Nutzung nicht schwinden, sondern wachsen zu lassen. Kapital kommt vom lateinischen caput, Kopf. Vielmehr noch als auf die Köpfe der Viehherde, bezieht es sich auf das Köpfchen des Hirten.

Heute sind wir es gewohnt, Geld nur noch in fleischlos-abstrakten Zahlen zu zählen, nicht mehr in den Köpfen unserer Herden. Das hat viele Vorteile, aber einen gewichtigen Nachteil: Hinter Bilanzen, Kennzahlen und Bruttoinlandsprodukten entschwindet das Verständnis von Kapital. Die Ökonomen sprechen vom „Schleier des Geldes“, der über der Realwirtschaft liegt. Versuchen wir den Schleier zu lüften, und das Vieh in Erinnerung zu rufen.

Eine Kuh könnte etwa mit 1600€ in der Bilanz stehen und im Hinterkopf mit vier Kälbern und 40.000 Liter Milch verbunden sein. Über der Kuh liegt ein Schleier mit diesen Zahlenwerten. Das kann Begehrlichkeiten wecken. Was ist mit den Menschen, die über keine Kuh verfügen? Könnte es die „soziale Gerechtigkeit“ fordern, ihnen etwas abzugeben? Bleiben wir moderat, bei vielleicht 25 Prozent – ein Satz, den wir heute mit Steueroasen assoziieren. 400€ – ein lächerlicher Betrag für den sozialen Frieden. Doch sobald wir zum ausgleichenden Werk schreiten, verfärbt sich der Schleier blutrot. Wir entfernen ihn erschrocken und finden null Euro, und was noch schlimmer ist: null Kälber und null Liter Milch. Nur ein totes Rindvieh! Allenfalls bleibt dem Zuteilungsempfänger noch ein Tafelspitz für ein letztes Festmahl.

Das erklärt, warum Friedrich A. von Hayek den Begriff „sozial“ vor der Gerechtigkeit zu einem „Wieselwort“ erklärte. Wie ein Wiesel ein Ei würde es den Inhalt des nachfolgenden Wortes aussaugen und nur noch die leere Schale zurücklassen. Sobald wir es nicht bloß mit einem Beuteverteilungssystem zu tun haben, der Wohlstand also aus Wertschöpfung und nicht Plünderung entsteht, misslingt die Verteilung. Geld und Kapital unterscheiden sich auch nach diesem Gesichtspunkt: Geld wird weniger, wenn man es verteilt; Kapital hingegen löst sich völlig in Luft auf.

Kapital ist eine fragile, komplexe Struktur. Der größte Teil ist unsichtbar. Wie bei einem Eisberg im Polarmeer ist die sichtbare Spitze, die in Bilanzen und Kalküle hineinragt, nur der Gipfel. Unter der Oberfläche, unter dem Geldschleier, sieht man schon etwas mehr: etwa die 40.000 Liter Milch hinter dem Kuhpreis. Doch noch tiefer liegen die unsichtbaren Strukturen des Kapitals. Diese werden erst bemerkbar, wenn wir konkrete Wagnisse eingehen. Ein langfristig orientierter Konsument könnte sich dazu entschließen, selbst Kapital in die Hand zu nehmen: Ließe sich der Milchbedarf nicht decken, indem man sich eine Kuh auf den Balkon stellt? Hier haben wir es mit einer hochriskanten Anlage zu tun – hochriskant deshalb, weil sie nahezu gewiss schiefgehen wird. Dabei wird deutlich, dass Kapital nicht nur mehr ist als der Kaufpreis, sondern noch viel mehr als das Produktionsmittel selbst. Denn die eigentlichen Produktionsmittel sind geistig. Eine Kuh ist nur dann Kapital, wenn sie Teil einer intakten Kapitalstruktur ist, die aus dem Wissen, der Erfahrung und dem Geschick des Landwirts gebildet wird, ergänzt durch geeigneten Boden und harte Arbeit. Auch Geld kann Teil dieser Kapitalstruktur sein, als nötige Liquidität, die riskiert werden kann. Doch das nötige Talent darf dabei eben nicht träge und sicher liegen bleiben, sondern muss sich den Gefahren der hohen See stellen. Und das geht häufiger schief, als es gut geht – wenn es aber gut geht, kommt es zu wundersamer Kapitalvermehrung.

Schatzhäuser

Dann kommt auch die „soziale Gerechtigkeit“ ins Spiel, denn in Geld ausgedrückt, lockt die Vermehrung Begehrlichkeiten. Alt ist die Kritik am Zinseszins. Gemeint ist die Akkumulation von Erträgen durch Thesaurierung. Das Wort kommt von griechisch Thesauros, das Schatzhaus. Thesaurierung gelingt dann, wenn Unternehmer Erträge nicht konsumieren, sondern reinvestieren, und wiederholt erfolgreich dabei sind. Diese seriellen Investoren sind selten, ihr Vermögen kann exponentiell wachsen; jedoch kaum jemals über mehrere Generationen. Das hat sogar schon Karl Marx erkannt, als er sich über den britischen Moralphilosophen Richard Price lustig machte, der vorgeschlagen hatte, den Zinseszinseffekt zur Rückzahlung der Staatsschulden zu nutzen:

Die Vorstellung vom Kapital als sich selbst reproduzierendem und in der Reproduktion vermehrendem Wert, kraft seiner eingebornen Eigenschaft als ewig währender und wachsender Wert – also kraft der verborgnen Qualität der Scholastiker –, hat zu den fabelhaften Einfällen des Dr. Price geleitet, die bei weitem die Phantasien der Alchimisten hinter sich lassen \[…\].

Noch höher fliegt er in seinen „Observations on reversionary payments etc.“, London 1772:

„1 sh., ausgelegt bei der Geburt unsers Erlösers“ (also wohl im Tempel von Jerusalem) „zu 6% Zinseszinsen, würde angewachsen sein zu einer größern Summe als das ganze Sonnensystem einbegreifen könnte, wenn in eine Kugel verwandelt von einem Durchmesser gleich dem der Bahn des Saturn.“ (Marx 1894: 407f)

Premierminister William Pitt jun. hatte den Vorschlag aufgegriffen und einen Staatsfonds eingerichtet, der Zinserträge thesaurieren sollte, bis die gesamte Staatsschuld rückzahlbar wäre. Doch woher die Erträge ohne Unternehmertum? Marx hatte richtig erkannt, dass diese eben nicht automatisch aus Geldsummen erwachsen, sondern umgekehrt, es Erträge braucht, um überhaupt Geldsummen aufstellen zu können: „Und wovon soll ich die 5% zahlen? Durch neue Anleihen, oder wenn ich der Staat bin, durch Steuern.“ Pitt musste also die Steuern erhöhen. Jährliche Mehreinnahmen von je einer Million Pfund flossen in den Fonds, aus dem jede Entnahme für Staatsausgaben gesetzlich streng verboten wurde. Acht Jahre lang ging das gut, der Zinseszinseffekt erlaubte eine Rückzahlung von zehn Millionen Pfund Schulden. Dann folgte der Kriegseintritt gegen das revolutionäre Frankreich und damit die Enthemmung der Staatsausgaben.

Die Verbindung von Thesaurierung und „sozialer Gerechtigkeit“ ist ein Relikt der hydraulischen Gesellschaften. Dass diese Verbindung wieder an Gewicht gewinnt, dass die pseudobiblische Geschichte vom „Josephspfennig“ die liebste Parabel der „Geldreformer“ ist, und nicht die wirklich biblische von den Talenten, dass die Verschuldungsspirale zugleich schreckt und Begehrlichkeiten weckt – all das ist Hinweis darauf, dass wir uns wieder hydraulischeren Wirtschaftsformen nähern. Das Schatzhaus, der Thesauros, ist nämlich Zentrum des hydraulischen Umverteilungssystems. Der ägyptische Gebrauch scheint hierbei die alten Griechen beeinflusst zu haben. Während in Ägypten und Sumer zeitweise fast die gesamte Wirtschaft planwirtschaftlich über diese Schatzhäuser, die als Finanzämter und Staatsbanken zugleich dienten, abgewickelt wurde, änderte sich die Situation in der Attika: Man könnte es als Trennung von Kirche und Staat beschreiben. Die Schatzhäuser waren schließlich nur noch Tempel und hatten nichts mit Staatsbudgets zu tun, die Leistungen waren freiwillige Opfergaben und philanthropische Aufwände (Liturgien genannt). Die legitimitätsbasierte Verteilungswirtschaft beschränkte sich auf ihre religiöse Funktion. Daneben gab es die politische Struktur der Beuteverteilung, die aus Raubzügen gespeist wurde, aber nicht mehr als Steuerlast und damit innere Umverteilung auftrat, sondern nur noch als externe Tribute. Zwischen diesen Bereichen entfaltete sich eine wachsende Privatwirtschaft der Bürger, die Großgrundbesitzer in völliger Autonomie waren, und von „Sklaven“, die als Handwerker und Unternehmer reüssieren konnten. Deren „Steuern“ waren als niedrige Pachtzahlungen an die jeweiligen Grundherren privatisiert – man nannte sie Apophora. Eine grobe Schätzung meinerseits, basierend auf den wenigen vorhandenen Daten, kommt auf einen typischen Sklavensteuersatz von 15 Prozent. Das mag erklären, warum bis vor nicht allzu langer Zeit Steuern über zehn Prozent für freie Bürger als klares Indiz für Tyrannis galten und ein Selbstverteidigungsrecht bis hin zum Tyrannenmord legitimierten. Heute sind „Kirche“ und „Staat“ allerdings wieder eins: Vier große Institutionen bilden eine gemeinsame Legitimitätsblase für die Papiergeldhydraulik. Zur Erinnerung: Papier, steht nicht für das Material, sondern für die Wertgrundlage: Schuldtitel. Heutiges Papiergeld ist überwiegend digital. Es steht wie in der alten Schatzhauswirtschaft für die Einträge eines Zuteilungsregisters. Darum sehen Anthropologen, die sich an den frühen hydraulischen Hochkulturen orientieren, Geld primär als Kredit- und Konventionalgeld, und messen daran die Gegenwart (siehe die ausführliche Auseinandersetzung mit den Ideen und Ansätzen von David Graeber in den Scholien 01/13).

Der Thesauros und mit ihm die Thesaurierung steht also unter dem historischen Generalverdacht, eine Instanz pyramidaler Hierarchie zu sein, gegenüber der die Untertanen auf Ausgleich bedacht sein müssen, auf Amagi, mütterliches Wiedergutmachen väterlicher Strenge. Dabei wird übersehen, dass Thesaurierung außerhalb hydraulischer Systeme genau gegenteilige Wirkung hat: Die Kapitalakkumulation erlaubt sozialen Aufstieg. Und wenn man schon etwas als „sozial gerecht“ bezeichnen möchte, dann sollte das die soziale Mobilität sein. Ohne die Dynamik privater Kapitalakkumulation gäbe es nur erstarrte Hierarchien, eine verkrustete wirtschaftliche Rangordnung, die keine Gelegenheit für Emporkömmlinge ließe. Dieses Missverständnis führt zum Paradoxon, dass im Namen der „sozialen Gerechtigkeit“ der soziale Aufstieg verunmöglicht wird. Dank Kapitalakkumulation konnten sich schon im alten Griechenland „Sklaven“ freikaufen – wenn sie tüchtige Unternehmer waren. Ohne Thesaurierung wäre es völlig ausgeschlossen, sich aus dem Nichts die Freiheit zu verdienen.

Doch der Thesauros wird seinen schlechten Ruf nicht los. Wenn Private thesaurieren, wächst stets die Angst. Es wird mit einer „Privatisierung“ der Schatzhäuser verwechselt, der Aneignung öffentlicher Kassen und Privilegien durch Funktionäre. Das Wiener Regime lebt heute etwa überwiegend von dieser Art von „Unternehmertum“, einer Klientenwirtschaft, wie sie in der Geschichte immer wiederkehrt. Der Bürgermeister kontrolliert mit seiner Entourage heute, abseits der städtisch-staatlichen Strukturen, 318 „Unternehmen“ in Wien, die allesamt gutbezahlte Posten für Günstlinge bieten. Diesen „privaten“ Erlösen steht ein öffentlicher Schuldenstand von 6,5 Milliarden Euro gegenüber, rechnet man die Schulden der unmittelbarsten Unternehmensbeteiligungen mit, sogar mehr als 17 Milliarden. Welch Thesaurierung! Eine solche Umfunktionierung der Schatzhäuser beschreibt Herodot:

Außer dem Silber aber weihte er unermessliches Gold dorthin, unter anderem stehen dort auch, was am meisten erwähnt zu werden verdient, von ihm geweihte goldene Mischkrüge, sechs an der Zahl. Diese befinden sich in dem Schatzhaus der Korinther (Κορινθίων θησαυρῷ) und haben ein Gewicht von 30 Talenten. In Wahrheit aber ist dies nicht das Schatzhaus des Staates der Korinther, sondern des Kypselos, des Sohnes des Eetion. (Herodot 5. Jhdt.v.Chr.: 1,14)

Kypselos war ein Tyrann, der die Korinther enteignete. Auf die Herrschaft seiner Söhne folgten die Spartaner, die ihre Untertanen als Heloten, als Staatssklaven bewirtschafteten. Kein Wunder, dass die Thesaurierung einen schlechten Ruf hat.

Der thesaurierende Peter Pühringer jedenfalls ist ein beeindruckender sozialer Aufsteiger. Im Wien des 19. Jahrhunderts wäre er nicht sonderlich aufgefallen. Heute stellt er die absolute Ausnahme dar, einen völligen Anachronismus. Ein Privatmann, ohne Parteibuch, ohne „Connections“, der dann auch noch einen großen Teil seines Vermögens als Kulturmäzen vergibt. Das moderne Wien wurde erst auf ihn aufmerksam als er den Wiener Sängerknaben einen neuen Konzertsaal finanzierte. Daraufhin setzte wütender Protest ein, dem sich einige Politiker anschlossen, die sich mit einzelnen Wutbürgern gegen „die da oben“ verbündeten. Ein Privatmann, der seine eigenen Vorstellungen entgegen kultur- und umweltpolitischer Vorgaben realisieren will, ohne dafür autorisiert zu sein? Die Wutbürger hielten ihn intuitiv für einen anmaßenden hydraulischen Funktionär, denn woher sollte ein Privatmann Finanzmittel in solchen Dimensionen haben?

Zinsgewinne

ZZ steht für Zinszyklus; die Strategie lässt sich am ehesten als Value Investing für Staatsanleihen beschreiben. Pühringer macht sich zunutze, dass die Schere zwischen der Geldschöpfung und der Risikobereitschaft auseinandergeht. Das ist eine ganz natürliche, „hydraulische“ Entwicklung. Als flexibler Privatinvestor schlägt er den verkrusteten Markt der institutionellen Investoren, die im Papiergeldzeitalter zu einer Funktionärsschicht erstarren. Kollektiv jonglieren sie mit Finanzfluten, denen sie individuell nicht mehr standhalten können – sie lassen sich obenauf mittragen und schöpfen die risikolosen Zinsen ab. Diese schwinden allerdings, einige Zinssätze sind schon negativ. Höhere Renditen bieten sich nur durch höheres Risiko: Dort, wo der Markt irrt, wo Entwertungen als Deichbrüche der Papiergeldüberflutungen über- oder unterschätzt wurden. Die Arroganz und Bequemlichkeit der Funktionärsklasse bedroht hydraulische Systeme, schafft aber Profitmöglichkeiten für agilere, unternehmerische Personen. Innerhalb eines hydraulischen Systems dient das Unternehmertum aber nicht direkt den Mitmenschen, denn diese sind nicht die Souveräne der Mittelflüsse, es erlaubt allerdings von der Pyramide abweichende Mittelverteilungen, welche die Basis für wertstiftende Unternehmungen und Philanthropie sein können. Die Anerkennung dafür wird in der Regel durch den Neid angesichts der hydraulisch gehebelten Bereicherung kompensiert. Das ist ein weiterer Geniestreich des hydraulischen Systems: Der Neid ist sein Immunsystem gegen private Konkurrenz. So legen die historischen Überlieferungen ein zyklisches Wachsen und Schwinden der Privatwirtschaften nahe. Uwe Wesel schreibt über die altbabylonische Zeit, die auf die sumerische Zeit folgte:

Es gab zwar immer noch eine ausgedehnte Palastwirtschaft, aber neben ihr auch eine rege Privatwirtschaft. Man findet privates Eigentum am Ackerland, ein sehr viel weiter ausgebildetes Vertragswesen, private Handelsunternehmen, die zum Teil als Gesellschaften organisiert waren, nicht nur Sklavenarbeit für Private, sondern auch die Nutzung der Arbeitskraft von freien Bürgern durch private Dienstverträge und in den Städten sogar die Wohnungsmiete. Zahllose private Urkunden aus dieser Zeit sind ausgegraben worden, kaum noch Verwaltungsurkunden. Im Vergleich mit der sumerischen Zeit hat sich das Verhältnis umgekehrt. Die erste Dynastie von Babylon wird im 16. Jahrhundert v. Chr. durch die Kassiten abgelöst. Sie waren ein Volk aus dem Zagros-Gebirge im Nordosten Mesopotamiens und haben als schmale Oberschicht nicht nur die Herrschaft der Babylonier übernommen, sondern auch deren Sprache und Kultur. Deshalb wurden sie wohl nicht als Fremde empfunden. Das babylonische Reich bestand ungefähr in seinem alten Umfang weiter, noch einmal etwa vierhundert Jahre, die sogenannte mittelbabylonische Zeit. Nun bestimmt wieder der Palast des Königs allein die Wirtschaft des Landes. Es ist eine zentralisierte Palastwirtschaft mit einem ausgedehnten bürokratischen Verwaltungsapparat. Wie die alte sumerische Tempelwirtschaft hat sie die Wirkung einer Pumpe, die die Produktion ansaugt und wieder ausstößt, allerdings mit einer nicht unwesentlichen Abschöpfung für den Palast und seine Verwaltung. Letztlich war es eine Klasse von Beamten und Offizieren, die davon profitierte, und eine von Bauern und Handwerkern, die dadurch ausgebeutet wurde. Privates Eigentum am Land gab es nicht mehr, dementsprechend auch keine Urkunden über Landverkäufe. Verträge spielten keine Rolle mehr. Statt dessen findet man wieder zahlreiche Verwaltungsurkunden. (Wesel 1997: 82)

Es muss wohl ein Kollaps des hydraulischen Systems gewesen sein, der die Privatwirtschaft vorübergehend wachsen ließ. Ein solcher Kollaps ist selten und meist mit Krieg verbunden. Viel eher kommt es zum erwähnten Funktionärswechsel oder zur Gläubigerenteignung.

Peter Pühringer musste ein zweites Mal in seinem Leben vor dem Sozialismus flüchten. Österreichische Politiker wollten die private Thesaurierung kontrollieren, indem sie es zunächst steuerlich attraktiv machten, Erträge in Stiftungen umzuleiten. Das war allerdings eine Enteignung auf Raten. In den Stiftungen wurden große Vermögen geparkt, die nach und nach den Intentionen ihrer Erschaffer und Vermehrer entzogen wurden. Nun lagen diese Vermögen am silbernen Tablett, und der politischen Kaste lief das Wasser im Mund zusammen. Die Falle schnappte zu, die Vorteile der Institution Stiften wurden nach und nach zunichte gemachte. Mobile Anleger, denen dies noch gelingt, verlassen das Land, mit ihnen ihre Vermögen. Pühringer verließ bereits vor einigen Jahren sein geliebtes Wien und übersiedelte in die Schweiz.

Zwar wird jeden Abend in Wien in den Prunksälen einer vergangenen Zeit gefeiert und gevöllert. Es handelt sich fast immer um Feiern des Kapitalkonsums. Der Anlass der ZZ Vermögensverwaltung war wohl die letzte Feier der Kapitalvermehrung.

Gewiss hat diese Kapitalvermehrung einen Schönheitsfehler. Es handelt sich um Unternehmertum unter Bedingungen des Papiergeldzeitalters. Im Niedrigzinsumfeld scheint es irrational, mit Eigenkapital zu wirtschaften. Unternehmerische Risiken lassen sich kaum modellieren. Politische Risiken sind eher quantifizierbar, denn die Akteure tragen die von ihnen erzeugten Risiken nicht selbst. Alle Newsrooms schielen auf die Verlautbarungen der Funktionäre. Gelegentlich machen ihnen Sachzwänge einen Strich durch die Rechnung. Die Schatzhäuser betreiben sie zu eigenem Vorteil. Als ich Peter Pühringer einen Moment über die Schulter blicken durfte, verdiente er gerade daran, dass nigerianische Funktionäre internationalen Gläubigern eine Entwertungsversicherung beim Erwerb von hochverzinsten Anleihen gewährten. Sie „versicherten“ gegen die von ihnen selbst irgendwann durchzuführende Entwertung – lies: Enteignung ihrer eigenen Bevölkerung. Diese bekommt solche „Versicherungen“ natürlich nicht, sie schießt ja auch keine Milliarden für die Funktionärskaste vor – sondern nur nach.

Das ist gewiss „sozial ungerecht“. Aber die Ungerechtigkeit liegt eben in der politischen Hydraulik der Papiergeldpyramide, und nicht darin, dass ausnahmsweise private Anleger die Liquidität aufbringen und nicht bloß Banken, Staaten und andere privilegierte „institutionelle Investoren“. Pühringers Marktlücke liegt darin, dass infolge der letzten Finanzkrise die Bankenregulierung zugenommen hat. Diese erlaubt den Banken kaum noch lukrative Geschäfte. Das Niedrigzinsumfeld drückt auf die Renditen. Die Regulierung hatte das Ziel, die Liquidität der Banken durch Einschränkung des Risikos zu sichern. Das ist eine typische Symptombekämpfung. Ohne Risiko keine Rendite. Ohne Rendite keine Thesaurierung. Ohne Thesaurierung keine Liquidität.

Natürlich könnte man fordern, dass Banken nur noch Depositengeschäfte durchführen sollten. Das würde sie aber dazu verurteilen, Bargeldtresore oder bloße Zentralbankfilialen zu sein, was in einem Papiergeldsystem wenig sinnvoll ist. Aktuell sind sie regulatorisch beschränkte Investmentbanken, was noch sinnloser ist.

In der Schweiz angekommen, brachte Pühringer sogleich die Wutbürger wieder gegen sich auf. Das gemehrte Kapital ist auch für Schweizer Verhältnisse stolz, insbesondere wenn es sich lokal konzentriert. Am Vierwaldstättersee kaufte er sich in verschlafene Dörfer ein und versucht nun an die längst vergangenen Zeiten der Kururlaube vermögender Touristen anzuschließen. Wo einst der deutsche Reichskanzler unter den Reichen und Schönen seiner Zeit luxuriös seine Leiden auskurierte, verband Pühringer eine moderne Nervenklinik mit einem Kurhotel, in dem exklusive Suiten mit bis zu 4.900 Franken pro Nacht zu Buche schlagen. Das erste Dorf unterband Pühringers Pläne, das zweite ließ sich auf einen interessanten Deal ein: Der Investor bot den Bürgern fünf Millionen Franken an, wenn sie direktdemokratisch einen niedrigeren Steuersatz beschlössen. Der Vorschlag wurde nahezu einstimmig angenommen. Doch böse Unterstellungen folgten in den Medien; viele halten solche private Einflussnahme für „undemokratisch“. Sie können Angebote, die man ablehnen kann, leider nicht von Angeboten unterscheiden, die man nicht ablehnen kann. Die Geldfluten der Papiergeldhydraulik kann man nicht ablehnen, darum schlägt die gesamte Ablehnung den Unternehmern entgegen, die als Überbringer der schlechten Nachricht Preise mit ihren Angeboten kommunizieren und so Ausdruck der „sozialen Ungerechtigkeit“ sind.

