§Essay

Momentum statt Moment

Zwei Arten, das Abendland zu verteidigen, und warum beide es verfehlen: über Nostalgie, Besitzstand, Silicon Valley und die Kräfte, an die sich anknüpfen lässt

Rahim Taghizadegan · 20 Min. Lesezeit

Edmund Burke schrieb 1790, als er die Königin von Frankreich vom Pöbel bedrängt sah: Das Zeitalter des Rittertums ist Vergangenheit. Seither wurde der Satz in jeder Generation neu geschrieben, jeweils mit anderem Verlust, dem Glauben, den Ständen, dem Reich, der Bildung, zuletzt dem Bargeld, und Spengler gab der Klage 1918 ihren Titel. Doch, ganz nüchtern betrachtet, muss der Historiker die Parallelen der Untergangswahrnehmung anerkennen, die das Abendland schon seit überraschend langer Zeit begleiten. Der Kulturverlust nach dem Untergang des Römischen Reiches war bedauerlich, aber nicht total, und eine Reform des späten Römischen Reiches wäre eine noch grössere Katastrophe gewesen.

Ich habe selbst Europa auf die Intensivstation gelegt, eine alte Dame an Schläuchen, deren Leiden zunehmend von den Ärzten selbst verursacht sind, und darf darum zwei Fragen stellen: ob es den Patienten überhaupt gibt, der da seit zweihundert Jahren stirbt, und was diejenigen eigentlich retten wollen, die sich zu seinen Rettern erklären.

Wer hat Limoges angezündet?

In Limoges brannte in der Nacht auf den 18. Oktober 2026 das Rathaus von 1883 aus, der Glockenturm stürzte ein. Bezahlt hat es ein Bürger: Ein Rentier aus Limoges starb 1875 kinderlos und vermachte der Stadt sein Vermögen. Gebaut hat es die Stadt, nicht der Staat, der es heute betrauert. Die Menge, die es anzündete, protestierte gegen die Lebenshaltungskosten und verlangte vom Staat, was der Staat seit zwei Jahrhunderten verzehrt: das Kapital der Städte, Kontore und Werkstätten, das die Krone einsammelte und das Komitee weiterverteilte. Die Formen überdauern ihren Zweck lange. Dann brennen sie. Wer das Feuer verstehen will, muss die Menge auseinandernehmen, die es gelegt hat.

Das Rathaus von Limoges 2006 mit Glockenturm und Brunnen, daneben der Glockenturm im Einsturz in der Nacht auf den 18. Oktober 2026.
Das Hôtel de ville von Limoges, 2006, und sein Glockenturm im Einsturz, 2026.Links: User:Aratar, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0; rechts: eigenes Video

Erstens: junge Männer mit niedriger Intelligenz und geringer Impulskontrolle, nie pazifiziert, vom therapeutischen Staat als Ersatzkinder und Haustiere betrachtet und behandelt, vor allem von seinen Frauen, Beamten und Vereinen. Sie lassen sich nicht regieren wie Franzosen einer Hochvertrauenskultur, die über Jahrhunderte ihre eigenen Gewalttäter und Impulsiven systematisch dezimiert hat.

Zweitens: Talahons, junge männliche Loser, die ihren mangelnden Status durch religiös rationalisierte Abneigung gegenüber der Wirtsbevölkerung kompensieren.

Drittens: die Antifa, ein einheimischer Todeskult. Bürgerkinder, die kaputt machen, was sie kaputtmacht, und kaputt macht sie alles, was als Massstab dienen könnte und damit ihren von den Eltern genährten und vom Bildungssystem radikalisierten Narzissmus kratzt. Hausgemachter Terrorismus, gedeckt von einer grossen Linkspartei, die weit weniger skandalisiert wird als andere, weil sie intellektuell zu den Guten gerechnet wird.

Viertens: die breite Masse normaler Franzosen, wie sie in den ursprünglichen Gelbwesten vorherrschte. Etatisten, die den Politikern mitteilen wollen, dass sie ihren Job nicht gut machen.

Das Rathaus: Gruppe drei. Die Plünderungen: Gruppe zwei und eins, missbraucht von drei, genährt und legitimiert von vier. Und vier trägt die Hauptverantwortung: für die falsche institutionelle Antwort auf eins, aus genährter Naivität und falschem säkularisiertem Universalismus; für Import, Subvention und Ermächtigung von zwei; für die Degeneration der wenigen eigenen Kinder zu drei. Der Todeskult der dritten Gruppe ist eng verwandt mit dem Todestrieb der vierten: gesellschaftlicher Selbstmord, sichtbar in der Demographie.

