Momentum statt Moment
Zwei Arten, das Abendland zu verteidigen, und warum beide es verfehlen: über Nostalgie, Besitzstand, Silicon Valley und die Kräfte, an die sich anknüpfen lässt
Edmund Burke schrieb 1790, als er die Königin von Frankreich vom Pöbel bedrängt sah: Das Zeitalter des Rittertums ist Vergangenheit. Seither wurde der Satz in jeder Generation neu geschrieben, jeweils mit anderem Verlust, dem Glauben, den Ständen, dem Reich, der Bildung, zuletzt dem Bargeld, und Spengler gab der Klage 1918 ihren Titel. Doch, ganz nüchtern betrachtet, muss der Historiker die Parallelen der Untergangswahrnehmung anerkennen, die das Abendland schon seit überraschend langer Zeit begleiten. Der Kulturverlust nach dem Untergang des Römischen Reiches war bedauerlich, aber nicht total, und eine Reform des späten Römischen Reiches wäre eine noch grössere Katastrophe gewesen. Ich habe selbst Europa auf die Intensivstation gelegt, eine alte Dame an Schläuchen, deren Leiden zunehmend iatrogen sind, von den Ärzten selbst verursacht, und darf darum zwei Fragen stellen: ob es den Patienten überhaupt gibt, der da seit zweihundert Jahren stirbt, und was diejenigen eigentlich retten wollen, die sich zu seinen Rettern erklären.
Das Museum
Die erste Antwort führt ins Museum: Sie will einen Zustand zurück, der nachweislich bestand: die katholische Geschlossenheit des Mittelalters, das Rittertum, das Deutschtum des Kaiserreichs oder eine andere nationale Innigkeit, je nach Geburtsjahr und Konfession des Nostalgikers. Die Sehnsucht ist verständlich, denn instinktiv sehnt sich der Mensch nach der Sippe, nach der kleinen und geschlossenen Gemeinschaft, an die wir evolutionär angepasst sind, und fast alle Gemeinschaften, die länger überdauern, haben einen sakralen Kern. Das Mittelalter wirkt aus der Ferne wie eine solche Gemeinschaft im Grossformat. Zurückzubringen ist davon freilich nichts, weil die Zustände, die der Nostalgiker meint, auf Voraussetzungen beruhten, die er selbst nicht mehr teilt: auf einer Kirche, die Ehen und Erbgänge regelte, auf einem Adel, der vom Grundbesitz und vom Krieg lebte, auf einer Schriftkultur, die wenigen vorbehalten war. Was bleibt, ist das Kostüm, und ich habe an anderer Stelle beschrieben, was aus dem Kostüm wird, wenn man es ernst nimmt: ein LARP, ein Rollenspiel, das seine Heilsgewissheit nur noch feiern will. Reichsbürger spielen Staat, sie stellen Ausweise aus, gründen Räte, verleihen Orden und reichen Proklamationen ein, und sind darin die Karikatur; die gepflegtere Form hält Vorträge über das Abendland, und wer sie nüchtern kommentiert, hat angeblich einen der letzten Helden des Abendlandes angeschüttet. Die öffentliche Zugehörigkeit zu einer moralischeren Gruppe, ob Retter des Klimas oder des Abendlandes, korreliert leider negativ mit eigener Charakterstärke, denn unsere Interessen nehmen den öffentlichen Moralismus nur allzu bereitwillig als Alibi für private Unmoral in Anspruch.
Die gebildetere Form dieser Richtung verspricht einen Neubau Europas aus seinem alten Erbe, aus Antike und Christentum, und daraus eine Identität, die dem Zerfall standhält. Das hat Erfolg, und es ist mir dennoch zu rückwärtsgewandt. Sie liest das Abendland mit Spengler als Organismus mit Lebensaltern, dessen Winter man würdig zu überstehen habe; mich interessiert weniger, wie man den Winter übersteht, als woher die Sommer kamen.
Welcher Moment?
