Informationsökonomik

4. September 2015

In Zeiten der Informationsinflation scheint es kein Zuviel an Kommunikation geben zu können, alle müssen immer mehr und immer lauter hinausposaunen, damit überhaupt noch irgendein kümmerlicher Rest beim Adressat ankommt. Reste haben aber das Problem, Bruchstücke zu sein, denen der Kontext fehlt und deren Wirkung wir nicht mehr in der Hand haben. Gerade weil so viel Information draußen ist, begehren wir nach mehr und fordern wütend allerorts Transparenzen ein. Wenn einer nicht alles hinausposaunt, so hat er wohl etwas zu verbergen.

Meine Scholien sind in dieser Hinsicht besonders verdächtig. Bis jetzt waren sie völlig abgeschottet von den Informationsmedien, sodass man sie leicht ignorieren könnte – nichts da, nichts zu kommunizieren. Die gedruckten Scholien waren ein Experiment, das mir gelungen ist. Nun versuche ich die zweite Stufe des Experiments: Ich teile mit den Informationskanälen, was zum Teilen geeignet ist, und enthalte ihnen all das vor, was mir unteilbar scheint, weil es Kontext, persönliche Beziehung und Vertrauen erfordert. Das wirkt nun gewiss einerseits wie ein Köder, der den Informationshappen vorhält, um zum Zahlen zu bewegen, andererseits weckt es den Verdacht, etwas zu verbergen zu haben. Warum nicht völlige Transparenz, das bedeutet völlig kostenloses und schwellenloses Teilen jedes Gedankens und Informationsfetzens?

Ich bin kein Freund der Transparenz. Ich halte das Geheimnis für etwas Wunderbares, was das Teilen erst schön und wertvoll macht. Etwas zu teilen, das ohnehin jeder haben und wissen kann, ist wertlos. Darum muss die Information immer weiter inflationiert werden, weil sie sich drastisch entwertet. Man kann nur Geheimnisse ernsthaft teilen, nicht Platitüden. Das Streben nach Transparenz ist Folge einer egalitären Illusion über das Wissen: Dass dieses nur aus objektiven und offensichtlichen Tatsachen bestünde, die jedermann und jederfrau dasselbe bedeuteten. Tatsächlich werden Botschaften subjektiv bewertet und aufgenommen. Dieselbe Nachricht kann bei unterschiedlichen Menschen eine ganz unterschiedliche Bedeutung haben. Es gibt gewiss die eine Wahrheit als objektive Grundstruktur der Welt, der wir in der Erkenntnis langsam näher kommen können, ohne sie jemals ganz zu erfassen. Doch Wahrheiten, im Sinne dessen, was uns Nachrichten bedeuten und bei uns auslösen, sind stets subjektiv. Wer den Menschen in seiner Verschiedenartigkeit respektiert, kann sich nicht damit abfinden, bloß eine Wahrheit hinauszuposaunen, denn jeder hat einen etwas anderen Anstupser nötig, um auf dem Weg der Erkenntnis einen kleinen Schritt weiterzukommen. Irving Kristol hat in einem Interview einmal Ähnliches angedeutet:

Es gibt unterschiedliche Arten von Wahrheiten für unterschiedliche Arten von Menschen. Es gibt Wahrheiten, die für Kinder geeignet sind, Wahrheiten, die für Studenten geeignet sind, Wahrheiten, die für gebildete Erwachsene geeignet sind, und Wahrheiten, die für hochgelehrte Erwachsene geeignet sind. Die Vorstellung, dass es eine Art von Wahrheiten gäbe, die jedem verfügbar sei, ist ein moderner demokratischer Irrtum. Das funktioniert nicht.

Freilich gilt Kristol als Vordenker der Neokonservativen, deren politische Vertreter vor der Lüge nicht zurückschrecken, wenn sie dem vermeintlichen Gemeinwohl dient. In der heutigen Tagespolitik nennt man diese Position situationselastisch. Dahinter steht eine nüchterne ökonomische Einsicht, die erst problematisch wird, wenn wir es mit Zwang und Macht zu tun haben. Transparenzforderungen richten sich so auch vornehmlich an den Staat. Wer die Gewalt innehat, dessen situationselastischer Umgang mit der Wahrheit ist potentiell tödlich. Das Geheimnis ist zwar für die Diplomatie wesentlich, für die Gewalt aber ein gefährlicher Freibrief. Daher ist auch mit der Informationsökonomik ökonomisch umzugehen – Ökonomik setzt freiwillige Angebote voraus, ansonsten liefert sie falsche Analogien und Ausreden.