Die fünfte Gruppe war nicht auf der Strasse: Handwerker, Unternehmer, Ingenieure, die Jungen, die nach Genf, nach Zug oder nach Dubai gehen. Sie hat das Rathaus bezahlt, sie zahlt heute, was die vier anderen sich teilen, sie schweigt, und sie geht. Jeder Weggang macht den Schalter leerer und die Menge lauter.

Zwei Tage nach dem Brand sassen alle Gruppen an einem Tisch, in einer Fernsehsendung, die das nicht bemerkte. Eine Studentin von Eliteuniversitäten erklärte den Plünderungen ihre Berechtigung: Ihr merkt nicht, was für ein Glück ihr habt, ihr habt etwas zu verlieren; wir haben nichts zu verlieren. Zum Beleg ihre Mutter, Englischlehrerin, bezahlt vom Staat, «sie bildet die Zukunft dieses Landes», und sie gehe jeden Morgen mit einem Päckchen Kuchen in der Tasche aus dem Haus, weil sie die Kantine nicht bezahlen könne.

Das ist die vierte Gruppe: die Lehrerin, die vom Ersatzvater Staat verlangt, dass er seinen Job macht, und die Tochter, die diese Anspruchshaltung erbt und in Hass auf alles wendet, was als Massstab dienen könnte. Auf Instagram posiert sie auf einem Boot vor einer griechischen Insel, Bildtext «Beach, me, me and only me»; im Fernsehen hat sie nichts zu verlieren. Das ist die dritte Gruppe in einer Person: der Narzissmus des verwöhnten Kindes, verheiratet mit dem Todestrieb. 1789 erfanden die Ideologen der Revolution der Königin die Brioche; 2026 verlangt ihre Erbin die Brioche vom Staat. Derselbe Neid, dieselbe Gier, dieselben Kuchen.

Ihr gegenüber sass eine Frau, die mit neun Jahren aus dem Kongo nach Frankreich kam, drei Jahre zu zweit auf zehn Quadratmetern lebte, in einer Pariser Vorstadt aufwuchs und heute 130 Menschen beschäftigt, die sie beruhigen muss, weil sie Angst haben. Das ist die fünfte Gruppe, die einzige, die produziert, was die anderen sich teilen. Wer nur die erste Gruppe und Rassenunruhen sieht, würde sie dort einordnen, und zeigt damit, was er den anderen vorwirft: wenig Intelligenz, wenig Impulskontrolle, und das auf der Rechten.

Jeder pickt sich bislang eine Gruppe heraus. Wer nur die erste sieht, macht aus Limoges eine Rassenfrage, wer nur die zweite sieht, eine Islamfrage, wer nur die dritte sieht, eine ideologische Frage. Es sind aber sehr unterschiedliche Gruppen, die paradoxerweise zusammentreffen.

Die Rassenbrille ist die bequemste und erklärt am wenigsten: Dieselben Menschen, die in Lyon plündern, bauen in den Emiraten Wohlstand, Dubai ist zu neun Zehnteln von ihnen bevölkert und sicherer als Paris, Jordanien beherbergt Millionen von ihnen, ohne dass ein Rathaus brennt. Gleiche Menschen, andere Regeln, und niemand wird dort fürs Warten bezahlt.

Die Einheimischen wiederum konnten sich schon immer primatenhaft aufführen: die Gefängnismassaker von 1792, die Massenertränkungen in Nantes, die verbrannten Dörfer der Vendée waren das Werk von Franzosen alten Stammes, mitten in der Aufklärung, und die Republik hat das alles nachträglich zum Nationalfeiertag umgemalt. Der Dschungel wird nicht importiert; er wird erlaubt. Wer einwendet, ohne Sicherheit gebe es keinen Markt, hat recht und widerlegt sich selbst: Sicherheit ist eine Institution, keine Rasse. Botswana und Zimbabwe sind Nachbarn; nur eines schützt das Eigentum, nur eines gedeiht. Identitäre Markierungen sind kontextuell relevant, nicht kausal; die Zombies auf den Bahnhöfen unserer Städte, jeder Hautfarbe und jedes Geschlechts, sind Symptom, nicht Ursache oder Urheber.