Die Nostalgie hat noch ein zweites Problem, und es wiegt schwerer als das Kostüm: Sie findet den Moment nicht, zu dem sie zurück will, denn der Niedergang des Abendlands kam nicht als Ereignis, er kam schubweise, und jede Blüte, die ein Konservativer heute beschwört, stand selbst schon in einem Schub. Die Französische Revolution war ein Fehler, und der französische Zentralismus, der ihr folgte, und der preussische, der ihn kopierte, waren es ebenso; die staatliche Theorie des Geldes wechselte 1789 bloss die Gewänder, vom Hermelin zum Komitee. Und doch folgte auf die Zentralisierung das grösste Wachstum, das der Kontinent je gesehen hat, und an diesem Paradox scheitert die Nostalgie. Grössere Räume geben dem Kapital Platz, sich zu entfalten, ein Recht statt dreihundert, ein Markt statt dreissig Zollgrenzen; was sich auf diesem Raum entfaltete, war allerdings die Ernte einer Freiheit, die vorher gewachsen war. Der Apparat, der sie einbrachte, war jung, und das meiste an ihm war gestohlen: Banken, Kredit, Wechsel, Buchführung, Börsen, die Werkzeuge, mit denen der König nun hantierte, waren in den Städten entstanden, unter Kaufleuten, die einander Rechenschaft schuldeten, und überall hatte der Zentralstaat diese innovativen Kerne aufgesogen und kriegsnutzbar gemacht. In meinem neuen Buch Win-Win habe ich diesen Vorgang die Gefangennahme der Katallaxie genannt; der Funke glüht fortan in königlichen Händen weiter, eine Weile hell. Die Früchte der Freiheit werden in Phasen steigender Unfreiheit geerntet. La grande nation hat als Nation Kapital konsumiert, das lange zuvor aufgebaut wurde, und Zentralismus erzeugt Hybris, parasitäre Pseudoeliten und ein Too big to fail weit über den Sonnenkönigen; im Nachkriegseuropa, in besonderem Ausmass in den vermeintlich strukturstarken Staaten Österreich und Deutschland, wurden die nächste und die übernächste Generation systematisch ausgeplündert. Wer nur die Korrelation sieht, hält den Zentralismus für die Ursache des Wohlstands, und so entsteht die Legende vom starken Staat, der das Land gross gemacht habe; fast immer läuft die Kausalität umgekehrt, als die nominalistische Illusion sie liest. Am deutschen Wirtschaftswunder lässt sich das besichtigen: Man hält den Kredit für den Grund der Produktivitätsexplosion, dabei war nur die sichtbare Kapitalstruktur zerstört und die unsichtbare intakt geblieben, Fähigkeiten, Mentalität, Beziehungen, das Myzel unter dem verbrannten Waldboden, aus dem die Schwammerln schiessen, sobald man sie wieder gedeihen lässt. Kapital und Kontext erklären mehr als Politik. Darum gibt es den Moment nicht, zu dem man zurückkehren könnte: Das Kaiserreich, das die einen vermissen, erntete, was die Städte gesät hatten, und das Mittelalter, das die anderen vermissen, war selbst die Ernte einer Freiheit, die nach dem Zerfall der römischen Zentralgewalt gewachsen war. Jeder Moment, den man zurückholen wollte, ist eine Ernte, und Ernten lassen sich nicht wiederholen, wohl aber die Saat.