Contrepreneure

Diese Spannung des Unternehmertums im Papiergeldzeitalter ist der Kern meines Buches „Helden, Schurken, Visionäre“. Ich fürchte, dass der Begriff des Unternehmers dieses Zeitalter nicht überleben wird und ihm ähnliches Schicksal droht wie im Englischen: Dort bedeutet der ursprünglich wortwörtliche Begriff undertaker heute nur noch – bezeichnenderweise – Totengräber. Würde jemand wie Peter Pühringer mit seinen Erträgen nur Prestige und Vergnügen kaufen, dann wäre mein Urteil nicht so freundlich. Sein Entrepreneurship ist gemildert durch Contrepreneurship, durch renitente Philanthropie abseits des Marktes – renitent deshalb, weil gegen Zeitgeist und politische Vorgaben gerichtet. Das verleiht seinem Beispiel die paradoxe Spannung, die eine so ausführliche Erörterung verdiente. Diese Spannung kann man durch Lobpreisung oder Verteufelung nicht auflösen – weder Held noch Schurke ist die Devise, und das ist heute gar nicht so leicht. In einem Interview versuchte ich dieses Dilemma in aller Kürze nachzuzeichnen, das ich in meinem Buch in aller Tiefe deutlich mache:

Sie widmen sich u.a. der Ent-Täuschung der heutigen Zeit, denn Sie sprechen vom derzeitigen Papiergeldzeitalter als Epoche der Täuschung. Wie sehen Sie die Rolle des heutigen, teils renitenten Unternehmers in diesem Zusammenhang?

Der Konjunkturzyklus ist im Wesentlichen ein Täuschungszyklus – Wirtschaftskrisen bedeuten die Aufdeckung gehäufter Unternehmerirrtümer, deren Häufung und zeitliche Verdichtung nur durch Täuschung erklärbar ist. Insofern sind heutige Unternehmer in Gefahr, zu wenig renitent zu sein und sich zu stark von verzerrten Marktsignalen, sowie Politik- und Prestigesignalen in die Irre führen zu lassen

Welche Rolle sollte eine zukunftsgerichtete unternehmerische Elite ausführen?

Die Funktion des Unternehmertums ist, die Zukunft reibungsloser hervorzubringen, indem sie knappe Produktionsmittel entgegen aktueller Interessen im Sinne der zukünftigen Präferenzen, Nöte und Möglichkeiten der Menschen umordnen. Während Politik aktuellen Mehrheits-Präferenzen nachläuft und damit die Zukunft für die Gegenwart opfert, verhilft langfristiges Unternehmertum der Zukunft zu ihrem Recht.

Wie unterscheiden sich die Begriffe Contrepreneur und Visionär? Und wie sind im Gegensatz dazu mittelständische Familienunternehmer in Zukunft zu sehen, die zwar nicht innovativ sind, aber auch keine Pseudo- oder Zeitgeist-Entrepreneure, sondern realen Wert an konkrete Kunden liefern?

Visionen können auch Utopien oder Wahnvorstellungen sein. Unternehmerische Umsetzung auf eigene Kosten ist mehr als schöne Worte und große Pläne. Doch in der Gegenwart, insbesondere, wenn sie so verzerrt ist wie heute, geht die konkrete Umsetzung des Neuen oft gegen den Strom – der Contrepreneur ist der Andersmacher, im Gegensatz zum Mitläufer oder bloßem Andersdenker. Ich schlage den Begriff vor, denn es könnte sein, dass der Entrepreneur oder Unternehmer bald durch subventioniertes, verzerrtes und kurzfristiges Pseudounternehmertum diskreditiert wird.

Welche Eigenschaften sollten Contrepreneure und Entrepreneure in ihrer Ethik und Wertehaltung haben?

Entrepreneure stehen für die alte Tugend des Maßhaltens, des effizienten Mitteleinsatzes, der Produktion anstelle des Konsums. Doch diese Tugend ist zu wenig ohne die vorgelagerten Tugenden der Weisheit und des Mutes, die in Zeiten des Wahnsinns und der Feigheit renitent erscheinen: um diese Tugenden zu betonen, spreche ich vom Contrepreneur.

Sehen Sie Globalisierung und wachsende internationale Vernetzung als Chance oder Bedrohung für europäische Unternehmer?

Internationale Arbeitsteilung bedeutet stets mehr Chancen und Möglichkeiten, ob für Unternehmer oder Konsumenten. Es gibt auch ein davon unabhängiges Phänomen der „Globalisierung“, die eine Nivellierung der Welt durch monetäre Verzerrung und Politik bedeutet. Diese Angleichung, die nicht den freiwilligen Präferenzen der Menschen entspricht, geht ihrem Ende zu und löst starke Gegenreaktionen und Sehnsüchte aus. Europäische Unternehmer, sofern sie sich nicht mit dem Status quo allzu sehr arrangiert haben, sind dafür prädestiniert, von der steigenden Sehnsucht nach Vielfalt und Authentizität zu profitieren.

Sie fragen, „Muss man wahnsinnig sein, um in Europa noch Unternehmer zu werden?“ Warum erwähnen Sie spezifisch Europa?

Europa steht für die Weltregion mit der höchsten Kapitaldichte, insbesondere, wenn man kulturelles Kapital berücksichtigt. Von diesem Kapital leben wir nachwievor sehr gut, doch es hat auch zu einer unglaublichen Anspruchsmentalität geführt, hinter der erschreckender Kapitalkonsum abläuft. Dieser Kapitalkonsum beruht vor allem darauf, dass Unternehmern die undankbare Funktion zukam, de facto als Finanzbeamte zu wirken und als Sündenböcke für die Geldentwertung und Arbeitsbelastung herhalten zu müssen. Mit dem abgeschöpften Wohlstand konnten sich ganze Generationen leisten, in einer Parallelwelt eingelullt zu werden, in der Wohlstand vom Staat kommt und nur verteilt werden muss. Als Unternehmer hat man sich entweder als Systemprofiteur arrangiert oder steht mit einem Fuß im Gefängnis oder am Pranger. Es braucht also eine ganze Menge Wahnsinn oder Leichtsinn, um in Europa – besonders in Westeuropa – noch Unternehmer zu werden. Da man Wahnsinn im Vorhinein nicht von Genialität unterscheiden kann, sollten wir für diese Wahnsinnigen dankbar sein.

Wie heißt es? Wenn die Welt untergeht, soll man nach Wien gehen. Da passiert alles fünf/zehn/zwanzig Jahre später.

Ja, die größere Schlampigkeit, Korruption und Mauschelei gehören zu den letzten Assets in Wien. Je gründlicher, kälter und geradliniger der politische Apparat wird, desto unerträglicher wird Wien. Bis heute gilt: Österreichs Totalitarismus ist fünf Jahre sanfter als der in Deutschland. Kein großer Unterschied, aber immerhin.

Sie sehen Start-Ups oft als mediale Projektionsfläche. Brauchen wir Start-Ups überhaupt oder ist das nur ein Hype? Was wäre eine Alternative?

Subventionierte Start-ups sind aktuell ein Hype der Symbolpolitik. Dabei nimmt die Idee des Unternehmertums so großen Schaden, dass wir uns wohl bald vom Unternehmerbegriff verabschieden müssen. Die Alternative nenne ich daher Contrepreneurship – wie diese Alternative aussehen kann, warum sie notwendig ist und welche spannende Geschichte dahinter steht, zeige ich in meinem Buch.

Memes

Europa – ein großer Begriff, den ich nicht ohne Ironie verwende. Diese Ironie kann man den Buchstaben freilich nicht ansehen. Als ich unserer Jubiläumskonferenz den Titel „Die Zukunft Europas“ gab, wollte ich eigentlich nur Allgemeinheit mit Gravität verbinden. Denn allzu Konkretes wird in der Polarisierung unserer Tage sogleich missverstanden. Soeben gab es in Wien einen Kongress der „Verteidiger Europas“, bei dem wieder „rechtsextreme“ Teilnehmer vor „linksextremen“ Demonstranten geschützt werden mussten.

Europa eignet sich als Kontrastbegriff, und so verwende ich ihn, mit ein wenig Augenzwinkern. Es ist nicht der Kontrast gegenüber Amerika, wie ihn ein antiamerikanischer Europäismus von links bemüht, noch der Kontrast gegenüber dem Fremden und Neuen, wie ihn ein verklärender Europäismus von rechts bemüht. Die europäische Geschichte ist paradox, voll von Übeln, Wahnsinn und Lichtblicken, und so wird auch die Zukunft des Kontinents sein.

An einer Stelle schrieb ich, der Wüteriche von links und rechts eingedenk mit etwas Augenzwinkern, „natürlich geht Europa unter“ (siehe Scholien 01/16, 199ff). Ich reflektierte den Untergang des Römischen Reichs und die historische Perspektive, vor allem aber die Implikationen für das Gemüt. Ich betonte die paradoxe Daueruntergangsstimmung der europäischen Geistesgeschichte, aber nahm auch die apokalyptischen Verdichtungen der Gegenwart ernst.

Jemand machte aus einer kurzen Passage des erwähnten Textes ein „Meme“, ein Zitat für die Kanäle der unsozialen Netzwerke, woraufhin zwei Bekannte mit konträren Positionierungen etwas empört reagierten. Sollte ich das römische Imperium verklärt oder gar zum Defätismus aufgerufen haben? Ich hätte klarstellen können, dass sich beide Einwände widersprechen und eine Lektüre des Kontexts beide entkräften würde. Doch ich halte es für derart absurd, Kurzzitate außerhalb ihres Kontexts, mit wütendem Bezug zum tagespolitischen Wahnsinn, hinter dem Rücken ihrer Urheber zu diskutieren, dass ich weiter mit gutem Vorbild vorangehen muss, mich jeder solchen „Diskussion“ zu enthalten. Freilich kann ich ihnen nicht immer den Rücken zukehren, es geht nicht alles an mir vorbei, weil die unsozialen Netzwerke immer wieder so laut um Aufmerksamkeit rufen, dass man ihnen nur noch durch Totalboykott entgehen kann. Das aber kann sich ein Unternehmer heute kaum leisten, wo sich doch immer mehr um Aufmerksamkeit dreht. Oder müsste der Contrepreneur hier Konter geben?

Bill Gates münzte in einem Artikel von 1996 eine Phrase aus dem Zeitschriftengewerbe auf das junge Internet um und prophezeite: Content is king – Inhalt ist Trumpf! Seine Prognose:

Ich erwarte, dass das meiste wirkliche Geld, das im Internet verdient werden wird, mit Content zu verdienen ist, so wie es beim Rundfunk war. (Gates 1996)

Diese Prognose kann man entweder als prophetisch oder als völlig an der Realität vorbei interpretieren, denn die tatsächliche Entwicklung zeigte zwar die Bedeutung von Inhalten, insbesondere Werbeinhalten, doch das große Geld machten und machen nicht Content-Produzenten, sondern die Content-Kanäle. Diese Kanalbetreiber profitieren vom Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Die Schwellen wurden immer niedriger, ein größeres Publikum zu erreichen – was natürlich für gewitzte Content-Produzenten auch ein großer Vorteil sein kann. Das Versprechen des Wettbewerbs um Aufmerksamkeit ist aber werbewirksam verstärkt, es lässt sich nicht immer einlösen. Durch den intensiven Wettbewerb um Aufmerksamkeit stumpfen die Kanäle nach und nach ab. Die Dosis muss erhöht werden und führt zu weiterem Abstumpfen – ein Teufelskreislauf, dem man nur in immer neue Kanäle entkommen kann. Die Aufmerksamkeit des modernen Konsumenten ist schon nahezu völlig kanalisiert, allenfalls die Virtuelle Realität könnte noch eine umfassendere Bespielung ermöglichen.

Dieser Teufelskreislauf verschiebt nach und nach die Gewichtung zwischen Produktion und Marketing. Die geforderte Frequenz, die Dichte und die Sinnesansprache, um die Aufmerksamkeit zu halten, werden tendenziell höher. Damit saugt der Aufmerksamkeitsbedarf potentiell Ressourcen an sich. Die riesigen Möglichkeiten der Publikumsansprache können als Lockmittel zu einer falschen Allokation des Marketings führen. Kleine Betriebe beginnen dann, als Content-Produzenten tätig zu werden, um Aufmerksamkeit für ihre eigentlichen Produkte zu erlangen.

Natürlich lässt sich Marketing und Produktion nicht wirklich trennen – die Kundenansprache ist Teil der Produktion bzw. ein Produkt, von dem die Kunden nicht wissen, ist eben kein fertiges Produkt, sondern bestenfalls halbfertig. Doch diese ökonomisch irrige Trennung erweist sich als psychologisch sinnvolle Unterscheidung, um Fehlallokationen zu vermeiden. Ressourcen sind knapp, darum bedeutet ein höherer Marketingaufwand einen geringeren Aufwand für Produktion und Entwicklung. Natürlich gibt es – und da liegt die realistische Ökonomik richtig – keine objektiven Gewichtungen. Produktion im Sinne der materiellen Fertigung ist nicht notwendigerweise der größte Beitrag zur Wertschöpfung. Doch wenn wir kurz den ökonomischen Irrtum augenzwinkernd beibehalten (und uns dessen bewusst sind), fällt doch eine extreme Verschiebung auf, die für kleine Produzenten notwendig würde, wenn sie sich auf die Gebote der Aufmerksamkeitsbewirtschaftung völlig einließen.

Die traditionelle Gewichtung zwischen Produktion und Marketing zeigt uns der Markttag auf: Landwirtschaftliche Produzenten begeben sich einen Halbtag in der Woche auf den Markt, die übrige Zeit ist der Produktion vorbehalten. Nach heutiger Gewichtung müssten sie sich wohl sechseinhalb Tage die Woche dem Marketing widmen und in einem Halbtag eilig ein paar Produktattrappen hervorbringen, die sie dann gut „vermarkten“. Je kleiner das Unternehmen, desto spürbarer die Aufwandsumleitung von Produktion und Entwicklung zum Marketing.

Kein Widerspruch ist die Aufwandsverschiebung zwischen Produktion und Marketing nur dann, wenn das Marketing selbst zum Produkt wird. Wenn Content, also interessanter Inhalt, Gegenstand des Marketings ist, sollte das eigentlich einen Vorteil für Content-Produzenten bedeuten. Leider geht dieses Kalkül nur dann einfach und offensichtlich auf, wenn der Gegenstand der Inhalte selbst Marketing ist. Ein Beispiel ist ein Newsletter über das Schreiben guter Newsletter. Dabei ist der Newsletter sowohl Marketing als auch Kostprobe weiterführender Produkte (digitale Bücher über die Kunst des Newsletterschreibens). Der Schuster kann nicht schnell mal einen Werbenewsletter für seine Kunden zusammenschustern, der Newsletterschreiber hingegen macht gar nichts anderes.

Ist das Produkt nicht selbst Marketing, sind wir beim Dilemma der Kostproben-Vermarktung. Ist die Kostprobe selbst etwas anderes als ein Vorgeschmack auf das Produkt, ist sie nicht so effektiv. Ein Schuster könnte Aufmerksamkeit für seine Schuhe generieren, indem er Artikel über das Wandern verfasst. Doch ein Wanderartikel ist ein anderes Produkt als ein Schuh, es gibt keinerlei Gewissheit, dass die Nachfrager des einen zum anderen „konvertieren“ – um die theologische Sprache des modernen Marketings zu bemühen. Die kostenlosen Wanderartikel konkurrieren mit den Produzenten kostenpflichtiger Wanderartikel, nicht mit anderen Schustern. Wenn es eine direkte Kostprobe sein sollte, dann konkurriert sie mit dem eigenen Produkt. Während beim Anbieter von Marketing-Produkten die Kostprobe zumindest einen Marketing-Wert für den Anbieter hat, ist der Nutzen verschenkter Kostproben für die Anbieter anderer Produkte nicht so offensichtlich. Der Schuster, der Schuhe als Kostprobe verschenkt, untergräbt den eigenen Schuhverkauf. Wenn er halbe, billige, eingeschränkte Schuhe als Kostproben anbietet, dann wiederum hätte er negative Werbewirkung: Die Kostproben könnten als repräsentativ für sein Produkt gelten. Ähnlich geht es dem Content-Produzenten, dessen Inhalte keine Marketing-Inhalte sind: Der kostenlose Kostprobeninhalt ist entweder eine verwässerte Fassung des kostenpflichtigen Inhalts, und der könnte den Produzenten „unter Wert“ verkaufen, oder er ist so gehaltvoll, dass er die Zahlungsbereitschaft für Inhalte schlechthin untergräbt – wenn es das Produkt schon kostenlos gibt, warum dafür bezahlen?

Die Marketing-Produkte haben hingegen einen Charakter, der an Pyramidenspiele erinnert. Die Versprechen lauten etwa so: „Lesen Sie meinen Blog darüber, wie sich mit Bloggen Geld verdienen lässt.“ – „Kaufen Sie mein eBook darüber, wie sich mit eBooks Geld verdienen lässt.“ Wenn die Kunden dann wiederum zu Produzenten von Marketing-Produkten werden, hat man es eigentlich mit einer Art Multilevel-Marketing zu tun. Viele digitale Produzenten leben von der Sehnsucht ihrer Kunden, ihren Lebensstil zu imitieren – den sie dazu natürlich werbewirksam übertreiben und hinausposaunen müssen. Der Frauenschwarm coacht Loser dabei, zu Frauenschwärmen zu werden – und fast alle dieser Coaches waren einmal Loser, die von anderen gecoacht wurden.

So mancher Schuster würde gewiss mehr Wertschöpfung dadurch leisten, zum Blogger oder Coach zu werden. Es gehört in einer dynamischen Welt dazu, eben nicht immer bei seinem Leisten zu bleiben. Doch die extreme Verschiebung der Gewichte ist auch ein Symptom einer verzerrten Blasenwirtschaft.

So mancher Handwerker und Landwirt lebt dann eher von den Sehnsüchten der Menschen, die er mit Kursen und anderem Content bewirtschaftet, als von Handwerk oder Landwirtschaft. All das wäre wunderbar, wenn die Wirtschaftslage nachhaltig wäre. Doch nach der Korrektur der gegenwärtigen Verzerrungen könnte es zu viele Blogger und Coaches geben und zu wenige „Produzenten“ – im ökonomisch irrigen, aber psychologisch klaren Sinne. Vor allem wenn immer mehr Produzenten den Verlockungen der Aufmerksamkeitsökonomie folgen, ihren Leisten an den Nagel hängen und sich an die Produktion von kostenlosem Content machen. Gewiss könnte hier die Arbeitsteilung helfen – der Schuster aus unserem Beispiel könnte einen Blogger engagieren. Der massive Margendruck durch die künstlichen Skaleneffekte der verzerrten Wirtschaft lässt hierfür aber nicht viel Spielraum. Dann müsste der Mehrerlös aus der Aufmerksamkeitsbewirtschaftung nämlich noch die Steuer- und Gebührenlawine mitfinanzieren. Realistischerweise geht sich das nur aus, wenn die Gewichteverschiebung erst recht einsetzt: Dann bleibt der Schuster vielleicht mehr als einen Halbtag bei seinem Leisten, ihm werden aber nicht viel mehr von den Erlösen bleiben als die eines Halbtages: Da ist es viel realistischer, dass ein Blogger einen Schuster anstellt als umgekehrt – denn wenn das Aufmerksamkeitswagnis gelingt, dann ist es für die Dauer des Hypes der wesentliche Teil der Wertschöpfung. Wie so manche Crowdfundingkampagne zeigt, reicht vom realen Produkt auch eine werbewirksam photographierte Attrappe – was symbolisch für die Gewichtsverschiebung steht. Nachhaltig kann dieses Ungleichgewicht freilich kaum sein, wenn bei immer mehr Produkten der größte Teil der Wertschöpfung in der Aufmerksamkeitsdurchdringung steckt.

Diese Art der Wertschöpfung könnte man als Memufaktur bezeichnen – die Kombination von „Mem“ (virales Internet-Phänomen) und Produktion. Ein Blick nach China verrät mehr über die aktuelle Dynamik dieser Produktionsverlagerung und nährt die skeptische Perspektive, die nicht auf platter Werbefeindlichkeit oder ökonomischem Unverständnis beruht, sondern sensibel für die Symptome nicht nachhaltiger Blasenphänomene ist.

In einem ausführlichen Artikel beschreibt Joseph Bernstein das Geschehen in Shenzhen, einem der chinesischen Zentren der Elektronikproduktion. Seit 1979 ist die Bevölkerung von 30.000 auf über 18 Millionen (im Großraum) explodiert, mehr als doppelt so viel Menschen, wie in New York City leben. Eine dichte Ansammlung dynamischer Unternehmer schafft dort in scheinbarem Chaos einen großen Teil der technischen Spielzeuge unserer Zeit.

Das Beispiel des aktuellen Hypes der „Hoverboards“ illustriert die Dynamik. Findige Vermarkter im Westen hatten vorhergesehen, dass anlässlich des Jubiläums der Kultfilmreihe Zurück in die Zukunft die Sehnsucht nach den filmisch vorgegaukelten schwebenden Skateboards wieder zunehmen würde. Leider setzt die elektromagnetische Variante wirklichen Schwebens einen leitenden Untergrund voraus. Die zweite Möglichkeit, ein schwebendes Brett unter den Beinen zu realisieren, wäre eine Quadrokopterlösung – doch die nötige Batterie wäre schwer, das Gerät groß und die Nutzung zu gefährlich. So blieb der Bluff, auf Rädern zu gleiten und die lose Assoziation zum Schweben durch die Steuerung per Gewichtsverlagerung, die man vom Segway kennt, herzustellen. Doch der Bluff ist gut genug, wenn er sich nur hypen lässt. Die Bretter ließen sich prächtig hypen:

Und so gab es, beinahe über Nacht, die Hoverboards. Sie treten in Preisverleihungen bei MTV und Videos von Justin Bieber auf; in den Schulen der wohlhabenden Vorstädte und auf den Gehsteigen. Sie sind ein physisches Produkt, aber auch ein Mem – popularisiert durch Prominente, ständig auf Twitter und Instagram und Vine geteilt, zu Tode diskutiert in der plappernden Ideenfabrik, die das englischsprachige Internet ist. Wiz Khalifas Twitterbeitrag, der die Bretter „die Technik, die jeder innerhalb der nächsten 6 Monate benutzen wird“, nannte, wurde 34.000 Mal verbreitet; als Kendall Jenner ein Video veröffentlichte, in dem sie diesen Sommer auf einem Modell, das PhunkeeDuck genannt wird, balancierte, reagierten mehr als 1,1 Millionen Instagram-Nutzer mit „Like“. (Bernstein 2015)

Die westlichen Verkaufskünstler geben daraufhin chinesischen Produzenten Vorgaben zur Erstellung von Prototypen, die als Vorlage für die Massenfertigung dienen. Die Wertschöpfungsanteile sind dabei extrem ungleich verteilt. Marketing und Marktzugang ist fast alles – offenbar kann man den digitalen Junkies auch fast alles verkaufen. Die Preisdifferenzen dokumentieren diese Verhältnisse: Im Westen kosten Hoverboards von \$300 bis \$1.800 (ohne deutliche Qualitätsunterschiede). Die Produktionskosten betragen ca. \$125, die Hersteller verdienen etwas über \$15 pro Stück. Im chinesischen Zwischenhandel, an dem Messevertreter verdienen, sind nochmals zwei Prozent zu machen. Der Rest der Differenz gehört dem Marketing – bis zu 92 Prozent des Erlöses! Meine Schätzung der 90 Prozent war also nicht übertrieben.