Absurd wird es, wenn österreichische und französische «Identitäre» aus den Krawallen Identität ableiten. Die jüngste Migrationswelle, der ihre «Remigration» gilt, hatte in Frankreich am wenigsten mit den Ausschreitungen zu tun; sie ist Symptom der Probleme und facht sie weiter an, mehr nicht. Gewiss eint Franzosen und Österreicher kulturell im Schnitt mehr als Kongolesen und Syrer. Aber die deutlichste Identitätsüberlappung von Franzosen und modernen Österreichern, neben denselben T-Shirts, die in Asien produziert werden, und einer «Identität», die für amerikanisches Social Media gelarpt wird, ist tief verwurzelter Etatismus. Und den kann man nicht remigrieren.

Spontan angenommene Identitätsvorwände sind keine organisierten Gruppierungen, sondern eine Stilrichtung von Trollen mit Meme-Kompetenz; die Torwächter-Medien benötigen das Gespenst der «Identitären», und letztere benötigen die Medien. Ihre Gegenerzählung ist romantische Hoffnung, die Sehnsucht nach einer Welt, in der junge Männer als edle Ritter die fremden Feinde abwehren. Es ist das Kostüm, von dem dieser Essay handelt, und was das Abendland wirklich trug, war nie das Kostüm.

Das Museum

Die erste Antwort führt ins Museum: Sie will einen Zustand zurück, der nachweislich bestand: die katholische Geschlossenheit des Mittelalters, das Rittertum, das Deutschtum des Kaiserreichs oder ein anderes nationales Idyll, je nach Geburtsjahr und Konfession des Nostalgikers. Die Sehnsucht ist verständlich, denn instinktiv sehnt sich der Mensch nach der Sippe, nach der kleinen und geschlossenen Gemeinschaft, an die wir evolutionär angepasst sind, und fast alle Gemeinschaften, die länger überdauern, haben einen sakralen Kern. Das Mittelalter wirkt aus der Ferne wie eine solche Gemeinschaft im Grossformat. Zurückzubringen ist davon aber nichts, weil die Zustände, die der Nostalgiker meint, auf Voraussetzungen beruhten, die er selbst nicht mehr teilt: auf einer Kirche, die Ehen und Erbgänge regelte, auf einem Adel, der vom Grundbesitz und vom Krieg lebte, auf einer Schriftkultur, die wenigen vorbehalten war.

Was bleibt, ist das Kostüm, und ich habe an anderer Stelle beschrieben, was aus dem Kostüm wird, wenn man es ernst nimmt: ein LARP, ein Rollenspiel, das nur noch die eigene Erlösung feiern will. Reichsbürger spielen Staat, sie stellen Ausweise aus, gründen Räte, verleihen Orden und reichen Proklamationen ein, und sind darin die Karikatur; die gepflegtere Form hält Vorträge über das Abendland, und wer sie nüchtern kommentiert, hat angeblich einen der letzten Helden des Abendlandes angeschüttet.

Die öffentliche Zugehörigkeit zu einer moralischeren Gruppe, ob Retter des Klimas oder des Abendlandes, korreliert leider negativ mit eigener Charakterstärke, denn unsere Interessen nehmen den öffentlichen Moralismus nur allzu bereitwillig als Alibi für private Unmoral in Anspruch.

Die gebildetere Form dieser Richtung verspricht einen Neubau Europas aus seinem alten Erbe, aus Antike und Christentum, und daraus eine Identität, die dem Zerfall standhält. Das hat Erfolg, und es ist mir dennoch zu rückwärtsgewandt. Sie liest das Abendland mit Spengler als Organismus mit Lebensaltern, dessen Winter man würdig zu überstehen habe; mich interessiert weniger, wie man den Winter übersteht, als woher die Sommer kamen.

Welcher Moment?

Die Nostalgie hat noch ein zweites Problem, und es wiegt schwerer als das Kostüm: Sie findet den Moment nicht, zu dem sie zurück will, denn der Niedergang des Abendlands kam nicht als Ereignis, er kam schubweise, und jede Blüte, die ein Konservativer heute beschwört, stand selbst schon in einem Schub. Die Französische Revolution war ein Fehler, und der französische Zentralismus, der ihr vorausging, sie nährte und von ihr verstärkt wurde, und der preussische, der ihn kopierte, waren es ebenso; die staatliche Theorie des Geldes wechselte 1789 bloss die Gewänder, vom Hermelin zum Komitee.