Die Erschlaffung
Woran der letzte Schub lag, darüber herrscht auf der Rechten eine Legende, die der linken an Bequemlichkeit nichts nachsteht: Der Niedergang sei das Werk einer Verschwörung, der Marsch durch die Institutionen, die Umerziehung, ein Plan. Wie alle Verschwörungstheoretiker überschätzt diese Legende die Möglichkeiten politischer Intervention, und es bedarf keiner Verschwörung, um eine Kultur zu erschöpfen. Das Abendland erschlaffte nach einer zu grossen, neurotischen Überanspannung. Zentralisiert aufgeblasener Nationalstolz wurde durch nationale Katastrophen gekränkt und in Deutschland schliesslich zu reinem Etatismus sublimiert; zwei Weltkriege, geführt mit der ganzen Technik und dem ganzen Pathos, das die Nationen in sich aufgestaut hatten, hinterliessen Völker, die von sich selbst nichts mehr wissen wollten, und Eliten, die es am wenigsten wollten. Der Verrat der Eliten ging der Erschlaffung voraus und begleitete sie: Wer führen sollte, verwaltete, wer lehren sollte, belehrte, und wer Vermögen über Generationen halten sollte, verkonsumierte es, zusammen mit dem Institutionenvertrauen, das schamlos für Geltungstugend, Prestige, Belehrung und Bereicherung konsumiert wurde, bis zu Recht ein wachsender Teil der Bevölkerung das Vertrauen verlor. In das Vakuum trat die säkulare Ersatzreligion des Etatismus, die Erlösung durch den Staat und das Heil im kollektiven Wir, und sie würgt in gefallenen Nationen alles ab, was aus dem trostlosen Grau kafkaesker Funktionäre herausragt.
Die grössere Schuld daran tragen, so paradox es klingt, die vermeintlich Konservativen und Rechten. Die Linke hat den Etatismus nie verborgen; die Rechte lieferte ihm die bessere Legitimation, Vaterland, Ordnung, Tradition, Sicherheit, und gab der Erschlaffung damit ein gutes Gewissen. Sombart warf dem Bürger vor, er sei erschlafft, weil er sich einer seigneurialen Lebensführung hingab, und genau das geschah, nur dass die Seigneurs nun Funktionäre waren. Ein Apparat nährte sich parasitär an den Institutionen und verkonsumierte schleichend ihr kulturelles Kapital, und die Konservativen nannten das Bewahren. Wohlstandsverwahrlosung drückt sich aus in der Suche nach Scheinproblemen bei existenzieller Langeweile, dem Zehren von Unverdientem und Unverstandenem, hoher Anspruchshaltung bei geringem Leistungsdruck, immanentisierten Ersatzreligionen, Geltungstugend und vor allem einem Polster, der von der Realität trennt. Das LARP ist eine Gestalt davon, das Wohlgefühl in der Tradition eine zweite und der Statuskonsum die dritte, denn Anspruchshaltung führt zu Statusgier, und typische Minderwertigkeitskomplexe leistungslos Wohlhabender suchen zur Rechtfertigung ihres unterbewusst parasitären Status Anerkennung durch Geltungstugend. Die subventionierte Massenmigration in den Wohlfahrtsstaat, unter der Flüchtlingslüge geführt und heute der Zündstoff jeder Debatte, gehört an diese Stelle, und zwar als letztes Symptom: Kulturzerstörung verläuft nicht linear, sie bleibt lange unsichtbar und zeigt sich spät auf einmal, und diese Massenmigration ist die Kulmination realitätsferner Naivität, blinden Formalismus und des Konsums von Status und Einkommen im therapeutischen Staat. Wer in ihr die Ursache sieht, verwechselt den Fieberschub mit der Krankheit. Darum gehört die Nostalgie zu den Gestalten des Niedergangs, den sie beklagt.
Der Besitzstand
Die zweite Antwort ist leiser und verbreiteter; sie verteidigt, was ist: die Institutionen, Verfahren und Besitzstände, so, wie sie gerade stehen, die Universität, die Verfassung, die Sozialversicherung, die Währung. Konservativ nennt sich das, und es ist die Haltung fast aller Parteien, die heute regieren. Die Welt verändert sich; ein System zum Ende der Geschichte zu erklären, folgt den Interessen des Status quo. Noch schlimmer als eine Romantisierung der Vergangenheit ist allerdings eine Romantisierung der Gegenwart, denn diese Form der Blindheit ist ein viel unmittelbareres Verhängnis, als es jede falsche Nostalgie sein könnte. Die Formen, die der Besitzstandswahrer verteidigt, haben ihren Zweck häufig längst an andere abgegeben. Die Universität trägt den Namen der Korporation von Bologna und ist eine Behörde; das Vertrauen in akademische Autoritäten wurde in die Buchstabensuppe unzählbarer technokratischer Behörden, Institute und NGOs eingekocht. Was bleibt, sind staatliche Beamtenfabriken und private Titelfabriken, ein Cargokult der Bildung, der die Form bewahrt und das Ethos verloren hat; wo die Marktrealität nicht mehr selektiert, muss das Zertifikat es vortäuschen. Die Zentralbank gilt als Hüterin des Geldes und tut, was die Amsterdamer Wechselbank heimlich tat, deren Bankgeld Adam Smith 1776 noch für vollständig durch Münze gedeckt hielt: Sie leiht das Geld ihrer Einleger dem Staat und seinen Kompanien, und wo sich heute die privilegierte Geldproduktion durch Zentralbanken und Geschäftsbanken abspielt, lässt sich das Vertrauensproblem nur noch durch PR-Bluffs überdecken. Eine Institution kann ihren Namen behalten und ihre innere Selbständigkeit verlieren, und wer sie dann unverändert bewahrt, bewahrt die Hülle und nennt es Treue.