In China selbst gibt es kaum einen Markt für die Dinger. Im Artikel wird ein saudischer Händler erwähnt, der sich auch daheim eine Nachfrage erwartet und dies ungefähr so begründet: Wir haben zu viel Geld und wissen nicht mehr, wohin damit. Darum gäbe es Bedarf nach immer neuem Müll, mit dem man sich von den Nachbarn abheben könnte. Es handelt sich also um Geltungskonsum einer übersättigten Gesellschaft. Die Chinesen denken sich ihren Teil, bleiben aber pragmatisch und liefern alles, wonach die aktuellen Meme Begehr wecken.

Shenzhen scheint besonders auf diese Art der „Memufaktur“ ausgerichtet zu sein, da sich dort ein unternehmerisches Ökosystem besonderer Art entwickelt hat. Es ist niemals ein einzelnes Unternehmen, das die Produktion von A bis Z durchführt. Jedes Unternehmen hat unzählige Zulieferer, die aus den Aufträgen wiederum Hinweise auf die neuen Hypes erhalten. Einzelne Zulieferer schwingen sich dann zu Endproduzenten auf. Die Wettbewerbssituation ist sehr pragmatisch und kollegial. Es ist eine Art Crowd-Unternehmertum, in dem jedes Unternehmen zugleich seine Konkurrenten beliefert und von ihnen Bauteile bezieht. Dabei läuft eine hochdynamische Spezialisierung ab, die sich ständig wandelt. Die Unternehmer sind ständig auf dem Sprung, um neue Margen zu entdecken und von den Konkurrenten zu lernen. Sie leben als die von Israel Kirzner beschriebene unternehmerische Wachsamkeit (alertness) in Reinform.

Die Voraussetzung für dieses Unternehmertum ist extreme Flexibilität. Diese ist durch fast völlige Deregulierung gegeben – Arbeitskräfte und Produktionsprozesse fluktuieren mit geringsten Vorlaufzeiten. Diese Dynamik schafft eine geringe, aber besonders stabile Profitabilität – denn sobald ein Produkthype zu Ende geht, sind die Unternehmer schon längst mit einem Bein in der Produktion zu neuen Hypes engagiert. Die Unternehmen bilden dynamische und offene Netzwerke, in denen in schärfster und beinharter Konkurrenz ein verblüffendes Ausmaß an Kooperation möglich wird. Es ist die hohe Volatilität und das gemeinsame Ausgeliefertsein gegenüber diesen aus der Fremde unvorhersehbar hereinbrechenden Wellen, die diese Kooperation nährt.

Die Volatilität erklärt auch, warum sich die Chinesen bislang mit der Produktion begnügen und so wenig an den Handelsmargen nagen, indem sie selbst Marketing betreiben. Ihre stabile, aber geringe Profitabilität ist ihnen lieber als die künstlich verzerrte Volatilität an den westlichen Märkten. Die Blasendynamik wird dort nämlich noch durch Regulierungsvolatilität verstärkt. Insbesondere die Unwägbarkeiten der Patentgesetze sind ein großes Hindernis. Der resultierende Wettkampf um Anwälte, Lobbyisten und politische Kontakte ist für chinesische Unternehmer eine Unbekannte, da er nicht durch individuelle Korruption wie in China gemildert, sondern durch systemische Korruption verschärft wird. Gute Unternehmer meiden Unwägbarkeiten, sie wollen Ungewissheit in absehbare Risiken ummünzen. Der Ungewissheit können sie sich aber nicht entziehen, ob dieses Geschäftsmodell der Memufaktur ewig trägt und was danach kommen könnte. Vielleicht heuern chinesische Produzenten dann arbeitslose westliche Marketingexperten zu einem Bettel an, und die Wertschöpfungsanteile werden wieder zurechtgerückt.

Blockchain-Hype

Auch das Contrepreneurship ist allerdings vor Hypes nicht gefeit. Das ist ein Paradoxon unserer Zeit: Dass nicht nur der Mainstream „hypet“, sondern auch der Anti-Mainstream. Das birgt großes Verwirrungspotential.

Von einem solchen Hype könnte man beim Konzept der Blockchain sprechen, die in Folge der Kryptowährung Bitcoin Furore macht. Blockchains – Ketten von Datenblöcken – sind eine technische Möglichkeit, digital verteilte Datenbanken mit verteilter Überprüfung zu realisieren. Diese erlauben dezentrale Transaktions- und damit Güterverzeichnisse; das dabei bestehende Vertrauensproblem wird kryptographisch durch die Kombination von öffentlichen und privaten Schlüsseln gelöst. Der Vorteil einer Blockchain gegenüber alternativen Lösungen ist, dass sie ohne zentrale Steuerungsinstanz auskommt. Das ist eine bedeutende Innovation mit zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten.

Beruhend auf diesem Prinzip lassen sich etwa „smart contracts“ erstellen, „intelligente Verträge“, die ohne Juristen auskommen sollen. Diese Verträge sind eigentlich Algorithmen, die wiederum dezentral überprüft werden und so vor Manipulationen sicher sein sollen. Man könnte Verträge dieser Art allerdings auch als „dumme Verträge“ bezeichnen, da der spezifizierte Algorithmus stur ausgeführt wird. Was man sich an Juristen erspart, könnte man für Informatiker aufwenden müssen. Die programmierten Vertragsinhalte sind für alle Teilhaber der jeweiligen Blockchain einsehbar, und damit auch potentielle Lücken im Code, die schneller zum Nachteil von Vertragsparteien ausgenützt als korrigiert werden könnten (siehe die letzten Scholien).

Mit der Zeit wird es aber wohl bewährte Standardverträge geben und kombinierbare Musterlösungen. Da überraschend viel Informatikkompetenz aus Idealismus frei verfügbar ist, dürften „smart contracts“ eine ökonomischere Lösung für Vertrauensprobleme darstellen: Die technische Infrastruktur entsteht durch geeignete Anreize spontan und ersetzt zwangsbasierte Institutionen und teure Juristen.

Die Innovationskraft, die ökonomische Tragweite und der futuristische Charme machen solche Ansätze attraktiv. Klugerweise sicherte sich die Schweiz einen gewissen Vorsprung und zieht insbesondere in Zug junge Unternehmen in diesem Bereich an. Auch die Banken zeigen großes Interesse, und jede Bank, die etwas auf sich hält, hat schon mindestens eine Arbeitsgruppe zum Thema Blockchain im Einsatz. Dabei findet allerdings eine lukrative Verwechslung statt, die auf einem Missverständnis der Blockchain beruht.

Die Technik der Blockchain ist nicht bloß eine weitere „Cloud“-Lösung für verteilte Datenspeicherung. Essentiell ist die Notwendigkeit verteilter Anreize und Hürden durch reale Kosten – und diese realen Kosten gehen zulasten der Effizienz. Eine Blockchain wäre eine völlig unökonomische Lösung für Datenverteilung, wenn es nicht darum ginge, ein Vertrauensproblem ohne zentrale Institution zu lösen. Die verteilte Überprüfung der Bitcoin-Blockchain erfordert derzeit mehr Energie als etwa der Schweizer Atomreaktor Beznau insgesamt produziert. Will eine Bank Transaktionsdaten verteilen, um vor Serverausfällen sicher zu sein, so gibt es dafür wesentlich ökonomischere Lösungen. Die Blockchain-Technik ist nur dann sinnvoll und notwendig, wenn man auf eine Bank gänzlich verzichten möchte.

Schaufeln sich die Banken also gerade ihr eigenes Grab? Im Gegenteil, es handelt sich eben bloß um eine lukrative Verwechslung – lukrativ für Programmierer und Banken, und für beide aus demselben Grund: Marketing. Dabei wird „Blockchain“ als zeitgeistiges Synonym für Datenbankentwicklung verwendet; über diese Fehlbezeichnung wird zu beidseitigem Nutzen hinweggesehen.

Der Wert von Bitcoin liegt derzeit hauptsächlich darin, ein unkorreliertes Asset zu sein. Der überwiegende Teil der Nachfrage ist spekulative Anlegernachfrage, das Zahlungsvolumen im Alltag ist verschwindend gering gegenüber dem Börsenvolumen. Das spricht nicht gegen Bitcoin; immerhin leistet es auch die Zahlungsfunktion problemlos. Insbesondere für Zahlungen im Rahmen der Schattenwirtschaft (vor allem Rauschmittel) und zur Umgehung von Kapitalverkehrskontrollen erweist Bitcoin schon heute gute Dienste.

Dass dennoch der Anlageaspekt überwiegt, ist dem aktuellen wirtschaftlichen Umfeld geschuldet. Die exponentielle Geldmengenausweitung treibt Sparer vor sich her, die immer verzweifelter nach Anlagemöglichkeiten suchen. Das macht unkorrelierte Assets zu seltenen Gütern; die steigende Volatilität macht sie zusätzlich attraktiv. Daher zieht sogar ein digitales Asset ohne jeden dinglichen Hintergrund, das nur eine kleine Minderheit tatsächlich versteht, beachtliche Anlegergelder an. Aufgrund der asymptotisch beschränkten Gesamtmenge jemals verfügbarer Bitcoins und der eingeschränkten Kontrollier-, Regulier- und Manipulierbarkeit sowie der hohen Fungibilität, konkurriert Bitcoin innerhalb derselben Anlageklasse wie Gold.

Bislang waren Banken, nach dem Staat, die Hauptprofiteure der Geldmengenausweitung. Das erklärt ihre hohe nominelle „Produktivität“ bei geringer realer Innovationskraft. Die wachsende Regulierungsdichte infolge der bloß an den Symptomen ansetzenden Symbolpolitik nach der letzten Finanzkrise schränkt allerdings die Möglichkeiten der Banken massiv ein, weiterhin so einfach zu profitieren. Wirklich kreative Nutzung der durch Geldmengenausweitung geschaffenen Profitmöglichkeiten ist nur noch potenten nicht-institutionellen Investoren möglich, während der Staat als einzig direkter Nutznießer der Schuldenaufblähung verbleibt.

Es ist allerdings relativ unwahrscheinlich, dass nun innerhalb des Bankenkartells plötzlich unternehmerischer Geist aufkommt. Die hohen Summen, die in „Blockchain“-Projekte fließen, dürften überwiegend als PR-Aufwand abzuschreiben sein. Da sowohl bei der Geldproduktion als auch im Bankensektor Privilegien anstelle von Wettbewerb herrschen, stellen peer-to-peer-Ansätze, wie sie die Blockchain möglich macht, eigentlich die Antithese dar. Nicht bloß im ideologischen Sinne, sondern im viel relevanteren wirtschaftlichen Sinne: Geldsystem und Bankensystem sind eng korreliert. Blockchain-basierte Titel auf Assets sind daher potentielle Rettungsboote, die jene aufnehmen, die das Sinken der Finanzschiffe als mögliches Szenario betrachten.

Diese Konkurrenzsituation spüren Banken und Behörden, darum handelt es sich bei viel vermeintlichem Engagement rund um die Blockchain um „Feindbeobachtung“. Da Bitcoin aber auch mit Gold und Bargeld konkurriert, den anderen zwei schwer regulierbaren Assets außerhalb des Bankensystems, erscheint es auch als mögliche Blaupause eines digitalen Zeichengeldes. Manche sehen in der Blockchain einen Weg, die immer häufiger geforderte Bargeldabschaffung als Innovation auszugeben. Das allerdings ist Teil der lukrativen Verwechslung, die somit eine sinistere Wendung nimmt: Zentral erfasste und erfassbare Assets benötigen keine Blockchain, der Begriff wäre bloße Fassade für ein zentrales Vermögensregister. Dieses als Blockchain umzusetzen, wäre völlig absurd.

Verteilte Datenbanken mit zentraler Überprüfung, ohne kostenintensives „Mining“, die konzeptuell von Blockchain-Lösungen zu unterscheiden sind, können durchaus sinnvolle Angebote darstellen, sofern sie sich dem Wettbewerb stellen. Denn Wettbewerb ist eine andere Lösung des Vertrauensproblems: Die Möglichkeit, Angebote abzulehnen, diszipliniert die Anbieter. Abseits des Wettbewerbs, dort wo sich heute die privilegierte Geldproduktion durch Zentralbanken und Geschäftsbanken abspielt, lässt sich das Vertrauensproblem aber keinesfalls technisch auflösen, es lässt sich nur durch PR-Bluffs überdecken. Im schlimmsten Fall verkommt „Blockchain“ dann zum Propagandabegriff für die digitale Auflösung analoger Freiheit in der „big data cloud“.

Die Zähmung der Untertanen

Das Hypen des Anti-Mainstreams zeigt sich auch in anderen Bereichen. Unsere Zeit ist generell durch paradoxe, gegenläufige Entwicklungen gekennzeichnet, die Extrempositionen bestärken. Ein Beispiel hierfür ist die stärkere Thematisierung „politischer Korrektheit“. Einerseits wächst bei vielen die Empfindung von politischem Druck auf die freie Meinungsäußerung, andererseits reüssiert auch die „politische Unkorrektheit“ – sie führt zu Verkaufs-, Achtungs- und Wahlerfolgen. Wie passt die Wahrnehmung einer Unterdrückung von „Wahrheiten“ mit der zunehmenden Vielfalt von Positionen bis hin zur Breitenwirkung von polarisierenden Extrempositionen zusammen?

Die „politische Korrektheit“ wird durch grundverschiedene Annahmen und Motive genährt, einige davon lösen Gegenreaktionen aus, die wiederum neue Motive begründen. Als systematischer Versuch der Denkveränderung durch Sprachveränderung ist sie die logische Konsequenz behavioristischer Zugänge zur Politik, die auf eine Veränderung des Menschen durch Veränderung der Institutionen, darunter der Sprache, abzielen. Nahezu alle utopischen Ideologien beruhen, in ihrer modernen Spielart, auf behavioristischen Annahmen.

Diese betonen die „Nurture“ im Gegensatz zur „Nature“, die soziale Prägung, Bildung, Beeinflussbarkeit und Formbarkeit im Gegensatz zu beständigerer menschlicher Natur, die gar eine genetische Komponente haben könnte. Im Selbstverständnis sind diese Ansätze emanzipatorisch. Ihre Attraktivität und Problematik hat bereits Goethe in einer tiefen Einsicht dargelegt. Viktor Frankl paraphrasierte sie wie folgt (leider ohne Beleg):

Wenn wir \[…\] die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind. (Frankl 1977: 15)

Die Problematik liegt in der „emanzipatorischen“ Unaufrichtigkeit, die das Sein der Menschen ausblenden muss, um jede normative Kraft des Faktischen zu verhindern. Das mag ein erzieherischer Zugang sein – und er hat durchaus suggestive Kraft –, doch gefährlich wird dieser Zugang nicht nur im paternalistischen Extrem, in dem sich Menschen als Erziehungsberechtigte ihrer Mitmenschen aufspielen, sondern auch und besonders, wenn man ihn erkenntnistheoretisch auffasst. Dann haben wir es mit systematischer Lüge zu tun, die sich in ihrer emanzipatorischen Zielsetzung auch noch als Kind der Aufklärung wähnt und moralisch auf der Siegerseite sieht – daher immunisiert ist.

Im Schatten dieser moralischen Gewissheit konnten sich unmoralische Interessen breitmachen. Aus der emanzipatorischen Gesinnung wurde ein geistiger Opferkult, der menschliche Schicksale zur individuellen Bereicherung und Prestigemehrung missbraucht. In einem umgekehrten Sexismus und Rassismus werden Frauen, Schwarze und bestimmte Minderheiten zu Schutzbefohlenen degradiert, die Sittenwächter bräuchten, um sie vor Beleidigungen zu bewahren. Das Beziehen von „politisch korrekten“ Positionen täuscht heroische Gesinnung vor, ohne dass man persönliche Nachteile riskiert: So wurde „politische Korrektheit“ zum Duckmäusertum von – durchaus bürgerlichen – Karrieristen, die kontroverse Positionen scheuen.

Den aus Anpassungsdruck wachsenden Tugendterror hat bereits G. K. Chesterton vor mehr als hundert Jahren vorausgesagt:

Die moderne Welt ist voll von den alten christlichen Tugenden, bloß sind diese vollkommen verrückt geworden. Die Tugenden sind verrückt geworden, weil sie voneinander isoliert worden sind und nun alleine umherwandern. So sorgen sich manche Wissenschaftler um die Wahrheit, doch ihre Wahrheit ist ohne Barmherzigkeit. So sorgen sich manche Humanitäre um die Barmherzigkeit, doch ihre Barmherzigkeit ist oft ohne Wahrheit. (Chesterton 1908: 52f)

Diese vermeintliche Barmherzigkeit ohne Wahrheit gibt vor, den Schwachen zu helfen, versteckt aber eigene Unzulänglichkeit hinter einem unaufrichtigen Helfersyndrom, das panisch immer neue Opfergruppen zur Selbstwertsteigerung sucht und braucht.

Die „Humanitären mit der Guillotine“ nannte diesen Menschenschlag Isabel Paterson, eine der starken Frauen der Freiheitsidee, gegen die heute ausgerechnet im Namen der Frauen opponiert wird. Diese vermeintlich armen, schwachen Wesen bräuchten nämlich Sprachdiktat, Zwangsquoten, „Programme“ und Behörden, um ihren Weg gehen zu können. Neben den Frauen leidet v. a. die Wahrheit unter diesem verkehrten Sexismus: Da wird der grammatikalische Genus aus Unkenntnis der Sprache zu einem Sexus sexualisiert, das generische zum gegnerischen Maskulinum aufgeladen und die Wirklichkeit selektiv skandalisiert: Nur der Mangel an Unternehmerinnen und Managerinnen wird beklagt und sinistren Verschwörungen zugeschrieben, niemals der Mangel an Vergewaltigerinnen und Gefängnisinsassinnen.

Diese Wirklichkeitsflucht, die ständig korrigierend beschönigen und beschwichtigen, im Notfall gar zensieren und verfolgen muss, erinnert an die ursprüngliche Bedeutung von „politischer Korrektheit“, die wesentliches Element des Stalinismus war. Gedankenverbrechen galten als Verrat, da sie Zweifel säten und dem Klassenfeind dienten. Es war auch Stalin, der die Losung ausgab, alle Gegner unterschiedslos als „Faschisten“ zu bezeichnen, den Begriff Nationalsozialismus aufgrund seiner enttarnenden Begriffsnähe zum Sowjettotalitarismus völlig durch den Begriff Faschismus zu ersetzen und gewaltbereite, intolerante Totalitäre, sofern sie nur dem eigenen Lager dienlich sind, als „Antifaschisten“ zu adeln.

Die heutige „politische Korrektheit“ ist allerdings zum überwiegenden Teil Konfliktscheu und Gegenreaktion. Beide Motive sind verständlich. Digital vernetzte heterogene Massengesellschaften ohne gemeinsame Wert- und Erkenntnisgrundlage, die das Vertrauen in ihre Deutungseliten verlieren, ähneln reizbaren Bestien. Die Sorge um ein Durchbrechen der Konflikte von den digitalen Schmierwänden in die Straßen ist berechtigt. Sehr oft ist „politische Korrektheit“ schlicht eine Frage der Umgangsform: Im persönlichen Umgang ist Sensibilität zu Recht gefordert. Die wachsende biografische Vielfalt, der Meinungsdruck und die divergenten Deutungen machen Toleranz zu einer schwierigen Übung. Doch ohne ein Minimum an Toleranz kann eine heterogene Gesellschaft nicht bestehen.

Leider gerät die Toleranz in eine Schieflage, wenn sie nicht auch den wachsenden Unmut über die sich zu „Erziehungsberechtigten“ Aufschwingenden empathisch nachvollziehen kann, die den Menschen immer öfter korrigierend und sanktionierend ins Wort fallen. In der Tat – die Worte werden schärfer, die Wut sieht oft nach Hass aus. Die „politische Unkorrektheit“ ist ein Ventil, und es sind nicht die Besten, die sich ihrer in einfältiger Spiegelung aus Trotz bedienen. Es ist ein Trotz der Untertanen gegen ihre Obertanen. Die „politisch Unkorrekten“ gehören eher der Unterschicht an, es sind Leute, die weniger zu verlieren haben. Ein bürgerlicher Karrierist wird sich tunlichst jeder Unkorrektheit enthalten, die durch die typische Hysterie in den „unsozialen Medien“ sein Karriereende bedeuten könnte.

Mit der wirtschaftlichen Stagnation wird damit Provokation wider die Korrektheit zum massentauglichen Erfolgsrezept. Die Unkorrekten bemerken, dass sich stets die Richtigen gereizt fühlen, und erhöhen langsam die Dosis. Propaganda endet stets in beißendem Spott. Auch das ließe sich von der Sowjeterfahrung lernen. Die Obertanen, die gleicheren Gleichen, haben sich bequem in einer Parallelwelt eingerichtet. Es ist eine Parallelwelt ohne reaktionäre Zweifel, voll moralischer Überheblichkeit, aber ohne jede reale Verantwortung. Ausbaden dürfen die Konsequenzen der bequemen Illusionen stets die Untertanen.

Trump

Nach dem Brexit (siehe letzte Scholien) ist Donald Trump der nächste Anti-Mainstream-Hype und die nächste unangenehme Überraschung für die Bewohner der Parallelwelten. Die Abkapselung der Filterblasen voneinander drückt eine Zahl deutlich aus: In Washington D.C., dem sprichwörtlichen Politsumpf der USA, erzielte Hillary Clinton 93 Prozent der gültigen Stimmen. Die Verhältnisse in Österreich nähern sich diesen an: Die Sprengelergebnisse zur österreichischen Präsidentschaftswahl färben die Landkarte ganz ähnlich ein wie in den USA. Der gute Kandidat dominiert in den Städten, der böse Kandidat dominiert in den ländlichen Regionen.