Und doch folgte auf die Zentralisierung das grösste Wachstum, das der Kontinent je gesehen hat, und an diesem Paradox scheitert die Nostalgie. Grössere Räume geben dem Kapital Platz, sich zu entfalten, ein Recht statt dreihundert, ein Markt statt dreissig Zollgrenzen; was sich auf diesem Raum entfaltete, war allerdings die Ernte einer Freiheit, die vorher gewachsen war. Der Apparat, der sie einbrachte, war jung, und das meiste an ihm war gestohlen: Banken, Kredit, Wechsel, Buchführung, Börsen, die Werkzeuge, mit denen der König nun hantierte, waren in den Städten entstanden, unter Kaufleuten, die einander Rechenschaft schuldeten, und überall hatte der Zentralstaat diese innovativen Kerne aufgesogen und kriegsnutzbar gemacht. In meinem neuen Buch Win-Win habe ich diesen Vorgang die Gefangennahme der Katallaxie genannt; der Funke glühte in königlichen Händen weiter, eine Weile noch hell. Die Früchte der Freiheit werden in Phasen steigender Unfreiheit geerntet.

La grande nation hat als Nation Kapital konsumiert, das lange zuvor aufgebaut wurde, und Zentralismus erzeugt Hybris, parasitäre Pseudoeliten und ein Too big to fail weit über den Sonnenkönigen; im Nachkriegseuropa, in besonderem Ausmass in den vermeintlich strukturstarken Staaten Österreich und Deutschland, wurden die nächste und die übernächste Generation systematisch ausgeplündert. Wer nur die Korrelation sieht, hält den Zentralismus für die Ursache des Wohlstands, und so entsteht die Legende vom starken Staat, der das Land gross gemacht habe; fast immer läuft die Kausalität umgekehrt.

Am deutschen Wirtschaftswunder lässt sich das besichtigen: Man hält den Kredit für den Grund der Produktivitätsexplosion, dabei war nur die sichtbare Kapitalstruktur zerstört und die unsichtbare intakt geblieben, Fähigkeiten, Mentalität, Beziehungen, das Myzel unter dem verbrannten Waldboden, aus dem die Schwammerln schiessen, sobald man sie wieder gedeihen lässt. Kapital und Kontext erklären mehr als Politik.

Darum gibt es den Moment nicht, zu dem man zurückkehren könnte: Das Kaiserreich, das die einen vermissen, erntete, was die Städte gesät hatten, und das Mittelalter, das die anderen vermissen, war selbst die Ernte einer Freiheit, die nach dem Zerfall der römischen Zentralgewalt gewachsen war. Jeder Moment, den man zurückholen wollte, ist eine Ernte, und Ernten lassen sich nicht wiederholen, wohl aber die Saat.

Die Nation gehört zu diesen Momenten, und sie ist der jüngste. Wer einwendet, die französische Nation sei mit Jeanne d'Arc geboren und der Nationalismus sei nicht der Staat, wiederholt, ohne es zu wissen, eine Schullegende: Erst 1841 machte ein Historiker der Republik Jeanne zum Ursprung des Nationalgefühls, und die Staatsschule brachte es Millionen Kindern bei. Davor war Jeanne die Heldin von Orléans, das ihren Sieg seit 1429 jedes Jahr feiert: Lokalstolz, Bindung an Ort und Angehörige, der natürliche Patriotismus, der keinen Staat braucht. Für den Rest des Königreichs war sie nichts. Franzosen nahmen sie gefangen und verkauften sie an die Engländer, französische Kleriker verurteilten sie, Voltaire machte aus ihr eine Zote. Jeanne selbst kannte keine Nation; sie kannte einen König, den sie krönen lassen wollte, und ein Königreich, das diesem König gehörte.

Die Nation kam später, und sie kam vom Staat. 1794 stellte ein Bericht an das Revolutionsparlament fest, dass von 28 Millionen Franzosen höchstens drei Millionen richtig Französisch sprachen und sechs Millionen gar nicht; der Bericht verlangte schon im Titel, die Mundarten zu vernichten. Dann kamen die Wehrpflicht, die Schulpflicht von 1882, der Krieg und zuletzt das Gesetz von 1920, das Jeanne einen nationalen Festtag gab, im Jahr ihrer Heiligsprechung.