Die neue Welt
In Europa macht nur noch die Vergangenheit stolz, in den USA gibt es trotz ebenso massivem Staatsversagen noch gegenwärtige Pole der Dynamik. Dort gibt es auch eine dritte Antwort, und sie kommt nicht von Konservativen. Wo das Abendland heute am ehesten so aussieht, wie seine Verteidiger es beschreiben, dort trägt es weder Krone noch Kreuz: Es sitzt im Silicon Valley und in Manhattan. Zwei Kraftzentren haben in den Vereinigten Staaten überlebt, beide leider eng verwoben mit dem Staat, aber letztlich mit genügender Kraft für neue Autonomie: das unternehmerische Zentrum an der Westküste und das Finanzzentrum an der Ostküste. Beide fanden ersten Nährboden in staatlicher Kriegswirtschaft, doch letztlich schuf unternehmerische Kreativität überwiegend zivile Nützlichkeit. Im direkten Vergleich, wie etwa Silicon Valley gegen Stuttgart oder auch Manhattan gegen Frankfurt, lässt sich der amerikanische Erfolg kaum relativieren. Während in Deutschland die Work-Life-Balance Einzug hält, die gelangweilte Mussesuche nichtsnutziger Erben, ist die Minderheit produktiver Amerikaner auch in jungen Jahren von einer hemdsärmeligen Tüchtigkeit, die in Europa das demographische Nadelöhr nicht zu überleben scheint.
Warum knüpfe ich dennoch nicht dort an? Weil beiden Eliten fehlt, was den Erfolg erst dauerhaft macht: Prinzipien und kulturelle Tiefe. Am schlimmsten ist das staatlich begünstigte organisierte Verbrechen an der Wall Street, bei dem Anwälte, Regulatoren und grosse Finanzunternehmen an Kartellen partizipieren und einen grossen Teil der Finanzierungsgewinne in die eigene Tasche stecken. Die Technoelite der anderen Küste zeigt den Typus in Reinform: Unternehmer von erstaunlicher Umsetzungskraft und Reichweite, deren Persönlichkeit zur Marke geworden ist und die jede Position, auch die zum Geld, zur Meinungsfreiheit und zum Staat, so lange vertreten, wie sie dem nächsten Vorhaben nützt. Das nennt sich pragmatisch, hat aber wenig mit Ideologie und viel mit dem Pragmatismus der Macht zu tun; pragmatische Unternehmer scheuen die Theorie und suchen zurecht nach Abkürzungen, in Zeiten geopolitischer Umschwünge kann das gefährlich werden, und die stärkste Kraft im Raum ist in Washington wie in New York der militärisch-industrielle Finanzkomplex, der Verbund aus Rüstung, Staatsschuld und Zentralbankgeld. So kommt es, dass die beweglichsten Männer der Welt am Ende denselben Status quo stützen wie die trägsten Beamten Europas. Kulturell ist diese Elite flach, sie kennt die Geschichte der Formen nicht, die sie benutzt, und hält die Aktiengesellschaft, die Börse und den Risikokapitalfonds für Erfindungen ihrer Generation. Auch in den USA sind der Erfindergeist und die Innovationskraft der Pioniere gebrochen durch Gedankenviren und Bullshit-Jobs, die viele im Hamsterrad nicht wertschöpfender Berufe halten, und eine künstliche Beschleunigung ist immer heikel, denn sie gebiert ideologische Reaktionen.