Ich war die längste Zeit von Trumps Sieg ausgegangen. Ich sah ihn als „Unfall“ des republikanischen Establishments, als Selbstläufer, dessen wesentlicher Antrieb die Abneigung der urbanen Eliten war. Aufgrund der Polarisierung funktioniert die politische Unkorrektheit allein deshalb, weil sie die Korrekten auf die Palme bringt. Womit soll man auch sonst die tonangebende Generation zur Weißglut bringen? Die Kinder der 1968er halten sich für supertolerant, ihre erdrückende Inklusivität ließ kaum mehr einen Reibebaum übrig als das Böse schlechthin. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird dieses Böse im Zuge des Siegerkonsenses zwischen Bolschewismus und Amerikanismus durch Faschismus und Rassismus repräsentiert. Die politische Korrektheit überdehnte diese Gut-Böse-Sicht noch, sodass in den USA sogar das Kokettieren mit Faschismus und Rassismus „hypet“, denn es führt eben zu den gewünschten Reaktionen. Psychologisch liegt es nahe: Wie kann ein Sohn seinen 1968er-Vater aus der Fassung bringen? Nicht mehr durch Irokesenschnitt und Piercing, sondern durch Herausforderung der Sensibilitäten bis zu Hakenkreuz und weißer Kapuze. Leider bestätigt diese kindische Spiegelung die Korrekten noch mehr: Sie sehen sich als letztes Bollwerk der Zivilisation, bevor die Barbaren wieder im Stechschritt marschieren und Konzentrationslager errichten. Da wählen sie sogar eine maßlos korrupte Kriegstreiberin als kleineres Übel. Die Extreme werden alternativlos, früher oder später kippen die meisten auf eine Seite, denn der verbleibende Grat ist schmal, wie Ludwig Fulda dichtet:

Liegt Scylla links, Charybdis rechts bereit

was kann dem armen Erdenpilger glücken?

Der falsche Weg ist viele Meilen breit,

der rechte schmäler als ein Messerrücken.

Die Polarisierung zwischen Skylla und Charybdis bestätigt sowohl die Warnungen der amerikanischen Gründerväter als die ihrer Vorbilder, der antiken Philosophen. Wahlen sind heikle Angelegenheiten und brandgefährlich, wenn sie bedeuten, dass eine knappe Mehrheit der anderen ihr Extrem aufdrücken kann. Dass die Präsidentenwahl stolzer Ausdruck republikanischer Tugend wäre, ist jedenfalls ein verheerendes Missverständnis.

Zwei Anlässe erzielen die höchsten Einschaltquoten: Der Wettkampf um Wählerstimmen und der Wettkampf um Pokale. Die offenkundige Ähnlichkeit dieser Anlässe hat zu einer verblüffenden Verwechslung geführt. Für die alten Griechen waren Wahlen ein undemokratischer Anlass, ein Symptom oligarchisch orchestrierter Schaukämpfe, die im Dienste materieller Interessen stattfinden und eine Funktionärsklasse bereichern. Die Olympischen Spiele hingegen waren eine Art Gottesdienst, ein gemeinsames Glaubensbekenntnis, ein ekstatischer und teurer Taumel, von dem man sich eine Olympiade (vier Jahre) lang erholen musste. Nur der erste Platz zählte, die anderen galten als schmachvolle Niederlage.

Heute scheint es genau umgekehrt zu sein, zumindest was die Einschätzung, die Reaktionen und die Anteilnahme betrifft. Dem Olympischen Komitee Korruption nachzusagen, ist schon fast ein Gemeinplatz, bei Wahlen gezinkte Karten zu vermuten, noch ein Skandal, der an die Grundfeste der Gesellschaft rührt. Bei den Griechen waren die Olympioniken der Maßstab des freien Mannes, dem dieser nacheiferte. Der Abstand zwischen der Durchschnittsfitness und den hochtrainierten Profisportlern ist heute dafür viel zu groß. Vielleicht ist darum der Volkstribun, der Spitzenpolitiker, der „einer von uns“ ist, ein bequemer Ersatz geworden, der Jubelchöre auslösen kann, ohne dass sich die Jubelmeute in dessen Angesicht schlecht vorkommen muss. Die politischen Aufläufe ähneln immer mehr den hysterischen Gottesdiensten von Pfingstlern. Wer sich der politischen Spiele enthält und gar wahlabstinent bleibt, wirkt wie ein Atheist in Mekka.

Dies alles deutet darauf hin, dass wir es bei der wachsenden Bedeutung von Wahlen mit der selbsterfüllenden Prophezeiung einer Religion zu tun haben. Heute bestimmen Wahlorakel über Wahlergebnisse und damit über Krieg und Frieden. Je wichtiger die Politik sich nimmt und genommen wird, desto größer ihr Unheil und damit die Tragweite von Wahlen. Längst reicht das kalte Stimmenabzählen nicht mehr aus, das Mehrheitsverhältnisse registriert. Heiße Konflikte zwischen Gut und Böse bestimmen das Bild. Die gegnerischen Meuten projizieren alle Sehnsüchte in ihren jeweiligen Favoriten, der zum Heiland erkoren wird. Es handelt sich um den alten Sippeninstinkt, doch das moderne Ritual ist schädlicher als die alten. Es ist ein Götzendienst, der unversöhnliche Götzen produziert. Die Olympischen Spiele waren noch ein einigender Gottesdienst, bei dem der Wettkampf mit dem Sieg endet und keine weiteren Implikationen hat als Lob und Stolz. In der politischen Arena ist der Wettkampf vergiftet durch das, was danach kommt, das eigentlich Wichtige und Wesentliche: die Machtanmaßung, ohne die sich niemand für diese Schaukämpfe interessieren würde.

Die alten Griechen waren klüger. Demokratie bedeutete für sie nicht die Ermächtigung durch Durchschnittsmenschen, wodurch die Macht konzentriert wird und wächst, sondern die Machtübertragung auf Durchschnittsmenschen, wodurch die Macht zumindest verteilt wird.

Die amerikanischen Gründerväter warnten aus ähnlichen Gründen vor Wahlen als Ermächtigungsprozesse einer Menschenmasse zufälliger Mehrheiten. Dies würde zu factions führen, zu spaltenden Interessensgruppen, die Politik zur Religion erheben, die zwischen Erlösten und Verdammten entscheide. James Madison schrieb im berühmten zehnten Artikel der Federalist Papers, warum das Mehrheitsprinzip auf nationaler Ebene verheerend wäre:

Der Einfluss von Fraktionsführern mag in einem einzelnen Staat zum Aufruhr führen, er wird aber nicht wie ein Flächenbrand auf die übrigen Staaten übergreifen können. Eine religiöse Sekte kann in einem Teil des Staatenbundes gelegentlich zur politischen Faktion degenerieren, aber die Vielzahl der über die ganze Konföderation verstreuten Sekten sichert die überregionalen Gremien vor möglichen Gefahren aus dieser Richtung. Die wilden Forderungen nach Papiergeld, nach Annullierung der Schulden, nach gleicher Eigentumsverteilung oder jedem anderen untauglichen oder schlimmen Vorhaben werden die Gesamtheit der Union weniger leicht erfassen können, als eines ihrer Glieder, vergleichbar einer Krankheit, die mit größerer Wahrscheinlichkeit einen bestimmten Bezirk oder Kreis als einen ganzen Einzelstaat anstecken wird. (Madison 1787)

Es ist verblüffend, was er sich da an „wilden Forderungen“ ausmalte, an wirren Ideen, die mehrheitsfähig werden könnten. Die Gründerväter waren sich einig, dass die USA keine Demokratie sein konnte und durfte. Sie wollten eine Republik schaffen.

Demokratie oder Republik

Die meisten historischen Staatsgebilde beruhten auf Mythen. Ein Mythos ist in aller Regel eine historische oder anthropologische Tatsache, die in der Gestalt eines Märchens auftritt. Moderne Staaten hingegen beruhen auf Fiktionen. Dabei handelt es sich um Märchen, die in der Gestalt von historischen oder anthropologischen Tatsachen auftreten.

Ein Musterbeispiel für offensichtliche Fiktionalität war die DDR, wie schon der Name verrät: Sie war weder sonderlich deutsch noch demokratisch noch eine Republik. Der Mauerfall war das sichtbare Ende dieser Fiktion, doch offensichtlich als solche erkennbar war sie schon lange zuvor. Sowohl das Ende dieser Fiktion als auch die gewaltsamen Begleiterscheinungen, von Mauerschützen bis Stasi, lassen sich durch eine ideengeschichtliche Reflexion etwas besser verstehen. Die landläufige Vorstellung, dass 1989 eine sowjetische Diktatur endlich zu einer wirklich deutschen, wirklich demokratischen wirklichen Republik wurde, greift jedenfalls zu kurz. Die drei Konzepte Nation, Demokratie und Republik, die das gemeinsame Programm dieses Staates bildeten, sind nämlich in der Realität unvereinbar und setzen notwendig Fiktionalität voraus.

Dass sich hier unvereinbare Konzepte gegenüberstehen, erkannten in besonderer Deutlichkeit die Gründerväter der USA. Der Prozess, bei dem sie die geistigen Grundlagen dieses Staates legten, war historisch einmalig. Die amerikanische Philosophin Ayn Rand beschrieb diese Anomalie so:

Die Gründerväter waren weder passive, den Tod verehrende Mystiker, noch geistlose, Macht suchende Plünderer; als eine politische Gruppe waren sie ein in der Geschichte bisher einmaliges Phänomen: Sie waren Denker, die gleichzeitig auch Männer der Tat waren. (Rand 1961:13)

Zwei Wege der Staatsführung wurden damals als Alternativen zur Regierung durch Gewaltdynastien angesehen, leider widersprachen und widersprechen sich diese Wege jedoch diametral: Demokratie oder Republik. Thomas Jefferson bevorzugte die Demokratie. Damit war der griechisch-germanische (oder wie Jefferson meinte alt-angelsächsische) Weg der Selbstherrschaft, Selbstbeherrschung und Selbstverteidigung gemeint. Im ursprünglichen Sinne bezeichnete dieses Konzept eine Milizverwaltung, bei der die große Mehrzahl der dazu Fähigen die Verteidigung und Verwaltung übernimmt. Das Problem hierbei ist die hohe Anforderung an durchschnittliche Menschen, die nur durch Senken der Maßstäbe und pädagogisches oder technologisches Heben der Massen getragen werden kann. Im antiken Vorbild beruhte die Demokratie auf zwei notwendigen Bedingungen: Erstens, die Beschränkung der Politik durch Kleinräumigkeit und Aufgabenreduktion, die Dilettantenverwaltung (so bezeichnete es Max Weber) ermöglichte. Zweitens, die militärische Innovation der Triere. Diese geruderten Rammschiffe erlaubten koordinierten Gruppen durchschnittlicher Männer auf See die Überlegenheit gegenüber professionellen Kriegern.

Demokratie in diesem Sinne ist Massenaristokratie: Sie benötigt eine zur Selbstverteidigung und Selbstverwaltung fähige Bürgerschaft. Sie verträgt sich allerdings schlecht mit nationaler Größe. Die Grundlage der Demokratie war die phyle, die Sippengemeinschaft, nicht die Nation. Dilettantenverwaltungen scheitern an allzu komplexen Aufgaben und Größenordnungen. Gleichzeitig entfacht die Demokratie aber einen gefährlichen Stolz. Sobald Athen als Kulturnation Vorrang suchte und einen Imperialismus entwickelte, ging die kurze Phase der Demokratie schlagartig zu Ende.

Der Stolz der jungen USA war allzu groß, um die Selbstbeschränkung einer Demokratie im Sinne Jeffersons, der einen selbstgenügsamen, nicht-interventionistischen Staat kleiner Bauern und Handwerker zum Ideal hatte, zu akzeptieren. Das römisch-britische Gegenmodell einer Republik wurde federführend von Alexander Hamilton vertreten. Dieser setzte beim damaligen Konsens an, dass eine Demokratie nur in kleinen und kleinsten Räumen funktionieren kann. Den USA wäre jedoch eine größere Rolle bestimmt. Eine Dilettantenverwaltung durch Bauern und Handwerker könnte diese Bürde nicht tragen, es bräuchte Arbeitsteilung. Dass die durchschnittlichen Menschen nicht gerade zur Selbstbeherrschung fähig sind, dafür lieferte die Antike schon hinreichend Belege. Die Römer spotteten über die undisziplinierten Griechen und betonten daher in ihrem Staatsaufbau die dignitas, die aristokratische Würde, im Gegensatz zu licentia, der „Freiheit“ ohne Verantwortung, die von unbeherrschten Massenmenschen immer missbraucht würde.

Die Republik ist eine Elitenaristokratie. Die dafür am besten Geeigneten sollen die politischen und militärischen Aufgaben übernehmen. Diese Elite sollte die breite Masse repräsentieren, allerdings nicht als bloße Beauftragte, sondern als frei Erörternde und Entscheidende. Daher auch das System der „Wahlmänner“ in den USA: Diese sollten ursprünglich nicht bloß lebendige Stimmzettel der Parteien sein, sondern diejenigen, die zur Auswahl von Führern am fähigsten waren.

Das Problem der Republik ist die Auswahl der Elite. Die US-Gründerväter erkannten bald, dass Politik missbraucht werden kann – insbesondere von Interessengruppen, welche sie als factions bezeichneten. Das Ideal einer Elite, die nur das für alle Beste im Sinne hat, ist allzu naiv. Professionalität ist gut, außer sie verfügt über sämtliche Gewaltmittel – denn dann zählt nicht mehr die Professionalität im Dienen, sondern die im Herrschen. Die Elitenaristokratie entartet daher allzu schnell in eine Kakokratie, wenn wir das lautmalerisch schöne Griechisch heranziehen wollen. F. A von Hayeks Erkenntnis, dass die Schlechtesten an die Spitze gelangen, ist vielleicht ein wenig übertrieben, weist aber auf das Problem. Eine Herrschaft der Schlechten (kakoí) ist es jedoch allemal; hier hätten wir auch die etymologische Bestätigung, warum Parteipolitik für die meisten „kacke“ ist.

Die Absonderung einer Elite, die nicht immer aus den Besten bestand, sondern meist aus ziemlich Schlechten, führte nach dem anfänglichen Siegeszug der Hamiltonschen Vision zu einer Rückkehr demokratischer Sehnsüchte in den USA. Doch inzwischen war die Nation schon allzu groß und der Nationalismus weit gediehen. Der neue Demokratismus war nicht mehr im Sinne Jeffersons, sondern ein populistisch-nationalistischer Abbau der Republik. Andrew Jackson versuchte die nationale Verwaltung zu demokratisieren, indem er begann, Beamte je nach Parteifarbe völlig neu zu besetzen. Eine „job rotation“, der regelmäßige Wechsel der Ämter, verankerte demokratischen Dilettantismus. Im großen Rahmen einer Nation ist das natürlich verheerend.

Nachdem sowohl die griechische Demokratie als auch die römische Republik letztlich unvereinbar mit der Hybris moderner Ideologien der Größe – allen voran der Nationalismus – waren, setzte sich eine Scheinalternative durch. In einer großen Gesellschaft, wie F. A. von Hayek warnte, stimmen die Zwecke der Menschen nicht mehr überein – daher gibt es stets unterschiedliche Interessen. Die ursprünglichen Konzeptionen von Demokratie und Republik stoßen in einer großen Gesellschaft an ihre Grenzen: Die Demokratie begünstigt durch falschen Stolz eine Sippenmoral, die nur kleinen Gemeinschaften zuträglich ist, die Republik scheitert an den Interessensgegensätzen. In republikanischen Parlamenten erörtern nicht die Weisesten freimütig die Fragen der Zeit, wie dies die naive Vorstellung war, sondern Parteieninteressen liefern eine Show ab. Im 20. Jahrhundert galt der Parlamentarismus, und damit der Republikanismus, als gescheitert und die Demokratie als unmöglich (da in einer großen Nation nicht umsetzbar).

Vereinbar mit den Ismen der Moderne wurden Demokratie und Republik nur als Vorwand für die zwei Reaktionen auf diese Konzepte: Beschwörung von Sippenmoral und Ideal der Interesselosigkeit. Eine neue Fiktion wurde geschaffen, die durch das Zusammentreffen von Rousseau und deutschem Idealismus gefestigt wurde. Rousseau wusste als Demokrat zwar noch, dass Demokratie nur in kleinen und kleinsten Einheiten funktionieren kann. Doch er schuf die Fiktion einer volonté génerale – eines „allgemeinen Willens“, der für das Gemeinwohl stünde. Ludwig von Mises warnte zurecht:

Die folgenschwerste Verkennung aber hat der Begriff der Demokratie dadurch erfahren, daß man sie, in Überspannung des naturrechtlichen Souveränitätsbegriffes, als schrankenlose Herrschaft der volonté génerale aufgefaßt hat. Die Allmacht des demokratischen Staates ist im Wesen durch nichts von der des unumschränkten Selbstherrschers verschieden. (Mises 1922: 7)

Hegel sollte später von einem „Volksgeist“ sprechen. Weder Hegel noch Rousseau für sich genommen bieten die hinreichende Basis für einen Totalitarismus unter der Fassade der Demokratie. Doch die für die Republik nötige Interessenlosigkeit und Idealisierung wird durch Kombination mit dem „Wir“-Gefühl der Demokratie und der Hybris eines nationalen Anspruchs zur Grundlage tyrannischer Fiktionen. Anstelle einer Elite entsteht ein Kader. Dies erkannte der ehemals sozialistische deutsche Soziologe Robert Michels, der unter dieser Einsicht zum Faschisten wurde (was ehrlicher ist als das Gesäusel vom „menschlichen Antlitz“): Er formulierte das „eherne Gesetz der Oligarchie“. Sobald die Aufgaben und der Aufwand organisierter Bemühungen die Fähigkeiten und Bereitschaft des Durchschnittsmenschen übersteigen, kommt es notwendig zur Konzentration von Aufgaben bei wenigen. Die Entscheidungen werden dann zunehmend von jenen getroffen, die mehr Zeit, mehr Sitzfleisch, einen stärkeren Magen oder eine stärkere Beharrlichkeit zeigen. Die Notwendigkeit der „Interesselosigkeit“ bestärkt diese Wenigen als Avantgarde: Die Pseudoelite des Kaders rationalisiert sich dann selbst als jene, die eben schon weiter dabei wären, jedes persönliche (Klassen-)Interesse abgelegt zu haben und nur noch der öffentlichen Sache (res publica) zu dienen.

Dass eine „Demokratie, die interesselos von der res publica Ergebenen geführt wird“ allerdings eine Fiktion ist, tritt am deutlichsten im Bereich der Wirtschaft zutage. Demokratie und Republik haben in den kurzen Phasen, in denen sie bestanden, die Wirtschaft weitgehend ausgespart. In der griechischen Demokratie endete die polis an der Grenze des oikos, der privaten Eigenwirtschaft; in der römischen Republik war die res privata ebenso heiliger Bezirk. Der Grund dafür ist, dass Wirtschaftsführung mit dem Dilettantismus der Demokratie und der Interesselosigkeit der Republik nicht vereinbar ist, insbesondere, wenn Wohlstandswachstum und Kapitalwachstum gewollt sind. Kleine, vorwiegend agrarische Kommunen sind durchaus mit Wirtschaftsdilettantismus, also Kommunismus, vereinbar. Sozialismus jedoch, die nationale Wirtschaftsplanung durch den kadergeführten Staat, bedarf einer Fiktion. Je größer die Ansprüche eines sozialistischen Staates, desto offensichtlicher wird diese Fiktion. Die DDR musste im Kalten Krieg beweisen, in Sachen Wohlstand und Technologie mit der BRD mithalten zu können. Dieses Getriebensein zu nationaler Größe musste notwendigerweise die demokratischen Aspekte abwürgen – bzw. die Demokratie der DDR als Fiktion enttarnen.

Bei der Wirtschaftsplanung nimmt bei zunehmender Komplexität, das heißt Kapitalintensität, die Fiktionalität demokratischer und republikanischer Wunschbilder zu. Je kapitalintensiver, desto weniger egalitär und erfassbar sind die Produktionsfaktoren und desto unmöglicher wird die Interesselosigkeit. Je mehr Kapital in einer Wirtschaft im Einsatz ist, desto unwichtiger wird dessen Quantität und desto wichtiger wird dessen Qualität. In einer kapitallosen Primitivwirtschaft machen die ersten liquiden Mittel noch einen großen Unterschied. Mit steigendem Kapitaleinsatz jedoch erweist sich Kapital als eine filigrane Struktur, bei der es vielmehr um die richtigen Entscheidungen und Passstücke als um die eingesetzte Menge geht. Je mehr Kapital eingesetzt wird, desto weniger ist es materialistisch fassbar, desto mehr hat es eine geistige Dimension, die nicht beliebig zuteil- und verteilbar ist. Im Sozialismus führt das zu einer einseitigen Konzentration auf den scheinbar homogensten und fassbarsten Produktionsfaktor „Arbeit“. Dadurch artet die „Wirtschaftsdemokratie“ aber stets zu einer Moralisierung auf der Grundlage fiktiver Beziehungen aus. Die Plandiskussionen in der DDR erwiesen sich rasch als leere Beteuerungen und Anweisungen, mehr zu arbeiten. Diesen Planungsdruck, der für alle außer die dümmsten Beteiligten offensichtlich fiktiven Charakter haben muss, beschrieb Ayn Rand sehr schön. Dies ist die Realität einer Überdehnung von Demokratie ins Wirtschaftliche und Übergroß-Nationale:

Der Plan war, dass ein jeder in der Fabrik nach seinen Verhältnissen arbeiten und nach seinen Bedürfnissen bezahlt würde. \[…\] Wissen Sie, was dieser Plan bewirkte und was er den Leuten antat? Versuchen Sie einmal, in einen Kessel Wasser zu schütten, aus dem ein Rohr das Wasser schneller abfließen lässt, als Sie es hineingießen können, und mit jedem Kübel Wasser wird das Rohr weiter, und je härter Sie arbeiten, desto mehr verlangt man von Ihnen \[…\]. Es bedurfte einer einzigen Versammlung, um zu erkennen, dass wir zu Bettlern geworden waren – erbärmlichen, heulenden, winselnden Bettlern, jeder einzelne von uns, weil keiner seine Bezahlung als seinen rechtmäßigen Verdienst ansehen konnte, weil keiner Rechte oder Einkommen hatte, nicht ihm gehörte seine Arbeit, sondern der „Familie“, und die „Familie“ schuldete ihm nichts dafür, und der einzige Anspruch, den er an sie stellen konnte, waren seine „Bedürfnisse“. (Rand 1957: 705f)

Diese Problematik trat in der DDR sehr bald auf, weshalb die SED in ihrem Programm von 1963 die alte sozialistische Formel abänderte auf: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung.“ Doch wie soll man Leistung ohne Wettbewerb und Preise, also ohne Interessen, beurteilen? Wieder ist man bei der stupiden Quantität von Arbeitsstunden, die nur zum Antrieb in einem sinnleeren Hamsterrad geeignet ist.