Kristols Aussage beschreibt einen Aspekt der Informationsökonomik, den ich für richtig und wesentlich halte. Menschen sind nicht gleich, daher muss auch mit der Wahrheit ökonomisch umgegangen werden. Effektive Argumente sind meist personenspezifisch, sie respektieren die Werte, Erfahrungen und Sorgen des Gegenüber, nicht um ihn zu manipulieren, sondern um den eigenen Blickwinkel verständlich zu machen. Eine gewisse Situationselastik ist also unausweichlich. Dabei bewegt man sich stets ein wenig auf wackeligem Terrain zwischen absoluter Offenheit und Lüge. Beide Extrempositionen sind unökonomisch. Ökonomik ist jene nüchterne Perspektive, die unter anderem davon ausgeht, dass es im realen Leben Knappheiten und Trade-Offs gibt, dass wir also nicht alles und sofort haben können. Die absolute Offenheit ist sehr teuer, denn sie vermischt wahllos Informationsstücke, egal wie relevant, kontextabhängig oder schmerzhaft sie sind. Die Lüge ist ebenso teuer, denn sie zwingt einen zum Wettlauf gegen die Enttarnung und führt zum Verheddern in Widersprüchen, zusätzlich zu den enormen psychischen und seelischen Kosten. Die ökonomische Kommunikation hingegen ist nicht verlogen, sondern selektiv. Sie beschränkt sich auf die für das gewünschte Handlungsresultat und die jeweils adressierte Person relevanten und in der gebotenen Kürze und Verständlichkeit vermittelbaren Informationsbruchstücke.

Insbesondere Unternehmer sind auf Informationsökonomik angewiesen, diese Effizienz schulden sie ihren Kunden. Freilich erscheinen Unternehmer, gerade wenn sie sich des Marketings bemühen, dadurch manchmal manipulativ. Doch der Begriff Manipulation ist zu scharf, wenn man nicht Marionetten an Fäden des Zwangs tanzen lässt, was das Wort nahelegt, sondern ausschließlich Angebote stellt, die abgelehnt werden können. Ein schönes Beispiel für die scheinbar manipulative Informationsökonomik von Unternehmern gibt Stuart Skorman in seinen Bekenntnissen eines Serienunternehmers, wenn er stolz beschreibt, wie sein Großvater, ein russischer Jude, in den USA sein erstes Geschäft aufbaute. Er fand empathisch den idealen Ort für seinen kleinen Laden, den Ort, der den Menschen den größten Nutzen stiftete. Doch es war die Zeit der Wirtschaftskrise, und wie alle Wirtschaftskrisen zog sie eine Vertrauenskrise nach sich. Der Zuwanderer hatte ein besonderes Vertrauensproblem. Wie sollte er seinen Kunden kommunizieren, dass er es wirklich ernst meinte, sein ganzes Leben für seinen Geschäftserfolg einsetzen würde und bereit war, größte Durststrecken zu überstehen? Er täuschte über seine Liquidität – oder er kommunizierte sehr ökonomisch durch einen visuellen Anker, den auch die Dümmsten und Skeptischsten sofort verstehen:

Zusätzlich zu seinem Gespür für die Wahl eines großartigen Platzes, war mein Großvater ein kreativer Problemlöser. Als sein Laden knapp vor der Insolvenz war, wusste er, dass seine Kunden das nicht sofort erkennen dürfen, so füllte er seine Regale mit leeren Schachteln, um sein Inventar robuster erscheinen zu lassen. Zum Glück musste er nicht lange mit leeren Schachteln vorlieb nehmen; sein Laden wuchs bald zu einem florierenden kleinstädtischen Warenhaus. (Skorman, S. 10)

Die leeren Schachteln sind weder Lüge noch Transparenz, doch ich würde sie auch nicht als Manipulation bezeichnen oder als Betrug. Manipulation wäre es, die Mitmenschen durch Druck dazu zu bringen, leere Schachteln zum vollen Preis zu kaufen; Betrug wäre es, die Mitmenschen durch Täuschung dazu zu überlisten. Der Händler hatte seinen Kunden vollwertige Güter zu fairen Preisen geboten; sein Erfolg bestätigte den Mehrwert, den er ihnen liefern konnte.

Informationsökonomik verstehen die wenigsten. Sie nehmen es genauso übel wie andere unternehmerische Notwendigkeiten, beispielsweise Preisdifferenzierung und Kostendruck. Ökonomik ist die „ungute Wissenschaft", weil uns Knappheiten verhasst sind. Wir wollen voll informiert werden, aber natürlich nicht den vollen Preis dafür tragen. Der Unternehmer muss empathisch den Preispunkt erkennen, bei dem die Information ökonomisch ist – und alles ist Kommunikation und damit Marketing, von der Preissetzung bis zur Inneneinrichtung.

Ich versuche stets, informationsökonomisch zu kommunizieren: mir auf der Grundlage einer gewissen Empathie keine Missverständnisse und falschen Fronten aufzumachen. Wenn ich die Öffentlichkeit adressiere, gebietet die Informationsökonomik, manches auszuklammern und dort anzusetzen, wo man mich und meine Intentionen am ehesten verstehen kann. Das erfordert Geduld und eine gewisse Allgemeinheit und Unverbindlichkeit, die man freilich stets als „theoretisch" missverstehen wird. Tatsächlich ist dieses Maß an Abstraktheit ein zutiefst praktisches Erfordernis der Kommunikation. Wer es etwas konkreter möchte, muss einen Schritt weit auf mich persönlich zugehen, um sich einen unter Gesichtspunkten der Informationsökonomik effizienteren Kanal aufzumachen.

VERTRAULICH
569 Wörter

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