Das Momentum
Was alle drei verfehlen, ist eine Unterscheidung: zwischen den Formen, die eine Zeit hervorgebracht hat, und den Kräften, die sie hervorbrachten. Die Formen sind datierbar und sterblich: Die selbstverwaltete Stadt entstand im 12. Jahrhundert in Oberitalien, die doppelte Buchführung um 1300 in Italien, die Börse in Brügge und Antwerpen, die Aktiengesellschaft 1602 in Amsterdam, die Universität als Korporation in Bologna und Paris, der Salon in Paris, Berlin und Wien. Keine dieser Formen ist zurückzuholen, und keine muss es, denn die Kräfte, die sie hervorbrachten, wirkten zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Bereichen, nie alle zugleich und nirgends vollständig, und doch lassen sie sich benennen: Autonomie und Dezentralität, Vernunftorientierung, die Lösung des Einzelnen aus der Sippe, eine Kultur hohen Vertrauens über den Nahkreis hinaus, kultureller Ehrgeiz, Abenteuertum und Unternehmertum, Erfindungsreichtum und Hochtechnologie, Individualismus und gutes Geld. Wer darin ein Wesen des Abendlandes sucht, das sich besitzen liesse wie eine Reliquie, wird enttäuscht, denn jede dieser Kräfte hat es auch anderswo gegeben, Händler in Babylon, Erfinder in China, Gelehrte in Bagdad; was Europa unterschied, war das Zusammenspiel, in dem die Kräfte einander über Jahrhunderte Formen gaben, die sie überdauern liessen. Dieses Zusammenspiel ist ein Momentum, eine Bewegungsgrösse, und an eine Bewegung knüpft man anders an als an einen Moment in der Zeit.
Zwei dieser Kräfte sind heute so vergessen, dass man sie erklären muss. Wie Joseph Henrich gezeigt hat, zerschlug das Ehe- und Familienprogramm der Westkirche über Jahrhunderte die alten Sippenverbände: Vetternehe bis in entfernte Grade verboten, Polygamie und Adoption abgeschafft, das öffentliche Ja-Wort zur Pflicht gemacht. So wurde der Westen überhaupt erst sonderbar genug, um Fremden zu trauen, mit Universalismus statt Clangebundenheit, geringerer Zeitpräferenz und einem stärkeren Gewissen mit Schuldgefühlen. Leider ist die katallaktische Dichte feindlicher Sippen viel zu gering, um jemals die Schwelle zur Wohlstandsentwicklung zu überwinden; wer heute Clans importiert oder im eigenen Land die Sippenlogik der Parteien pflegt, löst diese Leistung wieder auf. Die zweite ist die Hochvertrauenskultur, wie sie sich etwa in den Alpen mit besonders niedriger Zeitpräferenz entwickelte und die Verträge mit Unbekannten möglich macht, die Aktiengesellschaft wie die Versicherung. Sie ist zugleich die gefährlichste der Kräfte, denn Blockwartmentalität ist die Gegenseite einer Hochvertrauenskultur, und Hochvertrauenskulturen wie Deutschland und Japan brachten auch den bisher höchsten Grad an gesellschaftlich organisiertem Bösen hervor, weil Vertrauen ohne Vernunftorientierung zur Gefolgschaft wird.