Patriotismus ist natürlich; Nationalismus ist die Doktrin, dass Volk und Staat zusammenfallen müssen, und es brauchte den Staat, um dieses Volk erst herzustellen. Wer den Nationalismus vom Staat trennt, trennt die Liturgie von der Kirche.

Darum rettet der Patriotismus, der die Nation meint, niemanden vor dem Etatismus; er ist dessen Ursprungsform. Die Nation wurde 1789 geboren, mit dem Komitee, der Wehrpflicht und der Steuer für alle, und die «patriotische» Rechte lebt heute vom selben Nullsummenspiel wie die Linke: die Eigenen gegen die Anderen versorgen, mit dem Geld einer Maschine, die nichts produziert. Ohne die Maschine hätte sie nichts zu versprechen. Die Nation ist die einzige Ernte, die der Staat selbst gesät hat, und deshalb der einzige Moment, zu dem die Rückkehr nichts zurückbringt.

Die Erschlaffung

Woran der letzte Schub lag, darüber herrscht auf der Rechten eine Legende, die der linken an Bequemlichkeit nichts nachsteht: Der Niedergang sei das Werk einer Verschwörung, der Marsch durch die Institutionen, die Umerziehung, ein Plan. Wie alle Verschwörungstheoretiker überschätzt diese Legende die Möglichkeiten politischer Intervention, und es bedarf keiner Verschwörung, um eine Kultur zu erschöpfen.

Das Abendland erschlaffte nach einer zu grossen, neurotischen Überanspannung. Zentralisiert aufgeblasener Nationalstolz wurde durch nationale Katastrophen gekränkt und in Deutschland schliesslich zu reinem Etatismus sublimiert; zwei Weltkriege, geführt mit der ganzen Technik und dem ganzen Pathos, das die Nationen in sich aufgestaut hatten, hinterliessen Völker, die von sich selbst nichts mehr wissen wollten, und Eliten, die es am wenigsten wollten.

Der Verrat der Eliten ging der Erschlaffung voraus und begleitete sie: Wer führen sollte, verwaltete, wer lehren sollte, belehrte, und wer Vermögen über Generationen halten sollte, verkonsumierte es, zusammen mit dem Institutionenvertrauen, das schamlos für Geltungstugend, Prestige, Belehrung und Bereicherung konsumiert wurde, bis zu Recht ein wachsender Teil der Bevölkerung das Vertrauen verlor.

In das Vakuum trat die säkulare Ersatzreligion des Etatismus, die Erlösung durch den Staat und das Heil im kollektiven Wir, und sie würgt in gefallenen Nationen alles ab, was aus dem trostlosen Grau kafkaesker Funktionäre herausragt.

Die grössere Schuld daran tragen, so paradox es klingt, die vermeintlich Konservativen und Rechten. Die Linke hat den Etatismus nie verborgen; die Rechte lieferte ihm die bessere Legitimation, Vaterland, Ordnung, Tradition, Sicherheit, und gab der Erschlaffung damit ein gutes Gewissen. Der Ökonom Werner Sombart warf dem Bürger vor, er erschlaffe, sobald er wie ein Adliger leben wolle, und genau das geschah, nur dass der neue Adel aus Funktionären bestand. Ein Apparat nährte sich parasitär an den Institutionen und verkonsumierte schleichend ihr kulturelles Kapital, und die Konservativen nannten das Bewahren.

Wohlstandsverwahrlosung drückt sich aus in der Suche nach Scheinproblemen bei existenzieller Langeweile, dem Zehren von Unverdientem und Unverstandenem, hoher Anspruchshaltung bei geringem Leistungsdruck, diesseitigen Ersatzreligionen, Geltungstugend und vor allem einem Polster, der von der Realität trennt. Das LARP ist eine Spielart davon, das Wohlgefühl in der Tradition eine zweite und der Statuskonsum die dritte, denn Anspruchshaltung führt zu Statusgier, und typische Minderwertigkeitskomplexe leistungslos Wohlhabender suchen zur Rechtfertigung ihres unterbewusst parasitären Status Anerkennung durch Geltungstugend.

Die subventionierte Massenmigration in den Wohlfahrtsstaat, unter der Flüchtlingslüge geführt und heute der Zündstoff jeder Debatte, gehört an diese Stelle, und zwar als letztes Symptom: Kulturzerstörung verläuft nicht linear, sie bleibt lange unsichtbar und zeigt sich spät auf einmal, und diese Massenmigration ist die Kulmination realitätsferner Naivität, blinden Formalismus und des Konsums von Status und Einkommen im therapeutischen Staat. Wer in ihr die Ursache sieht, verwechselt den Fieberschub mit der Krankheit. Darum ist die Nostalgie selbst ein Teil des Niedergangs, den sie beklagt.