Die Überdehnung der Republik ins Wirtschaftliche und Übergroß-Nationale wird ebenfalls bei steigendem Kapitaleinsatz deutlich. Unternehmerische Entscheidungen haben dann nämlich ein immer größeres Gewicht. Dabei handelt es sich um Entscheidungen unter Bedingungen absoluter Ungewissheit. Solche Entscheidungen können nicht von Komitees getroffen werden, allerdings auch nicht von interesselosen Experten. Die nötige Art des unternehmerischen Wagens setzt ein starkes Interesse voraus, das oft einem Überoptimismus entspricht und manchmal nahe zum Wahnsinn verläuft. Eine Gemeinschaft von auf einen Volksgeist und Volkswillen hin Gleichgeschalteten kann zwar allerlei grandiose Organisationen bilden, aber kein unternehmerisches Wagnis mehr leisten.

Die DDR ging also nicht daran zugrunde, dass sie „undemokratisch“ gewesen wäre. Nation, Demokratie und Republik sind nicht vereinbar, außer in der extremsten Beschränkung, die hinreichend Freiheit lässt, um weniger Fiktion zu bedürfen. Der Fehler des Sozialismus war, mehr Fiktionalität vorauszusetzen, als er letztlich aufrechterhalten konnte. Darum wäre zunehmend mehr Propaganda und Gewalt nötig gewesen. Doch Propaganda und Gewalt sind kein Selbstzweck der Machthaber, sondern Mittel, die irgendwann zu kostspielig werden können. Mauerschützen und Stasi waren zynische Mittel, doch zugleich ein Zeichen der Offensichtlichkeit der zugrundeliegenden Illusion. Wenn wir das Ende der DDR mitsamt ihrem offensichtlichen Gewaltapparat feiern, sollten wir dabei nicht vergessen, dass eine geringere Offensichtlichkeit von Gewalt nicht unbedingt ein Zeichen von Freiheit ist. Offene Gewalt ist auch dann weniger von Nöten, wenn Fiktionen nicht offensichtlich sind, weil sie sich schon allzu stark in den Hirnen der Menschen festgesetzt haben. Die Machthaber der DDR hätten auch lieber auf Gewalt und Mauer verzichtet. Doch dafür waren ihre Fiktionen nicht gut genug.

Faktionen statt Fiktionen

Wenn Fiktionen nicht ausreichen, dann kommt es zu Faktionen. Dieser Ausdruck bezeichnet das polarisierende Sammeln von Menschen rund um konträre Interessen und Ideen. Faktionen sind nicht bloß Gruppierungen, sondern solche, die andere nicht in Frieden lassen können, weil es um Einfluss in einem größeren Ganzen geht. Der Gedanke der US-Föderalisten, Faktionen durch kompliziertere Wahlarithmetik vermeiden zu können, ist auch eine Fiktion. Die republikanischen Eliten werden regelmäßig durch populistische Erhebungen ausgetauscht. Das liegt daran, dass Macht diese „Eliten“ korrumpiert – oder, genauer: Macht zieht die Korrupteren an, „the worst get on top“. Leider sind die Nachfolgenden selten auf Dauer besser.

Trump erinnert an Andrew Jackson. Entsprechend erwarte ich ein großes Umfärben der Posten, wobei notwendigerweise weniger Erfahrene und Kompetente nachrücken, sowie weniger Prinzipienorientierte, die ihre Fahne rechtzeitig nach dem neuen Wind ausgerichtet haben. Zwar ist sinkende Kompetenz an der Spitze verbrecherischer Organisationen nicht notwendig schlecht. Doch die aktuellen Marktdaten weisen eher daraufhin, dass die Märkte der Trump-Regierung mehr Kontinuität und Kompetenz zutrauen als zuvor befürchtet. Ein Systemwechsel sähe dann wohl anders aus. Aber geht es nicht vorrangig darum, die gespaltene Nation wieder zu vereinen? E pluribus unum ist der amerikanische Wappenspruch. Ich halte ihn für einen Irrtum. Denn die Einheit der kleinen, religiösen Gemeinschaft, die das Gesellschaftsmodell der Siedler war, wird bei Überdehnung auf die Nation oder gar die gesamte Welt (entlang der Achse der Guten) zu einer Fiktion. Fiktionen aber halten nicht ewig, irgendwann platzen sie. Dann sind die Faktionen erst recht wieder am Zug und geben nicht auf, ehe nicht eine Faktion alle anderen unter ihre Gewalt oder Fiktion gebracht hat.

Für diesen Gegensatz und die Gegensätzlichkeit steht Europa. Der Vorteil des Kontinents lag gerade in seiner Spaltung, darin, dass meist keine Faktion die Überhand gewinnen konnte, sondern mehrere Faktionen und Fiktionen gegeneinander Bestand hatten und sich gegenseitig korrigierten und beschränkten. Nicht nur Kirche und Staat waren uneins, nur phasenweise in Allianz verbunden, sondern sogar ein dritter Pol bildete ein Gegengewicht: das Bürgertum.

Doch die Faktionen sind noch älter und haben eine gänzlich andere Rechtstradition hervorgebracht als die hydraulische Gesellschaft. Europa wurde immer wieder von zahlreichen mobilen Gruppierungen überfallen, wodurch sich eine mehrfache Herrschaftsüberlagerung herausbildete, die Grundlage einer polyzentrischen Ordnung war. Genauer habe ich dies in den letzten Scholien dargestellt. Europa war feudal – und Feudalismus ist ein Gegensatz zum pyramidenhaften, monozentrischen Aufbau der meisten asiatischen Herrschaftsordnungen.

Eine besondere Rolle spielten indogermanische Volksgruppen, die durch die Innovation von Pferd und Streitwagen extreme Mobilität mit großer militärischer Überlegenheit verbanden. Diese Kombination setzte sich dann durch die überlegene Kriegskunst auf hoher See fort, wie sie die indogermanischen Seevölker zeigten, von den Philistern – Volksgruppe des Goliaths in der Bibel – über die Griechen bis zu den Wikingern. Dadurch bildete sich wohl die polyzentrische Struktur heraus: Eine Vielzahl von „Herrschergruppen“ – wie Augustinus richtig erkannte: Räuberbanden – dominierten jeweils einen Landstrich und befanden sich in einer Konkurrenzsituation. Sie brachten ein Sippenrecht mit, das auf Abwendung der Blutrache bedacht war und streng dem Talionsprinzip folgte. Dieses prägte das germanische, das griechische und später das römische Recht.

Bei den alten Griechen spricht man von Synoikismos (siehe Scholien 04/12, 69), dem Zusammenwachsen der Haushalte. Diese Haushalte sind feudale Grundherrschaften, ihre Herren bilden die Vollbürger – zehn Prozent der Bevölkerung. Das ist viel für eine Grundherrenschicht, daher galt Athen eine Weile als Demokratie. Diese Grundherren duldeten nämlich niemanden über ihnen und regelten ihre gemeinsamen Angelegenheiten durch Räte und Rotation der Aufgaben. Eifersüchtig wachten sie über die Autonomie ihrer Souveränitätsbereiche, in denen sie sogar die Jurisdiktion innehatten.

Dieses Nebeneinander von Jurisdiktionen ist typisch europäisch. Die Entwicklung des Rechts und der politischen Strukturen spielte sich an den Grenzen dieser Souveränitätsbereiche ab. In der ursprünglicheren Form hatte sich dieses Grenzrecht im germanischen Recht erhalten. Dieses orientierte sich an der Ehre von Kriegern, die Sippenhäuptlinge waren. Diese Herrschaftsbereiche schützte das Recht, indem es sich auf die Grenzen bezog: Frith und Munt. Frith kennzeichnete die Unverletzlichkeit der Herrschaftsgrenzen, die Eigentum konstituierten: den Hausfrieden. Hausfriedensbruch wurde als Ehrenbeschädigung betrachtet und musste durch ein Bußgeld wiedergutgemacht werden. Munt bezeichnete den Schutz der Personen innerhalb dieses „Hauses“ und ist in Wörtern wie Vormund und Mündel erhalten. Mord wurde als Einbruch in den Frith und Menschenraub aus dem Munt behandelt. Das dafür festgelegte Bußgeld entsprach einer Entschädigung der Opfersippe und wurde als Wergeld bezeichnet. Wer bedeutete Mann, in lateinisch Vir und im Werwolf erhalten. Das Ziel des Rechts war stets die Wiederherstellung der Gewichtsverhältnisse durch Wiedergutmachung. Wesel weist auf einen interessanten Zusammenhang hin:

So ist die Buße für Tötungen häufig identisch mit einer Brautpreisleistung, weil damit der Verwandtschaftsgruppe des Getöteten die Möglichkeit gegeben wird, daß einer von ihnen eine Frau heiraten und durch die Geburt von Kindern den Verlust wieder ausgleichen kann. (Wesel 1997: 40)

Harold Berman schließt in seiner sehr empfehlenswerten Darstellung der Rechtsgeschichte:

In vieler Hinsicht ist es ein vernünftiges Rechtssystem. Die Androhung schwerer finanzieller Belastungen für den Missetäter und seine Sippe ist wohl eine wirksamere Abschreckung als die Androhung von Todesstrafe oder Verstümmelung (die in Europa im 12. und 13. Jahrhundert die Geldbußen ablöste) und mindestens ebenso wirksam wie der heutige Freiheitsentzug, und für die Gesellschaft ist sie jedenfalls weniger kostspielig. Und aus der Sicht der Vergeltungsgerechtigkeit wird nicht nur dem Missetäter ein Übel aufgelegt, sondern das Opfer erhält auch – anders als nach der heutigen „zivilisierten“ Strafrechtslehre – eine Wiedergutmachung. (Berman 1983: 94)

Recht war also die meiste Zeit ein pluralistisches Gefüge von Ausgleichsregeln zwischen Sippen und Herrschaftsbereichen. Das Recht ging nicht vom Staat aus, sondern war „privatisiert“. Sonderlich human war diese „Privatrechtsgesellschaft“ nicht, aber sie hatte den großen Vorteil, eine pyramidale Konzentration der Macht zu hemmen. Es handelte sich um ein konkurrierendes Gefüge vieler Mini-Despotien, die untereinander sogar „demokratisch“-egalitär verkehren konnten. Besonders vernünftig war die Opferorientierung des Rechts, bei der Entschädigung das Grundprinzip war. Das führte zu gewissen Härten gegenüber jenen Tätern, die sich ihre Taten buchstäblich nicht leisten konnten, aber auch gegenüber den nicht rechtsfähigen Menschen:

So nimmt man heute allgemein an, auch noch zu Beginn der republikanischen Zeit sei die Verfolgung von Tötungen nur teilweise Angelegenheit öffentlicher Gerichte gewesen. Im wesentlichen habe es sich um die private Verfolgung durch die Verwandtschaft des Getöteten gehandelt, denen der Mörder (parricidas) zur privaten Rache überlassen wurde, wenn ein Gericht der quaestores parricidii festgestellt hatte, daß er der Täter war. Sie konnten ihn töten oder in die Sklaverei verkaufen. Aber nur, wenn er die Tat vorsätzlich begangen hatte. Das ist der Sinn jenes berühmten Satzes, der in die Königszeit vor den Zwölftafeln zurückreicht: Si qui hominem liberum dolo sciens morti duit, parricidas esto. „Nur wer einen freien Mann vorsätzlich getötet hat, ist ein Mörder“ \[…\]. Bei Fahrlässigkeit mußte er ihnen einen Schafbock überlassen, als Sündenbock, an dem sie ihre Rache auslassen konnten: Si telum manu fugit magis quam iecit, aries subicitur. „Wenn die Waffe der Hand mehr entflohen ist als geworfen wurde, soll ein Bock untergeschoben werden.“ \[…\]

Diebstahl und Ehebruch, Körperverletzung und Tötung waren Verletzungen von privaten Rechten des Geschädigten oder der Sippe des Getöteten, mit der Folge privater Rache oder, was wohl häufiger war, es wurden Bußen gezahlt. Diebe oder Ehebrecher durften auf der Stelle getötet werden, wenn man sie auf frischer Tat entdeckte. Ehebruch war ein Delikt nur auf der Seite der Frau, nämlich Verletzung von Rechten ihres Mannes. Nicht umgekehrt. Er konnte ihr die Haare abschneiden, die Kleider vom Leib reißen und sie mit Schlägen aus dem Haus und durch das Dorf treiben. (Wesel 1997: 167, 269)

Entschärft wurde diese Ordnung eben durch die Bußgeldmöglichkeit – Strafe, als Selbsthilfe durch Rache, durfte nur vollzogen werden, wenn das Bußgeld nicht geleistet wurde. Doch selbst in diesem Fall wurde meist auf Strafe verzichtet und stattdessen eine der drei Formen der Ersatzhaftung gewählt: Einbehalt eines Pfands, Bezahlung durch einen Bürgen oder Aufnahme einer Geisel. Die Geisel leistete in der Sippe des Opfers Wiedergutmachung durch Mitarbeit. Oder der Täter selbst arbeitete die Buße als Schuldknecht ab. Im Falle einer schwachen Opfersippe konnte der Rechtstitel auf Wiedergutmachung sogar übertragen werden: Eine stärkere Sippe kaufte diesen Titel mit einem Abschlag und exekutierte ihn. Freiheitsstrafen wurden als kostspielig und sinnlos vermieden. Nur bei säumigen Schuldnern ohne Pfand oder Bürge wurde gelegentlich zu diesem Mittel gegriffen. Der „Schuldturm“ hatte den Zweck, dass sich Sippenangehörige des Schuldners diesen erbarmen und für seine Schuld bürgen. Amüsant ist ein „Gesetzestext“ aus dem alten Rom:

Derjenige, der eine Geldschuld anerkannt hat oder verurteilt worden ist, hat bis zur Vollstreckung dreißig Tage Zeit. Danach soll man ihn förmlich greifen. Er soll ihn vor den Prätor führen. Wenn er die Schuld nicht zahlt oder sich niemand für ihn verbürgt, soll er ihn mit sich nehmen, fesseln mit einem Riemen oder mit Fußfesseln von fünfzehn Pfund, jedenfalls nicht weniger. Wenn er will, können sie schwerer sein. Wenn er will, kann er von seiner eigenen Nahrung leben. Wenn er nicht von seiner eigenen Nahrung lebt, soll derjenige, der ihn gefesselt hält, ihm täglich ein Pfund Speltbrot \[Dinkelbrot\] geben. Wenn er will, soll er ihm mehr geben. (Wesel 1997: 160f)

Aus der Sphärenbegrenzung der Haushalte, die eigentlich Kriegersippen oder Grundherrschaften – das heißt an Krieger verteilte Beutebereiche – waren, entstand paradoxerweise der Eigentumsschutz, der zur Grundlage des abendländischen Wohlstands werden sollte. In der Antike waren, in den Worten der Römer, res privata und res publica abgetrennte Konzepte. Diese Trennung ist der deutlichste Gegensatz zu einem hydraulischen System.

Doch was konstituiert den öffentlichen Bereich? Hier handelt es sich um die sozialen Kontexte und Institutionen, die Sippen transzendieren und Gesellschaft über den Gemeinschaften ermöglichen. Zunächst handelt es sich um Bezüge zu Großsippen und Ursippen, für die auf der Grundlage von Ahnenkulten ein gemeinsamer „Olymp“ geschaffen wird. Bei Griechen und Römern war der private Bereich dadurch besonders geheiligt, dass hier die Familienaltäre beheimatet waren. Im öffentlichen Bereich befanden sich die Tempel, die gemeinsam durch die Haushalte als – weitgehend freiwilliger –Gesellschaftsdienst finanziert getragen wurden. In dieses Bild fügt sich der Tempel als Refugium außerhalb der strengen res privata – Sklaven fanden in den Tempeln Asyl vor ihren Herren. Bei den Griechen entwickelte sich in diesem öffentlichen Bereich die Demokratie gemeinsam organisierter Kriegsführung und gemeinsam zelebrierter Kulte. Ähnlich, nur republikanischer, war es bei den Römern – bis die Hydraulik, die Kraft in ihr weltumspannendes Imperium pumpte, die privaten Faktionen in die Staatspyramide presste. Nach dem Untergang des Römischen Reichs, im vermeintlich dunklen Zeitalter, pluralisierte sich Europa wieder. Freilich will ich da nichts romantisieren, meine treuen Leser wissen, dass ich lieber bei Paradoxa bleibe, als die Komplexität der Welt in einer Ideologie und falschen Eindeutigkeiten aufzulösen. Das Mittelalter war weder rosig, noch dunkel, sondern schlicht eine Zwischenzeit, in der die Spaltungskräfte die Einigungskräfte überwogen, bis die Kirche das römische Erbe in humanerer Weise antrat. Berman schildert den fiktiven Aspekt der Wahrnehmung dieser Epoche:

Das eine ist das Wort „mittelalterlich“ (oder „Mittelalter“). Es kam im 16. Jahrhundert in Gebrauch und bezeichnete einerseits den Abschnitt zwischen dem Frühchristentum und der protestantischen Reformation, andererseits den Abschnitt zwischen der klassischen Antike und dem „neuen Humanismus“ (der Renaissance, wie sie zuerst von Michelet dreihundert Jahre später bezeichnet wurde). Das Wort „mittelalterlich“ gefiel auch den Anhängern der katholischen Gegenreformation, denn es bescheinigte nicht nur dem Protestantismus Neuerungscharakter, sondern auch dem römischen Katholizismus eine ungebrochene Kontinuität mindestens seit der Zeit Konstantins. Schließlich empfahl sich das Wort auch der nationalistischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, weil es den Abschnitt der souveränen Nationalstaaten zu definieren schien. (Berman 1983: 77)

Eine Weile waren die Faktionen wieder stärker als die Fiktionen, Völker wanderten und rieben sich, Herrschaften konkurrierten und der Hausfriede musste sich selbst behaupten inmitten des öffentlichen Unfriedens, nach dem Ende der Pax, der imperialen Friedenszeit durch Monopolisierung der Herrschaft. Das juristische Durcheinander gefiel den Denkern, Predigern und Herrschern nicht, schuf aber jene nötige Uneinigkeit, in der Vielfalt wachsen kann. Agobard, der Bischof von Lyon, beschrieb die Lage am Anfang des 9. Jahrhunderts wie folgt:

Denn es passiert oft, daß fünf Leute zusammengehen oder sitzen und keiner von ihnen hat das gleiche Recht wie der andere. (Wesel 1997: 281)

Dennoch gab es gemeinsame Maßstäbe des Rechts, nämlich den alten Grundgedanken, die bestehende Un-Ordnung zu halten. Diese Un-Ordnung war das Ergebnis von Gewalt, Gewohnheit, Glück und Fortpflanzungserfolg der jeweiligen „Haushalte“. Gewalt spielte wohl stets eine große Rolle, darum kannten die Menschen auch ihre Kosten. Recht ersetzt Gewalt, wenn es die bestehende Ordnung hält als Waffenstillstand zwischen den Faktionen. Das gelingt, wenn sich die Ausgleichsregeln auf Bewährtes und als gerecht Empfundenes beschränken. Dies, so Fritz Kern in seiner großartigen Darstellung der mittelalterlichen Rechtstradition, mache den großen Unterschied zu heutigen Gesetzesvorstellungen aus:

Für uns hat das Recht, damit es gelte, nur eine einzige Eigenschaft nötig: die unmittelbare oder mittelbare Einsetzung durch den Staat. Dem mittelalterlichen Recht dagegen sind zwei andere Eigenschaften anstatt dieser einen wesentlich: es ist „altes“ Recht und es ist „gutes“ Recht. Dagegen kann es das Merkmal der Einsetzung durch den Staat entbehren. Ohne jene zwei Eigenschaften des Alters und des Gutseins, die, wie wir sehen werden, merkwürdigerweise eigentlich nur für eine einzige und einheitliche Eigenschaft gehalten wurden, ist Recht kein Recht, selbst wenn es vom Machthaber in aller Form eingesetzt sein sollte. \[…\]

Bei uns bricht selbstverständlich neueres positives Recht das ältere. Das ist ja der Sinn und Zweck seiner Setzung überhaupt. Es wäre ein Hohn, wollte das ältere, mit der Heiligkeit größeren Gutseins umkleidet, Lebensansprüche gegen das jüngere geltend machen. Der mittelalterliche Grundsatz wäre für uns ebenso unsinnig, wie wenn mein Urahn mich beerben wollte. Für die mittelalterliche Vorstellung aber paßt ein ganz anderes Gleichnis: wenn altes Recht jüngeres bricht, so weicht ein junger Fant dem ehrwürdigen Greis aus dem Wege, oder, noch genauer: der Eindringling weicht, wenn der rechtmäßige Besitzer heimkehrt. \[…\]

Völlig entgegengesetzt \[zu unserem Rechtsverständnis\] ist die Vorstellung des Mittelalters. Das Recht ist hier souverän, und nicht der Staat, d.h. das Gemeinwesen, die Obrigkeit, der Fürst oder wie die mittelalterlichen Begriffe sonst lauten, welche wir in diesem Zusammenhang dem Recht gegenüberstellen. Der Staat kann das Recht nicht ändern. Er würde damit etwas begehen wie Muttermord. \[…\] der Grund dieser Überordnung des Rechtes über den Staat \[…\]. Er liegt in der Nichtunterscheidung von idealem und positivem Rechte. Ein Recht, das gleich ist mit dem Guten an sich, ist selbstverständlich vor und über dem Staat. \[…\] Der Staat hat kein Recht sui generis für sich, keinen Nenner, durch welchen er jene Summe privater Rechte dividieren dürfte. Er kann z.B. keine Steuern erheben; denn Steuer ist für die mittelalterliche Auffassung eine Vermögensbeschlagnahmung: Diesen Eingriff in das Privateigentum kann der Staat also nur im freiwilligen Einverständnis aller Betroffenen (oder mindestens ihrer Vertreter) vollziehen. Darum ist die mittelalterliche Steuer „Bitte“ (Bede). Nur wo eine Abgabe schon herkömmlich ist, hat der Staat bzw. der Herrscher auch seinerseits ein subjektives Anrecht darauf. (Kern 1952: 11, 29, 21f)

Gewiss hatte die Uneinigkeit des Mittelalters schwerwiegende Nachteile. Reisen waren Abenteuer, und die Arbeitsteilung war gering. Einigungsprojekte haben wirtschaftliche und kulturelle Vorteile, denn sie schaffen größere Vertrauensräume, die über die Enge der Sippe hinausgehen. Das katholische Einigungsprojekt Europas während des Mittelalters zeigt dies. Doch Dynamiken sind in komplexen Systemen immer zwiespältig und paradox, denn sie sind riskant. Die päpstliche Revolution, wie sie Harold Berman bezeichnet, schuf die Präzedenz für den modernen Staat. Katholikos („allumfassend“) wurde zu einer Fiktion, die nicht mehr zu halten war, als die Religionsspaltung einsetzte. Spaltung ist das unvermeidliche Risiko geistiger Auseinandersetzung. Es brauchte wieder mehrere Jahrhunderte bis zum nächsten Einigungsprojekt. Der Etatismus versuchte sich an einer Ersatzreligion, brachte aber in seinem alten monarchischen Kostüm die Bevölkerung gegen sich auf. Erst der Nationalismus als moderne politische Religion brachte die Einigung, die den Nationalstaat erlaubte. Dieser führte durch den gewachsenen Vertrauensraum wiederum zu wirtschaftlichen und kulturellen Blüten, war aber extrem riskant. Denn der Preis der Einigung ist fast immer Spaltung, denn die Fiktionen halten nicht ewig, sie zerfallen immer wieder in Faktionen. Die reale Heterogenität und Komplexität der Welt bricht stets durch die fiktiven Einigungsprozesse hindurch. Die Spaltung nach dem letzten erfolgreichen Einigungsprojekt war unglaublich explosiv und blutig.