Apollinisch und heroisch
Die Verteidiger des Abendlandes erinnern es meist in seiner frommen und bewahrenden Gestalt, als Kloster, Dom und Ordnung. Das Erbe hat allerdings zwei weitere Gesichter, die in dieser Erinnerung fehlen. Das eine nannte Nietzsche das apollinische, im Kontrast zu seinen dionysischen Momenten: das Mass, die Form, die Klarheit, der Wille, den Dingen Gestalt zu geben, der die griechische Plastik ebenso hervorbrachte wie die Buchführung der Florentiner und die Beweisführung der Scholastiker. Das andere ist das heroische, der Aufbruch des Einzelnen, der etwas wagt und dafür einsteht. Mit dem Heroismus ist Vorsicht geboten, denn die vermeintlich heroischen Geschichtsveränderer sind in aller Regel apokalyptische Reiter, die noch mehr Menschen über Abgründe jagen, die sie nicht und nicht anerkennen wollen; gemeint ist der andere Held, den Sombart beschreibt: Die risikofreudigen Überseehändler trachteten danach, dasselbe im ganz gewöhnlichen Warenhandel zu erreichen, was ihre Väter und Brüder mit Goldsuchen und Alchemie und Raubrittertum versuchten. Je weiter wir in die dunkleren Tiefen der Geschichte zurückreisen, desto näher an der Gewalt reist der Abenteurer; er setzt sein eigenes Gesetz und das wenn nötig mit dem Schwert, und so darf es nicht überraschen, dass der Kaufmann, der Abenteurer und der Seeräuber manchmal ein und dieselbe Person waren. Der Geist des Freibeutertums wurde zum Geist des Kaufmanns; die Investoren der Handelskompanien, manchmal in Würdigung ihrer unternehmerischen Mitleistung adventurers genannt, waren am Erfolg der Fahrt beteiligt. Der Massstab ist die Haftung: Der Milizbürger, der mit dem Seitengewehr abstimmt, und der Unternehmer, der die Ungewissheit schultert, haften; der Funktionär, der verordnet, und der Gläubiger, der am Zins verdient, haften nicht. Selbständigkeit hat wenig Heroisches an sich, die meiste Zeit handelte es sich um einen ganz selbstverständlichen Aspekt des menschlichen Lebens; dieser Held gründet, entdeckt, erfindet, führt ein Haus über Generationen und widerspricht einer Autorität, wenn er es besser weiss. Ihn hat es überall gegeben, wie Max Weber gegen die Legende vom abendländischen Abenteurer einwandte; das Abendländische ist, dass bestimmte Institutionen ihm Dauer, Würde und Freiheit gaben. Die wirklich grossen, überdauernden Unternehmen waren oft von nüchterner Disziplin getragen, sofern sie nicht politisch überdehnt wurden. Kapital ohne Kultur verliert die Richtung, und Kultur ohne Kapital verliert die Mittel; der Techno-Milliardär zeigt das eine, der Konservative das andere.
Anknüpfen
Wiederanknüpfen verlangt darum eine Arbeit, die keiner der drei Wege leistet: die Kräfte zu erkennen, die einst fruchtbar waren, zu prüfen, wo sie heute wirken, und ihnen dort eine Form zu geben, die trägt, in Unternehmen, Orten, Institutionen und Vermögen, die ihre Gründer überdauern. Ein Programm braucht es dafür nicht; Programme sind die Gestalt, in der sich ein Moment gegen die Zeit verteidigt. Was Generationen überdauert, hat den Härtetest der Realität bestanden. Das ist weniger spektakulär als ein Kreuzzug und weniger aufregend als ein Börsengang. Immerhin ist es das einzige, was in der Geschichte des Abendlandes je funktioniert hat. Wer es für ein Unternehmen, ein Vermögen, eine Sammlung oder einen Ort versuchen will, dem stellt das scholarium im Kontor drei Fragen an den Anfang, und sie sind zugleich die Probe auf das Momentum: Was soll bleiben, wer soll es tragen, was soll es bewirken?
Rahim Taghizadegan ist der letzte österreichische Vertreter der Österreichischen Schule in direkter Tradition, Unternehmer, Autor von mehr als fünfzehn Büchern, Hochschuldozent und Gründer von scholarium, citadel.garden und deedsats.
Der Scholien-Newsletter
Scholien. Monatliche Randglossen von Rahim Taghizadegan zur Gegenwart, geschrieben im Modus der Wiener Schule.
Monatlich. Abmeldung mit jeder Ausgabe.
