Bloggen ist tot, lang lebe das Bloggen

1. September 2015

Gewiss wundern Sie sich: Warum beginne ich hier offenbar einen Weblog? Und was hat das mit Scholien zu tun? Weblogs gelten mittlerweile als auslaufendes, gar totes Medium. Das heutige Lesen im Netz ist in aller Regel durch „soziale" Kanäle vorgefiltert. Einem Blogger zu folgen, scheint in den Informationsfluten viel zu wenig zu sein. Flutet man jedoch seinen Kanal mit allen möglichen Schreiberlingen, die gelegentlich mal etwas Interessantes und Relevantes zu sagen haben, wird er unbrauchbar. Deshalb ist anhand der Fülle möglicher Quellen das alte Prinzip, das Grundlage der Weblogkultur war, nicht mehr zu halten: Nämlich einen eigenen Kanal in einem Reader mittels RSS-feeds zusammenzustellen. Das Auswählen und Filtern der Information wird zunehmend der Crowd überlassen, was die Bedeutung heutiger Informations- und Vernetzungsplattformen erklärt. Jason Kottke, einer der am längsten dienenden Blogger, schrieb unlängst die Todesanzeige für das Medium Weblog:

Anstatt zu bloggen, postet man heute auf Tumblr, schreibt Tweets und sammelt etwas auf Pinterest, stellt etwas auf Reddit, plaudert über Snapchat und aktualisiert den Facebook-Status, nutzt Instagram und publiziert auf Medium. 1997 schufen vernetzte Jugendliche Internettagebücher, und 2004 herrschte der Weblog. Heute ist es bei Jugendlichen genauso unwahrscheinlich einen Weblog zu beginnen (statt Instagram oder Snapchat zu verwenden) wie Musik auf CD zu kaufen. Blogs sind etwas für Ü40-Eltern.

Anstatt Blogs zu lancieren, bauen Unternehmen mobile Apps, Magazine für den iOS-Newsstand und Dinge wie The Verge. The Verge, Gawker, Talking Points Memo, BuzzFeed oder The Huffington Post sind genauso wenig Weblogs wie The New York Times oder Fox News und bezeichnen sich auch zunehmend nicht als solche.

Der primäre Verteilungsweg für Links hat sich von lose verbundenen Netzwerken hin zu eng integrierten Diensten wie Facebook and Twitter verschoben. Wenn man sich die Herkunftsquellen der Besucher von Seiten wie BuzzFeed ansieht, bemerkt man ein riesiges Besucheraufkommen seitens Facebook, Twitter, Reddit, Stumbleupon und Pinterest, aber nur wenig von Weblogs, sogar, wenn man alle Weblogs zusammenzählt.

Das Problem dieser neuen Informationswelt sind freilich die entstehenden Filterblasen. Damit uns Informationsfetzen erreichen, müssen sie erst die Filter der mit uns Vernetzten passieren, was zur Verstärkung ideologischer Scheuklappen und Hybris führt. Das Schreiben, um „geteilt" und damit auch gelesen zu werden, verändert sich. Clickbait, die Optimierung von Titeln und visuellen Ankern, verseucht die Kanäle. Massenkompatibilität wird wichtiger, was die Gleichschaltung bestimmter Neigungsgruppen erhöht.

Der ursprüngliche Weblog hatte eine größere Chance auf Wahrhaftigkeit und Authentizität, der Grund spricht aber nicht unbedingt für das Bloggen: Es ist einfach, nicht für die Masse zu schreiben, wenn man sie gar nicht erreichen kann – da verschmäht der Fuchs die Trauben. Das bringt der Psychologe Dr. Seth Roberts gut auf den Punkt:

Der Zauber des Bloggens besteht darin, dass man, wenn man damit beginnt, die Wahrheit schreiben kann, weil es ohnehin niemand liest. Ohne Publikum macht es Sinn, die Wahrheit zu erzählen, denn es fühlt sich gut an. Wenn man auch noch eine Ahnung hat, wovon man schreibt, […] ist dies für die Leser unwiderstehlich […], daher wächst nach und nach das Publikum. Nun ist es zu spät, Selbstzensur zu üben; die Menschen lesen deinen Blog, weil du die Wahrheit schreibst.

Was das Bloggen wertvoll macht, sind die persönlichen und ungeschminkten Erfahrungsberichte und Wissensstücke, abseits der abgeschriebenen Pressemeldungen und der berechenbaren Meinungsglossen. Heute ist allerdings, im Zuge der Selbstverstärkung sozialer Medien, alles potentiell öffentlich: Schon das leiseste mediale Zwitschern kann zu einem unerwarteten Donnergrollen des shitstorms anschwellen, der meist ein Stürmen und Tosen des Bullshits ist. Ehrliches und offenes Bloggen wird also in der Tat unmöglich und schwindet daher, wodurch das Bloggen an Wert und Reiz verliert. Darum verpackte ich meine Gedanken lieber in Büchlein, die am herkömmlichen Postwege nur die Augen von Seelenverwandten erreichten – und mir herrliche Freiheiten persönlichen, unzensierten und unbekümmerten Schreibens erlaubten.

Doch mit der wachsenden Bedeutung des Digitalen fühlte ich mich immer mehr wie der Trauben verschmähende Fuchs. In meinem Leben wächst gerade wieder die Bedeutung des unternehmerischen Lernens und drängt die Bücher ein wenig zur Seite (gibt den verbleibenden aber noch größeren Wert). Meine Erfahrungen und Ideen werden dichter, praktischer, inhomogener. Jeden Tag könnte ich daraus viele Essays machen. Darum wende ich mich wieder dem Digitalen zu, allerdings mit einem gewichtigen Vorbehalt. Auf diesem Weblog werde ich das Öffentliche vom Privaten trennen. Gleichzeitig wird die gedruckte Form der Scholien fortbestehen als redigiertes Jahrbuch, das natürlich auch in allen digitalen Formaten verfügbar sein wird. Dabei bleibe ich der Beschränkung treu, dass das Private, Heikle, Konkrete, Persönliche dem engsten Kreis meiner Seelenfreunde und Unterstützer vorbehalten bleibt. Das Geld dieser Unterstützer ist weniger ein Preis und mehr ein sichtbares Zeichen der Würdigung. Es ist leicht, zu „liken", allerlei Menschen, Initiativen und Ideen digitale, kostenlose und damit auch wertlose Anerkennung zuteilwerden zu lassen. Geld für etwas aufzuwenden, ist der sicherste Indikator, dass es einem wirklich etwas wert ist. Und für wen meine Einsichten, Erfahrungen, Erkenntnisse keinen Wert haben, dem vertraue ich nicht in dem Ausmaß, dass ich ihm meine Seele gänzlich öffnen und ihn als Wegbegleiter anerkennen würde. So teile ich die meisten Beiträge meiner Scholien in einen öffentlichen Teil, als Geschenk an all die Unbekannten und potentiellen friends im Netz, und einen privaten Teil für die echten Freunde und Unterstützer, der oft Sensibles und Unteilbares enthält.

VERTRAULICH
1112 Wörter

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