Wiener Schule

Nach dem Zweiten Weltkrieg besannen sich viele darauf, Einigung mit Minimalfiktionen zu erreichen. Man hatte geschlossen, dass jeder Fiktionsinhalt Reibungspunkte böte. Rasse, Klasse, Ideologie, Werte, Glaubenssätze, Riten und Symbole – nichts vermochte auf Dauer zu einen, alles bot wiederum Anstoß zur Ausgrenzung. Aus der Erfahrung der virulenten und aggressiven Uneinigkeit bemühten sich Wissenschaftler zunehmend um Wertneutralität. Insbesondere die Wiener Schule ist in ihrer Nüchternheit eine deutliche Reaktion auf die tödlichen Spaltungstendenzen, die von konträren Einigungsbestrebungen lawinenartig losgetreten wurden. Dies versuche ich in meinem neuen Buch zu erklären, das eine einfache Einführung in diese Wiener Schule bietet – nämlich in prägnanten Antworten auf reale Fragen, die mir und anderen Vertretern der Wiener Schule häufig gestellt werden:

[]{#_Toc462930636 .anchor}Warum gerade in Wien?

Das Wien des 19. Jahrhunderts erlebte eine wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Blüte. Es war Zentrum des Orienthandels und zugleich Zentrum der späten Modernisierung und Industrialisierung Zentraleuropas. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten hier fast zwei Millionen Menschen, ungefähr so viele wie heute. Wien war damals die größte deutschsprachige Stadt und die fünftgrößte Stadt der Welt. Zwar war Wien Sitz der Verwaltung der Habsburgermonarchie, doch der größte Teil der prunkvollen Bausubstanz geht auf bürgerliche Unternehmer und Stifter zurück. In den Salons der Stadt trafen, wie ein Jahrhundert zuvor in Schottland, Unternehmer auf Wissenschaftler und Künstler. Zudem waren im Schmelztiegel Wien alle Extreme der Zeit direkt beobachtbar – man sprach davon, dass Wien „die kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“, sei. Wien wurde zum Zentrum einer späten Aufklärung, die der schottischen Aufklärung viel näher war als der französischen. Diese österreichische Aufklärung zeigte sich wie die schottische insbesondere in realistischer Sozial- und Wirtschaftswissenschaft. \[…\]

[]{#_Toc462930736 .anchor}Ist die Wiener Schule eine Denkrichtung von Finanzeliten, Juden, der Bourgeoisie?

Die Versuche, Argumente ad personam zu entkräften, also durch Herabwürdigung ihrer Vertreter, kehren leider immer wieder. Natürlich ist es nicht falsch, ein Auge auf Interessen, Mentalitäten und Anreize zu haben. Doch die Ökonomik leidet besonders darunter, dass ihre Vertreter als Botschafter unangenehmer Wahrheiten angeklagt werden. Schon lange gilt sie als dismal science, als „ungute Wissenschaft“.

Die Hintergründe und Biographien der Vertreter der Wiener Schule sind sehr vielfältig. Gewiss, unter den Vertretern der Wiener Schule finden sich viele Männer, viele Bürgerliche und viele Juden. Sie förderte aber auch die ersten Ökonominnen der Welt, propagierte niemals Klasseninteressen und bemühte sich um Wertneutralität und Universalität.

Carl Menger wurde als „Jude“ beschimpft, obwohl er (agnostischer) Katholik war – nur, weil er sich entschieden gegen den aufkommenden Antisemitismus wandte. Er wurde als Vertreter der Finanzelite beschimpft, weil er einen Goldstandard befürwortete, dabei trieb ihn aber vorwiegend die Sorge um die Ersparnisse der kleinen Leute und er stand in großer Opposition zu den Interessen vieler Banken. Zeit seines Lebens zeigte er großes soziales Engagement für die Ärmsten.

Ludwig von Mises, der einer jüdischen Familie entstammte, die für ihr philanthropisches Engagement bekannt war, kritisierte später diesen Dauerverdacht, den er Polylogismus nannte. Er meinte damit die Auffassung, dass es für jede Klasse, Rasse und Religion eine eigene Logik gäbe und damit jeder Diskurs sinnlos wäre. Er sah die Vernunft als Gabe, die Menschen verbinden könnte. Doch wenn den Menschen die vernünftigen Argumente ausgehen, ziehen sie oft die Lüge, Schmähung und gewaltsame Unterdrückung abweichender Ansichten vor.

Die Hoffnung von Menger und Mises, dass sich die besseren Argumente durchsetzen würden, dass sich im offenen Diskurs Einigkeit über die Realität herstellen ließe, erfüllte sich leider nicht. Der Erfolg gebildeter Juden im akademischen Bereich, die früher als andere Bevölkerungsgruppen alphabetisiert waren und in Handwerken nicht reüssieren durften, wurde als Verschwörung ausgelegt. Der wachsende Wohlstand im bürgerlichen Zeitalter, als Unternehmer und nicht nur Raubritter zu Vermögen kamen, weckte die Ungeduld und den Neid. Im Wahnsinn des 20. Jahrhunderts ging alles zugrunde. Bis heute führen Ideologen einen erbitterten Kampf gegen die Realität. Do not shoot the messenger, sagt man auf Englisch. \[…\]

[]{#_Toc462930738 .anchor}Ist die Wiener Schule (neo)liberal oder (neo)konservativ?

Die Vertreter der Wiener Schule bemühten sich in der Regel um Wertneutralität und politische Unabhängigkeit. Die meisten historischen und praktisch alle heutigen Denker dieser Tradition hatten und haben persönlich eher liberale Ansichten. Diese Ansichten bedeuten eine Präferenz für die drei Postulate des klassischen Liberalismus: Freiheit, Freihandel und Friede. Die abgelehnten Gegensätze sind Totalitarismus, Planwirtschaft und Krieg.

Die Mehrheit der historischen Vertreter war tendenziell in der damaligen politischen Linken oder Mitte einzuordnen, einige hatten sozialistische Sympathien, manche konservative. Der klassische Liberalismus des 19. Jahrhunderts, für den etwa die österreichische Verfassungspartei stand, in deren Reihen Carl Menger kurz Abgeordneter war (bis er sich von der Fraktion als Unabhängiger löste, da der parteipolitische Liberalismus immer kompromittiert war), verschwand praktisch rückstandsfrei nach kurzer Zeit. Die wachsende Polarisierung ließ nur noch Platz für Spielarten des Totalitarismus. Die Verfassungspartei versuchte durch deutschnationalen, antislawischen und antikatholischen Populismus Pfründe zu halten, konnte aber gegen die radikaleren Parteien nicht bestehen. Die letzten Liberalen, die sich vulgärem Antislawismus und Antisemitismus verweigerten, nannte man spöttisch „Altliberale“. Ludwig von Mises war der letzte österreichische Altliberale von Format.

In Unkenntnis dieser österreichischen Verhältnisse schlugen deutsche Ökonomen nach den Weltkriegen zur Abhebung vom diskreditierten Altliberalismus den Begriff „Neoliberalismus“ vor. Der bedeutendste Denker dieses Neoliberalismus war Wilhelm Röpke, der in Genf von Mises gelernt hatte und zum wichtigsten intellektuellen Mentor für Ludwig Erhard wurde. Röpke wollte nach dem Ende des Liberalismus im Blutvergießen des 20. Jahrhunderts einen liberalen Neubeginn. Diesen wollte er von einigen Fehlern des klassischen Liberalismus abheben, darum „neo“: Die Fehler lagen für Röpke vor allem im überzogenen Antiklerikalismus, Rationalismus und Ökonomismus. Letzteres ist der verkürzte Zugang der klassischen Volkswirtschaftslehre, die den Menschen als bloßen homo oeconomicus sieht. Dieser Zugang wird heute in völliger Unkenntnis der Ideengeschichte dem vermeintlichen „Neoliberalismus“ zugeschrieben, der ein moderner ideologischer Kampfbegriff ist. Ein großer Teil der Kritik, die gegen den „Neoliberalismus“ vorgebracht wird (die Kritik gegen Effizienzdiktat, Materialismus, Konsumismus etc.), findet sich paradoxerweise ausgerechnet beim echten Neoliberalen Röpke – nur wesentlich früher, klüger und fundierter.

In den USA wurde der Begriff liberal zu einem Synonym für Sozialdemokratismus. Das Parteiensystem hat sich dort – wovor die Gründerväter gewarnt hatten – zu einem Zwei-Pol-Etatismus entwickelt. Der eine Pol benötigt den jeweils anderen als Ausrede. Die Machtausweitung des Zentralstaates zur Bereicherung von Interessengruppen wird dabei durch zwei Motive vorangetrieben: militärischer Interventionismus und sozialpolitischer Interventionismus – kurz: warfare oder welfare. Da der Liberalismus historisch kriegsfeindlich war, tritt liberal in den USA heute als Bezeichnung für Sozialetatismus auf – den Missbrauch der Unterschichten und Minderheiten für politischen Machterhalt und Machtausbau.

Der militaristische Flügel des korrupten Systems muss sich hiervon durch die Logik der zwei Pole abheben, wozu antisozialistische Rhetorik hilfreich ist. Nachdem liberal für den einen Pol monopolisiert (und die positive Konnotation des Liberalismus usurpiert) wurde, griff man in den USA auf das historische Gegenetikett conservative zurück. Eine konservative Tradition wie in Europa fehlte in den USA, sodass ein inkonsistenter „Neokonservatismus“ aus der Fehlbezeichnung herausgedeutet wurde. Dieser verbindet antisozialistische Rhetorik mit Militarismus, Korporatismus und parteipolitischem Kalkül. Friedrich von Hayek wurde aufgrund seines „Nobelpreises“ und seiner Kritik am Sozialismus gelegentlich als Säulenheiliger für diese Strömung bemüht, woraufhin er zu seinem Werk The Constitution of Liberty ein Nachwort schrieb: Why I am not a conservative. \[…\]

[]{#_Toc462930740 .anchor}Ist die Wiener Schule staatsfeindlich?

Die historischen Vertreter der Wiener Schule identifizierten sich weitgehend mit den Versuchen einer damaligen liberalen Elite, aus der k. u. k.-Monarchie eine friedliche, nicht-interventionistische und behutsam modernisierte Vielvölkerföderation zu machen. Die meisten dienten aus einem Ethos der Verantwortung heraus in Funktionen dieses Staates, der viele Fehler hatte, aber im Vergleich zu dem nachfolgenden Wahnsinn geradezu als Idealstaat erscheint. Kaiser Franz Joseph, der mit Carl Menger und seinem Wirken eng vertraut war, sah seine Aufgabe darin, so sagte er selbst, „mein Volk vor seiner Regierung zu beschützen“.

Die Politisierung hatte im Vielvölkerstaat katastrophale Folgen, abwechselnd wurde bestimmten Klassen, Rassen, Religionen und Gruppierungen Schuld an den Verhältnissen zugeschrieben. Diese Verhältnisse waren undurchsichtig und spannungsgeladen, denn im alten Wien kamen inmitten höchster Geistesblüte die extremsten neuen Ideen auf: Sozialismus, Nationalismus und National-Sozialismus. Das alte Österreich holte die Industrialisierung verspätet nach, aber mit besonderer Dynamik, lag direkt zwischen Russland und dem Osmanischen Reich am größten Pulverfass der Zeit und wurde so zur explosivsten Schnittstelle zwischen alter Ordnung und politischer Moderne. Der k. u. k.-Staat verband feudale Elemente mit bürgerlichen Ausgleichsbemühungen und hätte zu einer zentraleuropäischen Freihandelszone werden können. Er folgte noch dem alten Staats- und Reichsverständnis, das eher metaphysisch als materialistisch-totalitär war. Leider modernisierte dieser Staat in eine falsche Richtung, der Absolutismus der Habsburger richtete großen Schaden an und brachte Völker gegeneinander auf. Zugleich war es aber ein Staat, der bei allem idealisierten Etatismus und Militarismus – der eher pompöse Inszenierung war – mit niedrigen Steuern und tendenziell sinkender Regulierung auskam. Die erste Einkommenssteuer von im Vergleich zu heute oasenhaften fünf Prozent wurde paradoxerweise unter dem Finanzminister Eugen Böhm von Bawerk eingeführt. Diese Steuer war in der Einbringung erstaunlich effizient, ein hochmotivierter und hochgebildeter Beamtenapparat sorgte dafür. Böhm zog eine solche geregelte und transparente Minimalstaatsfinanzierung der versteckten Inflationierung vor, die zuvor das beliebteste Instrument zum Schließen von Finanzierungslücken war.

Heutige Vertreter der Wiener Schule können in der Regel nur als staatsfeindlich wahrgenommen werden, da sie als Ökonomen die Willkür des Etatismus (Staatswahn) kritisieren müssen. Es geht dabei gar nicht so sehr um eine normative Bewertung konkreter Politik, sondern um die Grundfrage, ob es ökonomische Gesetzmäßigkeiten gibt, die unabhängig vom „politischen Willen“ sind. Böhm von Bawerk sprach vom Gegensatz zwischen Macht und ökonomischem Gesetz. Moderner Staatswahn ignoriert ökonomische Dynamiken und schwingt sich zu einem Gottspielertum auf, das ökonomische Phänomene als beliebig steuerbar und kontrollierbar betrachtet. Immer mehr Menschen leben in einer außerökonomischen Parallelwelt, in der sie auf Kosten anderer ohne jede reale Verantwortung und unbefleckt von jeder ökonomischen Erfahrung oder Kenntnis besserwisserisch über die Existenzen anderer Menschen verfügen wollen. So kommt es dazu, dass Menschen, die in der Realität nicht einmal eine kleine Imbissbude betreiben könnten, ganze Kontinente „managen“ wollen. Ökonomischer Realismus ist ihnen zuwider, denn er deckt ihre Bluffs auf. So ist eher dem modernen Staat (als Resultat dessen, was Max Weber „Beutepolitik“ nannte) Ökonomikfeindlichkeit vorzuwerfen als realistischen Ökonomen „Staatsfeindlichkeit“. (Taghizadegan 2016)

Positivistische Fiktionen

In der Rechtswissenschaft führte der wertneutrale Zugang allerdings zu ganz anderen Schlüssen. Das mag daran liegen, dass die Juristerei traditionell staatstragend und staatslegitimierend ist – dass womöglich ihre hauptsächliche Funktion darin liegt.

Hans Kelsen war ein Zeitgenosse, Freund und sogar Trauzeuge von Ludwig von Mises. Kelsen ist der bedeutendste Denker des Rechtspositivismus. Der Zugang, Recht und Moral zu trennen, ist verständlich. Denn sobald es keine Einigkeit über die Moral mehr gibt, wäre sonst auch die Einigkeit über das Recht dahin. Nach den Weltkriegen drängte aber alles nach Frieden. Der Unfriede war diskreditiert, seit ihn das Papiergeldzeitalter auf eine Dimension aufgebläht hatte, die totale Vernichtung bedeutete. Doch zugleich waren alle einheitsstiftenden Fiktionen aufgebraucht, alle Reichsideen missbraucht, unverständlich oder passé. Kelsens Zugang erschien mir also stets als wertneutrale Konsequenz, allerdings beruhend auf dem Irrtum, dass Rechtseinheit formalistisch erzeugt werden könnte. Wirklich verstanden habe ich den Zugang aber erst, als ich auf Empfehlung meines treuen Unterstützers Uwe Werler den brillanten Essay von Marie-Theres Fögen las. Sie zitiert Kelsen und erklärt ihn wie folgt:

„Nur formal kann die Frage sein, die der Jurist zu stellen befugt ist; nicht der Grund, das Warum, sondern nur das ‚Wie’ ist es, das der Jurist festzustellen hat. Seine Frage lautet: Welches sind die Sätze, die als Rechtssätze von den Organen des Staates angewendet, von den Untertanen befolgt werden sollen? Woran sind diese Sätze zu erkennen? Welches ist ihre logische Form?“ Dabei geht es Kelsen, wie er wenig später zu erläutern für angebracht hält, keineswegs darum, Recht und Gesetz auf die Ebene des Tatsächlichen zu reduzieren – die reine Faktizität des Rechts wäre, wo von Interesse, ohnehin Sache der empirischen Wissenschaften. Er wandelt vielmehr nach Zurückweisung aller naturrechtlichen Rechtstheorien und auch aller ihrer Schrumpfformen, wie Zweck-, Interessen-, Anerkennungs- und Willenstheorie, auf dem halsbrecherisch schmalen Steg zwischen der Untiefe der Empirie und dem Abgrund der Metaphysik. Das Gesetz des Rechts ist ein Tertium, das sich weder empirisch noch metaphysisch adäquat beschreiben lässt. Ihm genügt und ihm allein gehört eine Eigenschaft, die Niklas Luhmann später das „Symbol“ des Rechtssystems nennen wird, nämlich „Geltung“. Nur in Geltung begründet das Gesetz sich aus sich selbst, ohne Zuhilfenahme fremder Normativitäten. Und umgekehrt: Ohne Geltung gibt es kein Recht. Ohne Geltung gibt es auch keine Einheit des Rechts. Geltung aber, so Kelsen, sei nur zu haben und zu greifen, wo das Recht „gesetzt“, also wörtlich „positiv“ geworden ist, und zwar gesetzt in dem dafür vorgesehenen und erforderlichen Verfahren, welches seinerseits auf Gesetz beruht.

Das Problem, welches Kelsen fast sein langes Leben lang beschäftigen sollte, kündigt sich an. Wer setzt das erste Gesetz, das alle folgenden Satzungen nicht nur legitimiert, sondern formallogisch als Rechtssatzungen erkennbar macht? Den Staat mit seinen Gesetzgebungskompetenzen begreift Kelsen seinerseits als Produkt des Rechts: „Der Gesetzgebungsprozess ist nicht eine Funktion des Staates oder des Rechtes, er ist eine Voraussetzung beider, die außerhalb ihrer Grenzen liegt.“ \[…\]

Die Paradoxie des (Gründungs-)Gesetzes ist entfaltet, allerdings – und anders geht es wohl nicht – unter Zuhilfenahme einer Figur, der Grundnorm, die „außerhalb des positiven Rechts liegt.“ Diese Figur ist „vorausgesetzt“, nicht abgeleitet – so wie die causa prima namens Gott. Sie ist inhaltsleer, ohne Eigenschaften – so wenig wie es erlaubt ist oder je gelungen wäre, Gott Attribute zuzuschreiben. Fragen nach dem Geltungsgrund der Grundnorm sind nicht zulässig und nicht zweckmäßig – gescheitert sind auch alle Gottesbeweise. Unsichtbar, „hypothetisch“, der Diskussion entzogen bleibt die Grundnorm – wie die Inkommunibilität Gottes. Und trotz und wegen all dieser Defizite kann die Grundnorm etwas, was auch der Kontingenzformel Gott eigen ist: Sie verschafft dem System einen Sinn und damit seine Einheit und stellt sein endloses Weiterlaufen sicher, von Operation zu Operation, ohne dass es dabei jedes Mal reflektieren muss, was es tut und – schlimmer – was es nicht tut, obwohl es so vieles tun könnte. Die Grundnorm vermeidet, wie jede Kontingenzformel, die Reise „ins Endlose“. Sie, die keinen Inhalt hat, erlaubt Gesetze beliebigen Inhalts. Welchen Inhalt – das ist eine politische Frage. Das Gesetz des Rechts ist ebenso offen wie leer. \[…\]

In Zeiten des Positivismus (der auf das setzt, was ist) und zugleich des Relativismus (der weiß, dass das, was ist, eine Schimäre ist) war die Suche nach „dem“ Gesetz gefährlich sinnlos geworden. Und so endete der literarische Essay \[Kafkas Vor dem Gesetz\] vor der offenen, verschlossenen Tür vor dem Gesetz und der juristische Versuch bei „Gesetz ist Gesetz aufgrund Gesetzes“. Ohne alle Metaphysik, ohne Gott, ohne Gerechtigkeit, ohne Glauben fehlt dem Gesetz die Musik. Franz Kafka und Hans Kelsen haben das gewusst und auf ihre je eigene Weise ertragen: der erste in einer grotesken, ironischen, peinigenden Erzählung, der zweite in einem unerbittlich konsequenten wissenschaftlichen Lebenswerk. (Fögen 2007: 88ff, 91ff)

Fögen suggeriert, dass sogar der Bezug auf das Zwölftafelgesetz der Römer, jene mythische Grundnorm der römischen Rechtstradition, eine Fiktion von Cicero gewesen sein könnte. Daraus leitet sie aber keinen Fehlgriff ab, denn das Lügen gehöre immerhin zum Advokatenberuf:

Ciceros Interpretation also deckt sich nicht mit dem klaren Wortlaut des Gesetzes, das von keinem anderen als Cicero stammt. Dass Cicero nicht etwa (ein unqualifizierter) „Zeuge“ eines Gesetzes, sondern dessen Autor ist, blieb unbemerkt. Aus seinem carmen war die authentische lex geworden, aus der Dichtung ein „Ding“, das sein Dasein nicht Cicero, sondern den Zehnmännern des 5. Jahrhunderts v. Chr. verdankt. Weshalb Cicero zum missverstehenden Interpreten seiner selbst wurde.

Vor einigen Jahren wagte allerdings ein aufmüpfiger italienischer Rechtshistoriker, Antonio Guarino, das Naheliegende und zugleich Unaussprechliche doch noch auszusprechen: Cicero habe das Gesetz vom privilegium schlicht erfunden. Ein Gesetz der ehrwürdigen Zwölf Tafeln sei also in Wahrheit nichts anderes als, wie Mommsen gesagt hätte, „die Schmarotzerpflanze der römischen Advocatenberedsamkeit.“ \[…\]

Ein großartiger Erfolg des Redners Cicero! Sein Anliegen in De legibus war es, die Römer zu überzeugen, dass ein Staat, um ein wahrer und würdiger Staat zu sein, der Gesetze bedarf. Nicht irgendwelcher Verordnungen, sondern ewiger Gesetze, die im Einklang mit der Ewigkeit der göttlichen Vernunft und der Natur stehen. Solche Gesetze, darauf weist er eigens hin, müssten zum Ausweis ihres Alters und ihrer Dignität in einer schwierigen Sprache abgefasst sein: „nicht so altertümlich wie in den alten Zwölf Tafeln und den Sakralgesetzen, doch, damit sie umso mehr auctoritas haben, ein wenig älter als unsere Umgangssprache“. \[…\] Dass seine Zeitgenossen ihm diese Finte abnahmen, können wir vermuten. Jeder gebildete Römer wusste, dass es die Zwölf Tafeln einst gegeben hatte, aber kein Römer kannte den Text. Der stets gewitzte Cicero behauptet ja zu allem Überfluss, dass seine Generation die letzte war, die ihn gelernt hatte. \[…\]

„Cicero. Ein grosser Wind-Beutel, Rabulist und Charletan“ – das wusste schon Johann Ernst Philippi, 1735. (Fögen 2007: 58ff, 65f)

Fögen lässt zwischen den Zeilen erkennen, dass hier eine schlaue Strategie vorliegen könnte, eine Minimalfiktion als Grundnorm zu etablieren. Die Römer sollten Cicero also durchaus dankbar sein, denn – wie sagt heute noch der Italiener: se non è vero, è ben trovato!