Der Besitzstand

Die zweite Antwort ist leiser und verbreiteter; sie verteidigt, was ist: die Institutionen, Verfahren und Besitzstände, so, wie sie gerade stehen, die Universität, die Verfassung, die Sozialversicherung, die Währung. Konservativ nennt sich das, und es ist die Haltung fast aller Parteien, die heute regieren. Die Welt verändert sich; ein System zum Ende der Geschichte zu erklären, folgt den Interessen des Status quo.

Noch schlimmer als eine Romantisierung der Vergangenheit ist allerdings eine Romantisierung der Gegenwart, denn diese Form der Blindheit ist ein viel unmittelbareres Verhängnis, als es jede falsche Nostalgie sein könnte. Die Formen, die der Besitzstandswahrer verteidigt, haben ihren Zweck häufig längst an andere abgegeben. Die Universität trägt den Namen der Korporation von Bologna und ist eine Behörde; das Vertrauen in akademische Autoritäten wurde in die Buchstabensuppe unzählbarer technokratischer Behörden, Institute und NGOs eingekocht. Was bleibt, sind staatliche Beamtenfabriken und private Titelfabriken, ein Cargokult der Bildung, der die Form bewahrt und das Ethos verloren hat; wo die Marktrealität nicht mehr selektiert, muss das Zertifikat es vortäuschen.

Die Zentralbank gilt als Hüterin des Geldes und tut, was die Amsterdamer Wechselbank heimlich tat, deren Bankgeld Adam Smith 1776 noch für vollständig durch Münze gedeckt hielt: Sie leiht das Geld ihrer Einleger dem Staat und seinen Kompanien, und wo sich heute die privilegierte Geldproduktion durch Zentralbanken und Geschäftsbanken abspielt, lässt sich das Vertrauensproblem nur noch durch PR-Bluffs überdecken. Eine Institution kann ihren Namen behalten und ihre innere Selbständigkeit verlieren, und wer sie dann unverändert bewahrt, bewahrt die Hülle und nennt es Treue.

Die neue Welt

In Europa macht nur noch die Vergangenheit stolz, in den USA gibt es trotz ebenso massivem Staatsversagen noch gegenwärtige Pole der Dynamik. Dort gibt es auch eine dritte Antwort, und sie kommt nicht von Konservativen. Wo das Abendland heute am ehesten so aussieht, wie seine Verteidiger es beschreiben, dort trägt es weder Krone noch Kreuz: Es sitzt im Silicon Valley und in Manhattan. Zwei Kraftzentren haben in den Vereinigten Staaten überlebt, beide leider eng verwoben mit dem Staat, aber letztlich mit genügender Kraft für neue Autonomie: das unternehmerische Zentrum an der Westküste und das Finanzzentrum an der Ostküste. Beide fanden ersten Nährboden in staatlicher Kriegswirtschaft, doch letztlich schuf unternehmerische Kreativität überwiegend zivile Nützlichkeit.

Im direkten Vergleich, wie etwa Silicon Valley gegen Stuttgart oder auch Manhattan gegen Frankfurt, lässt sich der amerikanische Erfolg kaum relativieren. Während in Deutschland die Work-Life-Balance Einzug hält, die gelangweilte Mussesuche nichtsnutziger Erben, ist die Minderheit produktiver Amerikaner auch in jungen Jahren von einer hemdsärmeligen Tüchtigkeit, die in Europa das demographische Nadelöhr nicht zu überleben scheint.

Warum knüpfe ich dennoch nicht dort an? Weil beiden Eliten fehlt, was den Erfolg erst dauerhaft macht: Prinzipien und kulturelle Tiefe. Am schlimmsten ist das staatlich begünstigte organisierte Verbrechen an der Wall Street, bei dem Anwälte, Regulatoren und grosse Finanzunternehmen an Kartellen partizipieren und einen grossen Teil der Finanzierungsgewinne in die eigene Tasche stecken.