Ihren Essay schließt Fögen mit einer hervorragenden Parabel, die diese gesellschaftsverbindende Funktion von Minimalfiktionen deutlich macht. Die Parabel hat sie Niklas Luhmann entnommen, die Verbindung zu Kelsens Rechtslehre gelingt ihr meisterhaft:

Der wohlhabende Beduine bestimmte in seinem Testament, dass sein ältester Sohn, Achmed, die Hälfte seines Vermögens erben, der mittlere Sohn, Ali, ein Viertel erhalten solle und der jüngste, Benjamin, sich mit einem Sechstel begnügen müsse. Als es an die Teilung der Erbschaft ging, belief sich diese auf nur noch elf Kamele. Achmed beanspruchte sechs von diesen, was, weil mehr als die Hälfte, umgehend zum Streit mit seinen Brüdern führte. Der weise Richter erlaubte sich den Vorschlag: Ich stelle euch drei Brüdern eines meiner Kamele zur Verfügung. Teilt das Erbe und gebt mir dann, so Allah will, mein Kamel zurück. Achmed erhielt sechs, Ali drei, Benjamin zwei Kamele, und alle drei waren darob zufrieden. Ob das zwölfte Kamel je zurückgegeben wurde, wissen wir nicht. Jedenfalls hatte es seinen Dienst, einen unentscheidbaren Fall friedlich zu entscheiden, getan. Und zwar gleich, ob es wirklich da war oder nur als fiktives einkalkuliert wurde. Hauptsache, es war ein erbschafts-, familien- und systemfremdes Kamel.

Kelsen konnte die Paradoxie, dass Recht sich nur aus Recht begründet, nur mit Hilfe einer außerhalb des Rechts stehenden Figur entfalten. Seine Grundnorm ist ein aus der Welt der Wissenschaft entführtes Kamel, welches, einmal zur Paradoxieentfaltung eingesetzt, hypothetisch bleiben oder in seine Heimatoase zurückkehren darf. Seine Zeitgenossen und rechtstheoretischen Gegner holten „Natur“, „Gründe“, „Interessen“ zur Hilfe, um der Unentscheidbarkeit des Rechts durch Recht zu entkommen. Lauter Aushilfskamele, die zudem die Neigung hatten, nicht wieder wegzugehen, sondern sich im Recht gemütlich einzurichten. Als eines dieser Kamele, namens „gute Gründe“, alt und verbraucht erschien, wurde es durch ein frisches ersetzt: „Verfahren“. Nicht die – unentscheidbare – Qualität der Gründe, sondern der faire Gebrauch derselben sollte die Rechtsentscheidung, wo schon nicht begründen, so doch legitimieren. Also Regeln über den geordneten Auftritt und disziplinierten Abgang von Kamelen, Regeln, die sich ihrerseits dem unverwüstlichen Leitkamel Vernunft verdanken.

Und wenn wir alle Leihkamele in die Wüste schicken? Dann bleiben die elf reinen Rechtskamele allein und sind außerstande zu entscheiden, warum es Recht und nicht Unrecht ist – oder vielleicht doch: warum es Unrecht und nicht Recht ist? –, nach Recht und Unrecht zu entscheiden. Manche, und wohl die meisten Juristen, benötigen diese Entscheidung allerdings gar nicht. Sie begnügen sich damit, die Codierung Recht/Unrecht – in Urteilen, Kommentaren, Vertragswerken, Rechtsschriften – einzusetzen, sie, im Vergleich etwa zu Prügeln oder zu Palavern, als „immense Vorteilhaftigkeit“ in der Zivilisation der Gesellschaft zu begreifen und, in der Regel zu begrüßen. Philosophische Störenfriede waren und sind es, welche die Paradoxie immer noch nicht aushalten. Benjamin und Derrida schleppen das zwölfte Kamel der Gewalt herbei, den Stammvater aller anderen elf Kamele. „Aber wieso nennt man dies Gewalt, und was ist diese Gewalt – wenn nicht der Ressentimentbegriff eines Schriftstellers?“ Dann schon lieber Gerechtigkeit. \[…\]

„Gerechtigkeit! War sie ein anbetungswürdiger Begriff? Ein göttlicher? Ein Begriff ersten Ranges? Gott und Natur waren ungerecht, sie hatten Lieblinge … Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere Worthülse der Bürgerrhetorik.“

Hat doch das Prinzip suum cuique tribuere ausgedient, seitdem quis nicht mehr durch Geburt oder Stand als gleich oder ungleich zu identifizieren ist, so dass auch das suum unbekannt bleibt. Umgekehrt ist das moderne Prinzip der Gleichheit aller Menschen offenbar auch untauglich, um Gerechtigkeit als Gleichheit zu üben. Wenn alle gleich sind, ist Individualität und Identität aufgehoben und damit die Basis entfallen, auf welcher man gleich/ungleich überhaupt unterscheiden könnte. Das Recht hat in dieser Zwicklage seine eigene Art entwickelt, mit gleich und ungleich zu hantieren. Nicht die tatsächlichen und individuellen Umstände pflegt es in der Betrachtung von gleich und ungleich zu berücksichtigen, sondern die juristisch relevanten Umstände der Fälle. \[…\] Wird Gleichheit in der quaestio iuris festgestellt, ist gleiches Entscheiden geboten. Gerechtigkeit heißt konsistent entscheiden – im Namen der Gleichheit, die zudem ein hohes Gut im Schlepptau hat: „Rechtssicherheit“. (Fögen 2007: 104ff, 110f)

Ich bin kein Freund der Fiktion, und nehme ernüchtert zur Kenntnis, dass ich eher die Faktion in Kauf nehme. Das ist der Preis des hochriskanten Projekts der Erkenntnis und auch der Grund, warum imperiale, hydraulische und despotische Systeme stets auf Kriegsfuß mit der Wahrheit stehen, denn sie gefährdet den Frieden. Wahrheit bedeutet Maßstäbe, und damit schwindet die Wertneutralität. Mises verständliches Bemühen um letzteres verträgt sich nicht gut mit seinem Erkenntnisdrang, darum erscheint er auch so gar nicht als neutraler Kommentator, sondern als leidenschaftlicher Streiter. Sein Leben hatte er schließlich unter das Motto von Vergil gestellt: Weiche nicht dem Bösen, sondern tritt ihm umso mutiger entgegen! Mit Maßstäben kommt auch die Moral.

Meine moralische Intuition rebelliert gegen das zwölfte Kamel. Es funktioniert nur deshalb, weil die Beduinensöhne so dumm sind, zu übersehen, dass die Summe von einem Halben, einem Viertel und einem Sechstel nicht ein Ganzes ist. Wenn ihnen dieser Fehler und die darauf beruhende Fiktion nicht auffällt, dann werden sie ohnehin bald das gesamte Vermögen verlieren und die Fiktion wird unnötig. Fernhändler, die Bruchrechnung nicht beherrschen, würden in einem orientalischen Umfeld nicht lange überleben. Das liegt daran, dass der Orient weitgehend hydraulisch geprägt ist und weniger Vertrauenskapital aufgebaut wurde. Wenn man dies verstehen möchte, muss man sich auf extreme und riskante Paradoxa einlassen. Der Leser sei vorgewarnt und darf den kommenden Exkurs überspringen, wenn er sich fürchtet.

Vertrauenskapital

Wie in Scholien 01/16 diskutiert, spielt Vertrauen eine zentrale Rolle für den Aufbau und Bestand von Institutionen. Es stellt die Grundlage dafür dar, dass Menschen außerhalb der Sippe und ihrer Loyalitäts- und Blutsbande miteinander interagieren. So ist es beispielsweise entscheidend, ob und in welchem Ausmaß Menschen einander anlügen, wenn sie glauben, mit einer Lüge einen Vorteil zu erhalten und damit durchkommen zu können. Unter Fremden gehen viele Lügen durch, weil die Regelmäßigkeit der Interaktion geringer ist – oft sieht man sich einmal und dann nie wieder. Damit Fremde in größerem Ausmaß kommerziell interagieren, also Kapital über Sippengrenzen hinweg aufbauen, ist das Grundvertrauen nötig, dass es eine intrinsische Hemmung der Lüge gibt. Dieses Grundvertrauen ist im Orient erschüttert. Das liegt aber nicht grundsätzlich am orientalischen Menschen. Die Dinge können sich nämlich in paradoxer Weise verändern. Die alten Griechen waren verblüfft, dass die alten Perser so ehrlich waren – sie schlossen, dass sie religiös dazu angehalten waren, immer die Wahrheit zu sagen. Die Griechen wiederum galten als verschlagen und misstrauten sich gegenseitig, ihr Menschenbild war extrem nüchtern. Eine einfache Antwort wäre, bei den Persern durch die Islamisierung steigende Verlogenheit, bei den Griechen durch die Christianisierung steigende Ehrlichkeit zu postulieren. Diese These ist ideologischer Unfug. Im Libanon galten bis vor kurzem ärmere Sunniten als viel ehrlicher als wohlhabendere Christen – auch unter Christen! Die Antwort ist viel komplexer und paradoxer.

Ein erster Versuch einer Aufklärung meinerseits, in Fortführung der Gedanken der letzten Scholien: Gegen Südosten führten Einfälle indogermanischer Räubertruppen zur schnelleren Beherrschung großer Gebiete einer hydraulisch konditionierten, sesshaften Bevölkerung. Sobald die Räuber zu stationären Banditen geworden waren, führten sie despotisch-paternalistisch fiktive Großsippen, in der kaum Faktionen entstehen konnten, die der Zentralmacht etwas hätten entgegensetzen können. Gleichzeitig wurden sie von den vorherigen Hochkulturen assimiliert. Gegen Westen verhinderte die geographische Vielfalt und der Mangel an bestehender Hochkultur frühe Großreiche. Ständig wiederkehrende Einfälle von Räubern aus der Steppe fanden nur begrenzte Herrschaften ihrer Vorgänger vor, wodurch sich eine konstante Spannung mobiler Herrschaftsgruppen hielt. Gegeneinander führten sie Krieg, der zu einem institutionellen Unfrieden führte, der die europäischen Rechtsformen herausbildete. Deshalb entspricht auch Grotius’ Völkerrecht einer Übertragung des individualistischen Naturrechts auf die „Anarchie“ der hohen See.

Diese Aufspaltung in Kriegersippen machte Einigungsprojekte besonders lohnend und wichtig. Nur selten gelang diese Einigung durch Übermacht, in den Phasen der Imperien, unter Alexander dem Großen und den Cäsaren. Die imperialen Strukturen nahmen rasch orientalischen Charakter an, was ihnen auch angelastet wurde – wiewohl Orient die meiste Zeit zivilisatorische Überlegenheit bedeutete. Diese Machtstrukturen hielten durch den Loyalitätskauf einer Kriegerschicht – feudale Strukturen. Alexanders Projekt einer multikulturellen Vermischung durch die systematische Verheiratung westlicher Adeliger mit östlichen Bräuten konnte nicht schnell genug die strukturellen Spaltungstendenzen kompensieren. Solange die Faktionen nur unterdrückt oder eingekauft sind, wächst nämlich stets die Spannung: Die Ansprüche wachsen schneller als die Mittel der zuteilenden Zentralgewalt und damit wird höherer Druck nötig.

Deshalb spielten in Europa gewaltlose Einigungsbewegungen eine so große Rolle, die aber notwendigerweise eine spaltende Gegenseite haben. Je mehr Einigungsprojekte betrieben wurde, desto größer die neu entstehenden Gräben. Europa war also stets ein unmögliches Projekt. Es ist ja auch absurd, einen Kontinent zu einem normativen Begriff zu erhöhen. Schließlich assoziieren wir beim „Untergang Europas“ meist mehr als bloße Kontinentalverschiebung. Es schwingen eben diese Besonderheiten mit, die noch kaum verstanden sind – denn jede Erzählung über irgendeine Besonderheit ist selbst wieder besonders und damit einseitig und spaltend. Europa ist ausgezeichnet durch eine extreme Verdichtung ideologischer, religiöser, philosophischer und nationaler Einigungs- und damit Spaltungsbewegungen. Weil sie extern kaum völlig reüssierten, wurden sie in größerem Maße internalisiert und nährten ein wachsendes Vertrauenskapital. Es ist wohl kein Zufall, dass die Deutschen zu den am stärksten domestizierten Völkern Europas zählen. Ihre Vergangenheit ist besonders kriegerisch und extrem entzweit, sodass ihre Einigungsbestrebungen besonders fanatisch waren. Für kurze Zeit wirkte in deutschen Landen eine seltene Kombination von zwei extremen Gegensätzen: Eifersüchtige Kleinräumigkeit im Politischen bei dynamischer Großräumigkeit im Kulturellen. Der Deutschnationalismus war ein hochriskantes Projekt, mit großartigen Anfängen und bitterem Ende. Er ist gescheitert, musste womöglich scheitern, und durch seine despotische Engführung war er ein Kamikazeangriff auf „Europa“, ein ruhmloser Selbstmord, an dem die Besonderheit des Kontinents fast zugrunde ging. Aber die Deutschen waren nicht die einzigen Schuldigen, ähnliches lässt sich über die römische Hochkultur klagen, über die Aufklärung, den Kolonialismus, die Reformation und die Gegenreformation, den „Kapitalismus“ (die bürgerlich-kommerzielle Gesellschaft) – eigentlich alle europäischen Projekte. Alle diese Projekte sind ausnahmslos gescheitert, fast immer blutig. Und dennoch haben sie das Kapital gemehrt, von dem wir immer noch zehren, jenen unsichtbaren, unerkannten und unverstandenen Sockel des Eisbergs. Diese Projekte sind der Grund, warum man sich heute noch auf einen Deutschen, sogar einen Dunkeldeutschen, im Durchschnitt eher verlassen kann als auf einen Perser, Türken oder Araber (in dieser Reihenfolge).

Mit allen diesen realen Fiktionen archetypischer Volksgruppen verbindet mich persönlich etwas, darum kann ich es mir erlauben, so salopp über Durchschnitte zu schreiben. Zumal die Verlässlichkeit ja – ganz wertneutral betrachtet – nicht eindeutig positiv ist, ihre paradoxe Gegenseite kann man Vertrauensseligkeit nennen. Vielleicht bekommt ja sogar Mutti noch einmal vier Jahre; gar nicht so einfach das deutsche Vertrauen zu verspielen. Da muss man sich schon im Bunker die Kugel geben.

Und natürlich ist auch die „europäische Einigung“ ein historisches Einigungsprojekt. Die anfänglichen wirtschaftlichen und kulturellen Vorteile sind genauso offensichtlich wie das schlussendliche Scheitern. Die größte Gefahr ist, dass es gelingen könnte – als allerletztes Einigungsprojekt, nachdem alle Spaltpilze verdorrt sind, und anstelle von intrinsischer Dynamik extrinsische Hydraulik tritt. Aber das schrieb ich schon in den letzten Scholien.

Ikarien oder Babylon

Das Spannungsfeld zwischen Einigungssehnsucht und Spaltungserfahrung beschreibt der französische Politologe Bertrand de Jouvenel besonders gut. Jouvenel greift die Einsicht von Friedrich A. von Hayek auf, dass eine Spannung zwischen intuitiver Sippenmoral und gesellschaftlicher Entfremdung besteht. Die meisten Menschen sehnen sich instinktiv nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Das gesellschaftliche Zusammenleben genügt diesen Sehnsüchten nur selten. „Blut ist dicker als Wasser“, sagt man. Fast überall auf der Welt durchdringen engere Verwandtschafts- oder Loyalitätsverhältnisse die Institutionen, Parteien und Betriebe. Nicht nur Besetzungen sind in vielen Teilen der Welt nepotistische Zuteilungen, auch Wahlen sind meist Sippenzählverfahren – was westliche Ideologen der „democracy“ in aller Regel übersehen.

Jouvenel prägt für diese Spannung zwei Begriffe: Ikarien versus Babylon. Erstere Bezeichnung ist gewählt nach dem utopischen Inselstaat Icarie aus dem Roman des französischen Frühsozialisten Étienne Cabet. Dieser beschreibt eine idyllische kommunistische Gemeinschaft, die viele begeisterte Anhänger gewann. Cabet gründete mit seinen Anhängern dann auch tatsächlich in den USA reale Kommunen. Die ersehnte Homogenität bricht aber stets auf, denn jeder Einigungsversuch spaltet. Wenn kein gemeinsames religiöses Erweckungserlebnis dahinter steht oder eine gemeinsame Tradition, dann bleibt nur noch die künstliche Homogenisierung durch Despotismus. Wie die meisten Kommunen scheiterten auch die von Cabet am despotischen Gehabe des zum Guru erhobenen Gleicheren unter Gleichen. Die Ikarier ersehnen den Himmel auf Erden, doch sie verbrennen sich bald die Flügel und stürzen in die Hölle ab.

Babylon hingegen, das ist der Inbegriff des entfremdenden, urbanen Molochs, indem Fremde nebeneinander leben anstatt miteinander. Dieser Archetyp bezeichnet allerdings zwei verschiedene Aspekte, die in ihrer Überlagerung zu schwerwiegenden Missverständnissen führen. Babylon ist einerseits Zentrum eines hydraulischen Systems, einer zentralistischen Tempelwirtschaft, die zu urbaner Konzentration einer Funktionärskaste führt. Andererseits ist es ein Zentrum des Kommerzes, ein Handelspunkt, an dem Fremde auf Märkten zusammenkommen. Beide Aspekte sind verwirrend. Bab-ilani – das Tor Gottes – wird als „balal“ missverstanden – Durcheinander. Die Juden in der babylonischen Gefangenschaft befinden sich in einem Fremdherrschaftszentrum sowie unter Fremden in einem urbanen, anonymen Kontext. Diese Erfahrung wird überlagert und nicht differenziert. Daher die eindeutig negative Konnotation der Bibel, die dann auch Luther aufnimmt, um den Papst in Rom als Hure (in) Babylon zu attackieren.

Ikarische Sehnsüchte finden in Babylon besonders fruchtbaren Boden. Darum entsteht die utopische Literatur in den urbanen Zentren. Alle Städter in Zwangsmärschen auf die Felder zu führen, jene Wahnsinnsidee von Pol Pot, ist eine typisch urbane Idee verwirrter und wahnhafter Städter. Jouvenel erklärt diese Dynamik wie folgt:

Die Vision eines von spontaner Harmonie erfüllten Staatswesens entspricht der geistigen Einstellung der Menschen umso eher, je mehr sie psychologischen Konflikten unterliegen, und wird mit umso größerer Begeisterung aufgenommen, je weniger die betreffende Gesellschaft zu einer solchen spontanen Harmonie fähig ist, nachdem jegliche gemeinsame Urteilsgrundlage durch den Einbruch einer kritischen Einstellung, wie er sich in jeder Kultur ereignet, zerstört worden ist. Eine solche Vision ist sehr gefährlich, weil der Zustand der moralischen Bindungslosigkeit einer großen, entwickelten Gesellschaft ein günstiger Nährboden für die Entwicklung kleinerer Sekten ist, in denen dann jene seelische und moralische Einigkeit waltet, die der Philosoph als so beneidenswert bezeichnet. Diese Sekten betrachten sich dann als die vollkommene Gesellschaft, berufen zur Umwandlung der Gesellschaft nach ihrem Bilde; sie gehen tatsächlich auf die Eroberung der Gesellschaft aus und machen alle, die ihre Weltanschauung nicht teilen, zu Sklaven. \[…\]

Der Traum von Ikarien entsteht immer wieder in Babylon. Denn die Menschen haben sich niemals damit abgefunden, daß Babylon eben Babylon ist. Die Juristen mögen noch so sehr zugeben, daß die Gesetze Babylons nicht der Ausdruck einer sittlichen Norm sind, sondern bloß Mittel zur Erhaltung der Gesamtheit. (Jouvenel 1963: 312f, 317)

Babylonische Verhältnisse, die Verdichtung von Fremden in gesellschaftlichem Frieden, mitsamt der Vorteile für Arbeitsteilung, Wohlstand und Kultur, sind nur durch hydraulische Systeme oder geteilte Grundeinigkeit möglich. Letztere kann über Fiktionen erzielt werden, diese sind aber fragil. So erklärt sich die Bibelstelle:

Gefallen, gefallen ist Babylon, die Große, und ist eine Behausung von Dämonen geworden und ein Gefängnis jedes unreinen Geistes \[…\]. Denn von dem Wein der Wut ihrer Unzucht haben alle Nationen getrunken, und die Könige der Erde haben Unzucht mit ihr getrieben, und die Kaufleute der Erde sind durch die Kraft ihrer Üppigkeit reich geworden. \[…\]

Darum werden ihre Plagen an einem Tag kommen: Tod und Trauer und Hunger, und mit Feuer wird sie verbrannt werden; denn stark ist der Herr, Gott, der sie gerichtet hat. Und es werden um sie weinen und wehklagen die Könige der Erde, die mit ihr Unzucht getrieben haben und üppig gewesen sind, wenn sie den Rauch ihres Brandes sehen; und sie werden aus Furcht vor ihrer Qual weitab stehen und sagen: Wehe, wehe! Die große Stadt, Babylon, die starke Stadt! Denn in einer Stunde ist dein Gericht gekommen. Und die Kaufleute der Erde weinen und trauern um sie, weil niemand mehr ihre Ware kauft: Ware von Gold und Silber und Edelgestein und Perlen und feiner Leinwand und Purpur und Seide und Scharlachstoff und alles Thujaholz und jedes Gerät von Elfenbein und jedes Gerät von kostbarstem Holz und von Erz und Eisen und Marmor und Zimt und Haarbalsam und Räucherwerk und Salböl und Weihrauch und Wein und Öl und Feinmehl und Weizen und Rinder und Schafe und von Pferden und von Wagen und von Leibeigenen und Menschenseelen. Und die Früchte, nach denen deine Seele begehrte, sind von dir gewichen, und alle Pracht und Glanz sind dir verloren, und man wird sie nie mehr finden. Die Kaufleute dieser Dinge, die an ihr reich geworden sind, werden aus Furcht vor ihrer Qual weitab stehen, weinend und trauernd, und werden sagen: Wehe, wehe! Die große Stadt, die bekleidet war mit feiner Leinwand und Purpur und Scharlachstoff und übergoldet mit Gold und Edelgestein und Perlen! Denn in einer Stunde ist der so große Reichtum verwüstet worden. Und jeder Steuermann und jeder Küstenfahrer und Schiffsleute und alle, die auf dem Meere beschäftigt sind, standen weitab und riefen, als sie den Rauch ihres Brandes sahen, und sprachen: Wer war der großen Stadt gleich? Und sie warfen Staub auf ihre Häupter und riefen weinend und trauernd und sprachen: Wehe, wehe! Die große Stadt, in der alle, die Schiffe auf dem Meere hatten, reich wurden von ihrer Kostbarkeit! Denn in einer Stunde ist sie verwüstet worden. (Offb. 18)

Babylon, die „Große“, ist Archetyp der Großen Gesellschaft, um den klaren Begriff von Friedrich A. von Hayek zu verwenden. Ihre Größe ist fragil, wenn die Spaltung einsetzt, kann „in einer Stunde“ die gesellschaftliche Ordnung zusammenbrechen. Darum ist es gefährlich, babylonische Zentren durch Fiktionen zu bilden. Dabei handelt es sich um den „Turmbau zu Babel“, Projekte menschlicher Hybris, die die Große Gesellschaft in die geschlossenen Narrative kleiner Gemeinschaften pressen wollen. Der Turmbau ist ein fiktives Einigungsprojekt, die ein unerreichbares, utopisches Ziel aufdrängt, um die sich widersprechenden Ziele der Menschen abzudrängen, sodass sie „an einem Seil ziehen“.