Die Technoelite der anderen Küste zeigt den Typus in Reinform: Unternehmer von erstaunlicher Umsetzungskraft und Reichweite, deren Persönlichkeit zur Marke geworden ist und die jede Position, auch die zum Geld, zur Meinungsfreiheit und zum Staat, so lange vertreten, wie sie dem nächsten Vorhaben nützt. Das nennt sich pragmatisch, hat aber wenig mit Ideologie und viel mit dem Pragmatismus der Macht zu tun; pragmatische Unternehmer scheuen die Theorie und suchen zu Recht nach Abkürzungen, in Zeiten geopolitischer Umschwünge kann das gefährlich werden, und die stärkste Kraft im Raum ist in Washington wie in New York der militärisch-industrielle Finanzkomplex, der Verbund aus Rüstung, Staatsschuld und Zentralbankgeld. So kommt es, dass die beweglichsten Männer der Welt am Ende denselben Status quo stützen wie die trägsten Beamten Europas. Das Paradox gibt es auch in der Gegenrichtung: Neville Roy Singham, ein antiamerikanischer Amerikaner, mit seiner Softwarefirma reich geworden, finanziert von Schanghai aus ein Netzwerk von Gruppen und Medien, die laut New York Times die Linie Pekings verbreiten; eines davon trommelte auch für die französischen Proteste.

Kulturell ist diese Elite flach, sie kennt die Geschichte der Formen nicht, die sie benutzt, und hält die Aktiengesellschaft, die Börse und den Risikokapitalfonds für Erfindungen ihrer Generation. Auch in den USA sind der Erfindergeist und die Innovationskraft der Pioniere gebrochen durch Gedankenviren und Bullshit-Jobs, die viele im Hamsterrad nicht wertschöpfender Berufe halten, und eine künstliche Beschleunigung ist immer heikel, denn sie erzeugt ideologische Gegenreaktionen.

Das Momentum

Was alle drei verfehlen, ist eine Unterscheidung: zwischen den Formen, die eine Zeit hervorgebracht hat, und den Kräften, die sie hervorbrachten. Die Formen sind datierbar und sterblich: Die selbstverwaltete Stadt entstand im 12. Jahrhundert in Oberitalien, die doppelte Buchführung um 1300 in Italien, die Börse in Brügge und Antwerpen, die Aktiengesellschaft 1602 in Amsterdam, die Universität als Korporation in Bologna und Paris, der Salon in Paris, Berlin und Wien. Keine dieser Formen ist zurückzuholen, und keine muss es, denn die Kräfte, die sie hervorbrachten, wirkten zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Bereichen, nie alle zugleich und nirgends vollständig, und doch lassen sie sich benennen: Autonomie und Dezentralität, Vernunftorientierung, die Lösung des Einzelnen aus der Sippe, eine Kultur hohen Vertrauens über Familie und Bekannte hinaus, kultureller Ehrgeiz, Abenteuertum und Unternehmertum, Erfindungsreichtum und Hochtechnologie, Individualismus und gutes Geld.

Wer darin ein Wesen des Abendlandes sucht, das sich besitzen liesse wie eine Reliquie, wird enttäuscht, denn jede dieser Kräfte hat es auch anderswo gegeben, Händler in Babylon, Erfinder in China, Gelehrte in Bagdad; was Europa unterschied, war das Zusammenspiel, in dem die Kräfte einander über Jahrhunderte Formen gaben, die sie überdauern liessen. Dieses Zusammenspiel ist ein Momentum, ein Schwung, und an einen Schwung knüpft man anders an als an einen Moment in der Zeit.

Zwei dieser Kräfte sind heute so vergessen, dass man sie erklären muss. Wie der Anthropologe Joseph Henrich gezeigt hat, zerschlug die Kirche mit ihren Ehe- und Familienregeln über Jahrhunderte die alten Sippenverbände: Vetternehe bis in entfernte Grade verboten, Polygamie und Adoption abgeschafft, das öffentliche Ja-Wort zur Pflicht gemacht. So lernte der Westen überhaupt erst, Fremden zu trauen, mit Universalismus statt Clangebundenheit, geringerer Zeitpräferenz und einem stärkeren Gewissen mit Schuldgefühlen. Leider tauschen einander feindliche Sippen viel zu wenig, um je die Schwelle zum Wohlstand zu überschreiten; wer heute Clans importiert oder im eigenen Land die Sippenlogik der Parteien pflegt, löst diese Leistung wieder auf.

Die zweite ist die Hochvertrauenskultur, wie sie sich etwa in den Alpen mit besonders niedriger Zeitpräferenz entwickelte und die Verträge mit Unbekannten möglich macht, die Aktiengesellschaft wie die Versicherung. Sie ist zugleich die gefährlichste der Kräfte, denn Blockwartmentalität ist die Gegenseite einer Hochvertrauenskultur, und Hochvertrauenskulturen wie Deutschland und Japan brachten auch den bisher höchsten Grad an gesellschaftlich organisiertem Bösen hervor, weil Vertrauen ohne Vernunftorientierung zur Gefolgschaft wird.

Apollinisch und heroisch

Die Verteidiger des Abendlandes erinnern es meist fromm und bewahrend, als Kloster, Dom und Ordnung. Das Erbe hat allerdings zwei weitere Gesichter, die in dieser Erinnerung fehlen. Das eine nannte Nietzsche das apollinische, im Kontrast zu seinen dionysischen Momenten: das Mass, die Form, die Klarheit, der Wille, den Dingen Gestalt zu geben, der die griechische Plastik ebenso hervorbrachte wie die Buchführung der Florentiner und die Beweisführung der Scholastiker.

Das andere ist das heroische, der Aufbruch des Einzelnen, der etwas wagt und dafür einsteht. Mit dem Heroismus ist Vorsicht geboten, denn die vermeintlich heroischen Geschichtsveränderer sind in aller Regel apokalyptische Reiter, die noch mehr Menschen über Abgründe jagen, die sie nicht und nicht anerkennen wollen; gemeint ist ein anderer Held: Die risikofreudigen Überseehändler wollten im ganz gewöhnlichen Warenhandel dasselbe erreichen, was ihre Väter und Brüder mit Goldsuche, Alchemie und Raubrittertum versucht hatten. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto näher steht der Abenteurer der Gewalt; er setzt sein eigenes Gesetz und das wenn nötig mit dem Schwert, und so darf es nicht überraschen, dass der Kaufmann, der Abenteurer und der Seeräuber manchmal ein und dieselbe Person waren. Der Geist des Freibeutertums wurde zum Geist des Kaufmanns; die Investoren der Handelskompanien, auf Englisch damals adventurers genannt, waren am Erfolg der Fahrt beteiligt.

Der Massstab ist die Haftung: Der Milizbürger, der mit der Waffe abstimmt, und der Unternehmer, der die Ungewissheit trägt, haften; der Funktionär, der verordnet, und der Gläubiger, der am Zins verdient, haften nicht. Selbständigkeit hat wenig Heroisches an sich, die meiste Zeit handelte es sich um einen ganz selbstverständlichen Aspekt des menschlichen Lebens; dieser Held gründet, entdeckt, erfindet, führt ein Haus über Generationen und widerspricht einer Autorität, wenn er es besser weiss.

Ihn hat es überall gegeben; das Abendländische ist, dass bestimmte Institutionen ihm Dauer, Würde und Freiheit gaben. Die wirklich grossen, überdauernden Unternehmen waren oft von nüchterner Disziplin getragen, sofern sie nicht politisch überdehnt wurden. Kapital ohne Kultur verliert die Richtung, und Kultur ohne Kapital verliert die Mittel; der Techno-Milliardär zeigt das eine, der Konservative das andere.

Anknüpfen

Wiederanknüpfen verlangt darum eine Arbeit, die keiner der drei Wege leistet: die Kräfte zu erkennen, die einst fruchtbar waren, zu prüfen, wo sie heute wirken, und ihnen dort eine Form zu geben, die trägt, in Unternehmen, Orten, Institutionen und Vermögen, die ihre Gründer überdauern. Ein Programm braucht es dafür nicht; in Programmen verteidigt sich ein Moment gegen die Zeit. Was Generationen überdauert, hat den Härtetest der Realität bestanden. Das ist weniger spektakulär als ein Kreuzzug und weniger aufregend als ein Börsengang. Immerhin ist es das einzige, was in der Geschichte des Abendlandes je funktioniert hat.

Das Rathaus von 1883 holt niemand zurück. Die Kräfte, die es bauten, schon.

Rahim Taghizadegan ist der letzte österreichische Vertreter der Österreichischen Schule in direkter Tradition, Unternehmer, Autor von mehr als fünfzehn Büchern, Hochschuldozent und Gründer von scholarium, citadel.garden und deedsats.

Scholien per E-Mail · seit 2009

Scholien. Monatliche Randglossen von Rahim Taghizadegan zur Gegenwart, geschrieben im Modus der Wiener Schule.

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