Schreckliche Gesänge

Ich hatte lange nicht verstanden, warum zu den schärfsten Kritikern der jüngeren Entwicklung der Europäischen Union führende deutsche Rechtspositivisten zählen. Ist nicht die Grundnorm so inhaltsleer, dass sie beliebig wird? Wie kann ein Rechtspositivist gesetzliche und politische Dynamiken kritisieren, wenn ihm die Maßstäbe fehlen? Marie-Theres Fögen klärte auch das auf. Es geht darum, dass die Minimalfiktion zu einer Maximalfiktion überdehnt wird und damit der Prozess seine sachliche Reinheit verliert und somit seine Legitimität. Fögen spricht vom Preludium des Gesetzes, den historischen Gesängen, die Gesetzen vorausgingen, um ihre Legitimität anzustimmen. Der Rechtspositivismus erscheint somit als Reaktion darauf, dass die Gesellschaft keine einenden Lieder mehr hat, aber auf das einende Recht nicht verzichten will. Plötzlich, so Fögen, kehren die Gesänge wieder, die großsprecherischen Formeln, die mangelnde Souveränität zudecken. Im Namen großer Ideale wird zur Einheit aufgerufen, die europäischen Gesellschaften sollen sich in einer europäischen Gemeinschaft wiederfinden, die sich die eigene Legitimität herbeisingt:

„Besser verstehen“, „positive Einstellung“, „helfen“, „pflegen“, „Dienst an der Menschheit“, „Verantwortung“ … Das europäische Lied greift nicht nur ungeniert in die wohlgefüllte Truhe antiker und alteuropäischer Topoi, sondern übt sich in Mind-Control, teilt selbstherrlich Anerkennung und Nützlichkeit zu, belehrt hemmungslos Gesellschaft und Forscher über Freiheiten und Pflichten. Besinnungslos taumelt es in eine Semantik, deren Potential alles ermöglicht, gleichermaßen zum Wohle wie zum Wehe „der Menschheit“. Ohne Scham kündet es in seiner „Humanressourcenpolitik“ von der Aufhebung der Unterschiede zwischen dem Humanitären, Ökonomischen und Politischen.

Die Kommission der Europäischen Union singt Choräle vor ihren Gesetzen – Gesetzen allerdings, die andere, die Mitgliedstaaten, erlassen sollen. Je impotenter der Gesetzgeber, desto potenter das Lied. Vor den Richtlinien, Empfehlungen, Entschließungen der Kommission oder des Rats Europas stellt es eben jenen Stoff bereit, aus dessen Brennbarkeit Wärme, Feuer oder ein Flächenbrand entstehen kann, aus dessen Vermögen Autonomie oder Gefängnis fabriziert werden kann, aus dessen Beschwörungen das Gesetz „in einer – darf man sagen: göttlichen, soll man sagen: teuflischen? – Freiheit“ hervorgehen kann. Es ist ein rückständiges Lied, das absolutistischen und totalitaristischen Singsang nachahmt und fortsetzt. Es ist ein gefährliches Lied, weil viele sich bemüßigt fühlen mitzusingen, bis der anschwellende Chor sich selbst als Humanressource bejubelt. Es ist ein intrigantes Lied, weil es den Völkern Europas vormacht, was die Völker Europas wollen sollen.

Platon ist konsterniert und unzufrieden. Was soll ein noch so potenter Prologos, dem kein imperativer Logos folgt? Und Robespierre ist beleidigt von der Auferstehung der „absurd despotischen Formeln“. Europa hat seine eigenen Helden und Gründungsväter, den Philosophen und den Politiker, den autoritären Erzieher und den blutverschmierten Revolutionär, verraten und verkauft. Europa singt – selbstvergessen. (Fögen 2007: 22f)

Der totalitaristische Singsang dröhnt so laut in den Ohren, dass er lange Zeit die abweichenden Stimmen übertönte. Diese beginnen daraufhin zu kreischen und brüllen, woraufhin die Sänger erschrocken die Zeile verlieren und wütend auf die gegnerischen Schreihälse zeigen. Es stehen laute Zeiten an. Die Fiktion des gemeinsamen Chorals stockt, die Faktionen versuchen, sich niederzubrüllen.

Regieren könnte wieder gefährlicher werden. Die europäische Tradition legt nämlich einen ganz anderen Umgang nahe, wenn die Machthaber falsche Töne wählen:

In erster Linie ist die große Zahl der mittelalterlichen Revolutionen bezeichnend für die Schwäche der monarchischen Gewalt, sodann aber auch für die Leichtigkeit, mit der man beim Mangel einer ,,garantierten“ Verfassung einem Herrscher Überschreitung seiner (so unbestimmten und vieldeutigen) Rechtsschranken vorwerfen und Rechtsvorwände für die Empörung aufbringen konnte.

Von 32 Thronfällen im Westgotenreich sind 20 gewaltsam. Bei den Langobarden starben von 26 Regenten 12 eines gewaltsamen Todes. Von 15 nordumbrischen Königen des 8. Jahrhunderts starb nur einer im ruhigen Besitz seiner Würde, die andern 14 wurden getötet, vertrieben, zur Abdankung veranlaßt oder durch die Witan abgesetzt. Bei den keltischen Nachbarn sah es womöglich noch trostloser aus. Das von Gildas entworfene Bild verdichtet sich in späterer Zeit chronisch zu einer Art „Rechts“formel; denn von 1022-1166 regieren in Irland nach dem Ausdruck der Chronisten nur „Könige co fressabhra“ („mit Widerstand“). Nicht besser als im Abendland sah es auch in Byzanz aus: bei 109 Kaisern von Arkadius bis auf Muhammed II. zählt man 65 gewaltsame Entthronungen. Bekannt ist die Äußerung über die „fluchwürdige Sitte“ der Goten, mißliebige Könige niederzumachen. Von ihrer „krankhaften“ Leichtfertigkeit, Könige zu stürzen, spricht Fredegar. (Kern 1952: 379f)

In der Kakophonie wächst die Sehnsucht nach Harmonie. Daher entstehen in den Phasen des größten geistigen Durcheinanders, wenn die Fiktionen brüchig werden, ikarische Bewegungen. Sie sind unvermeidlich und bergen auch Positives. Kurz vor dem Ende der alten Ordnung kam in Europa die Jugendbewegung auf, die erste Hippie-Bewegung, in der Städter plötzlich die Natur für sich entdeckten und beim gemeinsamen Wandern, Nacktbaden, Beete Bepflanzen und vegan Kochen Gemeinschaft suchten. Auch heute florieren in den Städten wieder die Gemeinschaftsbeete, die Ernährungsgenossenschaften und die Handarbeitsrunden. Die Jugendbewegung ging einst euphorisch im Faschismus auf, denn die Linke war damals noch fortschrittsfreundlich.

Alienismus versus Nativismus

Die babylonische Verwirrung unserer Tage nährt gerade zwei konträre ikarische Bewegungen. Recht gut charakterisiert diese der amerikanische Publizist Joseph Sobran. Er deutet den Gegensatz zwischen dem Fremden und dem Heimischen, dem Peripheren und dem Zentralen, als Hintergrund moderner politischer Lager. Er sieht diese Lager als Übertreibungen, die jeweils eine Verklärung des Fremden und des Heimischen betreiben, allerdings letztlich aus zwei verschiedenen Perspektiven des Menschen auf seine Gesellschaft entstammen:

Es gibt zwei mögliche Grundhaltungen gegenüber der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die eine davon hat viele Namen, doch aus Zweckmäßigkeitsgründen will ich sie Nativismus nennen: ein Vorurteil zugunsten des Eigenen, des Normalen und so weiter, das sein Äußerstes in Lynchmorden und Pogromen findet. Seine grausamste Form war der deutsche Nationalsozialismus. Die andere Anschauung bin ich gezwungen – da mir ein besseres oder überhaupt ein Wort dafür fehlt – Alienismus zu nennen: ein Vorurteil zugunsten des Fremden, des Randständigen, des Enteigneten, des Abnormen, das sein Äußerstes im Versuch findet, ,eine neue Gesellschaft zu schaffen‘, indem die grundlegenden Institutionen des Ursprünglichen zerstört werden. Die schrecklichste Erfüllung dieses Prinzips ist der Kommunismus.“ (Sobran 1985)

Das Erstaunliche für Sobran ist nun, dass der Alienismus als Bewegung alles andere als peripher ist, sondern sogar das Zentrum einer Gesellschaft erobern kann. Diese Perspektive bietet sich nämlich allen Enttäuschten an, die meinen, zu kurz gekommen zu sein. Paradoxerweise nimmt dieses Gefühl, wie wir gesehen haben, mit dem Schwinden materieller Unterschiede nicht ab, sondern zu. Die Schwierigkeiten jedes realen Lebens können so als Kampf gegen versteckte, aber „strukturelle“ Unterdrückung gedeutet werden. Es kann gar dazu kommen, dass die Identifikation mit dem Fremden und Andersartigen zelebriert und bewirtschaftet ist.

Ist einmal das Marginale gar nicht mehr marginalisiert und das Periphere zentral, steht der hinsichtlich dieses spezifischen Aspektes „Linke“ vor einem Dilemma. Was macht ein Revolutionär in einer revolutionären Gesellschaft? Nur wenige ziehen den Schluss Pierre-Joseph Proudhons, der auf die Frage von Napoleon III., was für eine Gesellschaft er eigentlich anstrebe, antwortete: „Eine, in der ich als ein Konservativer geköpft würde“. Kautsky erkannte das Problem, als er die zunehmende Verbreitung revolutionärer Sympathien thematisierte:

Er stellt die schwierige Stellung eines früheren „Revolutionärs“ in den Salons der Bourgeoisie seiner höchst verschiedenen heutigen gegenüber. Der „Revolutionär“ von gestern, wie Kautsky zeigt, würde sich heute in der friedlichsten Lage finden, umgeben von einem wohlwollenden Willkommen, wohin er auch ginge. Ja, er würde überall nichts als „Revolutionäre“ finden. Am Tische des Millionärs und in der Presse des Millionärs wie in der Herberge des Kutschers und in der Arbeiterzeitung würden ihm nur die wohlwollendste und entmutigendste Übereinstimmung zu seinen eifrigen Glaubensinhalten begegnen. Würde er unverbesserlicherweise die Erfahrung des „revolutionären“ Kitzels begehren und den Geschmack der derben Freude des Ausgestoßenen, könnte er dies nur finden, wenn er – oh seltsamste aller Paradoxien! – sich unradikal gäbe. \[…\] Heute liegt die Sache ganz anders: der Sozialismus hat in den Salons Einzug gehalten, es bedarf keines besonderen Antriebs und man muss nicht mehr mit der bürgerlichen Gesellschaft brechen, um sich „Sozialist“ nennen zu können. (Lewis 1989: 33)

Eine aktuelle autobiographische Polemik illustriert die Phase der zum Konformismus gewordenen Radikalität: In seinem Buch Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde beschreibt der Journalist Jan Fleischhauer „den Aufstieg der Linken von einer Protestbewegung zur kulturell dominierenden Herrschaftsformation“. Er beschreibt sehr bissig sein Aufwachsen in „behüteten“ Verhältnissen, die „links behütet“ gewesen wären. Bürgerlich durch und durch, aber eben konformistisch-antibürgerlich. Nun definiert sich Fleischhauer in bewusstem Gegensatz zu seinem Elternhaus, wie das oft vorkommt. Wie das „Antibürgerliche“ die Vollendung und Rückführung der bürgerlichen Revolution ist, spiegelt die Negation oft bloß das, was sie verleugnet. Fleischhauer beschreibt den Weg, den heute viele geneigt sind zu gehen, aber nicht weit gehen können, weil er ebenso eine Sackgasse ist. Fleischhauer findet zunächst zur Negation des „Linken“ im Neokonservatismus als vermeintlich „rechte“ Einstellung. Fleischhauers Beobachtung ist jedoch korrekt, nur noch nicht richtig eingeordnet und verarbeitet:

Die Linke hat gesiegt, auf ganzer Linie, sie ist zum juste milieu geworden. \[…\] Wer links ist, lebt in dem schönen Bewusstsein, im Recht zu sein, ja, einfach immer recht zu haben. Linke müssen sich in Deutschland für ihre Ansichten nicht wirklich rechtfertigen. Sie haben ihre Meinung weitgehend durchgesetzt, nicht im Volk, das störrisch an seinen Vorurteilen festhängt, aber in den tonangebenden Kreisen, also da, wo sie sich vorzugsweise aufhalten. Sicher, unterwegs haben sie ein paar Niederlagen einstecken müssen. Sie haben den Kampf gegen das Kabelfernsehen verloren, und sie haben auch die Wiedervereinigung nicht verhindern können, aber all das schrumpft im Rückblick zu Nebensächlichkeiten. Die andere Seite weiß noch nicht einmal, wie sie sich selber nennen soll. Niemand in Deutschland, der noch bei Trost ist, bezeichnet sich selbst als rechts. Bürgerlich vielleicht, oder konservativ, aber selbst das nur mit angehaltenem Atem. Rechts ist nicht die andere Seite des Meinungsspektrums, es ist ein Verdammungsurteil. (Fleischhauer 2009)

Das führt zum paradoxen Umstand, dass nun einige mit durchwegs peripheren Neigungen und anderen eher links beheimateten Charaktereigenschaften auf der anderen Seite des Spektrums zu suchen anfangen. Ein Beispiel ist der Literat Botho Strauss, der so weit geht, das Rechte ganz konträr als die Außenseiterrolle schlechthin zu definieren:

Der Rechte – in der Richte: ein Außenseiter. Das, was ihn zutiefst von der problematischen Welt trennt, ist ihr Mangel an Passion, ihre frevelhafte Selbstbezogenheit, ihre ebenso lächerliche, wie widerwärtige Vergesellschaftung des Leidens und des Glückens. \[…\] Der Außenseiter-Heros wird aber heute und künftig andere Züge tragen als der verdiente poéte maudit oder libertäre Rebell, schon deshalb, weil es erstens keine Bürger-Philister mehr gibt, die man erschrecken könnte, und weil zweitens dem Medienbürger jeder nur erdenkliche Schrecken zu seiner Unterhaltung dient. Das Verbotene kann man suchen wie das Magische - schwer zu finden dort, wo man es bereits einmal fand. \[…\] so viele wunderbare Dichter, die noch zu lesen sind – so viel Stoff und Vorbildlichkeit für einen jungen Menschen, um ein Einzelgänger zu werden. Man muß nur wählen können; das einzige, was man braucht, ist der Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream. Diese Demokratie benötigte von Anfang an mehr Pflanzstätten für die von ihr Abgesonderten. Abschnitte, Orte, wo ihre Rede nicht herrscht und die inzüchtige Kommunikation unterbrochen ist. Ich bin davon überzeugt, daß die magischen Orte der Absonderung, daß ein versprengtes Häuflein von inspirierten Nichteinverstandenen für den Erhalt des allgemeinen Verständigungssystems unerläßlich sind. Nicht zuletzt deshalb steht man jetzt vor einer gigantischen Masse an Indifferenz unter den Jugendlichen, weil die politisierte Gesellschaft sich ausschließlich mit korporierten Minderheiten beschäftigt hat und keinerlei Prägemuster für den Einzelgänger zur Verfügung stellte. (Strauss 1993)

Ent-Schuldigung

Ich möchte diesen ikarischen Bewegungen keine Schuld zuschreiben. Ich bin ein Babylonier mit starken ikarischen Sympathien. Schuld lädt nur der immer gleiche Kardinalfehler auf: die babylonische Übertreibung Ikariens. In Reaktion auf die alienistische Überdehnung, deren Anti-Faschismus immer totalitärer wird, erstarken nativistische Bewegungen und bestätigen damit die schlimmsten Befürchtungen ihrer Widersacher. Sie greifen rotzfrech, aber voller Berechtigung, einen linken Spruch auf: „Wir sind die, vor denen euch eure Eltern immer gewarnt haben!“ Im Kampf gegen die alienistische Übertreibung werden sie sich letztlich nicht nur gegen das herrschaftliche, sondern auch das kommerzielle Babylon richten. Protektionismus, Globalisierungskritik, Umverteilung werden gerade als „rechte“ Themen wiederentdeckt.

Dabei könnte es ein unfriedliches Nebeneinander geben, ohne gegenseitige Vernichtung. Die Idee von Europa, die ich entschuldigen kann, trotz ihrer blutigen und wahnsinnigen Vorgeschichte, ist das Europa babylonischer Inseln zwischen ikarischen Siedlungen. Es war nie völlig real und stets im Scheitern begriffen. Es ist die Idee kommerzieller Zentren als autonome Zellen inmitten gegensätzlichster Herrschaftsversuche, gelegentlich auch herrschaftsloser Versuche. In diesem Babylon leben entfremdete Bürger, Spießer auf Zeit, die nur eine Minimalmoral und sonst keine weiteren Gesänge voraussetzen: Wer zahlt, bestimmt die Musik. Sie verfolgen unterschiedliche Ziele und erklären ihre erbaulichen Fiktionen zur res privata, zur Privatangelegenheit. Dieses Babylon wird nicht hydraulisch, sondern dynamisch gebaut, durch unternehmerische Angebote, die man ablehnen kann. Konsequenterweise sollte ein solches Babylon selbst nicht mehr als ein ablehnbares Angebot sein, ein Unternehmen bzw. Paket eines Anbieters – wie es etwa Titus Gebel vorbereitet:

Stellen Sie sich im Gegensatz dazu vor, ein privates Unternehmen biete Ihnen als Staatsdienstleister Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum – nach der Formulierung von John Locke – in einem bestimmten Gebiet. Diese Leistung umfasst etwa Polizei, Feuerwehr, Notfallrettung, einen rechtlichen Rahmen sowie eine unabhängige Gerichtsbarkeit. Sie zahlen einen vertraglich fixierten Betrag für diese Leistungen pro Jahr. Der Staatsdienstleister als Betreiber des Gemeinwesens kann den Vertrag später nicht einseitig ändern. Sie haben einen Rechtsanspruch darauf, dass er eingehalten wird, und einen Schadenersatzanspruch bei Schlechterfüllung. Um alles andere kümmern Sie sich selbst, können aber auch machen, was sie wollen. Und Sie nehmen nur teil, wenn und solange Ihnen das Angebot zusagt. Streitigkeiten zwischen Ihnen und dem Staatsdienstleister werden vor unabhängigen Schiedsgerichten verhandelt, wie im internationalen Handelsrecht üblich. Ignoriert der Betreiber die Schiedssprüche oder missbraucht er seine Macht auf andere Weise, wandern seine Kunden ab, und er geht in die Insolvenz. (Gebel 2016)

Mit dem Zerfallen der europäischen Fiktion ist das unsere letzte Hoffnung: Das Aussondern aus der Konkursmasse von kollektiv konträren, innengerichteten Gemeinschaftsversuchen und individuell konträren, außengerichteten Gesellschaftsinseln. Das wird nicht harmonisch sein, irgendwann könnte der Unfriede aber wieder zu einem institutionalisierten Waffenstillstand führen, zu Grundregeln der Vermittlung zwischen Verschiedenem. Die Arbeitsteilung wird in den ikarischen Zonen abnehmen, somit auch der materielle Wohlstand. Diejenigen, denen die gemeinschaftlichen Gesänge rund ums Lagerfeuer diese Einbuße nicht wert sind, werden Zuflucht in kommerziellen Zentren suchen, die sich die Autonomie abringen, weiterhin in einer globalen Arbeitsteilung zu partizipieren. Hoffen wir, dass die nativistische Gegenreaktion nicht wieder babylonische Maße annimmt und den Leviathan besteigt.

Hoffen wir zudem auf eine sachte Entschuldung und Entschuldigung, die hydraulische Verhältnisse durch Erlassen und Verzeihen redimensioniert. Schuldfragen lassen sich nur innerhalb von Gemeinschaften sinnvoll stellen, denn sie setzen gemeinsame Maßstäbe voraus. Zwischen auseinanderfallenden Gemeinschaften funktioniert allenfalls noch materielle Wiedergutmachung über Vermittlung der babylonischen Zentren, in denen Rabulisten mit Geld, Schlauheit und schönen Worten vermitteln und ent-schuldigen.

Ich darf nun mit meiner Entschuldigung schließen. Diese Scholien sind später und knapper ausgefallen, als meine treuen Leser das schon gewohnt sind. Die Wogen der Zeit rauben Muße. Doch ich habe noch bessere Gründe: Wir feiern das zehnte Jubiläum, was einige Vorbereitungen erforderte, und das Vollzeitstudienprogramm im scholarium fordert mich jeden Tag, den wenigen Menschen, die weder Untertanen-Systemtrottel noch Obertanen-Funktionäre sind, etwas für die ungewisse Zukunft mitzugeben und sie für die hochriskanten, aber hochspannenden Entscheidungen vorzubereiten, die in Europa anstehen. Nach zehn Jahren beginnt das scholarium, immer mehr meiner ikarischen Sehnsucht und meinem babylonischen Vorhaben zu entsprechen, in der Erkenntnis Gemeinschaft zu stiften und so ohne Fiktionen auszukommen, ohne sich in Faktionen zu bekämpfen. Vielen Dank für Ihr Mitwirken, Ihr Verständnis, Ihre Geduld. Ich hoffe meine Gedanken können Ihren Geist in den besinnlichen Stunden zum Jahreswechsel ein wenig nähren, ohne allzu große Beklommenheit auszulösen. Zur Abhilfe und als Trost kann ich nur Europa (εὐρύς - ὄψ) empfehlen, Weitsicht, als Kontrastprogramm zu den myopischen Scheingefechten unserer Zeit.

Literatur

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Dieser ältere Scholien-Text bleibt frei unter seinem ursprünglichen Link erreichbar.

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